Der Weg zur Aufgabe

von LostSalia
GeschichteDrama, Romanze / P16
Alistair Der Wächter (weiblich)
14.10.2017
14.02.2019
5
22354
4
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
Hallo und Herzlich Willkommen in der Welt meiner Wächterin!

Diese Kurzgeschichte ist durch verschiedenste Projekte entstanden.
Darum bitte nicht wundern, wenn jedes Kapitel ein Vorwort hat! Immerhin müssen Inspirationen ja verlinkt werden ;)

Also bitte nicht abschrecken lassen.
Ich freue mich über jegliche Form des Feedbacks und wünsche Dir nun viel Spaß mit Kayla und ihrem Dilemma!

Liebe Grüße
Salia


***********



Ich lag in meinem Bett und hatte Angst. Eine, die meinen Magen verkrampfen ließ und sich in den Gelenken festsetzte. Eine Angst, die mir den Hals zuschnürte. Sie lähmte mich und glechzeitig zitterten meine Finger, die das Stück Papier festhielten. Ich atmete zwar regelmäßig, aber nur, weil ich gelernt hatte, mich darauf zu konzentrieren, wenn mich die Angst einzunehmen versuchte. Damals. In Ferelden.
Den kalten Schweiß auf meinen Handflächen spürte ich viel zu stark, denn der kalte Wind, der durch die undichten Fenster hereinzog, trocknete die einzelnen Tropfen auf meiner Haut. Der kalte Stein an den Wänden und der Decke schien mich zu verhöhnen. Ich wusste, dass ich das selbst war. Ein Teil von mir machte sich darüber lustig, dass ich, die Heldin von Ferelden, so verweichlicht war. So heroisch und mutig, wie man sich erzählte, war ich nicht. War ich niemals gewesen. Und da nun einmal Loghain für Ferelden gestorben war, hatte ich diesen Titel vermutlich gar nicht verdient. Viele Bürger vertraten diese Meinung bestimmt. Immerhin war ich bloß eine Elfe aus dem Gesindeviertel von Denerim, die den Sohn des einen Arls von Denerim und den darauffolgenden Arl getötet hatte. Warum interessierte niemanden... Hatte niemanden interessiert. Immerhin waren Elfen hinterlistig und feige und sowieso bloß neidisch auf die Menschen... 'Überhebliches Menschenpack!', schlich sich dieser Gedanke zwischen meine Ängste.
Nur meine Gefährten hatten zu mir gestanden. Ein seltsamer und lustig zusammengewürfelter Haufen von Menschen, einem Elfen, einem Zwerg und einem Qunari zusammengeführt durch seltsame Fügungen des Schicksals. Sogar einen Mabari hatte ich dabei; Sie war mir als einzige Gefährtin geblieben. Manchmal ertappte ich mich dabei, wenn ich mir ausmalte, was sie nun ein Jahr nach der Verderbnis taten; wo sie waren; ob sie glücklich waren. Ich versuchte, mich wieder auf meine Atmung zu konzentrieren, als meine Finger wieder etwas stärker zitterten. Ein... Aus...
Es war später Abend und in meinem Zimmer brannten zwei Kerzen und der Kamin. Trotzdem blieb es eiskalt. Ich zitterte nach wie vor und war mir sicher, dass das nicht von der Kälte der Luft im Raum kam.
Ich wendete das verschlissene Kuvert in meiner Hand und betrachtete das mehrfach gebrochene Siegel der grauen Wächter. Allem Anschein nach hatte er dazugelernt, seine Spuren zu verwischen und ich war ihm dankbar dafür. Er hatte kein Interesse geweckt, als ihn eine Kutsche gebracht hatte. Er konnte auch aus Amaranthine stammen, immerhin hatte ich dort ein paar Wächter zurückgelassen.
Der Brief lag bereits Wochen auf oder in meinem Nachtschrank. Ich hatte ihn immer wieder in die Hände genommen, ihn geöffnet, das beschriebene Papier herausgenommen, die krakelige Schrift darauf zwar betrachtet, aber lesen konnte ich es nicht. Ich hatte ihn dann stets wieder mit etwas Wachs von einer der Kerzen, die den ganzen Tag und Nacht in meinen Gemächern brannten, verschlossen. Die absolute Dunkelheit machte mir zu schaffen; hatte es schon immer getan.
Ich musste die Worte nicht verstehen. Ich wusste auch so schon, wer mir geschrieben hatte. Und gerade weil ich es wusste, spürte ich diese Angst.
War ich denn bereit, mich ihm zu stellen? Erneut?

Warum ich nun hier saß und so ernst wie noch nie darüber nachdachte, ihn wirklich zu lesen?
Heute war eine der Rekruten auf mich zugekommen, hatte mich als mutigste Frau in ganz Thedas bezeichnet und sich tausendfach bedankt, dass ich ihr Unterricht im Schwertkampf gegeben hatte, denn eigentlich war das nicht meine Aufgabe und trotzdem war es eine willkommene Ablenkung gewesen. Ich wäre ihr Vorbild, hatte sie gesagt. Ein tolles Vorbild, das sich seit Wochen vor einem Brief fürchtet. Vor Worten!
Man wollte sagen, dass ich mit dem Gedanken gespielt hatte, ihn einfach zu verbrennen; jegliche Spur auszulöschen, und das hatte ich auch.
Leider konnte ich es nicht aufgeben, konnte diese letzten Worte meines Geliebten nicht einfach in Asche verwandeln. Nicht, solange ich nicht wusste, welche es denn waren, denn eine minimale Hoffnung bestand, dass es keine Vorwürfe  waren. Die Chance blieb verschwindend gering, das wusste ich. Trotzdem hoffte ich inständig – oder redete mir ein - , dass er mich doch nicht bloß verurteilen konnte.
Diese Rekrutin hatte keine Ahnung von diesem Brief gehabt und trotzdem war sie es, der ich den Mut verdankte, mich meinen Taten und Entscheidungen ein letztes Mal zu stellen. Womöglich würde ich sie sogar ernsthaft hinterfragen...

Kiera blickte mich aus treudoofen, großen Augen vom Boden herauf an, als wollte sie mir noch zusätzlich Mut zusprechen. „Also gut!“, murmelte ich daraufhin weniger begeistert, was sie mit einem Schnauben kommentierte. Manchmal hatte ich das Gefühl, mein Mabari verstand wirklich jedes einzelne meiner Worte.
Und so biss ich die Zähne zusammen, riss etwas zu barsch an dem Siegel und teilte das Kuvert somit endgültig entzwei, als ich das Pergament zum unzähligen Male herausnahm. Einmal atmete ich noch tief durch, ehe ich nun endlich zu lesen begann.


Kayla,

ich hatte das Bedürfnis, Euch zu schreiben. Mich ein letztes Mal vor Euch zu entblößen. Ein letztes Mal in Euer Zelt zu kriechen, sozusagen...
Das Treffen damals in Amaranthine hätte eigentlich dazu gedient, doch da... konnte ich es noch nicht. Als ich Euren Brief erhalten habe, dass ihr den Posten des fereldischen Kommandanten der Grauen Wächter aufgeben wollt und ihn ausgerechnet an Nathaniel Howe abgetreten habt, konnte ich nicht anders, als nach Euch zu suchen.



Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ich die Zeile mit dem Zelt las. Kurz überfluteten Bilder von damals mein Bewusstsein und ich schüttelte meinen Kopf. Ich durfte nicht in Erinnerungen schwelgen. Ich hatte kein Recht dazu. Ich konnte mich daran nur zu gut erinnern. Der Anblick eines nur zu gut gebauten Oberkörpers, wild abstehender blonder Haare und verklärten, braunen Augen schob sich vor mein inneres Auge. Der Drang, dieses Papier einfach in kleine Fetzen zu zerreißen, stieg plötzlich ins Unermessliche. Ich wollte diese Tortur so unbedingt beenden. Diese Erinnerungen an Liebe einfach streichen. Diese Erinnerungen an die einzige Form der Liebe, die ich kannte: Die Unbeständige. Die, die einfach nicht sein durfte. Die, die ihre Versprechen nicht hielt.
Bevor meine Gedanken abdrifteten, atmete ich einmal tief durch. Ich würde es mir nicht verzeihen, diese Zeilen nicht zu lesen.
„Weiter,“, flüsterte ich mir zu, während es sich Kiera zu meinen Füßen bequem machte.


Ich muss einfach wissen, was Euch dazu veranlasst hat. Ausgerechnet diesem Howe? Da wäre Oghren noch die bessere Wahl gewesen!
Lag es an mir? Wolltet Ihr damit mich treffen, verletzten oder was auch immer?Lag es an der Art und Weise, wie ich mit Euch umgegangen bin, als ich Euch Vigils Wacht zum ersten Mal zeigte? Oder seid Ihr doch einfach nur vor Eurem Gewissen geflohen und habt die Verantwortung dem Erstbesten gegeben, der da war? Steckt in Euch vielleicht doch noch ein Funken Aufrichtigkeit und Anstand?
Werde ich auf diese Fragen eigentlich jemals Antworten bekommen?
Sei's drum. Wo war ich?
Es war nicht einfach Informationen zu bekommen, denn Oghren und auch Nathaniel hatten sich auf Eure Seite geschlagen und mir nicht den Hauch eines Tipps gegeben, wo Ihr hin verschwunden seid.



Mein Inneres schrie und hoffte, er konnte mich in Denerim hören. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen! Jeden Tag fühlte ich mich elend; bereute jede Sekunde seit diesem Abend vor einem Jahr; hasste mich dafür, dass ich den einfachen Weg gegangen war! Dass ich nicht gekämpft hatte. Doch für Ferelden hatte es keine andere Lösung gegeben. Und ein Leben als seine Mätresse war für mich nicht infrage gekommen, da verlor ich ihn am besten ganz... Auch wenn es mir bis zum heutigen Tag schwer gefallen war... Es musste einfach so sein. Ich war eine Mörderin und die Bürger Fereldens hatten diesen Umstand trotz ihrer Rettung durch Loghains Opfer – oder gerade deshalb – nicht vergessen. Vermutlich wären sie zufriedener gewesen, wenn ich den letzten Streich getan hätte. Wenn es nach meinem – und Eamons Plan – geschehen wäre, säße ich nun nicht hier. Ich bereute es oft, nicht schnell genug gewesen zu sein.
'Natürlich besitze ich Anstand!', tobte meine innere Stimme und ich konnte sie lange Sekunden nicht im Zaum halten. Erst als ich meine Zähne so stark aufeinander presste, dass es weh tat, kam ich zur Besinnung. Ich war, wenn ich denn einmal alleine war, viel zu emotional. Das war, seit ich Alistair kennengelernt hatte, so gewesen. Darum war ich am allerliebsten unter anderen Menschen oder Elfen. Dort fiel es mir leichter, meine Maske der starken Frau aufrecht zu erhalten. Dort blieb mir auch nichts anderes übrig, wenn ich überleben wollte.
Elfen bevorzugte ich, natürlich. Ich hatte vor der Verderbnis keinen einzigen guten Menschen gekannt. Und auch im Nachhinein war mir meine 'Rasse' ein lieberer Zeitgenosse. Sie hassten mich nicht dafür, jemanden ermordet zu haben, der meine Freundinnen als Lustsklavinnen benutzt hätte. Nein, ich wurde unter meinesgleichen verstanden.
Gewissensbisse hatte ich wegen diesem Abschaum von Mensch keine. Shianni und die anderen beiden hatte ich damit gerettet.
Ein fairer Tausch in meinen Augen.
Ich las nun trotz der brodelnden Wut in meiner Magengrube weiter. Die Neugier, wer denn geplaudert hatte, drängte sich in den Vordergrund.


Einen Eurer Freunde habt Ihr allerdings in seinen Absichten unterschätzt: Zevran.



Als ich es las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Zevran, dieser Bastard. Als sie sich in Nevarra von ihm getrennt hatte, hatte er ihr versprochen, nichts zu sagen. Zu niemandem. Und das nicht nur bezüglich ihres Ziels. Früh genug würden die Wächter hier in Weishaupt tratschen. Die Neuigkeit, dass ich mich hier versteckte würde schneller in Ferelden ankommen, als es mir lieb gewesen wäre. Ich brauchte diese Zeit; den Abstand zu meiner Vergangenheit; den Abstand zur Verantwortung; den Abstand zu Ferelden und auch zu Alistair. In einem schwachen Moment der Besinnungslosigkeit, ausgelöst durch zu viel des Gewürzschnapses eines Schmugglers in Nevarra, hatte ich Zevrans Nähe gesucht. Er war mein einziger Vertrauter neben meiner Mabari-Hündin geblieben; der einzige Freund, der mich nicht für den Verrat an Alistair hasste. Zevran war dafür viel zu pragmatisch und genau deshalb hatte ich mich in seine Arme geflüchtet, als mich keiner wollte; als ich mich selbst nicht mehr ansehen wollte. Er hatte verstanden, was ich getan hatte. Weshalb meine Entscheidung so ausgefallen war.  Diese eine Nacht hatte ich im selben Moment bereut und Zevran wusste das. Selbst das verstand er.
'Oh bitte, Zevran, hab einfach nichts Dummes gesagt...', schlug ich meine Hand vor meinen Mund und verfluchte mich sofort dafür. Dass ich nach allem, was geschehen war, noch immer Angst davor hatte, dass Alistair schlecht über mich denken konnte, war für meinen Geschmack viel zu leichtgläubig und naiv. Ekelhaft!
Es erschien mir sehr ironisch, dass ausgerechnet er zu Alistair gelaufen war, um ihm von meinen Plänen zu berichten.


Auch, wenn er, wie Ihr, ein Elf ist und Ihr ihm wahrscheinlich gerade deshalb vertraut, hat er Euch ein Stück weit verraten. Darf ich Euch fragen, wie Ihr Euch fühlt? Wie fühlt es sich an verraten zu werden, Kayla? Auch wenn dieser hier offensichtlich mit guter Absicht passiert ist?


'Beim Erbauer, ich weiß, wie sich Verrat anfühlt! Sogar von beiden Seiten!' Und leider wusste ich auch, dass Zevran wohl keinen Funken dieser Gewissensbisse verspürte. Dieser Elf tat nichts, von dem er nicht überzeugt war. Selbst, wenn ich ihn zur Rede stellen würde, er wäre davon überzeugt, das Richtige getan zu haben. Was er auch damit bezweckte – und er bezweckte definitiv irgendetwas damit! - mir erschloss es sich nicht. Noch nicht.


Zevran scheint noch immer an eine Versöhnung zwischen uns zu glauben; an das Gute in Euren Taten, sonst hätte er mir wohl nicht gesagt, dass Euer eigentliches Ziel die Wächterfeste in Weishaupt ist. Er hat mir berichtet, dass er Euch zuerst über das wache Meer nach Nevarra gebracht hat. Ich frage mich, was Ihr dort wolltet und weshalb es mich eigentlich so stört, dass Ihr nun nicht mehr in unmittelbarer Nähe seid. Ich sollte doch froh darüber sein, nicht wahr?


Ich schmunzelte, als ich diese Sätze gelesen hatte.
Egal, wie berechnend dieser Assassine war. In ihm steckte ein hoffnungsloser Romantiker, auch wenn er ihn nicht so offenkundig zeigte. Es hatte einfach keinen Platz. Dass er einerseits so berechnend und andererseits so gutgläubig war, machte ihn in meinen Augen noch liebenswerter. Trotzdem würde ich ihm eine reinhauen, wenn er hier noch einmal auftauchte!
Auch der letzte Satz entging mir nicht. Alistair sorgte sich also doch noch um mich. Mein Magen verknotete sich noch mehr. Er konnte doch unmöglich so dumm sein! Und doch war ich es genauso, denn den kleinen Funken Freude und das Zucken meiner Mundwinkel, konnte ich nicht unterdrücken...


Denn eigentlich habe ich mich das gesamte Jahr darauf konzentriert, Euch zu hassen. Und es hat wunderbar funktioniert. Dachte ich zumindest...
Ich habe Euch gehasst, als ich Anora geheiratet habe. Und nein, das habe ich nicht getan, weil es das beste für Ferelden ist, was Eamon immer wieder betont, oder weil ich diese berechnende Kuh auch nur ansatzweise lieben könnte.
Nein, ich habe sie vor den Altar geführt, weil ich Euch damit verletzen wollte. Vielleicht wollte ich Euch und Eurem Verrat die Stirn bieten. Euren mit meinem aufwiegen und es so erträglicher machen. Ich hatte gehofft, dass ich mich damit besser fühle. „Ha-Ha, wie du mir so ich dir.“, sozusagen... Doch es hätte nicht viel an Menschenkenntnis verlangt, um zu erkennen, wie sehr ich diese Frau verabscheute. Heute weiß ich, dass dies die Gedanken eines viel zu jungen und vor allem unreifen Königs waren. Und doch sind sie in meinem Kopf noch immer präsent, sobald ich Anora auch nur ansehe. Ich habe meine Rolle in diesem Spiel allerdings akzeptiert. Sagt mir, habt Ihr das auch?



'Nein, habe ich nicht', nahm ich die Stiche ins Herz lautlos hin. Kiera legte ihren Kopf schief und mit ihrer nassen Schnauze stupste sie an meinen Ellbogen, woraufhin sich ein Schluchzer den Weg aus meinem Mund bahnte. Dieser Mabari machte mich wahnsinnig! Arrrrgh!
Nein, ich wusste nicht, wo ich hingehörte. Nirgendwo fühlte ich mich 'Zuhause'. Selbst hier, etwas abgeschieden von der Zivilisation fühlte ich mich unwohl. Auch wenn ich nur selten wirklich alleine war; fühlte ich mich doch einsam. Ich war ruhelos, fand nur selten erholsamen Schlaf und bildete mir manchmal sogar ein, Stimmen zu hören, wo keine existieren konnten.
Nein, ich hatte sowohl meine Rolle als auch die Folgen meiner Taten nicht akzeptiert; das wurde mir jetzt nur zu deutlich bewusst.

Mit einem atemraubenden Kloß im Hals zwang ich mich dazu weiterzulesen. Ich war noch nicht mal bei der Hälfte dieses Geständnisses angelangt. Ich fühlte, dass er nun erst richtig in Schreibfluss geraten war; dass es nun zum wirklich verletzenden Teil kommen würde.


Es wäre so einfach gewesen, Kayla. Wenn Ihr mich wirklich und aufrichtig geliebt hättet – wie Ihr es stets behauptet habt – dann wärt Ihr mit mir fortgegangen. Scheiß auf Könige; Scheiß auf Ferelden! Ich wäre mit Euch nach Nevarra, Olais oder sonst wohin gegangen! Selbst wenn ich trotzdem der König geworden wäre, hätte ich einen Weg gefunden, Euch zur Frau zu nehmen! Wenn der König nicht machen darf, was er will, was war denn dann der Vorteil daran? Ich verstehe einfach nicht, wie Ihr so schnell aufgeben konntet. Nach allem, was wir beide durchgemacht hatten. Zuerst Duncan, dann die Sache in Redcliffe, Goldanna... Alles haben wir miteinander durchgestanden. Und doch habt Ihr Euch bewusst dafür entschieden, mich gegen Euch aufzubringen. Den schlimmsten Verrat zu begehen, den ich mir vorstellen konnte.
Der Moment, als Ihr Euch zwischen mich und Loghain geworfen habt, um mich von meiner Rache abzubringen... Eure blauen Augen, die mich so eiskalt anstarrten. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir nicht vorstellen, dieses Blau eines Tages nicht mehr sehen zu wollen. Ich hatte geglaubt ich musste kotzen bei der Entschlossenheit, die sie ausgestrahlt hatten. Dieser endlose Moment hat sich in meinen Kopf und mein Herz gebrannt und vor allem auf Letzerem Narben hinterlassen. Ihr habt mir stets gesagt, dass jeder zuerst auf sich selbst achtet und dann erst auf andere – und da habt Ihr es bewiesen.
Ihr habt meine naiven Moralvorstellungen infrage gestellt und gerade diese Ehrlichkeit liebte ich an Euch.
Warum, fragte ich mich, solltet Ihr ausgerechnet in diesem entscheidenden Moment gegen Eure Prinzipien verstoßen, wenn es nicht von Anfang an Euer Plan gewesen war? Warum solltet Ihr Euer (Unser!) eigenes Wohl so vernachlässigen? Ihr wusstet doch, dass ich Euch das niemals verzeihen könnte! Wie konnte Euch das Wohl eines Verräters – noch dazu eines Menschen – so wichtig sein? Nach allem, was Euch die Menschen angetan hatten?!



„...weil ich dich damit retten konnte...“, flüsterte ich. Tränen hatten sich in meinen Augen gebildet und endlich liefen sie meine Wangen hinab, darüber war ich mir allerdings erst im Klaren gewesen, als ich mir instinktiv durchs Gesicht fuhr. Ja, ich hatte ihn verraten. Hatte mir eingeredet, es aus Stolz getan zu haben. Ich wollte es aus purem Stolz gemacht haben. Ich wollte diese kalte und gerechte Richterin über unser aller Leben sein und mich damit wohlfühlen. Meine Prinzipien hatten mich mein Leben lang weit gebracht – allerdings hatten sie mich auch tief fallen lassen. Eigentlich hatte ich aus blinder Liebe gehandelt. Naiv und gutgläubig, wie ich es diesbezüglich war, konnte ich Eamons Vorschlag nicht ablehnen... Denn was war schon meine verlorene Zukunft mit Alistair, im Vergleich zu tausenden Menschen, die unter der Führung einer machthungrigen Intrigantin gelitten hätten? Wo hätte Anora Ferelden hingeführt? Nein, dieses Biest brauchte einen menschlichen Einfluss. Mein egoistisches Verlangen nach Glück, hätte so viele ins Verderben gestürzt. Die Leidtragenden dieses Szenarios wären erneut die Elfen gewesen und Alistair vermutlich in Lebensgefahr.
Nein, damit konnte ich nicht leben. So wie es war, war es in Ordnung.


Trotz Eurer so hoch geschätzten Prinzipien und Vorstellungen wart Ihr diejenige, die mich verraten hat... Meine Gefühle für Euch; unsere gemeinsame Zeit; Alles, wovon wir geträumt hatten, lag vor mir in Scherben. Dass damals ausgerechnet Morrigan zu mir kam und mich zurückhielt, nicht augenblicklich zu verschwinden, wollte ich nicht verstehen. Doch diese Hexe schien Euch irgendwie durchschaut zu haben, da hattet Ihr noch gar nichts gemacht. Mir blieb diese Einsicht bis heute verwehrt und bevor sie mir auch nur irgendetwas mitteilen konnte, verschwand sie.
Eure Ehrlichkeit, Eure Liebe und Euer Verrat haben mich abgehärtet, Kayla. Ich kann nun neben der Tochter des Verräters schlafen und das ohne auch nur ein einziges Mal schlecht zu träumen.
Falls es Euch interesssiert:
Anora wird niemals ein Kind von mir bekommen und sie verlangt es auch nicht. Zumindest noch nicht. Ihr scheint die Macht vorerst zu reichen. Aber vermutlich wird sie mich irgendwann im Schlaf erwürgen oder erstechen oder vergiften. Doch damit habt Ihr gerechnet, nicht wahr? Und trotzdem werde ich mich weigern, ihr auch nur einen Erben zu schenken, selbst wenn es mir möglich wäre, würde ich es nicht tun. Ich könnte es aus Gründen, die ich nicht verstehe, einfach nicht. Soll das Königshaus doch mit mir aussterben. Vielleicht wird es Zeit für ein nächstes; ein besseres.



Kurz stockte mir der Atem. War es denn wirklich möglich?
Nein. Eamon hatte versprochen, Alistair zu beschützen. Auch vor Anora. Ich wäre diesen Handel niemals eingegangen, wenn Alistair in Gefahr gewesen wäre. Zevran hatte nebenbei noch ein Auge auf die Geschäfte der Krähen und wäre allzeit bereit einzuschreiten, sollten diese Assassinen auch nur daran denken, sich am König Fereldens zu vergreifen.
Nein.
Alistair war zu keiner Zeit in Gefahr. Doch das wusste er nicht. Durfte er auch nicht erfahren. Das war ebenfalls Teil des Abkommens gewesen. Ich musste die Böse sein. Er musste mich hassen. Nur so konnte ich ihn auf den Thron befördern; nur so konnte ich ihn von mir fernhalten und so einen Rückfall meinerseits verhindern. Denn im Grunde genommen war ich nicht besser als Oghren, der tagein und aus am Saufen war. Man hatte mir meinen Schnaps weggenommen und nun kämpfte ich damit, nicht wieder danach zu greifen. Mich nicht nochmals dem guten Gefühl des Rausches hinzugeben; mich erneut einfach treiben zu lassen. Jeden süßen Tropfen auszukosten, egal mit welchen Konsequenzen sie auch verbunden waren. Ich sehnte mich nach diesem Gefühl der Freiheit, aber ich war schlicht und ergreifend zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort als falsches Lebewesen zur Welt gekommen. Und das hätte mir – oder besser uns – von Anfang an klar sein müssen. Wynne war von Anfang an im Recht gewesen, doch wir wollten einfach nicht hören. Berauscht vom Glück, wie wir waren...
Ich schüttelte erneut meinen Kopf, verdrängte die braunen Augen, die meinen Verstand einnahmen, versuchte sie nach hinten zu drängen, wo sie hingehörten. Kurz nickte ich anerkennend: Eamon leistete offensichtlich ganze Arbeit, mich schlecht zu reden.
Warum hatte ich diesem Bastard noch einmal das Leben gerettet?!


Ich weiß noch immer nicht, weshalb ich dies alles noch auf Papier bringe. Immerhin könnte man mich damit mehr als belasten, nicht wahr? Vielleicht glaube ich noch immer an Euren Stolz, der Euch möglicherweise noch im Weg steht. Vermutlich werdet Ihr auch keines dieser Worte hier glauben. Oder ich appelliere an Euer Gewissen, das sich mittlerweile gerührt haben mag. Vielleicht schreibe ich dies auch, um Euch noch ein letztes Mal wissen zu lassen, dass ich Euch nicht vergeben habe.



Ich schluckte erneut schwer, doch der Kloß in meinem Hals war noch größer geworden. Ich machte mich auf die erneuten Messerstiche gefasst. Eine meiner Hände wanderte auf meine Brust, dort, wo mein Herz irgendwo verborgen lag und ich konzentrierte mich auf die Worte. Ich musste sie aufsaugen, musste mich in dem Schmerz suhlen. Vielleicht würde es mir das vergessen dann leichter fallen.


Ich habe Euch nicht vergeben, dass Ihr in dieser dunklen Zeit sowohl mein schönster Hoffnungsschimmer am Ende des dunklen und heimtückischen Horizonts, als auch schlimmster Schmerz in meinem Leben wart. Ich habe Euch nicht vergeben, dass Ihr mich damals und heute so fasziniert habt. Ich habe Euch Eure süßen, gelogenen Worte nicht vergeben.
Ich werde Euch niemals vergeben, dass ich mich noch immer Euch gegenüber so verpflichtet fühle, wie ich es seit dem Tag Eures Beitritts tat; dass ich Euch beschützen will und es mich wahnsinnig macht, wenn ich nicht weiß, wo Ihr seid!
Ich werde Euch niemals vergeben, dass Ihr mir damals mein Herz gestohlen habt und ich es Euch – trotz der damit verbundenen Schmerzen - mit Freuden wieder geben würde.



Inmitten des Absatzes hatte sich mein Körper entschieden, sich auf dem Bett zusammenzukauern. Mein Knie hatte ich mit dem einen Arm umschlossen, die andere Hand zitterte, während sie das Papier zum Licht der Kerzen hielt. Verdammt. Richtig erbärmlich. Wie damals, direkt nachdem ich diesen Bastard rekrutiert hatte.
Wie konnte ich mich zum einen so niedergeschlagen fühlen und zum anderen so etwas wie Freude verspüren? Der leichtgläubige Teil in mir freute sich über sein Geständnis. Er würde mich also erneut lieben, auch wenn ich ihn verraten würde. Ich erstickte dieses Gefühl im Keim, versuchte es zumindest mit aller Kraft. Ich durfte nicht nachgeben. Mir war es nicht vergönnt, ihn zu lieben; Ihn zu verdienen, erschien mir noch absurder.
Er hasste mich und er hatte jedes Recht dazu.
Wer hätte das nicht?


Ich werde Euch niemals vergeben, dass ich Euch noch immer aus tiefstem Herzen liebe.
Es ist selbstzerstörerisch, ich weiß, und irgendwo bin ich froh, Euch womöglich nie wieder zu sehen. Wie ich reagiere, sollten wir uns erneut treffen, kann ich wirklich nicht einschätzen.

Und niemals werde ich Euch verzeihen, dass Ihr mich unserer Zukunft beraubt habt, die wir beide so  unbedingt verdient hatten.

Kayla, Ihr habt mich eines gelehrt:
Die Liebe und der Hass sind Geschwister, die oft Hand in Hand wandeln. Ohne das eine, könnte das andere wohl nicht existieren. Demnach war die Liebe zu Euch die Größte; die Wahre...

Ich verlange hierauf keine Antwort. Möglicherweise habt Ihr ihn nicht einmal gelesen.
Meine Gefühle habe ich Euch hiermit mitgeteilt und ich hoffe, dass ich nun besser schlafen kann; nun da alles gesagt ist...


Ich zerknüllte den Brief in meinen Händen, schnaubte und schrie kurz auf, sodass Kiera in einem Sekundenbruchteil aufgesprungen war. Ich tätschelte ihren viel zu großen Kopf, während mein Blick von dem Knistern der verbrennenden Holzscheite angezogen wurde. Im Feuer sollte dieser Fetzen vergehen... und meine Gefühle doch bitte einfach gleich dazu.
„Es wäre so einfach“, flüsterte ich zu mir selbst, als ich aufstand und mich wie hypnotisiert zum Kamin bewegte. Ich verharrte davor und starrte in die Flammen. Kiera folgte mir mit gemächlichen Schritten und setzte sich neben mich; musterte mich mit ihren aufmerksamen Augen.
Meine Hände zitterten noch immer.
Ich konnte es hier und jetzt beenden.
Konnte das letzte Andenken an Alistair einfach auslöschen und auf das beste hoffen.
„Es wäre so einfach“
Obwohl diese Gedanken mich dominierten, entfaltete ich die Blätter und überflog erneut seine Worte. Erneut knurrte ich und schluckte einen Schrei hinunter.
Ich hasste nicht seine Worte; Ich hasste mich dafür, dass ich ihn einfach nicht gehen lassen konnte; dass ich den Brief nicht vernichten konnte. Ich wollte ihn behalten. Das letzte Stückchen Alistair in meinen Händen. Das letzte Stück eines Mannes, den ich niemals verdient hatte.
Den ich trotzdem mit jeder Faser meines Herzens liebte.
Ich wollte diese Worte behalten, weil sie pure Ehrlichkeit widerspiegelten. Auch ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, wenn ich ihn denn je wieder traf. Damals in Amaranthine waren die Wunden zu frisch gewesen, um auch nur ein anständiges oder gar klärendes Wort miteinander zu wechseln. Doch trotzdem hatte ich mich ihm beinahe an den Hals geworfen.
Und ich hatte gesehen, dass es ihm nicht anders gegangen war.
Immerhin kannte ich diese Blicke nur zu gut.
Erneut las ich die krakelig geschriebenen Worte. Er hatte ihn selbst verfasst. Nur er selbst hatte ihn gelesen, nicht einmal einer seiner Schreiber hatte diese Worte zu Gesicht bekommen.
Und erneut zuckten meine Mundwinkel nach oben.
Das bedeutete einiges; es hatte ihn verdammt viel Überwindung gekostet. Da war ich mir sicher.
Neben diesem ganzen Hass, den er mir damit entgegen geschleudert hatte, strahlten diese Worte der Liebe noch markanter hervor.
Die schwarze Tinte schien an diesen Stellen weiß zu leuchten.
Einzelne meiner Tränen tropften auf das Pergament, lösten einen Teil der Tinte und da erkannte ich, dass ich den Brief nicht vernichten konnte.
Mein Herz hatte sich jedes Wort eingeprägt und selbst, wenn das Pergament längst zu Asche vergangen wäre;

Ich könnte jedes einzelne erneut wiedergeben.

Selbst heute noch

~ FIN ? ~


***********


Danke, dass Du es bist hier unten hin geschafft hast. :)

Ich hoffe, es hat dir gefallen :)
Review schreiben