The power of love

GeschichteFamilie, Freundschaft / P12
16.09.2017
16.09.2017
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Lest bitte mein Profil, da steht ein wenig was hierzu.

Die Story war mein erster größerer Versuch, die Bücher ein wenig zu verändern. Harry kriegt hier mehr Unterstützung und führt dadurch ein anderes Leben. Und Severus, der ihn unterstützt, lernt durch seinen Schützling ebenfalls eine Menge und kann viel seiner Vergangenheit aufarbeiten.

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Severus Snape saß auf seinem Platz am Lehrertisch in der Großen Halle in Hogwarts, der Zauberschule für Hexerei und Zauberei und blickte abwechselnd hinüber zu Albus Dumbledore, dem weißhaarigen Schulleiter mit dem gütigen Blick, zu den älteren Schülern, die an ihren Haustischen saßen und auf die Erstklässler warteten und zu seinem Kollegen, der neben ihm saß. Er verzog leicht das Gesicht, als ihm mal wieder eine Wolke Knoblauchgeruchs entgegen wehte.
Quirinus Quirrel war früher ein ruhiger, höflicher Mensch gewesen mit einer mittelmäßigen Begabung zum Zaubern und guten Kenntnissen der Muggelwelt. Deshalb hatte er auch Muggelkunde in Hogwarts unterrichtet. Doch seit seinem Jahr, welches er auf Wanderschaft verbracht hatte, war er anders geworden. Er war dauernervös, trug einen hässlichen, lilafarbenen Turban, der penetrant nach Knoblauch stank und er stotterte erbärmlich. Quirrel war ein Schatten seiner selbst. Und trotzdem hatte ihm Dumbledore den Posten als Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste angetragen. Oder gerade deswegen?
Dieser Posten galt als verflucht, denn kein Lehrer hatte sich seit vielen Jahren länger als ein Jahr in diesem Fach halten können. Sie waren danach ausgebrannt, verschwunden, verletzt oder schlimmeres. Auf jeden Fall waren sie nicht mehr in der Lage, ein zweites Jahr zu unterrichten, was für Dumbledore hieß, dass er diesen Platz Jahr für Jahr neu besetzen musste und dass die Schüler dort sehr wechselnden Unterricht bekamen. Und Quirrel sah so aus, als würde er auch ohne das Fach nicht mehr als ein Jahr durchhalten.
Severus seufzte innerlich. Es war sein Wunschfach. Seine Leidenschaft, die dunkel und glühend in ihm brannte. Er kannte die dunklen Künste, war in schwarzer Magie bewandert und sehr erfahren. Er hätte den Schülern eine Menge beibringen können. Aber das wollte Albus Dumbledore nicht. Der alte Mann vertraute ihm einfach nicht.
Nun gut, dazu hatte er auch nicht wirklich einen Grund, wenn man es genau nahm. Und es beruhte auf Gegenseitigkeit. Severus hatte Dumbledore ein Mal vertraut. Ein einziges Mal und er war bitter enttäuscht worden. Er verzog das Gesicht, als die Erinnerung ihm einen schmerzhaften Stich versetzte und blickte zur Tür, die jetzt aufging und die Sicht auf Professor McGonagall und eine Gruppe blasser Erstklässler freigab. Das lenkte ihn ein wenig von den aufkeimenden, negativen Erinnerungen ab und er war dankbar dafür.
Einige der neuen Schüler konnte Severus sofort zuordnen. Susan Bones, ihre Mutter arbeitete im Ministerium. Ein weiterer Weasley, gut an den roten Haaren und an den billigen, alten Sachen zu erkennen, die der Junge offensichtlich von einem seiner zahlreichen großen Brüder geerbt hatte. Draco Malfoy, der Sohn seines Freundes Lucius. Ganz sicher ein Slytherin und damit ein Schüler für sein Haus. Severus lächelte ihm kurz zu. Draco lächelte zurück. Crabbe und Goyle, seine Freunde und Bodyguards. Die Jungs fürs Grobe. Auch sie kannte Severus seit ihrer Geburt, war er doch mit den Eltern sowas wie befreundet.
Als McGonagall ein Stück zur Seite trat, fiel Severus’ Blick auf einen Jungen, der bis jetzt von ihr verdeckt gewesen war und der von allen Lehrer mit einer gewissen Spannung erwartet worden war. Das Kind war schlank, ein wenig zu schmal für sein Alter, vielleicht auch ein wenig zu klein. Er hatte verstrubbelte, schwarze Haare, trug eine Brille mit runden Gläsern. Und auf seiner Stirn, recht gut von den Haaren verborgen, hatte er eine Narbe. Blitzförmig und markant. Er schluckte, als der Junge den Blick hob und ihn jetzt ansah. Seine Augen huschten die Reihen der Lehrer ab, trafen auf Severus’ Blick, dem es heiß und kalt wurde. Das hatte er vergessen gehabt… Diesen Blick. Er keuchte leise und spürte, dass Quirrel ihn ansah, doch er ignorierte seinen Kollegen.
Das war er also. Harry Potter. Der Sohn von Lily und James Potter. Unwillkürlich ballte Severus die Hände zu Fäusten. Er sah genauso aus wie sein Vater. Naja, zumindest sah er ihm recht ähnlich. Zu ähnlich.
Der Junge senkte den Blick. Kurz verzog er das Gesicht, fasste sich an den Kopf und rieb sich über die Narbe. Ob sie ihn schmerzte, seit er sie bekommen hatte? Wundern würde ihn das nicht. Immerhin war es der mächtigste Fluch dieser Welt gewesen, der ihn dort getroffen hatte und so etwas hinterließ mehr Spuren, als ein wenig dunkler gefärbte Haut.
Der Weasley-Sprössling sprach ihn kurz an und Harry schüttelte leicht den Kopf. Dann wandte er den Blick wieder McGonagall zu, die erklärte, wie die Verteilung der Schüler auf die Häuser funktionieren würde. Und dass man mit guten Leistungen Punkte für das Haus gewinnen konnte, um so am Jahresende den Hauspokal zu erringen. Severus grinste leicht. Sein Haus hatte in letzter Zeit sehr oft gewonnen und er nahm sich vor, auch dieses Jahr wieder sein Möglichstes zu tun, damit das so blieb. Auch wenn das hieß, seinem Ruf alle Ehre zu machen. Seinem Ruf als unfairer, kaltherziger, böser Lehrer. Doch damit konnte er verdammt gut leben.
Severus drehte den Kopf und sah Quirrel an, der ihn von der Seite musterte. “Was ist?”, knurrte er den Mann leise an.
“N…n…nichts”, brachte der hervor und seine Augen huschten durch den großen Raum. McGonagall rief jetzt die erste Schülerin zum Hocker, wo sie sich hinsetzte und den sprechenden Hut auf den Kopf bekam. Dieser verteilte die Schüler auf die vier Hogwartshäuser, je nach ihrer inneren Einstellung und Begabung. Sie wurde zu einer Gryffindor und ging mit einem Lächeln zum Tisch. Lavender Brown wurde von ihren neuen Klassenkameraden willkommen geheißen. Susan Bones kam nach Hufflepuff, ein Junge nach Slytherin. Crabbe ebenso, natürlich. Goyle folgte seinem Freund zum Tisch, über dem ein grün-silbernes Banner wehte. So ging es eine Weile weiter.
“Harry Potter”, rief McGonagall irgendwann und es wurde totenstill. Alle Schüler und Lehrer starrten den schmächtigen Jungen an, dem diese Aufmerksamkeit sichtlich unangenehm war. Zögernd ging er zum Hocker, setzte sich und bekam den Hut auf den Kopf. Severus war gespannt, in welches Haus er kommen würde. Er vermutete Gryffindor, immerhin waren seine Eltern auch dort gewesen.
Eine leichte Bewegung links von ihm, ließ ihn zu Dumbledore rüber schauen. Es zog sich, man hörte den Hut leise wispern. Offenbar war es nicht so einfach, einen Jungen, der als Baby schon den größten schwarzen Magier aller Zeiten verjagt hatte, einem Haus zuzuteilen. Dumbledore sah Severus über seine Halbmondbrille hinweg an, der Blick keineswegs mehr so freundlich, wie er sonst seine Schüler musterte. Er sah jetzt sehr ernst aus und sehr streng.
Severus wusste, dass es eine stille Warnung an ihn war. Und er verstand sie sehr genau. Wütend blickte er wieder nach vorn, als der Hut ausrief: “Gryffindor” und Fred und George Wesley aufsprangen, klatschten und andere Gryffindors ihnen begeistert folgten.
Severus hatte nichts anderes erwartet. Seine Eltern waren Gryffindors gewesen, durch und durch. Auch wenn seine Mutter die Begabung für eine Ravenclaw gehabt hätte, so waren doch ihr grenzenloser Mut, ihre Güte und ihr gutes Herz die entscheidenden Merkmale gewesen.
Harry ging mit zitternden Beinen langsam zum Tisch und setzte sich, nicht ohne dass ihm diverse Leute auf die Schultern klopften, als würden sie ihn seit Jahren kennen. Severus merkte, dass er den Kopf gesenkt hatte und inmitten seiner neuen Klassenkameraden sehr einsam wirkte.
Die restlichen Schüler wurden verteilt, unter ihnen Draco, der natürlich nach Slytherin kam. Dafür hätte es den Hut nicht gebraucht. Seine Eltern, seine gesamte Familie, alle waren Slytherins gewesen und die meisten, die Severus persönlich kannte, waren Voldemort gefolgt, als der vor vielen Jahren an die Macht gelangt war.
Der Weasley-Junge, der Ronald hieß, kam zu seiner sichtbaren Erleichterung nach Gryffindor und damit war die Zeremonie beendet.
Dumbledore erhob sich, hieß die Schüler willkommen, die neu waren und begrüßte die zurück, die in den Klassen 2 bis 7 waren. Er wünschte ihnen viel Glück und Kraft für die Schule, mahnte sie, dass der Verbotene Wald immer noch verboten war und dass der Korridor zum rechten Flügel im dritten Stock nicht betreten werden durfte, wenn man nicht den Wunsch verspürte, eines schmerzhaften Todes zu sterben.
Severus verbiss sich ein Auflachen. Fast jeder Schüler war schon im Verbotenen Wald gewesen, obwohl der wirklich gefährlich war. Und was den Korridor anging… Dort gab es tatsächlich die Möglichkeit, sehr schnell, sehr schmerzhaft ums Leben zu kommen, auch wenn die Schüler unten leise lachten und es für einen von Dumbledores Witzchen hielten. Argus Filch, der Hausmeister von Hogwarts, und seine Katze Mrs Norris, würden jede Menge zu tun haben, die neugierigen Schüler wirklich davon fern zu halten. Aber das würde er mit größtem Vergnügen tun, denn Schüler zu schikanieren und zu maßregeln, war seine Lieblingsbeschäftigung.
Wieder blickte er zu Harry Potter hinüber, der sich erneut über den Kopf rieb. Severus fragte sich, wie lange der Junge schon von seinem Schicksal wusste, was er wohl mitgeteilt bekommen hatte und wie er sich fühlte. Und er war neugierig, wie er sich im Unterricht machen würde.
James Potter, sein Vater, war ein Querulant und Unruhestifter gewesen. Großartig im Sport, beliebt, gut aussehend, aber eher durchschnittlich intelligent, Severus’ bescheidener Meinung nach. Lily Potter, geborene Evans, war das Gegenteil gewesen. Ruhig, ordentlich, immer gepflegt, zu jedem Lebewesen höflich. Sie hatte in jedem Menschen einen guten Kern gesehen, selbst dann, wenn der es selber nicht hatte sehen können. Sie war sehr gut in der Schule gewesen, hatte Talente gehabt, die ihr vielleicht zu einer großen Karriere verholfen hätten.
Hätte sie nicht James Potter geheiratet, einen Jungen bekommen, der von Voldemort als größter Gegner ausgewählt worden wäre und wäre sie dann nicht von ihm umgebracht worden, bei dem Versuch, ihren Sohn vor dem mächtigen Zauberer zu schützen. James und Lily waren tot. Harry lebte. Wie immer er es geschafft hatte, wie immer seine Mutter ihn geschützt hatte, der Junge hatte den Todesfluch Voldemorts überlebt und den Magier verschwinden lassen. Er war berühmt und gefeiert. Ohne etwas dafür zu können. Ohne selber etwas getan zu haben.
Das erinnerte Severus an James, dem gewisse Sachen auch zugefallen waren, ohne dass er sie verdient oder erarbeitet hätte. Sein Verhalten hingegen wirkte eher wie das von Lily. Ruhig und zurückhaltend, fast schüchtern. Es irritierte ihn. Als ihn der Blick aus den grünen Augen wieder traf, die aussahen, als wären es die Augen seiner Mutter, senkte er langsam den Kopf und widmete sich dem Essen, welches vor ihm auf dem Tisch aufgetaucht war. Er konnte diesen Blick nicht ertragen. Nicht in seiner Erinnerung, nicht in seinen Träumen, die ihn immer wieder quälten und erst Recht nicht in der Realität hier in der Schule.

Harry hingegen hatte keinen Hunger. Und keine Lust, mit den anderen Schülern zu sprechen. Er war einfach nur völlig verwirrt und überfordert. Natürlich war es hier in Hogwarts eine Million mal besser, als im Haus seiner Tante und seines Onkels, wo er aufgewachsen war. Die beiden waren Muggel, also Nichtmagier. Und sie hatten ihn mit Lügen, Schlägen und Kälte erzogen, um ihm seine magischen Anwandlungen auszutreiben, von denen Harry selber gar nichts gewusst hatte.
In einem Abstellschrank unter der Treppe aufgewachsen, was man als sein Zimmer bezeichnet hatte, stets zu wenig zu essen, harte Arbeit, Demütigungen und Schläge als Erziehungsmethode. Sie hatten ihm nie etwas über seine Eltern erzählt oder über die Narbe auf seiner Stirn. Nur ein einziges Mal und zwar, dass seine Eltern tot seien, sich im Suff tot gefahren hatten und dass sie ihn jetzt am Hals hatten. Und dass er gefälligst dankbar sein solle, dass sie ihn überhaupt aufgenommen hatten. Aber das war schwer gewesen und Harry hatte es nie gekonnt.
Ein Teil von ihm hatte die Geschichte mit dem Autounfall auch nie geglaubt. Er hatte aber gelernt, nicht mehr nachzufragen. Und eigentlich war er auch die meiste Zeit des Tages sehr damit beschäftigt gewesen, sich vor Dudley, seinem Cousin, in Sicherheit zu bringen, der nur eine Lieblingsbeschäftigung kannte. Harry verprügeln.
Als dann der Brief gekommen war, immer und immer wieder, weil Vernon Dursley seinem Neffen nicht zeigen wollte, wer ihm da geschrieben hatte und einen Brief nach dem anderen vernichtete, hatte der Junge gespürt, dass etwas passierte. Es hatte kurz vor seinem 11. Geburtstag angefangen mit Eulen, die diesen Brief immer wieder versuchten zuzustellen. Das allein war schon ungewöhnlich gewesen. Und die Reaktion von Petunia und Vernon Dursley auf den Absender, den Harry nicht einmal zu Gesicht bekommen hatte, genauso.
Sie wussten, worum es ging, aber sie taten alles, um es Harry vorzuenthalten. Doch der Schreiber war genauso stur gewesen wie sein Onkel und er hatte unbedingt dafür sorgen wollen, dass Harry seinen Brief bekam. Und so kamen immer mehr und mehr Briefe. Tag für Tag.
Und am Tag als er 11 geworden war, besser in der Nacht, die er in einem alten Leuchtturm, zitternd unter einer dünnen Decke auf dem Fußboden liegend, verbracht hatte, weil sein Onkel vor den Briefen, die mittlerweile das ganze Haus der Dursleys füllten, geflüchtet war, war es dann passiert.
Er hatte sich im Staub des Bodens einen Kuchen gemalt, mit 11 Kerzen und hatte sie ausgepustet, mit einem einzigen, tiefen Wunsch im Herzen. Von den Dursleys weg zu kommen. Egal wie, egal wohin. Und dann war Hagrid plötzlich da gewesen.
Rubeus Hagrid, ein Riese von einem Mann, mit Händen so groß wie Topfdeckel und einem dichten Vollbart, der fast sein gesamtes Gesicht verdeckte, hatte ihm einen Kuchen gebracht, einen Brief und er hatte ihm endlich die Wahrheit gesagt.
Harry Potter war ein Zauberer, seine Eltern waren von einem bösen Zauberer getötet worden, der Voldemort hieß. Wobei alle Menschen, die davon wussten, wohl Angst hatten, den Namen auszusprechen und ihn meist Du-weißt-schon-wer nannten.
Und er hatte ihn mit nach London genommen und ihm geholfen, an sein Erbe zu kommen, viele, viele Goldstück, die in einem Verlies unter der Zaubererbank Gringotts auf ihn warteten. Sie hatten seine Schulsachen gekauft, in der Winkelgasse in London, einer Einkaufsstraße nur für Zauberer. Er hatte Harry erzählt, dass er berühmt war, weil der böse Voldemort in der Nacht verschwunden war, als er Harry hatte töten wollen.
Und der Punkt war der einzige, der Harry nicht so gefiel. Er wollte doch gar nicht berühmt sein. Er wollte in Ruhe und Frieden auf dem Internat lernen und vielleicht ein paar Freunde finden, später einen guten Job und nur weg von den Dursleys.
Einen Monat hatte er dann noch bei den Dursleys leben müssen, allerdings befreit von Dudley, der jetzt panische Angst vor ihm hatte. Wohl auch, weil Hagrid ihm einen Schweineschwanz angehext hatte. Harry hatte es sehr lustig gefunden. Zum ersten Mal in seinem Leben war jemand auf seiner Seite gewesen.
Es war ihm sehr leicht gefallen, sich damit zu arrangieren, ein Zauberer zu sein, auch weil das viele Dinge erklärte, die in seinem Leben so passiert waren und für die er bis dahin keine Erklärung gehabt hatte. Wundersame Dinge, in Situationen, wo er unglaublich wütend, verletzt oder verängstigt gewesen war. Und natürlich auch, weil es irgendwie cool war, zaubern zu können.
Im Zug nach Hogwarts hatte Harry Ron Weasley getroffen, den jüngsten Sohn der Großfamilie Weasley und sie hatten auch Neville Longbottom, einen schüchternen, dicklichen Jungen mit einer Kröte und Hermine Granger, ein Mädchen mit buschigen, braunen Haaren, kennen gelernt. Harry hatte die anderen Kinder auf Anhieb irgendwie gemocht. Und alle waren sie jetzt in Gryffindor. In seinem Leben war doch eigentlich alles okay.
Das Essen, was vor ihm stand, duftete verführerisch und es war so viel, wie Harry noch nie im Leben gesehen hatte. Aber er bekam nichts hinter. Er hatte eine Scheißangst, um es direkt zu sagen. Denn er hatte gemerkt, wie ihn seine Mitschüler angesehen hatten, die meisten bewundernd, einige neidisch und abwertend, wie sie hinter seinem Rücken über ihn tuschelten. Natürlich, sie kannten seinen Namen. Sie waren mit seiner Geschichte aufgewachsen. Er war hier in der Zaubererwelt ein Held, weil er ja irgendwie Voldemort entkommen war. Ihn sogar verjagt hatte.
Aber was immer in der Nacht, an die er sich natürlich nicht mehr erinnern konnte, wirklich geschehen war, er hatte sicher nichts Heldenhaftes getan. Denn er war noch ein Baby gewesen. Gerade einmal 15 Monate alt. Wie hätte er irgendetwas tun können, um einen mächtigen, erwachsenen Magier wie diesen Voldemort aufzuhalten, wenn seine eigenen Eltern es nicht geschafft hatten und von ihm getötet worden waren? Die Menschen um Harry feierten den Tag als den Tag, wo Voldemort verschwunden war. Für ihn war es der Abend, an dem er seine Eltern verloren hatte. Und mit ihnen seine bis dahin sicher sehr schöne Kindheit.
So saß er da, schaute über die Reihen der Schüler, grübelte, antwortete kurz, wenn ihn jemand ansprach und schwieg sonst. Zum Lehrertisch sah er nur kurz und verstohlen hoch, denn einer der Lehrer beobachtete ihn sehr interessiert und eingehend und das gefiel ihm nicht, denn der Mann sah ihn ziemlich böse an.
Irgendwann waren alle Teller schmutzig, vieles vom Essen verputzt und alle Schüler satt. Dumbledore, der Schulleiter, der Harry sehr freundlich angesehen hatte, wünschte allen eine gute Nacht und die Vertauensschüler führten die Erstklässler zu ihren Schlafsälen.
Mit den anderen Schülern folgte er Percy Weasley, einem von Rons älteren Brüdern, zum Gryffindorturm. Durch Flure, in denen Rüstungen und Statuen standen, Treppen nach oben, wo Gemälde an den Wänden hingen, die sie begrüßten oder ihnen einfach nachsahen.
Der Eingang zu den Schlafsälen der Gryffindorschüler war hinter dem Porträt der Fetten Dame verborgen, die ihn gegen ein Passwort frei gab. Dahinter lag ein hübscher Gemeinschaftsraum mit Sofas, Sesseln und einem Kamin. Es gab Tische für die Hausaufgaben und einen Teppich, der die Schritte dämpfte. Harry fand es wunderschön hier. Und sehr gemütlich.
Und dann gab es noch Schlafräume. Sieben für die Jungs, sieben für die Mädchen. Die verschiedenen Jahrgänge schliefen in einem Raum und so landete Harry an diesem Abend in einem großen Himmelbett und konnte von dort seine neuen Klassenkameraden Ron Weasley, Dean Thomas, Seamus Finnigan und Neville Longbottom sehen. Fünf Jungs waren in Klasse 1 bei den Gryffindors.
Harry lag an diesem Abend noch lange wach. Er grübelte, wie es wohl am nächsten Tag, ihrem ersten regulären Schultag laufen würde. Wahrscheinlich würde er sich vollkommen blamieren, weil er ja gar keine Ahnung von Zauberei hatte. Und weil die Leute Wunder von ihm zu erwarten schienen.
Er dachte an Rons Zwillingsbrüder Fred und George, die sich so gefreut hatten, dass er, Harry Potter, nach Gryffindor gekommen war. Er dachte an Hermine Granger, die in ebenfalls bei Muggeln aufgewachsen war und offenbar schon alle Bücher gelesen und auswendig gelernt hatte. Ihre Eltern waren auch Muggel, aber sie hatte die Ferien mit Lernen verbracht. Hätte er Zugang zu seinen Büchern gehabt, hätte er das auch tun können. Aber sein Onkel hatte sie ja weg geschlossen.
Und er dachte an die Lehrer. An die strenge Professorin Minerva McGonagall, die seine Hauslehrerin war und ihn auch in Verwandlung unterrichten würde, wie Percy ihm auf Nachfrage kurz erklärt hatte. An Hagrid, der ihm fröhlich zugewinkt hatte. An Professor Dumbledore, der ihn mit einem liebevollen Lächeln gemustert hatte. Und an den dunkelhaarigen, blassen Professor Snape. Zaubertränkelehrer und Hauslehrer von Slytherin.
Harry war aufgefallen, dass der Mann ihn ständig gemustert hatte. Nun gut, das hatten viele getan, aber bei ihm war es anders. Dieser Mann hatte ihn anders angesehen. Irgendwie erkennend, aber Harry wusste, dass er ihn noch nie gesehen hatte. Manchmal hatte er sowas wie Hass oder Wut in den dunklen, fast schwarzen Augen des Mannes gesehen. Aber warum sollte der Mann ihn hassen? Sie kannten sich nicht. Ja, dieser Mann war ihm von allen Lehrern am Meisten in Erinnerung geblieben, denn er machte ihm irgendwie Angst.
Langsam drehte er sich auf die Seite und dachte an seine Schneeeule Hedwig, die ihm von Hagrid zur Einschulung geschenkt worden war. Gern hätte er sie jetzt hier gehabt, um sie zu streicheln und um sich nicht so allein zu fühlen. Aber sie war in der Eulerei, zusammen mit anderen Eulen von Schülern und natürlich mit den Schuleulen. Und er war hier allein, konnte nicht einschlafen, während seine Mitschüler friedlich und ruhig einer nach dem anderen in den Schlaf sanken und hatte Angst vor dem nächsten Tag. Er hatte sich so gefreut, hierher zu kommen, jetzt hatte er einfach nur Angst, total zu versagen und wieder von allen Seiten niedergemacht zu werden. Wieder allein zu sein, so wie immer, seit er denken konnte.
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