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Neue Hoffnung - Eine Beauty-and-the-Beast-Story -

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Catherine Chandler Jacob Wells Mary Mouse OC (Own Character) Vincent
19.09.2017
19.09.2017
31
64.917
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PROLOG

Liebste Catherine,

wieder einmal ist es Nacht. Ich sitze hier in meiner Kammer und lausche der Stille. Die Tunnel sind verwaist und die Rohre schweigen. Alles schläft, nur ich wache und bin ruhelos. Der Schlaf will sich nicht einstellen, seit so vielen Nächten schon.

Was ist geschehen mit der Nacht?
Bevor du kamst, war sie meine Freundin. Ich habe sie genossen; bin allein gewandert durch den dunklen Park und habe hinaufgeschaut zum Mond.
Bevor du kamst, war die nächtliche Stadt mein Zuhause. Ich war ihrem Zauber verfallen, den unzähligen Lichtern und dem besonderen Klang, wenn die Hektik des Tages für wenige Stunden innehält.
Bevor du kamst, gehörte die Nacht mir allein, jedoch verspürte ich keine Einsamkeit. Ich hing meinen eigenen Gedanken nach und träumte von längst vergangenen Königreichen, Rittern und Fabelwesen. Die Freiheit und der Schutz der Dunkelheit waren meine Begleiter.

Was ist geschehen mit der Nacht?
Seit wir uns kennen wandere ich nachts rastlos umher. Ich schaue hinauf zum Mond, jedoch bringt mir sein Anblick keine Freude, weil ich sie nicht mit dir teilen kann.
Seit wir uns kennen empfinde ich Einsamkeit, wenn ich die vielen Lichter hinter den Fenstern der Häuser erblicke. Ich denke an die Menschen, die dort zusammensitzen bei Kerzenschein, miteinander reden, sich lieben. Nie werde ich ein Teil ihrer Welt sein; nie ein Teil deiner Welt.
Seit wir uns kennen erdrückt mich die Dunkelheit. Schöne Worte und Poesie sind kein Trost mehr für mich. Ich sehne mich nach deiner Stimme, durch die allein für mich der Zauber erwacht, die mir Liebe,  Wärme, Licht und Hoffnung bringt.

Immer noch ist es Nacht. Meine Kammer ist leer und kalt ohne dich. Ich sehe im Geiste dein Gesicht vor mir und wünschte, du wärst jetzt hier bei mir. Uns bleibt so wenig Zeit gemeinsam; jede gestohlene Minute ist unendlich kostbar.

Liebste Catherine, wann sehe ich dich wieder? Ich vermisse dich!

In Liebe     

Vincent

***

Kapitel 1

Es war eine absolut finstere und sternenlose Nacht und die geschlossene dichte Wolkendecke ließ keinen noch so kleinen Lichtstrahl des Vollmondes hindurch dringen. Vincent kümmerte dies nicht; der schwache Schein der Laternen von der anderen Seite des Friedhofes reichte seinen scharfen Augen völlig aus, um sich zu orientieren. Außerdem war er schon unzählige Male diesen Weg entlang geschritten, er wusste selbst nicht mehr wie oft. Seit Catherines Tod hatte er fast jede Nacht ihr Grab aufgesucht und so fanden seine Füße beinahe automatisch zu dem Ort, der für ihn mit so vielen Gefühlen verbunden war. Einerseits überkam ihn jedes Mal eine tiefe Traurigkeit und Verzweiflung, wenn er vor Catherines Grab stand, andererseits fand er einen gewissen Trost darin, ihr so nahe zu sein. Die Erinnerungen überfielen Vincent mit solcher Macht, dass er auf die Knie sank und ihm Tränen über das Gesicht rannen. Da waren die vielen wunderschönen Momente mit Catherine, die sich tief in sein Gedächtnis gebrannt hatten:
Das Konzert, das sie beide im Tunnel unter dem Central Park genossen hatten und das dann mit Blitz, Donner und Regen geendet hatte, mit einer lachenden nassen Catherine in seinen Armen; die unzähligen Abende auf ihrem Balkon, wenn sie zusammen gelesen oder auch nur dagesessen und geschwiegen hatten; die vielen gestohlenen Momente, jede Minute so unendlich kostbar.  Er gab sich im Schutz der Dunkelheit ganz seiner Trauer hin, die er bei Tag und vor anderen verbarg. Er wollte nicht, dass sich Vater Sorgen um ihn machte und außerdem war er noch nicht bereit dazu, mit jemandem über seine Gefühle zu sprechen. Er sah im Geiste Catherines lächelndes Gesicht vor sich, das er so sehr geliebt hatte. Sie noch einmal in seinen Armen halten und ihre Wärme spüren, was würde er nicht dafür geben; noch einmal auf ihrem Balkon sitzen und ihrer Stimme lauschen, wenn sie ihm aus „Große Erwartungen“ vorlas.
„Oh Catherine, ich liebe dich so sehr!“ flüsterte Vincent. In diesem Augenblick wünschte er, er hätte dies viel öfter zu ihr gesagt. Nun war es zu spät.

Letzte Nacht war die Sehnsucht nach ihr so groß gewesen, dass er noch einmal ihren Balkon aufgesucht hatte. Doch die Wohnung war leer, die Möbel und alle ihre Sachen fort. Es gab dort keinen Trost für ihn, nur Dunkelheit, Kälte und Leere. Er hatte lange an der Brüstung des Balkons gestanden und auf die Lichter der Stadt geblickt. Ihm war der Gedanke durch den Kopf gegangen, wie einfach es doch jetzt wäre, sich in die Tiefe zu stürzen. Sein Schmerz und die Trauer, die Leere in seinem Innern hätten dann ein Ende. Jedoch war dann das Gesicht seines kleinen Sohnes Jacob vor seinem geistigen Auge erschienen. Nein, das konnte er nicht tun; er musste sich um sein Kind kümmern, Catherines Kind! Er war es ihr und dem Kind schuldig. Jacob verdiente eine Chance auf ein glückliches Leben. Er musste schon ohne Mutter aufwachsen, er konnte nicht auch noch seinen Vater entbehren.

Langsam erwachte Vincent aus seinen Gedanken und fand sich immer noch kniend an Catherines Grab. Er wischte die Tränen von seinem Gesicht und erhob sich. Zärtlich strich er zum Abschied mit seinen Fingern über den Grabstein, dann wandte er sich ab und verließ mit schleppenden schweren Schritten den Friedhof.

Langsam wanderte Vincent zurück nach Hause durch den Central Park. Die Dunkelheit unter den Bäumen hüllte ihn ein und hier, fernab der lärmenden Stadt, war es beinahe still und friedlich. Er verharrte am Rande einer Wiese und schaute hinauf in den Himmel, als plötzlich in diesem Moment die Wolkendecke aufriss und der Vollmond sichtbar wurde. Vincent verspürte ein merkwürdiges Kribbeln und ein Schauer überlief ihn. Es war, als ob jemand einen überdimensionalen Scheinwerfer eingeschaltet hätte, so hell war mit einem Mal das Zentrum der Wiese erleuchtet. Nur für einen kurzen Augenblick konnte Vincent eine Gestalt sehen, die dort saß, dann war er vorüber und die Wolken verschluckten wieder jegliches Licht. Aber er hatte sich das nicht eingebildet, die Gestalt war da. Vincent konzentrierte seinen Blick darauf und, nachdem sich seine Augen an die erneute Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er erkennen, dass die Person zusammengesunken dort saß, mit hängendem Kopf, die Knie mit den Armen umklammert. Sie wiegte sich vor und zurück und nun, da er sie bewusst wahrnahm, konnte Vincent auch ein leises Weinen hören. Dort war offensichtlich ein unglücklicher Mensch, ganz allein, einsam, genau wie er selbst.

Vincent setzte sich, wie von einem inneren Zwang getrieben, in Bewegung und ging langsam auf die Person zu. Er zog die Kapuze seines Umhangs tief ins Gesicht, aus reiner Vorsicht. Ein normaler Mensch konnte bei der herrschenden Finsternis sicher nur grobe Umrisse erkennen. Als Vincent noch drei Meter entfernt war, blieb er stehen. Die Frau, denn darum handelte es sich offensichtlich, zeigte mit keiner Reaktion, dass sie seine Anwesenheit bemerkt hatte. „Hallo,“ sprach Vincent sie leise an, „nicht erschrecken, ich will dir nichts tun. Ich habe dein Weinen gehört.“ Die Frau hielt inne und hob langsam den Kopf. Sie schien nicht ängstlich oder erschrocken, sondern höchstens erstaunt, an diesem Ort und zu dieser Stunde jemanden anzutreffen, der sich genau wie sie im nächtlichen Park aufhielt.

„Ich bin mit ihm immer hierher gekommen.“ antwortete die Frau mit belegter undeutlicher Stimme. „Er hat hier gerne Drachen steigen lassen. Wir haben ein Picknick gemacht und ich habe ihm vorgelesen. Die Schatzinsel haben wir gelesen.“ Nach kurzer Pause fragte sie unvermittelt: „Kennst du das Buch?“ Vincent ließ sich langsam und vorsichtig neben der Frau auf das Gras sinken. „Oh ja, ich kenne das Buch. Ich habe es als Kind geliebt. Ich habe mir vorgestellt, all die Abenteuer zu erleben und die Welt zu erobern.“ Bei der Erinnerung daran flog ein flüchtiges Lächeln über sein Gesicht. „Peter hat es auch geliebt. Er hat immer gesagt: Mama, wenn ich groß bin, werde ich Schatzsucher!“ Sie hielt inne und fuhr schließlich mit gebrochener Stimme fort: „Und dann kam der Tumor in seinem Kopf. Es fing mit ständigen Kopfschmerzen an und zum Schluss hat er mich nicht mehr erkannt, seine eigene Mutter. Er wäre heute 10 Jahre alt geworden.“ Sie fing erneut an zu schluchzen und es schüttelte sie krampfartig. Vincent legte vorsichtig einen Arm um ihre Schultern und saß neben ihr, nahm Anteil, war da. Es war ein merkwürdiges Gefühl, dort auf der Wiese zu sitzen mit einer völlig Fremden und ihren Schmerz zu teilen. Die Frau lehnte sich an ihn und verbarg ihr Gesicht in seinem Umhang. Erst nach einer geraumen Weile verstummte ihr Schluchzen, sie richtete sich auf und wischte die Tränen mit dem Ärmel ihrer Jacke fort. „Danke, dass du mir zugehört hast, das habe ich gebraucht. Mein Name ist übrigens Christine. Du kannst mich aber Chris nennen.“ Vincent nickte leicht: „Du musst mir nicht danken, das habe ich gerne gemacht. Mein Name ist Vincent.“ „Ein schöner Name.“ bemerkte Chris und fuhr dann fort: „Willst du mir nicht auch von deinem Kummer erzählen, Vincent? Glaube mir, das erleichtert.“ Vincent war wie erstarrt und konnte zuerst nicht antworten. „Warum glaubst du, dass ich Kummer habe?“ fragte er leise und stockend. „Oh, das zu erkennen ist keine große Kunst. Ich kann spüren, dass ein großer Schmerz in dir ist, darin habe ich mittlerweile Übung. Nach 4 Monaten auf der Kinderkrebsstation eines Krankenhauses könntest du das auch. Außerdem habe ich ein Gespür für so etwas, einen sechsten Sinn sozusagen. In meiner Familie haben sie mich immer Hexe genannt.“

Vincent zögerte; er war sich nicht sicher, ob es klug war, einer Fremden seine Geschichte zu erzählen. Andererseits fühlte er sich auf eine merkwürdige Art und Weise mit ihr verbunden. Vielleicht war es ihr ähnliches Schicksal, das sie verband. Schließlich antwortete er: „Ich danke dir für dein Angebot Chris, ich weiß es wirklich zu schätzen. Aber ich kann nicht darüber sprechen, noch nicht. Es tut zu weh.“ Er senkte den Kopf und schluckte. Nein, er wollte jetzt nicht weinen. Mit Mühe drängte er die Tränen zurück. Chris legte leicht die Hand auf seinen Arm. "Du musst keine Angst haben, ich werde dich nicht verraten. Dein Geheimnis ist bei mir sicher." Vincent wandte ruckartig und wie elektrisiert seinen Kopf zu ihr herum. "Was meinst du damit?" fragte er, schon zur Flucht bereit. Seine Muskeln waren angespannt. "Na ja, ich weiß, dass du kein gewöhnlicher Mensch bist. Ich sagte doch schon, zu Hause war ich nur die Hexe." Vincent erhob sich und trat einen Schritt zurück, nicht sicher, ob er fliehen sollte. "Nein, bitte bleib!" bat Chris mit flehender Stimme und stand ebenfalls auf. In diesem Moment schaute der Vollmond wieder durch eine Wolkenlücke und beleuchtete die beiden Gestalten auf der Wiese. Jetzt konnte Vincent Chris genau erkennen. Sie war fast einen Kopf kleiner als er, schlank, hatte langes rotes Haar und leuchtend grüne Augen. Ihre Haut schimmerte weiß im Mondlicht. Chris schaute Vincent fasziniert ins Gesicht, völlig ohne Angst. "Oh mein Gott," flüsterte sie atemlos "du bist wunderschön". Vincent kam ihr vor wie eine Figur aus einem Märchen. Konnte das die Wirklichkeit sein oder träumte sie etwa? Sie betrachtete seine imposante große Gestalt und sein Gesicht, halb Löwe halb Mensch wie es schien. Wie war so etwas möglich? Seine langen Eckzähne blitzten im Mondlicht und unter der Kapuze verbarg sich offensichtlich eine goldene Haarmähne. All dies wurde noch übertroffen durch den intensiven Blick seiner blauen Augen. Es schien ihr, als ob sie dadurch magisch angezogen würde.

Vincent war völlig irritiert und konnte nichts entgegnen. Chris trat nahe an ihn heran und hob zögernd die Hand. Als Vincent nicht zurückwich, strich sie vorsichtig mit den Fingern über sein Gesicht. Chris musste sich einfach davon überzeugen, dass er tatsächlich da war, ihn anfassen und spüren. Vincent wusste nicht mehr, war das wirklich oder ein Traum. Alles kam ihm so irreal vor. Mit einem Mal schien es ihm, als ob ihm diese Frau vom Schicksal gesandt worden sei. Eine Frau, die einen ähnlich schrecklichen Verlust erlitten hatte wie er selbst, die nachfühlen konnte, was er empfand. Chris stand noch immer nah vor ihm und schaute ihm direkt in die Augen. Plötzlich verspürte er ein warmes Gefühl der Verbundenheit. "Komm," sagte er zu Chris "ich begleite dich zum nächsten Ausgang des Parks. Du solltest hier nicht alleine herumlaufen. Das kann ziemlich gefährlich sein." Er nahm ihren Arm und führte sie. "Sehe ich dich wieder?" fragte Chris hoffnungsvoll, als sie dort angelangt waren. Vincent schaute hinunter auf ihr Gesicht, auf den Hoffnungsschimmer, die ängstliche Erwartung. "Wenn du willst, dann werde ich dich morgen Nacht um diese Zeit hier erwarten. Dann können wir ausführlicher reden." Ein Lächeln trat auf Chris' Gesicht und sie antwortete: "Oh ja, ich werde da sein". Als sie die verlassene Straße entlang sich von ihm entfernte, blickte Vincent ihr noch lange nach; einer kleinen einsamen Gestalt in einer großen Stadt, in der man unter tausenden von Menschen doch allein sein konnte. "Bis morgen!" flüsterte er und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Mit einem etwas leichteren Gefühl kehrte Vincent zurück in seine Welt.
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