Freunde fürs Leben

KurzgeschichteFamilie, Freundschaft / P12
Angeline Fowl Artemis Fowl Artemis Fowl Senior Butler
12.10.2017
12.10.2017
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Die gewaltige Silhouette verdunkelte den Eingang nahezu vollständig. Nicht, dass das irgendjemanden gestört hätte. Den meisten Gästen dieses Etablissements war es sowieso am liebsten, wenn ihr Aufenthalt hier im Dunkeln blieb.
Der Leibwächter dagegen hätte nichts gegen ein wenig mehr Licht gehabt. Das, was man hier als „gemütliche Atmosphäre“ betrachtete, war für ihn bloß ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Als wäre ein brechend volles Kasino inklusive Nebenräume, versteckter Winkel und unmöglich zu sichernder Hinterausgänge nicht so schon genug.
In weniger als zwei Sekunden hatte der gewaltige Mann den Raum überblickt und alle relevanten Details registriert. Ein- und Ausgänge. Lichtverhältnisse. Ungefähre Anzahl der Anwesenden. Mögliche Unruhestifter. Dank seiner Körpergröße von nahezu zwei Metern war es ihm ein Leichtes, sich über die Köpfe der Menschen hinweg einen Überblick zu verschaffen.
Waffen entdeckte er auf den ersten Blick keine, was aber noch lange nicht bedeuten musste, dass sie nicht da waren. Tatsächlich hätte ihn das in diesem Laden sogar gewundert. Das „La Olala“ war eine der verrufensten Spelunken Londons. Eine Spielhölle und Umschlagplatz für Drogen, Prostituierte, Firmengeheimnisse, Waffen. Bevölkert von zwielichtigen Gestalten der Unterwelt,  Schnöseln, denen ihr Reichtum zu Kopf gestiegen war, sowie deren bulligen Leibwächtern.
In einem Wort: Gefährlich. Aber trotzdem oder genau deshalb hatte der Prinzipal unbedingt hierher kommen wollen.
Domovoi Butler schob seine massige Gestalt in den Raum hinein, sorgfältig darauf bedacht, seinen Schützling nicht zu verlieren. Er hatte ihm natürlich von diesem Besuch abgeraten, wie es jeder gute Leibwächter tun würde. Aber es war nun einmal genau so, wie Madam Ko mehr als einmal gesagt hatte: Wer in diesem Geschäft bestehen wollte, musste auf alles vorbereitet sein, denn Prinzipale hielten sich selten an vernünftige Ratschläge.
Das galt auch und ganz besonders für Claas McHauley. Gerade pflügte der dürre, picklige Achtzehnjährige durch die Menge und rempelte dabei ohne Rücksicht auf Verluste Schultern an, die doppelt so breit waren wie seine.
Wäre er allein hier, hätte er wahrscheinlich noch vor dem Betreten des Kasinos ein blaues Auge oder Schlimmeres kassiert. So aber streiften ihn nur die wütenden Blicke der männlichen Gäste, während die Frauen gekonnt durch ihn hindurchsahen.
Butler hatte es, wenn er denn gerade wollte, schon bedeutend leichter, weibliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wenn er im Dienst war – so wie meistens – zählte jedoch nichts anderes als die Sicherheit des Prinzipals. Seine Ausstrahlung hielt alle möglichen Ablenkungen auf Distanz. Nur die vorwitzigsten unter den Damen wagten einen zweiten Blick auf seine hochgewachsene, durchtrainierte Gestalt, das ebenmäßige Gesicht mit den vollen Lippen und das dicke, braun glänzende Haar. Butler trug es lang in einem straffen Pferdeschwanz – die einzige kleine Eitelkeit, die er sich erlaubte.
Für Claas McHauley dagegen war Zurückhaltung nicht wirklich ein Thema. Gerade bot er einer jungen Frau in einem glitzernden blauen Kleid die erhobene Hand zum High Five. Als sie sich abwandte, bog Claas die Bewegung zu einem Kratzen am Kopf ab und hatte auch schon die nächste Besucherin im Visier.
„Nicht schlecht, die Bräute hier, oder?“, brüllte er zu Butler hinauf, ohne sich darum zu scheren, wie viele der Umstehenden ihn hören konnten.
Butler musste sich zu Claas' schmächtiger Gestalt hinunterbeugen, um zu antworten. „Sie sollten an einem Ort wie diesem in jedem Fall Vorsicht walten lassen, Sir. Einige der gefährlichsten Auftragskiller der Welt sind Frauen. Ein hübsches Kleid bietet eine gute Tarnung.“
Claas winkte mit seiner frisch manikürten Hand ab. „Dafür sind Sie doch da. Sind Sie ein Leibwächter, oder was? Mein Vater bezahlt Sie dafür, alle Angreifer auszuschalten!“
Butler verzichtete darauf, ihn zu korrigieren. Eine Diskussion mit dem Prinzipal würde ihn nur ablenken, und an einem Ort wie diesem durfte seine Aufmerksamkeit nicht einen Moment nachlassen.
Tatsächlich war es Artemis Fowl, der ihn bezahlte. Butlers Familie und die der Fowls waren seit etlichen Generationen verbunden. Die vielfältigen, oftmals nicht ganz legalen Fowl'schen Unternehmungen brachten großen Reichtum, aber auch Feinde. Genau dafür waren die Butlers da. Einem Fowl als persönlicher Leibwächter zu dienen, das war Domovoi Butlers Lebenszweck, auf den er seit seiner Kindheit hingearbeitet hatte.
Nur dass es bislang keinen Fowl gab, der ihn brauchte. Artemis Fowl wurde von Butlers Onkel beschützt, genannt der Major. Er war der Beste im Geschäft, und soweit Butler wusste, der einzige Mann, der ihn im Armdrücken besiegen konnte.
Da gab es noch Angeline, die Frau von Master Fowl. Die beiden hatten erst vor einem Jahr geheiratet, und auch wenn die junge Madam Fowl sich nicht selbst an den illegalen Geschäften ihres Mannes beteiligte, war sie doch einem gewissen Risiko ausgesetzt. Trotzdem benötigte sie keinen eigenen Leibwächter. Sie hielt sich momentan beinahe ausschließlich in Fowl Manor auf, denn sie war hochschwanger.
Mit Butlers künftigem Prinzipal.
Eine Woche, höchstens zwei, dann würde Butlers Bestimmung zur Welt kommen. In der Zwischenzeit hatte Master Fowl ihn zum Schutz des verwöhnten einzigen Sohnes des Fitnessbekleidungsproduzenten und nebenberuflichen Schmugglers Malcolm McHauley abgestellt. Ein kluger Schachzug, der ihm die Dankbarkeit eines wertvollen Geschäftspartners sicherte, ohne ihn viel zu kosten, und Butler nebenbei auch noch im Training hielt für den Schutz von Fowls eigenem Kind.
Und hier war er nun.
Butler behielt weiter alle möglichen Gefahrenpunkte im Auge, sorgsam darauf bedacht, sich nicht von seinem Schützling abdrängen zu lassen. Nachdrücklich schob er die Besucher beiseite, jedoch ohne dabei unnötig grob zu werden.
Mit seinen siebenundzwanzig Jahren war Butler nahezu unbesiegbar, jung genug, um auf der Höhe seiner körperlichen Kraft zu sein – und die war enorm. Dabei jedoch auch alt genug, um in seinem Metier einiges an Erfahrung gesammelt zu haben. Trotzdem – oder gerade deshalb - legte er keinen Wert darauf, mutwillig zu provozieren, schon gar nicht in Anwesenheit seines Prinzipals. Eine Massenschlägerei aus irgendeinem nichtigen Grund würde Butlers Job nicht gerade einfacher machen, besonders an einem Ort wie diesem.
Und wie sich zeigen sollte, schaffte es Claas McHauley auch sehr gut ohne ihn, einen Streit vom Zaun zu brechen.
„Lust auf ein Spielchen, Butler?“, brüllte McHauley zu ihm hinauf.
Butler zog eine Augenbraue in die Höhe. „Ein Spielchen, Sir?“
Der Junge klatschte ihm mit der Hand auf den Unterarm. „Der gute alte Butler!“, johlte er, als würden sie sich schon seit Jahren kennen und nicht erst seit zwei Tagen. „Sowas von ernst! Spielchen, ja! Spaß! Kennen Sie nicht? Gleich schon!“
Er zerrte Butler hinter sich her zu einem unauffälligen Durchgang, der von einem dicken Vorhang bedeckt war. Ein weniger aufmerksamer Besucher hätte ihn vollständig übersehen können, doch Butler hatte ihn bereits mehrmals eingehend gemustert. Als möglichen Gefahrenpunkt.
„Sir, ich rate Ihnen dringend ab...“
„Spaß zu haben? Jaja, schon klar!“
Der dicke, samtige Vorhang strich über Butlers Schulter, und schon waren sie hindurch.
Es ging durch einen kurzen, düsteren Flur, hin zu einer schlichten Metalltür, die mit „Privat“ beschriftet war. McHauley riss sie auf, und sie befanden sich in einem kleinen, fensterlosen Hinterzimmer.
Die wummernden Bässe der Musik waren nicht zu hören – was bedeutete, dass niemand im Club jemanden hier schreien hören würde.
Wäre der Raum nicht solch ein sicherheitstechnischer Albtraum gewesen, hätte Butler ihn als gemütlich bezeichnen können. Er war vollgestopft mit bunten, weichen Sesseln und Kissen, an den Wänden zogen sich ein paar Bücherregale entlang und ein Pokertisch beherrschte das Zentrum.
An diesem Tisch saß ein junger Mann, nur wenige Jahre älter als Claas McHauley und so durchschnittlich, dass wohl die wenigsten Menschen in der Lage gewesen wären, ihn zu beschreiben. Was für seine Unternehmungen durchaus von Vorteil war, nach allem, was Butler gehört hatte. Jordan Elpish war trotz seiner jungen Jahre bereits eine anerkannte Größe in der Londoner Unterwelt.
Jeder Nerv in Butlers Körper war angespannt, während er sich unauffällig vor den einzigen Ausgang schob und dabei die übrigen Anwesenden musterte.
Hinter Elpish stand ein weiterer junger Mann in einem Hawaii-Hemd, mit dem sich die knallbunten Manga-Tätowierungen auf seinen Armen und seinem Hals grausam bissen. Er war schmal, beinahe hager, und hatte die Hände lässig in den Hosentaschen seiner Shorts. An Elpish' Seite war außerdem eine hübsche Brünette in einem schlichten, aber hautengen schwarzen Kleid. Sie kaute deutlich hörbar auf ihrem Kaugummi herum und betrachtete ihre Nägel.
Alle Anwesenden sahen aus, als könnte Butler sie einfach in der Mitte durchbrechen. Doch Butler ließ sich von Äußerlichkeiten nicht in Sicherheit wiegen. Das wäre ein Anfängerfehler gewesen. Und Butler war kein Anfänger, sondern einer der Besten.
McHauley schlenderte zum Tisch und ließ sich auf den freien Sitz fallen, ohne eine Einladung abzuwarten. Sein Blick huschte über die junge Frau.
„Na, Elpish, bereit für ein Spielchen?“
Elpish ließ sich zu einem halben Lächeln herab. „Klar. Wenn der Einsatz stimmt, jederzeit.“
Butler sah das gefährliche Funkeln in seinen Augen. McHauley jedoch nicht. „Mein Vater ist Malcolm McHauley!“, tönte er. „Mein Einsatz stimmt immer!“
Butler stand es natürlich nicht zu, ein Urteil über die ihm anvertrauten Personen zu fällen. Wäre er jedoch weniger professionell, hätte er jetzt die Augen verdreht. Und sich gewünscht, dass der oder die junge Fowl ganz anders als McHauley werden würde.
Ein wenig intelligenter vielleicht.
Das Mädchen gab die Karten und McHauley nutzte die Gelegenheit, um ihr in den Ausschnitt zu schielen. „Lass uns doch die ganze Sache etwas interessanter machen“, schlug er vor. Oh nein, dachte Butler.
McHauley setzte ein schmieriges Grinsen auf und deutete mit dem Daumen auf die junge Frau. „Eine Stunde allein mit ihr hier hinten, wenn ich gewinne, wie sieht's aus?“
Elpish' rechtes Auge zuckte in seinem ansonsten ausdruckslosen Gesicht. Dieses kleine Zucken brachte Butlers Alarmglocken deutlicher zum Schrillen, als jeder Wutausbruch es gekonnt hätte.
Er legte McHauley warnend eine Hand auf die Schulter, doch der Junge plapperte ungerührt weiter. „Du kannst nicht alle Hübschen hier in dem Laden für dich alleine haben, ist dir schon klar, oder?“
Elpish sprach leise, aber seine Stimme war klar und kalt wie Glassplitter. „Hübsch findest du meine Schwester, ja? Wie schmeichelhaft.“
Das Grinsen tropfte von McHauleys Gesicht, als ihm langsam klar wurde, dass er einen Fehler begangen hatte.
McHauley lächelte, doch seine Augen blieben kalt. „Eigentlich wollte ich dich einfach nur hier behalten, bis dein Vater das Lösegeld überweist. Es hätte sehr angenehm werden können, du hättest womöglich nicht mal gemerkt, dass du eine Geisel bist. Aber jetzt...“
Butler hatte ihn halb von seinem Sitz hochgezogen, als der Kerl hinter Elpish über den Tisch flog.
Jedenfalls hätte man meinen können, dass er das tat, so schnell und elegant war der Sprung. Ein Sektglas, das Elpish auf dem Tisch abgestellt hatte, schwankte leicht, als der Luftzug es streifte, blieb jedoch stehen.
Zweifellos setzte der Leibwächter darauf, Kraft mit Geschmeidigkeit zu überrumpeln.
Sein Pech war, dass Butler beides besaß.
Er duckte sich, schob McHauley mit der Linken hinter seinen breiten Rücken und versetzte seinem Angreifer mit der Rechten einen Hieb in den Magen. Das alles geschah im Bruchteil einer Sekunde.
Der Mann ging zu Boden, weitaus weniger elegant als eben noch, und nahm dabei den Pokertisch mit. Karten flogen und das Sektglas zerschellte an der Wand. Elpish' Schwester quiekte.
Der Leibwächter rappelte sich erstaunlich schnell auf. Seine Augen funkelten mörderisch.
Butler hätte ihn leicht schachmatt setzen können, solange er noch benommen war, doch sein Prinzipal hing an seinem Arm und plärrte ihm ins Ohr. „Los, Butler! Machen Sie ihn fertig!“
Der Mann ging zum Angriff über. Und im gleichen Augenblick zog Miss Elpish ein Messer und näherte sich Butler von seiner anderen Seite.
„Verzeihen Sie vielmals“, sagte Butler galant. Dann packte er das Mädchen und warf es auf den Leibwächter. Beide gingen in einem Gewirr von Armen und Beinen zu Boden.
Diesmal nutzte Butler die Gunst der Stunde rechtzeitig und warf sich McHauley einfach über die Schulter. Der fremde Leibwächter kam auf die Füße, als Butler gerade ein Bein des umgestoßenen Pokertisches packte und ihn hinter sich her aus dem Raum schleifte.
Die Tür knallte zu, und Butler verkeilte die Klinke mit dem Tisch. Es würde nicht ewig halten, aber das musste es auch nicht. Nur so lange, bis sein Prinzipal in Sicherheit war.
Durch den Gang, zurück ins „La Olala“. Der vollgestopfte Clubraum war eine weitere Hürde – gut möglich, dass Elpish hier Leute postiert hatte. Doch wenig später hatte Butler McHauley ohne weitere Zwischenfälle ins Freie gebracht.
„Warum sind Sie einfach abgehauen?“, schimpfte er. „Wir hätten die noch richtig fertigmachen können!“
Butler zog die Stirn in Falten. „Weil Ihr Leben in Gefahr war. Und meine Aufgabe ist es, Sie zu schützen, nicht Kneipenschlägereien anzuzetteln.“
McHauley schrumpfte ein wenig unter Butlers Blick.
„Aber...“
Butler erfuhr nie, was McHauley noch hatte sagen wollten, und war auch nicht besonders traurig darüber. Denn in diesem Moment erschien der Chauffeur, mit dem sie hier waren. Er überbrachte das vereinbarte Passwort, durch das Butler sicher sein konnte, dass die Nachricht von Artemis Fowl stammte, und drei Worte.
Eine halbe Stunde später saß Claas McHauley in einer Limousine in Richtung des Anwesens seines Vaters, und Butler saß in einem Flieger nach Irland.
Die Nachricht lautete: „Es geht los.“

Als Butler im Sister's of Mercy Hospital ankam, empfing ihn sein Onkel an der Rezeption. Er gab den Schwestern einen Wink, und die beiden Männer passierten die Eingangshalle ohne Verzögerungen.
Der Major war nur wenig kleiner als Butler, aber genauso breit. Nichts an seiner stahlharten Miene ließ vermuten, dass dies kein Tag wie jeder andere war.
„Geht alles gut?“, fragte Butler.
Der Major taxierte seinen Neffen von Kopf bis Fuß. „Ich habe gerade die Eingangshalle gesichert, weitere Männer stehen an den Nebenausgängen. Keine Angreifer in Sicht.“
Butler nickte nur. Er wusste aus Erfahrung, dass es keinen Zweck hatte, seinem Onkel mehr entlocken zu wollen.
Die beiden kamen im vierten Stock vor einer schlichten Tür an. „Halte hier Wache. Ich sichere noch einmal das Gebäude.“
Der Major schlüpfte kurz in das Krankenzimmer, um letzte Absprachen zu treffen, und Butler erhaschte durch den Türspalt einen Blick auf Madam Fowl, die keuchend und mit weit aufgerissenen Augen im Bett saß. Dann zog der Major ab, und Butlers Wache begann.
Die folgenden Stunden gehörten zu den schlimmsten seines Lebens. Madam Fowl, die Frau seines Arbeitgebers, schrie in Qualen, und er konnte nichts tun, um ihr zu helfen. Es gab keinen Angreifer, den er ausschalten, keinen Fluchtweg, den er mit ihr nehmen konnte. Er stand einfach nur vor der schlichten, weißen Tür und wartete.
Dann, nach einer Ewigkeit, wurde es still.
Zu still?
Butler lauschte, angespannt bis in die Zehenspitzen.
Bis endlich ein leises Quäken die Stille durchbrach.
Einen Moment später wurde die Tür aufgerissen. Artemis Fowl stand vor ihm, beherrscht wie immer – wenn auch ein wenig blasser als gewöhnlich.
„Kommen Sie“, sagte er nur.
Madam Fowl saß im Bett. Erschöpft, aber trotzdem aufrecht und elegant. In ihrem Arm befand sich ein kleines Bündel.
Butler sicherte mit ein paar schnellen Blicken den Raum, dann trat er an das Bett. Er konnte sein Herz pochen spüren.
Domovoi Butler war auf Unfälle, Schmerzen, Folter, Kälte, Hitze und Entbehrung vorbereitet – jedoch nicht auf diesen Moment.
„Meine Glückwünsche, Madam Fowl. Master Fowl“, sagte er und neigte den Kopf. Irgendwie schaffte er es, dass seine Stimme nicht zitterte.
Ein Lächeln glitt über Angelina Fowls Gesicht, und sie streckte ihm die Arme entgegen. „Nehmen Sie ihn.“
Der Major räusperte sich. „Ich denke nicht, dass das nötig sein wird. Eine gewisse Distanz zwischen Leibwächter und Prinzipal...“
„Ich bestehe darauf.“ Trotz der gerade durchgestandenen Strapazen klang Madam Fowls Stimme glasklar. „Ich gebe mein Baby keinem Fremden.“
Butler konnte seinem Onkel die Missbilligung ansehen, doch gegen einen direkten Wunsch der Frau seines Prinzipals konnte er nichts vorbringen. Er streckte die Arme aus, und Madam Fowl legte das Baby hinein.
Der winzige Mensch verschwand beinahe zwischen Butlers Muskeln. Das Gewicht war für ihn praktisch nicht spürbar.
„Ein Junge“, sagte Master Fowl stolz. „Artemis Fowl der Zweite.“
Wie aufs Stichwort hob das Baby den Blick und sah Butler mit seinen tiefblauen Augen direkt an.
Butler starrte zurück. Er hatte gewusst, dass es seine Aufgabe war, der Leibwächter dieses Babys zu sein. Er hatte sich darauf vorbereitet.
Aber erst jetzt wusste er es, kristallklar. Er würde dieses Baby mit seinem Leben beschützen, solange er konnte.
Der magische Moment war vorbei, als Artemis Fowl der Zweite seine kleine Hand um Butlers Pferdeschwanz krallte, der ihm über die Schulter gefallen war.
Artemis Fowl der Erste runzelte die Stirn. „Sind Sie sicher, dass diese... Frisur Sie nicht bei Ihren Pflichten behindern könnte?“
„Keine Sorge“, antwortete Butler. „Nichts wird mich daran hindern, Ihren Sohn zu beschützen.“

Juliets Stirn war in Falten gelegt, die gar nicht zu ihrem Kindergesicht passten. „Und das hast du für deinen Prinzgemahl gemacht?“
Butler unterdrückte das Lachen, das in ihm aufstieg. „Prinzipal, Juliet. Prinzipal.“ Er strich mit einer Hand über die glatte Haut seines frisch rasierten Schädels.
Juliet sah neugierig auf das winzige Baby hinab, das sich in seiner Wiege räkelte, und stupste seine Nase mit ihrem Finger.
Butler sah liebevoll auf seine kleine Schwester herab. Er war Bruder geworden, als er schon längst nicht mehr damit gerechnet hatte, aber seine Eltern waren eben immer für eine Überraschung gut. Und nun genoss er es umso mehr. War sie wirklich schon fünf Jahre alt? Er würde ihre spielerischen Kampfsport-Einheiten im Dojo von Fowl Manor vermissen, wenn Juliet schließlich in die Akademie eintrat.
„Er ist echt niedlich, Dom!“
Butler legte einen Finger an die Lippen. „Juliet, wir hatten darüber gesprochen!“, sagte er mit sanftem Tadel. „Keine Vornamen, wenn der Prinzipal anwesend ist. Er ist noch sehr klein, aber es ist wichtig. Madam Ko wäre sehr böse, wenn sie hören würde, dass du ihm meinen Vornamen verrätst.“
Juliet Butler war so leicht nicht einzuschüchtern. Doch die Erwähnung von Madam Ko war für sie vergleichbar mit der von Knecht Ruprecht für andere Kinder.
„Okay“, flüsterte sie und fuhr fort, die Nase des Babys zu stupsen.
Butler sah seinen beiden Schützlingen nachdenklich zu, vergaß dabei jedoch auch nicht, die Umgebung im Auge zu behalten.
Niemand würde diesem kleinen Geschöpf in der Wiege etwas antun.
Nicht, solange er es verhindern konnte.
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