Seiltänzer

von Ricky VL
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
23.09.2017
21.08.2018
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Dieses Kapitel
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„Tja, das war‘s dann wohl!“ registrierte Corinna, nachdem sie zusammen mit ihrem Ex – Ehemann Remo Dorn das Gerichtsgebäude in der Hamburger Innenstadt verließ, wo sie beide gerade frisch vom Familienrichter geschieden  wurden. Wenn es alles nicht so tragisch wäre, hätte Remo fast losgelacht, doch er entschied sich für die ruhigere und ernstere Variante, die allerdings aus seinem Mund etwas ungewohnt harsch rüberkam: „Ich weiß nicht, was du hast?! Du hast doch alles erreicht, was du wolltest. Du bleibst in der großen Wohnung, hast das Sorgerecht für Lucy, dazu meine monatlichen ausreichenden Überweisungen und selbst unser Hund bleibt bei dir. Reicht dir das noch nicht? Willst du vielleicht auch noch mein Auto? Ach, meinen Flachbildschirm und das veraltete Küchenradio kann ich dir auch noch geben!“

„Jetzt tu mal nicht so, als wäre ich an der Scheidung schuld. Du bist doch mit der miesen Schlampe in die Kiste gestiegen,“ haute Corinna nochmals drauf, worüber Remo, der als Ermittler bei der Hamburger Kriminalpolizei arbeitete, nur noch seinen Kopf schütteln konnte, während er sich an sein Kinn und somit an seinen gepflegten Bart fasste: „Wie du über sie sprichst? Diese in Anführungszeichen miese Schlampe war mal deine beste Freundin.“

„Was dem Ausdruck Schlampe nur noch mehr Berechtigung beimisst“ empfand die junge Frau, während sie sich mit einem seichtem Kopfnicken von ihrem Anwalt, der gerade aus dem Gebäude kam und an sie vorbeizog, verabschiedete. Der mittelblonde Remo mit seinen tiefblauen Augen hingegen nutzte die Gelegenheit noch eins drauf zu setzen, auch wenn er gar keine große Lust dazu verspürte, sich noch weiterhin mit seiner Ex – Frau, mit der er gute sechs Jahre verheiratet war, auseinanderzusetzen: „So habe ich jedenfalls den Weg für dich und deinen arroganten Gigolo frei gemacht. Soll er doch ab jetzt mit dir glücklich werden. Er kann mir jetzt schon leid tun. Du, ich muss jetzt auch los, bevor du noch auf die glorreiche Idee kommst, noch einen Kaffee mit mir trinken zu wollen. Außerdem muss ja einer die Kohle für dich ranholen. Der Job ruft!“

„Du denkst an deine Zeiten, wenn du Lucy nimmst?“ rief Corinna Remo noch hinterher, nachdem dieser sich bereits umgedreht hatte und schnellstens verschwinden wollte, denn für heute reichte es ihm vollkommen. Dennoch blieb er nochmals stehen und wandte sich der Mutter seiner vierjährigen Tochter zu: „Ich denke nur an Lucy. Die wenigen Tage, die mir mit ihr bleiben, lasse ich mir bestimmt nicht nehmen.“

*****

Nochmal in den Spiegel geschaut und die dunkelbraunen Haarsträhnen wieder so in Form gebracht, wie sie vor zwei Stunden lagen, als David das Hotelzimmer betreten hatte. An den Seiten und hinten kurz, dafür oben länger, richtete David seine leicht welligen Haare meist mit einem Seitenscheitel aus, und rundete sein ansehnliches Styling mit einem kurzgehaltenen Dreitagebart ab.

Zum Glück ließ Gerald, einer seiner treuen Stammfreier, David nach dem bezahlten Sex, in dem Bad des Zimmers duschen. Das verlief ganz gewiss nicht überall und bei jedem so. Für David ist es eben ein Geben und Nehmen, und gute Taten wurden eben belohnt.

Die grünen Augen des durchtrainierten Adonis funkelten in das beleuchtete Spiegelbild. Für seine 28 Jahre verfügte David über ein fast makelloses Aussehen, was bei seinen Kunden nach wie vor gut ankam. Das enge Shirt lag eng an seinem Körper und betonte seine sportliche Figur mit 1. 87 Meter Gardemaß optimal. Darunter lag eine unbehaarte glatte gepflegte Haut, auf der sich vom rechten Unterarm bis auf die ebenfalls rechte Brusthälfte ein großes Tattoo befand, dass sich durch breite schwarze auslaufende Streifen perfekt im Bild zum Gesamtmosaik des Körpers einspielte. Sein Gesicht männlich markant, auch wenn man dort einige Züge entdeckte, die ihn jünger erschienen ließen. Er spiegelte eben die wunderbare Mischung aus gereiften, erfahrenden Mann, den netten sympathischen Typen von nebenan, eines provozierenden Rebellen und dann doch wieder eines frech wirkenden jungen Lovers, der sein Handwerk versteht, wieder. Jeder einzelne seiner zahlungskräftigen Kunden suchte sich aus ihm eben heraus, was er für diesen einen, seinen Moment benötigte.

Für besondere Anlässe wusste der mittlerweile Escort - Experte sich auch speziell zu kleiden und in Szene zu setzen. David gab sich für die Wünsche der seriösen Männer relativ offen, auch wenn er seine persönlichen Grenzen deutlich aufzeigte, die auch respektiert wurden. Genau wie es für ihn ein tabu ist, die Kunden bei sich zu Hause, in seiner Wohnung, zu empfangen. Diese Freiheit des Privaten nahm David sich und das wusste er genau zu trennen.

Als er das Bad verließ und wieder das Zimmer betrat, sah er mit einem geschulten Blick schon die Geldscheine auf der Kommode neben dem Bett liegen, denn Stammkunden brauchten erst hinterher zahlen, um die Stimmung nicht im Vorfeld zu beeinflussen. „Ich habe dir etwas drauf gelegt, weil‘s heute besonders gekribbelt hat,“ merkte Gerald an, der im weißen Hotelbademantel und seinem Smartphone in der Hand, auf dem er gerade seine vielzähligen Geschäftstermine checkte, mitten im Zimmer stand.

„Danke!“ gab David kurz zurück, wobei er nicht vergaß, ein zufriedenes, freundliches Lächeln, was mit zu seinem Service drum herum gehörte und oft sogar ehrlich gemeint ist, an die Adresse des Mannes im mittleren Alter zurückzuschicken. Nebenbei sackte David sich die Kohle natürlich ein und erkannte, ohne großartig nachzuzählen, dass Gerald ihm 200 Euro extra gönnte.

„Ich bin in drei Wochen wieder in Hamburg. Sehen wir uns?“ fragte der graumelierte Herr im Bademantel. „Gerne! Soll ich den Termin gleich fixen oder willst du noch anrufen?“ hakte David nach, während er sich seine Lederjacke vom Stuhl nahm und sie sich überzog.

„Freitag, den Siebenundzwanzigsten. Wegen der Uhrzeit melde ich mich noch,“ verkündete der Geschäftsmann, wobei er den Termin auch bereits für sich sicherte. „Geht klar! Ich halte den Freitag für uns frei. Freue mich von dir zu hören,“ sagte der Callboy, der eine seiner zuverlässigen Geldquellen auf keinen Fall verprellen wollte. Darum drückte er dem Mann zum Abschied auch noch einen leichten Kuss auf die Wange: „Mach dir noch einen schönen Abend in Hamburg! Tschau Gerald!“

David zog dann die Zimmertür hinter sich zu, marschierte den langen Gang des Hotelflurs mit Kurs zu den Fahrstühle entlang und aktivierte sofort beide Handys, das geschäftliche und das private, die er beide während der Besuche immer ausschaltete. Auf beiden sind bereits wieder Nachrichten und Anrufe aufgelaufen. Über eine der Nachrichten freute David sich allerdings mehr als über die anderen und schrieb noch im Aufzug, auf der Fahrt nach unten, zurück: „Hallo Schwesterchen. Klar, habe ich heute Abend Zeit für dich. Schlag vor, wo wir uns treffen wollen. Kuss Dave!“

*****

„So wie es im Augenblick scheint, handelt es sich bei den letzten beiden Einbrüchen in der Kunsthalle und in der Villa in Blankenese um einen Serienraub. Falls es kein Zufall ist, aber daran glaube ich nicht,“ gab die Hauptkommissarin Kathrin Voss ihr Urteil ab, als sie sich mit ihrem Kollegen Markus Goldberg im Büro ihrer Dienstelle über zwei Kunstdiebstähle unterhielt, die ihrer Abteilung der Kripo Hamburg auf dem Tisch lag.

Markus forderte für Kathrins Verdacht allerdings den aktuellen Ermittlungsstand, den die taffe blonde Frau auch umgehend lieferte, nachdem sie ihre Brille wieder auf ihrer Nase hochschob und ihm einige Fotos auf den runden Besprechungstisch, der im mittleren größerem Büro stand, auslegte: „Alle gestohlenen Bilder sind Werke des russischen Malers Iljan Manikov, der Anfang des 20. Jahrhunderts seine Glanzzeiten hatte und 1917 verstarb. In Westeuropa ist Manikov allerdings nur speziellen Kunstkennern ein Begriff. In Russland hingegen sind seine Bilder laut Insiderkreisen zur Zeit sehr gefragt.“

„Also werden die Auftraggeber in St. Petersburg, Moskau, Jekatarinburg oder sonst wo da drüben sitzen?!“ kombinierte Markus Goldberg, während er jedes der einzelnen Fotos in seine Hände nahm und betrachtete. „Vermutlich! Denn komischer Weise wurden in der Galerie keine anderen Bilder mitgenommen, obwohl die Werte viel höher liegen. In der Villa wurden auch drei andere Gemälde hängen gelassen, dafür aber der gesamte Schmuck und einiges an Bargeld entwendet,“ ergänzte die 34 – Jährige Frau. „Verstehe einer die Kunst! Okay, für die anderen Bilder gab es wohl keine Abnehmer, was den Handlangern wohl zu heiß war?! Den Schmuck und das Geld haben sie sich dann in die eigene Tasche erwirtschaftet,“ konnte Markus sich durchaus vorstellen, ehe er den Kollegen begrüßte, der gerade zu Tür hereinplatze: „Ah, da ist ja unser frischgebackener Single! Na werter Kollege, alles glatt gelaufen? Bist du die Heckethebe endlich los?“

„Dein Taktgefühl ist mal wieder grandios,“ stellte Remo Dorn fest, während er sich seine Jacke auszog und diese über einen der Bürostühle hängte. „Ich verrate dir was, mein Lieber. Ich habe gar keins! Also bist du jetzt durch oder nicht?“ setzte der neugierige Kripobeamte nach, woraufhin Remo die Sache abkürzen wollte: „Ja, ich bin geschieden.“

„Dann kann ja dein neues Leben starten! Auf jeden Fall sollten wir heute Abend feiern gehen und dir eine neue Braut suchen. Wer weiß? Vielleicht gründet ihr ja eine neue kleine niedliche Kleinfamilie,“ wusste Markus anscheinend, wie man einen Scheidungstag richtig ausklingen ließ.

„Lucy ist meine Familie. Und ansonsten will ich mit Liebe, Beziehung, Ehe, und was es da noch alles gibt, vorerst nichts mehr zu tun haben,“ gab Remo einen Teil seines Schwurs wieder, den er sich selbst gegeben hatte. „Das sagen sie alle. Und dann hängen die Kerle wieder am Haken,“ warf daraufhin die Kollegin ein, bevor sie dann zur Aufmerksamkeit aufforderte: „Können wir dann mal wieder zu Manikov kommen?“

„Manikov?“ fragte Remo irritierte wobei er nun auch einen Blick auf die Bilder warf, ehe Markus fast triumphierend meinte: „Der Fall ist fast gelöst. Wir müssen nur noch die russische Kunstmafia besiegen.“

*****

„Och nein, Richard. Bitte nicht wieder Oper!“ betete David später, als er auf seinem Diensttelefon den nächsten Kunden aufs Display ankommen sah, während er auf den Weg in ein Bistro am Hansaplatz im Stadtteil St. Georg ist, wo er sich mit seiner Schwester Vanessa treffen wollte. Trotz der Gefahr, dass ein neuer klassischer Musikgenuss auf ihn wartete, meldete David sich, denn das sichere Geld lockte: „Hallo Richard, freut mich, dass du anrufst!  - - - - - Ein Klavierkonzert in der neuen Elbphilharmonie?! Natürlich werde ich dich begleiten. Und danach wieder zu dir?  - - - - -  Vorher sogar essen gehen. Klingt super!  - - - - - Okay, am Samstag, 17 Uhr Restaurant Vincento. Ich werde da sein. Ach Richard, reicht ein normaler Anzug oder soll ich meinen eleganten Smoking tragen? - - - - - Ich werde neben dir glänzen, versprochen, mein Lieber!“

„Hoffentlich ist das Geklimper einigermaßen erträglich,“ hoffte David für sich selbst, nachdem er das Einladungsgespräch beendete und sich noch rasch das Date notieren wollte. Dafür zog er einen Kugelschreiber und eine seiner Visitenkarten aus der Innentasche seiner Jacke, wobei ihm eine weitere Karte mit herausrutschte und auf der Pflasterung des Bürgersteiges landete. Jedoch ist die aufmerksame Ordnungspolizei zur Stelle. Da David ein paar Schritte weiter gelaufen ist, bückte sich Remo Dorn, der sich auf Markus Wunsch doch zu einem geselligen Abend überreden lassen hatte, und hob die Karte auf, woraufhin er David hinterherrief: „Hallo, sie haben etwas verlor …..“

Seine Stimme knickte dann jedoch weg, da er sich die Karte mehr oder weniger aus Versehen ansah. Remo entdeckte darauf ein Bild des jungen Mannes und daneben die Worte: „David – exklusiver Escort für den seriösen Herrn!“ Eine Handynummer, so wie die Adresse einer Website gab es gratis dazu.

Schnell wollte Remo sich wieder von der Visitenkarte abwenden, als hätte er darauf etwas verbotenes oder geheimnisvolles gefunden. Aber schon im nächstem Moment stand David vor ihm, dem nun bewusst wurde, was der fremde Mann überhaupt meinte: „Ach so, nur eine Karte von mir. Du, die schenke ich dir. Wer weiß? Vielleicht sieht man sich mal! Lohnt sich bestimmt!“

„Hi David, da bist du ja schon!“kam nun wie aus dem Nichts Vanessa auf David zu, den sie gleich herzlich mit Küsschen begrüßte. „Wie immer pünktlich. Keine Sekunde zu früh,“ meinte der junge Callboy, wobei er bei seiner letzten Bemerkung nochmal Remo mit seinen  Blick anvisierte und ein kurzes fast entschuldigendes aber auch einladendes Lächeln hinüberschickte. Dann ist er allerdings wieder voll für seine Schwester da: „Wow, du wirst auch jeden Tag hübscher. Da strahlen ja Zehntausend Volt aus deinen Augen!“

„Ich habe auch sensationelle Neuigkeiten,“ strahlte die junge Frau, woraufhin David die Tür des Lokals öffnete und auffielt: „Tja, dann nichts wie rein. Ich bin gespannt. Ähm, wolltest du auch hier rein?“

„Ich?“ fragte der Polizist, der irgendwie mit diesem Tag noch kämpfte und dabei etwas neben der Kappe stand. „Also ich gebe hier nicht den ganzen Abend den Portier. Entweder hinein oder draußen bleiben?!“ wollte David eine Entscheidung erringen, wobei er sah, dass der Mann immer noch die Visitenkarte in der Hand hielt. Remo entschied sich für den Eintritt, da Markus sicherlich schon im Lokal saß und auf ihn wartete. Darum schlüpfte er nun durch die Tür dicht an David vorbei, welcher dem leicht verwirrt wirkenden Kripobeamten im Vorbeigehen die Karte aus der Hand zog und sie in die vordere Brustasche von Remos Jacke steckte, ehe er noch kurz zweimal sanft darauf klopfte: „Die Karte schön einstecken, nicht einfach achtlos wegwerfen!“
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