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Ragnars Reisetagebuch, wenn er eins schreiben würde

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / Gen
OC (Own Character)
04.10.2017
06.10.2019
106
194.737
6
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Dieses Kapitel
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24.10.2018 3.404
 
Die Praiosscheibe steht bereits hoch am Himmel, als ich aufwache. Nach einem schnellen Frühstück gehe ich als erstes in den Tempel. Das kühle Antlitz des Panthers blickt auf mich herab, als ich mich ins stumme Zwiegespräch begebe. Anschließend suche ich mir einen Kampf und gehe dann innerlich gestärkt zurück nach Hause. Geschäftige Betriebsamkeit empfängt mich, als ich das Tor zur Villa öffne. Das Haus bereitet sich für den abendlichen Betrieb vor. Alle sind zurück von der Perle. Zwar weiß niemand außer uns, dass es keine weiteren Plagen geben wird, aber dass den ganzen Tag nichts Neues passiert ist, werten die meisten als gutes Zeichen.
Und tatsächlich, kaum dass am Abend die Tür geöffnet ist, ist auch schon unser erster Gast da. Einer unserer Stammkunden, Erkhaban ibn Samir. Der Mittfünfziger, der mit seinen Armen zu rudern scheint, um seinen massigen Körper mitsamt seiner beeindruckenden Plauze beim Gehen nach vorn zu bewegen, ist zwar immer sehr höflich und nett, aber ich weiß nicht wo ich ihn einordnen soll. Er ist ein wohlhabender Mann, ist behängt mit Schmuck, wie es bei den Tulamiden üblich ist, pudert aber sein Gesicht nach horasischer Art und trägt auf den glattrasierten Wangen irgendwelche rosa Creme. Er genießt Essen, Wein und die Darbietungen auf der Bühne, geht aber nie mit einem der Jungen oder gar einem der Mädchen auf ein Zimmer oder ins Hammam. Laila hat erzählt, dass er von ihr ganz hingerissen ist und ihr pausenlos Komplimente macht. Er verdient sein Geld mit dem Herstellen von teuren Porzellanpuppen. Ein wirklich komischer Kauz.
Es kommen weniger Gäste als üblich, aber offenbar haben unsere erleuchtete Dachterrasse und die Fackeln am Wegesrand ein paar nach Zerstreuung Suchende in den schwierigen Zeiten angelockt. Es bleibt ein ruhiger und friedlicher Abend ohne neue Schrecknisse. Melek ist die ganze Zeit weg um nach dem Versteck von Tasfarella zu suchen, aber als er tief in der Nacht zurückkehrt, hat er keinen Hinweis auf deren Verbleib.
Der 20. Phex beginnt ebenfalls ohne eine neue Plage und als ich ein weiteres Mal von einem angenehm anstrengenden Übungskampf aus dem Tempel zurückkommend durch die Stadt gehe, kommt es mir so vor, als würde diese erleichtert aufatmen. Natürlich liegt auf den Straßen noch Unrat und viele Läden und Stände sind geschlossen, aber die meisten Händler, Teestuben und Handwerker bemühen sich um Normalität. Das Angebot ist eingeschränkt, gerade was frische Waren angeht, aber wer noch etwas anbieten kann, der macht gerade gute Geschäfte.
Bereits nach dem Aufstehen habe ich unsere kranken Angestellten besucht und ihnen geht es viel besser. In Absprache mit Laila dürfen sie aber noch ein oder zwei Tage das Bett hüten, bevor sie ihre Arbeit wieder aufnehmen müssen. Ich bin froh, dass keiner gestorben ist. Nedimajidas Medizin hat sie gerettet, vermute ich. Zurück in der Villa gehe ich ins Hammam und lasse mich wohlig in das heiße Wasser gleiten. Laila betritt den Raum, bittet die Mägde, die gerade frische Handtücher verteilen, zu gehen. Dann lässt sie ihr Kleid herabgleiten, bindet ihr Haar hoch und steigt zu mir ins Becken. Sie blickt sich ein paar Mal verschwörerisch um und mit ernstem Gesicht fängt sie an, flüsternd auf mich einzureden. Dabei merkt sie überhaupt nicht, dass ich erst einen Moment brauche, um nicht mehr durch ihren rahjagefälligen Körper, nackt und zum Greifen nah in dem heißen Wasser, abgelenkt werde. Mit leiser Stimme erzählt sie, wie sie heute Morgen Shuhelya besucht hat und dass sie glaubt, sie wolle sich an Tasfarella rächen. Sie kann nur nicht einschätzen, ob Shuhelya ihre Echse zurückhaben will oder die Echse und Tasfarella vernichten will. Sie erzählt von den verschiedenen magischen Büchern, die sie in Shuhelyas Arbeitszimmer gesehen hat und dass sie trotz allem nicht glaubt, dass sie eine unschuldige Frau ist. Ich pflichte ihr bei. Es könnte natürlich durchaus sein, dass sie Rache nehmen will, aber das ist ja erst einmal nichts Schlimmes, es könnte uns sogar nützen Shuhelya auf unserer Seite zu haben, gebe ich zu bedenken. Laila verzieht das Gesicht und beugt sich flüsternd noch weiter vor. Aber was, wenn sie den Pakt wieder für sich möchte, um zu ihrer alten grausamen Stärke zu gelangen, fragt sie und zieht vielsagend ihre Augenbrauen hoch. Dann haben wir ein Problem, stimme ich zu. Laila sieht mich besorgt an, atmet einmal tief durch und steigt aus dem Becken. Ich muss mich jetzt um die Villa kümmern, aber ich werde heute Abend Shuhelya mal beobachten, sagt sie, während sie sich abtrocknet. Ich genieße den Anblick und verspreche mich, um den Betrieb zu kümmern. Lächelnd rauscht sie davon. Ohne die Dämonenhure und seine seelenlose Mutter könnte mein Leben so angenehm sein. Ständig umgeben von schönen, leicht bekleideten Frauen und die aufregendsten von ihnen ziehen sich ohne mein Zutun vor mir aus. Schmunzelnd rutsche ich tiefer ins Wasser und beende mein Bad.

Der Abend beginnt schon etwas belebter als am Tag zuvor. Und auch ein weiterer Stammgast beehrt uns, Faruk ibn Hasrubal. Ein dünner, ungewöhnlich blasser Tulamide, vielleicht dreißig Sommer mit dunklem Haar und dunklen Augen. Er trägt zwar teure Kleidung, wirkt aber immer etwas nachlässig gekleidet. Er ist eher ruhig, hält sich im Salon im Hintergrund, geht aber mit den Damen aufs Zimmer. Er zeigt bisher keine besondere Vorliebe und macht keinen Ärger. Die Mädchen sagen, dass er immer sehr gut zahlt. Kurz nachdem ich ihn hereingelassen habe, ertönt die kräftige Stimme von Tsaja saba Yedra die junge Nacht. Tsaja ist eine füllige Mittvierzigerin, die versucht ihre verblassende Jugend mit viel Schminke auszugleichen. Sie ist reich verwitwet, stadtbekannt und mit einer Vorliebe für Glücksspiel und Schnaps gesegnet. Lächelnd begrüße ich sie und sie hakt sich bei mir unter. Wisst ihr schon das Neuste, beginnt sie, wie die meisten ihrer Sätze und es folgt ein Schwall des neusten Tratsches. Langsam führe ich sie dabei in den Salon und bugsiere sie an einen der Spieltische. Mit einem abschließenden, was habe ich euch gesagt, es ist unglaublich oder, lässt sie sich nieder und begrüßt ihre Mitspieler. Ich lasse ihr unseren besten Rum bringen und verziehe mich wieder an die Tür.
Der Abend plätschert ruhig dahin. Es ist kurz vor Mitternacht, als eine Mietkutsche vor der Villa hält und Thomeg Atherion aussteigt. Ich habe ihn zwar nur einmal kurz gesehen, na ja und das Gespräch mit Laila belauscht, aber ich erkenne ihn auf Anhieb. Ich begrüße ihn im Namen Rahjas, er erwidert meinen Gruß, fragt aber direkt nach Laila. Ich erkläre, dass sie heute weder in der Villa, noch auf der Perle anzutreffen ist, da sie andere Dinge zu erledigen hat, lade ihn aber ein die Villa trotzdem zu besuchen. Er überlegt kurz und lässt sich dann von mir ins Haus führen. Ischra kommt gerade von oben herunter und ich bitte sie, sich um unseren Gast zu kümmern. Mit einem verführerischen Lächeln zieht sie ihn mit sich. Dann gehe ich zu Yin in die Küche und bitte sie unseren besten Wein zu holen. Als Letztes suche ich Tinama und schicke sie mit dem Wein ebenfalls zu Thomeg. Ich erkläre, dass er ein Gast des Hauses ist und natürlich nicht bezahlen muss. Eine Weile schaue ich zu wie Thomeg Wein und weibliche Gesellschaft genießt, und begebe mich dann wieder zurück zur Tür. Hoffentlich kommt Laila bald zurück, den Gastgeber spielen finde ich furchtbar anstrengend und es liegt mir überhaupt nicht.
Doch es ist Melek, der den Weg zur Villa hinaufkommt. Er berichtet, dass er Saljids Laden ausgekundschaftet und eine merkwürdige Beobachtung gemacht hat. Er hat die kleine Gasse mit dem Hintereingang beobachtet, als ihm plötzlich etwas verändert vorkam. Es war, als lege sich eine unnatürliche Dunkelheit über die Gasse. Obwohl das Madamal und die Sterne alles andere spärlich erhellte, konnte er von einem Augenblick auf den anderen nicht mehr bis zur Tür schauen. Und auch daneben die Häuser waren nicht mehr zu sehen. Wir müssen dorthin, sagt er. Ich stimme ihm zu, aber weder Laila noch Boraco sind in der Villa. Wir beschließen, dass ich Boraco hole und er Laila von ihrem Beobachtungsposten bei Shuhelya. Melek ist verwirrt, warum Laila dort ist, und so berichte ich ihm kurz von Lailas Verdacht. Er macht ein verkniffenes Gesicht, lässt sich von mir den Weg zu Shuhelyas Haus erklären und verschwindet, nachdem wir einen Treffpunkt ausgemacht haben. Ich suche Yasin und übertrage ihm die Verantwortung für die Sicherheit der Villa, überzeuge mich davon, dass Thomeg beschäftigt ist, und verschwinde in Richtung Landsitz.
Keine Stunde später treffe ich zusammen mit Boraco auf Laila und Melek, die bereits auf uns warten. Es ist mittlerweile Mitten in der Nacht und die Stadt schläft. Leise nähern wir uns der Gasse. Diese unnatürliche Dunkelheit ist nicht mehr zu sehen. Der Laden scheint verlassen, keinerlei Licht dringt nach außen, auch nicht aus dem neu dazu gekauften Haus nebenan. Melek macht sich daran mit seinem Feinwerkzeug die Tür zu öffnen, aber es gelingt ihm nicht. Ungeduldig schiebt Laila ihn beiseite und mit einem leisen Klacken hat sie augenblicklich das Schloss geknackt. Ich schiebe mit gezogenem Schwert vorsichtig die Tür auf und nehme ihn sofort wahr, den unverwechselbaren Geruch nach Blut. Laila und Melek kommen ebenfalls herein und nehmen ihre Gwen Petryl Steine in die Hand. Boraco folgt ihnen leise. Ich habe mich nicht getäuscht, auf dem Boden liegt die frische Leiche einer Bettlerin, jemand hat ihr die Kehle aufgeschnitten und sie ausbluten lassen. Wir stehen mitten in der großen Blutlache, beinahe wirkt es so, als sei das beabsichtigt. Laila merkt erschrocken auf, dass sie die arme Frau angeheuert hatte den Laden auszuspionieren.
Doch wir kommen kaum dazu, uns weiter umzusehen, denn an der Vordertür erschallt lautes Klopfen und die Rufe der Stadtwache. Sie würden das Licht sehen, wir sollen sofort die Tür öffnen und uns zeigen. Schnell hinten raus, sage ich und schiebe Laila vor mir her. Wir stehen einen kurzen Moment unschlüssig in der Gasse, unsere Schuhe hinterlassen blutige Abdrücke auf dem Pflaster und hören die schweren Schritte von Stiefeln aus Richtung der Straße. Aufs Dach fordere ich die anderen auf und stelle mich mit dem Rücken an die gegenüberliegende Hauswand, um Laila an die Dachkante zu heben. Sie stellt einen Fuß in meine geöffneten Hände, klettert an mir herauf und hangelt sich aufs Dach. Zum Glück aus eigener Kraft, da ihre Schuhe glitschig sind vom Blut und sie mir fast wegrutscht. Melek nimmt nur kurz Anlauf und ist mit einem Sprung am Dach und rasch oben. Boraco nimmt meine frei gewordene Räuberleiter und zieht sich behände nach oben. Ich springe, bekomme die Kante zu fassen und ziehe mich so schnell es geht rauf. Doch die Stadtwache war schon zu nah und einer hat gesehen, wie ich mich aufs Dach gerollt habe. Jedenfalls lenkt er die Aufmerksamkeit seiner Kollegen nach oben. Meine Freunde sind über den leicht spitzen First in Richtung Nordosten geflohen. Ich springe auf und laufe möglichst sichtbar an der Dachkante entlang in Richtung Marktplatz, Nordwesten, Hauptsache von ihnen weg. Am Ende der Häuserzeile lasse ich mich auf den Bauch fallen, rolle mich über die Kante und lande auf dem Pflaster. Ohne mich umzusehen renne ich quer über den leeren Platz, an den wenigen festen Ständen vorbei, in den Park, wo der Kamel- und Pferdemarkt abgehalten wird. Ich höre schwere Schritte von Stiefeln hinter mir, es sind mindestens zwei Soldaten der Stadtwache, die mir rasch folgen. Ich laufe auf dem Weg zwischen den freien Flächen, die nur spärlich mit Palmen durchsetzt sind, halte unvermindert mein Tempo. Ich mag mich nicht so gut verstecken wie Laila, oder gar in einer Menschenmenge untertauchen können wie Melek, aber ich bin schnell. Kaum habe ich das unübersichtliche Häuserviertel im Westen der Stadt erreicht und die große Karawanserei links neben mir zurückgelassen, fange ich an, um die würfelförmigen weißen Häuser Haken zu schlagen durch die engen Gassen. Dabei halte ich mich in Richtung Praios und es funktioniert. Die Schritte meiner Verfolger werden zunächst leiser und verstummen dann komplett. Schwer atmend presse ich mich mit dem Rücken an eine Hauswand. Als mein Atem wieder ruhig geht, schleiche ich mich zur Ecke, will gerade in die Gasse schauen, als mich ein Gefühl zurückweichen lässt. Einer meiner Verfolger tritt von der anderen Seite der Ecke genau auf mich zu, sieht mich und ich habe gerade noch Zeit mein Schwert zu ziehen, um seinen Angriff zu parieren. Laut klirren die Klingen aufeinander. Und der Typ brüllt auch noch nach seinem Kollegen. Ich versuche, ihn von den Füßen zu holen, aber leider hält er das Gleichgewicht und greift erneut an. Doch auch diesmal halte ich mit Al´ Siyam dagegen. Wieder durchschneidet das helle Scheppern der aufeinandertreffenden Schwerter die Nacht. Ich will ihn nicht verletzen, muss den Kerl aber loswerden, also ziele ich mit dem Schwert in der Faust eine lange Gerade mitten auf die Nase. Der Soldat scheint verwirrt, dass ich ihn nicht mit dem Schwert attackiere, aber weicht trotzdem gekonnt dem Schlag aus. Ich höre wie sein Kumpel und ein weiterer Mann rufend in unsere Richtung kommen. Dann setzt mein Gegner zu einem neuen Hieb an, verschätzt sich aber mit der Entfernung zur Mauer zu seiner Rechten, haut mit dem Ellenbogen dagegen und zieht sich im Ausholen seinen Säbel über den linken Arm. Diesen Moment nutze ich, stoße ihn ein weiteres Mal nach hinten und während er taumelt, drehe ich mich um und sprinte wieder in die Nacht. Immer tiefer dringe ich in das Viertel ein, wende mich dann gen Rahja in Richtung Maraskanviertel.
Irgendwann verstummen die Schritte meiner Verfolger, ich habe sie abgehängt. Zielstrebig gehe ich zurück zur Villa. Auf der Insel angekommen laufe ich durch den Uferschlamm, um die Blutspuren an den Stiefeln zu verstecken, und wasche meine Hände im Fluss. Als ich breit grinsend den Salon betrete und Laila und Melek dort bei einem Rum sitzen sehe, blicken diese mir eher verwundert entgegen. Was für ein Spaß, sage ich und trinke Meleks Glas leer. Dann füge ich leise hinzu, dass mich aber leider einer der Soldaten in einen Kampf verwickeln konnte und mich gesehen hat. Plötzlich fällt mir unser spezieller Gast wieder ein und ich blicke mich suchend um. Ich entdecke Ischra und winke sie zu uns. Entschuldigend sage ich schnell zu Laila, dass ich ganz vergessen habe es ihr zu sagen, aber Thomeg hat sie gesucht und ist dann hiergeblieben. Sie ist zunächst erschrocken und dann erleichtert, als Ischra berichtet, dass er seit einer Weile weg ist, aber sehr zufrieden war.
Kurz darauf betritt Boraco den Salon. Er tut so, als habe er uns den ganzen Abend nicht gesehen und als hätte er gerade auf dem Weg zu uns die schreckliche Neuigkeit erfahren. In der Nähe des Marktplatzes brennt es. Die Löscharbeiten haben schon angefangen, das halbe Viertel sei in Aufruhr. Und nur zu uns gewandt flüstert er, das nennt man Spuren verwischen. Dann grinst er und trinkt ebenfalls einen Rum.


Auch am nächsten Morgen ist der Brand Gesprächsthema in der Stadt. Den Göttern sei Dank sind tatsächlich nur die beiden Stoffgeschäfte von Saljid ausgebrannt und da niemand dort war, wurde auch keiner verletzt. Niemand redet von der toten Bettlerin. Der Brand wird als Unglück abgetan, kein Wort von Brandstiftung oder dergleichen. Und es wird ebenfalls nicht von einer nächtlichen Verfolgungsjagd der Stadtwache auf mögliche Täter gesprochen. Es scheint, dass wir nicht unter Verdacht stehen. Worüber wir uns aber einig sind, ist, dass das Ganze eine Falle war. Während wir zu viert in der Küche sitzen überlegen wir, was wir als Nächstes tun wollen. Boraco schlägt vor einen Ausritt zum Landsitz von Hahmads Familie zu machen. Irgendwo müssen sie sich ja mit der Echse verstecken. Melek hatte schon die Idee, dass sie vielleicht irgendwo im Hafen sind, in einem der Lagerhäuser der Familie von Gerbelstein, da sie offenbar miteinander befreundet sind. Aber jedes Haus und jeden Unterschlupf zu finden, wird ein Haufen Arbeit werden.

Da es seit etwas mehr als zwei Tagen keine neue Plage oder weitere Kranke und Todesfälle mehr gegeben hat, wurden die Stadttore wieder geöffnet. Und so reiten wir zu viert im gemächlichen Tempo in Richtung des kleinen Hauses im Wald. Ich nutze die Gelegenheit und spreche das Thema mit der Befehlskette an, welches mich schon seit einer Weile beschäftigt. Ich erkläre, dass ich nur einem von ihnen unterstellt sein kann, damit es in Situationen, wo sie sich nicht einig sind, keine Probleme gibt. Immerhin kann ich in diesem Fall ja nur einem loyal gegenüber sein. Dann füge ich an, dass ich am liebsten hätte, wenn Boraco weiterhin das Sagen hat, da er Haupteigner der ganzen Unternehmung ist und es gewohnt ist Befehle zu erteilen. Was ich nicht laut sage, ist, dass meine Loyalität eh ihm gehört und seiner Familie natürlich. Mit versteinerter Miene schweigt dieser allerdings, während Laila gar nicht versteht, was ich sagen will. Ich versuche, ihr begreiflich zu machen, wie wichtig es mir ist, dass ich diesem Prinzip folgen kann, aber ernte nur Unverständnis. Melek begreift glaube ich, was ich sagen will, schweigt sich aber aus. Vielleicht, weil er merkt, dass er der Auslöser dieser Diskussion ist mit seinem Ausbruch neulich. Irgendwann mischt sich Boraco dann doch ein. Er erklärt, dass er versteht, was ich meine und macht einen Vorschlag. Ich unterstehe keinerlei Befehl, weder von Melek noch Laila und mache einfach meine Arbeit wie bisher, also für die Sicherheit der Perle und der Villa zu sorgen. Wie ich das mache, sei meine eigene Sache. Bissig fügt er allerdings an und sieht mir dabei in die Augen, ich soll mal anfangen selbst Verantwortung zu übernehmen und aufhören es mir einfach zu machen, indem ich auf Befehle warte. Werd erwachsen, sagt er noch. Ich will gerade loslegen, dass genau das ja meine Absicht war mit dem Geständnis, als er mir, während ich meinen Mund öffne, das Wort abschneidet. Er sagt in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldet, dass wir alle zusammen gehören, irgendwie wie eine Familie sind. Und in einer Familie steht man füreinander ein, egal was der eine oder der andere für einen Mist gemacht hat. Dann helfen ihm die anderen eben daraus, fügt er an, stößt seine Fersen in die Flanken seines Pferdes und reitet voraus. Laila und Melek gucken zwischen mir und ihm hin und her und haben gewiss das Gefühl, sie hätten was verpasst. Ich klappe meinen Mund wieder zu und reite schweigend weiter, zufrieden keinem Befehl zu unterstehen, stolz die Verantwortung offiziell zu haben. Ein wenig wütend vielleicht auf Boraco, dass er fordert, ich solle erwachsen werden, dann aber keinerlei Widerspruch oder Diskussion zuzulassen. Er kann kaum leugnen, Nedimajidas Kind zu sein, manchmal ist er ebenso zickig.
Wir kommen an dem kleinen Landhaus an. Es sieht aus, wie ich es vor ein paar Monden verlassen habe. Während die anderen warten, sehe ich mich im Stall und auf dem Hof um, kann aber kein Lebenszeichen des Dämonenpacks entdecken. Wir gehen ins Haus und sehen uns um. Es sieht nicht so aus, als wären sie hier gewesen. Ruß und Staub bilden weiterhin eine dicke schmierige Kruste über dem, was von den Möbeln übrig ist. Die Treppe nach oben ist nun, nachdem ich mit dem Geländer in der Hand runter gesprungen bin, nicht mehr passierbar. Auch im Keller gibt es keinen Hinweis darauf, dass sie sich oder die Echse hier verstecken. Das Haus ist schlicht und einfach nicht bewohnbar.
Boraco beschließt es trotzdem endgültig abzufackeln. Er verspritzt irgendeine Flüssigkeit, die er mitgebracht hat. Anschließend gehen wir nach draußen und stellen uns in sichere Entfernung zum Haus. Doch etwas lässt uns zögern. Laila flüstert, wir sind nicht allein. Melek nickt kaum merklich und Boraco hält inne. Ich drehe mich zu dem dichten Unterholz um und schlendere darauf zu, dabei fordere ich meine Gefährten auf schon mal zu den Pferden zu gehen, während ich mal pinkeln muss. Jetzt, wo ich mich darauf konzentriere, sehe ich tatsächlich ganz deutlich, wie jemand im Gebüsch hockt, an mehreren Stellen. An meiner Hose nestelnd, aber eigentlich die Hand in Richtung Schwertgriff bewegend, gehe ich auf einen der Kerle zu. Kurz bevor ich ihn erreicht habe, ziehe ich Al`Siyam und schlage ins Gebüsch. Ein erschreckter Aufschrei erklingt, aber der Typ weicht offenbar aus, denn es klebt kein Blut an der Klinge. Zeitgleich springen die anderen Verborgenen aus ihren Verstecken. Es ist schon wieder die Stadtwache. Innerlich beglückwünsche ich mich dazu nicht mit voller Wucht angegriffen zu haben, dann hätte ich ein Problem. Der Typ sieht trotzdem sauer aus, wie er sich den Hosenboden abklopft. Wir reden uns um Kopf und Kragen, keine Ahnung, ob sie uns glauben, aber da wir nichts getan haben, lassen sie uns laufen. Das war verflucht knapp. Unverrichteter Dinge reiten wir zurück.
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