Herz über Kopf

GeschichteDrama, Romanze / P18
Florian David Fitz
03.09.2017
26.03.2020
55
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Zurück in München joggte ich durch den Olympiapark. Ich zog tief die gute Luft ein, hatte gute Musik auf den Ohren und fand mich in mein Lauftempo ein. Von weitem erkannte ich eine männliche Person, die ebenfalls alleine joggte. Ich legte einen Zahn zu, um ihn zu erreichen. Ich tippte ihm forsch an die Schulter. "Basti!", stieß ich freudig aus und fiel ihm um den Hals. Auch er freute sich sichtlich, strahlte über beide Ohren und hob mich kurz hoch. "Tinchen- sieht man dich auch mal wieder. Du meldest dich gar nicht mehr regelmäßig...." "Ich weiß! Es tut mir wirklich Leid. Ich hab so viel beruflichen Stress, bin dauernd auf Achse..... Aber ich hab dich vermisst!" Wir hatten uns zwar auch innerhalb des Jahres, seitdem die Beziehung zu Florian beendet war, zum Laufen getroffen, ohne das Florian davon wusste, aber nun war es doch zwei Monate her, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten. "Erzähl- wie geht's dir, wie läufts?" "Ganz gut. Wiegesagt viel Stress...hast du von Florian was gehört?" "Spielst du auf euer Wiedersehen an? Ja- hab ich von gehört.", entgegnete er grinsend. "Äh- alles? Also..... hat er dir alles erzählt?" "Wie meinst du das? Ich weiß von dem Treffen hier in München auf dem Empfand in der Pinakothek." "Ah ja! Es gab noch ein weiteres Treffen in Berlin vor einer Woche", ich zwinkerte und grinste zweideutig. "Oh Gott! Sag mir jetzt nicht, dass ich dein Grinsen richtig deute?" "Haha! Na ja, es hat sich so ergeben..." "Ja UND? Also wie ist jetzt der Stand zwischen euch?" "Keine Veränderung.....wir haben keinen außerberuflichen Kontakt." "Höre ich da eine leichte Wehmut mitklingen." "Keine Ahnung-mich hat die ganze Sache ziemlich verunsichert, um ehrlich zu sein. Ich weiß nicht, wie es Florian in der Hinsicht geht." "Mich wundert es, dass er mir nichts von eurem Schäferstündchen erzählt hat. Vermutlich muss er sich erstmal selbst damit auseinander setzen." "Er hat kurz danach gesagt, dass es ein Fehler war..." "Du darfst nicht außer Acht lassen, wie sehr er durch dich verletzt wurde. Wie lange er gekämpft hat, um dich aus dem Kopf zu bekommen....wie man an der jetzigen Aktion sieht, wohl eher nicht erfolgreich."

"Hättest du dir für ihn gewünscht, dass er vollständig mit mir abschließen kann?" "Du- da bin ich hin- und hergerissen. Du weißt, dass ich deine Lüge bodenlos und arglistig fand und was du Florian letztlich damit angetan hast ist schwer zu ertragen, aber wenn du ihn rückblickend in dem vergangenen Jahr erlebt hättest, dann wärst du dir an meiner Stelle auch nicht mehr ganz schlüssig, ob die Trennung richtig gewesen ist." "Hm. Ich hab ständig Schübe. Schübe in denen er mir furchtbar fehlt, dann wieder solche in denen ich froh bin frei zu sein." "Na ja- frei? Du treibst es mit Mister "Ich-seh-aus-wie-ein-Südländer-und-krieg-jede-rum"...und ich glaube, er sieht die ganze Geschichte im Gegensatz zu dir nicht mehr so locker...", fügte Basti ernst an. "Glaubst du das im Ernst? Elyas sieht alle Arten von Beziehungen mit Frauen locker, er weiß glaub ich gar nicht, was eine feste Bindung bedeutet und mit sich bringt. Mich würde es nicht wundern, wenn er nebenher noch mit anderen schläft. Also brauche ich mir da keine Vorwürfe machen...." "Hast du es Elyas erzählt....dass du mit Flo ge...." "Nein! Er weiß nicht mal, dass ich in der Nacht vom Filmfest bei Florian geschlafen habe- ich hab ihm erzählt, dass ich bei dir gepennt habe." "Fräulein?" "Notlüge halt. Nur dass du dich nicht verplapperst. Ich mag ihm das irgendwie nicht erzählen- auch weil ich mir selbst nicht sicher bin, was gerade in meinem Kopf abgeht- viel mehr, was mein Herz möchte." "Hinsichtlich der anstehenden Kinotour und allem, vielleicht auch besser, wenn du nicht noch mehr Öl ins Feuer gießt. Ich konnte kaum glauben, dass ihr in der ersten Nacht nicht schon übereinander hergefallen seid, wie ausgehungerte Tiger auf ihr Fleisch." "An dem Tag war ich ehrlich gesagt ziemlich stinkig auf ihn, weil er mich derart angepampt und lächerlich gemacht hat...." "Na, gerade diese zwischenmenschliche Spannung macht einen doch irgendwie heiß aufeinander...", er zwinkerte mir keck zu. "Leider ja! Kannst in mein Hirn reinschauen oder was?" "Tja! Bin ja nicht umsonst euer bester Freund...." "Eher Florians bester Freund!", merkte ich kleinlaut an. "In einer gewissen Weise bin ich auch deiner....obwohl uns noch keine lange Zeit verbindet, wie es zwischen Flo und mir der Fall ist, bedeutet Freundschaft für mich, wenn man bereit ist für eine Person über Grenzen zu gehen- in Guten, wie in schlechten Zeiten zusammen hält. Und alleine die Tatsache, dass ich fernab von Florians Kenntnis mit dir Kontakt gehalten habe, ist für mich ein derartiger Grenzgang, den ich noch lange nicht für jeden Menschen gewagt hätte." Ich stoppte meinen Laufschritt, sah ich ihn mit einem äußerst dankbaren Lächeln an und drückte ihn fest an mich. "Du bist ein toller Mensch, Basti! Ich bin froh dich kennengelernt zu haben- auch wenn Florian immer Vorrecht in Sachen Freundschaft hat, aber ich weiß, dass du immer für mich da bist, egal welchen Mist ich verzapfe..." "Na ja! Deinen Spielraum zum Mist bauen hast du definitiv ausgereizt, mein liebes Fräulein und ich rate dir eins, wenn ihr zwei Pappnasen es irgendwann doch noch mal zueinander schafft- mach so etwas NIE wieder! Hast du mich verstanden? Ich will nicht nochmal erleben, wie sich mein bester Freund ein Jahr lang vor Liebeskummer in seiner Wohnung vergräbt, an einem mehr als fragwürdigen Drehbuch herumdoktert und ansonsten wie ein Zombie durch die Weltgeschichte läuft, weil ihn seine große Liebe nach Strich und Faden verarscht hat. Verstanden?", brachte er mir energisch entgegen. Ich nickte eingeschüchtert, woraufhin er laut und beschwichtigend lachte und mich nochmals fest an sich drückte. "Ich hab dich lieb' Basti!" "Jaja!", entgegnete er grinsend und winkte mit einer Geste meine Gefühlsduselei ab. Wie dankbar ich für seine Präsenz in meinem Leben war, konnte ich kaum in Worte fassen....

Elyas versuchte mich zu ein paar Tagen gemeinsamen Urlaub zu überreden, bevor die Promotour zu Hartmanns startete. Doch erstens hatte ich aufgrund der stressigen Organisation sämtlicher Dinge für die Promotion keine Zeit und keine Ruhe, mich irgendwo faul an den Strand zulegen. Zweitens fühlte ich mich bei dem Gedanken mit ihm wegzufahrem nicht wohl, was wahrlich daran lag, dass Florian mir permanent im Kopf herumspukte. Elyas flog daraufhin alleine und enttäuscht von meiner Entscheidung nach Portugal und genoss eine Woche in einem Luxusresort. Ich arbeitete viel- buchte sämtliche Hotels für unsere Tour und telefonierte mir die Finger wund, um eine zuständige Catering-Assistentin zu organisieren. Während ich telefonisch mit Jasmin die Zahlen des Monats durchging, hörte ich, wie meine Aushilfe Jemanden im Agentureingang begrüßte. „Frau Boldt ist gerade in einer Telefonkonferenz. Wenn sie kurz warten möchten, ich gebe ihr Bescheid!" Ich hatte ihre Aussage bereits vollständig vernommen und nickte meiner Angestellten kurz zu. Ich wimmelte Jasmin freundlich ab und vertröstete sie unser Monatsabschlussgespräch zu einem späteren Zeitpunkt zu beenden. Ich strich mir meine schwarze Hose glatt und trat seriös in den Vorraum. Erstaunt blickte ich in Florians Gesicht. "Äh- Hallo!", platzte es überrascht aus mir heraus. "Guten Tag! Ich wollte eigentlich nur eben was abgeben." "Dann komm doch bitte kurz in mein Büro", ich wies ihm die Richtung und stolperte bald in meinen Pumps über die Türschwelle. "Ich hab hier die Liste für das Catering, die du angefordert hast. Hab alles notiert, was mir eingefallen ist." Er reichte mir einen weißen zusammen gefalteten Zettel mit handschriftlichen Notizen. "Ah- Danke! Nett von dir, dass du sie extra persönlich reinreichst." "War gerade in der Gegend." "Mhm.", kommentierte ich knapp und schürzte die Lippen nach vorne. Wir sahen uns eine lange Weile in die Augen. "Und viel Stress?" "Hält sich in Grenzen." Er nickte bloß, blickte aufgrund meiner Wortkargheit ausdruckslos zur Seite und verabschiedete sich mit einem typischen „So, ich muss dann auch wieder“. Ich checkte meine Armbanduhr. "Ich komm direkt mit dir raus, ich mach jetzt kurz Mittagspause." Wir verließen gemeinsam den Raum. "Frau Krämer- ich bin jetzt kurz weg. Bin in einer Stunde wieder da." "Alles klar, Frau Boldt, weiß ich Bescheid. Auf Wiedersehen, Herr Fitz.", flötete meine Angestellte fröhlich.
"Hast du vielleicht Lust auf Mittagessen in der l'Osteria?", fragte ich Florian beiläufig, als ich meinen Autoschlüssel aus der Handtasche fischte. "Ich bin mit'm Fahrrad da." "Das ist keine Antwort auf meine Frage", entgegnete ich grinsend.
"Mh. Na ja...wieso nicht? Nimmst du mich im Auto mit?", fragte er leicht zögerlich und erhaschte einen Blick auf meinen Autoschlüssel. Ich nickte. "Du fährst einen Audi?" "Jep. War die erste große Anschaffung die ich mir von meinem eigenen Geld gegönnt habe. Mein Traumwagen seit Teenagerzeiten.", schwärmte ich versonnen. Wir liefen auf den schwarzen Audi TT zu, den ich bereits von Weitem per Knopfdruck entriegelte. "Oha!" Er schnalzte laut mit der Zunge und beäugte den Wagen in fachmännisch begutachtender Pose. "Tu' nicht so, als wenn du Ahnung von Autos hättest", frotzelte ich grinsend. "Ey! Ich kenne mich schon ein wenig mit Autos aus..."
"Jaja! Jetzt steig ein!"

Wir saßen an einem Tisch im Außenbereich des Restaurants. Ich merkte Florian an, dass er sich unwohl fühlte. Er konnte mich nicht länger als ein paar Sekunden anschauen, ohne meinem Blick wieder auszuweichen. "Was hast du so erlebt im letzten Jahr?", versuchte ich einen Gesprächseinstieg zu beginnen und goss mir ein Glas stilles Wasser ein. "Letzten Herbst war ich 6 Wochen in Indien. Hab eine Rundreise gemacht. Ich musste hier weg.......und diese Reise hatte ich mir schon länger vorgenommen. Daher passte die Phase ganz gut." Ich verzog beeindruckt mein Gesicht. "Wow! Ganz alleine?" "Jap! Nur ich, ein Reiseführer und ein Rucksack." "War bestimmt spannend. Indien soll ja atemberaubende Ecken haben, aber ebenso sehr sehr ärmliche Bezirke." "Die Unterschiede bedingt durch die Kaste sind wirklich sehr extrem. Du läufst durch regelrechte Palastviertel, die einen vor Schönheit und Prunk bald umhauen und unmittelbar daneben befinden sich die Slums, wo die Menschen im Matsch leben und an Hungersnot leiden. Wirklich ein erschreckender Kontrast des Lebens." "Kann ich mir vorstellen. Diese Reise vergisst du garantiert nie.“ Er schüttelte gedankenverloren den Kopf und setzte sich seine Sonnenbrille auf die Nase. „Und was hast du sonst noch gemacht? Neue Projekte?" "Ich.....Ich hab mich an ein Drehbuch gesetzt, welches ich schon vor zwei, drei Jahren angefangen hatte- damals fehlte mir jedoch der richtige Zugang zum Thema." Mein Handy klingelte. Auf dem Display erschien ein Bild von Elyas. Ich drückte seinen Anruf weg. "Entschuldige bitte. Ich stell es auf lautlos." "Kannst ruhig rangehen." "Ach- er kann sich gedulden. Wird nichts spannendes sein. Er ist im Urlaub in Portugal.", kommentierte ich unbeteiligt. "Ohne dich?" Verwundert sah er mich an. "Wie du siehst- JA! Aber zurück zu deinem Drehbuch...um was handelt es sich?" "Ist noch nicht fertig....es handelt von einem Mann, der sich aufgrund von bis dato fehlender Liebe und  unpassenden Frauen in seinem Leben nicht großartig mit dem Thema Familienplanung auseinander gesetzt hat. Muss jedoch fortan auf ein kleines Kind seines Nachbarn aufpassen und entdeckt im Nachhinein seinen Sinn für eine eigene Familie." Ich schluckte laut und schob ebenfalls meine Sonnenbrille auf die Nase, damit er meinen erstarrten Blick nicht bemerkte. "Hm. Okay. Autobiografisch?" "Teilweise vielleicht! Ich hänge aktuell ein wenig fest. Mal sehen.", wich er der Frage etwas aus. Ich nickte und schluckte nochmals kräftig. "Und du bist stolz auf deine Karriere?" Das Wort Karriere setzte er in gestische Anführungszeichen und grinste ironisch. "Wieso betonst du das jetzt so komisch?" "Also ich wäre nicht stolz, wenn ich lediglich durch Vitamin B meines Liebhabers in eine Agenturpartnerschaft reingerutscht wäre." Seine Aussage wanderte doppelt und dreifach durch mein Gehirn, bis ich die Bedeutung dessen realisierte. "DAS hast du jetzt nicht ernsthaft gesagt?", entgegnete ich brüskiert. "Doch! Das ist mein vollkommener Ernst. Ich hab von Anfang an geahnt, dass sich die Verwirklichung deiner beruflichen Strebungen negativ auf deine Verhaltensweise und auf deine Äußerlichkeiten auswirken wird." Wütend kramte ich eine Zigarette aus meiner fast leeren Schachtel, zündete sie an und bließ ihm absichtlich den Rauch ins Gesicht. "DU hast gar keinen Schimmer, ob und wie sich meine Verhaltensweisen verändert haben!", blaffte ich ihm in lauterem, direkten Ton entgegen. "Das mag sein. Aber das was ich vor mir sehe und die wenigen Momente mit dir innerhalb der letzten Tagen reichen völlig aus, um mir ein Urteil zu bilden." "Ah ja? Kannst du mir bitte mal verraten, weshalb du  hier mit mir sitzt, freiwillig Zeit verbringst und zur Krönung des Ganzen noch mit mir geschlafen hast, wenn ich mich in deinen Augen zu einer solch oberflächlichen Tussi verändert habe, die dich regelrecht anzuwidern scheint?", zischte ich ihm in wütendem Flüsterton entgegen. "Das ist eine SEHR gute Frage! Wenn ich könnte, würde ich es sofort rückgängig machen. Glaub mal!" "Du kannst mich mal, Florian!", wütend schmiss ich meine Zigarettenschachtel in meine Handtasche, schob ruckartig den Stuhl zurück und ließ ihn verdutzt am Tisch zurück. Ich musste mir derartige Beleidigungen nicht anhören. Wenn er ein Problem mit meiner Entwicklung hatte, zwang ich ihn keinesfalls dazu Zeit mit mir zu verbringen. Meine Laune war im Keller. Wie sollte ich die Kinotour überleben, wenn er zweieinhalb Wochen täglich solche Reaktionen und Sprüche an den Tag legte? Mir graute es davor.

Ich beendete den restlichen Arbeitstag mit miesepetriger Laune, trat aus der Agentur- Florians Fahrrad stand nicht mehr an seinem Platz, er hatte es wohl abgeholt. Ich fuhr gerade mit meinem Auto Richtung Zuhause, als mein Headset im Ohr sich meldete. "Boldt?" "Uhhh- Klein mein Name. Guten Abend Frau Boldt" "Basti- hi! Was gibt's?", entgegnete ich reserviert. "Schlecht drauf oder was?" "Ach- scheiß Tag. Erzähl ich dir ein ander Mal!" "Hm....Du....Weswegen ich anrufe....Sandra und ich haben für morgen Abend ganz spontan einen gemütlichen Grillabend geplant. Wir hätten dich super gerne dabei." "Lieb' von euch, danke! Wer kommt noch so?" "Och- ein paar Arbeitskollegen von Sandra und mir und ...." "Florian?", unterbrach ich ihn zickig. "Äh- ich denke er wird kommen. Wieso? Seid ihr jetzt plötzlich wieder verfeindet oder was?" "Wenn Florian kommt, komm ich nicht!" "Jetzt sei du nicht auch noch so kindisch. Ihr seid erwachsene Menschen...meine Herren! Ich krieg' wirklich nochmal die Krise mit euch Sturköpfen" "Deiner Reaktion nach zur Folge hat Florian ähnlich reagiert, als du ihn eingeladen hast", gackerte ich ihm ins Ohr. Ich vernahm ein leicht genervt zustimmendes Brummen. "Also ich schau morgen mal, okay? Ich muss arbeiten bis.....ca. 18 uhr und dann entscheide ich spontan nach Laune, ob ich vorbeikomme." "Gut! Dann vielleicht bis morgen und falls du nicht kommen solltest, schick eben 'ne Nachricht!" "Mach ich. Tschau!" In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Obwohl ich gedanklich mit mir haderte, ob ich die Grillparty besuchen sollte, hatte mein Herz sich längst dafür entschieden.
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