Bauch und Kopf

GeschichteDrama, Romanze / P18
Florian David Fitz
03.09.2017
14.01.2020
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„Rrrrring, rrrring, rrrrring“ Mit gequältem Gesichtsausdruck öffnete ich langsam meine Augen und ertastete mein Handy, welches neben meinem Bett auf der Nachtkonsole platziert war. „Bitte nicht!“, dachte ich im Stillen und schaltete den unliebsamen Wecker aus. Wieso zum Teufel bin ich auf die Idee gekommen, mir um die unmenschliche Uhrzeit von 6 Uhr morgens den Wecker zu stellen, damit ich vor der Uni noch joggen gehen kann? Richtig- ich wollte ja ein paar Kilo abnehmen. Zwar war ich nicht nennenswert übergewichtig, aber eine schlanke Figur sah auch anders aus. Meine Körperform bezeichneten andere eher als weiblich und kurvig, sozusagen eine Sanduhr-Shape. Sprich: mehr Brust, schmalere Taille, mehr Hintern. Dennoch findet sicherlich nahezu jede Frau Stellen an sich zu dick oder unschön, daher bin ich sicherlich nicht alleine mit solchen Gedanken. Also hoch mit dem unsportlichen Hintern und raus in die Kälte.
Ich zwängte mich in meine Sporthose und steuerte in gemächlichen Schritten Richtung Olympiapark. Seit circa einem Jahr lebte ich in München, um dort meinen Master in Betriebswirtschaftslehre zu machen. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen und nachdem ich an der staatlichen Universität Düsseldorf mein Bachelor Studium erfolgreich abgeschlossen hatte, wollte ich einfach mal raus aus meinem ursprünglichen Umfeld und entschied mich nach einigen Bewerbungen an anderen Unis letztlich für München. Meine Eltern hatten in der bayerischen Landeshauptstadt sowohl standesamtlich, als auch kirchlich geheiratet, obendrein wurde ich im selbem Zuge getauft, womit diese Stadt schon immer ein besonderer Teil meines Lebens gewesen war. Ich hatte schon einige Reisen hierher unternommen und war jedes Mal fasziniert von ihrem individuellen Reiz und der eigenartigen Mentalität der Menschen. Nach langem Suchen fand ich eine Wohnung in der Nähe des Olympiaparks. Zum Glück unterstützten meine Eltern mich finanziell, denn das Leben in München gestaltete sich nicht gerade günstig. Aktuell bemühte ich mich um einen Nebenjob für studienfreie Zeiten...

Wenn man den Olympiapark zu solch unmenschlichen Uhrzeiten aufsuchte, um beispielweise zu Joggen war man so gut wie mutterseelenallein unterwegs. Tagsüber wimmelte es hier bevorzugt von Touristen.
Langsam trottete ich vor mich hin, spürte bereits leichte Seitenstiche, während auf meinen Ohren 'Animals' von Martin Garrix dröhnte. Gedankenverloren drehte ich meinen Kopf in Richtung des künstlich angelegten Sees, auf dem ein dunstiger Nebelschwaden lag. Es schien als driftete meine Konzentration und jegliche Wahrnehmung völlig ins Nichts. Plötzlich spürte ich einen dumpfen Aufprall auf meinem Körper und wurde aus heiterem Himmel zu Boden gerissen. Ein Kopfhörer war mir aus den Ohren gerutscht.
„Oh Gott! Das tut mir furchtbar Leid.“, hörte ich eine Männerstimme keuchen. Mein Blick fiel auf ein zu Boden gefallenes Smartphone, welches zu ihm gehören musste. „Das nächste Mal vielleicht das Handy zuhause lassen...wenn du es nicht gebacken bekommst zwischen Display und Umgebung umzuwechseln.“, maulte ich und hielt mir die schmerzende Seitenstichstelle.
„Ja, ist vielleicht keine gute Idee zwei Dinge gleichzeitig zu tun, wenn man eh schon auf einem Auge so gut wie nix sieht“, entgegnete er lachend. Als wir uns beide wieder aufgerichtet hatten, und unsere Kleidung von etwaigem Dreck abstriffen, trafen sich unsere Blicke. „Sonst trifft man hier um die Uhrzeit keine Menschenseele.“, sprach er weich und seine ausdrucksstarken, grünen Augen schauten mich neugierig an. Er war groß, gutaussehend, trug eine orangerote Beanie-Mütze und hatte eine markante Narbe auf der Nase. Irgendwoher kannte ich dieses Gesicht, konnte es jedoch auf Anhieb nicht zuordnen. Ich war so sehr damit beschäftigt dieses Gesicht zu studieren, dass ich nicht fähig war auf seine Aussage zu reagieren. „Joggst du öfter hier?“, unterbrach er die Stille meinerseits. „Ähm- Nee...ehrlich gesagt, bin ich gerade das erste Mal in meinem ganzen Leben joggen.“, erwiderte ich lachend, „Bin nicht so die Sportskanone,...wie man sieht.“

„Ehrlich? Und dann wirst du zu allem Übel auch noch direkt von 'nem halbblinden Vollidioten umgerannt.“ Er stimmte in mein Lachen ein und zierte dabei unwiderstehliche Grübchen auf seinen Wangen. „Genau DAS dachte ich auch gerade! Sag mal, ist das dein Hund dort drüben?“, fragte ich und deutete auf einen kleinen, weißen Hund mit lediglich einem dunkel gefärbten Ohr, der auf einer mit hohem Gras bewucherten Anhöhe fröhlich und heiter buddelte. „Jepp. Elmo! Komm her jetzt!“, rief er laut und pfiff danach lässig auf zwei Fingern. Wenige Sekunden später kam der kleine Hund angeflitzt und blieb schwanzwedelnd, mit aufmerksamem Blick vor seinem Herrchen stehen. „So, dann wollen wir mal weiter, was Elmo?“, schaute er zu dem kleinen Kerl hinunter, „Vielleicht sieht man sich ja nochmal beim Joggen, sofern du gleichermaßen früh unterwegs bist...Das nächste Mal dann auch ohne Kollision. Versprochen.“, grinste er mich unter Zwinkern an. „Vielleicht. Wenn das heute nicht nur die Ausnahme eines kurzzeitig motivierten Aufwachens war.“ Er verzog einen Mundwinkel nach rechts und nickte abschließend. „Schönen Tag noch.“ „Dir auch.“ Folglich setzten wir beide unseren Lauf fort- in entgegengesetzte Richtungen- mitsamt eines durchschlagenden Gedanken...
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