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Alle meine Freunde, alle meine Sorgen

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 Slash
Aomine Daiki Kagami Taiga Kise Ryōta Kuroko Tetsuya Midorima Shintarō Murasakibara Atsushi
11.10.2017
05.02.2019
140
211.015
4
Alle Kapitel
61 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
08.01.2019 1.716
 
Vielen Dank, dass ihr auch in diesem Jahr wieder so zahlreich dabei seid. Das freut mich riesig. Herzlichen Dank fürs Dabeibleiben und für die lieben Reviews. Ich wünsche viel Vergnügen beim nächsten Kapitel.


Kapitel 132

Düstere Wolken verdunkelten den Himmel und es regnete, als hätte jemand die Regenzeit vorverlegt. Insgesamt glich die Stimmung der Apokalypse, vor allem die Atmosphäre, die Kiichi umgab. Seit rund einem Monat hatte Ishibana seinen Coach nicht mehr zu Gesicht bekommen und deshalb hatte er sich auf den heutigen Tag, den ersten Schultag im neuen Schuljahr, so richtig gefreut. Doch irgendetwas schien nicht mehr zu stimmen und ganz eindeutig war etwas vorgefallen, denn Kiichi lächelte kaum noch und verbrachte den gesamten Tag vor diesem Fenster im obersten Stock der Seirin High, von dem man über den ganzen Schulhof blicken konnte. Dort unten tummelten sich unter großen Schirmen und Zeltplanen die Neulinge an der Oberschule und drängten sich aneinander vorbei, um sich in eine AG einzutragen, die ihnen am meisten Spaß machen würde. Der Basketballclub war ebenfalls vertreten und konnte den sichersten und trockensten Platz vorweisen – das erklärte zumindest die Schlange an dem Tisch, wo es die Formulare gab: ein großes, weißes Zelt mit nur einer offenen Seite, nämlich dem Eingang. Am Tisch saßen Rokuda, Furiku und Kaburagi, während Ebairi und Miyagi die hereindrängenden Massen zu ordnen versuchten. Es sah nicht nach Chaos aus, fand Kiichi – falls er es tatsächlich gesehen hatte.
„Kiichi-san...“, sagte Ishibana leise hinter ihm.
Ungefähr zehn Schritte stand er von ihm entfernt, betrachtete dessen durchaus attraktive Rückansicht besorgt und legte die Stirn in Falten.
„Coach, du solltest jetzt eigentlich da unten sein und deine Fähigkeiten walten lassen“, erklärte Ishibana, ohne sich zu rühren. „Unser Team braucht talentierte und begeisterte Neuzugänge, meinst du nicht auch?“
Kiichi schwieg und legte seine rechte Hand an die Glasscheibe. Er starrte hinauf in die dunklen Wolken, als wollte er hineinspringen.
„Coach?“, fragte Ishibana und trat einen Schritt auf ihn zu.
„Er ist nicht ein einziges Mal hier gewesen“, murmelte Kiichi plötzlich mit rauer Stimme.
Sofort blieb Ishibana stehen und spürte, wie es ihm kalt über den Rücken rieselte.
„Nichts. Nicht ein einziger Ort, wo er war, nicht eine einzige Erinnerung an ihn ist auf diesem Schulhof...“
Kiichi seufzte schwer.
„Von der Schule selbst mal ganz zu schweigen...“, fügte er flüsternd hinzu.
„Co-... Kiichi-san, bitte komm mit mir und sieh dir die Neulinge an“, bat Ishibana und hoffte, damit irgendeine andere als depressive Reaktion hervorzulocken.
„Es ist nichts mehr übrig“, fuhr Kiichi ungerührt in seinem heiseren Monolog fort. „Nirgendwo besteht mehr eine Erinnerung an ihn. Ich bin verloren...“
„Das bist du nicht, Kiichi!“, rief Ishibana beinahe erbost und vergaß vollkommen das respektvolle Suffix. „Du hast so viele Menschen um dich herum, die dich brauchen und sich auf dich verlassen! Sie lieben dich und wollen dich ebenso unterstützen, wie du sie unterstützt hast! Das ganze Team baut auf dich, Kiichi.“
Kiichi drehte sich um. Und da wünschte Ishibana sich, er hätte den Mund gehalten, aber sagen konnte er jetzt sowieso nichts mehr. Kiichis Augen schwammen in Tränen so tief wie das Meer, sein Gesicht schrie förmlich vor Schmerz und Leid und doch strahlte er eine ungeheure Schönheit aus, die Ishibana überwältigte und sprachlos machte. Es war, als leuchtete Kiichis Silhouette umrahmt von einem gleißenden Licht vor dem schwarzen Wolkenvorhang draußen vor dem Fenster. Bestechend schön wie eine schwarze Rose, das war das Bild, das Ishibana in diesem Moment einfiel. Eisige Verzweiflung war das Gefühl, das in Kiichi herrschte, das konnte Ishibana so deutlich spüren wie nie etwas anderes zuvor.
„JA, MICH LIEBEN VIELE UND ICH LIEBE SIE, ABER ER, ER LIEBT MICH AUCH NOCH UND IST TROTZDEM FORT! WAS HABE ICH VON ALL DER LIEBE, DIE ALLE ANDEREN MIR ENTGEGEN BRINGEN? SIE BRINGT NICHTS ALS KUMMER UND SCHMERZ UND MAN MUSS LERNEN, DAMIT ZU LEBEN. ICH HASSE DIESES LEBEN SO SEHR!“, schrie Kiichi besinnungslos.
Dann flossen Tränen über sein ganzes verzerrtes Gesicht und er hielt sich beide Hände vor den Mund, kniff die Augen zu, zuckte und zitterte von Schluchzern geschüttelt und sank langsam haltlos zu Boden, wo er wie ein Häufchen Elend liegen blieb. Ishibana stand stumm da und sah dieses Schauspiel mit an, das Kiichi ihm darbot. In diesem Moment war Ishibana sich so sicher, wie er sich einer Sache nur irgendwie sicher sein konnte: Er liebte diesen Jungen, der wie ein Mädchen aussah; er liebte Kiichi. Er holte tief Luft, bevor er sich ihm langsam und vorsichtig näherte, immer damit rechnend, dass Kiichi nach ihm aushieb, doch nichts dergleichen geschah. Er berührte Kiichis zuckende Schulter, die er nicht wegdrehte, schloss langsam seine Arme um ihn und dann, da er sich immer noch nicht wehrte, presste er Kiichi an sich und hielt dessen Kopf an seine Brust gedrückt. Ishibana schwieg, denn er wusste nicht, was er sagen sollte, aber vielleicht war das auch nicht notwendig. Jemand, der einem in seinem dunkelsten Moment Halt gab, brauchte nichts zu sagen; seine Wärme und Fürsorge sagten genug.
Zwar lag die Trennung von Aomine schon über einen Monat zurück und doch schien es Kiichi, als wäre es erst gestern gewesen. Da er nun die gemeinsame Wohnung verlassen hatte und Aomine ihn nicht mehr sehen wollte, fiel ihm auf, wie gering die Anzahl der Orte war, an denen er sich an Aomine erinnern konnte. Zur Touou-Akademie konnte er nicht gehen, denn er wusste nicht, ob Aomine sich dort aufhielt, und er wollte ihm keine Unannehmlichkeiten bereiten. All die Stellen in der Stadt, an denen er sich mit Aomine heimlich verstohlen geküsst hatte, schienen von sämtlichen Erinnerungen reingewaschen zu sein, und die Bank im Park, auf der sie beide gesessen hatten kurz vor Aomines Abflug nach Amerika, war jedes Mal besetzt, wenn Kiichi dort hinkam. Und nun, da er an der Seirin High wieder von seinem Schulalltag eingeholt wurde, erkannte er, dass Aomine nirgends eine Spur der Erinnerung hinterlassen hatte – auf dem gesamten Grundstück der Schule. Es war zum Verzweifeln, denn vergessen konnte Kiichi Aomine einfach nicht.
Ishibana half ihm beim Aufstehen und stellte ihn wieder vor das Fenster, zu dem es Kiichi hinzog. Dann begann er zu reden und Ishibana sein Herz auszuschütten.
„Was bin ich nur für ein schlechter Mensch. Ich stelle die Bedürfnisse aller anderen Menschen um mich herum über meine eigenen und wundere mich dann, weshalb mich der Mann, den ich liebe, verlässt. Ich bin ein schlechter Mensch und verdiene es einfach nicht, glücklich sein zu dürfen. Wie konnte ich nur so ausnehmend bescheuert sein? Ich habe ihn so ungeheuer verletzt... Ich bin ein schlechter Mensch“, sagte Kiichi und starrte mit tränenbehangenen Wimpern über den Schulhof, der im Dunkel des strömenden Regens lag und hervorragend zu der Farbe in Kiichis Innerem passte.
„Wie kannst du sagen, du wärst ein schlechter Mensch?“, wandte Ishibana leise ein, der hinter ihm stand und ihn ansah. „Wärst du wirklich ein schlechter Mensch, was sind dann wir anderen? Und außerdem hätte Aomine-san sich nicht in dich verliebt.“
„Er hat sich nur geirrt und ist dem Falschen in die Arme gelaufen“, erwiderte Kiichi. „Er hat sich ausschließlich auf mich fixiert und dadurch habe ich ihn von der Welt ferngehalten. Nun ist er aufgeschmissen. Aber er ist stark und schafft es, die Person zu finden, die ihn aufrichtig liebt und ihn verdient hat. Ich bin es nicht, ich kann und darf es nicht sein...“
„Ich glaube nicht, dass er sich geirrt hat und dass du der Falsche bist“, sagte Ishibana fest. „Du bist der Richtige. Du bist immer und für alles der Richtige. Du hast ihn nicht von der Welt ferngehalten, sondern sie ihm eröffnet. Die Trennung von dir war notwendig, um seine Eigenständigkeit zu entwickeln, sein eigenes Leben. Das hast du uns allen gegeben, Kiichi-san, und das wirst du noch all denen geben, die dir begegnen. Du machst uns alle stark, weil du den Menschen in uns siehst, der wir wirklich sind.“
Kiichi gelang ein winziges Lächeln und die Flüssigkeitszufuhr für seine Tränenströme stoppte.
„Das klingt immer wunderbar mit Worten von anderen“, erklärte Kiichi ruhiger. „Aber ich sehe das nicht so. Ich habe Freude daran, Menschen kennenzulernen, doch ich weiß nichts über sie und ändern will ich sie schon mal gar nicht. Das könnte ich mir auch nicht anmaßen, denn irgendwann kommt jemand vorbei und beschwert sich...“
„Hat sich schon jemand bei dir beschwert?“, hakte Ishibana nach, ganz nah an seinem linken Ohr.
Überrascht riss Kiichi die Augen auf.
„Denk mal scharf nach, Kiichi-san. Selbst Aomine-san hat sich nicht von dir getrennt, weil er dich nicht mehr liebt oder sich selbst hasst, nachdem du ihn verändert hast“, fuhr Ishibana fort. „Du bist nicht die Wurzel allen Übels, sondern die Wurzel allen Hoffens und Sehnens. Und Aomine sehnt sich vielleicht danach, seine Welt noch mehr zu erweitern. Das kann er nicht, wenn er immer nur dich sieht, zwangsläufig, aber du hast ihm den Auftrieb dazu gegeben, den Mut dazu, mit dir trotz tiefer Liebe Schluss zu machen. Das ist bemerkenswert, findest du nicht?“
Ishibanas warmer Körper, der Kiichi zwar nicht berührte, aber dennoch zu beschützen schien, tröstete Kiichi und brachte ihn dazu, seinen Worten Glauben zu schenken.
„Hai“, flüsterte Kiichi schließlich. „Es ist beruhigend zu wissen, dass die Liebe nicht fort ist, auch wenn man sich nicht mehr so nahe sein kann. Ich werde sie in meinem Herzen tragen und hüten wie einen Schatz.“
Als Kiichi nun etwas mehr lächelte und seinen innerlichen Aufruhr überwunden zu haben schien, konnte Ishibana sich nicht länger zurückhalten: Er küsste ihn leicht auf die Wange.
„Jetzt komm mit, die Neuen warten sicher schon gespannt auf Aomine-sans Ex-Verlobten“, sagte er und grinste, während er ihn an einer Hand hinter sich her zog. „Oh, und übrigens: Für einen ganz bestimmten Jemand bist du ganz genau der Richtige, um sein fester Freund zu sein, aber das hat erst mal Zeit, nicht wahr?“
Kiichi sah ihn erschrocken an.
„Damit meinst du ja wohl nicht dich selbst, oder, Ishibana-kun?“, hakte Kiichi misstrauisch nach.
„Wer weiß“, antwortete Ishibana vage und zuckte grinsend die Achseln.
Damit verließen sie das Schulgebäude und begaben sich in das Zelt des Basketballclubs, um die Neuzugänge zu begutachten und mit ihnen den Termin für das erste gemeinsame Training festzulegen. Während des gesamten Weges bis zum Zelt ließ Ishibana Kiichis Hand nicht ein einziges Mal los.

Fortsetzung folgt…
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