LeZombie

von wasntme
GeschichteHumor, Horror / P16
Frodoapparat LeFloid
22.09.2017
16.02.2019
21
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Unerwartet früh jetzt doch schon das zweite Kapitel. Viel Spaß beim Lesen!
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2. Kapitel: Umnachtung



Erstarrtes Schweigen erfüllte die Luft und Max wagte es nicht, auch nur einen Muskel zu bewegen, während er die Gestalt vor sich mit seinen übermüdeten Augen anschaute, sie festhielt wie eine Erscheinung. Er wusste nicht, ob er sich verhört hatte. Er war sich eigentlich ziemlich sicher, dass er sich verhört hatte, zumal die Gestalt vor ihm sich nicht plötzlich in einen Menschen verwandelt hatte. Das war immer noch ein wankender Typ mit trüben, kranken Augen und leerem Gesichtsausdruck. Seine Haut war immer noch fahl und fleckig, seine Bewegungen immer noch unkoordiniert und an seinem T-Shirt und seinen Armen klebte immer noch dunkel getrocknetes Blut. Und trotzdem konnte Max sich gegen das Bedürfnis nicht wehren, den Lauf der Waffe langsam auf den Boden zu richten.
„Hast du … gerade was gesagt?“, murmelte er mit belegter Stimme und schaute Flo erwartungsvoll an, aber wenn er verzweifelt gehofft hatte, den erleichternden, irrwitzigen Funken freundschaftlichen Erkennens in seinen Augen ausmachen zu können, wurde er enttäuscht. Sein Gesicht blieb ausdruckslos, stattdessen begann er sich nach einiger Zeit wieder zu bewegen, ungeheuerliche Schritte auf ihn zu zu machen. „Bleib stehen.“, befahl Max mit unterdrückter Panik und sofort wieder erhobener Pistole, und der Infizierte blieb tatsächlich erneut stehen. Jetzt offen verwirrt runzelte er die Stirn und versuchte es abermals, auch wenn das Zittern in seiner Stimme verriet, wie massiv er gerade seine eigene geistige Gesundheit in Frage stellte: „Das is' verrückt. Aber … hast du ... was gesagt … ?“
Sein Gegenüber hob schief den Kopf und schob trotzig das Kinn vor. Max schluckte.
„We …. Wenn ja, wenn das jetz' nich' mein eigener Verstand war … warum hättest du dann nich' gleich was gesagt?“
Anders als sein eigenes, verwirrtes Flüstern, kam die schlagfertige Antwort prompt und wie geschossen, wenn auch genuschelt:

„Has' doch geredet ohne Pungt un' Komma.“

Der blauäugige Mann hielt die Luft an und wischte sich an der Waffe die Hand ab, so dass er spürte, wie verschwitzt sie war. Rasch ließ er sie sinken. Das war unmöglich. Infizierte redeten nicht, zumindest nicht mehr in dem fortgeschrittenen Stadium. In dem Stadium sprangen sie Unschuldige an, wussten nicht mehr, wer sie waren oder was sie taten. Sie führten keine Unterhaltungen!
Zumindest hatte er noch nie davon gehört. Was stand dort vor ihm?
Die Flut aus Gefühlen wurde abgelöst von einer Sintflut mit Fragen in seinem Kopf, so dass sein Gehirn nicht mehr selektieren konnte, welche die wichtigere, welche die angebrachtere war. Also übernahm sein Gefühl wieder für ihn in seiner Überforderung und die erste Frage, die es sich herauspickte war: „Weißt du, dass du gejagt wirst?“
Seine Stimme war leise, als fürchte er belauscht oder hereingelegt zu werden und sie hörte sich in seinen Ohren seltsam an, hier im nächtlichen Park. Er hätte über sich selbst den Kopf schütteln können, dass er, kaum dass es den Anschein hatte, als könne da sein verschollener bester Freund vor ihm stehen, ihm als erstes so eine Frage stellte. Waren die Spezialeinheiten, die die Gegend regelmäßig durchkämmten und die schließlich für seine Sicherheit unterwegs waren, denn mit einem Schlag etwas schlechtes in seinem Kopf? Selbst wenn Infizierte noch Worte hervor bringen konnten, machte es sie doch nicht ungefährlicher. Höchstens noch unberechenbarer.
Er musste eine Zeit lang auf eine Antwort warten, die lang genug war, um nochmals an sich selbst und seiner Wahrnehmung zu zweifeln, während die Gestalt anscheinend sehr angestrengt nachdenken musste, aber dann murmelte Flo gleichgültig: „Ham mich noch nich' gefunden …“
Okay, das genügte, dass Max einfach nur baff war. Das war zu viel für sein Gefühlschaos, also schaltete es sich vorerst einfach ab. Vielleicht stand er auch schlicht unter Schock. Vielleicht fühlte sich Schock ja genau so an. Jedenfalls wich die Spannung mit einem Schlag aus seinen Muskeln und auch seine Mimik entspannte sich, als sei die Haut bis eben wie zum Zerreißen gespannt gewesen.
„Und du weißt noch, wer ich bin?“
„ … Frodo.“, sagte Flo wie aus einem schlafwandlerischen Reflex nun deutlicher.
„Und du weißt, wer du b-“
„Ich Flo, du Frodo, ich Tarzan, du Jane – hätten wir das jetz'? Ich komm nich' aus'n Dschungel.“
Vielsagend schaute Max einen Moment an Florian vorbei in den vollkommen verwilderten Park.
„Warum bist du dann noch hier, wenn du von den Patrouillen weißt?“, fragte er dann aber stattdessen.
Florians Gesicht runzelte die Stirn, so als hätte Max ihn schwerwiegend verwirrt mit seiner Frage oder als wüsste er selbst keine Antwort und suchte jetzt danach. Sein Blick schweifte ab in die Umgebung, als wollte er sich vergewissern, wo er überhaupt war. Dann schaute er wieder ihn an.
„Vielleicht wollt' ich einfach wissen, ob's dich auch erwischt hat.“
Plötzlich kam Max ein Gedanke und er überlegte, ob er ihn laut aussprechen sollte, ehe er merkte, dass er es schon getan hatte: „Verliere ich gerade den Verstand?“
„Das musst du doch wissen, Frodo.“
Seine Stimme hörte sich an, als hätte er sie Ewigkeiten nicht benutzt, und das Schulterzucken, das folgte, war ungelenk und doch so schmerzlich vertraut, dass Max unkontrolliert ein kurzes, abgehacktes Glucksen entfuhr, bevor er sofort wieder ernst wurde. Vorsichtig fragte er: „Wenn du dich an mich erinnerst … an wen erinnerst du dich noch?“
Nein, eigentlich war das nichts, was er an die Oberfläche bringen wollte. Das Thema war zu sehr mit Vergangenheit behaftet, es machte so verletzlich. Genauso wie eigentlich auch der Gedanke an seinen besten Freund. Aber der antwortete nicht. Erneut war seine Stirn in Falten gelegt und er senkte den Kopf zu Boden, als begann das Nachdenken ihn ehrlich zu nerven. Die ganze Situation war so unwirklich.
Hier standen sie.
Max und Florian.
Frodo und Floid.
Mensch und Unmensch.
Wenn die Luft nicht so kalt gewesen wäre und der Staub auf Max' Haut nicht so rau, hätte er sich gefragt, ob er das hier nur träumte. Aber so fühlten sich keine Träume an. Flo war ihm wirklich begegnet. Irgendwas hatte dafür gesorgt, dass sie sich nochmal wiedersahen. Und doch war da diese Grenze zwischen ihnen, die Waffe in Max' Hand, die Tatsache, dass sie nicht mehr in der selben Welt lebten.
„Flo? Sind wir noch Freunde?“, kam es aus ihm hervor, ganz leise und unbewusst, aber aus tiefstem Herzen, und als er seinen Blick hob, sah er, dass sein Gegenüber auf die Frage hin ebenfalls wieder den Kopf gehoben hatte. Flo antwortete abermals nicht, aber die Frage hatte etwas in ihm bewegt, denn in der Gleichgültigkeit seines Gesichts hatte sich mit einem Mal der unheimliche Schatten eines Ausdrucks eingeschlichen, den Max nie für möglich gehalten hätte und der ihm zeigte, wie gerne er mit ja geantwortet hätte und es nicht wagte. Vielsagend fiel Flos Blick auf Max' Schusswaffe und dieser nickte nur verstehend.
Zuerst presste er seine Lippen zu einem bitteren Strich zusammen, aber um nicht in diesem luftleeren Schweigen zwischen ihnen zu versinken, versuchte er dieses wegzudrängen, indem er die nächste Frage stellte: „Hast du eigentlich Menschen umgebracht?“
Eigentlich war es ihm egal und so hörte er sich auch an, er sah ja das Blut am T-Shirt, auch wenn es alt war. Er war ja nicht blöd.
„Ich kann dir zumindest keine Liste schreiben.“, antwortete Flo erstaunlich geistesgegenwärtig und Max fragte sich, ob das ein Versuch gewesen war, ein bisschen Humor zusammen zu kratzen. Verrückt – der Zombie vor ihm versuchte tatsächlich, witzig zu sein.
Es war so still.
So ohne Rascheln in den Bäumen, mitten in der Nacht. Ohne das Krächzen irgendwelcher Vögel. „Hätt' ich auch nich' gewollt.“, antwortete er schließlich mit einem kleinen, schwarz-humorischen Schmunzeln im Mundwinkel und ein Brummen kam aus seiner Kehle, das vielleicht die Andeutung eines Lachens hätte sein können. Aber die Stille ließ sich nun nicht mehr zurückdrängen und legte sich wie Nebel über sie, so dass die unaufhaltsame Erkenntnis des kommenden Abschieds Einzug hielt. Ja, irgendwas hatte dafür gesorgt, dass sie sich nochmal sahen und sich in die Augen blicken konnten. Aber das war es dann wohl auch gewesen.
Es war klar, dass Flo ihn nicht angreifen würde.
Es war klar, dass Max ihn nicht erschießen würde.
Ironischerweise würde jetzt vermutlich genau das passieren, was er sich vorhin so sehnlichst gewünscht hatte, was ihn jetzt jedoch nur mit einem melancholisch dumpfen Gefühl erfüllte. Sie würden sich umdrehen, Max würde nach Hause gehen und Flo zurück in den Park taumeln. Max würde schlafen gehen und morgen wieder arbeiten, und Flo würde – nun ja – Zombie-Kram machen halt. Und dann würden sie sich nie wiedersehen.  
Und als hätte er seine Gedanken erraten, hörte er Flos Stimme murmeln: „Schön, sich wiedergeseh'n su haben.“
„Ja.“, antwortete Max aufrichtig und leise. „Schön, dass … du noch da bist. Irgendwie.“
Die Gestalt vor ihm neigte den Kopf, als wolle er nicken oder ihm Lebewohl sagen, nur dass es ihm nicht ganz gelang, also tat Max es ihm nach, wandte sich ab und schaute dem Weg entgegen, während er einen Schritt machte.

-
„Shit, ick muss dich mitnehmen, Flo!“

Die Worte brachen wie eine schockierte, wahnwitzige Erkenntnis aus ihm heraus und überraschten ihn selbst. Mit weiten Augen drehte er sich wieder zu Flo um, in der Hoffnung, ihn davon abhalten zu können, weg zu wanken, und ausgerechnet dieser war es, der ihn an die Umstände der Realität erinnerte, als er erst gruselig stöhnte und dann brummte: „Mach dich nich' lächerlich.“ Verrückterweise gab genau das ihm in seiner plötzlichen Eingebung noch extra viel Aufwind. Ganz klar ein Kurzschluss in seinem Gehirn.
„Ick mein's ernst, ich hab dich doch nich' umsonst wiedergefunden, man. Ich nehm' dich mit!“
Da war er, er existierte noch, dieser typisch skeptische Blick von Flo, auch wenn es seine Augen nicht menschlicher machte, aber er bekräftigte Max in seinem aberwitzigen Geistesblitz, auch wenn Flo verärgert stöhnte: „Wer von uns beiden is' hirntot, hm?“
„Noch hast du mich nicht gefressen, so schlimm kann's also nicht sein.“, erwiderte Max mit sturer Euphorie. So schnell wollte er den Gedanken nicht wieder loslassen, oder besser gesagt: So schnell wollte er Florian nicht wieder loslassen.
„Wohin könntest du mich schon bringen?“, konterte Flo träge, aber die Antwort kam prompt.
„Na zu mir nach Hause.“
„Frodo ...“, er seufzte resigniert, als er kurz zu Boden sah, wobei er ungeschickt zur Seite stolperte. Seine Stimme war träge: „ … ich weiß nich' einmal mehr, wie man von hier zu dir kommt. Ich hab's vergessen, Frodo. Ich weiß nich' mehr, wo du wohnst. Ich weiß gar nichts mehr.“
„Das macht nichts, ich weiß es. Ich zeig dir den Weg.“
„Die sehen uns doch, Frodo, die sehen uns und dann erschießen sie uns beide, nicht nur mich.“
Es half nichts, die Idee, Florian mitzunehmen, war wie ein Lauffeuer in seinem Kopf und es war ihm egal, ob es irrsinnig oder gefährlich war. Max schüttelte den Kopf, seine Augen glänzten psychedelisch: „Wer soll uns denn sehen? Es ist mitten in der Nacht, da fährt höchstens ab und zu 'ne Kontroll-Streife.“
„Laternen …“, brummte Flo schwerfällig.
„Die sind doch längst ausgeschaltet, wegen der Energieversorgungskrise. Ab 22 Uhr ist ganz Berlin dunkel.“, er konnte nicht anders, er fühlte, wie sich ein Lächeln über seine eigene Idee in seinem Gesicht breit machte. Er fühlte dieses staubige Reißen in seinen Mundwinkeln, das ihm sagte, dass er in letzter Zeit viel zu wenig Grund zum Lächeln gehabt hatte. Und wie ihm ein Grund, ehrlich lächeln zu können, plötzlich zum Greifen nah schien. Das Adrenalin kribbelte in seinen Adern. Oder umnachtete er vielleicht doch gerade? Selbst wenn.
„Hast grade selbst gesagt, dass sie Streife fahren.“, kämpfte Flo weiter.
„Dann nehmen wir die Seitenstraßen.“
Milchig betrachteten ihn Flos Augen, während dieser schleppend mit dem Kopf schüttelte, als wolle er ihm zeigen, wie aussichtslos diese Diskussion war, und seine ganze Erscheinung bestätigte ihm das nur. Aber Max gab nicht auf.
„Da passiert schon nichts, ich bin ja die ganze Zeit bei dir, du folgst mir einfach.“, redete er ihm gut zu und erschrak fast, als sein Gegenüber ihn plötzlich unerwartet emotional unterbrach:„Verdammt nochmal, ich bin nich' mehr derselbe!“
„Woher willst du das denn wissen, Flo?“, fragte Max ihn erwartungsvoll, fast zornig ebenfalls die Stimme erhebend, um ihn irgendwie überzeugen zu können, diese irre Idee doch einfach mitzumachen – einfach aufzuhören mit dem Zweifeln – einfach machen.
„Hast du mich mal angeguckt?“
„Hast hast du dich mal angehört? Du quasselst in ganzen Sätzen!“, konterte Max ohne nachzudenken. Ihn mit seinem aufrichtigen, mutigen Blick bittend murmelte er: „Das klappt schon. Wir kriegen das hin.“, und Florian versuchte sich augenscheinlich dagegen zu wehren, bemühte sich, seinen Augen standzuhalten, hielt den Blickkontakt allerdings nach ein paar schweigsamen Sekunden scheinbar nicht mehr aus, weil er den Kopf senkte und seine Schultern hängen ließ. Plötzlich schien alle Kraft zum Reden mit einem Schlag aus ihm zu weichen.
„Is' … verrückt …“, appellierte Flo ein letztes Mal erschöpft, aber Max nickte nur, fast erfreut darüber, Verletzlichkeit aus seiner Stimme heraushören zu können.
„Is' doch egal.“, beendete Max die Diskussion.




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Schreibt mir unheimlich gerne eure Eindrücke. Ich probiere gerade vieles aus, wohin die Handlung gehen könnte, und kann da jedes Feedback gebrauchen.^^ Ich bin verdammt neugierig, wie das ankommt und ob das klappt, was ich da mache.
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