Schwimmen

GeschichteRomanze / P18 Slash
18.09.2017
24.12.2017
57
74.107
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Dieses Kapitel
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10.10.2017 1.383
 
Bevor es wieder etwas sexier wird, erfahrt ihr heute mehr über Maximilian ;).

Vielen Dank an die neuen Favo-Einträge und für die wundervollen Reviews von ran83 und miniracer. Ihr seid super! <3
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Captain Sunshine


Maximilian saß stumm vor Alexej und sah ihn an. Dieser schien zu überlegen, ob er ihn gleich anschreien oder erst fragen sollte, wie er in diese Situation geraten war.
Er entschied sich für Letzteres: „Was hast du dir dabei gedacht? Dumme Scheißwette. Weißt du überhaupt, was da alles hätte passieren können? Warum hast du das gemacht?“ Seine Stimme war ruhig, fast sanft. Maximilian wirkte alles in allem nicht auf Streit aus, er war nicht wütend.

Aber in Alexej drehte sich immer noch alles. „Warum hast du mich belogen?“
Er wartete den ratlosen Blick Maximilians erst gar nicht ab. „Meine verdammten Gebühren. Wann wolltest du mir sagen, dass du alles aus eigener Tasche zahlst?“
Maximilian senkte den Kopf und legte zwei Finger auf seine Nasenwurzel, schob die Brille ein Stück beiseite. Dann konzentrierte er sich wieder und meinte ruhig: „Ich weiß nicht wie sich das herumgesprochen hat, Aber ich habe dich nie belogen. Ich habe dir gesagt, dass du nur einen Einjahresvertrag bekommst und dann Leistung bringen musst, damit du deine Gebühren zurückzahlen kannst.“

„Fuck. Komm mir nicht so. Du hast gewusst, dass ich keine Ahnung davon habe, WER das alles tatsächlich zahlt. Ich dachte, die Akademie streckt das Geld vor. Ich war der Meinung, ich schulde der Akademie etwas. Nicht dir.“ Alexej fragte sich, warum genau dieser Punkt ihn so wütend machte und er sah in Maximilians Gesicht, dass es ihm ähnlich ging.
Die blauen Augen sahen ganz anders aus als sonst. Offener. Jetzt mischte sich ein spitzbubenhaftes Schmunzeln darunter, das Alexej völlig aus der Fassung brachte.
„Ich finde das nicht witzig, Captain Sunshine“, die Augenbrauen hoben sich ein Stück. „Du hättest es mir sagen müssen.“

Maximilian hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Die Geste war so klein und doch so befreit und locker. Sie passte nicht zu dem ernsthaften Bild, das Alexej von seinem Trainer hatte. „Okay, jetzt weißt du es. Also können wir das Thema lassen, oder?“
Verwirrt und aus der Bahn geworfen von der gesamten Wendung dieses Gesprächs fuhr sich Alexej mit einer Hand über den Kopf. Maximilian vor ihm fröstelte.

„Dir ist kalt. Du solltest das Neopren-Ding loswerden.“
Im Bruchteil einer Sekunde war Maximilian wieder verwandelt. „Es ist okay.“
„Maximilian.“
„Ich... kann das Ding nicht ausziehen. Es ist zu eng. Und ich kann meine Schulter kaum bewegen.“
Alexej dachte an die erste Technikstunde am Trainingslager. Als Maximilian mit seiner Badeshort und einem T-Shirt zu ihm ins Wasser gestiegen war. Er hatte den Trainer de facto noch nie ohne Oberkörperbekleidung gesehen. „Was ist eigentlich mit deiner Schulter los?“
„Ich habe sie beim Schwimmen mit Marvin überanstrengt.“
Nur die halbe Wahrheit. Alexej sah ihn fest an und es dauerte nicht lang, da unterbrach Maximilian den Blickkontakt. „Sie ist kaputt. Völlig ruiniert.“



Sie schwiegen beide, aber Maximilian war innerlich so aufgewühlt, dass es ihm egal war. Mit Alexej zu schweigen war nicht unbehaglich. Dennoch schüttelte ihn die Kälte nach ein paar Augenblicken wieder.
„Zieh das blöde Teil aus.“
„Schon gut.“ Mit der rechten Hand begann Maximilian vorsichtig das Shirt hochzurollen und sich dann aus dem rechten Ärmel zu befreien. „Du könntest mir ruhig helfen.“
Helle Brauen hoben sich über wolkiggrünen Augen. Alexej legte den Kopf leicht schief, dann begann er Maximilian zu helfen, gut darauf bedacht, nur das Shirt und nicht seine Haut zu berühren. Erst den Ärmel, dann den Kragen, dann den Rest.

Als sie das Neoprenshirt endlich über seinen linke Seite nach unten zogen, kam Maximilian sich völlig nackt und schutzlos vor. Alexejs Augen weiteten sich und Maximilian wusste, dass er das Narbengeflecht auf seiner Schulter entdeckt hatte.
Wie in Trance beobachtete er Alexejs Hand, die immer näher kam und er wusste, er musste verhindern was gleich passieren würde, aber er konnte es nicht. Er spürte die Wärme, bevor die Finger noch tatsächlich seine Schulter berührten.

„Wie ist das passiert?“ Alexej stand plötzlich ganz dicht vor ihm, zu nah und Maximilian fand keine Worte. Die warme, große Hand auf seiner Schulter bewegte sich sacht, erkundete die Narben und hinterließ eine brennende Spur. Zorn, Trauer, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Hass – sie überschwemmten Maximilian und er musste keuchend Atem holen, um nicht erneut von ihnen begraben zu werden. Zurückversetzt an die Zeit vor sieben Jahren schnürten seine Emotionen ihm die Luft ab. Zwei Hände auf seinen Oberarmen. Hände die er kannte, Hände, die seine Oberarme schon kannten, hielten ihn fest, als die Brandung über seinem Kopf zusammenschlug.

„Maximilian.“ Die Stimme holte ihn in die Realität zurück, leise und beruhigend. Er öffnete die Augen und starrte direkt in Alexejs, der seine Arme losließ und einen Schritt zurücktrat als wüsste er genau, dass Maximilian jetzt Platz brauchte. „Erzählst du es mir?“
Alexej zog seinen Kapuzenpullover aus, stand im Shirt vor ihm. Dann trat er wieder ein Stück zu ihm und half ihm, den Pullover zuerst über seinen Kopf, dann seinen rechten Arm zu streifen. Den restlichen Stoff zog er vorsichtig über die ganze linke Seite, um die Schulter nicht noch mehr zu belasten.
„Hast du einen Führerschein? Kannst du mich nach Hause fahren? Ich kann meinen Arm kaum bewegen.“ Alexej nickte wortlos und Maximilian ging vor.

Als er vorausging und Alexej nicht mehr direkt vor ihm stand, ging es ihm urplötzlich ganz leicht von den Lippen: „Wir haben Blödsinn gemacht, weißt du? Sind vom Drei- und vom Zehn-Meter Brett gesprungen und haben uns gegenseitig runtergeschubst. Natürlich sind wir ermahnt worden das nicht zu tun. Aber ich war fünfundzwanzig, wer denkt in dem Alter daran, dass ein einziger Fehler alles zerstören könnte?“
Alexej antwortete nicht, Maximilian hörte nur seine festen Schritte hinter sich. Irgendwie beruhigten sie ihn.

„Jedenfalls haben wir da oben auch gerangelt. Aber als ich nur herumgestanden bin und gerade etwas sagen wollte, hat Marvin mich ohne Vorwarnung gestoßen. Ich bin ausgerutscht und auf die Schulter gefallen. Es gab mir einen Stich und da wusste ich, dass etwas ganz schrecklich kaputtgegangen war. Ich falle also auf die Schulter, knalle mit Schwung über den Rand des Brettes und strecke die Hand aus, um mich festzuhalten. Dieser Scheißinstinkt den man hat. Ich höre ein komisches Geräusch, meine Schwimmkollegen schreien und ich falle ins Wasser, dann explodiert alles in Schmerzen.“

Er atmete tief ein: „Ich bin im Krankenhaus aufgewacht, mein Schulterblatt war beim Aufprall auf das Brett zertrümmert und als ich mich dann noch festhalten wollte, sind durch den Schwung die Sehnen gerissen. Es war nur dumm. Ganz viel dummer Zufall. Aber alles in meiner Schulter war zerstört. Ich habe zu dem Zeitpunkt ständig gewonnen und der Verein ist deshalb für alle Operationen aufgekommen, sie haben sogar Spezialisten eingeflogen. Ich habe aber die volle Beweglichkeit nicht einmal ansatzweise zurückgekriegt und bin nie wieder geschwommen.“

„Bis heute,“ hörte er Alexejs Stimme hinter sich.
„Bis heute,“ atmete er leise aus und wieder ergriff ihn das Hochgefühl von vorhin. Diese Leichtigkeit.
„Was ist mit Marvin passiert?“
„Eine Entschuldigung. Eine Verwarnung. Ich war im Grunde genommen selbst schuld.“

Er öffnete seinen Wagen und setzte sich auf den Beifahrersitz, gab Alexej den Schlüssel. Für ihn, der immer nur alleine am Fahrersitz saß war es ein ungewohntes Gefühl auf dem Beifahrersitz einen anderen Mann dabei zu beobachten, wie er vorsichtig ausparkte und dann losfuhr.

Alexej blieb stumm, befolgte die Straßenanweisungen, die Maximilian ihm gab und fuhr ihn nach Hause. Maximilian konnte nicht anders, als ihn anzustarren. Er sah so gut aus. Sein Gesicht bestand aus vielen harten Kanten, aber seine Lippen waren so weich geschwungen, dass sie einen krassen Kontrast darstellten, der ihn noch attraktiver machte. Und diese Augen...

„Wir sind da“, sagte er mit belegter Stimme. „Danke.“
Alexej stieg aus und schloss das Auto, gab ihm den Schlüssel. Wieder stand er vor ihm. Viel zu nahe. Leise sagte er: „Gute Nacht, Maximilian“, aber seine Augen stellten eine Frage.
„Gute Nacht, Alexej“, beantwortete Maximilian sie und wandte sich zur Tür. Als er die oberste Stufe erreicht hatte, drehte er sich um und sah Alexej gerade weggehen. „Alexej?“
Der Russe drehte sich um und sah ihn stumm an.
„Warum Captain Sunshine?“
„Weil du genau so ausgesehen hast, als du aus dem Wasser gekommen bist. Nur ein Lied. Vergiss es einfach.“




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