LeZombie

von wasntme
GeschichteHumor, Horror / P16
Frodoapparat LeFloid
22.09.2017
16.02.2019
21
63874
11
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1. Teil von LeZombie

1. Kapitel: Da wo die Geschichte zu ende ist



Ein Mann lief allein durch den heruntergekommenen, verwilderten Tiergarten nach Hause und das matschige Laub schmatzte manchmal leise unter seinen Stiefeln. Davon abgesehen schien es jedoch sehr still zu sein, nicht einmal die Krähen schrien in den Bäumen. Selbst für die schien es deutlich zu spät in der Nacht zu sein, so dass sie vermutlich irgendwo in der Dunkelheit schliefen. Nur ein gelegentliches Rascheln ließ Ratten oder ähnliches vermuten, die aber zu clever waren, um sich zu zeigen. Die kannten sich aus in Berlin. Zweimal hatte er in dieser Woche einen Fuchs gesehen, der sich darum bemühte, das Beste aus der Situation zu machen. Der kam auch klar.
Eigentlich wusste er, dass sie in den Nachrichten gesagt hatten, man solle unter anderem den Tiergarten noch meiden. Und dunkle Hinterhöfe. Und kleine Nebenstraßen. Und allgemein Parkanlagen. Man solle es vermeiden, auf's Land zu fahren, selbst wenn man dort Verwandte hatte. Und überhaupt sollte man nachts lieber zuhause bleiben. Witzig für die, die nicht mal eine Unterkunft hatten. Ihm war durchaus klar, dass diese Nachrichten ihren Sinn hatten, aber mittlerweile hatte er keine Angst mehr davor, auf etwas zu treffen, was ihm an den Kragen wollte.
Schon gar nicht mit der P6 an seinem Gürtel, die gute, alte, olle P6 mit ihren vertrauten, kleinen Macken.
Schon gar nicht nach knapp elf Monaten totalem Chaos, die er ja auch überstanden hatte. Er hatte sowieso kaum noch vor irgendwas Angst. Selbst wenn es mitten in der Nacht war und selbst wenn er todmüde war, verschwitzt, ausgelaugt, schmutzig von den täglichen Arbeiten, bei denen er tatkräftig mithalf, um die Stadt wenigstens wieder ein wenig bewohnbarer zu machen.
Außerdem ging es ja auch endlich bergauf.

Ja tatsächlich, eigentlich befand er sich am Ende jeder Geschichte dieser Art. Er befand sich dort, wo alle Filme, Bücher, Hörspiele und Internetgeschichten aufhörten und genauso fühlte er sich auch. Sie hatten das Gröbste überstanden, so machte man sich gegenseitig Mut. So schnell, wie die Epidemie über Europa hereingebrochen war, so überrumpelt war man auch, als nach einem betäubend traumatisierenden, knappen Jahr das heillose Chaos wieder vorbei war. Er wusste noch, wie sie es Korea-Grippe genannt hatten, weil es sich angeblich von dort ausgebreitet haben soll, ursprünglich als militärische Waffe geplant. Sie hatten Witze darüber gemacht, auch in ihren Videos. Zusammen.
Schweine-Grippe, Vogel-Grippe und dann eben Korea-Grippe. Machte es Sinn, sich immer wieder auf „Teufel komm raus“ wegen irgendwas impfen zu lassen, nur weil die Medien dieses Thema gerade hochpushten, weil anscheinend nicht genug anderes interessantes passierte? Dass die Sache dann irgendwann blitzartig ernst wurde, damit hatten logischerweise die wenigsten gerechnet und selbst dann hatte man es nicht einmal gleich ernst genommen und stattdessen Zombie-Witze gerissen. Und man war davon ausgegangen, dass es schon irgendwie heilbar sein würde oder dass es schon nicht so schlimm werden würde. Man lebte ja schließlich nicht in einem Endzeitfilm aus Hollywood. Und man hatte sich vergewissert, dass es sowieso nie nach Mitteleuropa, nach Deutschland, nach Berlin kommen würde. Irgendwann hatte man nicht mehr Korea-Grippe gesagt, sondern ganz dramatisch „Teufels-Grippe“, frei nach der sensationssüchtigen Vorlage aus der BILD. Nur dass es dann nicht mehr lustig war.
Und das Schlimmste war vermutlich nicht einmal der Virus selbst gewesen. Klar war es schrecklich, davon betroffen zu sein, klar hatte es Chaos deswegen gegeben, klar war der Staat in den ersten Monaten zu lahmarschig gewesen, um angemessen zu reagieren, klar waren Familien und Freundschaften auf traurigste Art zerrissen worden. Aber das Schlimmste waren eigentlich die Menschen selber gewesen – der Egoismus, der untereinander ausgebrochen war, die Massenhysterien, die zu blutigen Auseinandersetzungen wurden, die Schere zwischen Arm und Reich, die im Zuge der Nahrungs- und Medikamente-Knappheit gefährliche, unheilbare Wunden in das menschliche Miteinander geschlagen hatte, der immer rauere Argwohn zwischen den Ländern, allem voran der Bombenangriff aus Übersee – vermutlich aus Amerika oder Groß Britannien, darüber schwieg man sich aus – weil man ganz offensichtlich gedacht hatte, die erschreckende Krankheit einfach mitsamt Bevölkerung ausrotten zu können. Viele dumme Entscheidungen aus viel dummer Panik. Außerdem hatte wie immer der Lobbyismus bewiesen, wie glänzend er auch in solchen Situationen funktionierte. Wenn es hieß, das Auswandern aus Deutschland sei nicht mehr länger möglich, kamen die, die das nötige Kleingeld hatten, immer noch raus. So einfach war das.
Aber jetzt war ja „das Gröbste überstanden“, der Abspann lief, das Popcorn war alle, die Kinolichter der Hoffnung gingen langsam und dreckig wieder an und entblößten das, was übrig geblieben war, und das war nicht viel. Aber die Angst vor jedem nächsten Tag hatte nachgelassen, Anarchie herrschte bei weitem nicht und hatte auch nie wirklich geherrscht, zumindest nicht in den großen Städten, und der Virus galt als „offiziell bekämpft“, auch wenn gewisse Orte, wie beispielsweise der Tiergarten, von Sondereinheiten immer noch regelmäßig durchkämmt wurden. Max konnte sogar behaupten, endlich wieder so was wie einen Alltag zu haben und es tat auch irgendwo gut, jeden Tag bei den Trümmern oder den Transporten zu helfen, bis man glaubte, tot umfallen zu müssen. Er hatte aufgehört, zu trauern. War eh alles so schnell gegangen, wer konnte also schon sagen, wer noch lebte und wer nicht? Wer sich angesteckt hatte, wer im Durcheinander getötet worden war, wer geflüchtet war, in der Hoffnung, dass es irgendwo in Europa besser war als hier, wer bei den Bombenangriffen von vor vier Monaten in die Luft gegangen war …
Er hatte sich damit abgefunden, sie alle nicht mehr wiederzusehen. Irgendwann, wenn die Sache endgültig überstanden war, konnte man ja einfach nochmal neu anfangen.
Ganz von vorne.

Kurz bevor er den Ausgang des Tiergartens in der Düsternis erreichte, hörte er relativ überrascht ein Knacken in den Büschen neben sich und schaute sich um, ob es ein Tier war, während er in weiser Voraussicht seine Waffe zog. Er war nicht aufgeregt, bloß müde und routiniert. Er wollte ins Bett.
Es folgte noch ein Knacken, welches ihm sagte, dass es höchstens ein schweres Tier sein konnte, kein Rabe, keine Ratte und kein Fuchs. Vielleicht ein Reh? Im Tiergarten? Lauschend blinzelte er in die Nacht hinein und schließlich folgte ein menschliches Brummen, das ihm die letzte Gewissheit gab. Schon ein bisschen unerwartet, wenn da tatsächlich einer auf ihn lauerte – aber nur ein bisschen. Er blieb ruhig und wartete, damit der Infizierte zu ihm auf den Weg kommen würde, während er dabei zuhörte, wie sich die allseits bekannten, schlurfenden Schritte ihm näherten, dann trat tatsächlich ein Schatten auf den Weg und torkelte auf ihn zu. Anscheinend ein Mann, der T-Shirt, Hose und feste Schuhe trug, soviel Max in der Finsternis erkennen konnte. Er schien schlank und größer als er. War aber auch kein Kunststück.
„Bleiben'se stehen, ick hab' 'ne Waffe.“, sagte Max vorsichtshalber, weil er keinen Obdachlosen erschießen wollte. Von denen gab es mittlerweile vermutlich sogar mehr als Infizierte in Berlin.
Wieder wartete er ein paar Momente und kratzte sich den staubigen Bart. Wenn das ein Infizierter war, konnte der ihm sowieso nichts anhaben, die waren nur in Masse richtig gefährlich.
Aber die Person vor ihm sagte nichts, atmete nur angestrengt und hielt weiter mit seinen schleppenden Schritten auf ihn zu. Ganz klar, der war einer von den Infizierten. Und er war vielleicht noch drei Meter von ihm entfernt. Angst hatte Max aber immer noch nicht. Kein Grund.
„Letzte Warnung.“, erklärte er mit einer Stimme voller staubiger Resignation, obwohl er bereits wusste, dass er abdrücken würde. Er hob die rechte Hand an, hielt auf sein Gegenüber und übte mit dem Zeigefinger leichten Druck auf den Abzug aus – und dann erkannte er ihn plötzlich. Der Finger verschwand vom Abzug. Graue, fahle Haut, müde, dunkle Augen, dunkles, schmutziges Haar, zerschlissene Klamotten, verkrustetes Blut und alles noch immer halb verborgen in der Dunkelheit, aber jetzt, wo er kaum noch zwei Meter von ihm entfernt war, erkannte er ihn und er wünschte sich, früher geschossen zu haben.
Ihm entgleiste fassungslos das Gesicht und für einen Moment hielt er den Atem an. Jetzt – hatte er Angst.
Wie wahrscheinlich war es bitte, dass ihm ausgerechnet so etwas passierte? Vielleicht hätte er sich einfach einreden sollen, dass er anfing, Gespenster zu sehen. Dass es einfach unmöglich war. Dass er traumatisiert war von dem, was er erlebt hatte. Morgen, wenn er aufgewacht wäre, hätte er sich anlügen können, dass er nur schlecht geträumt hätte. Oder dass der Typ ihm einfach nur ähnlich sah. Verdammt ähnlich, aber doch jemand ganz anderes. Dass er es nicht gewesen war, dass er nur jemanden erschossen hätte, der so aussah wie er.
Aber seine Gesichtszüge waren unverkennbar. Seine großen Augen, die unter dem trüben Film eindeutig rehbraun waren, seine dunklen Schatten darunter, seine glatten Wangen, sein schmaler Mund, seine gerade Nase und sein Kinn. Seine schlurfenden Schritte, die unbarmherzig auf ihn zukamen.
Da humpelte ein Stück fundamentale Vergangenheit aus seinem Leben auf ihn zu, kaum wiederzuerkennen, ein trauriger Schatten von dem, was er mal gewesen war. Das war kein LeFloid mehr.
Max wurde übel und plötzlich glaubte er, nicht mehr die nötige Kraft zu haben, um den Abzug zu drücken. Warum tauchte dieser Mistkerl ausgerechnet jetzt auf? Warum jetzt, als fucking Zombie, der ihm die Kehle rausreißen wollte, wo er doch endlich mit allem abgeschlossen hatte? Wo er endlich aufgehört hatte, an die zu denken, die er verloren hatte?
Er fing an, rückwärts zu laufen, damit der Mann mit seinen unmotorischen Bewegungen nicht nach ihm greifen konnte, starrte ihn an, zielte mit der P6 auf ihn und fühlte einen schweren Kloß im Hals. Warum war er so dumm gewesen, ausgerechnet heute durch den Tiergarten nach Hause zu laufen? Dann hätte er ihn nicht getroffen und hätte ihn nicht sehen müssen. Jetzt würde er, wenn er sich an ihn erinnerte, immer dieses verwirrte Monster vor Augen haben und nicht seinen besten Freund, wie er früher gewesen war. Und er würde daran denken müssen, dass er ihn erschossen hatte. Warum musste er ihm jetzt begegnen, jetzt nach diesen höllischen elf Monaten, wo alles längst vorbei war und er einfach nur noch versuchte, sich ein neues Leben aufzubauen? Ausgerechnet jetzt musste er ihm entgegen torkeln und alles zurückholen. Alles kaputt machen. Warum? Es gab doch kein Zurück mehr.
Es war so absurd. Er war schließlich hier der Typ mit der Knarre und stand vor diesem schwankenden Schatten, der Mühe hatte, nicht umzukippen, während er versuchte, ihn zu erreichen. Ein Schuss in den Kopf dieses hilflosen Kranken und die Sache wäre vorbei. Und trotzdem war es Max, der sich hilflos fühlte und so allein wie schon lange nicht mehr.
„Du bist zu spät!“, schrie Max den Infizierten vor sich ungehalten an und wich mit jedem Schritt, den er auf ihn zu machte, vor ihm aus, während sein Schrei von den Bäumen getragen widerhallte. Er wusste, dass er ihn nicht verstehen konnte, aber es war ihm egal. Seine Fassungslosigkeit, seine Wut und seine Trauer mussten irgendwohin und es half, wenn sie in das grollende Donnern seiner Worte eingingen. Seine Augen brannten sich in den leeren Blick seines ehemals besten Freundes. „Du bist zu spät, verdammte Kacke! Was fällt dir ein, jetzt aufzutauchen? Warum warst du nicht im Büro, so wie es abgesprochen war? Warum bist du nicht ans Handy gegangen, als ich dich angerufen habe? Warum warst du nicht da, als ich bei dir geklingelt hab? Wir haben doch gesehen, was passiert, wir haben's alle gesehen.“
Erstaunlich, wie schwer es auf einmal war, zu atmen, ohne loszuheulen.
„Ich hab nach dir gesucht, du … Hurensohn! Ich hab nach dir Ausschau gehalten, hab bei der Waffenverteilung zwei Pistolen mitgenommen statt bloß einer - Ick hab mich damit strafbar gemacht, man! Weißt du, ich – ich hab 'ne Zeit lang immer eine Ration mehr bei der Notvergabe mitgehen lassen und weißt du auch, warum? Weil ich die aberwitzige Gewissheit hatte, dass ich dir schon noch begegnen werde! Ich hab in allen Auffangstationen nach dir gefragt, nach Florian Mundt, nach LeFloid, was auch immer! Ich habe sogar versucht, zu deinen Eltern Kontakt aufzunehmen! Aber du warst nicht da. Wo zum Fick bist du gewesen? Wo! Wo verdammt! Ichab …“
Aber da brach ihm die Stimme und er erschrak sich schnaufend vor der Flüssigkeit, die sich in seinen Augen sammelte. Wenn er jetzt anfangen würde, zu flennen, wäre das gefährlich. Dann könnte er ihn vielleicht nicht mehr im Blick behalten und dann würde er ihn vielleicht doch zu fassen kriegen und ihn töten. Besser er erschoss ihn, jetzt gleich, sofort. Er hob seine Waffe. Wütend schüttelte er den Kopf, als sich diese eine Träne aus seinen Augenwinkeln löste und eine helle Linie über seine verstaubte Wange zeichnete. „Ick will nich' …“ Da war er wieder, sein Finger, der Druck ausübte, jedoch noch nicht genug, um den Abzug runter zu drücken. „Ick will nich' …“ Aber er musste ja doch.
„Bleib … doch einfach stehen … und dann dreh' ick mich um und dann vergessen wir's und sehen uns nie wieder … bleib stehen, Flo ...“, schluchzte er leise und schämte sich für seine Verletzlichkeit, obwohl ihn ja eigentlich niemand sah, weil Florian nicht zählte. Nicht mehr.
Dann wurde sein Gegenüber langsamer und blieb stehen.
Verwirrt hob Max den vertränten Blick und musterte den Infizierten, der leicht wackelig auf den Beinen schwankte, aber eindeutig stehen geblieben war und keine Anstalten mehr machte, ihn angreifen zu wollen. Die milchig-trüben Augen schauten ihn an.
„ … wrodoh ...“



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Wenn du denkst, du kennst bereits alle Zombiegeschichten rund um Doktor Froid:
Nein, tust du nicht.
Noch sind nicht alle untoten Stories erzählt. xD

Dieses Kapitel ist der Auftakt eines größer angelegten, verrückten Projekts von mir. Ich plane, circa alle zwei Wochen etwas hochladen zu können, kann aber jetzt schon sagen, dass das bullshit ist, den man auch gleich wieder vergessen kann, weil ich das eh nicht einhalten kann. Die zwei Wochen sind für mich eher eine optimistische Richtlinie, keine Regel ...
Wenn wenn du mir Feedback zu deinen ersten Eindrücken geben willst, etwa zum Stil, zu deiner Erwartungshaltung u.s.w., dann freue ich mich sehr, wenn du von der Review-Funktion Gebrauch machst.
Ansonsten schönes Wochenende und bis zum nächsten Kapitel.
;)
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