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Der letzte Wunsch

von Snowsong
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Enki Gokuu Samon Gokuu
07.10.2017
10.10.2017
4
7.035
5
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Dieses Kapitel
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07.10.2017 1.145
 
Ein verspätetes Geburtstagsgeschenk an meine Freundin scheherazades-dominion.^^




Frieden


Enki war stark. Er galt als der stärkste Wächter ganz Namba.
Es gab nur einer, der es mit seiner Stärke aufnehmen konnte. Und das war Hajime Sugoroku.

Samon stand zitternd auf einer Mauer von Gebäudeblock 5 und beobachtete die beiden Männer unter sich. Der Kampf schien mit jedem Hieb an Härte zuzunehmen.

Namba... eine Gefängnis irgendwo im japanischen Meer. Nur die schlimmsten Schwerverbrecher kamen hier her.
Vor einigen Jahren hatte er hier her gewechselt, hatte unter seinem älteren Bruder Enki Gokuu gedient. Zusammen hatten sie Gebäudeblock 5 geleitet. Sie beide hatten sich schon immer nahe gestanden und Samon hatte mit Freuden gearbeitet.
Doch eines Tages war Enki anders gewesen. Samon gab sich die Schuld, es nicht früher bemerkt zu haben. Etwas war mit seinem Chi gewesen, etwas fremdes hatte sich an Enki gehängt, etwas, was da nicht hingehörte.

Am selben Tag hatte Enki einen Gefangenen getötet.

Es war Samon fast so, als würde er seinen blutverschmierten Bruder noch einmal sehen, ein wahnsinniges Lächeln auf den Lippen.

Und um seinen ganzen Körper feine, kaum wahrnehmbare goldene Chifäden. Enkis Chi war grün. Nicht so hell wie das von Samon aber es war grün.

Samon kannte Enki. Sein Bruder würde nie jemanden grundlos erschlagen.
Aber auf ihn hatte niemand gehört. Schließlich war er der kleine Bruder des Angeklagten. Glücklicherweise hatten sie eine Hinrichtung abwenden können. Lebenslänglich war das Urteil gewesen.
Glück im Unglück in Gebäudeblock 5 das über unterirdische Zellen verfügte. So konnte Samon Kontakt halten. Enki sprach zwar nie viel; hatte es nie getan, aber Samon brauchte auch keine Worte. Ihm reichte das glückliche aufflammen von Enkis Chi, wenn Samon ihn besuchte.

Noch immer suchte Samon nach dem Grund, warum sein Bruder beschlossen hatte, jetzt auszubrechen. Was war der Auslöser dafür? In den letzten Stunden hatten sich die Ereignisse überschlagen.
Enki war mit zwei anderen ausgebrochen, Inori hatte ihn verraten, Hajime war dazugestoßen...

Es knallte.
Die Steinplatte im Hof zersprangen als Hajime nach Enki schlug und dieser auswich. Der Hieb war stark genug, um Knochen zu zertrümmern. Ein direkter Treffer würde auch Enki schaden.

Warum? Warum musste es nur so weit kommen?

Samon ballte die Hände zur Faust.
Er war auch ein Kämpfer, aber er konnte mit der Stärke der beiden nicht mithalten. Er war schneller als Hajime und schneller als Enki, aber er konnte keinen ihrer Hiebe blocken.
Auch war er emotional gebunden. Nein, es war gut das Hajime diesen Kampf führte und nicht er.
Er hatte ja schon vor ein paar Stunden kläglich gegen Enki versagt.

Nur...

Es tat Samon in der Seele weh, diesem Kampf zuzusehen. Er wusste, Hajime ging aufs Ganze. Der Wärter aus Block 13 würde Enki töten wenn es sein musste. Ein Schritt zu dem Samon nie bereit gewesen war.
Er glaubte an Enkis Unschuld und er würde diesen Standpunkt auch bis zu Letzt verteidigen.

Enki hatte ihn nie um Hilfe gebeten. Er hatte sein Urteil akzeptiert.
Also warum war er jetzt ausgebrochen? Warum nahm er einen Kampf in Kauf? Warum verdammt?

Samon hatte sich noch nie in seinem Leben so hilflos gefühlt.

Mit hängenden Schultern beobachtete er, wie der Hof weiter zerstört wurde. Samon hatte unendlich viele Stunden dort verbracht um zu trainieren. Aber er hatte noch mehr Zeit investiert, um den Ort zu bepflanzen und schön herzurichten. Alles was er mochte, alles was er liebte schien zu Asche zu zerfallen.

Eine einzige Träne löste sich aus seinen Augen. In seiner Ausbildung hatte er auch so einen Fall auf dem Papier bearbeitet. Und wie jeder andere Kursteilnehmer hatte er geantwortet:

„Lässt sich ein Gefangener der als ´Extrem Gefährlich` eingestuft wurde nicht wieder einfangen, dann wird das Feuer mit scharfer Munition gestattet. Es wird erwartet das jeder Wächter alles in seiner Macht stehende unternimmt, um den Gefangenen unschädlich zu machen.

Selbst wenn das bedeutet, den Gefangenen zu töten.“


Samon hatte nicht realisiert, dass er von der Mauer gesprungen war. Seine Beine trugen ihn ohne das er es wahrnahm auf die beiden Kämpfenden zu.
Hajimes Rubinrotes Chi glühte, verriet die absolute Bereitschaft Enki mit diesem Hieb zu töten.

Enki und Hajime waren in ihren Kampf so vertieft gewesen, dass sie Samon nicht bemerkten. Die Fäuste zum finalen Schlag erhoben.
Samon wusste, er konnte keinen der beiden Hiebe blocken. Er konnte sie umlenken.
Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was der Preis für sein Eingreifen war, sprang Samon dazwischen.

Die Zeit schien still zu stehen.

Enkis Augen weiteten sich.
Hajime zog scharf die Luft ein.
Samon lächelte.

Für einen winzigen Moment, den Bruchteil einer Sekunde konnte er Enki in die Augen sehen.
Alles wird gut!  Wollte er sagen.

Dann floss die Zeit unerbittlich weiter.

Enki hatte versucht den Schlag abzulenken, genau so wie Hajime. Samon wusste nicht, welche Faust ihn traf. Vielleicht beide.
Er hörte das Knacken, das brechen seiner eigenen Knochen. Spürte, wie sein Körper weggeschleudert wurde als wäre er ein Blatt im Wind. Etwas stoppte seinen Flug, hielt ihn.

Wo war der Schmerz?

Samon nahm war, das er auf dem Boden lag. Dort wo eigentlich seine Beine sein sollten, war ein taubes Gefühl. Und warum war es dunkel? Er hatte die Augen doch offen. Warum sah er nichts?

„Samon!“

Stimmen, so viele Stimmen die seinen Namen riefen. Voll Verzweiflung, voll Schmerz... voller Angst!
Jedoch war nur eine für ihn relevant.

„Aniki...“ seine eigene Stimme klang so schwach, so gebrochen.

Jemand näherte sich. Enkis Chi flammte um ihn herum. Samon versuchte, den Kopf in die Richtung zu drehen, in die er Enki wahrnahm.
„Aniki...“ es wollte ihm nicht gelingen. Was war nur los mit seinem Körper? Warum waren da keine Schmerzen?

Er hob die Hand. Schon diese kleine Bewegung schien so unendlich schwer zu werden. Eine große Hand schloss sich um die seine.

Enki war da.

„Aniki... ich kann dich nicht sehen.. es ist... dunkel...“
Enki antwortete nicht. Sein Chi aber sprach für sich.
Samon sah Angst.
Er sah Trauer.
Er sah Verzweiflung.

„Wie schlimm ist es?“ wollte er wissen. Enki würde ihn nicht anlügen.

„Samon... du wirst das hier nicht überleben.“ Enkis Stimme war emotionslos, so wie immer. Sachlich, nur auf die Fakten beruht.
Samon gluckste.
„Hast du starke Schmerzen?“ fragte Enki leise.

„Ich spüre nichts... nichts...“ wisperte Samon.

Seltsame. Sollte er nicht zumindest Angst haben? Sich fürchten?
Enki hatte ihn noch nie angelogen. Wenn Enki sagte, er würde sterben, dann würde das so sein. Sollte er da nicht etwas... empfinden? Aber alles was er empfand war eine bleierne Müdigkeit, die sich langsam in ihm ausbreitete.
Das einzige was Samon fühlte, war bedauern. Er ließ Enki hier alleine zurück. Das stimmte ihn traurig.

„Aniki?“
„Ja, Samon?“
„In unserem nächsten Leben... ich wünschte... das wir wieder Brüder werden. Wäre das... nicht schön?“
Kurz herrschte Schweigen. Dann:
„Ja Samon. Das wäre sehr schön.“
Samon lächelte. Frieden breitete sich in ihm aus.

Jetzt konnte er getrost einschlafen.
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