Addictions

von Kenora
OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
02.10.2017
02.10.2017
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Well it rains and it pours
When you're out on your own
If I crash on the couch
Can I sleep in my clothes?
'Cause I've spent the night dancing
I'm drunk, I suppose
If it looks like I'm laughing
I'm really just asking to leave


~ My Chemical Romance – The Sharpest Lives ~






Es regnete schon seit Stunden.
Es war die Art von Regen, die einem wie ein dichter Schleier die Sicht nimmt, und innerhalb von Sekunden jede Kleidung durchdringt.
Er wusste schon seit einer langen Zeit nicht mehr, wie viel von der Nässe auf seinem Gesicht von seinen Tränen und wie viel von diesem Regen stammte. Aber es war egal. Alles war scheißegal.
Eine Kaskade von Hupen unterbrach seine wütenden Gedanken, als ihm ein Auto auf der Straße mit quietschenden Bremsen auswich.
Er sah dem Fahrzeug hinterher, das in dem Nebelschleier verschwand, rot glühende Augen die von der Nacht verschluckt wurden.
„Wichser!“, brüllte er dem schon längst verschwundenen Wagen hinterher. Klar lief er mitten auf der Straße, aber dieses Arschloch hätte ihm ja nicht ausweichen müssen. Ihm wäre die Alternative sogar lieber gewesen.
Wütend trat er nach einer Mülltonne, die scheppernd umkippte und ihren Inhalt auf den Bürgersteig ergoss.
Der Tritt brachte ihn aus dem Gleichgewicht, und er konnte sich gerade noch so an einer Straßenlaterne festhalten, bevor er umkippte.
Wieder einmal drehte sich alles um ihn herum, und das flaue Gefühl in seinem Magen bahnte sich einen Weg seine Kehle hinauf.
Fuck, er wollte einfach nur nach Hause. Er wollte sich in sein Bett legen und nie wieder aufstehen.
Nie wieder nachdenken müssen.
Schwankend setzte er seinen Weg fort, bis sein Haus in Sicht kam.
Auf den wenigen Stufen, die zur Haustür führten, schaffte er es mit seinem Fuß hängenzubleiben und fiel der Länge nach auf die Veranda.
Kurz überlegte er, einfach liegenzubleiben, aber er wollte nicht das ihn einer dieser über-fürsorglichen Gutmenschen die sich immer in alles einmischen mussten hier draußen fand und auf die Idee kam, mit ihm zu reden oder einen Krankenwagen zu rufen.
Es ging ihm gut. Er wollte keine Hilfe.
Also zog er sich mühsam am Türrahmen hoch, suchte eine Weile nach dem Schlüssel in seiner Jackentasche, und versuchte, ihn in das Schloss zu kriegen.
Aber seine Sicht war aus vielen Gründen verschwommen und er bekam das Scheißteil einfach nicht ins Schloss.
Nach dem gefühlt zehnten Versuch siegte sein Frust, und er trat mit voller Wucht gegen die Tür. Gleich noch einmal, weil er sich immer noch nicht besser fühlte. Vielleicht würde er einfach die beschissene Tür eintreten.

///

Der Abspann des Films rollte langsam über den Bildschirm des Fernsehers, und Frank rieb sich die Augen. Morgen war sein freier Tag, und er hatte beschlossen, noch ein paar gute alte klassische Horrorfilme zu gucken. Die schwarz-weißen waren immer noch die besten.
Der Regen prasselte gegen die Scheibe, was noch zur Atmosphäre beitrug, und gelegentlich hörte er auch das Heulen des Windes. Es war ein gemütlicher Abend gewesen, und jetzt war es Zeit, ins Bett zu gehen, bevor er wieder auf dem Sofa einschlief und morgens mit einem verspannten Nacken aufwachte.
Er wühlte gerade in dem Kissenstapel auf seiner Couch nach der Fernbedienung, als er ein lautes Poltern hörte.
Seine Hand fand die Fernbedienung und er schaltete den Fernseher aus, gerade als ein zweiter Rumms ertönte. Das war definitiv nicht der Wind.
Er stand auf und ging in Richtung des Geräusches zu seiner Haustür, sein Handy bereits gezogen, um schnell Hilfe rufen zu können.
Ein drittes Geräusch folgte, und diesmal war er sich sicher, dass das ein Tritt gegen seine Tür gewesen war.
Konnte das ein Einbrecher sein? Aber welcher Idiot würde versuchen, in ein Haus einzubrechen, indem er einfach die Vordertür eintrat?
Frank blieb vor der Tür stehen, und verfluchte die Tatsache, dass er keinen Türspion hatte.
Es war kurz still, dann klang es als würde jemand mit Fäusten gegen seine Tür hämmern.
Okay, irgendwas musste er tun. Was auch immer da draußen los war. Vielleicht war es ja auch jemand der Hilfe brauchte. Aber würde man dann nicht erst klingeln?
Tief Luft holend beschloss er, die Tür erstmal einen Spalt zu öffnen. Dann konnte er kurz nachsehen, wer da draußen war, und sie auch schnell wieder schließen. Und wenn das irgendwelche randalierenden Teenager waren, würde er ihnen gehörig was erzählen.
Er positionierte sich vor der Tür, und zog sie ein kleines bisschen auf.
Bevor er wirklich sah, wer da draußen war, fiel dieser jemand schon mit seinem ganzen Körpergewicht gegen die Tür, und bevor er die Chance hatte es zu verhindern, stolperte der Typ an ihm vorbei und machte noch ein paar wacklige Schritte, bevor er einfach umkippte und auf dem Boden liegenblieb.
Frank starrte fassungslos auf den fremden Mann, der da auf seinem Boden lag.
Er warf einen Blick nach draußen, aber da schien niemand mehr zu sein. Schnell schloss er die Tür und eilte herüber zu dem Fremden.
„Hey, bist du verletzt? Wach auf!“
Er hockte sich neben ihn und rüttelte an der Schulter des Mannes. Als er seine Hand zurückzog, war sie nass. Die ganze Kleidung des Kerls war komplett durchnässt.
Franks Besorgnis legte sich ein Stück, als der Typ ein Grummeln von sich gab und sich ein wenig drehte, woraufhin Frank ein Schwall Alkoholgeruch entgegenschlug.
Na toll. Super. Nicht verletzt, nur stockbesoffen.
„Mann, jetzt steh auf!“, forderte Frank, und rüttelte noch einmal fester. Er würde einen Scheiß tun, einen betrunkenen Fremden auf seinem Fußboden pennen zu lassen.
Endlich öffnete der andere die Augen, und sah ihn durch sein schwarzes nasses Haar verwirrt an.
Gottverdammt schöne Augen. Jetzt wo Frank ihm richtig ins Gesicht sah... der Typ sah gut aus. Wirklich gut.
Aber das würde er definitiv nicht zu einem Grund machen, ihn hierzubehalten. Wer konnte schon wissen, was das für ein Mensch war. Er könnte morgen aufwachen und der Typ hätte ihn ausgeraubt und wäre über alle Berge oder so was.
Nein, er würde einen Krankenwagen oder die Polizei rufen. Die würden ihn mitnehmen, in eine Ausnüchterungszelle packen und alles wäre in bester Ordnung.
Kurz entschlossen packte Frank den Fremden unter den Armen, und schleppte ihn bis ins Wohnzimmer, wo er ihn an den Rücken der Couch lehnte.
Wenigstens einigermaßen aufrecht sitzen bleiben konnte der Kerl noch.
Frank drehte sich gerade um, um sein Telefon zu holen, als hinter ihm ein leises, seltsam deplatziertes Geräusch ertönte, das er erst nicht einordnen konnte.
Er wandte sich noch einmal um, nur um die Tränen zu sehen, die sich in den ohnehin schon roten Augen des Mannes gesammelt hatten. Der andere beachtete ihn gar nicht, sondern starrte bloß auf den Boden, er schien schon wieder vergessen zu haben, dass er nicht alleine war. Er gab noch einmal diesen Laut von sich, den Frank jetzt als eine Art unterdrücktes Schluchzen identifizieren konnte.
Hätte er kein Herz gehabt, wäre er einfach weitergegangen und hätte die Polizei gerufen, aber fuck er brachte es nicht über sich jemanden in so einem Moment alleine zu lassen, egal ob er die Person nun kannte oder nicht.
Also machte er ein paar vorsichtige Schritte auf den anderen zu, und kniete sich dann langsam neben ihn, unsicher, wie der andere reagieren würde. Dem liefen jetzt die Tränen über die Wangen, und Franks Innerstes zog sich bei dem Anblick zusammen.
Er konnte nicht anders, als mit seinem Ärmel die Tränen wegzuwischen.
„Nicht weinen“, versuchte er es, was nur dazu führte, dass der Fremde so stark weinte, dass sein ganzer Körper zu beben begann.
„I- Ich... weiß nicht... was ich... was ich immer falsch mache“, brachte der Fremde gebrochen hervor, und obwohl dessen Stimme rau und verwaschen vom Alkohol war, klang sie wunderschön in Franks Ohren. Der Mann sollte Sänger werden. „E-Egal... wie viel Mühe... i-ich... mir gebe. Alle wollen... am Ende... alle lassen mich al-alleine. Ich hatte schon aufgehört... zu trinken. Es... t-tut... mir leid.“
Frank wusste nicht, was er tun konnte. Also tat er einfach das, was ihm richtig vorkam, und schlang die Arme um den Fremden. Das er selbst dabei komplett nass wurde, hätte ihm nicht gleichgültiger sein können. Ohne die geringste Gegenwehr ließ der andere sich gegen seine Brust fallen, und Frank spürte ihn in seinen Armen zittern, während er weiter weinte. Ihm war es vorher gar nicht in den Sinn gekommen, wie kalt dem Fremden sein musste, der vermutlich schon eine Weile draußen durch den Regen gelaufen war. Die Haut unter seiner Hand, als er ihm jetzt durch das Haar strich, war jedenfalls eiskalt. Er würde sich nachher sofort darum kümmern.
„Warum bin ich nie gut genug?“, flüsterte der Mann mit tränenerstickter Stimme in Franks Shirt, und Frank rieb ihm möglichst beruhigend über den Rücken.
„Wer oder was auch immer dich dazu gebracht hat, das du glauben, es stimmt nicht“, widersprach er entschlossen. Frank wusste nicht genau, was er sagen sollte, immerhin kannte er den anderen und seine Situation nicht, aber eines konnte er sagen. „Ich werde es dir beweisen. Ich lasse dich nicht alleine, okay? Versprochen.“
Eine Weile keine Reaktion, dann ein schwaches Nicken an seiner Brust. Das Schluchzen war langsam zu einem leisen Wimmern verklungen, und das restliche Zittern schien jetzt tatsächlich nur noch von der Kälte dieser nassen Klamotten zu kommen.
Frank seufzte. Er musste sich nicht länger etwas vormachen, er würde niemals die Polizei rufen damit der Mann in seinen Armen morgen mutterseelenallein in einer klinisch weißen Ausnüchterungszelle aufwachen würde. Es hatte ganz offensichtlich einen Grund warum der Fremde so viel getrunken hatte, und obwohl sie sich nicht kannten würde Frank sein Wort halten und ihn nicht alleine lassen.
„Hey, hast du jemanden den ich anrufen kann, damit er dich abholt?“, wollte er behutsam wissen.
Ein Kopfschütteln, das er mehr spürte, als das er es sah.
„Nein... mein Bruder... Mikey. Aber er... ist bei seiner F-Freundin.“
„Okay.“
Er wollte sich langsam von dem anderen lösen, doch dieser klammerte sich nur im Stoff von Franks Oberteil fest.
„Shh. Ich will dir nur kurz trockene Sachen zum Anziehen holen“, erklärte er ruhig, und tatsächlich löste sich der Griff.
Frank blieb kurz vor dem durchnässten Mann stehen, der immer noch kraftlos auf dem Boden saß, um seine Kleidergröße einschätzen zu können, dann ging er in sein Schlafzimmer und suchte eine lockere Jogginghose und ein altes Shirt raus, die passen sollten.
Als er wiederkam, hatte der andere sich kaum gerührt, er schien schon wieder fast eingeschlafen zu sein.
Nachdem sich die Augen des Fremden nicht öffneten, beschloss Frank, ihn einfach auszuziehen.
Die Jacke war kein Problem, nur für das T-Shirt darunter, dass ebenfalls klatschnass war, musste er die Arme des Typen irgendwie hochbekommen.
Das brachte den anderen doch dazu, seine Augen wieder zu öffnen.
„Mikey?“, nuschelte er desorientiert und sah zu Frank auf, ohne ihn wirklich zu fokussieren.
Frank schüttelte den Kopf. Er hatte sich ja noch gar nicht vorgestellt, auch wenn er nicht damit rechnete, dass der andere seinen Namen behalten würde.
„Nein. Ich heiße Frank“, entgegnete er geduldig, und fuhr fort, dem Fremden das T-Shirt über den Kopf zu ziehen.
„Frankie“, wiederholte der andere, was Frank zum Schmunzeln brachte.
„Wie heißt du?“, fragte Frank beiläufig.
„Gee.“
Gee also. Frank schob den Gedanken beiseite, warum er diesen Fremden tatsächlich bei sich schlafen ließ, ohne mehr als seinen Namen zu kennen. Es hatte bestimmt nichts mit dessen Aussehen zu tun oder das Frank nicht ertragen konnte, dass irgendein Mensch so über sich dachte wie Gee. Nein.
Das nasse T-Shirt ließ er einfach auf die nasse Jacke fallen, und zog dem anderen das trockene über. Er versuchte wirklich, nicht zu starren, aber dieser Oberkörper machte es ihm nicht leicht.
Anschließend kamen die Schuhe und die ebenfalls nassen Socken dran.
Erst dann wurde es schwierig, denn solange Gee auf dem Boden saß, würde Frank ihm niemals die Hose ausziehen können. Kurz überlegte er, sie einfach zu lassen, aber sie war so nass, dass es erstens kalt und zweitens ungesund war.
Resigniert seufzend half er Gee hoch, der nicht einmal mehr alleine stehen konnte.
Zum Glück waren es nur ein paar Meter um die Couch herum, wo Frank Gee wieder absetzte, der sich auch sogleich der Länge nach auf die Couch fallen ließ und schon wieder sofort weggetreten war.
Kopfschüttelnd machte Frank sich daran, dem Fremden jetzt auch noch die Hose auszuziehen, mit dem selben Vorsatz, nicht zu starren. God damnit, das würde mehr Spaß machen wäre dieser Gee nüchtern und vor allem wach.
Die Jogginghose passte tatsächlich, also sammelte Frank die ganzen tropfenden Klamotten ein, legte sie zum Trocknen über den Badewannenrand und holte dann noch eine Decke aus seinem Schlafzimmer, mit der er Gee zudeckte, der von alldem schon nichts mehr mitbekommen hatte.
Er nahm eines der Kissen von der Couch und schob es dem anderen noch unter den Kopf, und kontrollierte kurz das er bequem auf der Seite lag.
Für den nächsten Morgen stellte Frank auch noch ein Glas Wasser und zwei Aspirin auf den Wohnzimmertisch neben die Couch, bevor er sich in sein eigenes Bett legte. Er ließ die Tür aber offen, damit er Gees gleichmäßiges Schnarchen hören konnte.
Er blieb den Rest der Nacht wach um sofort da zu sein, falls der andere sich übergeben musste oder keine Luft mehr bekam.

///

Grelles Licht ließ die Konturen des Fernsehers und des Tisches vor ihm verschwimmen.
Stöhnend kniff Gerard die Augen zusammen und drehte sich von der Lichtquelle weg.
Als er nach einer Weile nochmal die Augen öffnete, blickte er gegen die Lehne einer Couch.
Eine Couch... das war aber nicht seine Couch.
Verschlafen strich er sich sein Haar aus dem Gesicht, dass an den Spitzen aus irgendeinem Grund feucht war.
Gähnend sah er an sich herunter, und stellte fest, dass weder das T-Shirt, noch die Jogginghose die er trug, ihm gehörten.
Es war nicht das erste Mal, dass so etwas passierte. Aber es war das erste Mal seit einer langen Zeit gewesen. Er hatte seit über einem Jahr keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt, und gedacht die Zeiten, in denen er sich in irgendeiner Bar volllaufen ließ und dann am nächsten Morgen im Bett irgendeines Typen aufwachte und sich an nichts mehr erinnerte, wären längst vorbei.
Scheinbar lag er falsch.
Auch wenn er nicht in einem Bett sondern auf einer Couch lag, wie auch immer er hierher gekommen war. Er versuchte sich daran zu erinnern, wann um alles in der Welt er gestern Abend noch jemanden aufgerissen hatte, aber sein Gedächtnis war wie leergefegt. Nur ein einzelner Erinnerungsfetzen tauchte vor seinem inneren Auge auf. Er hatte auf dem Boden gesessen und jemand hatte ihn im Arm gehalten. Das war alles. Weder was davor, noch was danach passiert war, wollte ihm einfallen.
Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war der Streit gewesen, wegen dem er sich betrunken hatte. Er hätte niemals gedacht, dass das ihr letzter Streit sein würde. Er hatte noch versucht, ihn danach anzurufen, sich zu entschuldigen, wie immer, doch er war weggedrückt worden. Du bist so ein Loser, Gerard. Natürlich suche ich mir da jemand anderen. Ja, er war ein Loser. Er hatte nicht nein sagen können zu der Versuchung, alles zu vergessen. Er wusste irgendwo, dass er nichts falsch gemacht hatte, dass er ehrlich gewesen war und immer sein Bestes gegeben hatte, aber trotzdem wollte er sich noch entschuldigen, trotzdem glaubte er jedes Wort das ihm die Schuld an allem zuwies, einfach weil er nicht wieder alleine sein wollte. Er brauchte das Gefühl, dass jemand ihn wollte, das jemand seinem Leben einen Sinn geben konnte, und das machte ihn abhängig. Nicht nur  vom Alkohol.
Schnell rieb er sich über die Augen und drehte sich wieder um.
Da auf dem Tisch stand ein Glas Wasser und zwei Aspirin, die er sofort mit dem Wasser einnahm.
Gegen das pelzige Gefühl auf seiner Zunge half das aber nicht viel.
Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen. In einem anderen Zimmer klapperte Geschirr und es roch nach Kaffee.
Er hatte keine Ahnung, wer da auf ihn wartete, aber er würde ihm nicht ausweichen können. Nicht solange er immer noch fremde Klamotten trug.
Langsam setzte Gerard sich auf, und wartete ab, bis der Raum nicht mehr schwankte und das Hämmern in seinem Schädel ein wenig nachgelassen hatte, bevor er aufstand und dem Kaffeegeruch und den Geräuschen folgte.
Die Tür zur Küche stand offen, dennoch blieb er unschlüssig im Türrahmen stehen.
Der Typ, dem das Haus offenbar gehörte, hatte ihn noch nicht bemerkt, und so blieb Gerard ein Augenblick, um den anderen zu mustern.
Und... Holy shit, wo zum Teufel hatte er so einen heißen Kerl getroffen?
Der andere stand mit dem Rücken zu ihm, aber auch unter dem T-Shirt konnte Gerard seine Muskeln sehen, und spätestens die tätowierten Oberarme überließen nicht mehr viel der Spekulation. Und dann dieser Hintern, lockere Pyjamahose hin oder her.
In dem Moment drehte der Mann sich um, und Gerard sah zum ersten Mal sein Gesicht. Gerard korrigierte sich innerlich. Der Mann vor ihm war nicht heiß, sondern wunderschön. Er konnte nicht anders, als ihn mit offenem Mund anzustarren. Dieser Mensch war perfekt, er wusste nicht, wie er es sonst ausdrücken sollte.
Zwei Dinge bereute er an der ganzen Sache: Zum einen, dass er sich nicht mehr daran erinnern konnte, mit dem schönsten Mann der ihm je begegnet war geschlafen zu haben.
Zum anderen, dass er sich nicht einmal an den gottverdammten Namen zu diesem Gesicht erinnern konnte!
Erst als der andere plötzlich etwas sagte, gelang es Gerard, den Blick von dem Skorpion-Tattoo an der Seite dessen Halses loszureißen.
„Ich hab überlegt Pfannkuchen zu machen, aber ich dachte das das nicht das beste Katerfrühstück ist, darum habe ich überlegt eine Gemüsebrühe mit Toast wäre ganz gut. Ich esse kein Fleisch, sonst hätte ich auch eine Hühnersuppe gemacht.“
Gerard stand immer noch reg- und sprachlos in der Tür.
Also das jemand sich darüber Gedanken machte, was er ihm zum Frühstück machen sollte, war neu. Überhaupt das jemand außer seinem Bruder sich so viele Gedanken um ihn machte.
Und dann wusste er nicht mal den Namen dieser Person.
„Ich...“, rang er nach Worten, was ihm wieder die Aufmerksamkeit des Mannes einbrachte, der gerade die Brühe in eine Schüssel füllte. „Ich weiß nicht mehr wie du heißt, fürchte ich“, gab Gerard schließlich zerknirscht zu.
Statt einem verletzten oder ernüchterten Blick schenkte der Fremde ihm aber nur ein schiefes Lächeln, bei dem das Zimmer gleich wieder zu schwanken begann.
„Ich heiße Frank.“
„Frank“, wiederholte Gerard und folgte Frank mit dem Blick, als dieser die Schüssel mit der Brühe auf einen Esstisch stellte.
„Setz dich doch“, bot Frank an, und deutete auf einen Stuhl.
Gerard folgte der Anweisung, und war erleichtert, als er endlich wieder saß.
„Möchtest du Kaffee?“, hörte er Frank fragen, und nickte. Bei dem Thema Kaffee wäre er eigentlich enthusiastischer, nur gerade war er einfach überfordert mit der Situation.
Er hatte noch nie mit einem One-Night-Stand gefrühstückt. Und jetzt wo Frank ihm gegenüber saß und sich ein Toast schmierte, während Gerard an seinem Kaffee nippte, bereute er es, dass sie sich so kennen gelernt hatten. Er sollte sich Gedanken darüber machen, wie er seinen Freund zurückgewinnen konnte, zumindest war es bisher immer so gewesen. Aber diesmal nicht. Er wollte nicht wieder zurückgekrochen kommen zu jemandem, der ihn einen Loser genannt hatte und um den er jeden einzelnen Tag kämpfen musste um zu verhindern, dass er ihn verließ. Frank hatte ihm Frühstück gemacht. Und er war nicht böse geworden weil Gerard seinen Namen vergessen hatte. Und er hatte daran gedacht, ihm Aspirin und Wasser hinzustellen. Er hatte noch nie jemanden wie Frank getroffen. Jemanden, bei dem er sich wohl fühlte obwohl er ihn kaum kannte, mit dem er entspannt frühstücken konnte. Er machte sich keine Illusionen darüber, dass er gleich nach dem Frühstück wieder seine eigenen Sachen anziehen und in sein altes Leben zurückkehren würde, ohne Frank danach nochmal zu begegnen. Letzten Endes war er doch nur ein Kerl der sein Alkoholproblem und auch den Rest seines Lebens nicht in den Griff bekam, und würde Frank das herausfinden, würde auch er ihn als einen Loser abstempeln und ihn verlassen.
Der Gedanke machte ihn so traurig, dass er schon wieder spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete, also versteckte er sein Gesicht hinter seiner Kaffeetasse.
Vielleicht konnte er aber auch etwas ändern. Wenn Frank nicht war wie alle anderen Menschen, die er bisher kennen gelernt hatte, vielleicht würde es dann diesmal anders werden.
Also holte Gerard tief Luft und sprach laut aus, was er schon die ganze Zeit dachte:
„Wir sollten letzte Nacht nochmal wiederholen. Nüchtern.“
Er stellte seine Kaffeetasse wieder auf den Tisch, hielt sie aber mit beiden Händen umklammert.
Frank sah ihn nur verwirrt an.
Hatte Gerard etwas Falsches gesagt? War er nicht deutlich gewesen?
Es verunsicherte Gerard, dass Frank nichts sagte.
Plötzlich brach sein Gegenüber in schallendes Gelächter aus, und obwohl Franks lachendes Gesicht das Schönste war, dass Gerard je gesehen hatte, und sein Lachen das schönste Geräusch das er je gehört hatte, brachte ihn diese Reaktion aus dem Konzept. Was war passiert, dass Frank so darüber lachte? Wie hatte er sich jetzt schon wieder blamiert?
„Warte mal... was denkst du was letzte Nacht passiert ist?“, fragte Frank zwischen Lachern, und wischte sich Tränen aus den Augenwinkeln.
Gerard spürte, wie er rot wurde. Nicht nur ein leichter Rotschimmer, sondern ein tiefes Dunkelrot, da war er sich sicher. Er widerstand nur schwer dem Drang, sein Gesicht in seinen Händen zu vergraben.
„Hatten wir... hatten wir keinen Sex?“, brachte er schließlich hervor, und wurde dabei immer leiser.
Statt einer Antwort schüttelte Frank sich nur weiter vor Lachen. Oh Gott. Oh Gott wie peinlich.
Gerard stand ruckartig auf, er wusste zwar noch nicht was er vorhatte, aber er wollte definitiv nicht, dass Frank ihn weiter auslachte. Natürlich würde jemand wie Frank ihn nicht attraktiv finden. Frank war eine ganz andere Liga. Völlig undenkbar das...
„Gee, warte“, stoppte ihn Franks Stimme, plötzlich ernst, gerade als er sich Richtung Tür gedreht hatte. Eine warme Hand legte sich um sein Handgelenk und drehte ihn wieder herum. Frank war auch aufgestanden und stand jetzt direkt vor ihm. Er war ein wenig kleiner als Gerard, was ihm bis dahin gar nicht aufgefallen war.
„Ich habe bloß gelacht weil du letzte Nacht gegen meine Tür gehämmert hast, ich daraufhin geguckt habe wer da draußen ist, und du einfach reingestolpert bist und entschieden hast, dass mein Fußboden ein guter Ort ist, um ein Nickerchen zu machen. Als du gesagt hast, wir sollten nüchtern wiederholen was letzte Nacht passiert ist, habe ich mir vorgestellt wie du das nüchtern nochmal machst.“
Ein belustigtes Lächeln ließ Franks Mundwinkel zucken. Gerard wäre im Boden versunken vor Scham, als er begriff das er Frank nicht in einer Bar kennen gelernt hatte, sondern, aus welchen Gründen auch immer, versucht hatte, in sein Haus einzubrechen. Doch Frank schien ihm diese seltsame Suff-Aktion nicht mal übel zu nehmen. Jedenfalls amüsierte er sich im Nachhinein darüber.
Gerard grinste, auch wenn es ihm peinlich war.
„Da hab ich mir wenigstens das richtige Haus zum Reinstolpern ausgesucht“, erwiderte er in einem kurzen, ungewöhnlichen Anflug von Selbstbewusstsein.
Tatsächlich brachte Frank das wieder zum Lachen.
Da fiel Gerard aber noch etwas ein, und er deutete auf seine Kleidung.
„Willst du mir sagen das ich dann noch in der Lage war, mich umzuziehen, nachdem ich einfach durch deine Tür gefallen bin?“
Franks Grinsen wurde breiter.
„Oh nein, das war ich. Du warst durchnässt und kalt und ich konnte dich so nicht schlafen lassen.“
Ein kleines, warmes Gefühl breitete sich in Gerard aus. So sehr er auch bereute, quasi in Franks Haus eingebrochen zu sein, so hatte er doch wahnsinniges Glück gehabt. Von all den Leuten, in deren Häuser er betrunken hätte einfallen können hatte er das dieses wahnsinnig schönen Mannes erwischt, der ihn dann nicht einmal rausgeschmissen, sondern sich um ihn gekümmert hatte, statt wie jeder normale Mensch einfach die Polizei zu rufen.
„Machst du das immer? Dich um betrunkene Fremde kümmern, die deine Tür demolieren?“, fragte Gerard mit leisem Lächeln in der Stimme.
Frank schüttelte den Kopf, immer noch schmunzelnd. „Nein. Aber ich habe dir letzte Nacht etwas versprochen, und das habe ich vor zu halten.“
Gerard dachte fieberhaft darüber nach, was das sein konnte, aber natürlich fiel es ihm nicht ein.
„Was hast du versprochen?“
Statt einer Antwort zwinkerte Frank nur.