Bauch und Kopf

GeschichteDrama, Romanze / P18
Florian David Fitz
03.09.2017
14.01.2020
50
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Nach der anstrengenden Klausurphase fuhr ich eine Woche zu meinen Eltern und verbrachte dort eine ruhige, entspannte Zeit mit guten Gesprächen und Unternehmungen in meinem alten Freundeskreis. Florian absolvierte derweil seine letzte Drehwoche und versorgte nebenher netterweise meine Katze, obwohl er eigentlich keinen guten Draht zu Stubentigern im Allgemeinen hatte. Er versprach mich an meinem Rückreisetag mit einem leckeren Menü zu überraschen. Erholt und entspannt kehrte ich aus meiner Heimat zurück, schloss in voller Vorfreude auf Florian und ein schmackhaftes Essen meine Wohnungstür auf. Elmo stürmte mir sogleich winselnd entgegen. Meine Katze steuerte gewohnt gemähchlich auf meine Beine zu und strich ihren langhaarigen Pelz an meiner Hose ab. "Flo?" Seltsamerweise nahm er mich nicht auf direktem Wege in Empfang, wie ich es erwartet hätte. Womöglich war er noch in der Küche beschäftigt. Ich trat langsam in mein Wohnzimmer, stellte meine Reisetasche ab und erblickte Florian gedankenverloren an meinem Esstisch sitzend. Auf dem Herd dampfte es derweil aus drei verschiedenen Töpfen, ein appetitanregender Duft hatte sich bereits im Raum verbreitet. Ich maschierte langsam auf ihn zu und blickte verwundert in sein förmlich erstarrtes Gesicht. "Hey Schatz...was ist los?" Keinerlei Reaktion. Ich strich ihm zart über seine stoppelige Wange. Er zuckte kurz zusammen und zog sein Gesicht vor meiner Berührung weg. "Eh- Florian? Ich....kannst du mir bitte sagen, was passiert ist?" "Was passiert ist?", wiederholte er leise meine Frage. "Na ja- ich...ähm....suchte lediglich ein paar Teelichter und ein Feuerzeug.....und stattdessen fiel mir etwas anderes in die Hände!" Seine Stimme klang zittrig. In mir stieg Panik hoch. "Wovon sprichst du?" Ich lächelte zaghaft, doch sein Ausdruck blieb kalt und ernst. Noch während ich ihn prüfend musterte kam in mir die füchterliche Vermutung hoch, was er meinen könnte, hoffte jedoch inständig, dass sich meine Gedanken nicht bewahrheiteten. Er ging wortlos an mir vorbei, öffnete eine Kommodenschublade und hielt mir etwas vor die Nase.
Fassungslos stierte ich auf den Gegenstand in seiner Hand: die Gerichtsvorladung.
Mich holte augenblicklich eine Art Ohnmachtsgefühl ein, ich ließ mich auf einem der Stühle am Esstisch nieder. "Kannst du mir das erklären?"
"Flo....hör mir bitte zu...ich wollte es dir sagen-die ganze Zeit. Ich hab mich nicht getraut, die Angst vor deiner Reaktion bezüglich des wahren Unfallgrundes hat mich vollkommen gehemmt."
"Stattdessen belügst du mich? Du hast mir knallhart ins Gesicht gelogen- Aquaplaning...", seine Stimme blieb recht ruhig, doch sie schien förmlich zu beben. Seine Gesichtsmuskeln zuckten auffällig vor Aufregung. Als er seinen Satz beendete, schien er allmählich zu begreifen, was ich ihm all die Monate verschwiegen hatte und wie schwerwiegend meine Lüge gewesen war.
"Ich....ich habe mir nicht zu helfen gewusst. Eine lange Zeit musste ich mir selbst bewusst machen, dass ich für alles was geschehen ist verantwortlich bin." Meine Oberschenkel zitterten vor Nervosität, immer wieder fuhr ich mit meinen Händen hinüber und versuchte regelrecht das Zittern zu stoppen. Es gelang mir nicht. "Wie kannst du guten Gewissens damit leben? Hm? Du hast mit deinem Handy hantiert, während du ohnehin durch erschwerte Wetterbedingungen gefahren bist? Um mir ein stupides "Fick dich" zu schreiben? Dass war es doch, oder irre ich mich?", seine Stimmlautstärke nahm nun hörbar zu, sein Ton wurde vorwurfsvoller, je mehr er sich in die Angelegenheit hineinsteigerte. "Ich kann damit überhaupt nicht gut leben, Florian! Was meinst du weshalb ich kurz darauf begonnen habe mich zu verändern? Nicht aus dem Grund, dass ich zuvor unzufrieden mit mir gewesen bin- NEIN! Ich hab nach Ablenkung gesucht! Ablenkung von dem täglich qualvollen Gedanken- unser Kind auf dem Gewissen zu haben und einem anderen Menschen Schaden zugefügt zu haben. Ich kann dir versichern, dass sämtliche Ablenkungsmanöver nur sehr selten ihren gewünschten Effekt bei mir auslösen konnten...." Nach dem letzten Satz kamen mir die Tränen.

"Ah- verstehe. Wie wäre es denn gewesen, anstelle von Sauf- und Feiernächten, den Versuchen deine total unpassenden beruflichen Vorstellungen zu verwirklichen und netten Kuschelaktionen mit Herrn m' Barek, einfach mal mit MIR zu sprechen? Hm?" Seine Art sich mir gegenüber auszudrücken und die Betonung seiner Formulierungen verletzte mich ungemein. Er schenkte mir einen Blick, der absolut nichts mehr mit einem liebenden Mann gemein hatte. „Wiegesagt, ich wollte es dir sagen....aber ich fand keinen passenden Zeitpunkt, wenn sich dieser überhaupt definieren lässt....Du hast dauernd gearbeitet, dann kam die Nachricht meiner Frauenärztin und.....“ „Ich frage mich, wozu ich von Beginn an ehrlich zu dir war....mich gegen meine Natur binnen kürzester Zeit geöffnet und dir Dinge anvertraut habe, von denen sonst nur ein sehr kleiner Kreis Kenntnis hat... Du scheinst mir im Gegenzug überhaupt kein Vertrauen entgegenzubringen, was du im Nachhinein betrachtet von Beginn an regelmäßig bewiesen hast- wirfst mir vor ich hätte nebenher andere Verhältnisse zu Frauen, bist krankhaft eifersüchtig auf jedes weibliche Wesen mit dem ich mich umgebe, baust aufbauend darauf einen Unfall, weil du mir eine verschissene SMS zusendest, tötest in Folge dessen unser ungeborenes Kind, was wohlgemerkt ÜBERHAUPT NICHTS für seine mental gestörte Mutter kann, tischst mir monatelang eine eiskalte Lüge auf, selbst nachdem du bei der Polizei eine Aussage gemacht hast und lässt mich im Glauben es wäre höhere Gewalt gewesen?“ Fahrig, aufgelöst und verzweifelt rieb er sich durch sein Gesicht und kurzzeitig vernahm ich einen glasigen Schimmer in seiner Augenpartie. „Danke, dass du mir gerade eine verbale Ohrfeige verpasst hast....“, stieß ich unter schluchzendem Weinen aus und rieb mir immer wieder wild die Tränen von der Wange. „Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“ „WAS soll ich sagen, Florian? WAS? Manchmal denk ich, es hat schon alles seinen Sinn...Und um dir direkt die volle Ladung Ehrlichkeit entgegen zu bringen, damit mein Seelenstriptease vollkommen gelungen ist....“

„Du hast mit Elyas gefickt?“, ergänzte er meinen Satz aus wütend blitzenden Augen.
„Sag mal, hast du sie noch alle?“ „Wieso? So abwegig finde ich das gar nicht....wenn ich genauer darüber nachdenke. Ihr geiert euch doch bei jedem Treffen mit dem sogenannten „Fick-mich“-Blick an....Da du unleugbar die überwiegende Zeit unserer Beziehung Dinge verschwiegen hast, trau ich dir die Tatsache durchaus zu.....“ „Hör verdammt nochmal auf mit den haltlosen Unterstellungen!“, schrie ich ihm zornig entgegen. „Also?“, hakte er grantig nach und tippte hektisch mit einem Fuß auf dem Laminatboden herum. „Ich hab mich ihm lediglich anvertraut....OHNE mit ihm zu schlafen, oder ihm auf sämtliche Weisen näher zu kommen. Das musst du mir glauben, bitte.“

„Wie? Er wusste die ganze Zeit über was Sache ist?“ „Du warst in der schlimmsten Zeit nicht besonders häufig bei mir, Florian. Alkohol lockert bekanntlich die Zunge und macht emotional- es ist aus mir heraus gesprudelt, ich fühlte mich derart erleichtert und befreit nachher, zumindest für eine kurze Zeit....und weißt du wie er reagiert hat?“, fragte ich mehr rhetorisch, um direkt fortzufahren. „Er hat mich festgehalten-einfach nur festgehalten. Mich beruhigt. Es hat verdammt nochmal gut getan, keinerlei Vorwürfe entgegen gebracht zu bekommen. Ich weiß nicht, ob du ähnlich gehandelt hättest, wenn ich es dir früher erzählt hätte.“ „Liegt vielleicht daran, dass es nicht SEIN Kind war, was unschuldig gestorben ist...“ „Florian! Spar' dir deine verletzenden Kommentare, verdammte Scheiße nochmal! Geh! Geh und lass mich alleine!“ „DAS hatte ich sowieso vor!“ „Du haust ja immer ab, wenn du emotional überfordert bist- damals auch schon. Beweist nicht gerade innerliche Stärke...“ „Das brauch ich mir nicht von einer Frau sagen lassen, die vorzugsweise einem arroganten Schönling im volltrunkenen Zustand intime Details aus unserer Beziehung entgegensäuselt, daraus Halt schöpft, anstatt mir EINMAL ehrlich gegenüber zu treten und offen zu deinen Fehlern zu stehen. Mal abgesehen davon, dass unsere Probleme im Prinzip niemanden etwas angehen, wer weiß, wem du noch alles.....“ „Es reicht, Florian! Verschwinde!“ Ein letztes Mal blitzte er mir mit einer Mischung aus tiefer Enttäuschung, Wut und Unverständnis in die Augen, pfiff kurz darauf Elmo zu sich und verschwand ohne weiteres Wort aus meiner Wohnung.

Exakt dieselbe Schlussszene hatte sich ereignet, als ich ihm meine Schwangerschaft gebeichtet hatte. Daraufhin meldete er sich zwei Wochen nicht, bis wir uns wieder begegneten und einen Neuanfang begonnen hatten. Ich rechnete mit einem ähnlich lang andauernden Zeitintervall und hoffte, dass er mir nach einer Bedenkzeit verzeihen würde – doch diesbezüglich hatte ich mich gewaltig getäuscht.
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