Haltlos

OneshotSchmerz/Trost / P12
02.09.2017
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Er will einfach alleine sein. Und an nichts denken. Er fixiert die Flasche vor sich auf dem Tisch, kämpft mit ihrer Anziehungskraft, gibt nach. Ein weiteres Mal.
Aber sein Kopf ist einfach zu voll, da ist so viel, was er wegspülen muss, ertränken. Bilder, Worte, Menschen. Und trotzdem fühlt er sich leer, wie eine Silhouette seiner selbst. Spürt kaum das Brennen des Alkohols auf dem Weg in sein Inneres, wo sich diese Leere festgesetzt hat und keinen Raum mehr lässt für irgendetwas anderes.
Wie viel hat er heute Abend schon getrunken? Eine halbe Flasche? Nein, weniger. Ist auch egal. Wenn nichts mehr hilft, zu vergessen, wenigstens für kurze Zeit, was dann?
Er weiß einfach nicht, wohin mit sich, und wird darüber allmählich wahnsinnig. Ist das alles seine Schuld?
Von wütender Hilflosigkeit übermannt steht er mit einem Ruck auf und schleudert den Stuhl nach hinten. Etwas unsicher tappt er zum Fenster und reißt es auf, die kühle Nachtluft bringt ihn wieder ein Stück näher zu sich selbst.
Er hört die Schritte erst, als sie schon nahe hinter ihm sind, und dreht sich schwerfällig um.

"Ach nee...auch da?"
Sie steht einfach nur und schaut ihn an.
"Was machen Sie hier, um die Zeit?"
"Ich...schulde Ihnen noch ne Antwort."
"Stimmt..."
Ihr Blick wandert zur Flasche. "Wie betrunken sind Sie?"
"Nicht genug. Auch n Schluck?"
Er will schon zum Tisch gehen, aber sie stellt sich ihm in den Weg.
"Besser nicht...dann hab ich endgültig n deja-vu."
"Nicht schwer zu erraten, dass ich hier bin?"
"Zumindest versteh ich, dass Sie nicht im Club sind. Aber was ich nicht so ganz versteh..."
"Was?"
"Ne...vergessen Sies...bitte."
"Ich bin manchmal ein echter Idiot.. "
"Vergessen Sies!"
"Aber Sie vergessen es nicht..."
"Ich weiß es nicht. Aber es geht mich nichts an."

Auf einmal ist ihm kalt und er schließt das offene Fenster, das er bis dahin völlig ausgeblendet hat.
"Ich weiß nur, dass mir grade jemand die Holzplanke unterm Arsch weggezogen hat. Mit Ansage. Er hats gewusst, dass es nicht einfach wird. Konnte mir kaum ins Gesicht schauen."
"Hey, Bukow...Ihr Vadder ist doch n zäher Brocken, der gibt nicht so schnell auf", versucht sie ihn aufzumuntern und stößt ihn kameradschaftlich mit dem Ellenbogen in die Seite. Da ist es wieder, dieses Bedürfnis nach Halt, nach Aufgefangen werden aus dem freien Fall, das er so oft zu verdrängen versucht.
Er sucht ihren Blick, der genauso unsicher umherwandert wie sein eigener.  Schon wieder sind sie sich so nah, dass er jede noch so kleine Reaktion in ihren Augen lesen kann. Er spürt die Wirkung des Alkohols kaum mehr.
Fast schüchtern legt er seine rechte Hand in ihren Nacken und kommt ihr noch ein bisschen näher. In ihrem Blick liegt Überraschung, aber auch eine zaghafte Erwartung.
"Ich bins", sagt sie, diesmal sanfter, aber nicht ganz ohne Hintergedanken.
"Weiß ich doch...Alles gut."
Und für den Bruchteil eines Moments ist tatsächlich alles gut, fällt all das von ihm ab, was ihn in letzter Zeit zu ersticken droht. Da sind nur noch sie beide für einige Sekunden, die sich wie eine kleine Ewigkeit anfühlen, näher als je zuvor.
Sie schiebt ihn von sich, unendlich sanft, aber bestimmt, nur um ihn danach in eine feste Umarmung zu ziehen, aus der er sich nach einer ganzen Weile vorsichtig befreit.
Sie schauen sich an und tauschen ohne ein Wort die Frage, was das gerade Passierte zu bedeuten hat,  die keiner von ihnen zu beantworten vermag.
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