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'Cuz You're My Favourite Subject. ♥

von Das Kyle-
GeschichteAngst, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Aaron Burr Alexander Hamilton Hercules Mulligan John Laurens King George III. Marquis de Lafayette
20.09.2017
02.08.2018
5
17.560
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23.11.2017 4.144
 
Alexander konnte seinen Augen nicht trauen, als er in das markante Gesicht seines Gegenübers blickte, welcher mit einem leichten Lächeln -das schon fast entschuldigend zu sein schien- aus dem Schatten getreten ist. Einem schuldbewussten Kind, das gerade heimlich aus dem Schrank Süßigkeiten geklaut hatte, ähnlich, wich er dabei seinem eigenen Blick aus und fixierte stattdessen den staubigen, hölzernen Boden vor sich. Dabei hatte er seine Hände hinter seinem Rücken gefaltet. Es dauerte einen Moment -und scheinbar einiges an Überwindung, ehe er seine dunklen Augen vom Boden weg- und auf Alexander richtete, noch immer spiegelte sich sein schlechtes Gewissen deutlich auf seinem Grinsen wieder.
Alexanders eigene Gedanken rasten – und genauso chaotisch war es auch in seiner Gefühlswelt. Er wusste nicht, ob er bestürzt, erschrocken, traurig oder wütend sein sollte; Alles schien miteinander zu verschwimmen und zu einer großen Einheitsmasse zu verschmelzen, was dazu führte, dass er in den ersten Sekunden kein Wort über die Lippen brachte. Klar, er hatte es versucht – aber sobald er seine Lippen öffnete, um ihn zu konfrontieren, schien es, als hätte er seine Stimme verschluckt.
Sein Herz schlug wie wild in der Brust, sein Atem hatte sich um einiges beschleunigt und er fürchtete wirklich, sein Kopf könnte jeden Moment vor Schmerzen explodieren – gerade solch eine Aufregung -und für einen Moment hatte Alexander wirklich befürchtet, zu hyperventilieren- hatte er jetzt am Wenigsten gebraucht.
Alexander atmete kurz durch, in der Hoffnung, sich irgendwie sammeln zu können. Dabei hatte er seine Augen für einen Moment lang geschlossen, ehe er sie wieder öffnete und nun ein wenig gefasster die schmale Gestalt vor sich anblicken zu können.
Er spürte erneut die Wut und Bestürzung in sich brodeln, als er seine Stimme nun zum ersten Mal zum Sprechen anhob: „Burr, wieso...?“, war das Erste, was Alexander schließlich sagen konnte – die größte, die zentrale Frage, die sich aus dem Gedankenmischmasch herauskristallisiert hatte. Er hasste, dass seine Stimme so brüchig klang, wollte er doch gerade vor seinem besten Freund – und gleichzeitig Rivalen keine Schwäche zeigen.
Aber er schien sich langsam wieder mehr zu sammeln, wo er angefangen hatte, zu reden und fuhr -nun bestimmter- fort, die Gedanken sprudelten nun förmlich aus ihm heraus: „Ich meine, ich wusste schon immer, dass du eine Abneigung gegen mich hattest – aber ich habe dich immer für einen treuen Mitstreiter gehalten; Auch wenn sich unsere Mittel zum Ziel unterschieden, so dachte ich immer, dass sich wenigstens unsere Absichten gleichen würden.. Wieso gehörst du jetzt dem Feind an – und wieso tust du mir das an?!“, brach der Wortschwall aus dem Braunhaarigen heraus und er hatte sich dabei ein wenig nach vorne gebeugt – zumindest insofern es die schweren Ketten an seinen Gelenken zuließen.
Aaron Burr betrachtete Alexander einige Minuten lang schweigend und rieb sich nachdenklich sein rechtes Handgelenk. Er schien dabei zu überlegen, wie er seine Antwort am Besten formulieren konnte und schloss für einen Moment lang sogar die Augen dabei, was Alexander nur noch mehr in Wut versetzte – die er auch nur schwer zurückhalten konnte. Er konnte noch nie die Verschwiegenheit seines Freundes leiden – und gerade jetzt, wo er sich als derjenige herausgestellt hatte, der ihn verraten hatte, machte ihn die Stille, die von Burr ausging, noch mehr zu schaffen.
Es kam Alex wie eine Ewigkeit vor, ehe Aaron seine Hände hinter seinem Rücken verschränkte und seine dunklen Pupillen wieder auf den Gefangenen richtete, und seine ruhige Stimme zum Sprechen anhob: „Alexander, dir ist es schon immer schwergefallen, mich zu verstehen – und ich verlange nicht von dir, dass du es jetzt tun wirst.“, begann er. Er klang dabei ziemlich gefasst, fast so, als würde er einen Vortrag halten, den er auswendig gelernt hatte. Aber Alexander bemerkte, wie sein Blick wieder von ihm abwich und eher einen Punkt über ihn fixierte. Sein Gegenüber machte eine kurze Pause, ehe er fortfuhr: „Wir leben in einer schwierigen Zeit. Amerika hat den Krieg haushoch verloren – es gibt keinen Sinn mehr darin, ein Land, das regelrecht bis auf die Grundmauern zerstört ist, weiterhin zu verteidigen.“ Seine Stimme wurde ein wenig leiser gen Ende hin und in seinen Augen spiegelte sich eine gewisse Bitterkeit wieder – und Alexander wusste, woran Aaron dachte.
Er dachte an die vielen, verstorbenen Leute; An all die gefallenen Soldaten und die etlichen Zivilisten, die in den Angriff mit reingezogen waren und deshalb ihr Leben ließen. An die zerstörten Gebäude, die brennenden Fahnen – die vielen, englischen Soldaten die stolz durch die Straßen der zerstörten Stadt marschierten. Die weinenden Kinder die ihre Eltern verloren hatten – Frauen, die von den Soldaten mitgezerrt wurden.
Burr schloss einen Moment lang seine Augen – und auch Alexander musste bei den Gedanken erneut mit einem Ansturm an Wut und Trauer kämpfen.
„Ich hätte nur meine Familie gefährdet, meine Frau und meine kleine Tochter – sollte ich wirklich nur wegen meinem Stolz das Leben meiner Geliebten aufs Spiel setzen? Den einzigen Menschen, denen ich etwas bedeute? Die mir etwas bedeuten?“ Er hatte seine Stimme dabei etwas angehoben – und bemerkte erst nach dem letzten Satz, dass er lauter als gewollt geworden ist. Kurz räusperte er sich und stellte sich etwas aufrechter hin – seine Augen fixierten nun einen Punkt seitlich von Alexander.
„Deine Gefangennahme war meine Chance auf Begnadigung, und die habe ich ergriffen.“ Er machte eine kurze Pause und zupfte dabei nervös am Ärmel seiner Jacke, betrachtete diesen dabei nachdenklich– vermutlich wieder eine „Ausrede“, um dem Blick seines ehemaligen Freundes ausweichen zu können. Alexander fiel dabei erst jetzt auf, dass es nicht mehr die blaue Jacke war, die er stolz im Krieg gegen die Engländer getragen hatte – sondern über seinem weißen Hemd trug er nun eine in der roten Farbe – eben jene seiner eigentlichen Feinde.
Erneut überkam Alexander eine Welle an Wut und er richtete sich zu seiner vollen Größe auf- insofern ihn dies im Sitzen zumindest möglich war. Klar, einerseits konnte Alexander die Ansichten Burrs verstehen – andererseits aber auch.. Nicht. Er konnte nicht einsehen, wie jemand so einfach die Seiten wechseln – und somit alles wegwerfen konnte, wofür man einst gekämpft hatte. Wie man so leicht das weiße Tuch werfen konnte, ohne es überhaupt richtig versucht zu haben – und wie man so einfach Kollegen, mit denen man Seite an Seite gekämpft und gelebt hatte, hintergehen und ausliefern konnte.
„Ist das dein Ernst?!“, platzte es aus ihm heraus – ohne darauf zu achten, wie laut er gerade dabei geworden ist, „So schnell wechselst du also deine Ziele – so schnell gibst du einfach auf?! Und nicht nur das – nur um deinen eigenen Hintern zu retten wirfst du deinen Freund den Haien zum Fraß vor! Hast du einmal an mich gedacht dabei?! Ich dachte wir wären Freunde! Ich habe auch eine Frau – Eliza erwartet bald ihr Kind, aber du kümmerst dich ja nur um dein eigenes Wohl!“ Bei jedem Wort war die Stimme Alexanders noch lauter geworden, sodass er die letzten beinahe schon schrie, ehe er sich langsam wieder an die Wand lehnte. Noch immer sank und hob sich seine Brust schnell wegen seines Wutausbruchs – und seine Kopfschmerzen hatten sich dabei noch weiter verstärkt; Aber das war ihm gerade egal, er musste seine Wut einfach ablassen- solch einen schlimmen Verrat hätte er seinem Kollegen und besten Freund nie zugetraut.
Aaron Burr schwieg einen Moment lang, legte dabei seine linke Hand an seine Stirn – die Stelle über seinem Nasenbein und rieb sie mit Zeige- und Mittelfinger, als ob er an der Stelle eine Brille tragen würde, ehe er wieder zum Reden ansetzte: „Die Situation hat sich seit der Niederlage Amerikas drastisch geändert, Alex. Jeder muss in erster Linie für sein eigenes Wohl sorgen. Ich wurde verfolgt, meine Frau wäre beinahe gefangen genommen worden, ich musste mich also für das kleinere Übel entscheiden.“ Er schien seine typische Gefasstheit wieder gefunden zu haben, denn wieder klang seine Stimme sehr ruhig und er sprach dabei langsam, so als würde er seinem Freund etwas Offensichtliches versuchen zu erklären.
„Indem du mich dem Galgen auslieferst und dich selbst dem Feind anschließt?!“, entgegnete Hamilton entrüstet und er lehnte sich dabei wieder etwas zurück, wären seine Hände nicht gefesselt, würde er sie -ähnlich wie ein trotziges Kind- vor der Brust verschränken.
Burr blickte ihn durch die dicken Stäbe an- das zweite Mal seit seiner Ankunft. „Indem ich mich um meine Familie kümmere.“, entgegnete er harsch und machte eine kurze Pause. Sein Ausdruck wurde ein wenig heller – und in seinen Augen spiegelte sich etwas Wissendes wider, als er fortfuhr: „Außerdem wird der König vorerst nicht vorhaben, dich umringen zu lassen. Er hat andere Pläne, die ich dir allerdings noch nicht erläutern kann.“
Der König“, wiederholte Alexander seinen ehemaligen Freund spöttisch und spuckte dabei verächtlich auf den Boden, „Kann mich mal kreuzweise. Ich werde lieber sterben, als Befehle von ihm entgegenzunehmen. Im Gegensatz zu dir besitze ich nämlich so etwas wie Nationalstolz und vorallem Treue zu meinem eigenen Land.“
Sein Gegenüber strich sich mit der flachen Hand über sein Gesicht, schließlich weiter nach hinten bis in den Nacken, welchen er sich kurz rieb. Er schwieg dabei eine lange Weile, bevor er antwortete- sein Ausdruck ließ dieses Mal nicht auf seine Gedanken schließen: „Lass dir sein Angebot durch den Kopf gehen und überlege dir gut, was für alle das Beste sein wird. Ich kann dir nur raten, nicht vorschnell aufgrund deines 'Stolzes' zu entscheiden – sondern zu überlegen, was für alle das einzig Richtige sein könnte.“ Er lächelte ihn dabei erneut ein letztes Mal an, ehe er sich abwandte, dem anderen Wachmann ein kurzes Nicken zuwarf und schließlich ging.
Alex starrte ihm einen Augenblick lang schweigend hinterher, konnte nicht glauben, was Burr gerade von sich gegeben hatte – dass er sein eigenes Handeln wirklich als gerechtfertigt ansah.. Und dass er dafür verantwortlich war, dass Alex jetzt hier auf diesem Schiff sah.
Kurz schüttelte er seinen Kopf und hob erneut seine Stimme laut an: „Ich weiß sehr wohl was das Beste für Alle ist!“, rief er ihm hinterher und lehnte sich dabei so weit vor, wie die Ketten es zuließen. Er spürte dabei, wie das rostige Eisen in seine Haut drückte, aber das war ihm egal. „Und das ist garantiert nicht, mit diesem Pack an Engländern und diesem Bastard an König zusammenzuarbeiten! Niemals werde ich so enden wie du, Burr!“
Aaron antwortete ihm nicht mehr, was vielleicht angesichts an Alexanders immer mehr ansteigenden Wut vielleicht für das Wohl beider am Besten war – und schon bald war er hinter der Tür verschwunden und erneut erfüllte die Dunkelheit und Stille den Schiffskerker.

Alexander war also wieder alleine in dem gefängnisartigen Abteil des Schiffes, wenn man die Wache, die ihn glücklicherweise nun ebenfalls ignorierte, außer Acht ließ. Zwar hatte Hamilton erst überlegt, seinen Frust an ihm auszulassen und ihn zu provozieren – aber irgendwie war seine Wut mit dem Gehen von Burr abgeflaut und nun überkam ihm immer mehr ein sehr beklemmendes Gefühl der Verwirrung und Ratlosigkeit: Fragen über Fragen durchfluteten seinen Kopf- es gab so Vieles, was er nicht verstand:
Warum hatte sein Freund ihn derart verraten? Wie konnte er einfach so die Seiten wechseln? Wie konnte er sich dem Feind anschließen, jenen, die George Washington öffentlich hatten hinrichten lassen? Jenen, die Amerika -einst ein Land der Freiheit und grenzenlosen Möglichkeit- nun zu dem Trümmerhaufen gemacht hatten, das es jetzt war?
Aber seine Fragen kreisten noch weiter – besonders das Letzte, was Burr ihm gesagt hatte, machte ihn nun, wo er das Geschehen Revue passieren ließ, stutzig: Wenn er nämlich nicht zur Hinrichtung nach England verschifft wurde, was war es dann, was der König von ihm wollte? Was für ein Angebot war es, was er ihm machen würde? Wollte König George der Dritte tatsächlich, dass er sich ihm ebenfalls anschließt? Aber wieso wurde er dann extra nicht nur gefangen genommen, sondern auch noch extra dafür nach London verschifft? Wieso wurde ihm das Angebot nicht einfach, ähnlich wie bei Burr scheinbar -und bei dem Gedanken daran wurde ihm erneut flau im Magen- direkt in dem eroberten New York gemacht?
Je mehr er darüber nachdachte, desto schleierhafte wurden ihm die Worte seines ehemaligen Freundes. Es wollte einfach keinen Sinn ergeben – die Puzzleteile passten nicht zueinander.
Aber Alexander war sich Eines sicher: Egal was es war- er würde definitiv ablehnen. Er würde nicht so schwach sein, wie Burr es war – sondern würde darüber stehen und sich dem Feind widersetzen. Er würde bis zum bitteren Ende kämpfen und alles in seiner Machtstehende tun, den Engländern eine schwere Zeit mit ihm zu bescheren; Denn wenn er eh schon so gut wie tot war -schließlich hatte er nicht vor, dem Angebot zuzustimmen, und welchen Zweck sollte er dann noch für den Feind haben?-, dann konnte er noch einmal so richtig einen draufsetzen.
Ein verspieltes Grinsen schlich über seine Lippen und er lehnte seinen Kopf an die kalte Wand hinter sich. Immerhin hatte das Ereignis und seine Wut seine Kopfschmerzen für einen kurzen Moment verdrängt – nur schienen sie jetzt, wo wieder mehr Ruhe eingekehrt war, langsam wieder zurückzukommen. Er schloss seine Augen und ließ seine Gedanken wandern- zurück zu einer Zeit, als alles noch friedlich war. Als New York noch die schönste Stadt der Welt war – eine Stadt voller Möglichkeiten und ein Ort, an dem man jeden Traum erfüllen konnte. Als er als Immigrant aus dem Schiff stieg – und sich fest in den Kopf gesetzt hatte, Amerika zu seiner Freiheit zu verhelfen. Als er in die Bar gestolpert war und die besten Menschen, die man sich vorstellen konnte kennengelernt hatte. Als er zusammen mit ihnen abends in einer Bar feiern und trinken war – die Gläser auf ihre baldige Freiheit gehoben hatte und Alexander sich so sicher war, dieser Moment könnte für immer anhalten. Als sie alle ausgelassen und fröhlich waren – und als er das breite und strahlende Lächeln seines allerbesten Freundes bewundern konnte..

Er wurde abrupt aus seinem Traum gerissen, als ein starker Ruck das gesamte Schiff durchfuhr, was Alex dazu brachte, heftig mit dem Kopf gegen die Wand hinter sich zu stoßen -was nicht gerade förderlich für seine Gehirnerschütterung war. Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte – geschweigedenn, ob er überhaupt eingeschlafen war. Lediglich sein verspannter Rücken und schmerzender Nacken ließen darauf hindeuten – andererseits war er seit Gott-wer-weiß-wie-lange bereits hier unten angekettet, sodass die Schmerzen auch daherrühren konnten.
Schmerzhaft murrend öffnete er seine Augen und blickte sich um, doch von seiner Zelle aus konnte er natürlich nicht viel erkennen. Gerade einmal schmale Streifen von Licht fielen durch die Tür zu den oberen Kabinen- immer einmal in kurzen Abständen unterbrochen,wenn Leute von oben vorbeiliefen.
Alexander konnte aufgeregte Stimmen oberhalb des Decks ausmachen, die alle wild durcheinandersprachen – und der dumpfe Hall vieler wirrer Schritte verrieten ihm, dass sie vermutlich endlich Land erreicht hatten. Feindliches Land, wie es Alexander mit dem Anstoß von Abscheu durch den Kopf fuhr.
Es dauerte nicht lange, da kamen zwei Wachen -beide Gesichter waren ihm bislang unbekannt gewesen- mit eiligen Schritten in den Keller. Einer von ihnen öffnete die Zelle und blieb an der Tür positioniert stehen -wobei sich Alexander fragte, wozu die ganze Aufmachung war, es war nicht so, als würde er auf dem englischen Boden sehr weit mit seiner Flucht kommen-, während der andere diese betrat und die Ketten, mit welchen Alexander gefesselt war, von den Wänden löste, nur um ihn mittels dieser mit sich mitzuziehen.
Hamilton seufzte genervt auf, als er sich -ein wenig taumelnd, da seine Beine vom langen Sitzen extrem versteift waren- erhob und aus seiner Zelle stolperte. „Ich kann auch alleine gehen...“, versuchte sich Alexander zu verteidigen, während er grob die hölzernen Treppen heraufgeschubst wurde.
Grelles Sonnenlicht blendete Alexander, als er die oberen Kabinen verließ und somit nun im Freien stand, sodass er diese für einen Augenblick lang schmerzhaft zukneifen musste. Eine kalte Winterbrise, die noch vom unmittelbaren Meer herübergetragen wurde, brachte ihn zum Frösteln – trug er ja nur ein dünnes, weißes Hemd, welches an einigen Stellen zusätzlich noch aufgerissen war -ein weiteres Indiz für die sträfliche Behandlung durch die Wachen-, das ihn vor der Kälte schützen konnte. Es würde ihn wundern, wenn er sich nicht in den folgenden Tagen irgendwas einfangen würde.
Ein lautes Gewirr an aberdutzenden Menschen drang zu ihm aufs Schiff hinauf und übertönte die vielen, kreischenden Möwen über dem Schiffsmast. Woher kamen all diese Menschen? Wieso waren sie hier?
Vorsichtig öffnete er seine Augen -auch wenn diese von der einfallenden Sonne noch immer ein wenig schmerzten – und er staunte nicht schlecht, als er vom obersten Deck des Schiffes fast die halbe Stadt -so schien es zumindest- auf den Straßen um ihn herum versammelt sah. Waren all diese Menschen etwa wegen ihm hierhergekommen? Wenn ja, wieso? Ihm war zwar bewusst, dass sein Name während der Revolution große Wellen geschlagen hatte – aber dass deshalb eine komplette englische Stadt auf ihn warten würde, nur um mitzuerleben was-auch-immer-dort-mit-ihm-passieren-würde, das schien selbst für Alexander als eine zu übertriebene Reaktion.
Mit einer hochgezogenen Augenbraue ließ er seinen Blick weiter wandern – und betrachtete nun gut die zwanzig Soldaten, die sich alle in einer Reihe vor ihn aufgestellt haben – abgesehen von den beiden, dessen Aufgabe es anscheinend war, ihn zu wohin-auch-immer zu eskortieren. Sie alle trugen stolz die rote Uniform, die sie mit rausgestreckter Brust und durchgedrücktem Rücken der Menge präsentierten. Verächtlich schüttelte Alexander seinen Kopf und ließ seinen Blick weiter durch die Reihe wandern – ehe er mit einem Anflug von Wut unter den verschiedenen Wachen die schmale, kleine Gestalt seines ehemaligen Freundes erkannte. Er stand ebenfalls mit dem Rücken zu ihm, und fast wirkte es so, als ob dieser krampfhaft versuchen würde, Alexander unter allen Umständen zu ignorieren. Seine Gestik wirkte versteifter als die der anderen – und beinahe schon ein wenig panisch hatte er mit seinen dürren Fingern das große Gewehr umklammert.
Tch, verdammter Heuchler, schoss es Hamilton durch den Kopf – doch ehe er sich weiter auf seine Wut konzentrieren -und eventuell irgendwas Schnippisches hätte sagen können, wurde er wieder an den Ketten mitgezogen, von denen er fast vergessen hatte, dass er damit überhaupt noch gefesselt war. Die beiden Wachen neben ihn hatten sich scheinbar wieder in Bewegung gesetzt und zogen ihn dabei grob mit.
Zu dritt gingen sie die angebrachte Rampe vom Schiff zum Festland herab und an den Menschen vorbei, die in ihrer Mitte einen schmalen Pfad freigemacht hatten -dafür hatten die weiteren Soldaten gesorgt, damit auch ja niemand zu Alexander durchkam-, an dessen Ende eine Kutsche stand. Alexander konnte sie von der Rampe aus nicht sonderlich gut erkennen – allerdings schien sie ziemlich klein zu sei und lediglich nur für drei Leute Platz zu bieten; Einen Zweiersitz in einer überdachten Kabine und eine sehr schmale Sitzbank für den Kutscher vorne. Zwei Pferde waren am Gespann vorne angebracht und scharrten aufgebracht mit den Hufen. Sie schienen den ganzen Menschentrubel -wie Alex in dem Moment auch auch- nicht sonderlich zu mögen.
Während er durch die Masse auf diese zuging, konnte Alexander die Blicke der vielen Leute auf seinem Rücken regelrecht spüren. Es war, als würden sie ihn damit durchbohren –und plötzlich wurde ihm unter seiner Kleidung heiß– ein extremer Kontrast zu der Kälte, die er oben auf dem Schiff noch verspürt hatte. Die meisten der Schaulustigen waren, bis auf ein paar Einzelnen, die nun aufgebracht miteinander tuschelten, beinahe einstimmig verstummt, nachdem er das Festland betreten hatten und stierten ihn nun mit einer Mischung aus Neugierde und Angst an. Alexander fühlte sich so, als sei er die neuste Attraktion eines Zirkus' für die Freakshow; Etwas Unbekanntes, etwas Fremdes für die Masse, welches man aller Welt vorführen wollte. Und so sehr er eigentlich die Aufmerksamkeit Anderer genoss, so unwohl ließ sie jetzt ihn in diesem Moment fühlen. Er wusste, dass er sich im feindlichen Gebiet befand – dass diese Menschen hier nichts Positives für ihn empfanden und es wohl kaum abwarten konnten, zu sehen, was wohl bald mit ihm geschehen würde. Hier war er nicht der Held – nicht der Überlebende vom Ausland, nicht die rechte Hand Washingtons -erneut überkam ihm bei diesem Gedanken eine Welle an Trauer- oder der stolze Kämpfer seiner Nation. Hier war er ein Feind, ein gesuchter Verbrecher, Gefangener und wohl bald einen Kopf kürzer. Und diese Blicke übertrugen dieses feindliche, unwillkommene Gefühl auf ihn und ließen ihn klein und schwach fühlen. Klein, unterlegen und unerwünscht.
Alexander versuchte zwar darüberzustehen, aber so recht gelang ihm das nicht. So sehr er es auch wollte, er konnte seinen Blick nicht aufrechthalten– wandte ihn, wie ein schuldbewusstes Kind zum Boden und beschleunigte seinen Schritt auf dem Weg zur Kutsche ein wenig. Und Gott, wie sehr er sich dafür hasste. Er wollte seinen Stolz zeigen – wollte jedem beweisen, dass er über allem stand, stolz den Willen und das Feuer Amerikas repräsentieren! Aber er konnte diese hasserfüllten, abwertenden und befremdlichen Blicke keinen weiteren Moment ertragen- er spürte dabei, wie das beklemmende Gefühl in seiner Brust immer weiter anstieg und sich schon bald in einen leichten Anflug von Panik umwandelte. Sein Atem beschleunigte sich und es kam ihm wie eine Ewigkeit vor – die Kutsche schien unerreichbar, das laute Zischen des Geflüsters zischte in seinen Ohren und ihm wurde schwindelig.
Er wusste nicht, wie er die letzten Meter überstanden hatte, aber fast schon panisch krallte er sich an das Geländer der kleinen Treppe fest, die zur Kabine der Kutsche führte -sehr zur Verwirrung seiner beiden Eskorten. Erleichtert stieß er seinen Atem aus, als er in sich in den ledernden Sitz fallen ließ. Die beiden Wachen tauschten einen kurzen Blick aus, ehe sie sich kurz und achselnzuckend zunickten. Sie tauschten noch ein paar Worte miteinander aus -Alex war nicht in dem Zustand, genau zuzuhören, er wollte einfach nur schnell von diesem Ort hier weg, aber er vermutete es waren irgendwelche weiteren Nichtigkeiten- ehe eine von ihnen -die, die auch die ganze Zeit über die Ketten gehalten hatten- schließlich zu ihm in die Kabine stieg und sich auf den Platz gegenüber Alexanders niederließ.

Der Kutscher, ein alter, buckeliger Mann gab den Tieren mit einem kurzen Ziehen der Leinen das Zeichen, zu starten und schon setzten sie sich in Bewegung, wohl ebenfalls dankbar, die Meute an Menschen endlich loszuwerden. Bereits nach wenigen Minuten waren sie nur noch am Horizont als etliche, verschiedenfarbige, kleine Punkte auszumachen.
Sie schienen an einem Hafen einer Kleinstadt irgendwo an der Küste Englands angelegt zu haben. Die Stadt war nicht sonderlich groß- das war Alexander bereits bei ihrer Ankunft aufgefallen. Die Häuser waren in keinem guten Zustand, viele waren verfallen oder sehr morsch an den Wänden.
Kein Wunder, dass sich hier dann alle versammelt hatten – womöglich legt sonst nie eine so große Flotte an ihrem Hafen an, schoss es Alexander durch den Kopf, während sie auf einen kleinen abgetretenen Feldpfad umschlugen und bereits nach weniger als einer Stunde von Feldern und Bäumen umgeben waren. Je weiter sie sich von der Stadt entfernten, desto holpriger wurde der Weg – ein weiteres Zeichen dafür, dass er wohl normalerweise sehr wenig genutzt wurde.
Allerdings tat die kalte Frischluft Alexander gut – und er war dankbar dafür, dass die beiden Fenster links und rechts der Kutsche keine Scheiben hatten. Die Zelle, in welcher er sich auf dem Schiff befand, war sehr stickig gewesen – und es war das erste Mal seit wer-weiß-wie-lange dass er wirklich Luft bekam und seinen Kopfschmerzen wie eine Wundermedizin half.
Während er seinen Kopf möglichst weit in die Richtung des Fensters neben sich gedreht hatte, beobachtete er, wie die Landschaft an ihm vorbeizog. Ab und an sah er am Horizont ein kleines Dorf, abwechselnd mit großen Weiden für die Zuchttiere oder verschieden großen Bergen.
Während der Fahrt wurde kein Wort gesprochen – die Wache, die auf ihn 'aufpasste', war bereits nach wenigen Minuten weggedöst, sodass Alexander in Ruhe weiter seinen Gedanken nachgehen konnte.
Wer weiß, was mit ihm hier geschehen würde. Vielleicht war die inzwischen untergehende Sonne, die malerisch den Himmel blutrot färbte – und zwischen den Wipfeln der Bäume am verschwand, sodass man nurnoch dunkel die Schatten der Häuser am Horizont sehen konnte, das letzte Bild, das er jemals sehen würde. Vielleicht war die kalte, frische Luft, die sanft wehte und ihn zum Frösteln brachte, sodass er sich selbst durchs Reiben wärmen musste, das Letzte, was Alexander spüren würde.Und vielleicht waren seine Gedanken an das Früher, als alles noch friedlich war – und er dachte, er würde als Held sterben, oder zusammen mit Eliza und seinen Freund alt werden können, das Letzte, was er denken würde.
Alexander wusste nicht, was kommen würde- geschweigedenn, wohin es jetzt gehen würde.
Und so staunte er nicht schlecht, als er das riesige Schloss erblickte, das sich plötzlich zwischen dem Dickicht der Bäume auftat – und die Kutsche direkt vor dem Tor anhielt.


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Holy moly,
das Kapitel ist länger geworden, als ich dachte. Und dabei ist nichtmal allzu viel passiert. Und ich habe viel zu lange gebraucht. D:

Aber was kann Burr damit wohl gemeint haben?
Und was wird Alex jetzt wohl passieren?
Und was ist aus all seinen Freunden geworden??

Fragen über Fragen wieder einmal. ;3
Hoffe auf jeden Fall, es hat euch gefallen vnkfvngkn
Rückmeldung und Kritik (und Lob) sind immer gerne gesehen ;w;
*Kekse dalässt*
Man liest sich ;u;
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