"Bitch, I don't need introduction!"

von Zobel
GeschichteDrama, Romanze / P18
18.09.2017
16.07.2018
23
105382
99
Dieses Kapitel
16 Reviews
 
 
 
Ich freue mich wie immer über Kommis und Sterne und wünsche euch ganz arg viel Spaß mit BIDNI :)

Credits bitte für das gigantische
Cover zu BIDNI
designed von
Tattooartist Eliza Báthory


Viel Spaß
Xxx Zobel
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Scha·ra̱·de

Substantiv [die]

(franz. 'charade' für Worträtsel)

- Scharade (Pantomimespiel), SPIEL mit pantomimischer Darstellung
- Scharade (Silbenrätsel), eine spezielle Form des SilbenRÄTSELs


Spielanleitung: IMPROVISATION

Spielregeln: KEINE

Spieleinsatz: DEIN LEBEN



1.     "Who am I?“

Sechs Jahre nach der Großen Schlacht

„…Mal – foy!“, krächzte Draco die zwei Silben halb erstickt, als die steinharte Faust in einem unbarmherzigen Aufwärtshaken gegen sein Kinn donnerte.
Während die dünne Haut sofort aufplatzte, wurde sein Kopf brutal zurück geschleudert, um in die feuchte Backsteinmauer in seinem Rücken zu krachen.
Und diesen Cut spürte er sogar durch den Alkoholnebel sofort hindurch, was bei dem vorangegangenen Whiskykonsum durchaus etwas heißen sollte!
Sein eigenes warmes Blut sickerte ihm nun klebrig durch das verdreckte silberblonde Haar, lief seinen Nacken entlang und wurde vom Hemdskragen aufgesogen. Auch ein dünnes Rinnsal lief nun sein unrasiertes Kinn hinab.
Ein dumpfes Pochen blitzte von seinem Hinterkopf aus schmerzhaft durch seinen Körper, doch er konnte sich gerade nicht den Luxus erlauben, sich weiter darauf zu konzentrieren.

Wütend taumelte er nach vorne und schloss einem der zwei Gegner, die noch auf den Füßen waren und ihn lachend verhöhnten, die Finger um den Hals und quetschte roh und barbarisch seine Luftröhre zusammen. Und obwohl seine Sicht schon verschwommen war, achtete Draco penibel darauf, seine Daumen hart auf den Knorpel des Kehlkopfs zu pressen, um größtmöglichen Schaden zu verursachen.
Der plumpe Mann keuchte erstickt auf und seine Augen quollen fast aus den Höhlen vor Schmerz und Angst, als Draco urplötzlich so nah war, dass er ihm trotz der Dunkelheit in die vor Wut verzerrte Fratze starren konnte.
Nun war er es, der verzweifelt nach Luft japste. Feine Äderchen in seinem Augapfel begannen bereits zu platzen und er zappelte heftig hin und her, ohne etwas ausrichten zu können.

„Lass ihn los, du Hurensohn!“, knirschte da der zweite Kerl, der von hinten auf Dracos Rücken sprang.
Zu seinem eigenen Verdruss wurde Draco aus dem Gleichgewicht gebracht, sodass er loslasse musste. Doch schon im selben Moment hisste er ob der Beleidigung auf und riss heftig seinen Kopf zurück, sodass sein Schädel ins Gesicht des Angreifers hinter ihm klatschte. Dieser schrie gepeinigt auf, als seine Nase mit einem widerlich ekelhaften Geräusch splitterte und ließ blind vor Schmerz von Draco ab, der jedoch ebenfalls stöhnte und wankte. Scharfe Stiche zuckten von der Wunde seines Hinterkopfes aus in seine Gliedmaßen und trieben ihm die bittere Galle den Hals hinauf.

Der Gewürgte war derweil ein paar Schritte zurück gestolpert und hatte sich aus der Reichweite des Blonden gebracht, wo er sich kurz erholt hatte. Doch nun stürmte er wieder in Richtung Draco, der sich den dröhnenden Schädel hielt und den Angriff nicht kommen sah.
Mit gezücktem Stiefeldolch rannte er auf Draco zu und versenkte das Heft bis zum Anschlag in dessen rechter Seite.
Wie durch Butter schnitt es durch das ehemals weiße Hemd, drang durch die elastische Haut, die kaum Widerstand leisten konnte, fuhr weiter durch die Fettschicht und durchtrennte Muskeln und rohes Gewebe, um kurz unterhalb der Leber zu verharren.

„Hier hast du noch eine Narbe mehr, elender Todesser!“, zischte er heiser mit einem dreckigen Grinsen.
Draco schrie kehlig auf, biss dann aber die Zähne zusammen und drängte den irren Schmerz eiskalt und kalkulierend beiseite.
Noch im selben Augenblick war ihm klar, dass dieser Volltrottel keine wichtigeren Organe verletzt haben konnte, da er sich augenscheinlich noch nie mit Anatomie auseinander gesetzt hatte. Denn sonst hätte er Dracos ebenfalls ungeschützte linke Seite genommen und die Milz als Angriffsziel gewählt.
Doch Draco wollte sich nicht beschweren und musste trotzdem seinen Blutverlust im Auge behalten!

Adrenalin peitschte durch seinen Körper und trotz des Dolches, den der Gewürgte einfach stecken ließ, richtete er sich auf und rammte seinem Angreifer brutal den Ellenbogen gegen den bereits geschundenen Kehlkopf. Dieser hatte nicht damit gerechnet, dass Draco sich nach seiner Attacke noch so wehren konnte und wurde von den Füßen gerissen.
Draco wusste, es war nicht schön; und wenn Severus noch am Leben wäre, hätte er ihn gleich weiter verprügelt, doch er holte aus und trat dem Gewürgten noch mit aller Macht in die Nieren und dann auf den Brustkorb.
Das ohrenbetäubende Knacken der brechenden Rippen, die sich in die Lunge bohrten, hallte laut in der Gasse wider.
Beide keuchten vor Schmerz auf, denn der Dolch bewegte sich bei Dracos kraftvoller Aktion weiter in seinen Eingeweiden und der Gewürgte spuckte nur noch Blut, um dann endlich ohnmächtig zu werden.

Wie ein Stier rannte Draco nun auf den Kerl mit der gebrochenen Nase zu, der gerade nur mit sich selbst beschäftigt war.
Er musste kotzen und bekam gleichzeitig keine Luft.
Ein wahrlich widerlicher Anblick!
Er röchelte erbärmlich und Blutblasen stiegen zusätzlich zum säuerlich riechenden Mageninhalt aus seinem Mund.
Draco merkte selbst noch erbost, dass er sich langsamer bewegte als sonst und dass es ihn schwindelte, doch erbarmungslos riss er sein Knie nach oben, um es dem gebeugten Mann nochmals gegen die Nase zu rammen, die kaum mehr als solche zu erkennen war. Gleichzeitig nutzte er seinen Schwung und hieb von oben mit dem Ellenbogen auf seinen Kopf.
Er war ziemlich sicher, den Schädel des Kerls gebrochen zu haben, als dieser einfach wie ein Sack zu Boden fiel und sich nicht mehr wehrte.
Wenn er nun Pech hatte, würde er an seiner eigenen Kotze ersticken, aber das war nicht Dracos Problem, hatte er selbst doch immer noch den Dolch im Körper stecken.
„Ich heiße – Malfoy!“, fauchte er noch gepresst durch die Zähne, bevor auch er in der dunklen Gasse zusammensackte und das Blut langsam sein Hemd tränkte.


Lucius Malfoy saß in seinem privaten Kaminzimmer vor einem behaglichen Feuer und starrte gedankenversunken in die aufzüngelnden Flammen.
Nur wer ihn tatsächlich kannte – und das waren beileibe nicht viele Menschen – konnte sagen, dass er bis zum Zerreißen gespannt war.
Er trug einen schwarzen Gehrock aus schwerem Brokat mit hauchfeinen Silberornamenten. Stolz und kerzengerade saß er im wuchtigen Ohrensessel, hielt ein Sherryglas in der einen, und seinen Stock mit dem Schlangenkopf aus massivem Silber, in dem sein Zauberstab verborgen war, in der anderen Hand.
Seine langen Haare breiteten sich in einer silberblonden Kaskade auf seinem Rücken aus und hoben sich fast gleißend vom dunklen Zwirn ab.
Er war wie ein herrliches Gemälde.
Hoheitsvoll, klug, aber genau so listig; und in seinen grauen Augen glomm ein beständiges Flackern, das einen jeden davor warnte, ihn zu unterschätzen.

Plötzlich ploppte es leise rechts neben ihm auf und eine zierliche Hauselfe erschien. Sie war in die Dienstkleidung der Malfoys gewandet; einen schlichten grauen Rock mit weißer Schürze und grüner Bluse, die auf der rechten Brustseite mit dem silbernen Familienwappen bestickt war.
„Zala! Hast du ihn!“, fragte Lucius mit tiefer Stimme und schenkte dem kleinen Wesen, das sich tief vor ihm verbeugte, einen unleserlichen Blick.
„Master, Zala hat den jungen Master gefunden, doch er ist in schlechter Verfassung, Sir!“, piepste sie mit der Nase noch knapp überm Boden.
„Warum hast du ihn dann nicht mitgebracht“, fauchte Lucius und erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung.
„Master… Ich…“, stotterte die Elfe nun und begann am ganzen Körper zu zittern, „Euer Befehl…nur beschatten…und ich…!“
Lucius knurrte unwillig auf und warf das lange Haar in den Nacken. „Kannst du ihn herbringen?“
„Ich…ich glaube nicht, dass er transportfähig ist, Sir“, raunte Zala stotternd, die immer noch in der grotesk tiefen Haltung verharrte, „diese eine Verletzung! Ich kann das...nicht.“

„Dann führ mich hin!“, befahl Lucius kalt und war auch schon auf den Beinen, als er seinen Zauberstab zog und das Kribbeln der eigenartigen Elfenmagie spürte, die ihn von oben und unten zusammenstauchte, ohne dass die Hauselfe ihn berührte. Wie beim Apparieren wurde er unangenehm durch den engen Schlauch gepresst, um an einen anderen Ort zu springen, doch er hatte schon in seiner Jugend gelernt, das Gefühl rigoros zu ignorieren.

Das ungleiche Paar ploppte in einem dunklen Seitenarm der Nokturngasse auf und Lucius verzog sein markantes Gesicht, als er seine Umgebung erkannte.
Dann sah er auch schon vier Gestalten regungslos am Boden liegen, wobei Zala auf Draco zueilte, den man trotz der Finsternis sofort aufgrund seiner charakteristischen Haarfarbe erkannte. Er lag leicht verdreht auf dem Bauch und wenn Lucius es richtig sah, ragte ein schwarzes Heft aus seiner Seite, was ihn ohne Umschweife dazu veranlasste, neben seinem Sohn auf die Knie zu sinken. Mit einem ungesagten Zauber drehte er ihn sogleich um und betrachtete sich nun das fahle Antlitz seines einzigen Erben.

Slytherin, nein!
Sie waren nicht umsonst so weit gekommen! Sie hatten nicht den Dunklen Lord überlebt, damit dieses undankbare Gör hier in einer dreckigen Gasse elendig wie ein ausgeweidetes Stück Vieh verbluteten und verrotteten würde!
Zornig warf er einen Tarnschleier auf ihre Umgebung, da ihm das ungeheure Versäumnis seines Sohns ebenfalls sofort bewusst wurde, denn sie waren hier reichlich ungeschützt.
Dann löste er die Fetzen des ehemaligen Designerhemdes mit einem Wisch in Luft auf und begann, einen schwarzen Heilzauber zu singen, nachdem er geschwind eine Diagnosekugel beschworen hatte, die nun gelblich pulsierend über Dracos Körper wanderte.
Und in dieser Nacht war er der zweite Malfoy, dessen Gedanken zu Severus wanderten, doch das würde für immer ein schmerzliches Geheimnis bleiben.

Wütend, doch äußerst bedacht, um keinen weiteren Schaden anzurichten, zog Lucius mit der freien Hand das Messer aus Dracos Seite und sofort gluckerte ihm dunkelrotes Blut in einem Schwall entgegen, das eine Lache um Dracos Bauch bildete.
Die Wunde stank nun plötzlich bestialisch, sodass Lucius unweigerlich die Tränen in die Augen getrieben wurden. Fäulnis und Eiter wehten ihm entgegen und eine dunkle Schwärze, die er nur zu gut kannte.
Er fletsche die Zähne, doch er wirkte einfach weiter ununterbrochen seine Magie. Finsterer Rauch und kaum sichtbare Nebelschwaden waberten zähflüssig und unheilverkündend um den Einstichkanal.
Kleine Schweißperlen bildeten sich vor Anstrengung auf Lucius‘ Oberlippe, als der komplexe Zauber die durchtrennten Gewebeschichten wieder zusammenfügte und reparierte.

Draco konnte von Glück sagen, dass er schon besinnungslos war, denn spätestens jetzt würde er es vor Schmerzen werden, war dies doch keine angenehme Prozedur. Und selbst wenn nicht, hätte ihn Lucius am liebsten ohnmächtig geprügelt!
Wie konntest du nur so dumm sein!
Doch Lucius‘ tiefer Gesang tönte weiterhin monoton und unheimlich durch die verlassene Hintergasse. Die Magie drang weit vor bis in die allerfeinste Verästelung des Kapillarsystems, erschuf dort neue Verbindungen und generierte neues Plasma sowie Erythrozyten, die den notwendigen Sauerstoff in alle Zellen transportieren würden. Sie hackte sich in die wabernde Materie des schwarzen Fluchs und begann, sie zu zersetzen und zerfraß sie systematisch.

Nach einigen Minuten hatte er es geschafft. Er hatte Dracos Blutverlust ausgeglichen und die Stichverletzung geheilt. Der schwarzmagische Zauber, der auf der Klinge lag, war gebrochen.
Die Prellungen, Blutergüsse und anderen Cuts, die ihm durch die Diagnosekugel angezeigt wurden, ließ Lucius allerdings unbehandelt.
Sollte dieser undankbare kleine Abkömmling einer einstmals stolzen Familie sie doch selbst behandeln, wie er gehässig dachte!

„Zala“, herrschte er die stocksteif dastehende Elfe an, „bring ihn ins Manor! Und sieh zu, dass er mit dem Blut nicht alles versaut!“
Sofort kam Leben ins das unscheinbare Geschöpf, das sich ebenfalls neben Draco sinken ließ. Zala ergriff Dracos klamme Hand und Lucius konnte sehen, wie lilafarbene Impulse Dracos Arm hinaufzuckten und sich von der Schulter ab wellenförmig über den gesamten Oberkörper ausbreiteten, bevor sie verschwanden.
Diese kleine Biest hatte Draco noch Heilung auf Hauselfenart zukommen lassen! Wahrscheinlich konnte sie gar nicht anders, war sie doch die Kinderelfe seines Sohnes, wie Lucius spöttisch dachte, als er sich endlich erhob.
Der Zauber hatte ihn angestrengt, auch wenn er ein mächtiger Magier war, doch schwarze Heilsprüche insbesondere forderten ihren Tribut und tief durchatmend wischte er sich schnell über die Stirn.

Langsam und mit gezücktem Zauberstab wendete er sich nun der anderen Gestalt zu, die in unmittelbarer Nähe auf dem Boden lag. Der Kerl sah arg lädiert aus. Sein Gesicht war nur noch mit Mühe als solches zu identifizieren, denn es war eine einzige blutüberströmte und breiige Masse. Es schien, als würde er nicht mehr atmen und Lucius war dieser Umstand nur recht.
Dann schritt er zu den anderen zwei Typen, deren Brustkörbe sich zu seinem Leidwesen noch sachte hoben. Auch sie sahen nicht mehr jugendfrei aus, doch bei Draco wunderte ihn gar nichts mehr.
Böse kniff Lucius seine Lippen zusammen und richtete seinen Zauberstab auf beide.
Manchmal würde er liebend gern wieder…
Doch diesen Gedanken schob er verärgert beiseite, sprach einen Obliviate auf die beiden Männer und pflanzte ihnen die Erinnerung ein, dass sie sich gegenseitig an die Gurgel gegangen waren und dabei ihren Kumpel umgebracht hatten.
Ansonsten tat er nichts, um ihnen zu helfen. Mit einem fiesen Glimmen seiner Augen rief er die Zauberstäbe der Typen herbei, ließ sie vor sich auf Augenhöhe schweben und zerbrach sie mit einem Ruck, ohne sie zu berühren.
Die Magie der Stäbe erlosch mit einem kurzen Summen und einer Windböe, die über sie hinwegfegte, bevor sich eine ohrenbetäubende Stille über die Hintergasse legte.
„Deleto sanguis draconis!“, fauchte er schließlich zufrieden in die Dunkelheit und sorgte somit dafür, dass Dracos Blut und all seine Spuren sowie kleinste Partikel seiner Kleidung, Haare und Haut vom Ort des Geschehens getilgt wurden.
Dann löste er seinen Nebel und sprang, um ebenfalls ins Manor zu apparieren.

„Zala!“, rief er da auch schon, kaum dass er in der edlen Mamorhalle wieder Gestalt angenommen hatte.
Keine Sekunde später erschien die kleine Hauselfe, um sich erneut tief zu verbeugen. Sie war noch immer faltenfrei und agil, denn Narzissa hatte nach Dracos Geburt vehement darauf bestanden, eine ganz junge Kinderelfe für ihren Sohn zu wählen, sodass beide möglichst lange zusammenbleiben konnten.
Doch manchmal, in Situationen wie vorhin, verfluchte Lucius den Sturkopf seiner Frau!
Ein erfahrener Hauself hätte Draco ohne Zögern schwarzmagisch geheilt. Die Hauselfen besaßen enorme Kräfte und kurz wanderten Lucius' Gedanken zu seinem eigenen Kinderelfen Tonda, der vor sechzehn Jahren gestorben war und er biss die Zähne zusammen.
„Sir, der junge Master ist in seinen Gemächern“, wagte sich Zala nun etwas mutiger vor, doch Lucius ließ sie einfach stehen, blickte kurz verstohlen über die Schulter in alle Richtungen und spurtete einfach los. Er spannte die Bauchmuskeln an und war mit einem gewaltigen Satz auf der Treppe. Dann rannte er weiter in den rechten Flügel und edler Slytherin, das Manor war weitläufig!
Die dicken Teppiche, die im oberen Stockwerk auf den Fluren lagen, schluckten seine kraftvollen Schritte.

Als er an Dracos Tür ankam, legte er wieder seine undurchdringliche Maske auf, die ihn vor so vielem Schrecklichen bewahrt hatte und betrat das Zimmer, nachdem er sich gestrafft hatte.
Die schweren Vorhänge waren vor den bodentiefen Kassettenfenstern zugezogen und es war leicht schummrig im Raum, doch Lucius erspähte sofort seine Frau, die im seidenen Morgenrock auf Dracos Bettkante saß und ihm die blasse Stirn abtupfte.
Mittlerweile war es fast vier Uhr in der Früh. Somit war Draco fast fünf Tage ohne ein Wort verschollen gewesen, sodass ihn nicht einmal Zala hatte finden können.
Mit gerunzelter Stirn trat Lucius nun ebenfalls ans Bett und warf einen Blick auf seinen Sohn, der jetzt  vierundzwanzig Jahre alt war und ihm nun, obwohl endlich die Gefahr gebannt war und sie eigentlich ein schönes und ruhiges Leben hätten führen könnten, aus den Händen zu gleiten drohte.
Er hatte immer alles getan, um seine Familie zu schützen, auch wenn seine Taten und die Maßnahmen, die dafür manchmal erforderlich gewesen waren, nicht immer ehrbar und ruhmreich, sondern verletzend, abscheulich und verachtungswürdig gewesen waren.
Allerdings stieß er diese wenig schönen Erinnerungen resolut von sich und konzentrierte sich wieder auf das Hier und Jetzt.
Narzissa hatte sich nicht zu ihm umgewandt, doch sie sagte: „Er wird wieder vollkommen genesen. Du warst schnell…“

Lucius nickte nur unmerklich mit dem Kopf, dann fasste er seine Frau sanft, aber bestimmt bei der Schulter und bedeutete ihr, mit ihm zu gehen. Sogleich kam sie seinem Wunsch nach, erhob sich und folgte ihm nach draußen. Ihr Goldhaar war trotz der unmöglichen Uhrzeit akkurat in einen sanften Knoten geschlungen, den sie tief im Nacken trug. Auch ihr Gesicht sah frisch und wach aus und dies war eine Eigenschaft, die er an Narzissa schätzte.
Sie war immer und allzeit bereit, die perfekte Hausherrin zu geben, die sie auch tatsächlich war!
Sie war gepflegt, besaß immer noch ihre anmutige Silhouette und trug stets die erlesenste Garderobe.
Doch was viel wichtiger war und sie neben ihrer reinblütigen Abstammung von den Blacks immer schon als Mrs Malfoy prädestiniert hatte, war ihr scharfer Verstand, ihre schnelle Auffassungsgabe und der stete Drang, sich aus jeder noch so ausweglosen Situation einen Vorteil zu verschaffen.
So verbanden sich mit ihrer Hochzeit zwei der ältesten und reinsten Zaubererfamilien ganz Europas.

Als sie den großen Salon betraten, in dem sie sich oft zusammen aufhielten und der trotz seiner Weite viel Charme und Behaglichkeit ausstrahlte, lief Narzissa sofort auf eines der bodentiefen Kristallglasfenster zu und blickte hinaus. Sie starrte auf das parkähnliche Anwesen, in dem sie selbst die zahlreichen Rosenbüsche pflegte, die sie vor fünf Jahren angepflanzt hatte.
Doch es war nichts zu erkennen, denn die kalte, dunkle Nacht machte sie kurzzeitig blind und so konnte sie nur ihre eigenen Augen sehen, die sich im Schein des Kaminfeuers auf der Fensterscheibe spiegelten.

Lucius war dicht hinter sie getreten, zupfte die goldene Seide des Morgenmantels zurecht, der ihr bis zur Mitte ihrer Oberschenkel reichte, und drückte ihr seine Lippen in den Nacken, was sie zu einem wohligen Geräusch animierte. Kurz gab sie sich dem prickelnden Gefühl hin, das Lucius noch immer in ihr auslösen konnte, dann drehte sie sich um und sah ihn erleichtert an.
„Ich bin froh, dass du ihn nach Hause gebracht hast“, sprach sie mit ihrer wohlklingenden, glockenklaren Stimme.
„Hmm“, brummte er nur und rieb sich resignierend mit Zeigefinger und Daumen über die Nasenwurzel; eine Geste, die er derart nie in der Öffentlichkeit zeigen würde.

„So geht es nicht mehr weiter, Narzissa…Draco ist auf einen Weg geraten, den ich ihn nicht mehr länger gehen lassen kann! Wir müssen aktiv werden!“, sagte er ernst und blickte sie intensiv an.
„Lucius, er ist ein guter Junge…er hat sich nur verirrt. Er weiß nicht mehr, wer er-“
„Nein“, unterbrach er sie harsch, „er ist kein Junge mehr! Er wird fünfundzwanzig dieses Jahr und er ist ein Malfoy! Ich kann ihm dieses zügellose Lotterleben nicht mehr gestatten!“
„Aber nach dem Krieg…Lucius, er musste so viel durchmachen!“
„So wie wir alle! Und siehst du mich etwa durch die Bars und Puffs ganz Londons springen?! Er verunglimpflicht unseren Namen massiv und macht alles noch schlimmer! Seine Schonfrist ist ab jetzt vorbei! Ich wünsche nicht mehr, dass du ihn wegen deines schlechten Gewissens mit Samthandschuhen anfasst! Er wird arbeiten und er wird sich zusammenreißen! Ich werde ihm sämtliche Konten sperren und dann sehen wir, ob er es sich weiterhin leisten kann, sich irgendwelche Edelhuren auf meine Kosten zu kaufen!“
Narzissa presste ihre schönen Lippen aufeinander und griff nach Lucius Arm, was dieser unwillig zuließ.
„Lucius, gib mir noch Zeit, ich bitte dich! Dracos ganzes Leben war…nicht schön“, schloss sie recht schwach an die Worte ihres Mannes.
„Narzissa! Er wurde ANGESTOCHEN wie ein dreckiges Schwein!“, brauste Lucius‘ Stimme daraufhin orkangleich durch den großen Wohnraum. Er packte seine Frau beschwörend an den Handgelenken. Dabei blickte er sie glühend an. „Er ist wohl einer der besten Nahkämpfer Londons und er hatte einen Dolch in der Seite stecken!“
Lucius rang schwer um seine Contenance und er konnte erkennen, dass auch Narzissa nicht so ruhig war, wie sie sich gab, denn sie hatte ihre perfekt manikürten Finger zu kleinen Fäusten geballt.
„Er stinkt wie eine ganze Destillerie!“, fuhr er sie aufgebracht an, „Und er hatte noch nicht einmal seinen Stab gezogen! Er steckte noch im Halfter, als ich ihn gefunden habe! Ein Kerl war tot! Narzissa, er war tot! Abraxas würde sich im Grabe umdrehen! Und Severus…dieses Verhalten WIRD aufhören! Egal wie!“

Durch die hochgewachsene Frau ging ein Ruck bei diesen Worten und sie senkte geschlagen ihr fein geschnittenes Gesicht.
„Wir können dies alles nicht mehr durch…‘eine unglückliche Kindheit‘ entschuldigen und ich werde es nicht mehr dulden! Der Krieg hat weitaus mehr Opfer gefordert. Und ich sehe auch nicht, dass ein Harry Potter an seinem Schicksal verzweifelt oder er über die Ungerechtigkeit der Welt heult!“
Bei diesem harten Satz hob Narzissa ihren Kopf und blickte Lucius mit fast fiebrigen Augen an.

„Was?“, fragte er nur misstrauisch und starrte sie an. „Du…hast schon einen Plan?“
„Du hast Harry Potter erwähnt…“, flüsterte Narzissa da und trat noch einen Schritt näher an Lucius heran. Sie schmiegte ihren Kopf an die muskulöse Brust ihres Mannes und verharrte dort.
„Und weiter?“
„Er…sollte mir noch einen Gefallen schulden“, flackerten ihre eisblauen Augen bei diesen Worten auf und sie legte eine Hand an die Lippen. „Er kann ihm helfen…unser Name…wieder oben in der Gesellschaft! Und er hat immer noch regen Kontakt zu seiner Freundin Ms Granger…!“
„Das Schlammblut? Narzissa…! Das kann nicht sein Ernst sein!“, spuckte Lucius fast, der die Gedanken seiner Frau zu lesen schien.
„Lucius, denk nach! Sie ist immer noch nicht verheiratet! Und ihr Blut…ist ein Makel. Aber das Leben unseres Sohnes…und sie ist eine mächtige Hexe! Wir wären wieder an der Spitze!“, raunte sie nun fast beschwörend.
„Pah! Draco wird sich nie mit solch einer Frau einlassen!“
„Hast du in diesem Moment eine andere Idee?“, fragte sie ihn da eindringlich und beobachtete mit einem kleinen Triumph, wie seine Kiefer aufeinander malten.
„Lucius Malfoy, dein Name kann wieder groß sein, wenn wir die richtige Verbindung wählen! Und Draco könnte wieder leben…richtig…“
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