Frau Holle - eine moderne Interpretation

GeschichteAllgemein / P12
13.10.2017
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Frau Holle

Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul.

Drei Frauen.

Das geht selten gut.

Sie hatte aber die hässliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber,

Sie hat eine „rechte“ Tochter. Sie hat nämlich eine leibliche und eine nicht-leibliche Tochter. Die leibliche aber ist die faule und hässliche.

Tja, die Kinder einer Mutter sind meistens sehr verschieden.

und die andere musste alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein.

Die Aufgaben und die Anforderungen an die beiden Mädchen sind sehr unterschiedlich. Zwar hat die „Mutter“ die eine lieber als die andere. Aber das heißt nicht, dass sie die schöne und fleißige Tochter gar nicht lieb hat.
Sie behandelt sie allerdings mit zweierlei Maß. Das, was die eine an vermeintlicher Liebe zuviel erhält, bekommt die andere möglicherweise an echter Liebe zu wenig.
Das fleißige Mädchen aber, das ja nur die Stieftochter (der Begriff wird später im Originaltext verwendet) ist, hat vielleicht in früheren Jahren ausreichend Liebe erfahren. So kann sie jetzt davon zehren und geht an den Anforderungen und ggf. Überforderungen der Stiefmutter nicht zugrunde.

Was habe ich gesagt? Einer wird immer bevorzugt. Sowas nennt man heute Mobbing.

Das arme Mädchen musste sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und musste so viel spinnen,

Ich stelle mir ein Dorf vor, durch das eine Hauptstraße führt. An den Seiten stehen die Häuser der Dorfbewohner. Am Marktplatz befindet sich der Dorfbrunnen, an dem das Mädchen mit seinem Spinnrad sitzt. Es fahren Fuhrwerke vorbei, auf dem Platz wird Handel getrieben. Wirklich beachtet wird das Mädchen nicht. Dass eine Frau am Wasser, nämlich am Brunnen sitzt und spinnt, ist nicht ungewöhnlich. Denn zum Spinnen braucht man Wasser, um den Faden feucht zu halten.

Ich stelle mir eine Frau der heutigen Gesellschaft vor, die kaum geachtet wird, obwohl sie fleißig ist. Vielleicht wird sie schlecht – oder zumindest schlechter als männliche Kollegen – bezahlt. Keiner sieht wirklich, dass sie gut und viel arbeitet.

dass ihm das Blut aus den Fingern sprang.

Gesponnen wurde damals vornehmlich Flachs. Dieser war grob und beanspruchte die Hände sehr.
Dass das Mädchen blutet, mag symbolisch außerdem auf ihr Alter hinweisen. Sie ist auf der Schwelle vom Mädchen zur Frau.
Ihre Tätigkeit ist tagein, tagaus dieselbe, außerdem gleichtönig bis langweilig. Es bietet sich keine Gelegenheit, neues zu erfahren.

Jeden Tag schuftet sie. Aber sie macht es niemals gut genug. Und darunter leidet sie. Sie ist noch jung.

Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab.

Hier „passiert“ etwas. Die Spule fällt in den Brunnen. Das Spinnen aber ist der Lebensinhalt des Mädchens. Mit dem Verlust der Spule verliert sie „den Faden“ – ihren Lebensfaden.

Die junge Frau macht einen Fehler, und sie ahnt, dass dieser Fehler sie ihren Job, ihre Existenz kosten kann.

Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück.

Hier wird zum ersten Mal erwähnt, dass es sich um die Stiefmutter handelt. Das bestätigt das oben Gesagte, dass das Mädchen nämlich nicht ihre leibliche Tochter ist.
Die Not ist groß, offensichtlich ist der Verlust der Spule schlimm. Aber sie hat keine andere Chance, als der Stiefmutter zu berichten und auf Verständnis zu hoffen.

Die junge Frau geht zur Chefin und „beichtet“. Diese ist aber emotional nicht an die junge Frau gebunden, so wie an ihre leibliche Tochter.

Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig,

Das Mädchen erhält aber kein Verständnis, kein Mitleid.

dass sie sprach: "Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf."

Eine andere Reaktion hätte sein können, dass die Stiefmutter den Verlust der Spule nicht so schlimm findet und ggf. eine andere Spule zur Verfügung stellt. Aber sie zieht die eigentlich logische, wenn auch harte Konsequenz, dass das Mädchen seinen Fehler korrigieren soll.
Aber es ist im Leben im Allgemeinen auch so, dass wir für unser Verhalten verantwortlich gemacht werden und die entsprechenden Konsequenzen tragen müssen. Zwar mag einem die Reaktion der Stiefmutter zu hart und lieblos vorkommen. Letztlich bedarf es aber eines Ereignisses, damit sich im Leben des Mädchens etwas ändern kann. Und dieses Ereignis muss von außen kommen. Das Ereignis ist hier der Verlust der Spule – des Lebensfadens – und der Auftrag, diese – diesen – wiederzufinden.

OK. Die Chefin erteilt „nur“ eine Abmahnung.  Das ist hart, aber sie gibt der jungen Frau noch eine Chance.

Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wusste nicht, was es anfangen sollte;

Das war eine ausweglose Situation. Der Brunnen war tief. Auf Hilfe zu hoffen oder solche zu erbitten, war offensichtlich keine Option.
Auch der Weg zum eigenen Ich, zu mir selbst, kann sehr weit sein. Darauf muss man sich einlassen. Das erfordert Mut. Was bekomme ich zu sehen, wenn ich mich selbst in den Blick nehme?

Welche Chance hat die junge Frau? Vielleicht hat sie nichts anderes gelernt in ihrem jungen Leben und sieht keine andere Möglichkeit, als den Fehler wieder gutzumachen. Weggehen und einen anderen Job suchen? Und wird es da besser sein? Wahrscheinlich nicht.

und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen.

Die Not war so groß, dass es zwar Brunnen sprang. Da der Zweck des Sprungs aber war, die Spule wieder heraufzuholen, dürfte es sich hier nicht um Selbstmordabsicht handeln. Dennoch besteht in Anbetracht der Tiefe des Brunnens sicherlich Todesgefahr.
Gleichwohl besteht wohl vielleicht der Wunsch, das eigene Ich wieder zu entdecken. Dafür muss man alles zurücklassen und Kopf und Geist frei machen, für den Blick auf sich selbst.

Sie versucht alles.

Es verlor die Besinnung,

Das Mädchen lässt alles hinter sich, um sich auf etwas Neues einzulassen.

Burn out. Nichts geht mehr. Existenzielle Fragen stellen sich.

und als es erwachte und wieder zu sich selber kam,

Aber es stirbt nicht und wird sich seiner selbst bewusst.

Sie kann sich nicht um den Job kümmern. Sie muss sich um sich selbst kümmern. Was will ich? Wer bin ich? Warum lasse ich mich so kaputt machen?

war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blumen standen.

Das Mädchen taucht ein in eine Welt voller Schönheit. Vielleicht in die Welt, die es sich erträumt. Ohne Träume gibt es, glaube ich, auch keine Veränderungen. Und wenn das Maß endgültig voll ist, dann ändere ich auch etwas.

Sie fängt an, zu träumen von einer guten schönen Zukunft.

Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: "Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken."

Brot ist das Nahrungsmittel schlechthin. Es ist wertvoll und im Übrigen sehr aufwändig in der Herstellung. Brotteig braucht viel Zeit, um zu reifen, und er muss lange und mit viel Kraft geknetet werden. Auch wird Brot bei großer Hitze gebacken. Darum wird, wenn der Ofen geheizt ist, nicht nur ein Brot gebacken, sondern gleich mehrere. Lässt man das Brot zu lange im Ofen, wird es letztlich zu Asche. Ein gutes Brot zu backen, ist nicht einfach. Auch die Relation der Zutaten ist von Bedeutung für ein gutes Backergebnis.

Aber das Träumen führt auch in die Vergangenheit. Sie erinnert sich all der Aufgaben und Herausforderungen, die sie schon bewältigt hat.

Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus.

Das Mädchen zögert nicht. Es nimmt „den Auftrag“ ohne weitere Nachfrage an. Damit es sich an den heißen Broten aber nicht verbrennt, nimmt es einen Schieber zu Hilfe.

Sie kann durchaus „heiße Eisen“ anpacken, ohne daran zu scheitern. Die bisherigen Aufgaben und Herausforderungen sind ihr gut gelungen. Das versteht sie nach und nach. Aber dazu braucht sie Hilfe. – vielleicht die eines Therapeuten.

Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und rief ihm zu: "Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif."

Die Äpfel sind mit ihrer Reife da. Sie sind hier ohne erkennbares Zutun gewachsen und können geerntet werden.

An ihren Aufgaben ist die junge Frau durchaus gewachsen, gereift.

Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war;

Auch dieser Auftrag wird ohne zu zögern erledigt.

Sie hat das nur bisher nicht gesehen. Jetzt schaut sie hin und sieht, dass sie allen Grund hat, zufrieden mit sich zu sein. Es gibt vieles, was sie charakterisiert, was sie stark und liebenswert macht.

und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter.

Die geernteten Äpfel werden eingesammelt. Einen Haufen damit zu bilden, bedeutet, eine gewisse Ordnung zu schaffen. Das aber genügt dem Mädchen, und es geht weiter.

All das führt sie sich vor Augen. So lernt sie, sich selbst wert zu schätzen. In diesem Bewusstsein geht sie weiter.

Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm Angst, und es wollte fortlaufen.

Die Frau ist alt. Alter ist auch ein Zeichen von Weisheit. Außerdem hat sie große Zähne. Im heutigen Sprachgebrauch würde man vielleicht eher sagen, dass sie „Biss“ hat. Sie ist jedoch nicht böse und in ihrem Urteil zwar gerecht, aber auch streng.

Da taucht wieder ein Mensch auf, der bedrohlich wirkt. Denn das Selbstvertrauen der jungen Frau hat sich noch nicht gefestigt. Es hat Angst, wieder an jemanden zu geraten, der ungerecht und unbarmherzig ist. Aber ein neuer Arbeitgeber muss her, denn man muss von irgendetwas leben.

Die alte Frau aber rief ihm nach: "Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir's gut gehn.

Wieder erhält das Mädchen einen Auftrag. Aber diesmal geht es erkennbar um Unterstützung für einen anderen. Außerdem wird ein Lohn für die getane Arbeit in Aussicht gestellt. Dieser ist noch nicht konkret benannt. Doch er wird dem Wohlergehen des Mädchens dienen.

Und man darf nicht alle über einen Kamm scheren. Man muss immer wieder neu vertrauen und nicht nach dem äußeren Schein urteilen. Und die Aussicht auf ein gutes Leben ist sehr verlockend.

Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle."

Die Aufgabe ist nicht schwierig. Und wenn die Federn des Bettes von Frau Holle fliegen, dann gelangen diese als Schneeflocken auf die Erde zu den Menschen.
Das Bett aber ist ein sehr persönlicher Ort.

Die neue Arbeitergeberin hat ein sehr großes Unternehmen. Sie ist bekannt in der Welt. Und sie kann es sich leisten, ein Mädchen mit einem zwar sehr persönlichen, aber einfachem Job zu betrauen. Sie hat kein Problem damit, die junge Frau in ihr Leben zu lassen, denn sie selbst ist gefestigt. Und auch den Lohn kann sie sich allemal leisten. Und alle Welt kann nicht nur sehen, dass die junge Frau fleißig arbeitet, sie nutznießen gleichzeitig davon. Und es freut sie.

Weil die Alte ihm so gut zusprach, so fasste sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig, auf dass die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes.

Das Mädchen hat Vertrauen zu der alten Frau. Es fällt die Entscheidung, den Auftrag anzunehmen und erfüllt diesen zuverlässig. Dafür erhält sie einen Lohn, der sowohl gut für ihre Seele (kein böses Wort) als auch für ihren Leib (Gesottenes und Gebratenes) ist.

Na also, geht doch. Die junge Frau lernt, dass gute Arbeit es verdient hat, wertgeschätzt und angemessen entlohnt zu werden. Und es gibt keinen Grund, einfache Arbeiten als nichtig anzusehen und zu übersehen.

Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wusste anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich merkte es, dass es Heimweh war; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr: "Ich habe den Jammer nach Haus gekriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muss wieder hinauf zu den Meinigen."

Allein mit Frau Holle war das Mädchen. Und da wünscht es sich wieder Gesellschaft. Es möchte wieder nach „oben“ in die ihm vertraute Welt. Die Welt von Frau Holle ist zwar schön und freundlich, aber „oben“ ist doch ihre Familie, vor der sie nun keine Angst mehr hat.

Die junge Frau wird sich wieder ihrer Heimat, ihrer Familie, ihren Wurzeln bewusst. Da die Zeit bei Frau Holle sie gestärkt hat, wird sie sich nie wieder so demütigen lassen wie zuvor. Sie traut sich, wieder in ihre alte Welt, weil verändert, zurückzukehren.

Die Frau Holle sagte: "Es gefällt mir, dass du wieder nach Haus verlangst,

Es ist in Ordnung, fortzugehen und sich in der Welt selbst zurecht finden zu wollen.

Die Chefin akzeptiert die Kündigung und den Veränderungswunsch der jungen Frau. Sie lässt sie ziehen.

und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen."

Das Mädchen war gehorsam und ließ sich führen (erziehen). Doch jetzt verlangt es nach einem weiteren, neuen Abschnitt. Die Welt, aus der das Mädchen kam, war ihm allerdings nicht gut gesonnen. Damit der Weg dorthin nicht so schwer wird, bietet Frau Holle ihre Begleitung an.

Und die neue Chefin macht der jungen Frau den Abschied leicht. Sie wird sich denken können, dass man eine gut eingerichtete Situation nicht einfach so verlässt. Mit ihrer Begleitung bestärkt sie die junge Frau.

Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor.

Wieder gibt es eine klare „Grenze“. So wie der Brunnen der Übergang in das Reich der Frau Holle bedeutete, ist es jetzt das Tor, das diese Grenze wieder aus ihm heraus markiert.

Der Tag des Abschieds ist gekommen.

Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so dass es über und über davon bedeckt war. "Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist.", sprach die Frau Holle

Hier gibt es noch einen weiteren, letzten Lohn mit auf den Weg. Und dieser Lohn ist sichtbar und nachhaltig.

Die Chefin stellt der jungen Frau ein gutes Zeugnis aus. Das bedeutet Wertschätzung und ebnet gleichzeitig den Weg für eine gute Zukunft.

und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war.

Die Verbindung zu dem vorherigen Leben des Mädchens, in welchem es gesponnen hat, wird mit der Rückgabe der Spule wieder hergestellt. Sein Leben in der Welt geht nun weiter.

Den Fehler, den die junge Frau seinerzeit gemacht hat, wird sie nicht wieder machen. Mit neuem Selbstvertrauen und neuer Lebensfreude würde sie daher auch die alte Aufgabe wieder aufnehmen.

Darauf ward das Tor verschlossen,

Der „Ausflug“ zu Frau Holle ist nun vorbei.

Neue Aufgaben wird es nun gestärkt aufgrund der Erfahrungen bei der alten Chefin bewältigen können.

und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus; und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:

"Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie."

Schnell ist das Mädchen wieder in seinem Heimatdorf. Und es bleibt nicht unbemerkt. Der Hahn posaunt es hinaus. Vielleicht wurde aber auch das Verschwinden des Mädchens bemerkt. Denn Hahn ruft, dass es „wieder „ hier ist.

Kaum zurück, geht die Info, dass die junge Frau wieder da ist, wie ein Lauffeuer durch den Ort. Ihr Verschwinden war natürlich nicht unbemerkt geblieben. Auch ihre Veränderung bleibt nicht unbemerkt und wird sofort berichtet.

Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Es geht ins Haus seiner Mutter. Und jemand, dem es gut geht, nimmt man gerne auf.

Die junge Frau wirkt gereift, selbstbewusst. Sie lässt sich nicht mehr unterbuttern und das strahlt sie auch aus. Außerdem hat sie ein sehr gutes Zeugnis mitgebracht. Das lässt auf einen guten Arbeitsplatz und eine gute Bezahlung hoffen. Und daran möchten alle teilhaben, auch wenn sie selbst nichts zum Erfolg beitragen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war,

Es ist „voll“ von dem Erlebten und muss es mitteilen.

Jetzt ist sie stark. Und sie kann andere an ihrem Leben teilhaben lassen.

(Für die Geschichte der Pechmarie habe ich auf die dritte Erzählform – also die moderne Geschichte - verzichtet. Ich denke, die ist selbsterklärend.)

und als die Mutter hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der andern, hässlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen.

Hier zeigt sich ein gravierender Unterschied: Der Auslöser, warum die Goldmarie zu Frau Holle kam, war der Auftrag der (Stief-)Mutter, die Spule wieder zu holen.
Die andere Tochter hat eigentlich gar keinen Grund, in den Brunnen zu springen. Aber es lockt das Gold.

Sie musste sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter.

Der Sprung in den Brunnen und das Landen auf der Wiese passieren auch hier. Aber der Wechsel im Bewusstsein fehlt. Es findet kein „Umschalten“ statt. Die Möglichkeit, sich mit sich selbst zu befassen, wird nicht beschrieben und auch nicht wahrgenommen.
Sie geht also nicht nur auf demselben „Selbstfindungs-“Pfad weiter, sondern auf ihrem unveränderten Pfad, ohne die dargebotenen Möglichkeiten zu erkennen, geschweige denn anzunehmen.

Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: "Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken." Die Faule aber antwortete: "Da hätt ich Lust, mich schmutzig zu machen," und ging fort.

Erster Auftrag abgelehnt; erste Gelegenheit verpasst.

Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: "Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif." Sie antwortete aber: "Du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen," und ging damit weiter.

Zweiter Auftrag abgelehnt; zweite Gelegenheit verpasst.

Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr.

Furcht vor den Zähnen, dem „Biss“ der Frau Holle, ist, wie sich gezeigt hat, ja auch nicht nötig. Respekt davor, dass das Urteil gerecht und daher ggf. auch hart ausfällt, wäre allerdings angemessen gewesen.

Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte,

Aber es entspricht so gar nicht ihrer gleichgültigen Natur, fleißig zu arbeiten, so dass es von vornherein einem Gewaltakt gleich kommt zu arbeiten.

denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde;

Nur die Gier treibt sie an.

am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich's gebührte, und schüttelte es nicht, dass die Federn aufflogen.

Aber es ist ihr dort, wo sie bei der Mutter gelebt hat, wohl zu gut gegangen. Denn selbst die Aussicht auf viel Gold ist nicht Antrieb genug, sich anzustrengen.

Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf.

Da zeigt sich schon das erste Mal der „Biss“ der Frau Holle. Sie ist die Faulheit des Mädchens leid und zieht die erste Konsequenz.

Die Faule war das wohl zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen;

Da glaubt sie immer noch, sie könne sich benehmen wie sie wolle, und würde trotzdem belohnt. Das mag bei der Mutter geklappt haben, aber die Welt lässt sich nicht ausnutzen.

die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor,

Der trennende Schritt zurück in die alte Welt geschieht auch hier durch das Tor.

als sie aber darunter stand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. "Das ist zur Belohnung deiner Dienste.", sagte die Frau Holle und schloss das Tor zu.

Flüssiges Pech ist heiß. Die Strafe ist also heftig. Auch die Spule erhält sie nicht zurück.

Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief: "Kikeriki,Unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie."

Auch die Abwesenheit der Faulen war wohl bemerkt worden. Das Wiederkommen wird wie bei der Goldmarie ohne weitere Wertung, sondern nur beschreibend, kund getan.
Über die Reaktion der Mutter wird diesmal nichts berichtet. Das ist aber für die Geschichte auch nicht von Belang.

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.

Hier zeigt sich die Konsequenz der Strafe. Sie wirkt dauerhaft. Allerdings gilt das für die Belohnung gleichermaßen.