Wenn ich fort bin

von Fanny94
GeschichteDrama, Romanze / P16
Dr. John Watson Eurus Holmes Irene Adler Molly Hooper Mycroft Holmes Sherlock Holmes
04.10.2017
07.10.2019
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Schon nach kurzer Zeit war vom anderen Ende des Fahrzeugs gleichmäßiges und ruhiges Atmen zu vernehmen.
Von den Ereignissen des Tages ausgelaugt, war John Watson auf dem Rücksitz des Streifenwagens, der den Detektiv und seinen Partner zurück nach London bringen sollte, eingeschlafen.
Der Blick des großgewachsenen Mannes neben ihm war starr aus dem Fenster gerichtet. Mit gerunzelter Stirn starrte er in die Dunkelheit hinaus.
Auch wenn Sherlock Holmes nach außen hin gefasst und ruhig wirkte, tobte in seinem Inneren ein Sturm.
Der Tag war auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen, obwohl er es sich kaum anmerken ließ.
Sein Verstand arbeitete mehr denn je auf Hochtouren und ließ ihn keine Ruhe finden. Unaufhaltsam wurden die vergangenen Stunden und Jahre wieder und wieder vor seinem geistigen Auge reflektiert, doch eine zufriedenstellende Antwort auf die zahllosen Fragen, die ihn umkreisten, konnte er nicht finden.
Über all die Jahre hatte der „Consulting-Detective“ sich auf die Brillanz seines Verstandes verlassen können.
Dass nun eben dieser ihn Jahrzehnte lang betrogen und geblendet haben sollte, war nicht akzeptabel.
Eurus Holmes.
Eine Schwester.
Seine Schwester.
Eine Schwester, an die die Erinnerungen nur flüchtig waren – kaum greifbar.
Eine Schwester, die für den Tod seines besten Freundes verantwortlich war - berechnend, kalt und doch von höchstem strategischen Geschick.
Sherlock ballte die Hände zu Fäusten, sodass das Leder der schwarzen Handschuhe sich über seinen Knöcheln unangenehm spannte.
All diese Jahre war er dumm und naiv gewesen, blind im Angesicht des Offensichtlichen.
Dumm und blind.
Von so vielem hatte er sich blenden lassen und seine Aufmerksamkeit an Nichtigkeiten verschwendet.
Frustriert lehnt der Detektiv seinen Kopf gegen die kühle Fensterscheibe.
Langsam ließen sie die ländliche Gegend, die Sherlock einst seine Heimat genannt hatte, hinter sich und die Zahl der vorüberfliegenden Häuser nahm stetig zu.
Lange würde es nicht mehr dauern, bis sie den äußeren Rand Londons erreichen würden.
Das Altvertraute rückte in greifbare Nähe.
Und dennoch kam es Sherlock in diesem Moment so vor, als sei er ein Fremder.
Er kannte sich selbst nicht mehr  und fühlte sich innerlich zerrissen und leer.
Alles, was er je zu wissen geglaubt hatte, war in den Staub getreten worden.
Seine Schwester hatte ihn gezwungen Dinge zu fühlen, die er sich geschworen hatte, nie wieder zu fühlen.
Mit geübter Präzession hatte sie ihn an der Stelle getroffen, an der er am verwundbarsten war.
Mit meisterhaftem Geschick hatte sie den lockeren Jengastein im Stapel gefunden.
Das Wohl derer Menschen, die ihm am wichtigsten waren.
Sherlocks Blick wanderte langsam zu dem in eine Wolldecke eingewickelten, schlafenden Mann zu seiner Rechten hinüber.
Johns Haar war nach wie vor vom kalten Brunnenwasser durchtränkt.
In langen Rinnsalen lief es an seinen schmalen, eingefallenen Wangen herab und tropfte auf den Kragen seines Hemds.
Ohne ein Grundverständnis für die menschliche Psyche zu haben, konnte man deutlich erkennen, dass die letzten Monate und Jahre John für immer gezeichnet hatten.
Der Krieg, seine Verletzung, der Verlust seines Freundes und nun vor kurzem auch noch den Verlust seiner geliebten Ehefrau.
Auch wenn die Freunden inzwischen wieder miteinander im Reinen waren und John Sherlock mehrfach versichert hatte, das er keinerlei Schuld an Marys Tod trage, konnte der Detektiv nicht umhin, hin und wieder mit dem Schicksal zu hadern.
Auch er hatte Mary auf einen ganz eigene Art und Weise in sein Herz geschlossen.
Sie war die Freundin – und einen Mensch wahrlich als Freund zu betiteln, fiel Sherlock nach wie vor äußert schwer  - die ihn und seine oft komplexen Gedankengänge verstanden und unterstützt hatte, mehr als John es zu tun vermochte.
Marys Anwesenheit hatte nicht nur Johns Leben bereichert und Sherlock musste insgeheim zugeben, dass auch er die lebhafte Blondine mehr vermisste, als er es zu sagen im Stande war.
Ihr Verlust schmerzte und hatte das Leben der beiden Männer grundlegend verändert.
Sherlocks Blick blieb an Johns geschlossenen Augen hängen.
Unvorstellbar, dieses Gesicht nie wieder zu sehen.
Und heute war eben jene Angst sein ständiger Begleiter gewesen.
John war schon früher durch sein Verschulden in Gefahr geraten, doch noch in keiner Situation zuvor, hatte Sherlock so stark gespürt, dass er nicht die Kontrolle darüber hatte, was geschehen würde.
Heute war er machtlos dem Spiel eines Spielmachers ausgeliefert gewesen, der die Regeln nach Belieben und zu seinem Vorteil zu verändern mochte.
Sherlock schauderte beim bloßen Gedanken daran, dass dieser Tag der letzte im Leben von John Watson hätte sein könnten.
Ein Leben ohne seinen vertrauten Freund konnte der Detektiv sich inzwischen nicht mehr vorstellen.
Sherlocks Gedanken wanderten weiter und schlugen eine, für ihn, sehr ungewöhnliche Richtung ein.
Der Detektiv begann sich zu fragen, was geschehen wäre, wenn er es nicht rechtzeitig geschafft hätte Eurus Rätsel zu lösen.
Für gewöhnlich hielt Sherlock sich nicht mit der Frage „Was-wäre-gewesen-wenn“ auf, sie blockierte den Verstand und bot dem emotionalen Kontext freie Bahn.
Sich schreckliche Szenarien auszumalen, brachten einem im Leben nicht weiter, das wusste der Detektiv mit Sicherheit zu sagen und dennoch wollte in diesem Augenblick seine innere Stimme nicht schweigen.
Wäre John Watson im Brunnen ertrunken, hätte er nicht nur seinen besten Freund, sondern Rosie auch noch ihren Vater verloren.
Das kleine blonde Mädchen, mit dem fröhlichen Lachen, war Sherlock inzwischen, mehr als er es zugeben wollte, ans Herz gewachsen.
Sherlock seuftze.
Es war wirklich erstaunlich wie schnell man sich sorgte, obwohl es nicht einmal sein eigen Fleisch und Blut war.
Erschöpft schloss Sherlock die Augen.
Die Müdigkeit hatte nun auch ihn im festen Griff.
Die Anstrengungen des Tages zollten ihren Tribut.
Gerade als der Detektiv in einen angenehmen Dämmerzustand zu fallen glaubte, hallten drei simple Worte wie ein Echo durch seinen Kopf.
„Ich liebe dich.“
Der Detektiv zuckte zusammen.
Von einem Moment zum anderen  war er wieder hellwach.
Die Erinnerungen trafen ihn wie ein Schlag ins Gesicht.
Der Sarg.
Das Telefonat.
Molly.
Eurus Aufgaben waren alle herausfordernd gewesen, doch Molly diese Worte zu entlocken war ihm mit Abstand am schwersten gefallen.
Dabei hatte er das nicht erwartet, als das Freizeichen in der Leitung ertönt war.
Wie schwer konnte es schon sein, jemanden zu zwingen einen Satz zu sagen?
Die Schwierigkeit dahinter, war ihm nur wenige Momente später deutlich bewusst geworden.
Mollys Gesicht während des Telefonats auf dem großen Bildschirm  zu sehen, hatte es nicht einfacher gemacht und ihre Reaktion hatte ihn schwer getroffen.
Selten hatte Sherlock sich so schuldig gefühlt, wie in diesem Moment.
Molly war eine Frau und Frauen tickten anders – das war dem Detektiv wohl bewusst. Aber Molly war ihm gegenüber stets stark gewesen.
Eingeschüchtert und nervös, aber niemals hilflos.
Und sie nun vor sich auf dem Bildschirm zu sehen als sie die erlösenden Worte aussprach  - klein, verloren und verzweifelt – hatte Sherlock einen tiefen Stich in seinem Inneren versetzt.
Molly war inzwischen seine Freundin.
Und seine Freunde sollten nicht leiden.
Doch besonders verstört hatten Sherlock Mollys Worte kurz zuvor.
„Weil es wahr ist, Sherlock. Es ist wahr...“
Für einen Moment war die Welt um Sherlock herum stillgestanden.
Sein Verstand konnte kaum verarbeiten, was er gerade gehört hatte.
Er verstand und zur gleichen Zeit tat er es nicht.
Emotionaler Kontext – wie er ihn verabscheute.
Sicher war nur eines - Sherlock  war ein ungutes Gefühl geblieben, als Molly aufgelegt hatte und die Verbindung erstarb.
Etwas hatte sich verändert.
Etwas war nicht mehr wie zuvor.
Etwas war irreparabel gebrochen, das spürte Sherlock.
Er vermochte nur nicht zu sagen, was es war.
„ Du musst sie um Verzeihung bitten.“
Sherlock zuckte erschrocken zusammen.
Tief in seine eigenen Gedanken vergraben, hatte er nicht bemerkt, dass der einstige Armeearzt neben ihm erwacht war.
John musterte Sherlock eingängig von der Seite.
„Was du ihr angetan hast war nicht richtig.“
Gleichgültig zuckte der Detektiv mit den Schultern.
„Es war ein Spiel, John. Nicht mehr und nicht weniger.“
Johns Blick wurde finster.
„Nicht für sie, Sherlock. Du tust viele uns „sterblichen“ unverständliche Sachen, aber das war kein einfaches Spiel für Molly Hooper, mein Lieber. Für sie war es tödlicher Ernst und das weißt du nur zu gut.“
Eisern starrte Sherlock weiterhin aus dem Fenster und und wagte es nicht, zu seinem Freund hinüberzublicken.
John kannte ihn gut genug, um dann zu erkennen, dass Sherlock Johns harte Worte trafen und er sich dessen Bedeutung durchaus bewusst war.
Diesen Triumph wollte er seinem Partner in diesem Augenblick nicht zugestehen.
„So etwas hat sie einfach nicht verdient, Sherlock. Nicht unsere gute Molly.“
Sherlock schluckte schwer und nickte dann schweigend.
Der Wagen brauste unaufhaltsam durch die Nacht in Richtung London und der Detektiv darin wusste, dass sein Freund ein weiteres Mal richtig lag.
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