Der Fall des Tír na nÓg

von DawnThorn
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
12.09.2017
15.03.2019
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A/N

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass ich meine Geschichte von Die Korruption in Der Fall umbenannt habe. Dieser Entscheidung liegt eine längere Diskussion mit meinem Bruder über Wortdefinitionen und -gebrauch zu Grunde, an deren Ende ich festgestellt habe, das ich die englischen Wortbedeutungen zu sehr mit meinem deutschen Wortschatz vermischt habe.

to corrupt - etwas verderben
korrumpieren - [durch Bestechung] für zweifelhafte Interessen, Ziele gewinnen; zu verachtenswerten Handlungen verleiten

In diesem Sinne, viel Spaß mit dem neuen Kapitel. :)

*~*~

Während die anderen sich schon hingelegt hatten und schliefen, starrte sie noch nachdenklich in das Feuer. Trotz dass die Nacht schon fast dem Ende entgegen ging und ein erster heller Streif sich am Horizont zeigte, wollte der Schlaf nicht zu ihr kommen. Die Gedanken in ihrem Kopf kreisten weiter und kamen nicht zur Ruhe.

Wenn sie ohnehin nicht schlafen konnte, dann konnte sie sich auch auf den Weg zum Übergang machen. Selbst wenn der Tod nicht anzutreffen war, so konnte sie ihm zumindest eine Nachricht da lassen, worum es ging und warum sie ihn gerne persönlich sprechen wollte. In ihre Fellkleidung gehüllt machte sie sich durch den frisch gefallenen Schnee auf den Weg zum Übergang. Wie sie vermutet hatte war der Tod immer noch unterwegs und nur einer seiner Boten stand wache. Ihm übergab sie die Nachricht für seinen Herrn und Meister.

Auf dem Weg zurück lief sie schon gleich die Fallen ab und brachte drei Hasen mit zur Höhle zurück. Die anderen schliefen noch und sie beschäftigte sich mit dem Häuten der Tiere, was nicht lange dauerte. Es war Miriam, die sie mitten in den Konservierungsvorbereitungen unterbrach und schlafen schickte. Sie würde niemandem helfen können, wenn sie vollkommen übermüdet war. Sobald ihr Kopf das Kissen berührte  war sie eingeschlafen.

*

Es war Enola, die sie schließlich nach ein paar Stunden weckte. Sie fühlte sich nicht wirklich erholt, doch wenn man bedachte, was sie grade für Probleme wälzte, und nicht nur sie, dann war es mehr als verständlich. Die anderen sahen auch müde aus und niemand musste extra ausführen warum.

“Wir haben uns etwas überlegt, von dem wir uns nicht sicher sind, was du davon hälst…”, fing Enola vorsichtig an. “Ein Plan, für den allergrößten Notfall, wenn wir keinen anderen Ausweg mehr haben.” Enola brach wieder ab. Sie war zu unausgeschlafen um irgendwelche Vermutungen anzustellen, was die anderen ausgeheckt hatten, doch scheinbar war es etwas, was durch aus in der Lage war sie zum Ausrasten zu bringen. Immerhin war ihr Zorn legendär, wenn sie etwas aufregte, besonders jetzt, wo sie nicht mehr die Älteste war, sondern wieder Enfys sein konnte.

Sie holte tief Luft und sah ruhig einem jeden einzelnen nicht nur ins Gesicht, sondern auch in die Augen. Müde oder nicht, etwas, das sie immer noch konnte aus ihrer Zeit als Oberhaupt der Magier, war in den Augen von anderen lesen. Sie alle sorgten sich, sahen immer wieder auch unsicher zueinander hin. Sorge, wegen der Situation mit dem Wächter, wegen der Entscheidung, ob sie richtig sein würde, wegen ihr…

“Wir haben uns überlegt zum Übergang zu gehen und in den Kreislauf zurückzukehren”, brach Miriam schließlich das Schweigen. Sie hatte mit vielem gerechnet, doch das überraschte sie dann doch. Jetzt wunderte es sie allerdings nicht mehr, dass die anderen nicht so recht hatten mit der Sprache rausrücken wollen, was sie sich überlegt hatten. Sie waren schon sehr viel länger hier, wo sie gerade mal immer noch erst angekommen war.

Sie schienen alle damit zu rechnen, dass sie jetzt laut wurde, doch nüchtern und analytisch betrachtet, war der Übergang vielleicht sogar ihre einzige Rettung, wenn wirklich alles schief ging.

“Ihr habt recht, die Idee gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht. Doch wenn ich eine Entscheidung treffen muss zwischen dem Übergang und meiner womöglich vollkommenen Auslöschung, dann würde ich immer den Übergang wählen, auch wenn dann alles wieder auf Anfang gesetzt wird”, brachte sie ihre Gedanken ruhig zum Ausdruck. In diesem Moment kam in ihr die Besonnenheit der Ältesten durch, die nicht nur für sich, sondern auch noch für die anderen verantwortlich war.

Alle atmeten erleichtert auf. “Aber,...”, sofort hatte sie wieder die Aufmerksamkeit aller auf sich ruhen und sie waren sofort wieder angespannt. “Solange es auch nur noch einen Funken Hoffnung gibt, dass sich mit Verstand, List, Tücke und Kampf ein anderer Weg finden lässt, werde ich den letzten Weg nicht beschreiten”, kam dann ihre rebellische Ader ebenfalls zu Wort. Es war Miriam, die in erleichtertes Lachen ausbrach und die angespannte Stimmung löste. “So und nicht anders habe ich dich kennen gelernt Enfys. Der Übergang wird unsere letzte Rettungsleine sein, wenn alles andere nicht funktioniert hat”, stimmte ihr die Taschendiebin zu.

“Damit das auch funktionieren kann, wenn es denn dazu kommt, dann sollten wir nicht zu weit von der Grenze entfernt sein”, meldete sich auch nun Jakon zu Wort und er hatte recht. So, wie die Höhle jetzt lag, würden sie viel zu lange brauchen zum Übergang. “Dann sollten wir alles für den Umzug vorbereiten”, stimmte sie ihm relativ schnell zu. “Kannst du nicht einfach die Höhle umziehen lassen?”, kam es von Rina. “Ja, genau. Immerhin bist du doch hier von der Magie erwählt”, ergänzte ihre Schwester Samira noch.

Sie schüttelte nur den Kopf. “Ich lerne die Magie immer noch kennen und eine ganze Höhle umziehen lassen, nein, das kann ich noch nicht. Eine neue passende finden, das bekomme ich allerdings hin. Ich bin noch keine zwei Jahre tot”, rief sie ihnen in Erinnerung, dass sie die jüngste Seele des Jenseits war.

*
Nachdem sie sich nochmal hingelegt und endlich etwas erholsamen Schlaf gefunden hatte, war sie aufgebrochen die Gegend nahe des Übergangs zu erkunden, wo man sich am günstigsten niederließ, dass der Weg nicht mehr so weit war. Sie brauchte einen halben Tag, bis sie einen geeigneten Ort gefunden hatte, dass der Übergang nur noch ein paar 100 Meter entfernt war, statt zwei Stunden strammen Fußmarsches von der aktuellen Höhle. Die jetzige Strecke ließ sich im Sprint bewältigen, sollte es dazu kommen, dass sie in den Kreislauf zurückkehren mussten.

Während sie einen passenden Ort ausgekundschaftet hatten, hatten die anderen alles möglichst platzsparend verpackt, wobei ihnen das Jägerwissen der Zwillinge zugute kam. Als Enfys zurück war, war der gesamte Hausrat, die Fallen und die Vorräte, in 6 Paketen und einem Zugschlitten verstaut, dass sie sofort aufbrechen konnten. Jeder nahm sich ein Paket und immer zwei Leute zogen im Wechsel den Schlitten, dass es für keinen zuviel wurde.

Mit dem Schlitten brauchten sie dann noch einmal einen ganzen Tag, bis sie bei der neuen Höhle waren, schon da sie zwischendrin immer wieder Pausen gemacht hatten. Je näher sie dem Ziel waren desto mehr sah man Enfys die Erschöpfung an, dass sie mittlerweile fast 48 Stunden nicht geschlafen hatte.

Bei der Ankunft machten sie als erstes ein Feuer und breiteten Felle für Enfys aus, dass diese erstmal schlafen konnte. Sie hatte es am nötigsten und sie würden sich währenddessen um die Neueinrichtung der Höhle kümmern. Am Abend diesen 3. Novembers 2019 ahnte noch keiner von ihnen, wie klug diese Entscheidung gewesen war. Denn nur 4 Tage vor Weihnachten fiel das Tír na nÓg, ohne das der Tod vorher Enfys’ Nachricht bekam.
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