Nicht so pessimistisch, Jimmy

OneshotRomanze, Freundschaft / P12
08.10.2017
08.10.2017
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Nicht so pessimistisch, Jimmy


„Tief einatmen.“
„...Ok.“
„Atmest du?“
„Ja, verdammt.“
„Diese negativen Vibes versauen es dir wieder, bleib gefälligst locker.“
„Ich bin locker!“
„Gleich von vorne.“
James machte die höchstwahrscheinlich ausgedachte Yoga-Übung noch einmal und sah Toni dabei skeptisch ins Gesicht. Seit ungefähr zehn Minuten versuchte der ihn zu beruhigen und ihn davon zu überzeugen, dass alles nicht so schlimm werden würde.
Nicht so schlimm wie ein Jahr zuvor jedenfalls, aber noch schlimmer als ihr letzter Versuch konnte es eigentlich gar nicht werden. Der war nämlich schon eine Katastrophe gewesen, die in Chaos, Schweiß und Tränen geendet war.
„Wie lange denn noch?“ fragte er durch zusammengebissene Zähne und blickte Toni angespannt an, der sich vor ihm aufbaute, als wäre er sein Personal Trainer, der ihn zu einer fünfhundertsten Runde auf dem Stützpunkt antreiben müsste.
„So lange, wie es nötig ist“, sagte Toni gnadenlos und korrigierte seine Körperhaltung. Jetzt stand er mit den aneinandergelegten Händen über dem Kopf und einem angewinkelten Bein, dessen zugehöriger Fuß in seiner Kniekehle des anderen Beins lag, in der Küche.
Langsam verlor James das Gleichgewicht und stellte sich ruckartig auf den angehobenen Fuß, wobei er ein wenig nach vorne kippte und sich beinahe frontal auf den Fliesenboden gelegt hätte, wäre Toni nicht rechtzeitig vor ihn gesprungen, um ihn aufzufangen.
„Das ist doch lächerlich“, regte er sich auf und löste sich aus Tonis Griff, um verärgert auf und ab zu stapfen. Toni runzelte die Stirn und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.
„Sieh mich nicht so an“, setzte James ruhiger hinterher, weil er merkte, dass sein Freund schon wieder diesen Blick aufgesetzt hatte, bei dem er eine Augenbraue missbilligend in die Höhe zog und ihn von oben bis unten musterte.
Dabei rümpfte er noch die Nase, als wolle er vehement zu verstehen geben, dass James ein erbärmlicher Versager war, der es nicht auf die Reihe bekam diesen verfluchten Kuchen zu backen. Bekam er eigentlich auch nicht.
„Du stellst dich jetzt zurück an diese Arbeitsplatte und backst den besten scheiß Kuchen, den die Welt je gesehen hat“, befahl Toni hart und es baute sich eine Stimmung im Raum auf, bei der er das Bedürfnis bekam vor seinem Freund zu salutieren.
Obwohl er der ranghöhere Soldat von ihnen beiden war.
„Das haben wir beim letzten Mal auch versucht und es hat nichts gebracht“, raunte James wehleidig und erntete ein Schnaufen, das ihn unwillkürlich den Kopf einziehen ließ. Fehlte eigentlich nur noch die Nackenschelle.
Du wolltest es doch versuchen!“ hielt Toni dagegen und machte eine wüste Geste in seine Richtung, dann lief er an ihm vorbei und steckte seine Hände in die Zutaten, die in einer zähen, ziemlich widerlich anmutenden Masse in der Schüssel vor sich hin trockneten.
Mit den eingeschmierten Fingern deutete er nun auf ihn und begann seine Standpauke von Neuem: „Dieses verdammte Ding hier wird die Lady beeindrucken. Letztes Jahr haben wir es nicht besser gewusst, das war das Pech der Anfänger. Aber dieses Jahr solltest du dich echt am Riemen reißen, Alter.“
Er hielt die Luft an während Toni weiter schimpfte, und ihm alle Details und Verfehlungen des letzten Jahres aufzählte.
„...Ich hatte ja nicht ahnen können, dass du noch nie so etwas versucht hast. Aber gleich fünf Stück zu versauen, das hätte ich nicht von dir gedacht. Du kannst ein Gewehr auseinandernehmen, es reinigen und wieder zusammenbauen, aber einen Kuchen kriegst du nicht hin? Mann. Kein Wunder, dass ihr 'nur Freunde' seid, du bist eine echte Enttäuschung in der Küche.“
„Nimm das zurück!“
„Wieso? Wenn es sich nur auf die Küche beschränkt, dann wäre sie blöd, dich nicht zu nehmen, aber du kriegst deinen Mund ja nicht auf“, wetterte Toni weiter und frustriert begann er damit sich den Teig in der Spüle von den Händen zu waschen.
Für einen Moment schwiegen beide. James atmete gehetzt durch die Nase ein und aus; er fühlte sich wirklich wie nach zahlreichen und nie endenden Runden um die Lagergebäude auf dem Sperrgebiet.
„Letztes Jahr, das war-“, setzte James verzweifelt an, doch schüttelte Toni den Kopf ohne ihn dabei anzusehen, während er sich die Finger weiter abwusch und ein paar der Teigklumpen etwas genauer unter die Lupe nahm.
„Eine Ausnahmesituation? Das kannst du deiner Oma erzählen“, widersprach Toni und James hielt nun doch den Mund. Im Irak auf einem Stützpunkt einen Kuchen backen zu wollen, zählte in Tonis Welt also nicht zu den Ausnahmesituationen.
Plötzlich war sich James nicht so sicher, ob er überhaupt erfahren wollte, was genau Toni aus der Ruhe zu bringen vermochte.
„Wenn du sie nicht bald mal ausführst oder ihr irgendeinen Hinweis gibst, dann ist es vielleicht zu spät, Mann. Sie wird nicht ewig auf dich warten, nur weil du sie nett behandelst. Das kann jeder Idiot. Die Lady will zwar nicht behandelt werden wie eine Lady, aber du kannst wenigstens versuchen, ein Gentleman zu sein. Von den hunderten von Männern, die jeden Tag um sie rumspringen kann sie sich jeden aussuchen. Und ich meine jeden, du weißt wie man ihr hinterher geiert“, fügte Toni ernster hinzu und stützte sich mit der Handfläche auf der Arbeitsplatte ab.
James ließ beschämt den Kopf sinken und dachte an diesen bestimmten 'man', der sie pausenlos umwarb, während er daneben stand und sich nicht traute, sie nach einem Date zu fragen. Ehre unter Kameraden war bisher immer seine Ausrede gewesen.
Beziehungsweise Keine Beziehungen mit Kollegen. Oder in diesem Fall eben Kameraden. Sie war eine davon und das machte es nicht wirklich einfacher, auch wenn es in Tonis Version der Geschichte immer so klang.
Außerdem war er eigentlich der Überzeugung gewesen, dass sie seine beste Freundin war. Statt des Kuchens hatte er ihr letztes Jahr lediglich nette Glückwünsche zum Geburtstag ausrichten können, während Toni sich unauffällig um die Beseitigung der Spuren gekümmert hatte.
„Dieses Ding hier könnte dein Leben verändern“, unterbrach Toni monoton die Stille und stemmte die Hände in die Hüften. Wenn er da so stand mit seinem hellblauen Hemd auf schwarzer Haut, sah er aus, als würde er ihm entweder ein teures Auto verkaufen oder ihn für die Mafia zusammenschlagen wollen.
James wusste nicht, was er lieber wählen würde. Wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war, dann würde er höchstwahrscheinlich die Prügelei nehmen, damit konnte er umgehen. Mit dem Zuckerbrot zur Peitsche hatte er immer Probleme gehabt.
Doch Kelly war so ein Zuckerbrot und er wollte es. Dringend.
„Ich bin ein Mann“, krächzte James wenig überzeugt und sah in Tonis entsetztes Gesicht. Offenbar gefiel ihm der Ton nicht.
„Wie war das? Ich habe dich nicht gehört, Soldat.“
„Ich bin ein Mann, Mann!“ wiederholte James etwas selbstbewusster und trat auf Toni zu, damit sie abklatschen konnten. Doch Toni machte keinerlei Anstalten das High Five zu erwidern. Stattdessen sah er James wieder skeptisch ins Gesicht.
„Komm schon, lass mich hier nicht hängen“, flehte James weinerlich und erhielt ein sehr zögerliches und halbherziges High Five, das in James' persönliche Geschichte der schlechtesten High Fives mit Toni eingehen würde.
„Beeindrucken wir deine Lady. Es wird Zeit“, meinte Toni motiviert und entsperrte den Bildschirm seines Smartphones, um zurück zu der immer noch geöffneten Website mit dem angeblich 'einfachen Kuchenrezept für Einsteiger' zu kommen.
James' Meinung nach war das ein schlechter Witz, aber ihn fragte ja niemand. Von ihm wurde lediglich das Unmögliche erwartet, aber er war bereit es zu versuchen.
Beeindrucken wir meine Lady.
Na ja, fast meine.
Nicht so pessimistisch, Jimmy.
Er fragte sich, warum ihm der letzte Satz mit der Stimme seiner Mutter durch den Kopf schwirrte, vergaß diesen Gedanken aber schnell, als er erneut versuchte die Eier zu trennen, ohne dass auch nur ein Hauch des Eigelbs in das Eiweiß hineinrutschte.
Darüber waren Toni und er vorhin beim zweiten Versuch nämlich in einen üblen Streit geraten, der damit geendet war, dass sie eine viel zu wässrige Masse in den Müll hatten gießen müssen. Dabei glaubte James fest daran, dass ein Biscuitteig so schwer nicht sein konnte.
Konzentriert kippte er das Eigelb von der einen Eierschalenhälfte in die andere und balancierte die beiden aus; Toni sah ihm gespannt dabei zu. Insgesamt fühlte sich James wie bei der Beobachtung eines wirklich spannenden Football-Spiels beim Superbowl.
„Ich sag dir, die Play-Offs sind ein Scheiß gegen meine Backkünste“, murmelte er in das Ei, das er sich ziemlich nah vor das Gesicht hielt, um das aufplatzende Eigelb zur Not im letzten Moment retten zu können.
Tonis Ärger schien verflogen zu sein, denn er lachte prustend los, was sich ziemlich schnell auf James übertrug, der für eine Sekunde nicht aufpasste und das Eigelb zerstach. Die gelbe Flüssigkeit verteilte sich auf seinen Fingern und tropfte unkontrolliert in das bisher gesicherte Eiweiß in der anderen Schüssel und ihr Gelächter verstummte abrupt.
„Nimm deine Hände da weg!“ schrie Toni panisch und zog James von der Schüssel weg zur Spüle, wo er anfing seine Finger mit Wasser zu bespritzen.
Völlig außer Atem standen die beiden mit weit aufgerissenen Augen vor der Spüle und starrten die Schüssel mit dem Eiweiß an, die sie zu verhöhnen schien. Die gelben Tropfen liefen in dicken Spuren nach unten in die klare Flüssigkeit und vermischten sich dort ein wenig mit ihr.
„Nahahahahahein“, jammerte James verzweifelt und knallte seine Stirn ungebremst auf die Kante der Arbeitsplatte. Toni neben ihm klopfte ein paar mal aufmunternd auf seine Schulterblätter und schüttelte ungläubig den Kopf, als James sein Gesicht zu Toni drehte, während er die Stirn auf der Arbeitsplatte liegen ließ.
„Vergiss es, es wird nie funktionieren. Wir sind nicht Manns genug hierfür“, stellte James verdrossen fest, doch schüttelte Toni ununterbrochen den Kopf, nur um ihm irgendwann todernst in die Augen zu sehen.
„Was denkst du?“ fragte James seinen Kameraden und stellte sich aufrecht vor ihn, die Stirn in misstrauische Falten gezogen.
„Es gibt nur noch eine Möglichkeit“, raunte Toni geheimnisvoll und James riss die Augen voller Entsetzen auf.
„Nein! Nur über meine Leiche!“
„Du weißt, es geht nicht anders“, bedauerte Toni offenbar ein wenig seine Andeutung, aber er schien es wirklich durchziehen zu wollen.
„Nein, nein, nein, leg das Ding weg!“ verlangte James lauter werdend und versuchte Toni das Smartphone aus der Hand zu nehmen, doch der wehrte ihn mit einer geschickten Drehung ab und tippte wie wild auf dem Bildschirm herum.
„Gib das her“, zischte James angestrengt und umkreiste Toni, um ihm das Telefon im richtigen Moment abnehmen zu können, doch der hielt ihn konsequent auf Abstand und schon nach kurzer Zeit begann er ein Telefongespräch.
„Hey! Gut, und dir? Schön. … Nein, es ist nichts passiert. Beziehungsweise, wir haben ein Problem, das nur so gelöst werden kann. … Ein einfacher Kuchen. … M-hm, nichts allzu Spektakuläres, sie soll schließlich nichts ahnen und beeindruckt sein. … Klar gebe ich ihn dir“, sprach Toni unbehelligt und hielt James das Telefon entgegen.
Zögernd nahm er es und hielt es sich ans Ohr, wobei er die Augen schloss und sich gefasst machte.
„Hey, Mom“, seufzte er zerknirscht und hörte seine Mutter schon gut gelaunt am anderen Ende wühlen.
„Jimmy! Ich halte hier gerade ein Backbuch in den Händen, da stehen die einfachsten Rezepte drin. Was hattest du dir denn vorgenommen? Eher leicht und locker oder einen Rührteig?“ fragte sie unbeschwert.
„Ich weiß weder was du mit dem ersten meinst noch habe ich jemals vom zweiten gehört“, gestand James, die Augen immer noch geschlossen und die freie Hand gegen seine Stirn gepresst. Er hatte den Kopf etwas zu fest gegen die Arbeitsplatte geknallt.
„Die Lage ist also schlimm... Stell mich auf Lautsprecher, wir legen sofort los“, verkündete sie und James tat wie ihm geheißen. Toni und er führten in der nächsten Stunde alle Handgriffe, die sie ihnen ansagte, aus und achteten peinlich genau auf Mengenangaben, Konsistenzen und Farbe des Teigs, die seine Mutter offenbar auswendig kannte.
Die ganze Prozedur endete mit der erfolgreichen Verfrachtung einer gefüllten Kuchenform in den vorgeheizten Ofen, in dem der Kuchen knapp eine Stunde bleiben sollte.
James und Toni hatten heute das erste Mal einen Gugelhupf gebacken.

Am späten Abend trat James in frischer Kleidung nach einer ausgiebigen Dusche aus seinem Schlafzimmer und fand Toni auf dem Sofa vor, wo der sich im Fernsehen irgendeinen Blödsinn ansah.
James stand für eine volle Minute einfach da und starrte an die gegenüber liegende Wand. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er war regelrecht nervös. So nervös war er nicht einmal gewesen, als er das erste Mal zu einem Auslandseinsatz geflogen war.
„Bleibst du da stehen, oder gehst du heute noch zu ihr?“ fragte Toni aus dem Wohnzimmer und klopfte sich beiläufig mit der Fernbedienung gegen die Schläfe.
„Ich habe das Gefühl, dass ich bis ich dort bin entweder durchgeschwitzt bin oder mich vor Nervosität eingenässt habe“, spuckte James erstickt aus und kratzte sich am stoppeligen Kinn. Er hatte erst überlegt, ob er sich rasieren soll, doch dann war ihm eingefallen, wie Kelly ihm gegenüber mal erwähnt hatte, dass sie Dreitagebärte viel attraktiver fand.
„Du bist ein Idiot und ich will, dass du das weißt“, sagte Toni unbeeindruckt und musterte ihn von oben bis unten.
„So willst du da hingehen?“ fragte er und deutete mit dem Zeigefinger auf James' ausgetragene Jeans und seinen einfachen schwarzen Pullover.
„Ja, wieso?“ wollte James schnippisch wissen und verzog verärgert das Gesicht.
„Ich frage nur. Ihr kennt euch lange, ich weiß, aber du solltest-“, begann Toni erneut, doch James ließe sich jetzt so kurz vor dem Ziel nicht noch mehr aufstacheln. Es reichte, wenn er selbst an sich zweifelte.
„Bist du nicht hier, um mich moralisch zu unterstützen?“
Toni schwieg. Dann legte er den Kopf schief und nickte.
„Die Lady wird es mögen. Ich glaube nämlich, dass die anderen Schwärmer ihr in keinster Weise zusagen. Nur so als kleiner Insider-Tipp.“
Damit meinte er diesen einen gewissen Schwärmer, über den James sich seit einem Jahr aufregte. Er kam sich vor, als würde er sein Revier verteidigen müssen, dabei war Kelly nicht seine Freundin und ihm auch keinerlei Rechenschaft schuldig.
Sie konnte diesen Typen also nicht einmal leiden.
Hervorragend.
Das erhöht deine Chancen, Jimmy.
Raus aus meinem Kopf, Mom!
„Guck nicht so blöd, fahr endlich!“ holte ihn Tonis Stimme zurück in die Realität und er lief zur Garderobe, um sich Schuhe und Jacke anzuziehen und den Schlüssel zu schnappen.
James öffnete die Tür und war halb auf den Flur getreten, als er noch einmal Kehrt machte und in die Küche eilte, wo er den Kuchen hatte stehenlassen.
„Gut gemacht. Dein Kopf ist also doch angewachsen“, rief ihm Toni aus dem Wohnzimmer hinterher und James äffte ihn wortlos nach, während er die Tür hinter sich ins Schloss zog und zu Fuß durch das Treppenhaus in den Keller lief, von wo aus er direkten Zugang zur Tiefgarage hatte, in der sein Auto stand.
Nervös stellte er den Kuchen auf den Beifahrersitz und schnallte ihn behutsam an, damit er nicht unkontrolliert durch das Auto fliegen konnte.
Den relativ kurzen Weg zu Kellys Wohnung fuhr er in Rekordzeit und er blieb mehrere Minuten in seinem Auto sitzen, um sich hilflos am Lenkrad festzuklammern. Er wusste nicht einmal, ob sie alleine wäre.
Schließlich hatte sie heute Geburtstag und da war es doch üblich, dass man da Gäste empfing. James betete zu allen Göttern, dass sie alleine sein möge, um nicht noch ihren Eltern oder sonstigen Verwandten über den Weg laufen zu müssen.
Er wollte nicht bei der ersten Begegnung von einem langen Tag voller Enttäuschungen gebeutelt sein. Wieso ging er überhaupt davon aus, dass er ihnen jemals begegnete? Und 'erste Begegnung'? Das klingt verdächtig nach einem langfristigen Plan, Jimmy.
James schüttelte den Kopf und stieg selbstbewusst mit dem Kuchen in der Hand aus. Sollten sie doch dort oben sein, sollten sie sich ruhig dort tummeln – er bliebe standhaft und vor allem gelassen.
Er war kein Idiot und er war schon etwas länger als drei Wochen mit ihr befreundet, da durfte er ihr auch einen selbstgebackenen Kuchen mitbringen wie er wollte und so oft er es wollte.
Während er auf die Haustür zu ging, steigerte er sich immer weiter hinein und merkte, wie sehr er auf Krawall gebürstet war, sobald es um Kelly ging. Dieser Trottel von Verehrer konnte sich auf etwas gefasst machen, wenn er sie noch einmal so offensichtlich begaffte.
Was, wenn er hier war?
Bevor er sich fragen konnte, warum er Kelly so etwas unterstellte, drückte sein Finger schon die Klingel mit ihrem Nachnamen und er wartete ungeduldig darauf, dass sie sich endlich meldete.
„Ja?“
„Hey, ich bin's. ... Äh, James.“
Sie lachte.
„Komm hoch!“
Der Türöffner sirrte und James drückte die Klinke. Dann trat er in das Gebäude, in dem der Bewegungsmelder das Licht im Flur sofort anknipste. Mit wild pochendem Herzen stieg er in den Fahrstuhl und ließ sich in den fünfzehnten Stock bringen.
Die Schiebetüren öffneten sich und er trat auf den kleinen Flur, wo er immer wieder mit Faszination ihre wirklich kleine Schuhsammlung begutachtete, die sie hier lagerte.
Er klopfte zaghaft und lauschte ein wenig, ob er noch andere Stimmen hören konnte, doch die Wohnung war vollkommen still, bis auf die Schritte, die sich der Tür näherten.
Kelly öffnete die Tür und er hielt den Atem an.
Ihre widerspenstigen schwarzen Locken hatte sie locker zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, eine Strähne fiel ihr frech ins Gesicht. Ihre dunkle Haut schimmerte im Licht, das aus dem Flur auf sie fiel.
„Alles Gute zum Geburtstag“, sagte er mehr oder weniger überzeugt und stand etwas unbeholfen im Flur herum, bis sie ihn breit angrinste und ihn hereinbat.
„Was hast du denn da, wenn ich so unverschämt sein darf zu fragen?“ begann sie und deutete mit dem Kinn auf den eingepackten Kuchen, den er wie einen Schutzschild festhielt.
„Äh, selbst gemacht“, erwiderte er und drückte ihr die Platte mit Deckel in die Hand, die sie hochhob, um den Inhalt ihres Geschenks zu betrachten.
„Ein Gugelhupf?! Wie lieb von dir! Ich wusste gar nicht, dass du backen kannst“, sagte sie ehrlich erfreut und roch an dem Gebäck, das sie vor ihm her in die Küche trug. Die Wohnung war wirklich leer.
James folgte ihr und hatte die Befürchtung, dass er vor lauter Erleichterung leichenblass aussehen könnte, aber sie gab ihm nicht die Chance sich zu rehabilitieren, sondern zerrte ihn in die Küche und platzierte ihn auf einem der Stühle am Esstisch.
„Willst du was trinken?“ fragte sie gastfreundlich, doch schüttelte er den Kopf und legte die Hände unbeholfen auf die Knie.
„Ähm, ich hatte eigentlich früher herkommen wollen, aber der Kuchen … Es war schwieriger als gedacht“, gab er zu und sie sah ihn irritiert an.
„Das ist ein Gugelhupf, James. So schwierig ist das doch gar nicht“, lachte sie.
„Na ja... Du hast den vierten Versuch in der Hand.“
„Oh.“
„Wir waren zu zweit.“
„Wer?“
„Toni. Und später noch … meine Mutter.“
„Was?!“ prustete Kelly ungehalten los und hielt sich irgendwann den Bauch vor lachen.
„Wir haben sie angerufen“, erzählte er jetzt auch lachend und fühlte eine Last von sich abfallen. Es hatte sich richtig angefühlt die Wahrheit zu erzählen.
„Ihr seid echt mutig, Soldaten. Wagt ein so riskantes Unterfangen für die holde Maid“, scherzte sie weiter und lachte so lange, bis sie sich Tränen aus den Augenwinkeln wischen musste.
„Hmja“, machte James unsicher und sah ihr dabei zu, wie sie lachte.
Es dauerte noch ein paar Sekunden, dann hatte sie sich wieder im Griff. Doch sah sie ihn nicht mehr grinsend an, sondern ein wenig ermutigend.
„Wie mutig bist du, Soldat?“ fragte sie ihn mit kratziger Stimme und stützte sich mit den Handflächen neben ihrer Hüfte an der Arbeitsplatte ab.
„Offenbar nicht mutig genug“, murmelte er missmutig und blickte ihr in die Augen. „Ich bin ein Idiot, Kelly. Schieb's seit über einem Jahr vor mir her. Letztes Jahr sind fünf Kuchen im Müll gelandet.“
„Fünf?“
„Und das im Irak, es war gar nicht so leicht an Zutaten zu kommen.“
„Ich erinnere mich“, sagte sie lahm.
„Du scheinst es echt ernst zu meinen mit diesem Kuchen, hm?“ fragte sie nach einer kurzen Gesprächspause und verschränkte die Arme locker vor der Brust.
„Ziemlich“, bestätigte er.
Sie löste sich von der Arbeitsplatte.
„Vielleicht solltest du einfach mal das Rezept vergessen und Freestyle versuchen, James. Manche Kuchen vertrocknen nämlich, egal wie sehr du versuchst sie frisch zu halten“, sagte sie bedeutungsschwer und setzte ein halbes Lächeln auf.
James überlegte.
Aber er überlegte nicht lange.
Noch am selben Abend wurde sie endlich seine Lady.
Und nur seine.

Anmerkung: Hier versuche ich zum ersten Mal etwas leichtere Kost zu schreiben, bei der sich nicht alles um Mord und Totschlag dreht... Wer Lust hat, kann ja gerne eine kurze Einschätzung dieses Versuches hinterlassen, das würde mir sehr helfen :) Ansonsten hoffe ich, dass ihr euch ein wenig unterhalten gefühlt habt.
LG, Erzaehlerstimme
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