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Marensburg

von KaraFrost
GeschichteFantasy, Freundschaft / P16 / Gen
28.09.2017
10.10.2020
56
181.623
9
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28.09.2017 4.196
 
„Das wunderbarste Märchen ist das Leben selbst.“
Hans Christian Andersen



Es war fürchterlich kalt, es schneite und begann dunkler Abend zu werden, es war der letzte Abend im Jahre, Neujahrsabend! In dieser Kälte und in dieser Finsternis ging ein kleines, armes Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen auf der Straße. Sie hatte freilich Pantoffeln gehabt, als sie von Hause wegging, aber was half das! Es waren sehr große Pantoffeln, ihre Mutter hatte sie zuletzt getragen, so groß waren sie, dass die Kleine sie verlor, als sie sich beeilte, über die Straße zu gelangen, weil zwei Wagen gewaltig schnell daherjagten. Der eine Pantoffel war nicht wiederzufinden, und mit dem andern lief ein Knabe davon, der sagte, er könne ihn gut gebrauchen, ja, er könne ihn sogar als Wiege benutzen, wenn er selbst einmal Kinder bekomme.

* * *

Stets fühlte sich Herr Anders wie ein einsames Gespenst, wenn er des Nachts durch die Straßen der Stadt schlich, während weit und breit keine einzige lebende Seele zu sehen war. Vielleicht lag es nur an ihm, aber genau in jenen Nächten, in denen er sein Haus verließ um zu Fuß den weiten Weg bis zu Marensburgs altem Archiv zu schleichen, schien sich der Schleier der Stille über seine Heimatstadt zu legen. Normalerweise begegnete er jedoch zumindest einer streunenden Katze oder einem verirrten Fuchs, der sich von den westlichen Wäldern hier her verirrt hatte. Dieses Mal geschah nicht einmal das. Das flackernde, gelbe Licht der alten Straßenlaternen und die ihm durch den schwachen Wind entgegen getragenen Blätter waren das einzige, was sich außer ihm hier draußen zu bewegen schien.

Herr Anders gefiel das nicht. Nicht, weil er gern beobachtet worden wäre, guter Gott, bloß nicht! Nur bestärkte die unheilvolle, stille Umgebung ihn in dem Gefühl, dass sein geplantes Unterfangen etwas unrechtes und böses war.

Sobald ihn der Gedanke befiel, schob Herr Anders ihn auch schon wieder so schnell wie möglich von sich. Dies war nicht der rechte Zeitpunkt für Gewissensbisse!

„Zu spät dafür, Maximilian“, flüsterte er sich selbst zu, während er seine Schritte beschleunigte und den Kragen seines dunkelblauen Mantels höher zog, um den scharfen, kalten Wind von seiner Haut fern zu halten.

Es war dieses Jahr recht schnell kalt geworden. Wenn man bedachte, dass der September gerade einmal zur Hälfte vergangen war, konnte man über die beißende Kälte des nachts nur den Kopf schütteln. Zwar waren die meisten Blätter der Bäume noch von einem saftigen Grün und die wenigen Sonnenstunden des Tages konnte man ohne Probleme draußen im Freien genießen, aber trotzdem konnte niemand das Ende des Sommers verhindern, schon gar nicht Herr Anders. Er mochte zu außergewöhnlichen Dingen im Stande sein, aber das Wetter konnte er nicht beeinflussen, so gern er es auch tun würde.

„Ach Schatz, wenn du könntest, dann würdest du dem lieben Gott nicht nur die Arbeit mit Sonne, Wolken und Regen abnehmen, sondern ihn gleich ganz in den Urlaub schicken und die Dinge an seiner statt regeln“, pflegte seine liebe Frau zu sagen. Manchmal in einem liebevollem, doch in letzter Zeit immer öfter in einem verachtendem Tonfall. Der Arzt schrieb ihre schlechte Laune ihrer Schwangerschaft zu, doch Herr Anders wusste es besser. Um seine Ehe hatte es seit längerer Zeit nicht besonders gut gestanden. Wer konnte schon wissen, was geschehen wäre, wenn da nicht vor zwei Monaten der überraschend positiv ausgefallene Schwangerschaftstest gewesen wäre.

Herr Anders wusste noch immer nicht wirklich, was er dazu sagen sollte. Er hatte nichts gegen Kinder, aber nie wirklich geglaubt, dass er eines Tages Vater werden würde. Jetzt ging ihm alles zu schnell, doch er konnte seine Frau nicht allein lassen. Sie brauchte seine Unterstützung, heute mehr denn je. Mit anderen Worten, sie beide brauchten Geld. Kinder waren teuer.

Kein Wunder also, dass Herr Anders nach langem Hin und Her schließlich in diesen Gott verdammten Auftrag eingewilligt hatte, obgleich er sich mit jeder Faser seines Körpers gegen das Unterfangen sträubte. Dafür war er nicht Teil der Kuratoren geworden. Es war ein Abenteuer gewesen. Ein Weg, um seinem grauen Alltag zumindest für kurze Zeit zu entkommen. Aber jetzt schien es so, als gäbe es keine andere Möglichkeit, um seiner zukünftigen Familie ein angemessenes Leben bieten zu können.

* * *

In einem Winkel zwischen zwei Häusern – das eine sprang etwas weiter in die Straße vor als das andere, setzte sie sich und kauerte sich zusammen. Die kleinen Füße hatte sie fest angezogen, aber es fror sie noch mehr, und sie wagte nicht nach Hause zu gehen, denn sie hatte ja keine Streichhölzer verkauft, nicht einen einzigen Dreier erhalten. Ihr Vater würde sie schlagen, und kalt war es daheim auch, sie hatten nur das Dach über sich, und da pfiff der Wind herein, obgleich Stroh und Lappen zwischen die größten Spalten gestopft waren.

* * *

Fauch!

Erschrocken zuckte Herr Anders zusammen, als aus dem Gebüsch zu seiner rechten zwei wilde Katzen sprangen und über die leere Straße davon jagten. Nachdem er den gesamten restlichen Weg in beinah völliger Stille zurückgelegt hatte, versetzte ihn der schrille Kampfschrei der Biester in eine jähe Schockstarre.

Eine kleine graue Katze, im Vergleich zu ihrem Verfolger nicht größer als ein Floh, flitzte in einem Affenzahn vor einer großen gelb-braun gescheckten davon. Genauso schnell wie sie gekommen waren, waren sie wenige Sekunden später auch schon wieder verschwunden.

Mit klopfendem Herzen starrte Herr Anders hinüber zu den Schatten, in denen sie sich aufgelöst zu haben schienen. Nervös strich er sich über das glatt rasierte Kinn und setzte anschließend gemächlichen Schrittes seinen Weg fort. Es hätte ihn nicht überraschen sollen. Zu seiner rechten lag der Marenpark, der zweitgrößte Park der Stadt und dort tummelten sich für gewöhnlich jede Menge Tiere. Kein Wunder, dass ihm ein oder zwei davon vor die Füße liefen. Nur weil er sich vor wenigen Minuten noch zusammen fantasiert hatte, dass er ganz allein wäre in dieser Nacht, musste das noch längst nicht stimmen. Romantische Träumereien waren etwas für dumme junge Mädchen, nicht für einen erwachsenen Mann Ende dreißig.

Nun, bald hatte er es geschafft. Bei der nächsten Kreuzung musste er abbiegen. Damit ließ er den Park hinter sich und war so gut wie am Ziel.

Ob sie wohl schon auf ihn warteten? Bestimmt. Lier und Wichmann hatten sicherlich schon alles vorbereitet, so wie sie es immer taten. Das war ihr Job. Sie erledigten ihn stets gewissenhaft und effizient, absolut verlässlich. Von Herrn Anders wurde heute Nacht dasselbe erwartet und normalerweise erfüllte er jede ihm aufgetragene Mission mit Leichtigkeit und ohne mit der Wimper zu zucken. Nur ging es dieses Mal nicht darum, eine goldene Gans oder ein magisches Feuerzeug zu stehlen.

Aber nein. Herr Anders schüttelte demonstrativ den Kopf, als er in die hell beleuchtete Straße einbog, an deren Ende sein Ziel lag. Schluss mit den Zweifeln. Für einen Rückzieher war es zu spät und wenn er ganz ehrlich war, dann waren seine Gewissensbisse auch nicht von moralischer Natur. Er hatte sie nur, weil er sich davor fürchtete, erwischt zu werden. Zwar stellten die Federn seit geraumer Zeit keine Bedrohung mehr da, allerdings wäre die Polizei gewiss nicht sonderlich begeistert, sollte sie von den Taten der Kuratoren und der Rolle, die er darin spielte, erfahren. Andererseits existierte seine Gruppe bereits seit hunderten von Jahren und in all der Zeit war ihnen niemals jemand auf die Schliche gekommen.

Im Prinzip hatte sich nichts geändert, bis auf die Natur des von ihm zu besorgenden Objekts. Herr Anders zwang sich dazu, tief durchzuatmen.

Rasch stapfte er an Marensburgs Stadtbibliothek vorbei in Richtung des alten Archivs, welches direkt hinter dem aus hübschem hellen Stein angefertigten Gebäude lag. Im Gegensatz dazu wirkte das Archiv mit seinen alten, langsam vermodernden Backsteinen wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.

Vor ein paar Jahren hatte man Anstalten gemacht, es voll und ganz abzureißen. Selbstverständlich hatten die Kuratoren das nicht zulassen können. Es hatte einiges an Manipulation und geschicktem Strippenziehen benötigt, doch letzten Endes hatte man den Abriss verhindern können. So wurde es weiterhin als Stauraum der neuen Bibliothek genutzt und dagegen hatten weder Herr Anders noch seine Kollegen etwas einzuwenden. Das, was wirklich zählte, war, dass das Kellergewölbe unangetastet blieb und die einzigen Schlüssel dazu waren im Besitz der Kuratoren. Bei einem Abriss des Archivs hätte jedoch die Möglichkeit bestanden, dass irgendjemand ihr Geheimnis entdeckte und das hatten sie mit allen Mitteln verhindern müssen.

* * *

Ach! Ein Streichhölzchen könnte gewiss recht gut tun, wenn sie nur wagen dürfte, eins aus dem Bunde herauszuziehen, es anzustreichen und die Finger daran zu wärmen. Sie zog eins heraus. >Ritsch!

* * *

Als Herr Anders vor der kleinen Eingangstür des alten Archivs stand wurde ihm einmal mehr bewusst, wie jämmerlich hässlich dieses Gebäude auf die Bürger Marensburgs wirken musste. Nichts weiter als ein kleiner roter Klotz inmitten der ansonsten so schönen Stadt. Es wurde wirklich zurecht als Schandfleck bezeichnet. Als man verkündete, dass man es nun doch zu erhalten gedachte, ging ein Ruck der Empörung durch die ganze Stadt. Den Bürgermeister hatte es beinahe das Amt gekostet, nur mit dem Argument des Denkmalschutzes und dem Pochen auf der Unantastbarkeit der Stadtgeschichte war es Andreas Grindersen gelungen, sich in seiner Position zu halten und wurde sogar im Folgejahr wiedergewählt.

Die Kuratoren konnten wirklich dankbar dafür sein, dass Grindersen mindestens genauso gute Gründe wie sie hatte, um den Abriss des Archivs zu verhindern. Eine der wenigen Dinge, in denen er und sie sich einig waren.

Während sich Herr Anders daran machte die Tür aufzuschließen, musste er sich fragen, was der Bürgermeister wohl zu ihrem Vorhaben sagen würde. Seine Familie war einst Teil der Federn gewesen. Seine eigene Mutter, Agatha Grindersen, hatte die Kuratoren mit allen ihr zu Verfügung stehenden Mitteln bekämpft. Erst nach dem Abgang der resoluten Dame war es ihnen möglich gewesen, sich die Federn ein für alle Mal vom Hals zu schaffen.

Heute existierte die einst mächtige Organisation nicht mehr, zu ihrem Glück. Agathas Familie hatte den Federn nach ihrem Tod den Rücken zugewandt. Lier, der einer der ältesten Kuratoren war, hatte Herrn Anders darüber informiert, dass die Grindersens dennoch nach wie vor von den Unternehmungen ihrer eingeschworenen Gruppe wussten.

„Sie haben einfach nur damit aufgehört, uns zu bekämpfen“, hatte der alte Mann ihm mit einem triumphierenden Grinsen auf den Lippen anvertraut. „Die wissen jetzt ganz genau, dass mit uns nicht zu spaßen ist.“

Bei der Erinnerung an diese Worte lief Herrn Anders ein Schauer über den Rücken, den er jedoch gleich im nächsten Augenblick wieder abschüttelte. Er musste sich nicht vor den Kuratoren fürchten, es gab keinen Grund dafür. Immerhin war er einer von ihnen.

Frischen Mutes schloss er auf und betrat das alte Archiv. Rasch schloss er die Tür wieder hinter sich. Wer wusste schon, ob nicht früher oder später doch noch jemand auf Marensburgs Straßen herum irren würde. Besser, wenn keiner das Archiv unverschlossen vorfand.

Der Flur, in dem Herr Anders nun stand, versank in pechschwarzen Schatten und er konnte kaum weiter sehen als ein paar Meter. Er griff in eine der Taschen seines schweren Mantels und zückte sein Handy. Schnell wurde die darin integrierte Taschenlampe aktiviert und schon wurde der Raum in grelles, weißes Neonlicht getaucht. Es war kein schöner Anblick. Von innen war das Archiv mindestens genauso hässlich und schäbig wie von außen. Der Eingangsbereich, in dem Herr Anders stand, war nur äußerst spärlich eingerichtet. Ein einfacher, dunkler Holztisch und ein verstaubter, altmodischer Sessel waren als Sitzplatz für den Portier gedacht, aber der letzte, der dieses Amt ausgeführt hatte, musste bereits seit mehreren Jahrzehnten Tod sein. Heutzutage verirrten sich höchstens noch die Bibliothekare von nebenan hierher und ab und an eine kleine Gruppe von Touristen, die das Archiv besichtigen wollten. Die meisten Reisenden ließen diesen Teil der Stadtgeschichte allerdings aus. Tja, wer konnte es ihnen verübeln?

Die Lampe an der Decke über Herrn Anders funktionierte nicht, es hatte sich niemals jemand die Mühe gemacht, die durchgebrannte Glühbirne zu ersetzen. Ansonsten war der Raum komplett leer geräumt. Der Holzboden war meistens nass und an vielen Stellen morsch, der Putz an Decke und Wänden bröckelte stark und überall wimmelte es nur so von Staub und Spinnenweben. Wie immer verzog Herr Anders das Gesicht, als er den Raum durchquerte. Ein echter Schandfleck, in der Tat. Zum Glück war der Ort, an dem er sich mit Lier und Wichmann traf, wesentlich besser in Stand.

* * *

Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und wo der Schein auf die Mauer fiel, wurde diese durchsichtig wie ein Flor. Sie sah gerade in das Zimmer hinein, wo der Tisch mit einem glänzend weißen Tischtuch und feinem Porzellan gedeckt stand, und herrlich dampfte eine mit Pflaumen und Äpfeln gefüllte gebratene Gans darauf! Und was noch prächtiger war, die Gans sprang von der Schüssel herab, watschelte auf dem Fußboden hin mit Gabel und Messer im Rücken, gerade auf das arme Mädchen zu. Da erlosch das Streichholz, und nur die dicke, kalte Mauer war zu sehen.

* * *

Die Treppe, welche hinab in den Keller führte, war schmal gebaut und mit gefährlich glatten Stufen ausgestattet. In der Vergangenheit war es hin und wieder vorgekommen, dass jemand den Halt verlor und nach unten stürzte. In einigen wenigen Fällen kam derjenige mit ein paar blauen Flecken und dem Schrecken davon, meistens gingen Unfälle dieser Art jedoch nicht gut aus für den Betroffenen. Herr Anders wusste von mindestens drei Kuratoren, die man „an-die-Treppe-verloren“ hatte. Wenn man draußen in der Welt im Kreise seiner Kollegen darüber sprach erschien es einem nichts weiter als ein dummer Witz zu sein, doch sobald man selbst die schmalen Stufen hinab schritt blieb einem das Lachen schnell im Hals stecken. Zum Glück hatte es nicht geregnet und Herr Anders‘ Schuhe waren trocken und tritt fest, sodass er es sicher bis zum Fuße der Treppe schaffte.

Wieder stand er vor einer Tür, nur war diese wesentlich hübscher anzusehen als die, durch die er das Archiv betreten hatte. Vor ewigen Zeiten, als dies das Hauptquartier der Federn gewesen war, hatten sie das Kellergewölbe nach ihrem eigenen Gutdünken gestaltet. Die Tür vor ihm war aus dunklem Ebenholz gefertigt und mit eleganten Gravuren verziert, floralen Mustern und, wenn man genau hinsah, kleinen Tänzern die sich ihren Weg anmutig von der unteren linken Ecke der Tür bis hinauf zur oberen rechten bahnten. Die Klinke, die Herr Anders betätigte um in das dahinter liegende Gewölbe zu gelangen, war getreu dem Namen der Organisation eine grazil gestaltete Feder, gefertigt aus nichts geringerem als wunderschön glänzendem Silber.

Der obere Teil des Archivs war den Kuratoren egal, aber alles was sich hier unten in den Kellerräumen befand wurde sorgfältig von ihnen gepflegt, darunter selbstverständlich auch diese Tür. Ihre elegante Schönheit sorgte dafür, dass sich Herrn Anders‘ Laune auf einen Schlag verbesserte und er betrat den Keller mit einem stillen Lächeln auf den Lippen.

Ich glaub mich tritt ein Pferd! Sie tauchen also doch noch auf, Maximilian!

Begrüßt wurde Herr Anders von einem breit grinsenden Martin Lier. Der alte, gedrungene Mann winkte ihm fröhlich zu, als er die reichverzierte Tür hinter sich schloss. Lier hatte es sich an einem großen Sekretär gemütlich gemacht, ein schweres Buch vor sich und seine kleine, runde Lesebrille auf der dicken Nase. Genau wie Herr Anders trug er einen dunklen Mantel und schien angesichts der eisigen Temperaturen hier unten auch nicht gewillt zu sein, ihn in naher Zukunft abzulegen. Ein Kerzenständer zu seiner linken spendete ihm beim Lesen Licht und tauchte den Raum mit seinen Flammen in warme, beruhigende Farben. Es beleuchtete den hellen, steinernen Boden, die im ganzen Raum verteilten dunkelblauen Sessel, sowie die Bücherregale an den Wänden.

Bei seinem ersten Aufenthalt hier war Herr Anders gerade von diesen ganz besonders verzückt gewesen. Genau wie die Eingangstür bildeten sie ein Kunstwerk ganz für sich allein. Von weitem mochten sie ein wenig klobig und unförmig erscheinen, doch sobald man näher trat kam man ihrem Geheimnis schnell auf die Schliche. Anstatt aus einfachen Holzleisten bestand sie auf hunderten, nein, tausenden von aus Holz geschnitzten Eulenköpfen, die man aufeinander gesetzt und ineinander verschlungen hatte. Schwärme von Eulen umrahmten die im Regal gelagerten Bücher und schienen stumm über sie zu wachen.

Josephine Wichmann, eine weitere von Herrn Anders‘ Kollegen, lehnte gegen einem eben solchen Regal und bedachte ihn strengen Blickes. Anders als Lier war ihr nur selten nach einer netten Plauderei zu Mute und wenn es eines gab, was sie nicht ausstehen konnte, dann war das…

„Sie sind zu spät.“

… Unpünktlichkeit.

* * *

Tausend Lichter brannten auf den grünen Zweigen, und bunte Bilder wie jene, die in den Ladenfenstern lagen, schauten zu ihr herab. Die Kleine streckte die beiden Hände in die Höhe – da erlosch das Streichholz, die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und immer höher, nun sah sie, dass es die klaren Sterne am Himmel waren, einer davon fiel herab und machte einen langen Feuerstreifen am Himmel. „Nun stirbt jemand!“, sagte die Kleine, denn ihre alte Großmutter, die Einzige, die sie lieb gehabt hatte, die jetzt aber tot war, hatte gesagt: „Wenn ein Stern fällt, so steigt eine Seele zu Gott empor.“

* * *

Herr Anders trat an die Seite von Lier, ohne Wichmanns bissigen Kommentar zu beachten. Diese alte Zicke konnte ihn nicht ausstehen und auch er hielt nur sehr wenig von ihr als Person. Da war ihm Lier wesentlich lieber, trotz seines dümmlichen Grinsens, der milchig kränklich aussehenden Augen und des vom ständigen Zigarette rauchen gelbem Barts.

„Ist alles vorbereitet?“, fragte Herr Anders seinen Kollegen mit ausdrucksloser Miene.

Der dicke, alte Mann nickte zuversichtlich. „Selbstverständlich. Josephine und ich haben vorhin noch kurz mit dem Käufer telefoniert. Das Geschäft steht.“ Sein Grinsen wurde noch ein gutes Stück breiter und verlieh ihm somit das Aussehen einer fetten, hässlichen Kröte. „Wenn heute Nacht alles glatt geht, ist das Geld morgen früh schon auf unseren Konten.“

Lier klopfte ihm wohlwollend auf den Unterarm, bevor er sich wieder in das Buch vertiefte. Herr Anders beschloss, ihn erst einmal in Ruhe zu lassen. Lier musste sich jetzt konzentrieren, ansonsten würde er nachher wer weiß wo landen und darauf konnte er gut und gern verzichten. Also wandte er sich von ihm ab und lief hinüber zu der Wand mit den wunderschönen Eulenregalen.

Wie jedes Mal wenn er sie betrachtete, versetzte es Herrn Anders eine Gänsehaut. Der Künstler der dieses Meisterwerk angefertigt hatte, hatte sich wahrlich große Mühe gegeben. Jeder Eulenkopf wirkte vollkommen individuell und anders als die, die ihn umgaben. Schleiereule, Waldkauz, alle Arten die man sich nur vorstellen konnte, waren hier vertreten.

Während er die Schönheit des imposanten Möbelstücks bewunderte, trat Josephine Wichmann neben ihn.

Herr Anders war es nicht gewohnt, dass Frauen größer als er waren, doch seine Kollegin überragte ihn um gut eine Handbreit. Spindeldürr war sie, was ihr zusammen mit der scharf geschnittenen Nase, den hohen Wangenknochen und den streng zu einem Dutt nach oben gebundenen Haaren das Aussehen einer zerrupften Krähe verlieh. Ihr pechschwarzes Kostüm tat, was diesen Eindruck anging, sein übriges.

„Hätte nicht gedacht, dass Sie mit der Sache einverstanden sind, Anders“, krächzte sie in ihrem üblichen herablassenden Tonfall. „Sicher, dass Sie sich nicht lieber wieder aus dem Staub machen wollen?“

Herr Anders zwang sich dazu, angesichts der offensichtlichen Beleidigung keine Miene zu verziehen. Diesen Triumph wollte er ihr nicht gönnen.

„Das ist ein ganz normaler Auftrag“, erwiderte er mit derselben Herablassung in der Stimme. „Sie können es so lang leugnen, wie Sie wollen, Wichmann. Es ändert nichts an der Tatsache, dass der Kunde ausdrücklich nach dem besten Kurator im aktiven Dienst verlangt hat. Wenn es darum geht, das Vertrauen von anderen zu erlangen und den Job so effizient und unauffällig wie möglich durchzuführen, dann bin das ganz klar ich, der gerufen werden sollte.“

Josephine Wichmanns dünne Augenbrauen zogen sich missbilligend zusammen, doch überraschenderweise verzichtete sie auf eine Erwiderung. Stattdessen wandte sie sich demonstrativ von ihm ab und widmete sich Lier.

„Haben Sie es bald?“, schnarrte sie ungeduldig und Herr Anders musste stark an sich halten, um nicht mit den Augen zu rollen.

Lier ließ sich von der Kuratorin nicht aus der Fassung bringen und blieb seinem versöhnlichen Tonfall treu.

„Sofort, meine Liebe. Maximilian, würden Sie sich schon einmal bereit machen? Es kann in einer Minute los gehen!“

Herr Anders nickte zustimmend. Er griff in die Innentasche seines Mantels und zog die silbern schimmernde Eulenfeder hervor, die er bis dato darin versteckt gehalten hatte. „Ich bin soweit.“

* * *

Sie strich wieder ein Streichholz an, es leuchtete ringsumher, und im strahlenden Glanze stand die alte Großmutter glänzend, mild und lieblich da. „Großmutter!“, rief die Kleine. „Oh, nimm mich mit! Ich weiß, dass du auch gehst, wenn das Streichholz ausgeht, gleich wie der warme Ofen, der schöne Gänsebraten und der große, herrliche Weihnachtsbaum!“ Sie strich eiligst den ganzen Rest der Hölzer, die noch in der Schachtel waren, an – sie wollte die Großmutter recht festhalten, und die Streichhölzer leuchteten mit solchem Glanz, dass es heller war als am lichten Tage.

Die Großmutter lächelte wohlwollend und streckte ihr die geisterhaften, strahlenden Arme entgegen, um sie zu erretten von der grausamen Welt, die sie umgab. Das Mädchen sehnte sich nach nichts anderem mehr, als endlich wieder mit der über alles geliebten Großmutter vereint zu sein und all ihren Kummer und Schmerz zu vergessen.

Doch gerade, als sie ebenfalls die Arme hob und sich von dem Geist der Streichhölzer davon tragen lassen wollte, fiel ein dunkler Schatten über sie und die Großmutter war mit einem Male verschwunden. Erschrocken sah die Kleine empor und blickte direkt in die Augen eines großen Mannes, der wie aus dem Nichts neben ihr aufgetaucht war. Mit offenem Mund starrte sie ihn an, unsicher, ob er nicht auch ein Gesandter der Flammen war oder eben doch ein einfacher Mensch.

Der Mann jedoch schien sich nichts aus ihrem unschicklichen Benehmen zu machen und schenkte ihr ein freundliches Lächeln.

„Guten Abend, junges Fräulein“, begrüßte er sie.

„G-guten Abend“, erwiderte sie mit klappernden Zähnen. „M-mein H-herr“, ergänzte sie noch rasch.

Der Fremde mit den eisgrauen Augen verzog besorgt die Miene. „Liebes Kind, du holst dir hier draußen noch den Tod! Sag, was tust du hier bloß?“

Das Mädchen schluckte schwer und senkte den Blick. Sie fürchtete sich davor, die Wahrheit auszusprechen. Wenn der Vater erfuhr, dass sie schlecht über ihn geredet hatte, würde er fürchterlich toben und sie seinen Zorn spüren lassen. Derweil fiel der Blick des Fremden auf die abgebrannten Streichhölzer.

„Ist das deine Ware?“

Vorsichtig nickte sie. Plötzlich schämte sie sich. In einem Anfall von Selbstsucht hatte sie all ihre Hölzchen auf einmal angezündet. Jetzt war nichts mehr übrig und sie fror schlimmer denn je! Tränen rannen ihr über die schmutzigen Wangen und schienen noch im selben Moment auf ihrer Haut zu gefrieren.

Der Mann schüttelte betroffen den Kopf. „Armes Ding“, sagte er mit trauriger Stimme. „Wie wäre es, wenn ich dich an einen Ort bringe, an dem du nicht mehr so frieren musst?“

Verwundert sah das Mädchen zu ihm auf. Der Fremde lächelte. Dann begann er damit, die Knöpfe seines wunderschönen nachtblauen Mantels aufzuknüpfen und wenige Herzschläge später legte er ihn über sie wie eine herrlich weiche Decke.

„Was meinst du?“, fragte er. „Immerhin ist heute doch die Neujahrsnacht. Keiner sollte da leiden müssen.“

Das Mädchen war hin und her gerissen. Die Großmutter hatte sie immer davor gewarnt, Fremden einfach so zu vertrauen. Aber sie hatte ihr auch Geschichten von tapferen Rittern, Prinzen und Gentlemen erzählt, die arme Menschen aus ihrer Not retteten, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Konnte es sein, dass der Fremde einer von ihnen war? Noch einmal wagte sie einen Blick hinauf in seine wunderschönen hell leuchtenden Augen. Ja, er musste ein Prinz sein! Immerhin trug er wunderschöne Kleider und zudem noch eine silberne Feder am Gürtel. Er war endlich gekommen, ihr Retter, auf den sie schon immer gewartet hatte. Sie erwiderte sein strahlendes Lächeln zögerlich und nickte. Der Fremde zwinkerte ihr mit zufriedener Miene zu.

„Mehr wollte ich gar nicht hören, liebes Kind.“

Kurzerhand lud er sie auf seine Arme und hob sie empor, wo sie sich so fest wie möglich an seine starke Brust kuschelte, um so viel Wärme wie nur möglich von ihm aufzunehmen. Ein weißes, helles Licht begann sie zu umhüllen.

„Kein Prinz“, murmelte sie, kurz bevor sich Herr Anders und das Mädchen mit den Streichhölzern von dieser Welt verabschiedeten. „Er ist ein Engel.“









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Heyho!
Schöne Grüße an all jene, die es bis hier her geschafft haben. Hallo an alle neuen Gesichter und selbiges natürlich auch an meine treuen Farben- und NG-Leser :)
Nachdem ich mir den gesamten Sommer eine Pause von FF.de genommen habe, geht es jetzt endlich wieder weiter. "Marensburg" wird ein längeres Werk werden (wie von mir gewohnt). Ich für meinen Teil bin hochmotiviert und schreibe schon fleißig am nächsten Kapitel.
Im Gegensatz zu früher gibt es ab jetzt keine festen Uploadtage mehr. Liegt einmal daran, dass die Kapitel ab sofort länger werden als bei meinen früheren Werken und zum anderen wird mir die Uni ab Oktober einen Großteil meiner Zeit abverlangen. (5. Semester, yay!) Deswegen will ich keine Versprechen machen, die ich am Ende ja doch nicht einhalten kann.
Ich hoffe natürlich, dass ich mit diesem Prolog das Interesse einiger Leute gewinnen konnte und wünsche noch einen angenehmen Abend ;) (oder Tag, wann immer das gelesen wird)

GGGGGGGGGGGGGGLG Kara

PS: Für dieses Kapitel wurden Auszüge aus Hans Christian Andersens "Das Mädchen mit den Streichhölzern" verwendet. Somit stammen die kursiven Teile nicht aus meiner Feder, abgesehen von der Abwandlung zum Ende hin.
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