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Böse Cops küsst man nicht

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Percival Graves
17.09.2017
26.09.2018
25
101.458
9
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17.09.2017 3.614
 
Diese Handlungen und Personen sind erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.
Mit Ausnahme von Percival. Der ist echt. Der echte Percival - nur ohne Magie.

~*~


Das Laub der Bäume färbte sich bereits orange, die Sonne hing tief am Himmel. Ein herbstlicher Wind kam auf, der auch vor dem hektischen Alltag Londons nicht Halt machte.
Ich sprang aus der U-Bahn und stieg die letzten Stufen zur Straße hinauf. Dort angekommen hielt ich einen Augenblick die Nase in den Wind, der voll von würzigen Gerüchen war. Ich liebte den Herbst. Ein warmes Glimmen des Sommers schwang darin mit, das von innen heraus sanft wärmte. Mein Blick glitt durch die Straßen, die von bunten Blättern gesäumt waren. Um mich herum herrschte der rege Trubel eines gewöhnlichen Montagmorgens, doch das brachte mich nicht aus der Fassung. Ich war die Hektik dieser Stadt gewohnt.
Mit einem sanften Lächeln auf dem Gesicht ging ich auf die Galerie zu, in dem ich arbeitete und versuchte dabei, durch jeden Sonnenstrahl zu laufen, der meinen Weg erhellte. Ich wollte die Woche mit einer guten Portion Dopamin beginnen.
Ich zog den kuschligen roten Schal enger um mich, als ein frischer Wind aufkam, der mein langes dunkelblondes Haar zerzauste und lief während der Grünphase über die Straße. In gewohnter Manier schloss ich die Galerie auf und machte sich dann daran, sie für die Besucher und Kunden herzurichten.
Die Galerie war groß und über mehrere Etagen verteilt. Ich war eine der Assistentinnen, die hier für Ordnung sorgten, Informationen über die Kunstwerke gaben und für jeden Kunden das passende Stück fanden. Auf der Vernissage am Wochenende waren einige Gemälde verkauft worden. Nun füllte ich die Plätze mit den Nachfolgern auf.
Ich holte Gemälde um Gemälde aus den Lager und hängte sie an die vorgesehenen Stellen, während meine Kollegin Sandy Harrison und wenig später meine Chefin, die Galeristin Claire Black hineinkamen. Sandy war eine Frau mittleren Alters mit üppiger, kurviger Figur, langem, dunkelrot gefärbtem Haar und hellen, freundlichen Augen. Claire dagegen hatte die besten Jahre hinter sich gelassen, besaß aber noch so viel kraftvolle Energie wie ein junges Mädchen, hatte kurzgeschorenes silbergraues Haar und trug stets elegante Kleidung, die ihrer schlanken Figur schmeichelte.
„Guten Morgen, Jessica“, begrüßte sie mich mit kühler Freundlichkeit. Ich nickte ihr zu. „Guten Morgen, Claire“, erwiderte ich den Gruß. Sie schritt elegant an mir vorbei ins Büro und ich nahm die sanfte Note des schweren Parfüms auf, das sie stets trug.

Es waren keine zehn Minuten vergangen, Sandy hatte eben angefangen, mir beim Auffüllen der leeren Plätze zu helfen und war in die zweite Etage gestiegen, da vernahm ich einen markerschütternden Schrei.
Mir gefror bei dem Schrei das Blut in den Andern. Das war Sandys Stimme gewesen, kein Zweifel. Meine Knie wurden weich, doch ich zwang sie, sich in Bewegung zu setzen. Auch Claire musste den Schrei gehört haben. Sie stürmte schon aus dem Büro im hinteren Teil der Galerie und folgte mir die Treppe hinauf.
Was wir sahen, als wir den oberen Treppenabsatz erreicht hatten, trieb mir alle Luft aus den Lungen. Sandy stand heftig zitternd gegenüber einem Mann, der von der Decke baumelte. Er war tot.
Mir wurde schwindelig. Während ich am Rande mitbekam, dass Claire bereits die Polizei alarmierte, gab ich mir Mühe, mich zusammenzunehmen und Sandy vom Tatort fortzuziehen. Widerstrebend ließ es die ältere Frau über sich ergehen. Sie war von dem Anblick noch immer geschockt, atmete, ähnlich wie ich, flach und schnell und hatte sich die Hand vor den Mund geschlagen, um ihr Wimmern zu unterdrücken. Ich führte sie mit mir die Treppe hinab, machte für alle einen Tee, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte und wartete dann wie paralysiert neben Sandy darauf, dass die Polizei eintraf, während Claire ein Schild mit der Information anbrachte, dass die Galerie heute geschlossen war. Ich bewunderte die Beherrschung, mit der meine Chefin die Situation unter Kontrolle behielt. Bei dem Gedanken, dass über uns ein Toter hing, stellten sich mir die Nackenhaare auf. Ich versuchte, mein Herz zu beruhigen und das Ganze sachlich zu sehen. Es betraf mich nicht direkt, erinnerte ich mich, es war nicht Teil meines Lebens. Mühsam rezitierte ich die Mantras, die ich gelernt hatte. Ich hatte einen Hang zu buddhistischen Lebensweisheiten. In diesem Moment aber schienen sie mir nicht wirklich zu helfen. Es waren nur leere Phrasen, die mir keinen Halt geben konnten.

Die Polizei traf ein und sicherte den Tatort. Sie sprachen mit Claire, die von uns allen dreien am ruhigsten wirkte und befragten dann nacheinander Sandy und mich.
Ich war als erste in der Galerie gewesen. Die Befragung gestaltete sich für mich deshalb sehr aufreibend. Ich wurde gefragt, ob ich Details gesehen hatte, die anders gewesen waren als sonst. Irgendwelche Anzeichen. Aber ich war beim Eintreten am Morgen ganz in Gedanken gewesen und konnte auch, nachdem die Beamten ein drittes und viertes Mal nachfragten, keine zufriedenstellende Antwort geben.
„Die Vernissage war am Samstag“, sagte ich nur immer wieder, „Es sah hier danach ohnehin alles anders aus als sonst.“ Die Polizisten nickten schließlich und ließen mich gehen.

Es vergingen weitere quälend lange Augenblicke des Wartens, in denen die Spurensicherung eintraf und man den Leichnam forttrug.
Weitere Leute folgten. Sie sahen höherrangiger aus. Ich verstand nicht, warum so viel Aufhebens um den Toten gemacht wurde. Es war offensichtlich Selbstmord gewesen. Was gab es da noch zu ermitteln? Ich wollte einfach nur, dass alle verschwanden, damit ich so tun konnte, als wäre dies ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag. Es ließ mich ohnehin würgen, wenn ich an den Anblick dachte, der sich in meine Netzhaut gebrannt hatte. Ich wollte vor all dem verschwinden. Vor Schock stand ich ganz neben mir. Ich konnte an nichts anderes denken als an dieses Bild. Bekam es nicht mit, wie viel Zeit seitdem vergangen war und reagierte, wenn man mich ansprach, geistesabwesend und mechanisch.

Man holte mich zu einer weiteren Befragung. Fügsam erhob ich mich gemeinsam mit Sandy und Claire und ging in Claires Büro, das groß genug war, um einem halben Dutzend Leuten an einem Tisch Platz zu bieten. Wir setzten uns gegenüber von drei Männern, die uns mit einer Mischung aus konzentrierter Verbissenheit und höflicher Rücksichtnahme ansahen.
Der Mann in der Mitte ergriff das Wort. Seine Stimme war angenehm rau und tief. Ich hob den Blick, den ich bis eben noch auf die Tischplatte geheftet hatte und sah zum ersten Mal einem der Fremden ins Gesicht. Der Mann musste Anfang oder Mitte vierzig sein, hatte schwarzes Haar, das oben länger und nach hinten gekämmt, an den Seiten aber kurz und bereits grau meliert war. Seine Augen waren von einem dunklen, intensiven Braun und glitten nacheinander über jede von uns, um uns ins Gespräch einzubinden. Als sie mich trafen, blieb mir die Luft weg und ich konnte seinen Worten nicht mehr folgen. In dem Meer an Bestürzung, Betroffenheit und Angst des heutigen Tages sah ich in seinen Augen etwas wie einen Anker, einen Beschützer, eine warme Umarmung. Mühsam gezügelte Wärme, versteckt hinter einer Maske aus kühler Beherrschung. Es zog mich unnachgiebig zu ihm hin. Hastig riss ich den Blick los und blinzelte irritiert, während ich versuchte, mich auf seine Worte zu konzentrieren. Am Rande hörte ich ihn Dinge sagen wie ‚haben keinen Abschiedsbrief gefunden‘, ‚äußerst untypisch für einen Selbstmord‘, ‚kein erkennbares Motiv‘ und ‚Verdacht, dass… Gewaltverbrechen…‘.  Ich nahm die Worte auf, doch ich begriff sie nicht. Seine Stimme war samtig und weich und ich sehnte mich danach, mich darin zu verlieren. Mich zu verstecken vor dem Grauen, das mich heute ereilt hatte.
Verstohlen hob ich den Blick wieder und ließ ihn über die Statur des Mannes gleiten. Sein teuer aussehender Anzug spannte sich über die breiten Schultern und die offensichtlich muskulöse Brust. Es rief in mir den unerwarteten Drang wach, mich in seine Arme zu werfen. Verwirrt über meine Gefühlsachterbahn schüttelte ich sacht den Kopf und zwang mich, mich nicht länger auf seinen eindrucksvollen Oberkörper zu konzentrieren. Seine Krawatte wurde von zwei Skorpionansteckern gehalten, bemerkte ich. Ich hatte noch niemanden mit dieser Art Accessoire gesehen. Extravagant, aber edel.
Sein Duft wehte zu mir herüber und umschmeichelte mich. Earl Grey und Aftershave. Ich war beinahe versucht, genießend die Augen zu schließen, ehe ich mich erinnerte, wo ich war.
Um mich herum wurde es still. Ich riss den Blick von den Ansteckern los und schaute sich um. Peinlich berührt bemerkte ich, dass jeder der Anwesenden mich anschaute.
Sollte ich etwas sagen?
Mein Gegenüber legte den Kopf leicht schief. In seinen Augen flammte etwas wie höfliche Besorgnis auf. „Miss Davids?“, fragte er mit tiefer Stimme.
„J-Ja?“, antwortete ich und räusperte mich, weil mein Hals ganz ausgetrocknet war.
„Ist Ihnen heute Morgen aufgefallen, dass etwas fehlt?“, wiederholte er die Frage, die er mir wohl zuvor gestellt hatte.
Ich blickte ihn irritiert an.
Ein nachsichtiges Lächeln umspielte seine Lippen. Es wirkte falsch. Unter der höflichen Geste konnte ich die Ungeduld sehen. Dass ich nicht sofort wusste, worum es ging, ließ mich beschämt erröten.
„Was meinen Sie?“, fragte ich atemlos, weil ich ihm nicht folgen konnte.
„Nun, wie ich gerade sagte“, antwortete er und nun war seine Ungeduld deutlicher erkennbar, „Es liegt die Vermutung nahe, dass dies kein Selbstmord war, sondern Mord. Und da es in einer Galerie geschah, halte ich es für möglich, dass bei der Gelegenheit einige der Kunstwerke entwendet wurden. Ist Ihnen aufgefallen, dass etwas fehlt?“
Ich sah ihn sprachlos an. Weil aller Augen noch immer auf mir ruhten, sagte ich endlich, mit einem Hauch Starrköpfigkeit in der Stimme: „Ich habe es Ihren Leuten heute Morgen schon erklärt. Wir hatten eine Vernissage am Wochenende. Eine Vielzahl Gemälde wurden verkauft. Natürlich sind die Plätze leer.“
„Und ich habe Ihnen gerade eben erläutert, dass das Kalkül gewesen sein könnte“, erwiderte er ruhig, lehnte sich nach vorn, stützte die Ellbogen auf dem Tisch ab und legte das Kinn auf die ineinander verschränkten Finger. Sein Blick durchbohrte mich. Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhl herum. „Es ist eine günstige Gelegenheit, ein Gemälde zu entwenden, wenn bereits andere fehlen“, sagte er, „Dieser Diebstahl würde nicht so schnell auffallen. Er wäre sogar von langer Hand geplant.“
Ich erwiderte darauf nichts. Nach seinen Worten fühlte ich mich klein und unbedeutend. Das Gefühl behagte mir nicht.
Sein Blick ruhte noch eine ganze Weile auf mir, ehe er mich davon befreite, sich zurücklehnte und die Arme vor der Brust verschränkte. „Sie sollten es besser nachprüfen“, wies er uns an und seine Augen wanderten über uns drei. Links und rechts von mir nickten sie eifrig, doch ich hielt stur den Kopf gesenkt. Als er uns mit einem Wedeln seiner Hand entließ, hätte ich am liebsten entnervt aufgestöhnt. Sein gutes Aussehen und seine eindrucksvolle Präsenz konnten nicht über seine offenkundige Arroganz und seine kühle, berechnende Art hinwegtäuschen. Diese Erkenntnis brachte mich wieder auf den Boden der Tatsachen. Nur, weil er solche Dinge tagtäglich sah und darüber nicht so geschockt war, wie wir, hatte er noch lange nicht das Recht, uns derart herumzukommandieren! Was erlaubte er sich?
Meine ohnehin bereits angestrengten Nerven waren durch sein Gebaren zusätzlich gereizt.
Ich folgte Sandy und Claire hinaus in die Galerie, ehe ich meinen Gefühlen in diesem unpassenden Zeitpunkt Ausdruck verleihen konnte und ging im Computer die Bestellungen durch, die ich bereits am Abend der Vernissage an die Kunden verteilt hatten, sowie jene, die zur Abholung bereitstanden. Dann liefen wir durch die Galerie und prüften die verbliebenen Kunstwerke. Es gestaltete sich als ein wenig umständlich, da wir ja am Morgen bereits damit begonnen hatten, leere Plätze mit neuen Bildern aufzufüllen.
Schlussendlich aber konnten wir uns sicher sein, dass drei weitere Gemälde fehlten, die nicht auf der Bestellliste gestanden hatten.
Wir teilten unsere Erkenntnisse dem Mann mit, der, so informierte Claire mich hinter vorgehaltener Hand, Percival Graves war, einer der Chief Superintendents der Kriminalpolizei – also eine Art Polizeikommissar in höherer Position. Daher also sein großspuriges Auftreten. Warum er bei einem simplen Mord hinzugezogen wurde, erschloss sich mir zwar nicht ganz, aber ich hatte mir nie die Mühe gemacht, mich näher über die innere Struktur der Polizei zu informieren. Es hatte sicher seine Gründe, weshalb er hier war.
Als wir wieder mit ihm an einem Tisch saßen und ihn über die fehlenden Stücke informierten, nickte er, als würde es ihn nicht überraschen. Obwohl Claire redete, ruhte sein Blick auf mir, sodass meine Wangen nach einiger Zeit angefangen hatten, zu glühen. Zwar hielt ich ihn noch immer für arrogant und berechnend, doch das milderte seine Wirkung auf mich nicht. Seine Stimme, sein Duft, der den Raum erfüllte und seine schiere Anwesenheit machten es mir schwer, der Unterhaltung zu folgen. Ich ärgerte mich darüber, wie unfair das war. Obwohl ich seinen Charakter nach dem ersten Eindruck für unleidlich und abgehoben hielt, zog er mich körperlich unnachgiebig an. Das war in dieser Situation nicht nur unpassend, es war auch absolut gegen meinen Willen und machte mich wütend auf mich selbst. Doch die Wut hinderte den Effekt nicht. Mein Kopf wurde ganz benebelt, während ich das Gefühl bekam, alles in diesem kleinen Raum sei von seinem Geruch getränkt. Überdeutlich fühlte ich seinen Blick auf mir liegen, der mich durchbohrte, jede meiner Regungen und Bewegungen registrierte. Ehe ich es kontrollieren konnte, wurde meine Atmung flach und ungleichmäßig, als wäre ich ein Kaninchen im Käfig einer Schlange. Ich fühlte mich nackt und verletzlich, einem Raubtier ausgesetzt. Gehetzt wandte ich das Gesicht erneut ab, meinte aus den Augenwinkeln noch ein leichtes Schmunzeln zu sehen und versuchte krampfhaft, mich auf die Worte zu konzentrieren, die meine Chefin eben sprach. Ich mühte mich, konzentriert zu bleiben und aus dem benebelten Zustand zu finden, in den seine Anwesenheit mich brachte.
Als sie geendet hatte, blickte Claire den Mann abwartend an.
Mr. Graves antwortete ihr ruhig und konzentriert. Seine Stimme schien noch tiefer und rauer zu sein als zuvor. Sie grollte in ihm und mir lief bei dem Klang ein Schauer über den Rücken.
„Es ist, wie ich es mir gedacht hatte“, sagte er an Claire gewandt und nahm endlich seine Augen von mir. Ich atmete auf. „Der Mord war nicht das eigentliche Motiv. Er galt zur Vertuschung des Diebstahls. Wir werden den Fall weiter verfolgen.“ Er nickte und nach einer Pause fuhr er fort: „Also dann…“ Sein Stuhl wurde mit einem schabenden Geräusch zurückgeschoben. Ich konnte es nicht verhindern, ihn erneut anzusehen. Er erhob sich, während sein Blick von meinem erröteten Gesicht über mein Dekolleté glitt, wo er die flache Atmung sicher ablesen konnte. Ein amüsiertes, wissendes Funkeln lag in seinen Augen, das mir einen entnervten Stich versetzte. Während er zum Ausgang ging, folgten ihm die anderen Beamten. Auch Claire und Sandy waren aufgestanden. Ich schloss einen Moment die Augen, atmete tief ein, um mich zu sammeln und erhob mich ebenfalls, als ich sicher war, dass meine Beine mich tragen würden. Höflich folgte ich der Gruppe bis zum Ausgang.
„Die Spurensicherung wird noch einige Zeit benötigen“, sagte Mr. Graves an Claire gewandt, als er sich am Ausgang noch einmal umwandte, „Ich schlage vor, Sie lassen die Galerie heute den ganzen Tag über geschlossen.“ Seine Miene wurde geübt freundlich. „Gehen Sie nach Hause. Ich denke, nach so einem Tag sollten Sie sich alle ausruhen.“
Claire nickte langsam. „Wir danken Ihnen“, antwortete sie.
Er erwiderte das Nicken. Sein Blick streifte mich noch einmal beiläufig, dann hatte er sich umgedreht und war in seinen Wagen gestiegen. Sein Team folgte ihm. Außer der Spurensicherung war niemand mehr hier.

*


Müde und abgekämpft schloss ich die Wohnungstür hinter mir. Claire war in der Tat so nett gewesen, uns für den Rest des Tages freizustellen. Es hatte ohnehin nichts zu tun gegeben. Solange die Spurensicherung da war, konnten wir nicht ordentlich arbeiten, man würde sich nur in die Quere kommen. Und daran, Kunden hinein zu lassen, war im Augenblick noch weniger zu denken.
Mit einem leidenden Seufzen ließ ich mich aufs Sofa fallen und schloss die Augen. Was für ein Tag! Ich hörte leise Pfoten über den gefliesten Boden tapsen, die neben dem Sofa innehielten. Mit einem Satz landete etwas auf meinem Schoss. Es grub die Krallen in meine Jeans.
„Au“ beschwerte ich mich, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen und öffnete die Augen. „Hi Ginger“, begrüßte ich den orangerot getigerten Kater.
„Er heißt Hannibal“, korrigierte eine genervte Stimme von der anderen Seite des Raumes.
„Jaja“, murmelte ich und strich Ginger mit der Hand über den Kopf. Ich hatte ihn schon Ginger genannt, seit ich hier eingezogen war und ich würde damit niemals aufhören. Der Name gefiel mir viel besser als Hannibal. Wer dachte sich nur solche Namen aus?
Der Kater schmiegte sich in meine Handfläche. Es besserte meine Laune ein wenig.
Ich hörte schwere Schritte auf mich zugehen und dann das Geräusch von nachgebendem Polster. Widerwillig drehte ich den Kopf zum Sessel, wo Ryan saß, einer meiner Mitbewohner. Er war von eher kleiner, pummeliger Gestalt, die ihn aussehen ließ wie einen knuddeligen Teddy. Wie alt er war, wusste ich nicht mit Sicherheit, aber was ich wusste, war, dass er verbissen jeden Monat seinen Ansatz färbte, weil er Angst vor grauen Haaren hatte. Diese Eitelkeit war beinahe sein Markenzeichen. Sie beschränkte sich nicht nur auf sein Gesicht, sondern weitete sich auch auf seine Kleidungsfrage aus. Er war stets passend gekleidet, mit beinahe schon übertrieben aufeinander abgepassten Kleidungsstücken. Anders als den meisten anderen Menschen wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, eine Jogginghose zu etwas anderem als zu Sport zu tragen. Und da er keinen Sport trieb, hatte er auch keine Verwendung für eine Jogginghose.
Sein Blick wanderte mit offenkundigem Mitleid über mich und erfasste die Situation. „Oh Honey, du siehst furchtbar aus“, sagte er und gab Ginger ein Zeichen, zu ihm zu kommen. Natürlich ignorierte er ihn. Er ließ sich lieber weiter von mir streicheln.
„Danke“, erwiderte ich beleidigt und schloss erneut die Augen. Ginger legte sich auf meine Brust und schnurrte, während er den Kopf an meinem Hals rieb.
„Wieso bist du schon zu Hause?“, fragte Ryan weiter.
„Wir haben heute früher geschlossen“, gab ich wiederwillig Auskunft. Ich wollte nicht über die Details reden.
„So etwas kommt vor?“, fragte Ryan offenkundig überrascht, „Ich dachte nicht, dass Claire jemals zu etwas wie Menschlichkeit in der Lage wäre.“
Ich nickte schwach. Meine Chefin führte die Galerie mit eiserner Hand und klarer Struktur. Sandy nannte sie deshalb ganz gern ‚die zweite Thatcher‘ und blickte sich dann hastig um, um zu schauen, dass sie sie auch wirklich nicht gehört hatte. Dadurch, dass Claire strenge Linien vorgab, war die Galerie bei Kunstliebhabern recht bekannt und beliebt, aber geschenkte Freistunden oder ähnliches hatten die Mitarbeiter für gewöhnlich nicht zu erwarten.
„Wann fängst du heute an?“, wollte ich wissen, um das Thema zu wechseln. Ryan war Koch in einem bekannten Sternerestaurant und auf dem besten Wege, sich ganz an die Spitze zu arbeiten.
„Gegen sechs“, antwortete er und blickte auf die Uhr, die eben kurz nach zwei zeigte.
Sein Blick kehrte zu mir zurück. „Wirklich, Süße, bist du sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?“, fragte er einfühlsam nach, ging zu mir herüber und hob Ginger von mir herunter. Er zwang den Kater in eine Umarmung, aus der er sich freikratzte und zu Boden sprang. Ryan fluchte, als die Krallen ihn trafen und ließ ihn wiederwillig ziehen.
„Es liegt daran, dass du ihn Hannibal nennst“, sagte ich mit einem schwachen Grinsen, „Kein Wunder, dass er dich nicht leiden kann.“
Ryan hob milde mahnend den Zeigefinger. „Jetzt lenk nicht schon wieder vom Thema ab. Etwas ist passiert und du solltest darüber reden. Du siehst ja aus, als hättest du einen Geist gesehen!“
Ich verkrampfte mich bei dem Vergleich. „Fast“, murmelte ich leise und setzte mich auf, „Eher einen Toten.“
Weil ich ahnte, dass Ryan mir keine Ruhe lassen würde, bis ich ihm nicht alles erzählt hatte, begann ich, von meinem Tag zu erzählen. Die irritierenden Details über die Wirkung des Mannes, der uns befragt hatte, ließ ich dabei tunlichst aus. Der Tag war auch so bereits nervenaufreibend genug gewesen.
„Gute Güte“, hauchte Ryan schließlich und legte mir eine Hand auf die Schulter. Er drückte sie sanft. „Kein Wunder, dass du so niedergeschlagen aussiehst. Du solltest irgendetwas Schönes machen, um dich abzulenken.“
Ich lachte freudlos auf. „Und was?“, fragte ich, „Soll ich mir Liebesfilme reinziehen, bis ich das Gefühl los bin, dass die Welt ein furchtbarer Ort ist?“ Bei dem Gedanken daran schüttelte es mich.
Mit sanftem Tadel im Blick schüttelte Ryan den Kopf. „Zieh es nicht ins lächerliche“, bat er, „Es ist ganz normal, dass dich so etwas mitnimmt. Aber du darfst dich nicht so sehr darauf konzentrieren. Das führt zu nichts, dann bist du nur noch deprimierter.“ Ich nickte, während ich mir die Unterlippe zerbiss, doch mir fiel nichts ein, was mich ablenken konnte.
„Ich weiß etwas!“, rief Ryan aus, sprang auf und klatschte in die Hände, „Mein Restaurant hat jetzt endlich den separaten Raum mit Bar eröffnet, von der ich dir erzählt habe. Komm vorbei und sieh es dir an! Mit meinen Connections kann ich dir mindestens einen Gratis Caipirinha rausschlagen“, sagte er grinsend und zwinkerte mir zu.
Ich hielt das für keine gute Idee. „Ich weiß nicht“, sagte ich langsam, „Mir ist eigentlich nicht danach, den Abend zu versaufen.“
„Wer redet denn von versaufen, Süße?“, fragte Ryan mit schiefem Grinsen, „Du sollst dir den Laden nur ansehen! Greg hat sich wunderbar ins Zeug gelegt, du wirst begeistert sein!“
Nun wurde ich von Ryans Lächeln wirklich angesteckt. Greg war der Leiter des Restaurants, in dem er arbeitete und sein heimlicher Schwarm. Alles, was Greg machte, fand Ryan toll. Es war wirklich süß.
„Ist gut“, lenkte ich ein, damit er endlich Ruhe gab und seufzte ergeben, „Dann schaue ich es mir eben an.“ Ehe Ryan erfreut aufjauchzen konnte, hob ich beschwichtigend die Hand, „Aber ich kann nicht lange bleiben. Ich muss morgen wieder früh raus.“
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