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Schwimmen

GeschichteLiebesgeschichte / P18 Slash
18.09.2017
24.12.2017
57
74.107
62
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231 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
09.10.2017 1.486
 
Und wieder ein Tag Pause - im Moment komme ich zu gar nichts. Ich verspreche mal eher keine Besserung und hoffe ihr überlebt die Zwischentage auch ohne Maximilian und Alexej.

Danke für eure Reviews, ihr Allerliebsten! <3
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Gegen den Strom


Eiskaltes Wasser umspülte sanft seine nackten Füße und Waden und Maximilian versuchte sich gegen den Drang zu wehren, sofort wieder aus dem Wasser ans Ufer zu gehen. Sein Herz hämmerte tief und fest in seiner Brust, in seinem ganz eigenen staccatoartigen Rhythmus. Er stemmte sich mit seinem Atem dagegen, forderte Langsamkeit, erzwang Ruhe.

Neben sich hörte er Marvin laut und nervös atmen und das gab ihm etwas mehr Sicherheit. Der Andere hatte seinen Plan nicht gut durchdacht. Er hob den Kopf um zu ihm hinüberzusehen und für eine Sekunde überlegte er, Marvin vom Haken zu lassen. Dann hob er die linke Schulter bis zum Ohr und versuchte vorsichtig sie nach hinten rollen zu lassen. Spürte den Widerstand, die fehlende Flexibilität. Heiße Wut, die er so lange nicht mehr gefüttert hatte, bediente sich an den Flammen, die in ihm aufloderten und er sah, dass Marvin es in seinem Blick erkannte. Trotzig fragte der Athlet: „Na, was ist, schwimmen wir jetzt?“

Maximilian nickte und sagte zu Benjamin: „Gib uns ein Startsignal.“
Der Pfiff aus einer Trillerpfeife hinter ihnen besiegelte die Worte und sie sprangen beide ins Wasser.

Im ersten Moment dachte Maximilian, sein Herz würde stehen bleiben. Das kalte Wasser umschloss ihn und sein Atem trug ihn wieder nach oben. Er machte mit dem rechten Arm eine rotierende Bewegung und glitt ganz sacht hindurch, weich und trotzdem so kraftvoll dass er spürte, wie er sich ein gewaltiges Stück nach Vorne schob. Als er den linken Arm in derselben Art bewegte, spürte er das Ziehen und Knirschen der Bänder, konnte sich fast bildlich vorstellen, wie sie versuchten gegen die Kraft und Entschlossenheit anzukommen, mit der er schwamm. Schmerz durchzuckte ihn, aber als der Arm wieder nach Vorne kam, war es auch schon vorbei. Atmen. Rechter Arm.

Das erste Stück war einfach. Kaum Strömung. Maximilian schwamm. Ganz eindeutig. Sein Höhenflug, die Euphorie darüber kamen nicht gänzlich durch, wurden vom Schmerz in seiner linken Schulter abgefedert und von der nun stärkeren Strömung, die einzusetzen begann. Bei einem weiteren Einatmen sah er auf die Seite und entdeckte Marvin ein kleines Stück vor sich. Nicht daran denken. Es geht jetzt nicht um Marvin. Seinen nächsten Blick richtete er auf die Insel. Das Ziel. Es war nicht interessant wo Marvin gerade war, ob er schneller war oder nicht. Er dachte daran, was er seinen Schülern immer sagte. Dass es nur um das Ziel ging. Wer sich danach orientierte, was die anderen Schwimmer taten, hatte schon verloren.



„Hast du sowas schon mal gesehen?“ Benjamin stand neben Alexej und den paar anderen Schwimmern, die sich dieses Duell nicht entgehen lassen wollten und starrte aufs Wasser hinaus. Es nieselte leicht und sie wurden alle nass, aber das war ihnen egal. Alexej fand keine Worte und Benjamin stand neben ihm: „Es gibt Gerüchte über eine Schulterverletzung, weißt du. Und wenn du seine linke Seite genau ansiehst, ist die Bewegung nicht so rund wie sie sein sollte. Mann, ich habe ihn noch nie live gesehen. Ist das zu fassen?“

Alexej konnte die Begeisterung verstehen. Selbstsicher und so, als würde er nie etwas Anderes tun, pflügte Maximilian durch das Wasser. Die Technik übertraf alles, was Alexej bis jetzt gesehen hatte. Als sie die Stelle erreichten, an der die Strömung einsetzte, kam es zu einem abrupten Stillstand. Marvin war zu dem Zeitpunkt ein gutes Stück vor Maximilian gewesen, aber nun schien es, als würden sie sich beide nicht weiterbewegen.
„Die Strömung ist zu stark“, konnte er hinter sich jemanden sagen hören und er war froh, nicht selbst im Wasser zu sein. Beide Schwimmer kämpften damit, nicht stromabwärts mitgerissen zu werden.

Dann sah er, wie Maximilians Schultern sich in dem Neoprenshirt aus dem Wasser hoben und er mit einem gewaltigen Atemzug in die Strömung schwamm. Sofort versuchte er sich zu drehen und dagegen anzuschwimmen. Das was die beiden hier machten hatte nichts mehr mit Alexejs Erfahrungen im Meer zu tun und erst recht nicht mit dem, was sie täglich im Becken trainierten. Marvin hatte deutlich mehr Probleme und er versuchte nun seine enorme Kraft einzusetzen. Dadurch geriet allerdings sein Körper ins Ungleichgewicht.

Maximilian hatte den stummen Kampf gegen die Strömung aufgenommen. Für jeden Zentimeter in die richtige Richtung versuchte der Strom ihn wieder abzudrängen. Aber er kam voran. Ganz langsam, ganz ruhig. Er erreichte die Insel ein gutes Stück vor Marvin und Alexej konnte sich selbst laut ausatmen hören.
„Russe, jetzt hat er deine Ehre gerettet“, witzelte Benjamin ganz leise, so dass nur Alexej es hören konnte. Benjamin wird doch nicht... er dachte den Gedanken nicht zu Ende. Benjamin war eben so. Sagte unpassende Dinge. Und diesmal hatte er wenigstens nicht laut die Klappe aufgerissen dabei, sondern seine Stimme gesenkt.

Die beiden Männer auf der Insel sahen sich nicht an und sprachen kein Wort miteinander. Maximilian stand dort und wirkte gefasst, Marvin atmete schwer und massierte seine Oberarme.
„Wie alt ist Marvin eigentlich?“
Benjamin überlegte kurz und meinte dann: „Nicht viel jünger als Trainer Davids. Die beiden waren früher im selben Team.“
Das war vielleicht eine Erklärung dafür, dass Marvin nie in Maximilians Gruppentrainings dabei war und sie auch sonst überhaupt keine Anstreifungspunkte zu haben schienen. Und für die kalte Wut, mit der Maximilian beim Fluss aufgetaucht war, seine harsche Zurechtweisung bezüglich der korrekten Ansprache als „Trainer“.

„Mann, sie springen wieder rein!“
Tatsächlich waren Marvin und Maximilian wieder am Rückweg. Das ging ein kleines Stück gut, dann war da wieder die Strömung. Sie waren diesmal schneller im Strom, routinierter, hatten beim Hinweg die Technik geprüft und drehten sich beide sofort gegen die Fließrichtung. Ganz kurz sahen sie wie zwei Synchronschwimmer aus. Dann ging alles sehr schnell. Marvins Körper wurde instabil, schwankte und er wurde abgetrieben. Die Kraft war ihm ausgegangen. Halbherzig ließ er sich ein Stück mittreiben und nahm dabei seine verfügbaren Reserven um an den Rand der Strömung zu kommen. Als er draußen war, war er viele hundert Meter abgetrieben worden. Sie sahen ihn in weiter Entfernung zum Ufer schwimmen, dann machte er sich zu Fuß auf den Rückweg.

„Loser“, tönte Benjamin neben Alexej und bekam dafür einen Rippenstoß verpasst: „Komm schon, das ist wirklich nicht nett. Hätte auch ich sein können.“
„Glaub ich nicht“, konterte Benjamin.
Düster murmelte Alexej: „Das werden wir jetzt wohl nie wissen“, und richtete seinen Blick wieder auf Maximilian, der immer noch gegen die Strömung ankämpfte.

Auch er hatte Mühe der Strömung nicht nachzugeben und seine Bewegungen wirkten müde und erschöpft. Alexej sah, wie er mit der Atmung kämpfte und ihm wurde immer klarer, dass genau diese der Schlüssel zu allem war, worauf Maximilians Technik aufbaute. „Komm schon,“ flüsterte er.
„Los, Trainer,“ ertönte hinter ihm eine Stimme.
„Go, Trainer, Go.“
Immer mehr Schwimmer begannen laut zu rufen, ihn anzufeuern und eine leise Gänsehaut breitete sich auf Alexejs Unterarmen aus, als er sah, wie die Stimmen Maximilian weitertrugen.

Da standen sie alle, nass vom Regen, am Ufer eines braunen Flusses und jubelten einem Mann zu, der gegen die Strömung ankämpfte und nicht daran dachte, aufzugeben.

Als Maximilian endlich zum seichteren Wasser durchbrach, löste sich ein gemeinsamer Jubelschrei aus der Gruppe und die letzten Meter, die er zu schwimmen hatte, liefen zwei Jungs bis zu den Hüften hinein und gaben ihm die Hand um ins ans Ufer zu ziehen. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und er hob den Blick.
Sah nur Alexej an und für einen Moment blieb die Zeit stehen.

Ich sehe nur dich, alle anderen sind mir egal. Ich sehe nur dich. Es war als hätte er es laut gesagt. Dieser eine Augenblick, nachdem er den Fluss zweimal überwunden hatte. Dieser Augenblick, den er nur für sich nahm und in dem er ihn fest ansah war das erste Mal, dass Alexej die Person entdeckte, die Maximilian Davids wirklich war. Diese mühsam versteckte Persönlichkeit, die nie ans Tageslicht kommen durfte. Ein Funkeln, das Alexej noch nie gesehen hatte, erhellte Maximilians Augen und machte einen anderen Menschen aus ihm.

„Danke, Jungs.“
Der Moment war vorbei. Er schüttelte ein paar Hände und wandte sich zu Marvin, der das Ufer hinaufkam.
„Du gehst zum Teamchef und erzählst ihm, was du getan hast. Wenn ich morgen komme hast du hoffentlich die ganze Geschichte erzählt. Er soll darüber entscheiden, was wir mit dir machen. Ihr anderen geht heim. Kommt schon, es ist nass und kalt. Danke für eure Unterstützung. Ihr habt mich zurückgetragen! Du bleibst hier, Alexej, mit dir habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen.“
„Uh, uh, der Russe kriegt’s ab“, witzelte einer der Jungs, als sie sich zum Gehen umdrehten. Benjamin stand immer noch da und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen.
„Du auch, Anstandsdame. Alexej kann seine Prügel alleine beziehen. Mach dich vom Acker. Und danke. Dafür, dass du mich geholt hast.“




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