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Nur eine Nacht

von Isaria
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Agron Castus Nasir
10.09.2017
14.01.2018
6
6.967
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10.09.2017 1.201
 
Fünf Monate. Fünf lange Monate waren vergangen seit er seine Wohnungstür hinter sich zugezogen, mit dem Taxi zum Flughafen gefahren und nach Rom geflogen war. Aber er hatte es keine einzige Sekunde bereut so lange von seinem Zuhause und vor allem von Agron getrennt sein zu müssen. Sie vertrauten einander, waren nunmehr schon fast vier Jahre ein Paar und zudem hatten sie täglich Kontakt zueinander. Sie telefonierten oder schrieben sich E-Mails.


Nasir arbeitete als Restaurator, hatte sogar promoviert und war auf seinem Fachgebiet unbestritten die erste Wahl, wenn es um Aufträge ging, welche das römische Reich betrafen. Dieser Auftrag in Rom war wie ein Hauptgewinn im Lotto für ihn gewesen und voller Begeisterung hatte er sich in die Arbeit gestürzt. Finanziell betrachtet war es als würden Ostern und Weihnachten an einem Tag stattfinden, zumindest hatte es Agron so bezeichnet. Von dem Geld wollte sich Nasir eine Eigentumswohnung kaufen, vorzugsweise in Koblenz oder auch in Köln.


Und jetzt stand er vor seiner Wohnungstür, eine Woche früher als er es Agron mitgeteilt hatte und dazu noch um sieben am Morgen. Er freute sich auf eine heiße Dusche und dann auf sein Bett und auf die Wärme und die Nähe von Agron und natürlich auf das Gesicht, welches er bei seinem Anblick machen würde.


Leise öffnete er die Tür und stellte seine große Reisetasche im Flur ab. Sein nächster Weg führte ihn ins Bad, wo er von einem unbekannten Duft empfangen wurde. Auf der kleinen Ablage stand ein Duschshampoo, das er noch nie gesehen hatte und auch ein anderes Aftershave fiel ihm ins Auge. Für den Augenblick machte er sich keine größeren Gedanken darüber und ging erst einmal unter die Dusche.


Gute zwanzig Minuten später betrat er auf Zehenspitzen das Schlafzimmer und wollte schon unter seine Bettdecke kriechen und sich an Agron schmiegen aber es kam anders. Der Platz, sein Platz neben Agron war nicht mehr frei, denn dort lag ein fremder Mann. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er an eine Sinnestäuschung und schaltete deswegen die Deckenleuchte an. Das Bild blieb das gleiche, nur dass die beiden im Bett schlagartig aufwachten und Agron erst erschrocken den Mann neben sich liegen und dann Nasir im Türrahmen stehen sah.


Wie betäubt kam Nasir näher, ging zum Schrank und holte sich eine Decke heraus und wandte sich zum Gehen um. „Nasir, bitte warte...“ Doch der hob nur abwehrend die linke Hand. „Nein, ich will jetzt kein einziges Wort von dir hören. Was solltest du mir auch sagen können, was ich nicht gerade mit meinen Augen sehe? Ich schlafe auf der Couch. Ich bin ziemlich müde von dem Flug.“


Leise fiel die Tür ins Schloss und Agron wurde auf einmal die ganze Situation bewusst. Er lag nackt in seinem, nein in ihrem gemeinsamen Bett und zwar mit einem anderen Mann. Einem Mann, den er am Vorabend in einer Bar kennengelernt hatte. Der Umstand noch eine Woche auf Nasir warten zu müssen, hatte an seinen Nerven gezerrt. Wie sehr er doch den Mann, sein Herz, sein Liebstes auf der Welt vermisste. Er hatte sich ein Bier nach dem anderen bestellt und dann von einem fremden Mann ansprechen lassen. Er hatte ihm wohl sein Leid geklagt und da er in seinem Zustand nicht mehr selbst Auto fahren konnte, hatte er sich von ihm nach Hause fahren lassen.


Zum Dank hatte sich der Fremde selbst eingeladen und dann hatten sie wohl noch ein Glas Wein getrunken. Alles, was danach geschehen war, wusste Agron nicht mehr bis er auf einmal Nasir vor sich stehen hatte und neben ihm der Mann vom Vorabend lag.


Als erstes schrie jetzt Agron auf und warf dann seinen Bettgefährten aus dem Bett und verwies ihn der Wohnung. Danach ging er ins Bad und schöpfte sich mit beiden Händen kaltes Wasser ins Gesicht. Anschließend betrachtete er sich im Spiegel und fragte sich selbst. „Was soll ich jetzt tun?“


Zurück im Wohnzimmer sah er Nasir mit dem Gesicht zum Couchrücken liegen und da hockte er sich scheu neben ihn und zog die Decke über dessen Körper zurecht. Ein ersticktes „Danke.“ war alles, was er zu hören bekam und da stand er auf und ließ Nasir allein und machte sich auf den Weg zu seiner Arbeit.


Draußen im Treppenhaus hörte er einen langen lauten Schrei aus dem Inneren der Wohnung. Schon wollte er zurück aber er unterließ es. Was hätte er jetzt auch sagen sollen, wie sich erklären, wie sich entschuldigen sollen, wenn er dafür die Worte nicht wusste?




Am späten Nachmittag kehrte Agron zurück und fand Nasir noch immer auf der Couch liegend vor. Schweigend hockte er sich hin und streckte seine rechte Hand nach Nasir aus. Mit den Fingerspitzen strich er ihm sanft eine Haarsträhne aus der Stirn. „Hast du schon gegessen? Oder magst du lieber einen Tee trinken? Ich habe auch noch Apfelkuchen im Kühlschrank stehen.“


Doch Nasir sah ihn einfach nur schweigend an und in seinen Augen sah Agron die Tränen aufsteigen, die ihm die Sicht zu rauben drohten und da wollte er den anderen einfach in die Arme nehmen aber Nasir wich vor ihm zurück und stand dann auf. Mit den Fingern wischte er sich die Augen aus und ging dann ins Schlafzimmer und packte seine Reisetasche aus und wieder neu ein.

Fassungslos sah ihm Agron dabei zu bis er realisierte, das Nasir schon wieder packte, kaum das er einen Tag zu Hause war. „Was wird das Nasir? Wohin gehst du?“ „Wohin ich gehe? Ist das noch wichtig für dich nachdem, was ich hier heute vorgefunden habe? Ich habe dir vertraut, wie ich noch nie einem anderen Menschen vertraut habe.“ Schon wollte Agron ihn am Arm berühren aber Nasir trat einen Schritt vor ihm zurück und in seinen Augen sah Agron eine Leere, die er so noch nie bei ihm gesehen hatte. „Ich hoffe, dass ihr wenigstens Kondome benutzt habt.“


Bei diesen Worten lief es Agron kalt den Rücken hinunter. Er konnte sich kaum an die Ereignisse der letzten Nacht erinnern und zum Überfluss hatte er weder im Schlafzimmer noch im Mülleimer ein benutztes Kondom gefunden. Sein entsetzter Gesichtsausdruck genügte Nasir und in seiner Brust schnürte ihm etwas die Luftzufuhr ab.


„Nicht nur, dass du mich betrogen hast, sondern dass du ihn auch noch ohne Schutz gefickt hast, dass ist wirklich das Letzte, was ich von dir erwartet hätte. Rühr mich nicht an. Wie konntest du nur mir und uns so etwas antun? Was hast du ihm ins Ohr geflüstert? Hast du ihn so berührt und so geliebt, wie du mich berührt und geliebt hast? Nein, schweig, ich will es nicht wissen, denn es tut einfach zu weh.“

Jetzt liefen auch Agron die ersten Tränen die Wangen hinunter und seine Worte klangen hilflos. „Es tut mir so leid, so unsagbar leid.“ Nasir nickte. „Deine Worte machen es nicht ungeschehen und darum bedeuten sie mir nichts.“ „Vergib mir, ich flehe dich an.“ „Ich kann nicht. Vielleicht irgendwann aber jetzt vermag ich dir weder zu vergeben noch es zu vergessen. Für den Moment ist hier unsere gemeinsame Geschichte zu Ende, ich brauche einfach Zeit, um es zu verarbeiten.“ „Bitte Nasir, bitte tu mir das nicht an.“


Doch der hatte sich längst umgedreht, hatte seine Tasche genommen und ließ Agron allein in der Wohnung stehen.
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