Wut

KurzgeschichteAngst, Fantasy / P6
Minerva McGonagall
28.09.2017
28.09.2017
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Minerva McGonagall war wütend. Nein, sie war sogar rasend vor Wut. Es war ein uraltes Gefühl von Schmerz und Hass, das in ihre Brust brodelte. Es hatte dort geglüht, gut versteckt vor ihren Schülern, ihren Kollegen, selbst vor sich selbst.

Die Glut hatte in ihrem Herzen gelegen. Und jede Tat und jedes Wort waren ein weiterer Luftzug gewesen. Und jetzt brannte ihr Herz.

Sie hatte immer gedacht, dass ihr Zorn kalt sein würde - kalt und berechnend. Sie hatte erwartet, dass die Kälte ihr die Adern verätzen und die Gelenke schmerzen lassen würde. Stattdessen war ihre Wut heiß.

Brennend und gleißend hell fraß sie sich durch ihre Nerven und brachte ihre Hände dazu, sich blitzschnell zu bewegen und ihre Zunge noch schneller dazu, die Wörter zu formen.

Sie kämpfte mit der Wut einer Löwin, der Kraft eines Mitglied des Hauses Gryffindor und der Hingabe einer Lehrerin und Hexe. Sie zählte nicht wie viel unverzeiliches sie über ihre Lippen brachte. Sie sah nicht die Gesichter vor sich und die Gesichter aus Klassenräumen längst vergangener Zeit. Alles was zählte war, dass sie bezahlten.

Sie achtete nicht auf die Körper vor ihren Füßen und die Schreie in der Luft.

Es war zu spät, sich darum Gedanken zu machen, was war und was hätte sein können. Sie wusste es, und alle andern wussten es auch.

Krieg ließ keinen Platz für Ablenkungen und Minerva zwang sich dazu, sich auf die simpelste Sache zu zählen. Darauf zu konzentrieren, was zählte.

Nicht auf ihre fallende Welt um sich herum, auf ihre Schüler und ihre Kollegen und auch nicht auf die Vergangenheit und die Zukunft.

Alles was zählte war, dass sie bezahlten.

Minerva hatte eine Liste in ihrem Kopf, eine Liste die sie Voldemort, oder noch besser, Tom Riddle persönlich, ins Gesicht spucken wollte, damals, als die Welt am Rande des Abgrunds stand.

Es war eine Liste von Namen, von Chancen und Zukunft, die der Hass verschlungen hatte.

Es war eine Liste von Gesichtern und Lachen und Wünschen.

Sie hatte vorgehabt, sie diesen Tieren entgegenzubrüllen, um sicher zu gehe, dass sie es wussten. Dass Minerva McGonagall nicht vergaß.

Die Worte wisperten nun leise in ihren Gedanken, formten tonlose Worte am Rande ihres Bewusstseins.

Black …, Mad Eye Mooney …, Longbottom, …. Potter …

Sie waren gestorben, weil sie des Lebens nicht wert gewesen waren, hieß es. Man hatte sie in den Wahnsinn getrieben, weil sie sich ihnen in den Weg gestellt hatten. All diese Leben, wertlos.

Aber sie waren es wert gewesen und die Liste war der Beweis, dass sie es auch immer noch waren. Jeder dieser Namen war schon einmal in diesen Hallen erklungen, genau neben denen ihrer Mörder. Damals waren ihre Namen voller Hoffnung gewesen. Jetzt trieften sie vor Blut und schmeckten nach Asche.

Damals, ganz am Anfang, als sich der Sturm gerade einmal als trübe Wolken am Himmel der Zukunft abgezeichnet hatte, da hatte Minerva gedacht, dass Hogwarts die Wiege der Zukunft war, mit seinen Gängen und Schlafräumen, die alle nur so vor Potential überlaufen zu schienen.

Aber Hogwarts war nur ein schlafender Riese gewesen, ein Nest in dem Mörder und Opfer nebeneinander gelesen und gelernt hatten. Minerva höchstpersönlich hatte sie in der Kunst unterrichtet, mit der sie sich später gegenseitig die Kehlen durchschneiden würden.

Sie hatte nicht die Zukunft geformt sondern den Untergang.

Sie hatte das Unkraut gehegt, das am Ende die schönsten Blumen erstickt hatte.

Evans …, Dumbledore …

All diese Wünsche, all diese Sehnsüchte, zertreten durch einen Haufen verblendeter Fanatiker, die einem Sirenenruf nach Macht und Ruhm gefolgt waren.

Sie hoffte, dass sie der Gesang in den Abgrund locken würde.

Und sie hatten es gewagt, Minerva erneut dazu zu zwingen, Schlächter zu unterweisen. Sie hatten es gewagt, erneut, offen und barbarisch, Hogwarts zu einem Schlangennest zu machen.

Minerva knirschte mit den Zähnen.

Sie hatte lange genug geschluckt und sich gebückt. Um ihrer Schüler Willen. Um immerhin den letzten Rest ihrer Zukunft zu beschützen. Aber damit war es jetzt zu Ende.

Vielleicht würde sie heute sterben, aber ganz sicher nicht in Angst. Oh nein, Minerva McGonagall hatte vor mit einem lauten Knall aus dieser Welt zu gehen.

Man würde ihren Tod vielleicht nur als einen weiteren Stein im Mauerwerk des Grauens sehen, auf dem man sein Imperium zu errichten schien, aber sie würde sichergehen, dass es der verflucht schwerste Stein sein würde, den diese Menschen je zu sehen bekommen würden.

Und sie würde diese Menschen dazu bringen, sich zu erinnern. Daran zu erinnern, dass sie genauso schwach waren, wie alle anderen.

Und wenn sich zukünftige Generationen ganz sicher nicht an diesen Kampf erinnern würden, den Kampf um ihre noch unexistente Zukunft, den Kampf um Liebe und Hass, den Kampf, in dem das Licht ein letztes mal verzweifelt versucht hatte, die Dunkelheit zurückzudrängen, sondern nur an Märchen der Schreckensherrschaft und an Legenden von Ungeheuern, die unter dem Bett lauerten, so würden sich immerhin ihre Schüler daran erinnern.

Daran, wie sie kämpfte. Daran, wie andere kämpfen konnten.

So kämpft eine Hexe, wollte sie rufen. So kämpft das Haus Gryffindor. So kämpft eine Lehrerin. So kämpft ein Mensch.

So kämpft jemand, der Angst vor nichts und doch Angst um alles hat.

Sie hatte mit ansehen müssen, wie man ihr alles genommen hatte. Wie diese Würmer, die sich nicht sicher gefühlt hatten, bis sie Blut zwischen den Zähnen hatten schmecken können, ihre schleimigen Finger ausgestreckt hatten.

Minerva hatte ansehen müssen, wie sie alles verschlangen. Kinder, Schüler, Familien. Sie hatten ihr ihre Freunde genommen, selbst die Zauberei.

Es hatte sich unrein angefühlt, die Bücher, das Werkzeug, die Säle.

Du hast es ihnen beigebracht, wisperte ihr Gewissen, wenn sie den Tagespropheten gelesen hatte. Das alles kommt aus Hogwarts.

Wenn das, was sie gesehen hatte, die Zukunft sein sollte, würde Minerva lieber mit dem Namen von Toten auf den Lippen sterben, als mit Galle im Mund zu leben. Der Tod schien geradezu verlockend, wenn man seine Optionen betrachtete.

Aber sie würde nicht kampflos sterben, man würde sich an sie erinnern.

Und auch an die Namen auf ihrer Liste, die tot waren, weil die Welt manchmal ein grauenvoller Ort sein konnte, der unfair und gnadenlos war.

Also drängte sie die tastenden Hände des Todes ein letztes Mal zurück. Er hatte sie oft umstrichen, hatte versucht sie zu umgarnen, aber bis jetzt hatte sie sich dagegen gewehrt. Sie brauchte seine Dienste nicht. Noch nicht.

Aber bald, alter Freund dachte sie, und hörte ihn fast vor Genugtuung schnurren.

Sie musste Albus fragen, dann, wenn sie auf der anderen Seite sein würde. Sie musste ihn fragen, ob er damals Angst gehabt hatte. Oder ob er auch diese Leere verspürt hatte, dieses völlige Verstummen jeglicher Nervosität.

Und sie musste ihn fragen, ob er daran glaubte, dass, auch wenn sie heute fallen sollten, es trotzdem irgendwann einmal wieder eine Zukunft aus Hogwarts geben würde und keine Soldaten mehr.

Minerva glaubte daran und klammerte sich mit einer geradezu fanatischen Besessenheit daran.

Sollten diese Bestien ruhig daran glauben, dass sie heute alles gewinnen würden.

Aber es gab ein Morgen, das sich lohnen würde. Ein Morgen, für das sie gerne bereit war, ihr Leben zu geben.

Eines Tages würde sich etwas erheben, gegen sie, gegen ihre Ordnung und gegen ihre Vorstellungen. Eines Tages würde ihr ganzes Kartenhaus in sich zusammenstürzen und sie alle unter seinen Trümmern begraben. Dafür würde Minerva guten Gewissens aus der Welt scheiden können.

Irgendwann einmal würden in diesen Gemäuern wieder Kinder sein, die die Magie wieder als das erleben konnten, was sie wirklich war.

Ein Geschenk und kein Fluch.

Die Dunkelheit hatte es gewagt ihre Finger nach Hogwarts auszustrecken. Hatte es gewagt, das letzte, was Minerva geblieben war, nach Albus, nach James und Lily und dieser kalten Nacht unter der einsamen Straßenlaterne, anzurühren.

Vielleicht hatten sie gedacht, dass Hogwarts all die Jahre geschlafen hatte. Vielleicht hatten sie damit sogar recht, vielleicht war die Zauberwelt träge geworden und hatte erlaubt, dass sich die Brut wieder in ihrer Mitte sammeln konnte.

Aber sie würden merken, dass Hogwarts Krallen unter den Teppichen und Zähe hinter dem Mauerwerk hatte, und dass das Haus sich erinnerte und danach lechzte, ihnen das selbstgefällige Grinsen aus dem Gesicht zu wischen.
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________*hust* dramatische Kampfszene, voll mein Ding *hust* (besonders ohne Kampf und irgendwie ein ellenlanger Monolog, weil halt)
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LG Anemonenfisch
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