Es geht weiter

von LostSalia
GeschichteDrama, Romanze / P16
14.10.2017
11.01.2019
4
17425
4
Alle
6 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
Als ich aufwache ist mir übel; mein Magen verkrampft sich augenblicklich. Und dabei habe ich noch nicht einmal einen Gedanken gedacht.
Kiera schnarcht links neben mir – das hier ist nicht mein Bett in Weisshaupt, hier darf sie in meinem Bett schlafen – Zevran rechts von mir. Ich weiß nicht wie es genau passiert ist. Wir teilen uns die Zimmer und das Bett, um so ein paar Sovereigns zu sparen. Nein, wir haben die gesamte Zeit über enthaltsam gelebt – bis auf Zevrans Ausflüchte in anderer Leute Betten für Gefälligkeiten, wie er sie zu nennen pflegt - wonach er aber stets wieder in meines gekrochen ist.
Es ist tröstender, als ich mir eingestehen will, so einen besonderen Freund an meiner Seite zu wissen. Er gibt mir die Sicherheit, die ich zum Schlafen brauche. Er hält mich fest, wenn ich schlecht träume und schweißgebadet aufschrecke. Er streicht über meinen Rücken, wenn ich nicht mehr atmen kann.
Die Ironie besteht darin, dass er mich eigentlich töten wollte, als wir zum ersten Mal aufeinander trafen. Jetzt, zwei Jahre später ist er der einzige meiner Gefährten, den ich in meiner Nähe dulden kann. Der einzige, der sich freiwillig in meiner Nähe aufhält.
Diese Erkenntnis hat mich auf der Reise mehrfach erschlagen, doch ich habe es nie ausgesprochen. Zevran ist nicht der Typ für Geständnisse. Er ist kein Mann von Rührseligkeit. Abenteuerlich und unkompliziert, ja. Rührselig und emotional, nein.
Und ich will es gar nicht anders.
Wie jeder andere Tavernenbesitzer grinst uns auch dieser hier zweideutig an, als wir für die Nacht bezahlen. Zevrans Arm um meine Schultern unterstreicht den Eindruck noch, doch es ist mir egal. Ich bin sogar etwas erheitert von der Geste, bis wir aus der Tür treten.
Wir überqueren den Hauptplatz. Ich höre die Händler ihre Waren anpreisen, doch ich verstehe sie nicht. Meine Schritte werden immer langsamer.
Kiera trottet neben mir her; Zevran und ich schweigen uns an, seit wir den 'Müden Adligen' verlassen haben. Es hat ihm offensichtlich über Nacht die Sprache verschlagen. Sein Arm hat meine Schultern verlassen. Mir ist kalt, was nicht an den Außentemperaturen liegt, nein. Es ist eine Kälte, die in meiner Brust ihren Ursprung findet.
Wie lange war ich nun schon nicht mehr zuhause? Sind es schon zwei Jahre? Ich weiß es nicht genau und auch wenn es eigentlich vollkommen egal ist, bietet mir dieses Thema Stoff zum Nachdenken, bevor wir durch das Tor ins Gesindeviertel von Denerim treten. Ich vergessen sogar, mich ständig nach Alistair umzusehen. Was ebenso großer Schwachsinn ist, wenn man bedenkt, dass er der König ist und vermutlich nicht unter dem gemeinen Volk auftauchen wird.
Und so fliegen meine Gedanken von Zeit zu Alistair; zum Leben das ich wollte und zum Leben, das ich habe und zu dem Leben, das mein Vater verliert, sobald ich durch die Tür unseres Hauses trete.
Kiera spürt, dass etwas nicht stimmt. Ihr großer Kopf sucht ständig die Nähe meiner Handfläche, das borstige Fell reibt an meiner Hose, so dich läuft sie neben mir her. Das Gesindeviertel hat sich von der Krise erholt. Seit Shianni das Amt einer Bann bekleidet und vermutlich die einzige dieser Elfen ist, die den König somit persönlich kennt, stinkt es hier nicht mehr so nach Müll und Fäkalien. Oder es fällt mir nicht mehr auf, weil ich schon einige Zeit nicht mehr hier gewesen bin. Ich sollte mich schämen, kommt es mir in den Kopf.
Die Außenwände der Häuser wurden erneuert. Sowohl das Holz als auch der Stein. Natürlich nicht jedes, doch man kann bereits einen Anfang sehen. Mein Zuhause ist eines der renovierten Häuser – und es wirkt entgegen jeder Erwartung befremdlich auf mich.
Wie angewurzelt stehe ich vor der Tür.
Und atme durch.
Und versuche nichts zu denken.
Und hebe meine Faust.
Und senke sie wieder.

Zevran seufzt neben mir, Kiera schmiegt ihre kalte Schnauze in meine linke Handfläche.
Ich bin nicht bereit dafür.
Ich drehe meinen Kopf dem blonden Elf neben mir zu, der geduldig darauf wartet, dass ich mich für bereit erkläre. Nicht ein sarkastisches Kommentar verlässt seinen Mund.
„Zevran, ich habe schreckliche Angst“, murmele ich, als ich die Hand zum wiederholten Male an die Holztür heben will um anzuklopfen. Und zum wiederholten Male setze ich ab; halte mich zurück. Ich will meinen Vater nicht sterbend vorfinden.
„Das ist in Ordnung, Kayla“, legt er seine Hand auf meine Schulter und drückt beschwichtigend zu, „Aber wir sollten ihn nicht noch länger warten lassen. Er leidet, das weißt du.“
Ja, ich weiß es. Niemand weiß so recht, was genau ihn befallen hat. Bloß dass sein Körper eindeutig gegen ihn arbeitet. Als hätte sich sein Körper dazu entschieden, sich selbst abzustoßen. So hatte man es ihr erklärt. Er muss unglaubliche Schmerzen haben.
Ich beiße die Zähne zusammen. Ich habe ihn bereits wochenlang warten lassen. Der Weg von Weisshaupt durch Anderfels und Nevarra kam mir nicht mehr so lange vor. Vermutlich weil ich damals mehr geflüchtet als gereist bin. Nun habe ich mir wohl unbewusst mehr Zeit gelassen. Ich habe diesen Moment hinausgezögert.
Ich seufze und beiße die Zähne zusammen, hebe die Faust und klopfe leise an die Tür des Hauses, in dem ich aufgewachsen bin. Sofort bereue ich es. Ich bin einfach nicht bereit ihn derart schwach zu sehen.
Eine gedämpfte Stimme, die mir schon jetzt die Tränen in die Augen treibt, ertönt von innen, bevor kurz darauf die Tür geöffnet wurde. „Ihr seid hier!“, begrüßt mich Wynne mit einer herzlichen Umarmung, die leider nur von kurzer Dauer bleibt, da sie mich viel zu schnell in die Ausweglosigkeit der Situation freigibt.
Ich hatte Zeit mich vorzubereiten. Und doch erschlägt mich der Anblick meines Vaters in seinem Bett. Ich komme nicht dazu mich umzusehen und Shianni, die ebenfalls am Bett sitzt auch nur wahrzunehmen. Wie von selbst schleiche ich zu ihm; kämpfe um die Kraft für jeden Schritt und komme letztendlich kopfschüttelnd an seinem Bett zum Stehen.
Er sieht so viel älter aus, als er wirklich ist. Die Wangen eingefallen und aschfahl; tiefe schwarze Ringe unter den sonst so zuversichtlichen Augen. Ich ergreife die eiskalte, vom Schweiß benetzte Hand. Dann verlässt ein ersticktes Flüstern meinen Mund: „Ir abelas, Farlathan. Ich kam so schnell ich konnte.“
„Ma Da'len“, seufzt er. Seine Augen leuchten freudig auf, Shianni neben mir macht am Hocker Platz. „Setz dich, Kayla. Ich bringe dir etwas Tee. Die Reise war bestimmt schwer.“ Kiera setzt sich neben mich; bettet den Kopf auf meinen Schoß und winselt leise vor sich hin. Sie spürt, dass mit mir etwas nicht stimmt; was mir die Tränen in die Augen treibt.
So ist Shianni. Immer wenn es unangenehm wird, wird sie zum sprichwörtlichen Wasserfall. Zevran ist mit Wynne unweit der Tür stehen geblieben. Sie schweigen sich an.
„Weine doch nicht!“ Seine Hand hebt sich zitternd an meine Wange, ich atme schwer durch, versuche meine Tränen zurückzuhalten. Ich will doch stark sein. Ich will, dass er stolz auf mich ist.
Trotzdem schluchze ich und lehne meine Wange in die Handfläche meines Vaters. Für ein paar Momente erlaube ich mir egoistische Gedanken. Ich wünsche mir so sehr, dass Wynne ihn einfach auf ewig gesund halten kann. Mir ist egal, ob er Schmerzen hat oder ob Wynne andere Verpflichtungen hat. Ich will ihn nicht verlieren müssen. Nicht so.
Ja, ich rede mir gerne ein, dass ich eine andere Situation akzeptieren könnte. Ja, ich brauche das jetzt gerade in diesem Moment.
„Weißt du noch, als du diesem Jungen die Nase gebrochen hast?“ Er kämpft um ein Lächeln; meine Mundwinkel zucken. „Natürlich. Du warst so wütend auf mich...“
Shianni tritt heran und reicht mir eine Tasse mit heißen Tee, doch wieder beachte ich sie nicht. Meine Aufmerksamkeit liegt auf diesem einzigartigen Mann in diesem Bett, wo er mich nächtelang in den Schlaf geredet und gesungen hat, als damals meine Mutter verstorben war.
„Es war kurz nachdem deine Mutter gegangen war.“ Ich kann beobachten, wie sein Blick hinter mich wandert, wie er sich in der Erinnerung verliert. Mir ist noch gar nicht aufgefallen, wie trüb das grün seiner Augen in den letzten Jahren – oder vielleicht doch bloß den letzten Monaten? - geworden ist. Ich schäme mich für den Gedanken. Ich bin zu lange nicht mehr hier gewesen.
„Du warst noch ungestümer, als du es ohnehin schon gewesen bist. Dieser Junge hat den Fehler gemacht, Adaia als schwach zu bezeichnen, weil sie so jung von uns gegangen ist.“ Er hustet und ich setze mich alarmiert auf, doch er lächelt beschwichtigend und winkt mit der anderen Hand ab. „Jedes andere Mädchen wäre vermutlich weinend zu ihrem Vater gerannt und hätte es ihm gepetzt. Doch du, Da'len, hast deine Kämpfe immer alleine ausgetragen.“
Unsere Blicke treffen sich und mit wird eiskalt, ob der Entschlossenheit in den grünen Augen. „Und du wirst es weiterhin tun. Du bist eine starke Frau geworden. Du bist die Heldin Fereldens.“
„Farlathan, ich bin keine Heldin.“
„Selbst wenn du das kleine Mädchen geblieben wärst, das anderen Jungen die Nasen bricht, wäre ich der stolzeste Vater in ganz Thedas.“
Und dann breche ich in Tränen aus, verschränke die Arme auf meines Vaters Bauch; bette meinen Kopf darauf und weine. Er tröstet mich, indem er mir über die Haare streicht. Dabei müsste ich ihm doch Trost spenden. Er war derjenige, der womöglich nie wieder erwachen würde. Sollte er denn nicht traurig sein? Es ist so ungerecht! Ich würde alles geben, um die Rollen zu vertauschen. Er kann seine Zeit noch nutzen! Ich habe doch bereits versagt; habe mein Leben verspielt, mich in Lügen und Schmerz verstrickt und darüber hinaus meine Familie vergessen. Ich verliere hier meinen letzten, zerbrechlichen Strohhalm, an dem ich mich festklammern kann. Was bleibt mir, wenn ich ihn verliere?
Trotzige Gedanken machen sich in mir breit, doch ich spreche sie nicht aus. Ich verteufle alle Götter, die mir in den Sinn kommen. Den Erbauer, Fen'Harel, Mythal, Elgar'nan und wie sie alle heißen wollen. Niemand sollte das Recht haben, mir meinen Vater zu nehmen. Niemand!
„Finde deine Aufgabe in dieser Welt, Da'len. Versprich mir das.“
Ich nicke und schluchze auf. Das Streichen über meinen Kopf wird sanfter, beruhigender.

Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergeht, bloß dass es still ist. Beängstigend still. Erdrückend still. Meine Tränen sind versiegt; mein Schluchzen hat aufgehört und mein Kopf ist leer. Doch ich kann nicht sprechen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Bis mein Vater summt

Ich drehe meinen Kopf überrascht auf meinen Händen, sodass ich ihm direkt in die Augen schauen kann. Zuerst packt mich die Nostalgie und ich sehe die vertauschten Rollen direkt vor mir. Sonst war ich es, die in diesem Bett gelegen hat. Ich war sonst diejenige, der er vorgesungen hat, wenn ich nicht schlafen konnte.
In seinen Augen liegt bloß Geduld und Frieden, was mich wiederum beruhigt. Er ist bereit zu gehen, schießt es mir durch den Kopf. Er summt das Schlaflied, das er mir damals vorgesungen hat. Seine Hände auf meinem Kopf; liebevolles Streicheln, wie damals. Und dann lächle ich und singe das Schlaflied.

Elgara vallas, da'len
Melava somniar
Mala taren aravas
Ara ma'desen melar


Meine Stimme wird brüchig, doch ich setze mich auf und umfasse seine Hände mit meinen; verliere ihn dabei nicht aus den Augen. Ich will diese Sekunden auskosten; diese innige Verbindung spüren, solange sie noch da ist. Solange seine Haut noch warm ist. Solange sich seine Brust noch hebt und wieder senkt.

Iras ma ghilas, da'len
Ara ma'nedan ashir
Dirthara lothlenan'as
Bal emma mala dir


Als seine Lider flattern, gerate ich ins Stottern und schnappe nach Luft. Ich kann das nicht. Dann stimmt Shianni ein; hilft mir, wieder in das Lied zu finden. Sie legt eine ihrer Hände tröstend auf meine Schulter.

Tel'enfenim, da'len
Irassal ma ghilas
Ma garas mir renan
Ara ma'athlan vhenas
Ara ma'athlan vhenas


Meine Hand berührt die Wange meines Vaters und ich ringe mir ein Lächeln ab. Er erwidert es, schließt die Augen und atmet aus.
„Dareth shiral, Farlathan“, murmele ich und dann geht er. Zuversichtlich lächelnd und auch ich schließe die Augen.

**********


Hallo erstmal :)
Kapitel 4. Ich habe noch nie einen derart kurzen OS hochgeladen, fürchte ich. Ich hoffe, du hattest
trotzdem Spaß :)

noch eine kurze Anmerkung:
sämtliche Ausdrücke auf Dalish wurden aus dem englischen Dragon Age Wiki adaptiert/abgewandelt/interpretiert.
(http://dragonage.wikia.com/wiki/Elven_language)


Liebe Grüße
Salia
Review schreiben
 
'