Pechvogel

von NamYensa
OneshotHumor / P12
Draco Malfoy
06.10.2017
06.10.2017
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Es war, als hätte Draco das Pech heute gepachtet.

Alles fing damit an, dass er beim morgendlichen Aufwachen Crabbes und Goyles nervtötendes Geschnarche vermisste. Na ja, er vermisste es nicht wirklich, aber es war schon seltsam, dass er es nicht hörte. Diese ungewohnte Stille war ja beinahe unheimlich. Waren die beiden Klopse an den zwei Dutzend Muffins erstickt, die sie gestern vom Abendessen aus der Großen Halle geschmuggelt und spätabends in ihren Betten liegend widerlich schmatzend verschlungen hatten? Oder waren sie über Nacht von ihren eigenen Fettmassen erdrückt worden? Auch gut, kein großer Verlust. Niemand würde den beiden Dumpftröten und ihren unerträglichen Schnarchkonzerten nachtrauern.

Doch wenn es nicht die gewohnte Geräuschkulisse war, die ihn geweckt hatte, warum war er dann so früh aufgewacht?

Dösig blinzelte Draco ins dämmrige Licht des Schlafraums und gähnte herzhaft. Wie früh war es denn überhaupt? Früh genug, um die Augen nochmal zuzumachen und das Kissen noch ein Stündchen länger zu knutschen?

Noch immer nicht ganz wach und nichts Böses ahnend, tastete er träge und fahrig nach seiner Armbanduhr auf dem Nachttisch, warf einen müden Blick darauf, blinzelte, schaute noch einmal – und erstarrte: 8.57 Uhr! In drei Minuten begann Verwandlung bei McGonagall! IN DREI MINUTEN!

»Scheiße!«, fluchte er, mit einem Mal hellwach, und saß auch schon kerzengerade im Bett. Sein Weckzauber musste versagt haben. Aber warum zum Teufel hatte ihn keiner von den anderen geweckt? Doch der Schlafraum war leer, außer ihm war niemand mehr hier. Dieses heimtückische Gesindel hatte ihn mit voller Absicht verschlafen lassen und war einfach ohne ihn gegangen! Wahrscheinlich standen sie jetzt schon hämisch lachend vor dem Verwandlungsraum und kriegten sich nicht mehr ein vor Schadenfreude über das Nachsitzen, das McGonagall ihm für sein Zuspätkommen aufs Auge drücken würde. Verdammtes selbstsüchtiges Opportunistenpack!

Wütend feuerte Draco die Armbanduhr ans Fußende, sprang wie vom Schnarchkackler gebissen aus dem Bett – und stieß sich so heftig den Ellenbogen an der Nachttischkante, dass er zischend die Luft durch die Zähne zog.

»Scheißding!«, schnauzte er das hinterhältige Möbelstück an, rieb sich den gepeinigten Musikantenknochen und wollte die Füße hastig in seine Pantoffeln stecken. Doch einer davon schlitterte weg, so dass der Fuß statt des Pantoffels den Bettpfosten traf und Draco ein höllischer Schmerz durchzuckte, der ihm die Tränen in die Augen trieb. Verdammt! War er denn nur von gewalttätigem Inventar umgeben?!

Mit schmerzverzerrtem Gesicht und den Fuß mit dem malträtierten Zeh in der Hand auf einem Bein Richtung Tür hüpfend, brüllte er ein – diesmal besonders herzhaftes – »Verdammte Scheiße!« heraus, als er auf dem Weg dorthin auch noch an seinem Truhenkoffer hängen blieb und sich dabei das Schienbein rammte.

Angesichts seines angeschlagenen Zustands verzichtete er darauf, nach dem Ding zu treten, und humpelte, so rasch es ihm mit dem schmerzenden Zeh und dem nicht minder schmerzenden Schienbein möglich war, ins Bad, wo er schließlich unter dem Brausekopf stehend in Erwartung eines angenehm temperierten Duschbades die beiden Wasserhähne aufdrehte – und die Armatur des Heißwassers plötzlich kaputt in der Hand hielt. Dafür funktionierte der Kaltwasserhahn perfekt. Die nun statt des behaglichen warmen Schauers unerwartet auf ihn niederrauschende eiskalte Überraschung ließ Draco das Puckern im Zeh sofort vergessen und verhalf ihm zu einem unfreiwilligen Tänzchen, begleitet von wilden Urlauten, von denen er nicht einmal gewusst hatte, dass seine Stimmbänder sie überhaupt hervorbringen konnte. Aber Merlin sei Dank war außer ihm niemand mehr im Bad, der das hätte hören können, und immerhin sorgte dieses erfrischende Erlebnis dafür, dass er munter wurde.

Dass beim anschließenden Zähneputzen der Falz der Zahnpastatube aufplatzte und der Inhalt auf seine edlen schwarzen Lederpantoffeln platschte, war da keine Überraschung mehr und kaum noch ein müdes Zucken der Augenbraue wert.

Beim Ankleiden dann – wie nicht anders zu erwarten – sprang ein Knopf vom Hemd, beim Schuheanziehen verhedderten sich die Schnürsenkel, und zuletzt kriegte er keinen anständigen Krawattenknoten hin. Verdammte Zeitnot! Doch schließlich saß der Knoten, mehr oder weniger.

Bei all diesem frühmorgendlichen Ungemach war es dann auch kaum noch verwunderlich, dass sich beim hektischen Packen seiner Schulsachen Verwandlung für Fortgeschrittene nicht finden ließ und trotz mehrerer Adpare Buch!*-Versuche verschollen blieb. Wo zum Teufel war das Ding? Egal, er musste los.

Gehetzt verließ Draco endlich den Schlafraum und warf nebenbei noch einen Blick in den Türspiegel. Bei Merlins Krückstock, wer war dieser zerzauste Mensch?

»Deine Haartracht lässt zu wünschen übrig«, meckerte der Spiegel prompt. »Und der Krawattenknoten ist ein Witz.«

»Ich weiß!«, fauchte Draco den Spiegel an. Das blöde Ding hatte leider recht, seine Haare sahen aus wie ein zerrupftes Vogelnest, beinahe so schlimm wie die Katastrophe auf Potters Kopf. Aber er war schon so spät dran, dass er sich nicht noch mit Styling aufhalten konnte. Völlig unverständlich, aber McGonagall war Pünktlichkeit wichtiger als eine ordentliche Frisur.

Drei Minuten und einige Schimpftiraden später, als er mangels Frühstück mit knurrendem Magen auf dem Weg zum Verwandlungsraum die Flure entlangeilte, versuchte er, sein Haar mit den Fingern zu kämmen und wenigstens etwas in Form zu zupfen. Dabei fiel ihm prompt seine Schultasche herunter, die er unter den anderen Arm geklemmt hatte. Selbstverständlich sprang die Verschlussschnalle auf, und der gesamte Inhalt – Bücher, Pergamentrollen, Tintenfass und Federkasten – rutschte aus der Tasche und verteilte sich über den Boden des Korridors. Das durfte doch nicht wahr sein! Draco knirschte mit den Zähnen. Der Tag musste ihn wirklich hassen. Es hatte sich doch ausnahmslos alles gegen ihn verschworen! Gab es überhaupt etwas, was heute nicht schiefging?

Unnötig zu erwähnen, dass ihm bei dem Versuch, seine Sachen mit Accio wieder einzusammeln, der Zauberstab aus der Hand flog und zwischen das Chaos auf dem Boden kullerte.

»Verdammter Mist!«, fluchte er lautstark vor sich hin. »Das ist doch wirklich ein Scheißtag heute!«

»Na, na, na!«, kam es tadelnd von Unfried dem Unzufriedenen, dessen Portrait über ihm an der Wand hing und von dort empört auf ihn herunterspähte. »Spricht so ein Zauberer von edlem Geblüt?«

»Ach, leck mich doch mit deinem edlen Geblüt!«, giftete Draco ihn an, während er auf allen vieren hastig seine Siebensachen zusammenraffte und in die Tasche zurückstopfte. Wenigstens das klappte. Dann erhob er sich rasch und hastete weiter.

»Wo willst du denn so brandeilig hin, Draco?«, rief Pansy ihm zu, die mit Daphne und Tracey zusammen neben der Statue von Bodrod dem Bärtigen stand, warum auch immer. Worauf warteten die drei? Wieso standen sie hier herum, statt im Unterricht zu sitzen?

»Blöde Frage!«, rief er zurück, ohne seine Schritte zu verlangsamen oder sich auch nur umzusehen. »Verwandlung!«

»Verwandlung? Heute? Am Sonntag? Und mit offener Hose?«

Wie von einem Stupor getroffen, blieb Draco stehen. Wie jetzt – Sonntag? Heute war SONNTAG? Aber das konnte doch nicht … Das war doch … Ähm, nun gut.

»'Verwandlung' war nur ein Scherz«, behauptete er nach einem kurzen Räuspern und versuchte seinem Gesicht einen möglichst gelassenen Ausdruck zu verleihen, während er unauffällig den Reißverschluss seiner Hose schloss. »Wie wär's, wollen wir zusammen zum Frühstück?«

Ja, genau, zum Frühstück. Zu einem schönen, geruhsamen Sonntagsfrühstück. In aller Ruhe und völlig ohne Hektik – ganz so, wie es sich für einen Malfoy geziemte.

***


*) Adpare: Erscheine! = Zauber zum Auffinden von Gegenständen
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