Der letzte General

von nepheley
OneshotFreundschaft, Tragödie / P16
Alexander Cassander Cleitus Hephaestion
02.10.2017
02.10.2017
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Alexander lag im Sterben.

Er spürte, dass sein Körper allmählich seinen Tribut forderte. Allein lag der König in einem Zimmer, das in all seiner Pracht nicht mehr so ganz zu seiner Erscheinung passen wollte.
War er wirklich allein?
Nein. Aber er fühlte sich so.
"Kassander... komm zu mir."
Die Gestalt am Fenster wandte sich zu ihm und folgte schweigend dem Befehl. Auf Alexanders schwache Geste hin setzte sie sich steif auf die seidenen, dunkelroten Laken.
Kassanders Körper war nicht mehr so schmal wie zu Beginn des Feldzuges. Schlank noch immer, doch gestählt und muskeldurchzogen wie nie zuvor.
Kassander sah müde aus. Alexander hatte immer nur Augen für Hephaestion gehabt, sodass ihm das nie aufgefallen war.
Des Lebens müde.
Er versuchte, sich den jungen Kassander vor Augen zu rufen, kurz nachdem sie Mieza verlassen hatten. Hübsch war er gewesen. Aber vielleicht hatte er ihn auch nur hübsch gefunden, weil er Hephaestion irgendwie ähnlich sah. Blaue Augen, die um einiges kälter und schmaler waren und denen seit jeher die Wärme fehlte, die in Hephaestions innegewohnt hatte. Dazu kam die anmutige Jugendlichkeit. Noch so viele Jahre konnten ins Land gehen, Kassander schien kaum zu altern. Das stete Lächeln, hochmütig zwar, aber amüsant, weil es jeden die Augen verdrehen ließ, da man diesen Hochmut nur belächeln konnte. Durch nichts und niemanden war Kassander davon abzuhalten gewesen.
Nun war es anders.
Und Alexander konnte sich nicht daran erinnern, wann seine Fassade einen derartigen Riss bekommen hatte.
Wenn er an Kassander dachte oder auch nur seinen Namen hörte, dachte er nur an Hochmut, eine spitze Zunge und das Bedürfnis, sich so wenig wie möglich mit ihm auseinandersetzen zu müssen. So war Kassander schon immer gewesen, bis heute. Nie war er kindlich gewesen, bei keinem einzigen Spiel, nicht im Unterricht im Nymphentempel und erst recht nicht was Mädchen anging. Ihm kam es vor, als hätte Kassander nie eine Kindheit gehabt, als wäre das Kind in ihm schon bevor es ausbrechen konnte im Keim erstickt worden.
Wie stark musste er unter Antipaters Erziehung gelitten haben. Er hatte aus seinem inneren Kind erfolgreich einen hartherzigen Mann gemacht, noch bevor Kassander sich selbst aussuchen konnte, wie er war. Er nahm diese Rolle an, spielte sie verbissen weiter und eines Tages wurde aus diesem Schauspiel seine Persönlichkeit. Er wurde wie sein Vater, ein großer, einflussreicher Mann, dem es zwar an jeglicher Güte und Liebe fehlte, aber loyal war bis zum Tod. Diese Wertvorstellungen hatte er an Kassander weitergegeben, sie ihm eingeprügelt und Kassander tat was er verlangte. Um seinen ewig unzufriedenen Vater stolz zu machen.
Es war unglaublich, wie ähnlich und doch verschieden Hephaestion und Kassander waren. Während Hephaestion sich den Titel als General durch Alexanders Freundschaft und seine Anerkennung verdient hatte, war Kassander durch harte Arbeit und einen ungesunden Ehrgeiz daran gekommmen.
Aber er kannte nichts anderes, er war einfach so.
Macht statt Liebe, hatte  Antipater einmal zu seinem Sohn gesagt, Liebe findest du immer wieder eine neue, aber verlierst du einmal deine Macht, bekommst du sie nie wieder zurück.
Er hatte Kassander wunderselten einmal mit einer Frau oder einem Mann gesehen oder auch nur darüber reden hören. Er hätte es so leicht gehabt. Immer war er von einer Traube Jungen und Mädchen umgeben gewesen, die schönsten Soldaten hatten ihn auf Knien um eine Nacht angefleht und seine abweisende Art machte ihn für sie nur noch begehrenswerter. Er hatte ihre Aufmerksamkeit genossen, wie sie ihn anhimmelten, aber er war blind für ihre Liebe gewesen.
Mit Betteroberungen konnte er nicht angeben. Mit einer gewonnenen Schlacht oder einem Rangauftstieg hingegen schon.
"Ich weiß, dass du mich nie ausstehen konntest", begann Kassander unvermittelt. Seufzend strich er   die Falten aus den Laken. Er schaute Alexander nicht an, zuckte nur kurz überrascht zusammen, als dieser auf einmal seine Hand ergriff und die Finger fest umschloss. Irritiert über die plötzlich vertraute Geste fuhr er zaghaft fort. "Ich war dir zu aufmüpfig, zu hochmütig. Mein Stolz war in deiner Gegenwart nie angemessen, weil du glaubest, nur du als Prinz dürftest dir einen solchen Stolz erlauben."
Alexander schnaubte belustigt. "Du hast dir aber auch nie sonderlich viel Mühe gegeben, dass andere dich mochten."
"Hatte ich das nötig?", höhnte Kassander. Das süßliche Lächeln brachte Alexander beinahe zum Lachen. "Perdikkas respektierte mich auch ohne, dass ich ihm ein Freund war. Ptolemaios fragte mich um Rat, wenn es um die Frauen ging, obwohl er um meinen folgenden Spott wusste. Philotas wählte mich oft an seine Seite in der Schlacht, weil er von meinem Können überzeugt war, nicht etwa weil ich unterhaltsame Begleitung war." Kassander zögerte kurz. Dann senkte er die Stimme und flüsterte in säulselndem Bariton in Alexanders Ohr: "Und Hephaestion leihte ich zu oft mein Ohr, wenn er Kummer hatte."
Alexanders Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Seine kalten Finger umschlossen Kassanders Hand noch fester. Hephaestion... ja, sein treuer Hephaestion. Es tat mehr weh, ihn tot zu sehen als selbst zu sterben. Warum musste Kassander weitersprechen? Warum musste er ihm seine eigene Schuld noch einmal spüren lassen?
"Als ich dich sah, wie du an seinem Tod zerbrachst, an den Schuldgefühlen, die dich wie persisches Glas zerfallen ließen, wusste ich, dass du ihm bald folgen würdest. Du sahst immer nur dich selbst in deiner Trauer. Hast erwartet, dass die anderen dir Trost spenden, dir einreden, du seist nicht Schuld. Aber nie wolltest du sehen, wie deine Kameraden ebenso litten. Als wäre es nur dir vergönnt, als wärest nur du allein in der Lage zu trauern. Ich habe getrauert, Alexander.
Hephaestion und ich, wir waren Freunde, hast du das gewusst? Du wirst es dir nicht vorstellen können, aber dein geliebter Hephaestion hat mich nie so abstoßend gefunden wie du. Manchmal gefiel ihm meine ätzende Art. Sie sei Abwechslung, sagte er. Nachdem du mich angeschrien und beinahe erwürgt hättest, begann ich an mir zu zweifeln. Ob ich so, wie ich nun einmal war, in Ordnung bin. Ich verdrehte mich, um dir zu gefallen, Alexander. Und du sahst es nicht einmal. Dann kam Hephaestion zu mir und sagte: Kassander. Bemüh dich nicht, ich mag dich wie du bist. Diese Freundlichkeit steht dir nicht. Ich war glücklich, Alexander.
Als ich von seiner Krankheit erfuhr, versuchte ich zu ihm zu gelangen. Ich roch seinen Tod. Ich wollte mich für seine Freundschaft bedanken. Aber du ließest mich nicht zu ihm.
Als er starb und niemand wusste, was ihn so elendlich dahingerafft hatte, glaubte ich den Grund zu kennen. Es war die Sorge um dich, Alexander. Sie hat ihn zerfressen. Du wusstest nie, was du an ihm hast, warum nur hast du diese babylonische Hure und diese Barbarin ihm vorgezogen? Hephaestion, der dich so sehr geliebt hat, dass ich ihn tausendmal lieber an deiner Seite gesehen hätte? Als Dank für seine Treue ließest du ihn allein sterben.
Sein Tod traf nicht nur dich. Er war ein guter General und ein umso besserer Chiliarch. Ich hätte ihn küssen können, jedes Mal, wenn er eine deiner wahnsinnigen Entscheidungen zurückrief. Ich bewunderte ihn dafür. Nie gingst du ihm an die Kehle wie du es bei mir tatest...
Du hast nicht gesehen, dass meine Fähigkeiten von Hephaestions Tod beeinträchtigt wurden. Auch nicht, nachdem ich in der letzten Schlacht beinahe mein Leben gelassen hatte. Du hast nicht ein einziges Mal nach mir gesehen, als ich wochenlang um mein Leben kämpfte. Bedeutete dir dein General wirklich so wenig, Alexander? Wusstest du es überhaupt oder warst du nur froh mich nicht sehen zu müssen? Ich war immer loyal. Ich weiß, dass ich mit spitzer Zunge rede, aber du kennst mich seit Kindertagen und bist nichts anderes von mir gewohnt. Du hättest wissen müssen, dass ich dir nie böses wollte, was auch immer die Alten sagten. Nie hattest du ein Lob für mich."
Tief atmete er ein. Schien krampfhaft zu überlegen, ob er weitersprechen sollte. Abschätzend musterte er Alexanders fiebrige Gestalt. Was hatte er schon zu verlieren?
"Kleitos suchte mich auf", sagte er leise. "Er fing mich auf, als niemand sonst es tat. Er war nicht Hephaestion, aber er verstand mich. Er war der einzige, der meine Schale durchbrechen konnte. Er hat mich nie verraten. Er sah den Menschen in mir, den Kassander. Nicht die listige Schlange, die ebenso gut Olympias Brut hätte sein können. Je öfter ich dich mit diesem Eunuchen sah, versuchte ich nicht daran zu denken, wie es wäre, wenn Kleitos mich ebenso anschauen würde wie Bagoas dich. Er füllte Hephaestions Leere, er ging sogar weit darüber hinaus. Ich wollte es ihm sagen, doch er war gereizt an diesem Abend. Und du, du dummer Junge, warum musstest du dich von ihm provozieren lassen? Und warum, Alexander, warum hast du ihn ermordet?"
Kassanders Finger zitterten in Alexanders unerbittlichen Griff. Seine Augen glänzten verräterisch. "Deinen Lehrer, deinen Genral, deinen Vertrauten! Weißt du welche Angst wir bekamen? Dass keiner deiner Generäle auf dem Schlachtfeld sterben würde, sondern durch deine Hand?
Ich hatte niemanden mehr, Alexander. Deinetwegen. Mein Herz brach und ich begann dich zu hassen. Ich hatte jemanden gefunden, der mein Inneres auftaute. Es ist deine Schuld, dass ich nichts mehr fühle."
Alexander starrte ihn an. Wollte etwas sagen, doch Kassander ließ ihn nicht zu Wort kommen.
"Ich habe überlebt. Bis jetzt. Der klägliche Rest meiner Männer wirft mir in gutmütigem Spott entgegen, dass sie anfangs glaubten, ich würde der General sein, der als erstes fällt. Ich habe mich bewiesen und jetzt glauben sie an meine Fähigkeien, in ihren Augen steht in jeder Schlacht Anerkennung und Respekt. Zwei Dinge, die du mir nie entgegen gebracht hast. Hättest du jemals geglaubt, ausgerechnet Kassander würde dich überleben?"
Als Kassander lustlos lächelte, bemerkte Alexander, dass er einen Fehler gemacht hatte. Kassander wäre einer seiner engsten Vertrauten geworden, wäre er nicht so verbohrt  gewesen. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, auf die falsche Schlange zu achten. Obwohl er doch von seiner eigenen Mutter wusste, dass sich hinter einer ätzenden Fassade ein wunderbarer Mensch verbarg, der nur müde war vom lebenslangen Schauspiel.
"Manchmal hasse ich mich selbst. Ich ekle mich vor meiner hässlichen Persönlichkeit. Niemand ist mehr da, der mir sagen könnte, dass ich mit all meinen Eigenarten kein schlechter Mensch bin. Denn weißt du, ich beginne seit geraumer Zeit, meine Handlungen zu bedenken. Ich verachte mich für meinen Selbstzweifel, sind es doch nur deine Befehle, die ich ausgeführt habe und Zweifel an mir ist auch ein Zweifel an dir, meinem König."
Kassander machte eine Pause und starrte auf seine Hände. Er schien weder seine Gedanken noch seine Zunge unter Kontrolle zu haben. Dabei hatte er nicht einmal getrunken. Er war nüchterner als je zuvor. So lange hatte er seine Bedenken in sich hinein gefressen, dass es ohne Sinn und Zusammenhang aus ihm heraussprudelte.
"Wusstest du, dass mein Vater vor einem Monat gestorben ist?" Seine Stimme zitterte. "Ich war nicht bei ihm... er konnte mir nicht mehr sagen, dass er stolz auf mich ist. Ich musste ihm doch noch erzählen, was ich erreicht habe!"
Tränen liefen Kassanders Wangen hinab. Tränen, die er schon viel zu viele Jahre in seinem immer kälter werdenden Herzen eingeschlossen hatte.
"Solang ich etwas habe, wofür es sich noch zu leben lohnt, werde ich leben. Solang ich einen König habe, dem ich dienen kann, werde ich stark sein. Aber nun gehst auch du, Alexander... warum verlässt mich auch noch mein Lebenssinn? Was soll ich tun, wem soll ich mein Vertrauen schenken, wenn du gehst? Es gibt niemand würdigeren als dich, der meine Dienste verdient. Du bist Alexander der Große, du wirst nicht sterben und mich hier allein lassen, hörst du?!"
Alexander sah die unbändige Verzweiflung in Kassanders Blick. Es war so ungewohnt, ihn ohne jegliche Beherrschung zu erleben, seinen treuen Kassander. Wie er seinem König seinen verletztlichen Kern präsentierte, kam es ihm vor, als würde er ihn nackt sehen. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, was er angerichtet hatte. Aber was sollte er tun? Alexander wusste, dass Kassander all die Jahre versucht hatte, ihm nach den Mund zu reden. Und vielleicht war es jetzt an der Zeit, dass Alexander ihm einmal das sagte, was er hören wollte.
"Du wirst es mir nicht glauben, aber ich habe dein Widerwort stets geschätzt. Sie zeigten mir meine Fehler und das machte mich wütend. Versprich mir, dass du meinen Platz einnehmen wirst. Wähle geeignete Männer aus, die Makedonien führen sollen."
"Verstehst du nicht, dass unsere Zeit vorbei ist?", fragte Kassander. "Makedoniens Weiterleben fällt in die Hände der nächsten Generation. Unsere Taten sind Vergangenheit. Ich passe nicht in eine Welt, die nicht von dir regiert wird."
Kassander erhob sich und machte eine letzte, tiefe Verbeugung, die so ernst gemeint war wie noch nie zuvor. Alexander lächelte wehmütig. "Steh schon auf. Wenn ich dich das letzte Mal sehe, will ich deinen unbrechbaren Stolz und den ewigen Spott in deinen Augen. Sieh mich an, wie du es immer tatest."
Kassander gehorchte. Er setzte Alexander zuliebe seine Maske auf.
"Verspich mir, dass du dieses Gesicht auch an meinem Grab tragen wirst. Wenn du um mich trauerst, dann tu es im Verborgenen."
Kassanders Mundwinkel zuckten. Alexander ließ es zu, dass er ihm einen Kuss auf die Stirn gab, bevor er langsam den Raum verließ. Das Herz des Königs wurde warm, als sein General zum ersten Mal in Freundschaft, mit Gefühl und Emphatie zu ihm sprach:
"Ich betrauere nicht Alexander. Ich betrauere einen großen König."


*~~*~~*~~*~~*~~*


Einen Tag nach Alexanders Tod stand Kassander am Rand des höchsten Turmes von Babylon.
Alexanders Reich.
Eine wunderbare Stadt.
Es war nicht schlimm, hier den Tod zu finden, fernab von seiner Heimat.
Die Menschen hatten es ihm zu einem zweiten Zuhause gemacht. Zu viele Erinnerungen hatte er an diese Stadt. Zu viele, die ihn lächeln ließen und nur wenige, bei denen sich seine Brust schmerzhaft verzog.
Er löste das Haarband und schaute zu, wie es hinabsegelte. Seine Locken wehten frei im Wind.
"Tu das nicht, Kassander."
Aristoteles lehnte sich mühselig schnaufend an die Säulen. Der Aufstieg war anstrengend gewesen für seinen alten Körper, aber er konnte nicht zulassen, dass Kassander eine Dummheit beging. Doch als er ihn vor sich stehen sah, fragte er sich, wie er das fehlende Leuchten in den stechend blauen Augen nicht hatte bemerken können. Es war, als hätte jemand seine Iris komplett zerbrochen, es unmöglich gemacht, dass Lichtstrahlen eindringen konnten. Kassander sah kein Licht mehr für sich. Alexander hatte ihn kaputt gemacht.
"Ich will nicht alle meine Schüler überleben."
"Ich bin der letzte, der noch übrig ist. Ich habe sie alle überlebt. Nun bin ich allein. Ptolemaios, Hephaestion, Kleitos und all die anderen... Sie haben mich hier zurückgelassen! Die Zeit ist falsch verlaufen, Aristoteles! Bevor wir von Mieza aufbrachen, haben wir uns geschworen, immer füreinander da zu sein. Wenn wir sterben, dann gemeinsam auf dem Schlachtfeld. Aber dieser Schwur ist schon nach der ersten Schlacht nichtig geworden. Uns befiehl die Ruhmsucht und ich lebte nur noch für mich selbst. Wir haben uns entzweit. Siehst du, was Krieg und Macht aus uns gemacht haben?"
"Du bist übrig. Du wirst Makedoniens König werden. Mach Alexander stolz und nimm seinen Platz als einer seiner Nachfolger ein. Makedonien braucht dich."
Kassander dachte einen winzigen Moment darüber nach. Dann lächelte er.
"Ich wusste nie, wem ich glauben sollte. Den Lehren meines Vaters oder deinem Unterricht. Er sagte, die Macht ist das, was mich glücklich machen wird. Stell sie über die Liebe, mein Sohn... Und du mit deinen ewigen Predigten von Liebe und Freundschaft. Ich verachtete Hephaestions und Alexanders Geschwafel von Achilles und Patroklos. Ich verstand nichts davon.
Aber jetzt, jetzt verstehe ich es. Mein Vater und du hattet Unrecht. Weder Macht noch Liebe haben mich glücklich gemacht. Ich lege meine Macht ab. Ich entziehe meinem Körper die Liebe und schenke sie dem Tod."
Bevor Aristoteles ihn aufhalten konnte, rammte sich Kassander den Dolch zwischen die Rippen. Das schmerzerfüllte Stöhnen trieb dem Alten die Tränen in die Augen. Kassander trat gebückt zum Abgrund.
"Kassander, mein Junge, bitte", flehte er. Blaue, tränenverschleierte Augen blickten zu ihm auf.
"Ich gebe mein Leben für sie. Meine Treue zu ihnen ist stärker als der Wunsch, zu leben und in Macht Alexanders Reich auszuweiten. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen. Sie werden das Leben im Elysium erst in Frieden genießen können, wenn ich bei ihnen bin. Mögen wir uns auch voneinander entfernt haben, unser Schwur ist noch immer gültig und es liegt an mir, ihn auszuführen, den letzten Befehl meines Königs. Wir leben den Tod zusammen."
Er spürte Babylons letzte Strahlen auf seinem Körper tanzen und die Sonne, die er so geliebt hatte.
Das Volk sah den fallenden Engel. Den letzten der großen Generäle Alexanders. Aber er wusste er hatte nicht umsonst gekämpft. Das erste Mal fühlte er, dass seine Taten nicht nur für ihn von Vorteil waren, sondern auch für die Menschen. Es war ein schönes Gefühl, zu wissen, für andere etwas Gutes getan zu haben und er spürte einen Stich der Wehmut, dass er das zu spät bemerkt hatte.
Ein  letztes, erstes ehrliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen, welches er der Sonne schenkte.
Die Stimmen von Hephaestion, Kleitos, seinem Vater und Alexander drangen in seine Ohren.
Du bist nicht selbstsüchtig, Kassander. Du warst ein treuer General. Dein Freitod wird deinem Ruf nicht schaden. Ich bin stolz, dass du mir bis zum Ende gefolgt bist. Bald sehen wir uns, mein Freund.
Sie würden wieder eine Einheit sein, so wie es immer hätte sein sollen. Und Kassander würde verzeihen, dass sie ihn allein gelassen hatten.


Aristoteles stand am Rand des Turmes. Seine alten Augen sahen der fallenden Gestalt hinterher und der Träne, die ihm folgte.
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