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'Cuz You're My Favourite Subject. ♥

von Das Kyle-
GeschichteAngst, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Aaron Burr Alexander Hamilton Hercules Mulligan John Laurens King George III. Marquis de Lafayette
20.09.2017
02.08.2018
5
17.560
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08.12.2017 4.196
 
Regen.
Bereits seit dem frühen Morgen war der weite Himmel über New York von dichten und dunkelgrauen Wolken überzogen gewesen. Die Luft fühlte sich feucht an – fast so, als würde man eine Sauna betreten – mit dem Unterschied, dass sie nicht heiß, sondern unangenehm kalt war.
Es war Alexander bereits beim Aufstehen klar, dass es nurnoch eine Frage der Zeit war, bis die ersten Tropfen fallen würden – und er fühlte sich schon jetzt mehr als nur unwohl bei dieser Feststellung.
Nun, es war nie ein Geheimnis gewesen, dass Alexander Hamilton den Regen hasste. Es war auch kein Geheimnis, dass er bei starkem Gewitter oftmals zuhause blieb, alle Pläne für den Tag absagte und man von ihm bis zum nächsten Tag, wenn der Sturm denn dann nachgelassen hatte, nichts mehr hörte. Was viele allerdings nicht wussten, war der Grund, warum er den Regen denn so mied; Alexander Hamilton hielt es nämlich vor den Meisten geheim, dass ein Hurrikan einst seine Heimat bis auf den Erdboden zerstört hatte – gerade einmal zwei Jahre bevor er als Neunzehnjähriger nach New York übersegelte. Die einzigen Personen, die von seiner Vergangenheit wussten, waren seine Frau, Eliza, und sein engster Freund, John.
Meistens nutzte Alexander dann die Zeit daheim, um zu arbeiten. Gerade jetzt, wo der Krieg seit einigen Tagen verloren war -und es wegen des herbstlichen Wetters umso öfters regnete, sodass er oft Zuhause schreiben konnte-, brauchte das Volk Worte der Ermunterung; Jemanden, der ihnen den Halt und die Hoffnung gab, die sie jetzt brauchten. Und wer wäre dafür besser geeignet, als er, Alexander Hamilton – derjenige, der sich dem Schreiben mit seinem Leben verpflichtet und sich schon so oft in der Vergangenheit dadurch aus den schlimmsten Lagen gerettet hatte?
Heute aber konnte Alex sich allerdings nicht davor drücken, sich raus, in den bald beginnenden Regen zu begeben, denn es gab etwas wesentlich Wichtigeres, das er heute zu erledigen hatte.

Mit einem leisen Seufzen schob er den Stapel Papiere beiseite, an dem er die komplette Nacht lang gesessen hatte, strich sich über sein müdes Gesicht und blickte aus seinen tiefen Augenringen heraus aus dem Fenster. Es war noch ein wenig dunkel – die Sonne, versteckt hinter der grauen Masse an Wolken, war wohl noch nicht komplett aufgegangen.
Immerhin, dachte er mit einem sarkastischen Unterton und ein trauriges Lächeln lag auf seinen Lippen, passte das regnerische Wetter zu dem heutigen Tag; Heute war der erste November – knapp zwei Wochen nach dem Ende des Desasters in Yorktown- und gleichzeitig war heute damit die Hinrichtung des ehemaligen Generals George Washington. Seit gut einer Woche sprach bereits die gesamte Stadt über fast nichts anderes mehr – nun, die britischen Soldaten hatten auch kein Geheimnis daraus gemacht. Im Gegenteil, sie hatten wohl den aktivsten Teil in der Verbreitung dieser Nachricht eingenommen; Womöglich, um dem Volk Angst zu machen, was infolge einer Verweigerung der neuen, britischen Regierung in Amerika geschehen würde.
Es war ersichtlich, dass sie damit Erfolg haben würden. Seitdem bekannt war, dass Washington in den Händen der Briten gefallen war – und seine Hinrichtung immer näher rückte, hatten die aktiven Angriffe auf die feindlichen Soldaten abrupt nachgelassen. Viele von Alexanders ehemaligen Kollegen waren zu ängstlich geworden, den Mund zu öffnen – und so lag es nun alleine an ihm, für sein Volk einzustehen.
Alex strich sich mit einer Hand durch sein Haar, welches hinten zu einem lockeren, ausgefransten Zopf zusammengebunden war. Es fühlte sich unter seinen Fingern sehr spröde und ausgezehrt an – die schlaflosen Nächte und der viele Stress hatten deutlich ihre Spuren an ihnen hinterlassen. Sein Blick wanderte dabei weiter zur Richtung der Tür, die von dem Arbeitszimmer, in welchem er sich momentan aufhielt, zu seinem und Elizas Schlafzimmer führte. Sie schlief noch, was kein Wunder war, so hatten die letzten Tage nicht nur ihm ziemlich zugesetzt. Auch seine Frau hatte ständig Sorge, die Briten könnten in ihr Haus einbrechen und auch Alexander mitnehmen – allerdings hatten sie das Glück, in einem ruhigen Teil der Stadt zu leben; Vermutlich rechneten die feindlichen Soldaten nicht damit, dass sich hier einer der größten Unruhestifter aufhalten würde, dachte Hamilton mit einem leichten Schmunzeln.
Mühselig erhob er sich von seinem Stuhl und streckte sich ausgiebig, was sämtliche Gliedmaßen in seinem Körper knacken ließ, da die meisten von dem ganzen Sitzen ziemlich versteift waren. Mit der Hand strich er sich erneut über sein zermürbtes Gesicht, ließ sie weiter zu seinem verspannten Nacken hin wandern und rieb sich diesen, seine Augen fixierten dabei das Ziffernblatt der großen Standuhr, die gegenüber dem Fenster stand und deren Ticken das einzige Geräusch war, das die sonstige Stille des Zimmers durchbrach. Es war bereits schon sieben Uhr, durch den bald kommenden Winter ging die Sonne erst spät auf – was die Dunkelheit um die morgendliche Uhrzeit erklärte.
In wenigen Stunden würde die Hinrichtung Washingtons beginnen- und bei dem Gedanken machte sich ein sehr merkwürdiges Gefühl, das er nicht so wirklich beschreiben konnte, in seinem Magen breit. Es fühlte sich so surreal an – er wollte, konnte sich einfach nicht vorstellen, dass der Mann, zu dem Alexander jahrelang aufgesehen hatte- der stolz mit erhobenem Hauptes die Truppen angeführt und erbittert gegen den Feind gekämpft hatte, nun so sein Ende finden sollte. Das konnte doch nicht richtig sein! Washington war zu mehr bestimmt gewesen – er war ein hervorragender General, ein Genie seinesgleichen, der noch hätte so viel mehr erreichen können! Und jetzt sollte er einfach hingerichtet werden- durch eine einfache Pistolenkugel?!
Ballende Wut sammelte sich in seiner Brust bei diesen Gedanken und Alexander musste sich wirklich zusammenreißen, sie jetzt nicht an irgendeinem Gegenstand auszulassen – er wollte nicht seine schwangere Frau wecken, oder sich womöglich die Hand brechen; Schließlich brauchte er sie noch zum Schreiben. Also atmete er mehrmals tief durch, um seine Fassung wiederzuerlangen und ging schließlich in die Küche – allerdings verharrte er an der Türschwelle und betrachtete den Vorratsschrank einige Sekunden lang schweigend. Er wusste zwar, dass er eigentlich etwas essen sollte -um ehrlich zu sein, konnte er sich nicht einmal erinnern, wann er das letzte Mal etwas Vernünftiges zu sich genommen hatte, außer Kaffee-, aber ihm war momentan eher schlecht, als dass er wirklich hungrig war, sodass er befürchtete, dass er das Essen nur sofort wieder ausbrechen würde; Und die Ressourcen waren derzeit rar, sodass er sie nicht unnötig verschwenden sollte. Eliza hatte es außerdem sowieso nötiger, etwas zu essen, sie aß schließlich auch für zwei Personen. Ein sanftes Lächeln bildete sich bei dem Gedanken auf seinem Gesicht – wenigstens war ihr baldiges Kind ein kleiner Lichtblick in dieser tristen Zeit.
Alexander machte also auf dem Absatz kehrt – und entschied sich stattdessen dafür, schon jetzt rauszugehen. Es würde nicht viel bringen, weiter an seinen öffentlichen Briefen zu arbeiten – seine Gedanken waren viel zu verstreut, sodass er nichts Vernünftiges zustande bringen würde. Er ergriff sich seinen langen Mantel vom Jackenständer, zog sich diesen an, knöpfte ihn komplett zu, sodass er sicher war, dass der weite Kragen sein Gesicht zum großen Teil verdeckte und schlüpfte in seine Stiefel hinein, ehe er das Haus, mit einem letzten Blick auf ihr gemeinsames Schlafzimmer, verließ.

Wie Alexander bereits erwartet hatte, war es noch relativ kalt in den frühen Morgenstunden. Es musste gerade einmal kurz über dem Gefrierpunkt sein, denn er konnte seinen Atem beim Ausstoßen in kleinen Wölkchen sehen, die sich irgendwann auf ihrem Weg zum Himmel auflösten. Auf dem Gras, welches zwischen den verschiedenen Rillen des gepflasterten Weges hervorspross, hatte sich Tau gebildet, der nun, wo es ein wenig heller wurde, glitzerte und überall waren verschieden große Pfützen, Überbleibsel des vielen Regens in den letzten Tagen.
Er wandte seinen Blick wieder zum Himmel, als er plötzlich einen kalten Tropfen auf seiner Nasenspitze gespürt hatte- und seine Laune sank noch weiter, insofern das überhaupt noch möglich war. Natürlich musste es jetzt, wo er einen einzigen Fuß ins Freie gesetzt hatte, anfangen zu regnen – welch eine Ironie.
Alexander seufzte lange und blieb noch einen Moment lang unter dem Dachvorsprung stehen, ehe er sich die weite Kapuze seines Mantels über den Kopf – und tief ins Gesicht zog, in der Hoffnung so eine größere Chance darauf zu haben, unerkannt zu bleiben. Seine Hände verstaute er in den Taschen seines Mantels und er ging schließlich los, bahnte sich seinen Weg somit zum Herzen der Stadt.
Es dauerte ein wenig, bis er das Zentrum erreichte; Es war zwar einerseits von Vorteil, dass er und seine Frau durch ihren Standort in dem kleinen Vorort New Yorks von dem ganzen Chaos innerhalb der Stadt verschont blieben, allerdings nahm es meist den halben Tag ein, wenn Alexander zum Plündern von übrig gebliebenen Vorräten losging. Zusätzlich war er meist auf lange Umwege angewiesen – sein Gesicht war nicht gerade unbekannt; und auch wenn er sein Gesicht möglichst gut verdeckte, konnte er nie sicher sein, dass ihn nicht doch Jemand erkennen – und vielleicht sogar verraten würde, schließlich war ein ordentliches Kopfgeld auf ihn ausgesetzt worden.
Als Alexander an der großen Handelsstraße angelangt war, hatte der Regen um ein Vielfaches zugenommen, sodass er nun ohne Erbarmen auf ihn niederprasselte. Er konnte bereits spüren, wie sich seine Kleidung an seinen Körper festsog – und sogar seine Stiefel bis auf seine Socken hin durchnässte. Ihm war kalt und er wusste, dass er sich womöglich in den nächsten Tagen erkälten würde- und seine Gedanken schrien förmlich danach, wieder kehrtzumachen und nachhause zurückzugehen; es war nicht nur die Kälte, die ihn so unwohl fühlen ließ, sondern auch seine ansteigende Panik.
Er ließ seinen Blick über den großen Marktplatz wanderen – und fühlte sich unmittelbar an einen dieser Schauerromane zurückerinnert, die er vor einiger Zeit gelesen hatte, um seinen eigenen Wortschatz zu erweitern: Kaum ein Mensch war auf den Straßen – der weite Platz wirkte trist und leer, sämtliche Stände waren komplett leergeräumt und verlassen und durch die fehlende Sonne war alles in einem trostlosen Grau getaucht. Es war, als hätte der Regen alle sonstigen Geräusche – alles Leben verschluckt und er war hier als Einziger übrig geblieben.
Im Auge des Hurrikans war es ruhig, schoss es Alexander durch den Kopf und er musste ein wenig schaudern, während er seinem Weg weiter durch die Straßen folgte. Er kam dabei an ein paar der Wohnhäuser vorbei und konnte durch die zugezogenen Vorhänge einige der Bewohner erkennen – sie alle schienen auf den Glockenschlag der Kirche abzuwarten, der den Beginn der Hinrichtung ankündigen würde. Natürlich wollte keiner bei dem Mistwetter draußen warten, also hatten sie sich für die Zeit in ihre Wohnungen zurückgezogen.
Hinter zwei weiteren Gassen, durch die sich Alexander geschlängelt hatte, kam er auf einen weiteren, offenen Platz- in dessen Mitte eine erhöhte Tribüne errichtet worden war. Hier wurden vor einiger Zeit noch verschiedene Theaterstücke aufgeführt – oder große -aber auch kleinere- Redner hielten dort ihre Vorträge, meist vor einem Publikum. Alex musste ein wenig schmunzeln – hier hatte er damals auch gegen Samuel Seabury gesprochen, als dieser sich für England und gegen den Kongress eingesetzt hatte. Natürlich hatte er ihr Rededuell gewonnen.
Jetzt wurden hier zum größten Teil allerdings lediglich nur noch Hinrichtungen ausgeführt, oder die britischen Generäle hielten ihre Standartpauken, um Angst unter dem amerikanischen Volk zu verbreiten. Alexander seufzte leise bei diesem Gedanken. Es war wirklich eine Schande, wie ein Ort zum Ausdruck der Meinungsfreiheit und freien Entfaltung so verschandelt werden konnte.
Vorsichtig positionierte er sich im Schatten eines Gebäudes, von welchem aus er einerseits von dem starken Regen geschützt – andererseits nicht allzu sichtbar für den baldigen Menschenauflauf sein würde, aber dennoch eine gute Sicht auf das Geschehen hatte. Und gerade -als hätte man ihn beobachtet- als er sich an die Wand gelehnt hatte, ertönte das laute Schlagen der Kirchenglocken: Sein gewaltiger Schall dröhnte durch die vielen Straßen der Stadt – fast hatte man das Gefühl, der Boden und die Fenster würden durch die Schwingungen vibrieren. Nach und nach öffneten sich die Haustüren und Menschen kamen heraus – immer mehr Leute, vor dem niederprasselnden Regen geschützt durch Schirme und Mänteln, füllten die Straßen, die zu der großen Tribüne führten. Aufgeregtes Gemurmel ging durch die Massen, keiner wusste so recht, was sie nun erwarten würde – ob George Washington wirklich gefasst wurde, ob man ihn jetzt wirklich hinrichten würde oder ob das alles nicht doch nur eine Farce gewesen ist.
Auch Alexander konnte spüren, wie sein Herz ein wenig schneller schlug, je länger die Glocken läuteten und je mehr Minuten vergingen. Keiner hatte Washington seit dem Ende des Krieges persönlich gesehen, oder etwas von ihm gehört – so war es nur verständlich, dass man den Aussagen der Briten leicht- und ohne zweimal zu überlegem Glauben schenkte. Aber vielleicht, so meldete sich ein kleiner Teil Hoffnung -wie eine winzige Flamme- in seiner Brust, hatte er es auch geschafft, unterzutauchen. Vielleicht wurde er nun doch nicht hingerichtet – und sie hatten in Wahrheit wen anderes gefasst, den sie nun hinrichten würden. Alexander nickte ein wenig. Es musste so sein; George Washington würde sich niemals von den Briten fassen lassen – er war dafür zu stolz, zu mächtig und zu gewitzt. Sicherlich hielt er sich irgendwo versteckt und wartete nur auf den richtigen Moment, zuzuschlagen und die Engländer ein für alle Male aus Amerika zu vertreiben.
Gerade, als sich Alexander mit diesem Gedanken einigermaßen beruhigen konnte, merkte er, wie die Masse plötzlich verstummt war- und er hörte die marschierenden Schritte von gut zweidutzend Soldaten – und ein schwerer Stein legte sich in seinen Magen, gefolgt von einem unangenehmen Gefühl von Übelkeit, als er die vielen roten Mäntel sah, die aus der linken Gasse aus auf die Tribüne zumarschierten – gefolgt von einer weiteren Person, die an schweren Ketten in einer gekrümmten Haltung hinterherstolperte. Er brauchte keinen zweiten Blick, um zu erkennen, wen sie hinter sich führten – die kräftige Statur, die blaue Uniform und der unverkennbare Hut, Hamilton wusste sofort, dass dies in der Tat der ehemalige General George Washington war, den sie hier abführten – den sie gleich hinrichteten.
Alexander wurde ein wenig schummrig und er musste sich an der Hauswand festhalten, als er sah, wie dieser in gebückter Haltung, die blutigen Hände vor seinem Körper gefesselt und an stählernen Ketten mitgezogen und dabei beinahe schon demütig den Blick auf den Boden gerichtet den englischen Soldaten folgte. Sein Gesicht war unangenehm geschwollen, sein rechtes Auge blau angelaufen, die Lippe aufgeplatzt und verschiedene, tiefe Schnitte zierten seine Wangen. Seine Schritte waren unsicher, und jedes Mal, wenn einer der vorderen Soldaten unsanft an den Ketten zog, kam er ein wenig ins Stolpern; Es war offensichtlich, dass er Probleme damit hatte, überhaupt aufrecht gehen zu können- vermutlich sogar damit, sein Bewusstsein zu behalten.
Nein, dachte Alexander und er bemerkte, wie er selbst am gesamten Körper zu zittern begann, das war nicht mehr der George Washington, den er einst so bewundert und verehrt hatte. Dieser hier war nicht stolz, erhaben oder edelmütig. Dieser hier war eingeschüchtert, und vor allem war dieser Washington verwundbar. Alex musste gestehen, er hatte bei dem ersten Blick sogar an einen verängstigten, kleinen Hund denken müssen: Und genau dieser Anblick war es, den Alexander so unbehaglich fühlen ließ- der seine Brust unangenehm zusammenziehen und ihm beinahe die Luft wegzunehmen schien.
Seine Gliedmaßen fühlten sich taub an und er befürchtete, seine Beine könnten jeden Moment nachgeben- sein Kopf im Gegensatz war dabei merkwürdig leicht, so als ob er sich in einem schlechten Traum befinden würde, als er sah, wie Washington an ihm vorbeiging. Dabei blickte re nicht ein einziges Mal auf, sondern hielt seine Augen stur auf den Boden gerichtet; Vermutlich schämte er sich für seine Erscheinung – und würde es nicht ertragen, die verächtlichen Blicke der Masse zu sehen.
Alle schienen ihren Atem angehalten zu haben und angespannte Atmosphäre breitete sich aus, als sich das Trupp der britischen Soldaten auf der großen Tribüne in einer Reihe aufstellten – und ihren Gefangenen, wie zu einer Vorführen, vor sich hielten. Der oberste General fing an, einige Worte zu sprechen – er erzählte von dem Werdegang und den 'Verbrechen' Washingtons, angefangen mit seiner Aubsildung, seinem ersten Kommando – bis hin zu den jüngsten Ereignisse in Yorktown. Alexander konnte dem Ganzen allerdings nur wenig Beachtung schenken. Seine Augen – und seine Aufmerksamkeit waren komplett auf Washington gerichtet, der, die Augen geschlossen, nun auf den Knien gedrückt vor den Soldaten saß. Und je länger Hamilton ihn ansah, desto mehr vielen ihm die unsätlichen Wunden an seinem auf.
Wie sehr hatten sie ihn gefoltert?! Besaßen die Briten überhaupt keinen Respekt?!, dachte er mit einem Anflug von Wut und biss sich auf die Unterlippe. Am Liebsten würde er Washington von dort eigenhändig befreien – den Soldaten zeigen, dass sie sich so nicht behandeln ließen; Er wollte irgendetwas tun, um diese von Tee besessenen Snobs von ihrem hohen Ross zu stürzen und den Tod von Washington zu verhindern.
Aber hier war er, mit vor Angst aufgerissenen Augen – mit tauben Beinen, die sich nicht bewegen ließen, egal wie sehr er es auch versuchte und schweißnassen, zittrigen Händen: Unfähig, etwas ausrichten zu können – und zu gelähmt, zu schwach, um das Kommende zu verhindern.

Und plötzlich lief die ganze Welt in Zeitlupe. Alles schien fürchterlich langsam, als der Soldat links von Washington die Hand zu seiner Hüfte führte, und die Pistole aus dem Gürtel zog.
Es war, als würden alle anderen Leute plötzlich ausgeblendet werden – und ein Licht allein, das durch die dunklen Wolken schien, wie wenn bei einem Theaterstück die Hauptrolle alleine sprach, strahlte auf Washington nieder. Dass dies nicht möglich war, wusste Alexander – schließlich regnete es noch, aber selbst die dicken Tropfen schienen in der Luft angehalten zu sein, oder zumindest nur sehr, sehr langsam niederzufallen.
Alexander konnte genau erkennen, wie Washington seinen Kopf ein wenig anhob und seine Augen öffnete – und es war, als würde sein Herz einen Moment aussetzen, als seine dunklen Pupillen scheinbar über die Massen hinweg, direkt auf ihn gerichtet waren und sich ein sanftes Lächeln auf seinen schmalen Lippen legte. Alexander spürte, wie ihm heiß wurde- er wollte Schreien, wollte eingreifen, wollte sich durch die dunkle Masse an Menschen hinweg zu ihm durchkämpfen und ihn wegziehen – ihn retten, nicht zulassen, dass er sterben musste, aber sein Körper war wie gelähmt. Egal wie sehr er in seinen Gedanken dagegen ankämpfte – er konnte seinen Fuß keinen Zentimeter bewegen – so, als würden unsichtbare Ketten ihn an diese Stelle fesseln. Tränen sammelten sich in seinen Augen- und er konnte nichts tun, außer dabei zuzusehen, wie der feindliche Soldat- noch immer schmerzhaft langsam, die Pistole nun direkt auf den Kopf Washingtons richtete und sich ein sadistisches Grinsen auf seinem Gesicht gebildet hatte..
Dieser schien nun sein Schicksal akzeptiert zu haben. Langsam schloss er die Augen, als der Lauf der Waffe nun direkt an seiner Schläfe lag, noch immer lag das sanfte Lächeln auf seinen Lippen – keiner wusste, was er in diesen letzten Sekunden wohl gedacht hatte.
Alexander hielt seinen Atem an und er legte eine Hand vor seinem Mund – er spürte, wie seine Tränen bereits über seine Wangen liefen – und er konnte nicht wegsehen, als der Soldat den Finger abdrückte und...
BANG

Alexander Hamilton blinzelte kurz und musste für einen Augenblick lang seine Orientierung wiederfinden, als er sich aus seiner Erinnerung holte.
Ob sich Washington auch so gefühlt hatte, als er auf die große Tribüne und seinem Tod entgegen gegangen ist?, schoss es ihm unweigerlich durch den Kopf, während er durch den langen und ungewöhnlich hellen Gang des Schlosses ging. Vor ihm marschierte der Soldat, der die Fahrt über gegenüber von ihm gesessen -und geschlafen- hatte, in der Hand hielt er die Kette, die zu Alexanders eigenen, gefesselten Hände führte.
Sie hatten nicht viel Zeit damit gebracht, das prachtvolle Gebäude zu bewundern, als die Kutsche vor diesem gehalten hatte; denn die Wache ist kurz nach dem Halt aus seinem Schlaf gerissen worden, war sofort aufgesprungen und hatte ihn sogleich in das Innere mitgezogen. Seine Art wirkte beinahe schon hektisch, als ob er irgendwie befürchten würde, zu spät zu einem Meeting oder Ähnlichem zu sein. Und natürlich konnte sich Alexander denken, wieso: Es war ziemlich eindeutig, wer ihr Gastgeber war, nichtsdestotrotz konnte sich der Langhaarige beim besten Willen nicht vorstellen, wieso er, ein einfacher Widerstandskämpfer und Immigrant, persönlich Audienz beim König haben dürfte.
Er hatte nicht sehr viel mehr als seine Freunde geleistet; Klar, er schrieb viel – und er war die rechte Hand Washingtons gewesen- und natürlich hatte er ein ausgezeichnetes Gehirn und einen unschätzlichen Wert an Wissen angesammelt, aber wieso sollte er wegen alldem von König George dem Dritten empfangen werden? Was gab es, dass er von ihm wollte? Welches Angebot konnte so wichtig sein, dass er dafür extra nach England verschifft – und zum Schloss eskortiert wurde?
Er richteten seine Augen nach wieder vorne, als sie vor einer riesigen Tür am Ende des Ganges zum Stehen gekommen waren – und unweigerlich breitete sich auf Alexanders Rücken eine Gänsehaut aus- als ob er bereits ahnen würde, dass etwas Schlimmes auf ihn zukommen würde.
Die Wache, die ihn eskortiert hatte, klopfte vorsichtig -aber dennoch bestimmt genug, so dass man es hörte, an der Tür und trat schließlich wieder zwei Schritte zurück. Scheinbar wartete er auf eine Erlaubnis zum Eintreten.
Einige Sekunden lang geschah nichts, und Alexander wollte gerade erleichtert ausatmen in dem Glauben, dass sie sich vielleicht vertan hatten, ehe sich die doppelte Tür plötzlich mit einem lauten Quietschen, nach innen öffnete – bis Alexander die Gestalt eines kleinen, rundlichen Butlers mit Monokel und gekräuseltem Schnauzer erkannte, der die beiden Gäste mit einer tiefen Verbeugung hineinbat. Hinter diesem konnte Alexander einen sehr weiten, edlen Raum erkennen– ausgeschmückt mit allerlei, goldenen Verzierungen, Gemälden und Statuetten. Gegenüber der Tür, am anderen Ende des Saales, stand ein riesiger Thron und Alexanders hatte erneut das Gefühl, sein Magen drehe sich um, als er erkannte, wer in diesem saß. Das rote Gewandt, das weiße, künstlich-gelockte Haar und die prachtvolle Krone bedurften keinen zweiten Blick, um zu wissen, dass es sich nur um den britischen König persönlich handeln konnte.
Ehe er sich allerdings darüber weiter Gedanken machen– oder die Möglichkeit, doch noch irgendwie Flucht zu ergreifen, in Betracht ziehen konnte, wurde er erneut an der Kette mitgezogen und sobald sie einen Fuß in den Saal gesetzt hatten, hob sich die längliche Gestalt des Königs von dem Thron und ging mit leichtfüßigen Schritten auf seine beiden Gäste zu.
„Alexander Hamilton.“, sprach er mit seiner hohen, eingebildeten Stimme -und der Langhaarige verspürte sofort ein unangenehmes Kribbeln in seinem Rücken und ihm wurde ein wenig übel- „Welch eine Ehre, dich hier in meinem Reich empfangen zu dürfen.“ Ein süffisantes Lächeln zierte seine dünne Lippen. Er schien einen Augenblick lang zu überlegen, ehe er seine eisig blauen Augen auf die Wache richtete. „Wache – uhm- wie war dein Name noch gleich?“
„Jones, eure Majestät, Isaac Jones.“, antwortete die Wache schnell – Alexander konnte förmlich sehen, wie sich der Körper des Soldaten dabei etwas versteift hatte, vermutlich hatte er entweder solch einen Respekt, oder so große Angst vor George dem Dritten– Alex war sich nicht sicher, was von Beidem der Fall war.
„Ah, ja, Mr. Jones, entfern doch bitte die Ketten von Alexander. Wir wollen es doch für unseren Ehrengast so gemütlich wie möglich machen, nicht wahr?“, sprach der König, faltete seine Hände dabei ineinander und legte sie an seine Wange, noch immer lag das gruselige Grinsen auf seinen Lippen – und Alexander wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als dass der Soldat seinem Wunsch nachkommen würde, damit er diesem Bastard an König dieses dämliche Lachen aus dem Gesicht prügeln konnte. Allerdings hielt er diesen Gedanken -zumindest vorerst- lieber für sich.
Isaac Jones, wie sich die Wache vorgestellt hatte, war bei diesem Befehl kurz gestockt und zögerte einige Sekunden lang, ehe er langsam -und wirklich vorsichtig, mit zittriger Stimme zum Reden ansetzte: „Eure Majestät, ich, uhm... bin nicht sicher ob das eine so gute Idee ist. Hamilton ist trotz, dass er in Eurem Land ist, noch eine Gefahr für die Allgemeinheit– wer weiß zu was-...“
Der Soldat konnte seinen Satz nicht mehr vollenden- und alles, was daraufhin folgte, schien innerhalb weniger Milisekunden zu geschehen: Alexander hatte bemerkt, wie das Grinsen des Königs noch breiter wurde – und er einen kurzen Blick zu dem Butler, welcher noch immer hinter ihm selbst und der Wache stand, geworfen hatte. Es war nur für einen wirklich kurzen Moment, aber es schien eine Art Zeichen gewesen zu sein- das Alexander allerdings leider zu spät verstand. Erst, als der Butler unter seinem Jackett eine Waffe herausgezogen hatte und den Lauf auf den Kopf von Jones' richtete, weitete Hamilton erschrocken die Augen und streckte seine Hand aus – zu spät, denn ein lauter Schuss ertönte: Alexander brachtete nur ein geschocktes „OH MEIN GOTT-“ hervor und im nächsten Moment lag Isaac Jones auf dem kalten Parkettboden, die Augen vor Schreck aufgerissen und frisches Blut floss aus seiner Wunde.
Alexander starrte noch mit aufgeklapptem Mund auf die Leiche, ehe seine Aufmerksamkeit zurück zu dem König gezogen wurde, welcher, noch immer die Hände gefaltet an seiner rechten Wange haltend und das unheimliche Lächeln auf seinen Lippen tragend, wieder zu Sprechen begann und damit grauenvolle Stille unterbrach, während der Butler die Schlüssel aus der Jackentasche des toten Soldaten herausfischte und damit die Fesseln Alexanders löste:
„Also, Alexander, Tee?“

______________________________

Aloha~
Und holy moly. Das Kapitel ist länger als erwartet geworden.
Aber hey, wer beklagt sich da auch schon? ;3

Jedenfalls.
Armer Washington.
Und armer Isaac Jones. Er hat nur sein Bestes versucht.
Aber wie mag es wohl weitergehen? Was will der König von ihm?
Sehr viel mehr dazu.. bald..~

Wie immer; Reviews sind immer gerne gesehen. uwu
Man liest sich~
*Kekse dalässt*
<3
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