Kleine Worte, Große Gesten

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
Hauptkommissar Frank Thiel Herbert Thiel Kommissaranwärterin Nadeshda Krusenstern Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne Rechtsmedizinerin Silke Haller Staatsanwältin Wilhelmine Klemm
07.10.2017
07.10.2017
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Er ließ seinen Blick ein letztes Mal durch die Küche schweifen und durchaus zufrieden mit dem Grad an Sauberkeit und Ordnung knipste er das Licht aus. Auf dem Weg nach draußen steckte er seinen Kopf noch kurz durch die Bürotür. Willy war dort mit der Abrechnung beschäftigt. Sie blickte auf und nahm ihre Zigarette aus dem Mundwinkel, als er die Tür öffnete.

„Ich bin dann weg für heute.“, sagte er.

„Ja, ist gut. Ach und Frank?“

„Hm?“

„Denk dran: morgen Abend haben wir diese große Gesellschaft. Fast siebzig Personen. Da muss das Buffet vorher fertig sein und abends brauche ich dich an der Theke.“

Frank seufzte. „Muss das sein, Wilhelmine?“ Sie hasste es, wenn er sie so nannte. „Ich bin schließlich Koch und kein Barkeeper.“

„Aber du bist nun mal der einzige meiner Angestellten, der ordentliche Cocktails mixen kann, und da werden die Damen und Herren Akademiker von der Uni morgen ganz scharf drauf sein.“

„Was du nicht sagst. Dafür hab ich dann aber nächsten Monat einen freien Abend mehr.“

Willy grinste ihn an. „Darüber lässt sich möglicherweise reden.“, sagte sie und winkte zum Abschied, während er ihr eine gute Nacht wünschte. Als er den Schloßgarten verließ, wäre er beinahe in Nadeshda hereingelaufen. Sie stand in der Tür und kramte im Licht der Laterne neben dem Eingang in ihrer Handasche.

„Oh, Tschuldigung.“, sagte Frank.

„Kein Problem. Ah, hier ist er ja.“ Und damit zog sie ihren Autoschlüssel hervor. „Kann ich Sie mitnehmen, Chef?“

„Nee danke. Ich bin mit dem Fahrrad da.“

Gemeinsam gingen sie über den kurzen Kiesweg in Richtung Straße.

„Na, sind Sie schon aufgeregt wegen morgen, Frau Krusenstern?“, fragte Frank und Nadeshda sah ihn von der Seite her an.

„Sollte ich das denn sein?“

„Immerhin sind Sie zum ersten Mal mehr oder weniger alleine für einen ordentlichen Teil des Buffets verantwortlich.“

„Och, das werde ich schon hinkriegen.“ Die junge Frau machte jetzt seit etwas über einem Jahr ihre Ausbildung bei ihnen im Schloßgarten und hatte dabei – völlig zu Recht – ein gesundes Selbstbewusstsein. Sie machte ihre Arbeit gut und stellte sich wesentlich geschickter an, als so mancher Aushilfskoch, den Willy ihm und Meier, dem zweiten Koch, schon vorübergehend an die Seite gestellt hatte.

„Davon bin ich überzeugt.“, erwiderte Frank deshalb, während er sein Fahrrad losschloss.

„Übernehmen Sie morgen Abend die Theke?“, erkundigte Nadeshda sich.

„Ja. Und Sie?“

„Frau Klemm hat mich für den Service eingeteilt.“ Sonderlich begeistert klang Nadeshda nicht. Frank lächelte ihr aufmunternd zu.

„Und damit hat Frau Klemm auch völlig Recht. Ein Koch, der nicht servieren kann, ist kein guter Koch.“

Nadeshda nickte. „Ich weiß, Chef. Gute Nacht.“

„Nacht.“ Frank schwang sich auf sein Rad und fuhr durch fast menschenleere Straßen nach Hause.



Am nächsten Tag hatten sie im Schloßgarten durch das Mittagsgeschäft und die Vorbereitungen für das Buffet alle Hände voll zu tun und viel schneller als ihm lieb war fand Frank sich am frühen Abend hinter der Theke wieder. Er hatte noch keinen Blick auf die Gäste werfen können, weil die während des Essens nebenan im großen Saal saßen, aber Willy hatte gestern wohl Recht damit gehabt, dass die Leute von der Uni gerne und viel tranken. Nadeshda schleppte jedenfalls ein Tablett voller Bier, Wein und Cocktails nach dem anderen in den Nebenraum und Frank kam mit Zapfen, Mixen und Einschenken kaum hinterher. Das würde noch anstrengend werden. Aber immerhin konnte er sich darauf verlassen, dass Willy ihm zur Hand gehen würde, sollte es allzu hoch hergehen. Jetzt lehnte sie allerdings entspannt neben ihm am Tresen und goss sich ein Glas Wasser ein.

„Was feiern die da drin eigentlich?“, wollte Frank wissen.

„Wenn ich das richtig verstanden habe, sind die vom Germanistischen Institut und irgendein Professor feiert seinen Fünfundsechzigsten.“, erklärte Willy.

„Aha. Und gleich mit dem vollen Programm, was?“, grinste Frank und deutete zu der kleinen Bühne am anderen Ende des Raumes, auf der eine Band gerade ihre Instrumente aufbaute. Die Feier würde mit Musik, Tanz und Alkohol wohl noch bis tief in die Nacht andauern. Willy lächelte zufrieden.

„Tja, was das angeht, können wir von der Nähe zur Uni eben auch nur profitieren.“

Der Schloßgarten lag am Rande des Botanischen Gartens, nicht weit vom Hauptgebäude der Universität entfernt. Und neben Touristen, Spaziergängern und Sonntagsausflüglern fanden eben auch immer wieder Studenten und Mitarbeiter der Universität ihren Weg in den Schloßgarten, die das Lokal auch gerne für ihre Feierlichkeiten und Partys nutzten. Es war wohl praktisch, wenn man nach Vorlesungsschluss nicht erst noch durch halb Münster gurken musste, um sich ein Feierabendbier zu gönnen. Über mangelnde Kundschaft konnten sie sich jedenfalls nur höchst selten beklagen und Willy war eine gute Chefin. Sie hatte den Laden fest im Griff, verlangte viel von ihren Angestellten, war aber immer fair und wenn man sich erst einmal an ihre mitunter etwas ruppige Art gewöhnt hatte, konnte man wunderbar mit ihr auskommen. Frank hatte wirklich Glück gehabt, gleich einen so guten Job zu finden, als er vor ein paar Jahren wieder nach Münster gezogen war.



Das Essen war schon lange vorbei und die Band hatte bereits einige Lieder gespielt, als Frank endlich einen Moment fand, in dem er seinen Blick durch den Raum und über die Gäste schweifen lassen konnte. Und er entdeckte tatsächlich jemanden, der ihm nicht komplett unbekannt war. Am Rand der Tanzfläche stand ein Mann mit Anzug, dunklen Haaren, Brille und Bart und er schien sich angeregt – und äußerst gestenreich – mit einer überraschend kleinen blonden Frau zu unterhalten. Frank wusste, dass der Mann sie dabei aus ganz unglaublichen Augen ansah, die funkelten wie grüner Bernstein. Ansonsten wusste er eigentlich nicht viel über ihn, außer dass er in der Wohnung gegenüber von seiner eigenen wohnte. K-F Boerne stand auf dem Klingelschild und wenn sie sich im Hausflur begegneten, dann grüßte dieser Boerne mit einem lauten Guten Morgen oder mit einer erhobenen Hand und einem angedeuteten Lächeln. Und eben mit diesen grünen Augen, die Frank schon bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen waren. Aber mehr als ein paar Worte, die die Tageszeit anzeigten, hatten sie noch nie miteinander gewechselt. Frank war auch nicht gerade der Typ, der stundenlang im Treppenhaus mit seinen Nachbarn tratschte oder gar engere Bekanntschaften mit ihnen pflegte. Jetzt konnte er aber immerhin noch davon ausgehen, dass Boerne dann ja wohl an der Universität arbeitete, denn für einen Studenten war er eindeutig schon zu alt. Er konnte nur einige Jahre jünger sein als er selbst. Oder studierten die Leute heute noch mit Mitte dreißig?

„Chef, hören Sie mir überhaupt zu?“ Frank schreckte aus seinen Gedanken auf, als Nadeshda ihm mit der Hand vor dem Gesicht rumwedelte. „Machen Sie mal noch vier Pils?“

„Ja sicher. Schon dabei.“

Als Nadeshda sich mit dem Tablett wieder unter die Menge gemischt hatte, trat Willy neben ihn.

„Na, wen schmachtest du an?“, fragte sie und stieß ihn mit dem Ellenbogen an.

„Haha, sehr lustig.“

„Sag schon.“, forderte sie ihn lachend auf, aber Frank sah sie nur genervt an. Dann huschte sein Blick noch einmal kurz zum Rand der Tanzfläche, wo Boerne seiner Gesprächspartnerin jetzt eine Hand auf die Schulter gelegt hatte, und er widmete sich wieder der nächsten Getränkebestellung.

„Die kleine Blonde oder den großen Dunkelhaarigen?“ Willy konnte es auch einfach nie gut sein lassen.

„Nicht, dass dich das irgendwas anginge, aber ich schmachte niemanden an, sondern habe nur eben meinen Nachbarn entdeckt.“

„Deinen Nachbarn, schon klar.“ Willy grinste ihn breit an und die Tatsache, dass Boerne ausgerechnet in diesem Moment zu ihnen an die Theke trat und ihn freundlich anlächelte, trug sicher nicht gerade dazu bei, Willys überschäumende Fantasie zu besänftigen.

„Hallo Frank. Ich wusste gar nicht, dass du hier arbeitest.“, rief Boerne über die Musik hinweg und es klang, als würden sie sich schon ewig kennen. Frank war einen Moment perplex, aber vermutlich hatte der andere einfach nur schon ein wenig zu viel getrunken. Jedenfalls wirkte Boerne eigentlich nicht wie jemand, der seine Mitmenschen, von denen er nicht mehr wusste als den Namen, der an der Tür stand, einfach ungefragt duzte. Aber was machte das schon?

„Und ich wusste nicht, dass du an der Uni bist.“, brüllte Frank deshalb zurück und verzichtete darauf, einen Namen zu nennen, weil er nicht den Hauch einer Ahnung hatte, wofür K-F wohl stehen mochte, und Boerne konnte er ja schlecht sagen, auch wenn er in Gedanken auf den Nachnamen zurückgriff. Boerne zuckte zur Antwort nur mit den Schultern. Hatte er ihn jetzt gehört oder nicht? Das war aber auch laut hier, man verstand ja kaum sein eigenes Wort. Doch bevor Frank sich dazu entscheiden konnte, den Satz zu wiederholen, fragte Boerne:

„Bekomme ich noch einen Wein?“

„Rot oder weiß?“

Diesmal bedeutete sein Nachbar ihm mit einem Kopfschütteln, dass er ihn nicht verstanden hatte. Also hob Frank die beiden Weinflaschen an, beugte sich unwillkürlich ein wenig über die Theke und wiederholte seine Frage. Boernes Miene hellte sich auf.

„Rot bitte.“

Frank schenkte ihm ein Glas Rotwein ein und blickte ihm kopfschüttelnd hinterher, als er sich damit seinen Weg durch die Menge bahnte. Irgendwie war dieser Boerne ein komischer Kauz.



Wie erwartet wurde die Nacht dann noch lang und Frank kam erst sehr spät – oder sehr früh, wie man’s halt nahm – nach Hause. Als er die Treppen zu seiner Wohnung hochstieg, empfingen ihn die dumpfen Klänge sehr basslastiger Musik und er sah, dass bei Boerne noch Licht brannte. Einen winzigen Moment überlegte er, ob er vielleicht klingeln sollte, besann sich dann aber rasch eines Besseren. Und kam sich ein bisschen bescheuert vor. Der einzige Grund jetzt noch bei seinem Nachbarn zu klingeln, wäre sich über die laute Musik zu beschweren, aber in seiner Wohnung würde er die sicher schon nicht mehr hören. Frank gähnte herzhaft. Er war einfach viel zu müde.
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