All Alone With You

von Arionell
GeschichteDrama, Romanze / P12
20.09.2017
09.11.2017
10
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Nachdem sie in ihren Anzug geschlüpft war, betrachtete sie sich noch einmal im Spiegel. Schwarzer Hosenanzug, weißes Hemd und eine schwarze Krawatte. Früher, als sie noch Inspektorin war, trug sie einen Rock. Diesen hatte sie jedoch nun gegen eine Hose eingetauscht. Als Vollstrecker musste man viel mehr Drecksarbeit machen. Und dafür musste man beweglich sein.

Tomoe beobachtete, wie der rechte Mundwinkel ihres Spiegelbildes leicht zuckte. Ein Zeichen dafür, dass sie verstimmt war. Es war nicht so, dass sie ihren ersten Tag als Vollstreckerin antrat, denn sie war bereits seit drei Monaten im Einsatz und hatte sich mehr oder weniger eingewöhnt. Und doch schlug ihr heute etwas ganz besonders auf Gemüt.

Und wenn sie ehrlich war, wusste sie auch, was es war. Es lag daran, dass sie heute eine neue Inspektorin, eine neue Vorgesetzte, bekommen würden. Einerseits war sie froh, denn sie waren unterbesetzt, sodass ihnen viel mehr Arbeit aufgehalst wurde, als es zumutbar war. Und doch, auf der anderen Seite fühlte es sich irgendwie unangenehm an.

Ein leiser Seufzer entfuhr ihr, woraufhin sie sich die Bürste schnappte und schnell ihre schulterlangen, braunen Haare kämmte, damit sie etwas zu tun hatte und nicht in Grübeleien verfiel. Sie hatte mehr Zeit als nötig gebraucht und so war es auch nicht verwunderlich, als sie als Letzte den Gefangenentransport betrat, während die anderen Vollstrecker schon Platz genommen hatten.

„Da ist sie ja“, stöhnte Kagari und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Er grinste sie an, während sie Platz nahm, sich die Klappe schloss und der Wagen losfuhr. „Was ist los? Bist du etwa aufgeregt, weil du heute deine Nachfolgerin kennen lernen wirst?“, witzelte er.

Tatsächlich verschlug es Tomoe kurz die Sprache, doch bevor sie antworten konnte, verpasste Kunizuka Kagari einen Hieb in die Seite.

„Halt die Klappe“, murmelte sie, während sich Kagari die schmerzende Stelle rieb.

„Ah, womit habe ich das verdient? Ich sag’s ja, die Frauen hier haben alle ein Rad ab“, schnaubte er. „Und ich wusste nicht, dass wir Tomoe immer noch mit Samthandschuhen anfassen sollen?“, sprach er weiter, sagte aber nichts mehr, als er Kogamis Blick sah, der ihm gegenübersaß.

„Schon gut“, sagte Tomoe ruhig, nachdem sie durchgeatmet hatte. „Ich möchte auch gar nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst werden. Ich bin doch schon eine Weile eine von euch“, lächelte sie leicht und sah Kagari an. „Aber du hast Recht, es wühlt mich ein wenig auf, heute meine Nachfolgerin kennen zu lernen.“

„Seht ihr? Sie ist lockerer als ihr alle“, zuckte Kagari die Schultern und sah in die Runde, doch niemand würdigte ihn eines Blickes. „Wie auch immer, ich hoffe, dass die Neue eine Süße ist, langsam werde ich noch kirre in diesem Saftladen.“

„Du solltest dir mal lieber den Fall ansehen, den wir vorhin neu reinbekommen haben“, seufzte Kunizuka genervt.

„Ja, ja. Wieder so ein Typ, der durchgedreht ist. Ist der Name so wichtig?“, murmelte Kagari, während er die digitale Akte durchflog. „Hm, der Psychopass ist flaschengrün. Hui, also ausnahmsweise mal wieder ein etwas dickerer Brocken“, pfiff er anerkennend.

Tomoe sah zu Kagari und trotz dessen, dass er nie ein Blatt vor den Mund nahm und er dadurch auch mal unangenehme Sachen ansprach, war es so, dass sie ihn wirklich sehr schätzte. Er hatte nie etwas anderes gekannt, als in Gefangenschaft zu leben und doch nahm er alles so wie es kam, ohne sich unnötig viele Gedanken zu machen. Außerdem war er derjenige, der sie als Erster so wie eine von ihnen behandelte. Auch wenn die anderen ihm ein mangelndes Taktgefühl nachsagten, war sie im Nachhinein froh darüber. Bei Gelegenheit sollte sie ihm das persönlich sagen, nahm sie sich vor.

„Ist wirklich alles in Ordnung?“, wisperte Kogami, der auf der rechten Seite neben Tomoe saß.

Ihre Augen weiteten sich kurz und sie blickte zu ihm auf. Sah sie wirklich so weggetreten aus, dass es jedem aufzufallen schien? Doch sie wusste, dass sie vor allem Kogami nichts vormachen konnte.

„Aber ja und jetzt sollten wir uns auf den Fall einstimmen“, lenkte sie ab und straffte ihre Schultern.

„Beute jagen, beute erlegen“, schmunzelte Kogami und schloss die Augen.

Tomoe schmunzelte ebenfalls und sah zur Seite. Ihr Blick traf auf Masaokas und er sah kurz so aus, als ob er etwas loswerden wollte, schien es sich dann aber doch anders überlegt zu haben. Sie schwiegen auf dem restlichen Weg und jeder schien in Gedanken versunken.

Plötzlich hielt der Wagen an und die Klappe wurde geöffnet, sodass die Vollstrecker den Wagen verlassen konnten.

„Rücken gerade und den Blick geradeaus. Egal was du glaubst, du darfst stolz auf dich sein“, wisperte Masaoka leise, als er als Letzter an Tomoe vorbeiging.

Seine Worte bewirkten sofort etwas in ihr, so als ob er gerade eine Zauberformel gesprochen hatte. Die letzte Aufregung fiel von ihr ab, sodass man ihr nicht mehr ansah, wie aufgewühlt sie noch kurz zuvor gewesen war.

Nachdem auch sie herausgetreten war, erblickte sie die beiden Inspektoren. Die junge Frau mit den kurzen braunen Haaren schien die Neue zu sein, die gerade von Inspektor Ginoza eingewiesen wurde.

„Sie sind nicht wie wir“, hörte sie es an ihr Ohr dringen und sie konnte nichts dagegen machen, dass sie einen leichten Stich im Herzen spürte. Sie hoffte nur, dass sie bis zum Ende des heutigen Tages ihr Pokerface bewahren könnte. Es schien nämlich noch nie so schwer wie heute zu sein.

Ginoza ließ flüchtig seinen Blick über die Truppe schweifen und seine Augen ruhten keine Sekunde länger als nötig auf Tomoe, womit sie aber innerlich schon gerechnet hatte. Es war die letzten Wochen so gewesen und ganz bestimmt würde es gerade heute nicht anders sein.

Akane stellte sich allen vor und Tomoe konnte nicht anders, als über ihre unbeholfene Art zu schmunzeln. Es gefiel ihr, dass sie nicht abgehoben war, da manche Topstudenten, die gerade die Uni verlassen hatten, ihre Nase weit oben trugen.

„Entspanne dich ruhig und überlasse uns die Arbeit“, sagte Masaoka gerade.

„Es ist ihr erster Fall und es ist kein leichter. Da darf sie ruhig ein wenig aufgeregt sein“, schmunzelte Tomoe und sah Akane an. Nein, selbst wenn sie sich dazu zwingen würde, sie hatte das Gefühl, dass sie dieses Mädchen nicht hassen konnte.

„I-ich gebe mein Bestes!“, sagte Akane, die froh darüber war, dass sowohl Masaoka als auch Tomoe ihr Mut zusprachen.

„Kunizuka, Kagari, ihr kommt mit mir. Masaoka bleibt bei Tsunemori und Tomoe geht mit Kogami“, teilte Ginoza die Gruppe auf, woraufhin sie ausschwärmten.

„Macht einen guten ersten Eindruck“, sagte Tomoe, nachdem sie eine Weile mit Kogami unterwegs war.

„Bist du sicher? Ich finde sie irgendwie naiv, aber das wird sicher noch“, murmelte Kogami. „Wobei, das erinnert mich an einen gewissen Jemanden, als wir damals zusammen angefangen haben“, sah er sie an, woraufhin Tomoe eine wegwerfende Handbewegung machte.

Kogami schmunzelte amüsiert. Dann aber konzentrierte er sich wieder auf den Fall, für Plaudereien hatten sie keine Zeit. Er erblickte weiter unten Masaoka und gab ihm ein Handzeichen. Es dauerte anschließend nicht mehr lange, bis sie den Kerl umstellt hatten. Doch Kagari schaffte es nicht, ihn zu paralysieren, da der Typ anscheinend irgendwelche Aufputschmittel genommen hatte, sodass sie ihren Plan ändern und ihm hinterherhechten mussten.

Sie mussten vorsichtig handeln, da er das Opfer mit sich schleppte und damit drohte, die Frau zu töten. Doch Masaoka schaffte es irgendwann die beiden zu trennen, sodass Kogami den Täter mit dem Dominator eliminieren konnte.

Als Masaoka schließlich den Psychopass des Opfers scannte und sie als Objekt einer Vollstreckung eingestuft wurde, schmiss sich Akane allerdings an Masaoka, damit er sie verschonte.

„Was macht sie da?“, zischte Kogami, der sofort handelte und dem Opfer folgte, das sich von dem Geschehen wegschleppte.

Tomoes Augen weiteten sich kurz, denn sie verstand sofort, warum Akane zögerte. Doch dann geschah alles sehr schnell und in der nächsten Sekunde war es Kogami, der paralysiert am Boden lag.

Tomoe zog scharf die Luft ein, während Ginoza abdrückte und das Opfer paralysierte, weil sich ihr Psychopass anscheinend wieder beruhigt hatte. All das nahm Tomoe aber nur am Rande wahr, während sie zu Kogami hastete und ihn vorsichtig auf den Rücken drehte.

Routiniert prüfte sie seinen Zustand und rief anschließend einen Krankenwagen, sowohl für ihn als auch für das Opfer, das gerade von Masaoka untersucht wurde.

Akane stand noch etwas neben sich, da sie selbst einmal verarbeiten musste, was da geschehen war. Sie war froh, dass sie die Frau beschützen konnte und gleichzeitig schockiert, dass sie einfach auf Kogami geschossen hatte.

Sie beobachtete, wie er auf eine Rettungstrage verfrachtet wurde und wie Tomoe ihm mit einer flüchtigen Bewegung über die Wange strich. Als sie den kurzen Schmerz in ihren Augen aufflackern sah, fühlte sie sich noch elender.

Es dauerte eine Weile, bis der Tatort geräumt wurde. Akane stand betrübt da und ließ ihren Blick über die Straßen und Wolkenkratzer in der Ferne schweifen.

„Das war Mal ein erster Tag“, sagte Tomoe, die mit zwei Kaffeebechern herantrat.

Akane sah unschlüssig auf und nahm den Becher an sich. „Danke“, wisperte sie und wagte es kaum, ihr in die Augen zu sehen. „Niemand spricht es aus und alle scheinen mir nichts vorwerfen zu wollen, weil es mein erster Tag ist… aber es war ein Fehler… oder nicht?“

Tomoe sah ebenfalls in die Ferne.

„Das kann niemand so genau sagen“, erwiderte sie nach einer Weile. „Du hast es in diesem Moment als das Richtige angesehen und wir Vollstrecker haben die Pflicht, dir zu folgen. Man weiß nie im Vorhinein, was richtig und was falsch ist“, sprach sie weiter und schenkte ihr ein Lächeln. „Du solltest beim nächsten Mal nur etwas vorsichtiger sein, wohin du zielst. Aber er wird bald wieder auf die Beine kommen, also sei nicht zu hart zu dir selbst.“

„Aber ich finde es beachtenswert“, sprach Tomoe nachdenklich weiter. „Dass du diese Frau bis zum Schluss nicht aufgeben wolltest. Sie bekommt eine zweite Chance… dank dir.“

Akane sah zu ihr auf, wobei sich ihre Augen geweitet hatten. In diesem Moment stellte sie fest, dass Tomoe nicht wie die anderen Vollstrecker auf sie wirkte. Sondern viel eher wie eine ältere Mentorin, die aus ihrer Erfahrung sprach.

„Danke, Tomoe-san“, bedankte sie sich aufrichtig, woraufhin Tomoe wiederum überrascht dreinsah. Es war nichts selbstverständliches, wenn sich Inspektoren bei Vollstreckern bedankten. Sie hatte gedacht, dass sie damals noch eine Ausnahme war. „Ich habe das Gefühl mit einer erfahrenen Kollegin zu sprechen. Seltsam“, sprach Akane ihre Gedanken laut aus.

„Keine Ursache. Und du liegst gar nicht so falsch“, schmunzelte Tomoe. „Ich war noch bis vor kurzem Inspektorin“, fügte sie leise hinzu. „Aber das ist schon eine Weile her…“

An sich waren es nur drei Monate, doch es kam ihr wie ein weit entferntes, vergangenes Leben vor.

Als Akane ihre Vermutung bestätigt hörte, wurde sie von Neugierde gepackt. Doch bevor sie etwas sagen konnte, durchschritt ein Räuspern die Stille.

„Inspektor Tsunemori, darf ich Sie daran erinnern, dass Sie keineswegs auf die Bestätigung latenter Verbrecher angewiesen sind? Es irritiert mich, ehrlich gesagt, dass sie bereits an Ihrem ersten Tag so bereitwillig auf die Distanz zwischen Inspektoren und Vollstreckern verzichten. Doch vergessen Sie nicht, wen sie vor sich haben“, sprach er weiter, ohne Tomoe eines Blickes zu würdigen.

Akane nickte und sah auf ihre Hände.

„Ja, ich habe verstanden.“

„Gut. Sie können jetzt gehen. Ich bin auf den morgigen Bericht gespannt, weshalb Sie so gehandelt haben und Sibyls erstem Urteil nicht gefolgt sind.“

Akane nickte abermals.

Kurz sah sie auf und ihr Blick kreuzte sich abermals mit dem Tomoes.

Tomoe lächelte ihr aufmunternd zu und auch Akane brachte noch ein müdes Lächeln zustande.

Ginoza sah Akane kurz nach und sah anschließend Tomoe mit kaltem Blick an.

„Du bist dir doch wohl hoffentlich im Klaren, dass du nun eine Vollstreckerin bist und keine Inspektorin mehr, die hier einen Neuling ausbildet.“

Tomoe hielt seinem Blick stand und zuckte nicht mit der Wimper. Ja, wenn sie ihn noch öfter so erleben würde, könnte sie sicher endlich mal loslassen.

„Wenn ich merke, dass jemand einen Rat braucht und ich ihn unterstützen kann, dann mache ich das auch. Ob Vollstrecker oder Inspektor. Ich finde, du bist viel zu hart zu ihr.“

„Deine Meinung ist aber hier nicht gefragt. Wir wissen ja, wie weit du es mit deiner Einstellung gebracht hast. Vergiss nicht, dass Inspektoren immer über Vollstreckern stehen werden“, sprach er weiter, während er an ihr vorbeiging.

Tomoe stand einfach nur da, wie vom Blitz getroffen und starrte ins Leere. Nein, sie durfte sich jetzt keine Blöße geben, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht, sodass sie wie angewurzelt dastand.

„Das war wirklich überflüssig, also wirklich, dieser Junge“, wisperte Masaoka, der das Ganze mitbekommen hatte. Ginoza hatte seinen tadelnden Blick ignoriert, denn Masaoka war nicht in der Position, ihn zurechtzuweisen.

„Hey, Kleine, na komm, es regnet in Strömen“, sagte er, doch Tomoe reagierte nur verzögert und nahm den Regen nur am Rande wahr. „Komm, lass uns gehen“, lächelte er, woraufhin Tomoe versuchte, sich zusammenzureißen. Sie erinnerte sich an das, was er ihr vorhin gesagt hatte, als sie aus dem Wagen ausgestiegen waren.

Ihre Kehle war trocken, ihre Augen brannten.

Und doch mobilisierte sie ihre letzten Kräfte, um mit gehobenem Kopf an Ginoza vorbeizugehen.

Erst als sie am späten Abend in ihrem Zimmer ankam, erlaubte sie es sich, sich auf ihr Bett fallen zu lassen. Dann konnte sie nichts mehr dagegen machen, dass sich eine einsame Träne aus ihrem rechten Augenwinkel schlich und die Wange hinabkullerte.
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