Aussätzig

OneshotAngst, Tragödie / P16
Sir Guy of Gisborne
06.10.2017
06.10.2017
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LeperAussätzig

Autor:

Eugeal

Übersetzer:

Lady Gisborne

P16

Inhalt:

Vor zwanzig Jahren wurde Guys Vater als Aussätziger verbannt und nun wird eine von Guys schlimmsten Befürchtungen wahr

Disclaimer:

Bei dieser Geschichte handelt es sich um eine autorisierte Übersetzung von Eugeals englischer Originalstory Leper. Alle bekannten Charaktere und Orte in dieser Geschichte gehören selbstverständlich der BBC bzw. Tigeraspect und der Inhalt ist frei erfunden. Ich verdiene mit dieser Story kein Geld, sondern schreibe nur aus Spaß an der Freude. ^^

Link zur Originalstory:


Anmerkung:

Wie einige von euch vielleicht bemerken werden, habe ich mich bei der Übersetzung dieser Story ausdruckstechnisch etwas vom Original entfernt, was in diesem Fall aber beabsichtigt war. Zwar bemühe ich mich, wenn ich Geschichten übersetze, so nah wie möglich am Original zu bleiben, aber mir ist auch und vor allem wichtig, einen flüssigen und sinnvollen deutschen Text zu schreiben und die erwähnten Abweichungen habe ich in diesem Fall vorgenommen, weil ich hoffe, dass die Geschichte für euch dann „flüssiger“ ist und ihr mehr Spaß beim Lesen habt. ^^

♰~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~♰~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~♰

Zuerst war Marian erleichtert, als Guy of Gisborne aufhörte, ihr den Hof zu machen, doch als weitere Tage verstrichen und der Ritter nicht mehr an ihre Tür klopfte, begann sie, sich Sorgen zu machen.

Gisborne hatte niemals ein Geheimnis daraus gemacht, dass er in sie verliebt war und er war äußerst beharrlich darin gewesen, seine Gefühle mit teuren Geschenken und unbeholfenen Besuchen bei ihr zuhause zum Ausdruck zu bringen.

Nun kam er überhaupt nicht mehr zu ihr und wenn sie ihm in den Gängen der Burg begegnete, ging ihr der Ritter aus dem Weg und behauptete, dass er spät dran war oder irgendeinen Auftrag für den Sheriff ausführen musste.

Die junge Frau konnte sich den Grund für sein verändertes Verhalten nicht erklären und machte sich Sorgen.

Sie erwähnte ihre Zweifel gegenüber Robin, wurde jedoch enttäuscht, als dem Outlaw ein Auflachen entfuhr.

„Vielleicht ist Gisborne doch nicht so dumm, wie wir gedacht haben und hat erkannt, dass du ihn nicht willst. Wahrscheinlich hat er beschlossen, dass es einfacher ist, mit irgendeiner anderen Küchenmagd zu schlafen, als darauf zu hoffen, eine Adlige wie dich zu heiraten.“

Marian war entrüstet über Robins spöttische Worte,  begann jedoch gleichzeitig, darüber nachzudenken, ob er die Wahrheit gesagt haben konnte und fühlte sich auf unerklärliche Weise gekränkt.

Sie hatte Guy niemals haben wollen, doch es fühlte sich nicht richtig an, dass er es so plötzlich leid werden konnte, ihr den Hof zu machen.

Er hat behauptet, mich zu lieben. Konnte man die Liebe so einfach aufgeben?

♰~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~♰~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~♰

Guy schloss die Tür seines Gemachs und verriegelte sie. Nun, da er allein war, lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Tür und schloss die Augen, während ihm ein zittriges Seufzen entfuhr.

Er fühlte sich in die Enge getrieben, ohne Hoffnung für seine Zukunft.

Er war schon vorher in einer ähnlichen Lage gewesen, doch er hatte nie aufgegeben, sondern weitergekämpft, um seiner Armut zu entrinnen und sich eine neue Zukunft aufzubauen, ganz gleich, was geschah.

Eine Zeitlang war Guy erfolgreich gewesen.

Doch nun würde sein Leben erneut eine Hölle werden und er konnte nichts tun, um sich dagegen zu wehren.

Denn dieses Mal gab es keine Hoffnung.

Er grub seine Zähne in die Fingerspitze seines rechten Handschuhs, um ihn abzustreifen und starrte einmal mehr mit fasziniertem Grauen auf seine Hand.

Natürlich war der weiße Fleck noch da und obwohl Guy wusste, dass er nicht wie durch ein Wunder verschwunden sein konnte, sank ihm das Herz, als er ihn sah.

Ein Aussätziger.

Er war ein Aussätziger, genau wie sein Vater.

Es hatte langsam angefangen, mit einer ungewohnten Taubheit in seinen Fingern. Manchmal spürte er ein seltsames Kribbeln in seiner Hand, als würde jemand mit Nadeln hineinstechen, doch er hatte es nicht weiter beachtet.

Als er jedoch versehentlich ein Stück glühende Kohle vom Kamin berührt und keinen Schmerz gespürt hatte, hatte er angefangen, sich Sorgen zu machen. Als er seine Hand betrachtet hatte, war die Haut verbrannt und mit Blasen übersäht gewesen, doch er konnte keinen Schmerz spüren, noch nicht einmal die Berührung der heißen Kohle.

Er konnte überhaupt nichts spüren.

Im Laufe der nächsten Tage, während seine Verbrennung verheilt war, hatte er sich immer wieder eingeredet, dass es nur eine Reaktion auf seine Verletzung war. Der Schmerz musste so intensiv gewesen sein, dass sein geist sich weigerte, ihn wahrzunehmen. So etwas konnte passieren, immerhin hatte er Geschichten von Soldaten gehört, die selbst mit schweren Verletzungen weitergekämpft und keinen Schmerz gespürt hatten, bis die Schlacht vorüber war.

Doch er befand sich in keiner Schlacht und der Schmerz kam nie.

Guy wusste nur zu gut, was das bedeutete, doch er konnte es nicht akzeptieren.

Er hatte mitangesehen, wie sein eigener Vater einen Dolch aus seiner Hand gezogen hatte, ohne auch nur zu zucken. Er hatte seinen Vater, seinen aussätzigen Vater, in einem Grab stehen sehen, als er aus seinem Heim verbannt worden war und alles verloren hatte.

Die Verbrennung heilte zwar, doch seine Hand heilte nicht und anstelle der roten, durch die Verbrennung verursachten Blasen erschien ein weißer Fleck auf seiner Haut, eine Stelle aus blasser Haut, die sich vollkommen taub anfühlte. Und auf seiner anderen Hand erschien ein weiterer Fleck.

Er verbarg sie, indem er seine Handschuhe trug, doch die Taubheit war immer da und erinnerte ihn ständig daran, dass er seinem Schicksal nicht entrinnen konnte.

Ich bin unrein. Das ist die Strafe für meine Sünden. Es ist Gott selbst, der mich für all das niederstreckt, was ich getan habe.

Eines Tages, während er in den dunkelsten Gängen der Burg umherstreifte, um einfach nur in Bewegung zu bleiben und zu versuchen, seinen Kummer für eine kurze Weile zu vergessen, kam er an der Kapelle vorbei.

Unter Vaiseys Herrschaft war die kleine Kapelle von fast allen vergessen worden, ein heiliger Ort in einer gottlosen Burg und niemand ging dorthin, mit Ausnahme vielleicht von Marian, die dort manchmal für ihren kranken Vater betete.

Doch nun war die Kapelle leer und Guy trat ängstlich ein, als fürchtete er, dass ihn der Zorn Gottes niederstrecken  könnte. Er kniete vor dem Altar nieder und wollte um Gnade flehen, um ein Wunder bitten, doch er hatte das Beten verlernt und konnte die Worte nicht in seiner Seel finden.

Gott streckte ihn bereits nieder. Langsam, mit einem Fluch, der seinen Körper Tag für Tag verzehren würde, während er noch am Leben war.

Das war die schlimmste Strafe, die ihn hätte treffen können und er konnte sie nicht akzeptieren, sein ganzes Sein begehrte dagegen auf, doch tief im Innersten fürchtete er, dass er dieses grausame Schicksal verdiente.

Guy verbarg sein Gesicht in seinen von Handschuhen verhüllten Händen und weinte.

Er hatte Angst und wusste nicht, was er tun sollte. Es gab nichts, das er tun konnte.

Seine Hoffnungen, seine Träume und seine Ziele lagen zerbrochen vor seinen Füßen, wie das bruchstückhafte Licht, das durch das Buntglasfenster in die Kapelle fiel.

♰~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~♰~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~♰

Guy hatte aufgehört, Marian den Hof zu machen und begann, ihre Gesellschaft zu meiden.

Er liebte sie von ganzem Herzen und hatte davon geträumt, dass sie eines Tages seine Gemahlin werden würde, doch nun war dieser Traum gestorben. Wie konnte er um sie werben, wenn er von einer schrecklichen Krankheit heimgesucht wurde?

Er hielt sich von ihr fern, doch er kam nicht umhin, sie von weitem zu betrachten, verborgen in den Schatten, wo sie ihn nicht sehen konnte.

Ihre geschmeidige, ebenmäßige Gestalt war Balsam für seine Seele und zugleich eine Qual. Sie aus der Ferne zu sehen, war die einzige Freude, die ihm geblieben war, doch sie versetzte ihm gleichzeitig einen Stichs in sein Herz, weil sie alle seine verlorenen Träume verkörperte. Nun würde er sie niemals haben können, doch er wollte im Verborgenen über sie wachen, so lange er konnte.

Zur selben Zeit wuchs seine Ungeduld gegenüber dem Sheriff. Er musste ihm gehorchen und weiterhin wie üblich seiner Arbeit nachgehen, wenn er seinen Zustand verbergen wollte, doch mit einem Mal konnte Guy Vaisey als den bösen, grausamen kleinen Mann erkennen, der er wirklich war.

Der Sheriff verkörperte nun nicht länger einen Weg, um Macht zu erlangen, denn Guy wusste, dass Macht ihn nicht retten konnte und er hatte aufgehört, nach ihr zu streben und deshalb jeglichen Grund verloren, den es für ihn hätte geben können, Vaiseys schreckliche Befehle auszuführen. Was hatte es für einen Sinn, Taten zu begehen, die nur noch schwerer auf seinem ohnehin bereits dunklen Gewissen lasten würden, wenn sie ihm keinen Vorteil verschaffen würden?

Er hatte geglaubt, dass es notwendig war, Macht und Reichtum zu besitzen, um zu überleben und für eine Gemahlin zu sorgen, für Marian. Für sie war er bereit, seine Seele an einen Teufel wie Vaisey zu verkaufen, doch was hatte das nun für einen Sinn?

Er gehorchte ihm nach wie vor, um zu verhindern, dass man ihn als Aussätzigen erkannte, aber er tat es nicht aus vollem Herzen.

Ständig hatte Guy Angst, einen Fehler zu machen und sich vor den anderen zu verraten. Nur wenn er in den Schutz seiner Unterkunft zurückkehrte, konnte er sich entspannen, doch dort erwartete ihn jedes Mal die Furcht.

Wenn er allein war, konnte er sich nicht von seinen Ängsten ablenken, konnte nicht verhindern, dass er an die dunkle Zukunft dachte, die ihn erwartete.

Noch immer konnte er seinen Vater in einem offenen Grab stehen sehen, das gesamte Dorf um sich versammelt und den Priester, der ihn für unrein erklärte und ihn aus seinem Heim und von seiner Familie verbannte.

„Ich habe keine Familie“, flüsterte Guy zu sich selbst. „Das sollte es einfacher machen.“

Doch so war es nicht.

Er war allein und  er hatte Angst.

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Marian lächelte, als Robin ihre Wange streichelte und ihr Herz war von Liebe zu ihm erfüllt. Der Outlaw erwiderte das Lächeln, doch als sie ihm erzählte, dass sie keine Neuigkeiten für ihn hatte, sah er ein wenig enttäuscht aus.

„Ich muss über die Pläne des Sheriffs Bescheid wissen. Ich bin mir sicher, dass er irgendetwas im Schilde führt.“

„Guy spricht nicht mehr mit mir. Früher war es einfach, ihm Informationen zu entlocken, doch nun geht er jedes Mal weg, wenn ich ihm begegne. Ich kann mir nicht vorstellen, warum.“

„Das klingt, als würde dir das leidtun“, meinte Robin eifersüchtig.

„Ich mache mir nur Sorgen, denn ich habe nichts getan, um ihn zu vergraulen, aber er hat dennoch ohne einen erkennbaren Grund angefangen, mir aus dem Weg zu gehen. Vielleicht hat er irgendetwas über mich herausgefunden. Über uns.“

Robin sah sie erschrocken an.

„Wenn das so ist, dann könntest du in Gefahr sein. Komm mit mir in den Wald.“

„Ich kann meinen Vater nicht allein lassen und das weißt du! Aber verspreche dir, dass ich vorsichtig sein werde. Ich werde herausfinden, was mit Guy los ist und nach einem anderen Weg suchen, an Informationen über den Sheriff zu kommen.“

Die junge Frau begleitete ihre Worte mit einem Kuss, bevor Robin davonging.

Guy beobachtete die beiden von seinem Versteck in den Schatten aus und sein Herz war noch gebrochener als zuvor.

♰~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~♰~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~♰

Zitternd machte sich Guy auf den Weg zurück zu seinen Gemächern.

Marian liebte also Hood.

Er fühlte sich wütend und verraten. Sie hatte ihre Freundlichkeit ihm gegenüber nur vorgetäuscht, um Robin Hood mit Informationen zu versorgen!

Einen Moment lang war er kurz davor gewesen, sein Schwert zu ziehen, auf die beiden zuzustürmen und sie zu töten.

Seine Hand hatte den Griff seines Schwertes fest umklammert und in diesem Moment hatte er innegehalten, denn seine Finger waren taub und er konnte das Schwert nicht spüren.

Er hatte seine Hand wieder sinken lassen und sich daran erinnert, dass Rache nun sinnlos war. Er war ein Aussätziger, tot für die Welt, wenn es irgendjemand herausfand.

Marian konnte niemals seine Gemahlin werden, warum sollte es also von Bedeutung sein, dass sie Hood liebte?

Wahrscheinlich war das für sie alle sogar besser.

Guy vergewisserte sich, dass die Tür zu seinem Gemach fest geschlossen war, bevor er seine Handschuhe auszog und seine gezeichneten Hände anstarrte. Ähnliche Flecken hatte er auch an seinen Füßen und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sich auf seinem Gesicht ausbreiten würden.

Das würde sein Ende sein, der Augenblick, in dem er seine Schande nicht länger würde verbergen können.

Jeden Morgen überprüfte er sorgfältig sein Gesicht im Spiegel, um zu sehen, ob es an ihm bereits sichtbare Anzeichen der Krankheit gab. Bislang war er verschont geblieben, doch das würde nicht für immer so bleiben. Seine Tage waren gezählt.

Seufzend rieb er sich die Augen. Sie waren trocken und brannten und er wusste aus Erfahrung, dass dies ein weiteres Anzeichen der Krankheit war.

Ich will nicht allein sterben. Bitte, Gott, ich weiß, dass ich kein Recht habe, um irgendetwas zu bitten, aber ich flehe dich an. Ich bin mein ganzes Leben lang allein gewesen, lass mich nicht allein sterben.

♰~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~♰~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~♰

Beim Rat der Adligen ließ Marian Guy nicht aus den Augen.

Der Ritter stand in seiner gewohnten Haltung und mit vor der Brust verschränkten Armen hinter Vaiseys Stuhl, doch Marian war sich sicher, dass seine Gedanken meilenweit entfernt waren und er nur so tat, als würde er zuhören, was der Sheriff sagte.

Irgendetwas bekümmerte ihn und sie musste herausfinden, was es war. Nun, da sie die Gelegenheit dazu hatte, betrachtete sie ihn genauer, denn auch wenn Gisborne ihr weiterhin aus dem Weg ging, musste er beim Rat anwesend sein.

Er sah blass aus und dünner als gewöhnlich und sie fragte sich ihm Stillen, ob er sich nicht wohl fühlte. Sie hatte die Bediensteten in der Küche gefragt, warum Sir Guy seine Mahlzeiten nicht mehr im Bankettsaal zu sich nahm und die Mägde hatten ihr erzählt, dass er allein in seinem Gemach speiste und die meisten seiner Mahlzeiten nahezu unberührt in die Küche zurückgebracht wurden.

Als die Ratsversammlung zu Ende ging, bemerkte Marian, dass Guy, das helle Licht der Fackeln meidend, sofort davonging und beeilte sich, ihm zu folgen.

Guy ging durch die dunkelsten Nebengänge, um zu seiner Unterkunft zu gelangen und Marian fragte sich, was der Grund dafür sein mochte.

In den Schatten verborgen wartete sie darauf, dass er die Tür öffnete und seine Gemächer betrat, bevor sie einen Satz nach vorne machte, ihm hinein folgte und die Tür hinter sich schloss.

Gisborne wandte sich erschrocken um und sah sie entsetzt an.

„Marian! Was macht Ihr hier?!“

Von seiner Reaktion überrascht starrte die junge Frau in an. Beinah schien es, als hätte er Angst vor ihr.

„Ich bin gekommen, um zu fragen, on ich Euch irgendwie gekränkt habe. Ihr geht mir aus dem Weg, Sir Guy, nach allem, was Ihr in der Vergangenheit gesagt habt.“

Guy schien nach Luft zu ringen, bevor er ihr den Rücken zuwandte, um seine Gefühle zu verbergen. Sein Herz raste und er konnte nicht verstehen, warum sie ihm gefolgt war.

Ihre Worte… Sie klangen fast so, als würde sie sich Sorgen um ihn machen.

Aber das konnte er nicht zulassen. Er stählte sich, bevor er ihr antwortete.

Ich bin tot. Tote Männer können nicht lieben.

„Ich weiß nicht, warum Euch das kümmern sollte“, gab er kalt zurück. „Ihr solltet nicht hier sein. Hood könnte eifersüchtig werden.“

Marian erstarrte und fragte sich für einen Moment, ob sie richtig gehört hatte.

„Ich kann mir nicht vorstellen, warum er das sein sollte“, erwiderte Marian und versuchte, unbekümmert zu klingen. „Ich habe nichts mit Hood zu schaffen.“

Guy schüttelte den Kopf und ihm entfuhr ein leises, trauriges Auflachen.

„Behandelt mich nicht wie einen Narren, Marian. Ich habe Euch gesehen. Ihr wart mit ihm zusammen und Ihr habt ihn geküsst.“

Die junge Frau wollte gerade antworten und irgendeine Ausrede erfinden, doch dann schloss sie ihren Mund wieder, denn sie schämte sich, ihm weitere Lügen zu erzählen, wenn die Wahrheit so offensichtlich war.

„Werdet Ihr mich nun festnehmen?“ fragte sie, wobei sie versuchte, tapfer zu sein und ihre Furcht zu verbergen.

Guy wandte sich um, um sie anzusehen. Seine Augen sahen traurig und stechend aus, waren unglaublich blau und sie hatte den Eindruck, dass er genau in ihre Seele blicken konnte. Eine Weile blieb er stumm und starrte sie an, ohne ein Wort zu sagen.

Sie erwiderte seinen Blick und fragte sich, warum sie plötzlich so traurig war. Sie hatte Guys Taten verachtet, seine Aufmerksamkeiten waren ihr nie willkommen gewesen und nun wusste sie, dass sie sich vor seiner Rache fürchten sollte, doch alles, was sie empfinden konnte, war eine tiefe Traurigkeit, dasselbe Gefühl, das sie empfunden hatte, als Robin vor so vielen Jahren ins Heilige Land aufgebrochen war.

Es fühlt sich an, als würden wir einander Lebewohl sagen. Kommt es daher, dass er beschlossen hat, mich zu töten?

„Geht“, hauchte Guy.

Marian sah ihn ungläubig an.

„Was?“

„Geht. Lauft in den Wald und bleibt bei ihm. Hoffentlich wird Hood in der Lage sein, Euch zu beschützen.“

„Mein Vater…“

„Ich werde ihn nach Kirklees Abbey bringen lassen und dort wird er sicher sein. Ihr habt mein Wort. Geht jetzt.“

Marian trat einen Schritt vor. Sie konnte nicht glauben, dass Guy sie freiließ und ihr erlaubte, aus der Burg zu fliehen.

Sie wusste, dass sie diese Möglichkeit ergreifen und sich schnell auf den Weg machen musste, bevor er seine Meinung änderte, doch sie konnte es nicht. Sie musste es wissen.

„Warum?“

Guy schüttelte den Kopf und Marian dachte im Stillen, dass er aussah, als wäre er den Tränen nah, doch seine Augen waren trocken.

„Ich kann Euch nicht haben, das weiß ich jetzt. Dies ist der einzige Weg, Euch zu beschützen, das Einzige, das ich für Euch tun kann. Ich liebe Euch, Marian und ich werde Euch immer lieben.“

Die junge Frau war von seinen Worten und der Verzweiflung in seinem Gesicht tief berührt und trat näher, um ihn zu umarmen, zu versuchen, seinen Kummer zu lindern und ihm zu danken, um ihm zu sagen, dass sie in Robin verliebt war, aber dass sie ihn auch gern hatte, um ihm ihre Freundschaft anzubieten, wenn ihm auch ihre Liebe nicht geben konnte.

Doch Guy zog sich erschrocken zurück und schlug in seinem übereilten Versuch, ihrer Berührung auszuweichen, hart mit dem Rücken gegen die Wand.

„Nein! Bleibt weg von mir!“ rief er bestürzt. „Geht! Geht jetzt!“

Von seiner Reaktion verwirrt starrte Marian ihn an, bevor ihr Blick auf einen Haufen Verbände fiel, die auf dem Tisch in der Nähe des Fensters lagen. Marian betrachtete die Stoffstreifen und runzelte ein wenig die Stirn.

„Seid Ihr verletzt, Sir Guy? Wofür braucht Ihr all diese Verbände?“

„Raus hier!“ brüllte Guy und zog sein Schwert. „Verschwindet! Verschwindet auf der Stelle!“

Marian erstarrte für einen Moment, nun aufrichtig verängstigt, bevor sie sich abwandte und davonlief, ohne sich noch einmal umzusehen.

Zitternd trat Guy an die Tür und schlug sie zu, dann ließ er das Schwert zu Boden fallen und verbarg das Gesicht in seinen behandschuhten Händen.

Sie war fort.

Sie würde die Burg verlassen und ihr Leben mit dem Mann leben, den sie liebte.

Es war das Richtige gewesen und Guy wusste es.

Ich werde sie niemals wiedersehen.

Er wollte weinen, doch er konnte es nicht. Es war, als wären alle seine Tränen versiegt und seine Seele  nur eine karge Wüste. Deshalb ließ er sich zu Boden sinken, lehnte seinen Kopf gegen die Tür und schloss die Augen.

Nun bin ich wirklich allein.

Ein Aussätziger.

Ende

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