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Zwei Welten

von Tilajasar
GeschichteFreundschaft / P12 / Het
Dinah Electra Greaseball Pearl Rusty
01.10.2017
11.11.2017
21
46.547
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01.10.2017 2.843
 
Als Rusty die Einfahrt von Victoria vor sich sah, war er wirklich froh. Langsam rollte er ein und brachte den Zug zum Stehen. Er spürte, wie sich die Frachtwaggons abkuppelten.
„Und wieder zwanzig Minuten Verspätung“, beschwerte sich Flat Top und rollte davon.
„Das wird Control nicht gefallen“, hörte Rusty Cabooses Stimme neben sich. Er sah den Bremswagen böse an. „Du hast doch die ganze Zeit auf der Bremse gestanden!“
„Ach, was unterstellst du mir?“ Caboose hob abwehrend die Hände. „Arbeite lieber an deiner Zugkraft!“
Rusty wollte etwas erwidern, aber Caboose hatte ihm schon den Rücken zugedreht und fuhr davon.

„Mach dir nichts draus. Was sind schon zwanzig Minuten?“ Dustin lächelte ihn aufmunternd an.
Aber Rusty konnte seine Zuversicht nicht teilen. Es war ja nicht das erste Mal, dass er mit Verspätung einfuhr. Lange würde Control sich das nicht mehr tatenlos ansehen. Und was, wenn er ihm dann auch noch den Frachtzug wegnahm…
„Nun mach nicht so ein Gesicht.“ Dustin stupste ihn freundschaftlich an. „Schau mal, da hinten kommt Pearl!“
Rusty sah auf und seine trüben Gedanken waren augenblicklich verflogen. Pearl kam tatsächlich sehr zügig auf sie zugefahren.
„Dann bis später!“, verabschiedete sich Dustin.
Rusty nickte und rollte Pearl entgegen um sie in die Arme zu schließen.

Aber sie bremste ein gutes Stück vor ihm. „Rusty, du bist spät dran. Ich dachte schon, ich erwisch dich nicht mehr.“ Pearl sprach sehr schnell. Es musste irgendetwas passiert sein, dass sie so in Aufregung versetzte. Er wollte gerade eine entsprechende Frage stellen, da redete Pearl schon von allein weiter. „Morgen sollen drei neue Loks kommen. Das hat Papa vorhin erzählt.“

„Neue Loks?“ Rusty war entsetzt. Hatte Control etwa schon Maßnahmen gegen ihn ergriffen?
„Das ist doch nichts Schlimmes.“ Pearl sah ihn verwundert an.
„Aber… warum? Ich meine, warum kommen sie her?“
Pearl zuckte mit den Schultern. „Das konnte oder wollte Papa auch nicht sagen. Aber, hey, das bringt ein bisschen Abwechslung. Die drei haben bestimmt eine Menge Geschichten zu erzählen. Ich bin schon sehr gespannt, was das für Loks sind.“

Das war ihm eigentlich herzlich egal. „Und sie bleiben für immer?“ Er hatte die Frage kaum ausgesprochen, da hörte er Greaseballs wütende Stimme. „Pearl!“
Der Diesel kam herangesaust und bremste scharf neben ihnen. „Lass die Bummellok stehen, wir müssen los!“ Er drehte ihr auffordernd den Rücken zu.
Pearl seufzte. „Wir reden später weiter.“
„Ok.“ Er sah sie erwartungsvoll an aber sie lächelte nur kurz und hängte sich dann an Greaseball.
„Bis heute Abend!“, rief sie winkend, während Greaseball sie schnell in Richtung Ausfahrt zog.
Rusty zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihm gar nicht danach zu Mute war.

---

Kaum hatte Greaseball den zweiten Bahnhof auf der Strecke erreicht, fingen die Mädchen hinter ihm schon wieder an zu reden.
„Ich frage mich immer noch, warum uns Papa nicht sagen wollte, weshalb die Loks herkommen“, setzte Buffy ihre Unterhaltung so ziemlich genau dort fort, wo sie sie bei der Abfahrt aus dem letzten Bahnhof unterbrechen musste.
Greaseball stöhnte. Er hatte gehofft, das Thema wäre damit durch gewesen. Aber offenbar konnten die Mädchen auch über etwas von dem sie fast nichts wussten endlos debattieren.

„Ich denke er wusste es selbst nicht“, meinte Ashley.
„Ach, Control hat doch vor ihm keine Geheimnisse und er hat ihn sicher gefragt.“ Dinah schüttelte langsam den Kopf und sah fragend in Pearls Richtung. Pearl nickte, sagte aber nichts.
„Aber warum wollte uns Papa dann nichts sagen?“, wiederholte Buffy.
„Wer weiß?“ Ashley zuckte mit den Schultern. „Vielleicht soll es eine Überraschung sein oder es gibt gar keinen Grund.“
„Doch, den muss es geben“, widersprach Buffy energisch. „Es kommen nie einfach so neue Loks zu uns. Oder meint ihr…“ Sie hielt kurz inne. „…sie kommen als Ersatz?“
Das reichte! „Ersatz für wen?“ Greaseball starrte die Mädchen herausfordernd an doch noch ehe eine von ihnen etwas erwidern konnte, sprach er weiter. „Der Einzige der hier ersetzt werden muss, ist die Bummellok. Aber da reicht eine neue Lok, also hört endlich auf mit der Rumwunderei! Es ist doch völlig egal, warum neue Loks kommen!“
„Bist du gar nicht neugierig?“, fragte Dinah.
„Nein.“
Dinah sah ihn durchdringend an, dann umspielte der Anflug eines Lächelns ihren Mund. Greaseball wandte sich wieder nach vorn. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass sie noch immer ein paar Minuten zu warten hatten.

„Und wenn eine dabei ist, die es mit dir aufnehmen kann?“, stichelte Ashley.
Greaseball schnaubte. „Das kann niemand!“
„Vielleicht kommen sie wirklich um unsere Loks herauszufordern“, führte Buffy den Gedanken an die Mädchen gewandt fort.
Ashley nickte und grinste in Greaseballs Richtung. „Und die Loks die gewinnen dürfen bleiben.“
Davon wollte Greaseball nun wirklich nichts mehr hören. Auf eine Minute mehr oder weniger kam es nicht an. „Wir fahren!“, rief er und setzte den Zug ohne weitere Vorwarnung in Bewegung.

---

Als Greaseball mit den Personenwaggons wieder in Victoria einrollte war es schon früher Abend. Anders als an anderen Tagen war Pearl heute jedoch gar nicht erschöpft und es tat ihr beinahe leid die Gesellschaft der anderen jetzt wieder verlassen zu müssen. Die Fahrt war zum Ende hin sehr amüsant geworden, weil es doch noch gelungen war Greaseball, was seine Gefühle den neuen Loks gegenüber betraf, aus der Reserve zu locken. Pearl musste unwillkürlich lächeln.

„So, das war’s für heute.“ Greaseball bremste und ließ die Waggons abkuppeln.
Während er sich dann zügig entfernte, bildeten die Mädchen wie immer einen kleinen Kreis und setzten ihre Unterhaltung fort. Pearl stand noch dabei, beteiligte sich aber immer weniger am Gespräch. Ihre Gedanken kreisten wieder um Rusty. Das schienen auch die anderen zu bemerken, denn wenig später fragte Ashley ganz unvermittelt: „Pearl, was ist los? Du bist so ruhig heute.“
Alle Augen richteten sich auf sie. Pearl konnte nur leicht mit dem Kopf schütteln. „Mir geht’s gut. Ich bin nur ein bisschen müde.“ Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, aber sie wollte den anderen nicht erzählen, was in ihrem Kopf vorging, wusste sie doch, wie sie reagieren würden.
„Na dann fahr mal ins Depot und ruh dich aus!“, schlug Buffy vor. „Ich werde das auch tun. Wir wollen ja morgen früh ausgeruht sein, wenn die Neuen kommen.“ Sie grinste Ashley an und die grinste zurück.
„Dann bis morgen!“, verabschiedete sich Pearl und verließ den Kreis. Dinah rollte ihr hinterher.
„Ich begleite dich ein Stück, wenn das ok ist.“
„Gerne.“

Langsam rollten beide nebeneinander her. Als sie außer Hörweite der anderen waren, fragte Dinah leise: „Geht es wieder um Rusty?“
Pearl seufzte. Dinah kannte sie einfach zu gut. Ihr konnte sie nichts vorspielen. Sie nickte.
„Ach Pearl, was würde Ashley jetzt sagen?“ Dinah tat als überlege sie. „Warum hängst du so an ihm? Du hast doch was viel Besseres verdient.“
„Aber du bist nicht Ashley!“, entgegnete Pearl. „Was sagst du?“
Dinah zuckte mit den Schultern. „Ich… ich glaube auch nicht, dass dir die Beziehung zu ihm gut tut.“
„Dinah!“ Pearl stoppte. Sie fühlte sich tief getroffen. Es war das erste Mal, dass ihre Freundin einen solchen Gedanken äußerte.

Dinah hob abwehrend die Arme. „Du hast gefragt. Ich hab nur gesagt, was ich denke. Ich meine, du bist in letzter Zeit so oft niedergeschlagen, das ist doch nicht gut.“
Pearl sah zu Boden und überlegte, was sie sagen sollte. Sie wusste, dass Dinah Recht hatte. Aber bisher hatte sie auch immer angenommen, dass sie sie verstand. „Es gibt immer Höhen und Tiefen“, sagte sie schließlich.

Dinahs Gesicht zeigte, dass sie mit dieser Antwort nicht zufrieden war. „Wie du meinst. Ich habe nur manchmal das Gefühl, du fühlst dich ihm verpflichtet nur weil er…“
„Nein!“, unterbrach Pearl sie. „So ist es nicht. Das weißt du doch!“
„Ok, ok. Entschuldige. Ich habe wohl wieder zu viel mit Buffy und Ashley geredet. Wir kamen heute Mittag wieder auf das Thema.“
„Ach!“ Pearl schüttelte leicht entrüstet den Kopf und setzte ihren Weg fort. „Die beiden sollen sich über ihre eigenen Probleme Gedanken machen!“
„Stimmt. Aber offenbar haben sie davon zu wenige. Die Glücklichen.“

Einen Moment rollten sie stumm nebeneinander her. Dann kamen sie in Sichtweite des großen Platzes im Zentrum von Victoria. Dort stand Electra mit seinen Components. Pearl wunderte sich gerade, warum sich die E-Lok nicht wie immer um diese Zeit in der großen Halle aufhielt, da sah sie Rusty.
„Dinah, ich muss los. Bis morgen!“, verabschiedete sie sich schnell.
„Wenn er dich nicht hätte…“, murmelte Dinah, aber Pearl hörte sie schon nicht mehr.

---

„Hey, Rusty!“, rief Pearl schon von weitem.
Electra und seine Components drehten sich zu ihr um. Doch während die anderen ihr ausdruckslos entgegenblickten, lächelte Electra überfreundlich. „Pearl, wie schön dich zu sehen. Gerade habe ich Rusty nach dir gefragt.“
Pearl tauschte einen Blick mit ihrem Freund und wusste sofort, dass das nicht stimmte. Sie bemühte sich trotzdem freundlich zu bleiben. „Warum denn?“
„Ich dachte mir, du hast bestimmt Lust auf eine kleine Spritztour. Nur wir beide.“ Er funkelte sie vielsagend an.
Was?! Sie glaubte im ersten Moment sich verhört zu haben. Hatte Electra sie eben tatsächlich vor ihrem Freund um ein Rendezvous gebeten? Entschieden schüttelte sie den Kopf. „Tut mir leid, aber ich bin schon verabredet“, sagte sie kühl und wandte sich an Rusty. „Komm, wir können los.“

Rusty lächelte sie dankbar an und drängte sich an den dicht beieinander stehenden Components vorbei zu ihr.
„Schade, aber dann ein anderes Mal“, kommentierte Electra.
Pearl warf ihm einen abschätzigen Blick zu. Aber Electra sah gar nicht sie an, sondern Rusty. Der wich seinem Blick aus und wartete bis Pearl sich angehängt hatte. Dann fuhr er ohne ein Wort zu sagen los.

Als sie den Platz verlassen hatten, wurde er langsamer. „Wo willst du hin?“, fragte er über die Schulter.
„Ist mir egal. Fahr wohin du magst. Ich wollte nur weg von Electra.“
Rusty nickte und fuhr weiter in Richtung Westausfahrt.
„Wie kann er mich fragen, ob ich mit ihm fahre? Ich hab ihm doch schon mehr als deutlich gesagt, dass ich das außerhalb des Fahrplans nicht mache. Was geht da in seinem Kopf vor?“
„Das verstehe ich auch nicht“, stimmte Rusty zu.
„Hm… du sahst vorhin nicht gerade glücklich aus. Was wollte er denn von dir?“
Es vergingen ein paar Sekunden bis Rusty antwortete. „Das Übliche“, sagte er dann nur.

Pearl überlegte, was er damit meinen könnte. Im Gegensatz zu Greaseball ignorierte Electra Rusty eher, als dass er sich über ihn lustig machte. Sie hatte die beiden selten zusammen gesehen. Soweit sie Rustys Verhalten einschätzen konnte, ging er Electra bewusst aus dem Weg.
„Wie war eure Tour heute?“, fragte Rusty.
Pearl holte tief Luft. Sie hasste es, wenn er einfach das Thema wechselte, weil er über irgendetwas nicht reden wollte. Aber sie wusste auch, dass es nichts ändern würde, wenn sie weiterbohren würde. Dann würde sie nur die Stimmung in den Keller ziehen und das wollte sie auch nicht. Also beließ sie es dabei.

„Wir sind gut durchgekommen. Thema Nummer eins waren natürlich die neuen Loks.“
Hörte sie da ein Seufzen von vorne oder hatte sie sich das nur eingebildet? „Stell dir vor, Greaseball hat Angst davor, dass eine der Neuen schneller ist als er.“
„Das hat er gesagt?“
„Nein, natürlich nicht. Aber es war deutlich an seinem Verhalten abzulesen. Da waren wir uns alle einig. Du bist also nicht der Einzige, der den neuen Loks mit Skepsis entgegenblickt.“
Sie sah wie Rusty nickte.

---

Am nächsten Morgen war Rusty schon früh auf. Als er leise zur Tür rollte, bewegte sich Pearl im Bett.
„Wo willst du hin?“, fragte sie verschlafen.
„Ich fahr nur ein bisschen rum. Schlaf weiter. Ich wecke dich nachher.“
Pearl murmelte eine Zustimmung und war auch schon wieder eingeschlafen. Erleichtert rollte Rusty hinaus.

Die Luft war kühl und überall glänzte der Morgentau. Rusty sah sich um aber natürlich war er der Einzige, der so früh schon unterwegs war. Control hatte allen heute frei gegeben, damit sie den Tag mit den neuen Loks verbringen konnten. Rusty war gar nicht wohl bei dem Gedanken. Viel lieber wäre er seine normale Tour gefahren, als mit fremden Loks Small Talk zu treiben. Garantiert waren es  ohnehin moderne Ausführungen, die nicht in Augenhöhe mit ihm redeten.
Nein, er schüttelte den Kopf. Er sollte nicht so negativ denken. Das sagte Pearl doch immer. Es war nun mal leider nicht zu ändern, dass die Loks herkamen, also musste er versuchen dem positive Seiten abzugewinnen.

Während er durch Victoria zur Ostausfahrt fuhr, musste er jedoch feststellen, dass ihm das nicht gelang. Also beschloss er das Thema einfach zu verdrängen und sich ganz auf die Fahrt zu konzentrieren. Zügig verließ er Victoria und beschleunigte auf maximale Geschwindigkeit. Wohin er eigentlich wollte, wusste er nicht und es spielte auch keine Rolle. Hauptsache er war lange genug unterwegs um vor der Ankunft der Loks möglichst wenig Zeit daheim verbringen zu müssen.

---

Als er wieder zurückkam, war der Bahnhof wie ausgestorben. Rusty befürchtete schon zu spät zu sein, obwohl es eigentlich noch ein paar Minuten sein sollten bis zur planmäßigen Ankunft der Loks. So schnell wie möglich durchquerte er Victoria und sah zu seiner Erleichterung alle an der Westeinfahrt zusammenstehen.

Er hielt neben Pearl.
„Rusty, wo bist du gewesen?“ Sie klang leicht verärgert.
„Ich bin ein bisschen zu weit gefahren. Oh…“ Ihm fiel wieder ein, was er ihr versprochen hatte. „Tut mir leid, ich wollte dich ja wecken.“
„Schon gut. Das hat Dinah übernommen.“ Pearl lächelte zum Glück wieder. „Sie müssten jeden Moment kommen.“ Damit wandte sie sich wieder nach vorn um.
Rusty stellte sich auf die Stopper und schaute auf die Schienen, die ein paar Kilometer geradeaus, dann in eine langgezogene Linkskurve führten und schließlich hinter Bäumen verschwanden. Aber da war noch nichts zu sehen. Dann ließ er seinen Blick über die Menge gleiten. Es waren wirklich alle versammelt und starrten wie gebannt nach vorn. Irgendwie war das schon ein wenig lächerlich.

„Hey, Rusty! Komm nach vorn!“, hörte er plötzlich Papa rufen.
Auch das noch. Missmutig folgte er der Aufforderung.
In der ersten Reihe standen neben Papa natürlich Electra und Greaseball. Beide ignorierten ihn, als er sich näherte. Papa rollte ein Stück nach rechts, so dass er zwischen ihm und dem Diesel Platz fand.
„Das willst du doch nicht verpassen!“ Die alte Dampflok strahlte eine Vorfreude aus, die schon beinahe ansteckend wirkte. Aber eben nur beinahe.

„Da kommen sie!“, rief plötzlich einer der Hip Hopper. Gemurmel wurde hinter ihm laut.
Rusty spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. Tatsächlich waren drei Loks in der Ferne aufgetaucht und näherten sich schnell. Er versuchte zu erkennen, was es für Typen waren, aber sie waren noch zu weit entfernt um Einzelheiten zu erkennen. Voller Spannung beobachtete er, wie sie immer näher kamen. Greaseball neben ihm schien auch ungewöhnlich nervös zu sein. Rusty hatte ihn selten so unruhig erlebt. Er musste wieder an Pearls Aussage vom Vortag denken und hatte Mühe sich das Grinsen zu verkneifen.

„Das sind zwei Diesel!“, rief einer von Greaseballs Jungs. Den Eindruck hatte Rusty auch. Die erste und letzte Lok stießen deutlich sichtbar Rauch in die Luft.
„In der Mitte fährt eine E-Lok“, stellte Electra mit größter Selbstverständlichkeit fest. Das war tatsächlich mehr als eindeutig.

Inzwischen hatten die Loks die Kurve hinter sich gelassen und fuhren auf dem geraden Teil der Strecke. Rusty konnte aus seiner Position heraus nur die erste Lok deutlich sehen. Ohne Zweifel war das ein Diesel, seine Form und Farbgebung ähnelten sehr der von Greaseball, und ohne Zweifel war er sehr schnell. Da würde Greaseball tatsächlich einen echten Kontrahenten bekommen.

Rusty warf einen Blick zur Seite. Greaseball stand mit versteinerter Miene da und starrte dem Diesel entgegen. Aber dann, von einer Sekunde zur anderen, fiel seine Maske. „Das gibt’s nicht“, murmelte er verstört.
„Das ist Greaseball!“ „Wie kann das sein?“ Rusty hörte verwirrte Stimmen hinter sich. Er wandte den Blick schnell wieder nach vorn und erschrak ebenso wie Greaseball. Der erste Diesel, der die Einfahrt jetzt fast erreicht hatte und schon langsamer wurde, sah nicht nur so ähnlich aus wie Greaseball, er sah genauso aus. Rusty schaute mehrfach zwischen ihm und dem echten Greaseball neben sich hin und her. Es gab keinen Unterschied.
Der Diesel bremste unmittelbar vor Greaseball und musterte ihn von oben bis unten. Hinter Rusty war es wieder ganz still geworden. Dann streckte der Diesel Greaseball die Hand entgegen. „Hi, ich bin Greaseball.“ Rusty glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Er hatte sogar exakt Greaseballs Stimme. Wie konnte das sein?

Ein langgezogenes, affektiert betontes „Hallo!“ von weiter links ließ Rusty zur Seite schauen. Dort stand Electra seinem Ebenbild gegenüber. Die beiden funkelten sich so feinselig an, dass Rusty die Spannung bis in die Fingerspitzen spüren konnte.
„Hey.“
Papa stieß ihn an. Aber Rusty konnte den Blick nicht von den beiden Electras abwenden. Zwischen ihnen schien sich ein Dialog ohne Worte abzuspielen.
„Muss ich mich noch vorstellen?“, hörte er sich plötzlich sagen.
Natürlich hatte er es kommen sehen. Natürlich wusste er, wer da vor ihm gehalten hatte. Aber als er den Blick auf sein Gegenüber richtete, riss es ihm doch den Boden unter den Füßen weg. Es war als blickte er in einen Spiegel, nur dass der Spiegel-Rusty ihm die Hand entgegenstreckte.
„Ich bin Rusty, freut mich dich kennenzulernen.“
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