Die Theorie der ungenutzten Chancen

von Knusta
GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
Amy Fowler Leonard Hofstadter Penny Sheldon Cooper
13.09.2017
23.03.2018
20
77.410
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13.09.2017 2.830
 
2. Kapitel – Risse in der Fassade

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„Also Amy, erzähl schon! Wie läuft es mit dir und Sheldon?“

Die beiden Freundinnen saßen nebeneinander an Pennys Küchentisch und aßen Vanilleeis. Nach einem ausgedehnten Tag in der Mall war Bernadette zu Howard gefahren und Amy hatte sich nur zu gern bereit erklärt, den Tag mit Penny ausklingen zu lassen.

„Was genau meinst du?“ Amy warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, während sie eine Portion Eis auf ihrem Löffel balancierte.

„Na ja“, Penny wedelte mit ihrem Löffel in der Luft herum. „Wir hatten in den letzten Wochen kaum Zeit, uns zu unterhalten. Ist bei euch alles ok?“

„Ich war bisher noch nie in einer Beziehung und habe deshalb keine Vergleichswerte, aber ich bin glücklich“, sagte Amy nach einer kurzen Pause. „Allerdings habe ich Sheldon eine Weile nicht mehr in Natura gesehen, weil wir beide momentan wichtige Projektabschnitte haben und uns auf die Arbeit konzentrieren müssen.“

„Oh, wie schade. Dann wirst du ihn sicherlich vermissen.“

Amy machte ein erstauntes Gesicht und zog die Brauen hoch. „Das ist nicht Schade. Ich liebe meine Arbeit und Sheldon liebt die Physik.“

Penny hielt im Essen inne und warf ihrer Freundin einen vielsagenden Blick zu. „Aber wenn ihr euch momentan so wenig seht… hast du keine Sehnsucht?“

„Sehnsucht?“ Amy stützte den Kopf in ihre Hand und sah zur Decke hoch. „Wir skypen in regelmäßigen Abständen und halten den Kontakt durch E-Mails aufrecht. Ich sehe Sheldon fast öfter als mir lieb ist.“

Penny erhob sich und füllte ihre Schale auf. „Ich weiß ja, dass Sheldon diese Keim-Sache hat und Körperkontakt verabscheut, aber was ist mit dem physischen Aspekt eurer Beziehung?“ Sie hielt inne und runzelte die Stirn. „Warte, ich weiß gar nicht, ob ich das wirklich wissen will.“

„Jetzt verstehe ich, es geht dir um Bettgeflüster!“ Amys Augen blitzen freudig auf. „Beste Freundinnen erzählen sich doch alles, egal wie schmutzig unsere geheimen Geheimnisse sind, richtig?“ Dann wurde ihr Gesichtsausdruck unlesbar. „Allerdings gibt es da nichts zu berichten. Wir haben Hände gehalten, aber das weißt du bereits, weil du dabei warst.“

Ja, das hatte Penny allerdings mitbekommen. Beim Fernsehen hatte Amy an einer besonders spannenden Stelle Sheldons Hand halten dürfen. Das war genau für fünf Minuten gut gegangen, dann hatte Sheldon wieder einmal auf irgendwelche Vertragsklauseln hingewiesen.

„Ja, richtig. Händehalten ist für Sheldon sicher ein großer Schritt.“

„Eher ein mikroskopisch kleiner Schritt, wenn du mich fragst.“ Mit einer ruckartigen Bewegung warf Amy ihr Haar zurück und zog ihre Wolljacke glatt. „Ich bin so weit gekommen, ich kann jetzt nicht aufgeben. Du solltest mich mittlerweile kennen, Penny.  Es wird sich schon eine Möglichkeit finden lassen,  Sheldon dazu zu bringen, diese lächerlichen Klauseln abzuschaffen und wenn wir es getan haben  - ich meine miteinander geschlafen - , wirst du die erste sein die es erfährt, liebe beste Freundin.“

Amy legte ihren Kopf an Pennys Schulter und diese zwang sich zu einem Lächeln. „So ist es richtig, immer her mit dem Optimismus. Das kann bei Sheldon nicht schaden.“

Amy warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. „Kürzlich habe ich mit meiner Mutter telefoniert und sie war das erste Mal seit langem mit meinen Entscheidungen zufrieden. Zumindest was Sheldon anbelangt. Bei dir ist sie sich nach wie vor unsicher.  Kein guter Einfluss, du weißt schon. Aber worauf ich hinaus will ist, dass Sheldon aus mehr als nur einem Grund eine sehr gute Partie für mich ist. “

„Sicher wirst du mir das gleich in aller Ausführlichkeit erklären.“

„Wir haben auf intellektueller Ebene einen ebenbürtigen Partner ineinander gefunden. Alle Welt sagt, Gegensätze ziehen sich an, aber für eine gesunde romantische Beziehung braucht man meiner Meinung nach zu allererst eine gemeinsame Basis. Ich kann mit Stolz behaupten, das Sheldon und ich diese Basis gefunden haben. Wir haben ähnliche Interessen, denselben Humor und sind beide der Meinung, dass eine romantische Beziehung nicht in Kitsch und Selbstaufgabe enden muss. Nur das mit den Superhelden ist ein wenig lächerlich, aber jeder hat seine Leichen im Keller.“

„Und dieser Vertrag? Was, wenn Sheldon es nicht schafft, den hinter sich zu lassen und es niemals zu Bettgeflüster kommen wird?“

Amy seufzte und machte ein frustriertes Gesicht. „Daran dürfen wir gar nicht denken, Penny!  Es steht außer Frage, das Sheldon ein attraktiver Mann ist und ich bestimmte Bedürfnisse habe, die bisher auf der Strecke geblieben sind. Aber ich kann Sheldon ja schlecht zu etwas zwingen. Das wäre dann ja genaugenommen Vergewaltigung. Nicht, das ich so etwas planen würde. Es ist nicht so leicht an Rohypnol zu kommen, wie man denken könnte.“

Penny würgte ihr Eis hinunter und hatte Mühe einen neutralen Gesichtsausdruck beizubehalten.
Amy begutachtete bekümmert den schmelzenden Klumpen Vanilleeis in ihrer Schale. „Hast du zufällig noch etwas von diesem Kirschlikör? Mir ist jetzt nach Alkohol zumute.“


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Der Morgen war schon lange vorbei, als Penny frisch geduscht und angezogen ihre Wohnung verließ. Sie war auf dem Weg zu ihren Nachbarn, um etwas Kaffee zu ergattern und eventuell einen kleinen Plausch mit Leonard zu halten.

Als sie nach einem nachlässigen Klopfen eintrat, konnte sie nur Sheldon entdecken, der auf seinem Platz auf dem Sofa saß und seinen Laptop auf den Knien balancierte. „Guten Tag, Penny. Oder sollte ich dir lieber einen guten Morgen wünschen?“

Penny ging nicht darauf ein und ließ sich neben Sheldon auf das Sofa fallen, um ihm einen freundschaftlichen Knuff gegen die Schulter zu geben. Das war genug, um ihn aus seinen Grübeleien zu reißen, aber nicht genug für eine Grundsatzdiskussion zum Thema ‚Privatsphäre‘. Sheldon zuckte zusammen und sah sie leicht verärgert an. Dann zog er seinen T-Shirt-Ärmel wieder in Position.  

„Wo ist Leonard? Im Bad?“ Fragte Penny, bevor Sheldon überhaupt den Mund aufmachen konnte.

„Ich habe ihn zum Einkaufen geschickt und war bis eben überaus dankbar für ein paar Minuten wundervoller Ruhe.“ Er stellte seinen Laptop auf dem Tisch vor sich ab und klappte ihn zu. „Womit rechtfertigst du deine Anwesenheit in meinem Zuhause?“

„Oh, ich weiß nicht. Mir war langweilig.“

Sheldon gab ein schnaubendes Geräusch von sich und schüttelte den Kopf. „Du unterbrichst meine Arbeit, um mir von deinen Gefühlsduseleien zu berichten? Wenn dir langweilig ist, würde ich dir vorschlagen, deine Wohnung aufzuräumen.“

Penny schluckte einen beißenden Kommentar runter und lächelte ihn an. „Das ist eine sehr gute Idee, Schätzchen. Später vielleicht.“

Sheldon musterte sie mit ausdruckslosem Gesicht und Penny konnte es nicht länger für sich behalten.  „Sheldon, kann ich dir eine Frage stellen?“

„Gerne, aber es besteht die Möglichkeit, dass ich darauf nicht antworten werde.“ Sheldons Augen wanderten bereits zurück zu seinem Laptop, seine Hand streckte sich aus, um das Gerät wieder an sich zu nehmen.

„Ich denke, Amy ist unglücklich damit, wie die Dinge laufen.“

Sheldons ausgestreckte Hand verharrte für einige Sekunden reglos in der Luft, dann drehte er sich ruckartig zu Penny um.  „Erstens: Das ist keine Frage, sondern die Äußerung einer vagen Vermutung. Zweitens: Hat sie das so gesagt?“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass es so ist.“

„Du bist dir also ‚ziemlich sicher‘.“ Sheldon schenkte ihr ein schmales Lächeln, das augenblicklich verschwand, als er weitersprach. „Deine Beweisführung ist mehr als dürftig, Penny. Worüber genau ist sie denn deiner Meinung nach unzufrieden?“

„Du hast es Amy mit diesem Beziehungsvertrag nicht grade leicht gemacht und sie hatte die Hoffnung, dass du mit der Zeit ein wenig lockerer werden würdest, wenn du weißt, was ich meine.“

„Ob ich weiß, was …“ Jetzt sah er sichtlich entrüstet aus  „Lockerer? Sehe ich aus wie ein Hippie? Amy hat dem gesamten Inhalt des Vertrages zugestimmt – somit auch allen Absätzen und Zusatzklauseln. Ihr Name steht darunter. Da sie dir den Vertrag per Mail  geschickt hat, solltest du damit vertraut sein. Nicht, dass ich es gutheiße, das sie derart private Dokumente an jeden Hinz und Kunz schickt, aber das ist jetzt nicht mehr zu ändern.“

„Und da haben wir es ja.“ Penny seufzte und rollte mit den Augen. „Wie du schon sagtest: Es ist euer Vertrag. Ich werde das ganz sicher nicht lesen. Du solltest nur wissen, dass Amy nicht zufrieden damit ist, wie sich das Ganze entwickelt. Wenn sie dir etwas bedeutet, solltest du über deinen Schatten springen und einen Schritt nach vorn machen.“

Jetzt wirkte Sheldon doch ein wenig nachdenklich. Er legte die Fingerspitzen aneinander und sah sie fragend an. „Ich habe mir doch bereits mehr Mühe gegeben, sonst wäre Amy eine Liaison mit Stuart eingegangen.“

„Ja, du hast sie davon überzeugt, dass du der Richtige für sie bist, aber drauf kann man sich doch nicht ausruhen. Vielleicht sollten wir die Sache anders aufrollen. Was ist mit dir? Bist du zufrieden, Sheldon?“

„Welchen Grund hätte ich, nicht zufrieden zu sein? Ich bin gesund, habe ein Dach über dem Kopf und eine Arbeit. Des Weiteren bin ich Teil einer sozialen Gruppe und habe eine Freundin. Also ja, ich bin zufrieden.“

„Sheldon! Wirklich? Ich versuche nur, dir zu helfen.“

„Ich verstehe nur nicht genau wobei. Wenn Amy ein Problem hat, wird sie es mir sagen.“
Penny erhob sich. „Aber vielleicht wäre es klug, ihr zuvor zu kommen.“

Sheldon griff bereits wieder nach dem Laptop und klappte ihn auf. „Ich denke darüber nach“, murmelte er und war schon wieder in seiner eigenen Welt verschwunden.  

Aber Penny wusste, dass sie einen Nerv getroffen hatte. Jetzt brauchte sie sich nur noch zurücklehnen und abzuwarten, wer der beiden sich zuerst mit Neuigkeiten melden würde.


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Auf dem Weg zurück in ihre Wohnung kam Leonard außer Atem und mit einer Einkaufstüte bepackt die Stufen hoch.

„Hey Penny.“

„Hey“, sie spielte mit ihrem Türschlüssel und suchte nach den richtigen Worten. „Kann ich kurz mit dir sprechen?“

„Klar!“ Sofort war Leonard ganz Ohr und stellte seine Tüte neben der Tür ab, bevor er Penny in ihre Wohnung folgte. „Worum geht`s?“

Penny drehte sich zu ihm um. „Was denkst du über Shamy?“

Irritiert verschränkte Leonard die Arme vor der Brust. „Ähm….was willst du hören?“

„Meinst du, sie sind glücklich?“, fragte Penny, während sie ihre Schlüssel achtlos auf ihren Wohnzimmertisch fallen ließ.

„Die beiden sind wie zweieiige Zwillinge, Penny.“ Er begann zu grinsen, fasste sich aber schnell wieder, als er Pennys ernstes Gesicht sah. „Ich denke, dass sie … ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Warum fragst du mich das?“

„Weil ich glaube, dass es schief gehen könnte. Amy hat da etwas angedeutet.“

Leonard runzelte die Stirn. „Ich denke nicht, dass wir normal Sterblichen je verstehen werden, was sie ineinander sehen, aber es muss etwas geben. Wenn sie nicht zufrieden sind, dann werden sie das untereinander klären. Ich weiß, manchmal vergisst man, dass die beiden erwachsen sind. Sie kriegen das schon hin, glaub mir.“

„Ja, du hast wahrscheinlich recht“, murmelte Penny und setzte sich auf die Sofalehne. Das war nicht ganz das, was sie hatte hören wollen. Aber was wollte sie denn hören? War ihr Leben wirklich so langweilig, dass sie sich so auf das anderer stürzen musste?

Leonard sah auf seine Uhr und griff nach dem Türknauf. „Ich muss die Pizza bestellen. Kommst du zum Essen rüber?“

Penny schüttelte langsam den Kopf. „Ich glaube, ich lege mich noch mal hin.“

„Penny, es ist erst halb fünf. Ist alles ok mit dir?“

„Es ist nichts. Geh schon rüber, bevor Sheldon dir den Kopf abreißt.“

Leonard zögerte kurz, bevor er die Haustür öffnete. „Also gut, dann…wenn du was brauchst, du weißt ja, wo du uns findest.“

Penny nickte abwesend und Leonard zog leise die Tür hinter sich zu. Dann trat Stille ein und Penny erhob sich vom Sofa, um in ihr Schlafzimmer zu schlurfen, wo sie sich in ihr frisch bezogenes Bett fallen ließ. Gestern war ihr der Weichspüler ausgegangen und so hatte sie sich gnädigerweise ein wenig von Sheldons borgen dürfen, der es sich nicht hatte nehmen lassen, die Dosierung millimetergenau in die kleine Verschlusskappe zu zirkeln. War es nicht viel einfacher, ihr die ganze verdammte Flasche mitzugeben? Ein verrückter Kerl.

Sie atmete tief ein und wurde von dem Geruch nach frischer Wäsche umhüllt. Frische Wäsche und Sheldon. Wie kam es, dass ihr Nachbar in seiner Seifenblase besser mit der Welt zurechtkam als sie? Penny seufzte und schmiegte sich tiefer in ihre Kissen.

Ein kleiner Schlummer wirkte manchmal wunder gegen trübsinnige Gedanken.


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Sheldon fühlte, wie sich ein undefinierbares Gefühl in seiner Magengrube ausbreitete. Er hielt im Tippen inne und versuchte sich zu erinnern, ob er etwas gegessen hatte, was diese Symptome erklären konnte. Vorerst kam ihm nichts in den Sinn, aber es war eindeutig besser, das im Auge zu behalten. Grade betrat Leonard die Wohnung mit einer großen Tüte und warf seine Schlüssel in die Schlüsselschale. Auf dem Weg in die Küche warf er Sheldon misstrauische Seitenblicke zu.

„Ich habe grade Penny getroffen.“

Sheldon sah nicht auf und hoffte, dass Leonard ihn in Ruhe ließ, wenn er ihn nur lange genug ignorierte. Aber Leonard schien resistent gegen seine Ignoranz geworden zu sein, denn er ließ nicht locker. „Ihr habt euch unterhalten?“

„Hm“, machte Sheldon und hoffte, dass dies Antwort genug war. Er hatte Leonard und Penny im Hausflur sprechen gehört und es war sehr wahrscheinlich, dass die beiden den neusten Tratsch und Klatsch ausgetauscht hatten. Leonard wusste also genau Bescheid.

„Über dies und das“, antwortete er vage und unterstütze das mit einer laschen Handbewegung.
Leonard legte die Müslipackung beiseite, um Sheldon durch seine Brillengläser hindurch besorgt zu mustern. „Ist bei dir alles in Ordnung?“

„Warum hat plötzlich jeder Interesse an meinem Wohlbefinden?“

„Ich bin immer an deinem Wohlbefinden interessiert.“ Leonards Stimme war eine Nuance zu hoch, das erkannte selbst Sheldon, der sich nun insgeheim zu seinen verbesserten sozialen Fähigkeiten gratulierte. Er hatte eine Lüge erkannt.

„Hat dir der Tratsch mit Penny nicht die gewünschten Informationen geliefert?“

„Ach komm schon, Sheldon. Wir sind deine Freunde und wollen nur dein Bestes. Was ist mit Amy und dir? Penny denkt, ihr habt Probleme.“

Sheldon zog die Brauen hoch und holte tief Luft. „Ich hatte dieses Gespräch bereits vor einigen Minuten mit Penny und ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, es zu wiederholen. Pennys Behauptungen sind absolut aus der Luft gegriffen! Meine Beziehung zu Amy ist vertraglich genau geregelt. Hast du dem etwas hinzuzufügen, oder darf ich jetzt endlich weiterarbeiten?“

Leonard zuckte mit den Schultern und machte den Kühlschrank zu. Das Gespräch schien hiermit beendet zu sein. Also wandte sich Sheldon wieder seinem Laptop zu und versuchte sich voll und ganz auf seine Arbeit zu konzentrieren. Doch seine Gedanken drifteten immer wieder zu einem anderen Thema.

Wie konnte es sein, das Penny mit einer vagen Andeutung all seine Selbstsicherheit und seinen Optimismus ins Wanken brachte? Bis vor einer halben Stunde hatte er sich in einer harmonischen Beziehung zu Amy gewähnt. Doch wenn Penny Recht behalten sollte, steuerte er gradewegs auf ein Dilemma zu. Sheldon mochte Amy aus vielerlei Gründen. Sie war gebildet, hatte Humor und Umgangsformen und sie schien Anteil an seiner Arbeit zu nehmen. Zugegeben, sie hatte sehr gesundes und glänzendes Haar und dieselbe Blutgruppe. Aber konnte er sich aufgrund dessen ohne Vorbehalte in eine handfeste Romanze verstricken? Wollte er, dass dieses Verhältnis über Händehalten, Umarmungen und sporadische Küsse auf die Wange hinausging?

Sheldon rieb sich über die Stirn. Je mehr er darüber nachdachte, desto unsicherer fühlte er sich. Vielleicht konnte es helfen, wenn er eine Aufstellung seines derzeitigen emotionalen Zustands machte. Sheldon kramte in seinem Gedächtnis nach einem imaginären Whiteboard und begann zu schreiben.

1. Wie fühle ich mich?

Hintergangen, weil Amy sich mir nicht mitgeteilt hat.

Verunsichert, weil ich kein Fehlverhalten meinerseits erkennen kann und mir nicht sicher über die weitere Vorgehensweise bin

Gedemütigt, weil Penny besser über meine Beziehung Bescheid zu wissen scheint als ich selbst und sich nicht scheut, mir dies unter die Nase zu reiben


Er stellte ein frisches Board neben das erste und begann eine weitere Befragung seiner selbst.

2. Wieso hat Amy sich Penny anvertraut, aber nicht mir?

Penny und Amy sind befreundet, Penny tratscht gerne + retrospektiv betrachtet habe ich mehrere Avancen abgelehnt und wirkte aller Wahrscheinlichkeit nach recht defensiv auf Amy

3. Was will Amy?

Eine physische Beziehung zu mir, sprich: Sie strebt den Koitus an

4. Will ich eine physische Beziehung zu Amy?

Ich habe Bedürfnisse, von denen ich mich nicht lossagen kann und die nicht gänzlich unwillkommen oder unangenehm sind. Diese sind jedoch sehr privater Natur und ich fühle mich außerstande, Amy in diese Angelegenheiten einzubeziehen.

Schlussfolgerung: Keine physische Beziehung, die Austausch von Körperflüssigkeiten beinhaltet. Möglicherweise könnte sich diese Einstellung in der Zukunft ändern, allerdings nicht in naher Zukunft … wenn überhaupt.

5. Wie gestaltet sich die weitere Vorgehensweise?

Amy erwartet körperliche Zuwendungen, ich lehne dies ab. Ich möchte den Beziehungsstaus beibehalten und bin somit gezwungen zu intervenieren. Es muss ein Kompromiss gefunden werden.
Möglichkeiten:

- Komplimente
- Vermehrtes Händehalten
- Umarmungen zur Begrüßung und Verabschiedung
- Ein Date bietet den  Rahmen für die Festigung einer physischen Beziehung

6. Anmerkung:

Sollte dies nicht funktionieren, wird Amy sich früher oder später nach einem anderen potentiellen Partner umsehen und wäre ab diesem Zeitpunkt nicht mehr verfügbar, bzw. würde nach erfolgreicher Suche aus meinem sozialen Umfeld austreten – NICHT HINNEHMBAR


Sheldon schluckte. Plötzlich hatte er es eilig, wieder ins hier und jetzt zu gelangen und schob die White Boards in seine imaginäre Abstellkammer.

Für heute hatte er genug über Amys Probleme nachgedacht.

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