Prove your Right Ⅰ – Dealing with Devils

von Ginger
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
02.09.2017
12.04.2020
21
144.383
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02.09.2017 10.236
 
Willkommen zu meinem neuen Lebensinhalt, der mich nun so lange bereits  vereinnahmt und weiterhin kein Ende findet. Es ist die längste Story, die ich je geschaffen habe und ich bin stolz darauf. Über Anregungen/Kritik würde ich mich sehr freuen.

Disclaimer: Cole Bennet ist die Figur von Grave, welche ich mir seit über 10 Jahren für meine geistigen Ergüsse ausleihe. Mr. Bennet ist jedoch mittlerweile gereift und man könnte ihn schon fast erwachsen nennen. Brandon Parker sowie alle weiteren Charaktere/Firmen gehören mir.  Es ist Dritten grundsätzlich untersagt mein geistiges Eigentum zu verbreiten, verkaufen oder anderweitig anzubieten.

In dem Sinne: ich wünsche euch viel Spaß <3



Prove your Right

Band Ⅰ – Dealing with Devils

Life has only a true beginning and an end.
Everything in between is our attempt to find happiness.



Kapitel 1


Brandon stützte sich gähnend mit den Ellenbogen auf den Schreibtisch und rieb sich über das Gesicht. Seit Stunden brütete er über dem Papierstapel, der einfach nicht kleiner werden wollte. Sein neuer Auftrag bestand aus Gebäudespezifikationen, Bauprognosen, Planungsabläufen und anderen Listen, an die er sich bereits jetzt schon nicht mehr erinnern konnte – und das alles auch noch in achtfacher Ausführung.

Er zuckte zusammen, als sein Telefon klingelte, und seufzte. Wer zum Henker rief ihn abends noch an? Gedanklich ging er die wenigen Kunden durch, denen seine Nummer bekannt war. Es waren nicht viele und mit keinem von ihnen wollte Brandon sprechen.

Er sah auf das Display und war schlagartig wach. Shit. Ein schneller Blick auf die Armbanduhr bestätigte seine Befürchtung. Er hatte das Abendessen mit Cole vergessen. Innerlich fluchend, nahm er das Gespräch an. »Hey, Babe.«

»Hey, Honey

Der beißende Unterton ließ Brandon das Gesicht verziehen. Sekunden der Schweigsamkeit verstrichen, während er den hupenden Autos in Coles Umgebung lauschte. Warum sollte er groß drumrum reden? »Sorry, ich hab’s total vergessen. Ich –«

»Habe ich gemerkt«, antwortete Cole sarkastisch. »Ich sollte mir zukünftig einen Termin von deiner Sekretärin geben lassen. Dann weiß ich wenigstens, dass du auch auftauchst und mich nicht in einem vollen Restaurant alleine sitzen lässt.«

Brandon lehnte sich zurück und rieb sich über die Stirn. »Du hättest anrufen können.«

»Bran, das habe ich getan. Schau auf dein verdammtes Smartphone.«

Suchend hob Brandon die verstreuten Papiere an und runzelte die Stirn, als er sein Telefon nirgends entdecken konnte. Ein Griff in die Innentasche des Jacketts, das über seiner Rückenlehne hing, war jedoch von Erfolg gekrönt. Er hatte zwei Anrufe und drei Nachrichten. Mist. »Es war auf lautlos.«

Cole schnaubte am anderen Ende der Leitung. »Klar.«

»Ich war in einen neuen Auftrag vertieft«, erwiderte Brandon leise und klemmte sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter, um die Hemdärmel hochzukrempeln. Was sollte er auch schon anderes sagen? Er versetzte niemanden absichtlich. Schon gar nicht Cole.

»Du hast immer einen neuen Auftrag.«

»Sagt der, der selbst eine Fünfzig-Stunden-Woche hat.« Brandon lächelte zynisch. Das war so typisch. Es ärgerte ihn jedes Mal, dass Cole keinerlei Skrupel kannte, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden, wenn der selbst doch keinen Deut besser war.

»Wir sind in der Projektphase.«

»Wann ist Schmitt & Partner Architecture das nicht?«

»Was soll ich deiner Meinung nach tun, Brandon? Meine Juniorpartnerschaft – und somit alle Aufstiegschancen – aufgeben?«

»Darum geht’s nicht und das weißt du auch ganz genau, goddammit.« Brandon drehte sich mit dem Stuhl zur großen Fensterfront um. »Wie lange soll das noch so weitergehen?« Bis zum Horizont flackerten Lichter in der Dunkelheit. Der Hafen von Little Neck Bay erstrahlte besonders hell.

Brandon wusste selbst nicht, wonach er genau fragte. Sie stimmten grundsätzlich darüber ein, dass die Arbeit stets vorging. Außerdem sagte einer von ihnen immer in aller Regelmäßigkeit ab – und dann führten sie solche Gespräche wie jetzt.

Cole antwortete erst nach einer langen Pause. »Sag du’s mir.«

»Wie heißt das Restaurant? Club A Steakhouse?« Brandon atmete tief durch. »Ich brauche eine Stunde nach Manhattan, wenn ich jetzt losfahre.« Es war ein Friedensangebot. Eine Ablenkung, denn er wollte weder über die Vergangenheit noch die Zukunft reden.

»Solange werde ich nicht draußen auf dich warten«, entgegnete Cole. »Es ist scheißkalt. Mir frieren jetzt schon die Füße ab.«

»Geh wieder rein.«

»Ist das dein Scheißernst? Du hättest die Blicke der Gäste sehen sollen. Oder den vom Kellner. Oder den der Empfangstussi.«

»Seit wann scherst dich um die Meinung anderer?«, fragte Brandon und sank tiefer in den Stuhl, als ihm klar wurde, dass er sich noch mehr in die Bredouille brachte, als er ohnehin schon war. Umso dankbarer war er dem kurzen Klopfen an seiner Tür, das ihm gerade den Hals rettete. »Cole, warte kurz. Sharleen will etwas. – Ja, bitte?«

»Jesus fucking Christ, wenn du jetzt –«

Brandon ließ den Hörer gegen die Brust sinken und drehte sich um, als seine Sekretärin eintrat. Zu sagen, dass er seinen Freund nicht mehr verstand, war die Untertreibung des Jahrhunderts, aber er ignorierte die lauten Flüche aus der Telefonmuschel schlichtweg. Die Reaktion kannte er bereits. Es war seit sechs Jahren die Gleiche.

»Ich habe frischen Kaffee gemacht«, sagte Sharleen lächelnd und hielt die blaue Tasse mit der Aufschrift »Boss« hoch, die sie ihm letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte. »Möchten Sie, Mr. Parker?«

»Danke.« Brandon nahm die dampfende Tasse entgegen und stellte sie langsam zwischen zwei Papierstapeln ab.

Sharleens Blick fiel auf das Telefon. »Gibt’s Probleme? Brauchen Sie irgendwelche Kundenunterlagen?«

Kopfschüttelnd bedeutete Brandon ihr kurz zu warten, und hielt sich den Hörer ans Ohr. »Ich ruf zurück. Fünf Minuten«, sagte er und beendete das Telefonat, bevor sein Freund zu einer Antwort ansetzen konnte. Dass der sauer auf ihn sein würde, nahm er in Kauf. Alles war besser, als dass Sharleen etwas mitbekam.

»Soll ich den Champagner holen?«, fragte sie mit einem breiten Grinsen.

»Wir stoßen morgen gemeinsam an.« Brandon lächelte ebenfalls und nippte am Kaffee. »Hat irgendjemand einen auswärtigen Termin?«

»Sollten eigentlich alle da sein, Mr. Parker.« Sharleen strich einen Fussel von ihrem roten Kleid. »Denken Sie bitte daran, dass Nathan mittags eine Besprechung mit Smith Constructions hat.«

»Wann kommt Mr. Smith?« Sich die Hände an der Tasse wärmend, lehnte sich Brandon zurück und starrte auf seinen Terminplaner, der Gott sei Dank leer war. Zeit würde er dennoch keine haben. Das Marketing für die Luxusgebäude in Riverhead war einer der größten Aufträge seiner Karriere und würde ihn wahrscheinlich den letzten Nerv kosten. Sein langjähriger Kunde Antony Scott war die personifizierte Unzufriedenheit.

»Halb zwölf.« Die Arme unter der Brust verschränkend, starrte sie kurz an ihm vorbei aus dem Fenster. »Ob Mr. Smith wieder Kekse mitbringt?«

Brandon lachte.

»Was’n?« Eine braune Haarsträhne um den Finger wickelnd, blies Sharleen die Wangen auf. »Das ist eine berechtigte Frage, Mr. Parker.«

Grinsend stellte Brandon die Tasse ab und sortierte einige Unterlagen zusammen. »Ihr wollt euch doch nur wieder die Bäuche vollschlagen.«

»Ihr?«, fragte sie eine Oktave höher. »Eher Nathan! Wenn der die Dose in die Finger bekommt, bleibt für alle anderen nichts mehr übrig.«

»Wann lernt ihr teilen?« Brandon reichte ihr einen Stapel Blätter. »Ablage.« Er brauchte Platz. Es reichte völlig aus, dass die Projektunterlagen der acht Gebäude seinen Schreibtisch zu pflasterten. Dass er tatsächlich den Zuschlag vor wenigen Stunden erhalten hatte, grenzte für Brandon immer noch an ein Wunder.

Sharleen nickte und klemmte sich die Seiten unter den Arm. »Das müssen Sie Nathan fragen.«

»Ihr seid alle erwachsen.« Brandon hob die Augenbrauen. »Ich will keine Personalgespräche führen müssen, weil ihr es nicht hinbekommt, euch Kekse zu teilen.« Manchmal machten ihn seine Mitarbeiter wahnsinnig, aber solange alles reibungslos lief …

»Sie sind nicht besser, Mr. Parker«, sagte Sharleen und stemme die Hände in die zierliche Taille. »Also kommen Sie mir nicht mit Personalgesprächen

»Touché«, erwiderte Brandon grinsend. »Aber ich teile wenigstens.« Für einen Moment schob sich das Bild der jüngeren Sharleen vor sein inneres Auge. Kaugummikauend und übertrieben geschminkt, während sie beim Vorstellungsgespräch in einem Café in der Bronx die Umgebung nach Cops absuchte und um keine Antwort verlegen war. Ihr Stil hatte sich in den letzten Jahren geändert, aber die toughe Art und der Blick über die Schulter waren geblieben.

Sharleen schnaubte. »Wann bitte?«

»Hier und da.«

»Sehen Sie, das untermauert nur meinen Punkt, Mr. Parker.«

»Sie werden schon alles im Griff haben.« Amüsiert überschlug Brandon die Beine und löste die dunkelblaue Krawatte. Sharleen war genau die richtige Person, um alle Mitarbeiter in Schach zu halten, die sich meist wie Geier um Smiths Keksdose scharrten. »Nachdem wir morgen angestoßen haben, müssen wir die Arbeitsaufteilung besprechen.«

Sie nickte erneut. »Wie lange wollen Sie heute noch machen?«

Brandon musterte seinen überfüllten Schreibtisch und sah dann auf die Uhr. Es war kurz vor sieben. »Sie können ruhig gehen, Sharleen.«

Seine Sekretärin schürzte die roten Lippen. »Das war nicht meine Frage.«

»Eine Stunde?«, erwiderte Brandon schulterzuckend. »Ich will vorher alles sichten, damit wir morgen direkt starten können.« Er wollte ohnehin nicht früher nach Hause fahren. Auf einen Streit Auge in Auge mit Cole konnte er verzichten. Es reichte Brandon absolut aus, wenn sie das am Telefon taten.

»Also zwei«, antwortete sie, als sie zur Tür ging. »Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie etwas brauchen?«

Brandon nickte schlichtweg. Sharleen etwas auszureden, war verlorene Liebesmüh. »Was ist mit den Marktstatistiken für Riverhead?«

»Hat Nathan bisher nicht geschafft, ansonsten hätte ich sie Ihnen schon reingereicht.«

»Okay.« Brandon wartete, bis die Milchglastür hinter ihr zufiel, ehe er das Smartphone aufnahm. Sekundenlang spielte er mit dem Gedanken, Cole nicht anzurufen, entschied sich jedoch dagegen. Das würde alles erfahrungsgemäß nur schlimmer machen.

Sein Freund begrüßte ihn mit den Worten: »Du und deine beschissene Church and State-Regelung. Ich werde schon keine deiner Firmengeheimnisse ausplaudern.«

»Fang nicht wieder damit an.« Brandon schloss die Augen und massierte sich die Nasenwurzel. Seine gute Laune verflog sofort. »Du weißt –«

»Goddammit, ja, es ist nur zu unserem Schutz. Du hast es oft genug betont.«

»Und ich werde meinen Standpunkt diesbezüglich nicht ändern«, sagte Brandon fest. Die Frage danach, warum Cole nicht begriff, dass die Trennung von ihrem Privat- und Berufsleben eine Notwendigkeit darstellte, hatte er schon längst aufgegeben. Wahrscheinlich sollte er sich einfach glücklich schätzen, dass sich sein Freund dennoch daran hielt, obwohl sie mindestens einmal die Woche darüber diskutierten.

»Welch Überraschung.«

»Spar dir deinen Sarkasmus, Cole.« Brandon stieß genervt den Atem aus und wandte sich dem vor ihm liegenden Papierstapeln zu. Die Arbeit machte sich nicht von alleine. »Willst du sonst noch irgendetwas?«

»Wann bist du zu Hause?«

»Keine Ahnung.« Brandon sah Coles angepissten Gesichtsausdruck schier vor sich. »Ich habe viel zu tun.«

»Du gehst mir aus dem Weg.« Es war eine Feststellung und keine Frage.

»Ja, ich will nicht streiten«, erwiderte Brandon, während er durch die Seiten blätterte und hielt plötzlich inne. Wo war die Interessentenliste?

»Was tun wir denn bitte gerade?«

Brandon schwieg. Einerseits, weil ihm die Worte fehlten und andererseits, weil die Aufstellung auch in den allgemeinen Projektinformationen unauffindbar war, auch wenn er diese schon zum zweiten Mal durchsah. Das dumpfe Zuschlagen einer Autotür und das Starten eines Motors erinnerte ihn daran, dass er mit Cole telefonierte. »Bist du unterwegs?«, fragte er, um ihr Gespräch – falls man es so nennen mochte – am Laufen zu halten.

»Ich habe gesagt, dass ich nicht auf dich warten werde.«

Die spitze Bemerkung ignorierend, ging Brandon die restlichen Unterlagen durch. Vergeblich. What the heck? Warum? Sofern es Kundschaft gab, wurde immer eine interne Liste erstellt. Brandon fiel es wie Schuppen von den Augen. »Goddammit.«

»Ja, das gleiche hab ich mir vorhin im Restaurant auch gedacht. Ich bin es leid, dass du …« Cole verstummte. Im Hintergrund ertönte das monotone Klacken eines Blinkers.

Brandon horchte auf. Die fehlende Aufstellung verlor an Bedeutung. »Dass ich was

Cole antwortete erst nach einigen Sekunden. »Vergiss es. Schon okay.«

»Sprich es aus, Babe«, sagte Brandon leise. »Rede mit mir.« Sein Freund klang sehr danach, als ob alles okay war. Er ahnte, worauf Cole hinauswollte und es gefiel ihm nicht.

»Fuck, Brandon. Seit Monaten hast du nur die Arbeit im Kopf.«

»Du bist selbst fast nie zu Hause, Cole, also warum sollte ich dort alleine rumsitzen?« Ja, das war ein Grund. Ein anderer war, dass Brandon nicht nachgeben wollte. Er genoss ihr Kräftemessen. Es gab Tage wie heute, an denen sie sich bis aufs Blut stritten, und dann gab es welche, an denen sie nicht die Finger voneinander lassen konnten.

Langweilig war es mit Cole noch nie geworden und Brandon liebte es. Um nichts in der Welt würde er ihren Kampf eintauschen wollen. Dass sie gegenwärtig an sich das Gleiche von einander verlangten, stand außer Frage. Brandon hörte zweifellos die Sehnsucht in Coles Stimme; den Unmut über die aktuelle Situation. Ihm erging es nicht anders, aber klein beizugeben war nicht sein Fall.

»Jesus Christ, ich könnte dir gerade den Hals umdrehen«, stieß Cole leise hervor.

Widerwillig musste Brandon grinsen. »Das Gefühl kenn ich.«

»Sturer Bock.«

»Ja, ich liebe dich auch.«

»Hier geht’s nicht um Liebe, sondern ums Prinzip«, murmelte Cole.

»Ich weiß.« Brandon nippte am Kaffee. »Wann tut’s das bei dir nicht?«

»Musst du immer das letzte Wort haben?«

»Nein.«

Cole ächzte. »Arbeite bloß weiter, damit ich dich los bin.«

»Wie der Herr wünscht. Bis nachher, Babe.«

»Bye, Hon’.«

Mit einem tiefen Seufzen legte Brandon das Smartphone auf den Tisch und starrte auf das Display, bis Coles Kontaktbild verschwand. Es war ein Foto von Weihnachten, auf dem sein Freund den roten Rentierpullover trug, ein Geschenk von Brandons Vater, und dabei mehr als genervt in die Kamera sah. Brandon lächelte.

Ihr Gespräch müsste ihm Sorgen bereiten, aber das tat es nicht. Sie stritten ständig über dieselben Themen und bisher war alles beim Alten geblieben. Cole verbrachte den Großteil seiner Zeit bei Schmitt & Partner Architecture, während Brandon seine Firma voranbrachte. Es war alles wie immer.

Gerädert stand er auf und ging zur Glastür. Er sollte dem Verbleib der Interessentenliste nachgehen, damit er es vor Sharleens prophezeiten zwei Stunden nach Hause schaffen würde.

* * *

Die weißen Plastiktüten von Brandons Lieblingsschnellrestaurant raschelten, als das Taxi durch ein Schlagloch fuhr. Warum Cole sich überhaupt die Mühe machte, zunächst zu Wing Hing, quer durch Brooklyn, und dann in den nordöstlichsten Stadtteil von Queens zu fahren, war ihm schleierhaft. Jeder andere Chinese hätte es wohl auch getan. Brandon würde der Unterschied nicht auffallen. Oder vielleicht doch. Aber eigentlich spielte es keine Rolle. Cole wollte den Abend nicht alleine verbringen, egal ob er sauer auf Brandon war, weil der ihr Abendessen vergessen hatte.

»Wie war’n dein Tag?«

»Beschissen«, erwiderte Cole, damit der Fahrer endlich die Klappe hielt. Seit über zehn Minuten redete der – mit einem so starken Akzent, dass Cole die Ohren bluteten – zusammenhangloses Zeug und versuchte ihn in eine Konversation zu verwickeln.

»Oh Mann, warum?«

Goddammit. Cole starrte schweigsam durch die Scheibe hinaus. Die Straßenlaternen erhellten das Wageninnere und zogen genauso schnell vorbei wie die Ziffern des Taxameters. Reiner Wucher seiner Meinung nach.

»Prob’s mit’m Job?«, fragte der junge Mann.

»Unter anderem.«

»Was is’n passiert?«

Cole verfluchte sich. Wieso hatte er überhaupt darauf geantwortet? »Ein Kunde hat heute Projektbestandteile outgesourct.«

»Und man hat dich verantwortlich gemacht?«

»Ja.«

Der Blick des Fahrers traf Cole über den Rückspiegel hinweg. »Zurecht?«

»Nein, ein Kollege hatte mir falsche Unterlagen für das letzte Kundenmeeting im Dezember gegeben.« Cole verzog das Gesicht.

»Das klingt nach der Kurzfassung.«

»Ist es auch.« Das chemische Aroma des am Rückspiegel baumelnden Duftbäumchens drang zu Cole und überlagerte den schwachen Geruch des Essens. Keine gute Mischung. Er rümpfte angewidert die Nase. Wie konnte der Typ das nur den ganzen Tag ertragen?

»Und die Lange?«

Cole presste die Lippen zusammen. Wieso waren Taxifahrer dermaßen neugierig? »Mein Kollege sollte eigentlich das Meeting leiten, aber ist dann urplötzlich an einer Grippe erkrankt und hat mich gebeten für ihn zu übernehmen.«

»Aha?«

»Ich habe von Marketing keine Ahnung.« Selbst der Mitarbeiter aus der Poststelle wäre für die Besprechung geeigneter gewesen als Cole. Wie machte Brandon den Job nur?

»Als was bist’n tätig?«

»Architekt«, sagte Cole und sah durch die Frontscheibe nach vorn. Der Verkehr in Queens war verhältnismäßig ruhig.

»Check ich nicht,« antwortete der Mann. »Wieso hast’n deinen Kollegen vertret’n, wenn das gar nich’ dein Fachgebiet is’?«

»Wir haben in allen Projektangelegenheiten firm zu sein«, sagte Cole. »Sich also vor unliebsamen Meetings zu drücken, steht nicht zur Debatte. Es sollte ohnehin nur ein kurzer Termin werden. Rein, Script vorlesen, raus, fertig.« Warum erzählte er das dem Typen?

»Kann mir denken, dass genau das nich’ passiert is’?«

»Richtig. Es ist ein fucking Desaster gewesen. Der Kunde hat mich damals im Konferenzraum stehen lassen, nachdem er mir das Fell über die Ohren gezogen hat.«

»Und was hat’n dein Chef zu gesagt?«

Cole zuckte mit den Schultern und schwieg.

»Willst damit sagen, dass du’s ihm nich’ erzählt hast?«

»Wir als Juniorpartner regeln so etwas untereinander«, erwiderte Cole bissig. Jesus Christ. Wieso reimte sich der Fahrer alles richtig zusammen?

»Dann bist mit deinem Kollegen nich’ befreundet?«

Cole lachte. »Nein, definitiv nicht.«

»Dude, ohne dir zu nahe treten zu woll’n, aber ist das dann nich’ unlogisch, wenn du für ihn den Kopf hinhältst? Es wäre nur fair, wenn du ihn verpfeifst.«

Wenn Cole ehrlich war, spielte er mit dem Gedanken, seit er Daniel Hall vor Wochen zur Rede gestellt und der lautstark und vehement jede Schuld abgestritten hatte. Auch wenn Hall ein Arschloch war, sah Cole davon ab. Brandon würde es ebenfalls nicht gutheißen. »Ich bin kein Kollegenschwein. Nur weil andere keinen Anstand besitzen, muss ich mich nicht ebenso verhalten. Außerdem ändert es nichts an der Tatsache, dass das Marketing weg ist.«

»Was machst’n, wenn der das wieder versucht?«

»Glaub mir, das wird nicht passieren.« Cole hielt das Essen fest, als der Fahrer an einer Ecke zu scharf abbog.

»So ist’s richtig, Bro.« Der wechselte den Radiosender. »Aber was hat das Ganze mit heute zu tun?«

»Wir haben alle die Hoffnung gehegt, dass sich unser Kunde fängt, aber er hat tatsächlich ein anderes Unternehmen beauftragt.«

»Und dein Chef? Wie hat’n der auf den Auftragsverlust reagiert?«

Cole schnaubte. »Willst du das wirklich wissen?«

»Sonst hätte ich nich’ gefragt.«

»Sie haben mich heute in der Luft zerrissen.«

»Lass’n die nich’ mit sich red’n?«

»Hast du je versucht, dich mit einer Wand zu unterhalten?«, fragte Cole. Ihm fiel kein passenderer Vergleich ein. Widerrede war seit jeher sinnlos bei den Partnern, für die von vornherein festgestanden hatte, dass er für den Auftragsverlust verantwortlich gewesen war.

Cole wunderte es, dass er überhaupt noch einen Job hatte. Der Ruf von Schmitt & Partner Architecture, effizient und gnadenlos zu sein, bezog sich nicht nur auf Konkurrenzfirmen. Die Teilhaber gaben dieses Credo bei jeder Gelegenheit an die Belegschaft weiter und normalerweise wurde mit ungeeignetem Personal kurzen Prozess gemacht.

»Nein.« Der Fahrer lachte. »Und was macht’n dir sonst noch so Prob’s? Die Liebe?«

»Wie kommst du darauf?«

»Du hast eben unter anderem gesagt.« Der junge Mann hielt die Hand hoch und fing an den Fingern aufzuzählen. »Erst der Job, dann die Liebe und dann die Familie.«

Fuck. Wieso musste der Kerl auch zuhören?

»Komm, sag schon, Bro.«

Cole fuhr sich über die Stirn. Er hasste es, wenn andere recht behielten. »Mein Freund.«

»Freund wie in Freund oder Freund-Freund

»Freund-Freund.«

»Hah, Mann! Ich hab’s dir doch gesagt.« Der Fahrer lachte erneut. »Was’n da das Prob?«

»Er hat mich versetzt«, erwiderte Cole. Es war ihm egal, ob Brandon und er sich eigentlich darauf geeinigt hatten, sich nicht zu outen. Er sah den Taxifahrer nie wieder.

»Uh-Oh! Ärger im Paradies«, sagte der. »Und jetzt geht’s zu ’ner Freundin ausheulen?«

»Nope, zu ihm.« Cole sah auf sein Smartphone. Sie waren schon über eine halbe Stunde unterwegs und … Bevor er den Gedanken vollenden konnte, hielt das Taxi quietschend am Bürgersteig der Twenty Sixth Avenue.

Die Plexiglasscheibe, welche die Fahrerkabine und den Gastraum trennte, wurde weiter aufgeschoben. Der Mann zeigte auf das Taxameter, auf dem fünfundsechzig Dollar standen. »Hör zu, ich geb dir Rabatt, weil du’n beschissenen Tag hattest! Trinkgeld muss auch nich’ sein. Gib mir ’n Fuffi, dann passt’s.«

Cole verzog das Gesicht, als er das Portemonnaie aus der inneren Manteltasche holte. Die Almosen konnte sich der Typ sparen. Cole brauchte kein Mitleid – von niemandem. Er reichte vier zwanziger nach vorne, ohne auf das Angebot des Fahrers einzugehen. »Nimm, das stimmt so.«

»Ey danke, Mann«, erwiderte der, offenbar erfreut über das hohe Trinkgeld. »Lass dich nich’ zu sehr stress’n und zeig ihm, wer die Hosen anhat! Denk dran, wenn er dich nicht so behandelt, wie du es willst, kannst du ihn immer noch abschießen!«

Cole grinste über den Vorschlag, ließ ihn jedoch unkommentiert. »Weiterhin sichere Schicht, bye.«

»Bye, Dude!«

Umständlich stieg Cole mit den Tüten in der Hand aus und stieß die Tür mit dem Knie zu. Eine eisige Windböe fegte durch eine Häuserflucht neben ihm und er sah sich um, als das Taxi losfuhr. Die Straßen waren ausgestorben. Wahrscheinlich lag es an der vorausgesagten Januarkälte. Normalerweise vertraute er den Vorhersagen der TV-Meteorologen nicht, aber es war wirklich arschkalt. Dafür war die klare Abendluft eine schiere Wohltat nach dem künstlichen Gestank des Duftbäumchens.

Cole raffte schaudernd den Kragen enger, als er die Fassade des Gebäudes hochsah, das er nur von Bildern kannte. In der dritten Etage brannte Licht. Er wusste nicht, ob es ihn freuen oder ärgern sollte. Wahrscheinlich beides gleichermaßen nach dem heutigen Tag. Cole pustete sich in den rechten Handschuh, während er auf den Eingang zueilte und durch die Drehtür schritt.

Der Mann an der Rezeption nickte ihm zu. »Guten Abend, Sir. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Ich möchte zu Parker Marketing & Consulting«, erwiderte Cole und löste den Schal. »Ich werde erwartet.« Eine glatte Lüge, aber er hatte keinen Nerv sich mit dem Portier herumzuschlagen und irgendwelche Fragen zu beantworten.

»Bitte tragen Sie sich hier ein.«

Cole wurde ein Gästebuch zugeschoben. Goddammit. Blieb ihm heute auch gar nichts erspart? Er zog sich die Handschuhe aus und schrieb seinen Namen unter den letzten Eintrag, die Unterschrift dahinter setzend.

»Ich werde Sie ankündigen.« Der Portier hob bereits das Telefon ab und drehte das Buch um.

»Nicht nötig, ich finde den Weg alleine.« Cole winkte ab und wandte sich bereits zu den Fahrstühlen, bevor der Portier Worte des Protestes äußern konnte. Die Türen glitten geräuschlos auf und ebenso lautlos hinter ihm zu, als Cole auf dem Bedienfeld den Button für die dritte Etage drückte. Verschiedene Firmennamen prangten auf dem dazugehörigen matten Metallschild.

Cole richtete seine zerzausten Haare in den verspiegelten Innenseiten der Türen und öffnete einige Knöpfe des grauen Mantels. Prüfend musterte er seine Erscheinung. Passabel. Hätte besser sein können, allerdings traf er sich nur mit Brandon und keinem snobistischen Kunden, dem alleine der falsche Sitz von Manschettenknöpfen sauer aufstieß.

Mit einem leisen Signalton gingen die Türen auf und Cole betrat den Vorraum von Parker Marketing & Consulting, wie ihm der übergroße Schriftzug auf der hellen Wand mitteilte und schaute sich um. Ein verglastes Konferenzzimmer zu seiner Linken, gefolgt von drei verschlossenen Bürotüren. Alles dunkel. Am Ende des Ganges zu seiner Rechten saß eine junge Frau, die im Tippen innehielt und in seine Richtung sah. War das Sharleen, Brandons Sekretärin? In dem Raum hinter ihr brannte als einziges noch Licht.

»Sie wünschen?«

Sie stand auf, als Cole auf sie zuging, dem ihre hohe Stimme unangenehm war. Er musterte sie von oben bis unten. Das rote Kleid hätte nicht enger und kürzer sein dürfen, sonst würden die Cops sie auf der Straße für eine Nutte halten. Okay, vielleicht fehlte dazu das übertriebene Make-up und wenn er besser gelaunt wäre, könnte er eventuell sogar ihre Attraktivität würdigen.

»Machen Sie sich keine Mühe«, sagte er und ging an ihrem Schreibtisch vorbei zur Glastür. Pikiert sah er auf ihre Hand, als sie ihn am Oberarm festhielt. Er hasste es, von Fremden berührt zu werden.

Sie funkelte ihn an. »Was wollen Sie hier?«

»Geht Sie nichts an.« Die Augen verdrehend, machte sich Cole von ihr los. Sharleen reichte ihm gerade einmal bis zur Brust. Unsympathisches Biest. Cole schob sie bereits in die Kategorie von Menschen, mit denen er nichts zu tun haben wollte.

»Da Sie keinen Termin haben, geht es mich sehr wohl etwas an, Mister.« Sie packte erneut seinen Oberarm, diesmal überraschend kräftig, und drehte ihn herum.

Brandons Bürotür ging auf. »Was geht hier vor sich?«

»Was ist die denn für ein Biest, Brandon?«, fragte Cole über die Schulter hinweg. Es war ihm egal, ob Sharleen sich beleidigt fühlte oder nicht.

»Ich sagte: Sie sollen verschwinden«, fauchte sie und machte Anstalten Cole hinaus zu zerren. »Sonst rufe ich die Security!«

»Was machst du hier?«, fragte Brandon.

Cole drehte sich soweit um, wie es Sharleens fester Griff zuließ. Er riss sich mühsam zusammen, Brandons Sekretärin keinen Schaden zuzufügen. »Sag ihr, sie soll mich nicht anfassen.«

»Lassen Sie ihn bitte los, Sharleen.« Brandon hob beschwichtigend die Hände und trat zu ihnen. »Ist schon okay.«

Misstrauisch ließ sie von Cole ab und verschränkte störrisch die Arme, zwischen Cole und Brandon hin und her sehend. »Sie kennen sich, Mr. Parker?«

Cole schnaubte, als sein Freund das Gesicht verzog und erwartete als Antwort ein »leider«. Das wäre zumindest seine gewesen, wenn man ihn gefragt hätte. Er strich den Ärmel glatt und nahm die Tüten in die andere Hand, da ihm bereits die Finger abstarben.

»Ja, wir kennen uns«, sagte Brandon und lächelte sie an. »Kein Grund zur Sorge, Sharleen.«

Interessiert wartete Cole darauf, dass Brandon ihn vorstellte – was der jedoch nicht tat. Goddammit. Es reichte offenbar nicht aus, dass sie ihre Beziehung geheim hielten, sondern jetzt war sogar schon sein Name tabu?

»Ich war in der Gegend.« Cole hielt die Tüten von Wing Hing hoch und ging an Brandon vorbei ins Büro. »Hoffentlich hast du Hunger.«

»Schon okay, Sharleen«, sagte Brandon und folgte ihm nach einigen Sekunden.

Cole stellte die Tüten heftiger als nötig auf den kleinen Tisch bei der Sitzecke ab und sah zu seinem Freund, der die Tür hinter ihnen schloss. Dessen Lächeln verflog, während er Cole beim Auspacken zusah.

»Was willst du hier?«

»Sieht man das nicht?« Cole wies auf die unzähligen Pappschachteln. »Essen.«

»Das beantwortet nicht meine Frage.« Brandon lehnte sich gegen die Wand neben der Tür und schob die Hände in die Hosentaschen.

»Ich hab Hunger, Bran«, entgegnete Cole. »Kann ich nicht mit meinem Freu–?«

»Stopp, Sharleen lauscht sicher.« Brandon zeigte mit dem Daumen auf ihren Umriss, der im Flur auf und ab wanderte. »Morgen wird das Ganze sicherlich eh Thema Nummer eins sein.«

»Und das ist mein Problem?«

»Es kann zu deinem werden, ja.«

Cole warf den grauen Mantel und den Schal über die Lehne des Sessels. Ihm lief eine Gänsehaut über den Rücken, als er an ihre Finger und die rot lackierten Nägel auf seinem Arm dachte. »Dann schick sie nach Hause, damit du den Stock aus dem Arsch nehmen kannst.«

Überrascht zog Brandon die Augenbrauen hoch und es dauerte einige Sekunden, ehe er der Aufforderung folge leistete und erneut die Tür öffnete. »Sie können Feierabend machen, Sharleen. Alles Weitere besprechen wir morgen.«

»Sind Sie sicher, Mr. Parker?«

»Ja, es ist alles okay.«

Kopfschüttelnd goss Cole die extra Süßsauersoße über Brandons Gericht und verschloss die Packung wieder, damit die Ente warm blieb. Was stimmt mit der Frau nicht? Sie benahm sich wie ein Bodyguard. Aus dem Flur drangen geschäftige Geräusche. Es folgten Schritte und anschließend ertönte das Fahrstuhlsignal. Die Glastür wurde geschlossen.

»Was zum Henker, Cole? Bist du irre einfach hier aufzutauchen?«

»Dir auch einen guten Abend, Darling«, schoss Cole zurück und schmiss die Servietten auf den Tisch. »Oder ist selbst das zu viel verlangt?«

»Darling?« Brandon verschränkte die Arme vor der Brust. »Hast du Fieber?«

Cole fühlte förmlich, wie sich Brandons komplette Aufmerksamkeit auf ihn richtete. Den Blick, als sein Freund ihn von Kopf bis Fuß musterte, und der in seinem Inneren wütete. Brandons grüne Augen waren schon immer sein Tod gewesen und Cole vergas auch jetzt die sarkastische Antwort, die ihm auf der Zunge lag.

Die plötzliche Stille in dem kleinen Büro war schwer, jedoch nicht auf unangenehme Art. Ein vertrautes Gefühl keimte in Cole, als Brandons distanzierte Haltung schwand und nur noch die ruhige, autoritäre Ausstrahlung zurückblieb, die er so anziehend fand. Er liebte diese Momente, in denen alleine Brandons Anwesenheit seine Welt etwas besser machte, egal, wie beschissen sein Tag gewesen war.

»Du solltest mich richtig begrüßen, anstatt da rumzustehen«, sprach Cole seinen Gedanken laut aus.

»Sollte ich, ja?« Brandon löste sich von seiner Position an der Tür und trat zu Cole, zwei Fuß vor ihm stehen bleibend. »Und was fällt für dich unter richtig? Ein Handschlag?«

»Zu geschäftlich«, murmelte Cole und sog die Note von Brandons Eau de Parfum ein. Der Geruch von Sandelholz war fest mit seinem Freund verbunden.

Der strich nun Coles Krawatte glatt. »Umarmung?«

»Zu platonisch.« Cole schluckte. Das Lächeln, das nun Brandons Lippen umspielte, war das Schönste, was er heute zu Gesicht bekommen hatte. Eine Hand legte sich in seinen Nacken und das sanfte Kraulen an seinem Haaransatz entspannte Cole. »Besser.«

»Nur besser?«, fragte Brandon leise.

»Für ›großartig‹ fehlt ’n ganzes Stück«, sagte Cole, während er sich zu seinem Freund hinunterbeugte und ihn küsste. Brandon verfluchte die zwei Inch Größenunterschied regelmäßig, aber Cole freute sich darüber. Er liebte es, sich überlegen zu fühlen, vor allem, weil sie sich an Kraft oder Statur sonst nur minimal unterschieden. Einen klaren Vorteil musste er haben.

Cole überbrückte die paar Inches, die ihn von diesem perfekten Körper trennten, und drängte Brandon zurück gegen einen metallenen Aktenschrank. Mit einem lauten Rumpeln stießen sie dagegen. Ein Schauer rann über seinen Rücken, als er Brandons Mund mit seiner Zunge öffnete und dessen suchende Hände an seinen Flanken spürte.

Er könnte Brandon hier auf dem Schreibtisch nehmen und keiner würde es mitbekommen. Alleine der Gedanke an einen kurzen Büro-Quickie ließ ihn Ungeduld verspüren und gebar alle möglichen Szenarien in seinem Kopf. Er wollte seinen Freund gegen die Wand oder gegen das Fenster ficken.

Frustriert schnaubend, vernahm Cole den piependen Ton einer eingehenden E-Mail auf seinem Smartphone, war aber nicht gewillt Brandon ziehen zu lassen. Zu wichtig erschien ihr Kuss, als dass er davon ablassen könnte. Hastig zerrte er das weiße Hemd aus der schwarzen Anzughose. Das Gefühl von nackter Haut fehlte unter seinen Fingern. Brandon stöhnte auf, als sich Coles Hände auf die freie Partie legten. Fuck.

Das schrille Klingeln eines Telefons fuhr ihm durch Mark und Bein und versetzte ihn mit einem Schlag wieder in die Realität. Brandon war erregt, das fühlte Cole deutlich an seinem Becken. Genauso, wie er selbst. Atemlos unterbrach er ihre Verbindung und fuhr mit den Lippen über die Wange. Der leichte Bartschatten kratzte ihn. »Geh nicht ran«, wisperte er und versuchte einen weiteren Kuss zu stehlen.

»Ich muss.«

Brandons Flüstern war rau und Cole hätte am liebsten den Stecker des Telefons aus der Wand gezogen. Eigentlich war es zwecklos, aber dennoch versuchte er, seinen Freund mit altbekannten Mitteln umzustimmen. Er verankerte seine Finger in Brandons Haaren und zog seinen Kopf zur Seite, um einen Kuss auf den empfindlichen Hals zu prägen.

Brandons Keuchen nah an Coles Ohr war pure Verheißung. Die Hand, die sich gegen seine Brust stemmte jedoch nicht. Genauso wenig wie der Unmut in Brandons sonorer Stimme. »Lass mich los.«

Cole zog die Augenbrauen zusammen, als ihn ein kühler Blick traf. Er sollte es nicht persönlich nehmen, aber das Brandon gerade jetzt die Arbeit wichtiger war, verärgerte ihn mehr, als er zugeben wollte. Zwar hob diese kleine Fummelei seine Stimmung etwas an, aber dennoch konnte er sich damit nicht abfinden, einfach stehen gelassen zu werden.

* * *

Entschuldigend strich Brandon über Coles Arm und ging zum Schreibtisch. Allzu deutlich spürte er den bohrenden Blick in seinem Rücken, der seine Haut versenkte. Nur zu gern wäre Brandon auf Coles Verlangen eingegangen, doch keiner seiner Kunden rief spät abends an. Dass überhaupt einer von ihnen damit rechnete, dass er um diese Uhrzeit noch arbeitete, zeigte Brandon nur die extremen Verhältnisse der vergangenen Monate auf. Anscheinend hatte er es wirklich mit den Überstunden zu weit getrieben.

»Parker Marketing und Consulting?« Brandon klemmte sich den Hörer zwischen Kopf und Schulter, um seine Kleidung zu ordnen. Verlangen pulsierte in seinen Lenden und machte es ihm schwer, einen professionellen Ton an den Tag zu legen.

»Antony Scott, von Scott & Scott. Ich wollte gern Mr. Parker sprechen.«

Langsam stieß Brandon den Atem aus, während er das Hemd in die Hose stopfte. Der zweite Anruf innerhalb von drei Wochen. Womit hatte er dieses Privileg nur verdient? Brandon zuckte zusammen, als sich plötzlich Coles Hände von hinten um seine Taille schlangen und ihn aufhielten. Ein Kuss wurde auf seinen Hals gehaucht. Überrascht wandte sich Brandon um, wurde jedoch mit sanfter Gewalt zurückgedreht.

»Hallo? Sind Sie noch da?«

Brandon schauderte. Er spürte Coles Präsenz so nah hinter sich, dass er Sekunden brauchte, um zu antworten. »Ich bin selbst am Apparat. Was kann ich für Sie tun?«

Hände zogen Brandons Hemd gemächlich aus der Hose und glitten darunter. Lippen streiften sein Ohr. »Du hast nicht gesagt, ich soll aufhören«, flüsterte Cole.

Brandon presste die Kiefer aufeinander. Er war hin- und hergerissen. Die Berührungen fühlten sich so richtig an, aber er telefonierte mit einem Kunden. Dabei ächzte sein Körper schier nach Coles Nähe. Goddammit. Solange sich sein Freund beherrschte, war es wohl in Ordnung.

»Haben Sie bereits die Unterlagen erhalten?«, fragte Scott.

»Ja, heute Nachmittag.«

»Und schon einen Blick reingeworfen?«

»Ich bin am …«, Brandon stockte, als Cole ihn gegen den Schreibtisch drängte, »… durcharbeiten der Portfolios.«

»Schön. Ich wollte gern wissen, wann Sie die Objekte besichtigen möchten? Dann würde ich ein Treffen arrangieren, damit ich Ihnen den Schwerpunkt näher erläutern kann.«

»Besichtigen?«, fragte Brandon belegt nach. Cole strich gerade fest mit einer Hand über seine Rippen hinauf und über seine Brust. Die andere lag auf Brandons Hüfte und drückte ihn nach hinten gegen Cole.

»Alles in Ordnung, Mr. Parker?«

»Es war ein langer Tag.« Es war eher die Erektion, die Brandon an seinem Hintern spürte und die zusehends seine Konzentration einnahm. »Wann passt es Ihnen?«

»Ich bin flexibel. Dieses Wochenende?«

»Einen Moment.« Brandon beugte sich über den Schreibtisch, sich darauf verlassend, dass Cole ihn stützte, und suchte unter einigen Statistiken nach dem Terminkalender. Der Griff an seiner Hüfte wurde stärker und hielt ihn wie erwartet fest. Allerdings folgte auch Cole seiner Bewegung und Brandon hielt die Luft an, als ihm klar wurde, dass der keineswegs die Absicht hatte, sich zurückzuhalten. Er blätterte fahrig durch die Seiten, um sich von dem Gedanken abzulenken. Dieses Wochenende war verdammt kurzfristig, aber er hatte keine Termine. »Wie wäre es mit Samstag gegen zwölf zum Lunch?«

»Das Restaurant des Hyatt Hotels in Riverhead ist sehr gut. Dann können Sie auch dort absteigen.«

Absteigen? Warum? Für ein Essen brauchte er nicht … Brandon wurde plötzlich nach hinten gezerrt und dann umgedreht. Mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck drückte ihn Cole auf die Tischkante. Fragend sah Brandon zu seinem Freund hoch, während er seinem Kunden antwortete: »Planen Sie einen längeren Aufenthalt?«

»Wie Sie wissen, ist das Projekt umfangreich.« Scott schwieg für einige Sekunden in der Leitung, bevor er sagte: »Ich denke, dass wir drei oder vier Tage benötigen werden, um alles durchzusprechen.«

»Kein Problem«, sagte Brandon und musterte seinen Freund, der nur zurück starrte, ehe dessen Blick an seinem Oberkörper hinabglitt und an seiner Hose hängen blieb. Cole legte den Zeigefinger über den Mund und öffnete dann langsam den Gürtel.

Brandon biss sich auf die Zunge. Die Vorfreude auf das Kommende stand im drastischen Gegensatz zu der Situation, in der er sich befand, und kollidierte mit seinem Gewissen. Goddammit. Er telefonierte mit einem Kunden und Cole wollte ihm einen blasen?

»Treffen wir uns direkt im Restaurant?«, fragte Scott.

»Gern«, erwiderte Brandon zögernd, als Cole langsam den Gürtel aufzog. »Ich werde voraussichtlich allein anreisen.« Und er musste unbedingt nachher daran denken, Sharleen einen Zettel hinzulegen, damit sie die Hotelbuchung regeln konnte.

»Das ist in Ordnung. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.«

»Ich mich ebenso, Mr. Scott.« Gebannt verfolgte Brandon das Tun von Coles Händen, die jetzt gemächlich seinen Hosenknopf öffneten. Die Vorstellung, wie sein Freund gleich vor ihm in die Knie ging, schickte einen Schauer über seinen Rücken und eliminierte jede Chance, dass er Cole abhalten würde.

»Haben Sie vor ab noch Fragen?«

»Die Interessentenliste fehlt.« Es war zwar keine Frage, aber das Erstbeste, das Brandon einfiel, als Cole eine Hand in seine Anzughose schob. Er hatte wahrlich Mühe, keinen Laut von sich zu geben. Die unmerkliche Berührung war zu verlockend.

»Es gibt keine. Was meinen Sie, warum ich das Marketing erst jetzt an Sie gegeben habe, obwohl das Projekt bereits Monate läuft?«, fragte Scott.

»Ich hatte mich schon gewundert, warum Sie mich nicht direkt konsultiert haben«, sagte Brandon. »Dann waren Sie mit dem vorherigen Unternehmen unzufrieden?« Angesichts von Coles Hand, die sich nun um seinen Schwanz legte, verblasste Brandons Interesse an den konkreten Hintergründen seines neuen Auftrags rapide.

»Mr. Parker, das ist eine Untertreibung.« Scott schnalzte. »Ich habe noch nie ein solches Fiasko erlebt, was mich in einen derartigen Verzug bringt. Gerade deswegen ist es so wichtig, dass wir so früh wie möglich alles detailliert durchgehen, um die verlorene Zeit aufzuholen.«

»Selbstverständlich«, murmelte Brandon in das Telefon, als Cole einen Kuss auf seinen Hals hauchte und sich gleichzeitig dichter drängte. »Meine Mitarbeiter und ich sind darauf vorbereitet, dass sofort Maßnahmen ergriffen werden müssen. In den nächsten zwei Woch–«

»Das ist mir zu spät«, erwiderte Scott. »Wir brauchen asap eine handfeste Strategie. Um alle weiteren Schritte einzuleiten oder Sie bestmöglich unterstützen zu können, muss die Planung spätestens Montag stehen.«

»Wir werden am Wochenende gemeinsam etwas ausarbeiten«, versicherte Brandon souverän, um seinen Kunden zu beruhigen. Ein Rascheln erregte Brandons Aufmerksamkeit, als Scott ihm irgendetwas erzählte, und er wandte sich nach hinten. Cole stapelte gerade die Dokumente der Apartmentkomplexe aufeinander und schob sie zur Seite, gefolgt von Brandons Terminkalender und allen anderen Dingen, die direkt hinter ihm lagen. Er bedeckte die Muschel mit der Hand und flüsterte Cole zu: »Sperrgebiet.«

»Mich interessieren deine Unterlagen nicht, Bran«, wisperte Cole in sein Ohr und schob ihn auf die soeben freigemachte Fläche. »Ich wollte nur nichts durcheinanderbringen, wenn ich dich mit dem Gesicht voran auf die freie Arbeitsplatte presse, dir die Hose hinunter ziehe und dich dann ins Nirwana ficke.«

»Mr. Parker?«

»Entschuldigen Sie, Mr. Scott, ich war kurz abgelenkt. Was haben Sie gesagt?« Brandon drückte Cole ein Stück von sich und schüttelte stumm den Kopf. Das ging eindeutig zu weit, auch wenn seine Libido die grafische Beschreibung, die beinahe wie eine Prophezeiung klang, überaus ansprechend fand.

Scott seufzte. »Ich weiß Ihre Zuversicht zu schätzen.«

»Das hat damit nichts zu tun, Mr. Scott«, sagte Brandon, energisch Cole anstarrend, damit sein Freund den Ernst der Lage verstand. »Sie kennen mich und wissen, dass ich zu meinem Wort stehe und keine leeren Versprechungen mache.«

Coles Mundwinkel zuckten zynisch, als er die Hand aus Brandons Hose zog und sich abwandte, nur um sich in einen der Sessel fallen zu lassen. Ein wütender Blick traf Brandon, dem er nur mit einem herausfordernden Nicken antwortete. Was? Bezog Cole den Satz nun auf sich selbst?

»Und deswegen haben Sie den Auftrag erhalten und kein anderes Unternehmen.« Scott lachte leise. »Ich konnte mich vor abstrusen Offerten die letzten Wochen kaum retten.«

»Danke für Ihr Vertrauen«, erwiderte Brandon und strich sich die Haare zurück. Wie lachhaft die ganze Situation doch war. Er saß mit offener Hose und einer Erektion auf dem Schreibtisch, während ihn sein Kunde lobte und Cole ihm gut sichtbar die Pest an den Hals wünschte. Innerlich fluchend stand Brandon auf und kleidete sich wieder an. »Möchten Sie noch etwas anderes besprechen, bevor wir uns am Samstag sehen, Mr. Scott?«

»Wimmeln Sie mich ab?«

Brandon lief es kalt den Rücken hinunter. »Nein, ich –«

»Ich möchte meine Entscheidung, Ihnen dieses Projekt anvertraut zu haben, nicht bereuen. Wir verstehen uns, Mr. Parker?«

»Selbstverständlich.« Brandon richtete flüchtig sein Hemd, ehe er sich über die Stirn rieb. Er spürte förmlich, wie ihm graue Haare wuchsen. Ob das nun an Scott oder Cole lag, konnte er nicht genau bestimmen. Einer der beiden würde ihn sicherlich vorzeitig altern lassen.

»Perfekt. Einen angenehmen Abend. Wir sehen uns am Samstag.«

»Bis Samstag, Mr. Scott«, sagte Brandon möglichst neutral und massierte sich den rechten Schultermuskel, der ihm seit Tagen Schmerzen bereitete. »Guten Abend.« Tief durchatmend legte er den Hörer auf und drehte sich um.

Cole maß ihn abwartend. »Das Essen wartet genauso wenig wie ich.«

Brandon gab sich alle Mühe, seine Mimik ausdruckslos zu halten. Die bissige Anspielung zerrte unsäglich an seinen Nerven und er brauchte einige Momente, um sich zu fangen, damit er Cole nicht hier und jetzt den Hals umdrehte. Schwerfällig sank Brandon in den Sessel und schloss kurz die Augen.

Das ist doch alles zum Kotzen, dachte Brandon und lauschte in die Stille seines Büros hinein. Das leise Surren seines Computers, war neben Coles wütenden Lauten, das einzige Geräusch. Jesus Christ. Angestrengt kämpfte er seine Erektion nieder und das unbefriedigte Gefühl, das in seinem Inneren gärte, ließ ihn den Kopf schütteln. Dass Scott soeben Brandons freies Wochenende vollkommen ungeniert verplant hatte, machte es nicht besser.

»Kein Hunger?«

Blinzelnd sah Brandon zu Cole und stützte das Kinn auf dem Handballen ab. »Doch.«

»Dann iss, bevor es noch kälter wird.«

Brandon bemerkte auf den Tüten das Logo von Wing Hing und runzelte leicht die Stirn. Coles »ich war in der Gegend« konnte nicht stimmen. Dafür lag der Chinaimbiss in Brooklyn zu abgelegen – und somit definitiv nicht auf dem Weg von irgendwoher, bis hin zu Brandons Büro. Sein Magen knurrte laut, als ihm die Note von chinesischem Essen in die Nase stieg. Verdammt, roch das gut. Er hatte wirklich Hunger.

»Vom Anstarren wirst du nicht satt. Außer du wärst eines dieser Magermodels.«

»Halt den Rand, Cole, bevor mir der Appetit vergeht«, stieß Brandon hervor und griff nach der Pappschachtel mit der Aufschrift »65«, seinem Leibgericht Ente süßsauer.

»Das wäre ja etwas ganz Neues.«

Schnaubend raffte Cole die Nudeln mit Schweinefleisch dichter, wie Brandon nach einem flüchtigen Blick auf die Nummer feststellte. »Wäre ebenso etwas Neues, wenn du dich an etwas hältst, worum ich dich gebeten habe.«

»Goddammit, Bran, immer noch den Stock im Arsch? Ich hätte dich einfach dort«, Cole zeigte zur freien Stelle auf dem Schreibtisch und reichte ihm danach eine der Plastikgabeln sowie einige Servietten, »ficken sollen.«

Brandon griff nach Coles Hand, sie näher über den Tisch ziehend. »Während ich mit einem Kunden telefoniere?«

»Danach.« Cole hob eine Augenbraue. »Für wie bescheuert hältst du mich?«

»Kein Kommentar«, sagte Brandon demonstrativ und ein Grinsen schlich sich auf seine Lippen, das sich in dem Gesicht seines Freunds kurz spiegelte.

Cole nickte zur Gabel zwischen ihnen. »Benimm dich, ansonsten musst du mit den Fingern essen.«

»Sagt der Richtige.« Widerwillig ließ ihn Brandon los und nahm das Besteck entgegen. Die Ente hatte Priorität. Streiten konnten sie später noch immer und er war sich sicher, dass sie das auch tun würden, nachdem dieser Waffenstillstand verging.

Brandon öffnete den Pappdeckel und schob sich den ersten mit süßsauer Soße getränkten Bissen in den Mund. Gedanklich ging er die diversen Punkte durch, die mit Scott am Wochenende zu besprechen waren, allem voran die Konsequenzen der fehlenden Interessenten, die so viel Mehrarbeit für seine Mitarbeiter und ihn bedeuteten.

Eine weitere wichtige Frage war, ob es in Riverhead einen ähnlich guten Chinesen wie Wing Hing gab. Brandon hoffte es. Wenn er mit Scott die komplette Zeit zusammenarbeiten würde, wollte er nicht ständig in feinen Restaurants essen gehen. Wobei es sehr unwahrscheinlich war, dass es Riverhead überhaupt etwas gab, was Scotts Ansprüchen genügte.

»Du solltest weniger arbeiten«, sagte Cole leise. »Augenringe stehen dir nicht.«

Brandon zuckte mit den Schultern. »Ein kleiner Tribut für den Erfolg, meinst du nicht, Babe?«

»Es fängt mit Augenringen an und endet in einem Herzinfarkt mit vierzig.«

»Dann hab ich ja noch zwölf Jahre«, murmelte Brandon und aß seufzend weiter. Ganze zwanzig Sekunden hatte die Stille zwischen ihnen gehalten.

»Brandon«, erwiderte Cole, »ich meine es ernst.«

»Und was ist mit dir?« Der nickte seinem Freund zu. »Dein Arbeitspensum wird sich verdoppeln, wenn du irgendwann als Partner angenommen wirst.«

»Das passiert in nächster Zeit nicht so schnell.« Cole presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.

»Warum?«, fragte Brandon hellhörig und ließ die volle Gabel sinken. »Was ist los?«

»Nichts, hatte nur ein Scheißtag.« Cole sah ihn nur kurz an und tat sich anschließend an den Nudeln gütlich.

»Cole, du kannst mit mir –«

»Dank deiner verdammten Church and State-Scheiße kann ich das nicht.« Sein Freund fuhr sich über das Gesicht und überschlug die Beine. »Ansonsten würde ich dich fragen, ob dieser Mister Scott, der ist, den ich kenne.«

»Woher soll ich bitte wissen, welchen Scott du kennst und welchen nicht?« Brandon zog die Augenbrauen zusammen. »Alleine in Manhattan gibt es Hunderte oder Tausende Menschen mit dem Namen. – Außerdem weißt du ganz genau, dass du mit mir über alles reden kannst, sofern du Namen oder wiedererkennbare Merkmale weglässt.«

»Klar«, erwiderte Cole bissig. »Nur um mir dann von dir vorwerfen zu lassen, dass ich deine ›Bitten‹ nicht respektiere.«

»Als wenn du dich je daran hältst.« Brandon lächelte. »Wer sitzt denn in meinem Büro, obwohl ich es untersagt habe? Beachtlich, dass du überhaupt so lange durchgehalten hast.« Jesus Christ. Ihm verging tatsächlich gerade der Appetit, obwohl sich für gewöhnlich nichts zwischen ihn und sein Essen drängte.

Cole überging den Seitenhieb mit einer neuen Frage: »Ist er der Scott von –?«

»Meine Kunden gehen dich nichts an und von deinen will ich nichts hören«, entgegnete Brandon kopfschüttelnd.

»Dann hättest du seinen Namen nicht sagen sollen.«

Gut sichtbar verdrehte Brandon die Augen. »Hör auf zu zicken.«

»Wie bitte?« Ruckartig setzte sich Cole auf und starrte ihn an. »Ich zi–!«

»Tust du, weil du genau weißt, dass geschäftsspezifische Details ein No-Go sind«, sagte Brandon beherrscht und schlang die Ente hinunter, bevor er vollends den Appetit verlor. Das Positive dieses Streits war immerhin, dass seine Erektion kein Thema mehr war.

»Goddammit, Brandon!« Cole versenkte die Plastikgabel in den Nudeln. »Hätte ich damals im College geahnt, dass das dermaßen ausartet …«

»Ja?« Mühsam schluckte Brandon das Fleisch hinunter, das in seinem Magen wie ein Stein ankam. Was wollte Cole sagen? Dass er Brandons Traum einer eigenen Firma torpediert hätte, so wie es jeder andere vor fünf Jahren getan hatte? Viele von Brandons Professoren und Kommilitonen diskutierten stets offen im Vorlesungssaal über alle möglichen Szenarien seines Misserfolgs – wahrhaftig mit einer Ausdauer, die Brandon diesen Menschen niemals zutraute.

Er konnte es ihnen teilweise gar nicht verdenken, denn es war nur seinem 23-jährigen Übermut geschuldet, dass er glaubte, dass die Unternehmenseröffnung während der Hochschulausbildung eine gute Idee war, und er nebenbei noch zusätzlich Zeit für Cole haben würde. Die Erkenntnis, dass entweder Privatleben, Studium oder Firma zurückstecken musste, je mehr sich Brandon einem davon widmete, war hart gewesen und hatte ihn schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. An seinem Ziel hatte all das jedoch nichts geändert und mittlerweile nannte man sein Unternehmen einher mit renommierten Firmen.

Dass dafür seine Beziehung momentan schier auf Eis lag, musste Brandon wohl oder übel hinnehmen. Er würde es nie laut zugeben, aber er vermisste Coles Nähe. Sie lebten seit Monaten eher aneinander vorbei, statt miteinander. Dass sie nun gemeinsam in seinem Büro saßen, weckte in ihm einen absurden Funken Hoffnung auf Besserung.

»Dann hätte ich dir diese beschissene Regelung von vornherein ausgeredet.«

Aufseufzend tunkte Brandon ein Stück Ente in die Soße. Was erwartete er von Cole? Dass der all ihre Differenzen vergas? »Das hättest du nur auf eine Art verhindern können.«

»In dem ich dir wortwörtlich den Mund gestopft hätte?«

Brandon wollte gerade von der Ente abbeißen, hielt jedoch inne. Die unterschwellige Aggression in dieser anzüglichen Aussage kannte er nur zu gut. Auch das arrogante Lächeln, das auf Coles Lippen lag. Es war eine offene Provokation an Brandons Stolz und er konnte es entweder ignorieren oder eben nicht.

Lautlos stieß Brandon den Atem aus. Er brauchte sich nichts vorzumachen. Seit jeher handelte er irrational, wenn es um Cole ging und ließ sich auf Spielchen ein, die er sonst im Keim ersticken würde. Er liebte es Cole herauszufordern und aus dem Konzept zu bringen. Egal, wie sauer sein Freund auf ihn war oder andersherum – Brandon wollte es keine Sekunde missen. »Das hätte mich sicher nur kurz zum Schweigen gebracht.«

»Was willst du damit sagen?«

Grinsend schob sich Brandon die Ente in den Mund, als Cole sich ebenfalls schnaubend dem Essen zuwandte. Natürlich hätte er den einfachen Weg wählen können, aber sein Freund brauchte Paroli wie die Luft zum Atmen. »Um deine Frage zu beantworten, Darling: Wenn du hier arbeiten würdest, wäre die Regelung unnötig.«

Cole hob eine Augenbraue. »Hätte außerdem den Vorteil, dass ich meinen Chef jederzeit flachlegen könnte.«

»Wer sagt, dass ich derjenige bin, der flachgelegt wird?«, erwiderte Brandon kauend. »Du würdest dich sicher gut auf meinem Schreibtisch machen.«

»Das würde dir gefallen, oder?« Cole zeigte mit der Gabel auf besagten Tisch. »Das Ding bricht eher zusammen. Von deinem Erfolg solltest du dir einen Neuen kaufen – und am besten dir dazu ein neues Büro suchen.«

»Wieso?« Brandon runzelte die Stirn. »Du hast mir dieses Büro doch angedreht.«

»Hast du nicht mittlerweile zehn Mitarbeiter?« Cole presste kurz die Kiefer aufeinander. »Wenn ich den Grundriss richtig im Kopf habe, dürfte es sehr beengt sein.«

Der Small-Talk überraschte Brandon zutiefst, sodass ihm zunächst keine Antwort einfiel. Cole hasste sinnloses Gerede, um Zeit totzuschlagen, wie die Pest und vermied es auch dementsprechend häufig. »Das ist richtig. Ich spiele auch schon länger mit dem Gedanken, uns andere Räumlichkeiten zu suchen.«

»Warum hast du bisher nichts gesagt? Dann hätte ich dir bereits Vorschläge unterbreiten können.«

»Ich weiß deinen Einsatz und den Immobilienpool deiner Firma durchaus zu schätzen, Babe, aber wir haben momentan keine Zeit für einen Umzug.«

»Der ominöse Auftrag?«, fragte Cole mit einem Unterton, über den Brandon kaum hinwegblicken konnte.

»Unter anderem«, sagte er wenig amüsiert und machte eine ausholende Bewegung zu einigen zusammengerollten Plakaten und Kisten, die neben dem Fenster standen. »Ich habe genügend zu tun.«

»Ist mir aufgefallen.«

Der plötzliche fade Geschmack der Ente ernüchterte Brandon. Holy Shit. Konnte es Cole nicht für den Abend auf sich beruhen lassen? Am besten wechselte Brandon das Thema. »Du bist mit dem Auto da?«

»Taxi«, antwortete Cole kurz angebunden und stopfte sich den Mund mit Nudeln so voll, dass er fast daran erstickte.

Geschah seinem Freund recht. Das mürrische Verhalten zerrte mehr an Brandons Geduld, als er zugeben wollte. Vielleicht sollte Cole mit einem Taxi auch wieder zurückfahren, damit Brandon wenigstens auf der Rückfahrt seine Ruhe haben würde.

Es dauerte einige Minuten, bis Cole erneut das Wort an ihn richtete. »Wie lange bist du unterwegs?«

»Ein paar Tage voraussichtlich«, entgegnete Brandon lakonisch und aß ungerührt weiter. Er würde sich nicht beirren lassen. Cole konnte ihn kreuzweise.

»Dann kann ich die Tischreservierung wieder absagen?«

»Welche Reservierung?« Befremdet sah Brandon zu seinem Freund. Hatte er wieder etwas vergessen?

»Da du heute nicht aufgetaucht bist, habe ich für Samstag einen Tisch bestellt. Oder glaubst du ernsthaft, dass ich freiwillig auf unser einziges Date im Monat verzichte?« Cole lächelte freudlos und für einen Moment starrten sie sich über den Tisch hinweg an. Das Schweigen wurde mit jeder Sekunde schwerer und bedeutender.

»Du sollst auf gar nichts verzichten müssen«, sagte Brandon firm. Es war die Wahrheit. Cole verdiente Besseres. Seufzend stellte er die fast leere Pappschachtel auf dem Tisch ab und wischte sich mit einer Serviette den Mund sauber. »Könnte ich die Geschäftsreise verschieben, würde ich das tun. Leider ist das dieses Mal keine Option.«

»Das ist es nie.« Cole schnaubte.

»Babe«, sagte Brandon, aber Coles abwehrende Handbewegung ließ ihn verstummen.

»Shut up, ich will’s nicht hören.«

Und Brandon schwieg. Wütend darüber, dass sie wie immer kein vernünftiges Wort miteinander wechseln konnten und weder Cole noch er selbst bereit waren nachzugeben. Manchmal – »regelmäßig«, flüsterte ihm eine leise Stimme zu – fragte er sich, wie sie es seit dem zweiten Collegejahr miteinander aushielten. Ihre Beziehung war so ziemlich alles, außer friedlich und harmonisch.

Coles Smartphone verkündete den Eingang einer E-Mail – einer Instant-Message war ein anderer Signalton zugewiesen – und Brandon überraschte es wenig, als sich sein Freund in die Arbeit flüchtete, anstatt sich weiter mit ihm zu unterhalten.

Tief durchatmend warf Brandon die zerknüllte Serviette in eine der Tüten und stand auf, um Cole Privatsphäre zu geben. Seit der bei Schmitt & Partner Architecture arbeitete, war die Distanz zwischen ihnen gewachsen, da ihre Firmen die gleiche Branche bedienten. Brandon war zwar auch in anderen Bereichen tätig, aber das Immobiliengeschäft war lukrativ.

Und nur weil sie zusammen waren, hieß das noch lange nicht, dass er bereit war ausschließlich anderen Wirtschaftszweigen seine Dienste anzubieten. Eine breit gefächerte Basis garantierte Brandons Erfolg und die Church and State-Vereinbarung stellte Vertraulichkeit sicher. Auch wenn Cole vom Letzteren nicht überzeugt war, so war es doch eine Notwendigkeit für ihre Beziehung. Dass alle Gespräche über den Arbeitstag zu einem ausgedehnten Minenfeld wurden und ein gemeinsamer Abend auf der Couch einem Spießrutenlauf glich, ignorierte Brandon gekonnt. Es war besser als die Alternative.

Brandon ging zu seinem Schreibtisch und sammelte einige Unterlagen zusammen, die er mit nach Hause nehmen wollte. Die Zusammenfassung der geplanten Gebäude in Westhampton musste auf jeden Fall mit, sodass er morgen früh mit seinen Mitarbeitern alles durchsprechen konnte.

Ein scharfes Lufteinziehen ließ Brandon den Kopf heben und zu seinem Freund sehen. Cole presste die Lippen zusammen und hatte den Blick starr auf das Display gerichtet. Irgendwas lief wohl gewaltig schief. »Was ist?«

Ohne aufzuschauen, murmelte Cole etwas Unverständliches.

»Wie bitte?«, fragte Brandon und legte die Dokumente in seine Umhängetasche, in der sich auch sein Laptop befand.

»Nichts«, erwiderte Cole kaum vernehmlich.

Brandon zog die Augenbrauen zusammen. »Cole.«

»Ich sagte: Es ist nichts!«

Jesus fucking Christ.

Brandon hatte pflichtschuldig gefragt, aber wenn Cole nicht reden wollte, so war das nicht sein Problem. Für diesen Kindergarten fehlte ihm die Geduld. Ungläubig den Kopf über Coles Sturheit schüttelnd, packte er kurzerhand zusammen und fuhr den Computer herunter. »Klar.«

»Spar dir deinen ätzenden Tonfall«, knurrte Cole verärgert. »Und den Kopf schütteln brauchst du auch nicht.«

Innerlich fluchend zog Brandon die Hemdärmel hinunter und machte sich nicht die Mühe die Manschettenknöpfe zu schließen, als er das Jackett überstreifte. Am liebsten hätte er Cole mit dem Taxi nach Hause geschickt, denn dessen Laune auch im Auto zu ertragen, erschien ihm in diesem Moment beinahe unmöglich. Brandon wies auf die Verpackungsreste. »Lass alles so stehen.«

»Du wirfst mich raus?«

»Was?« Brandon seufzte. »Nein, wir fahren nach Hause.« Er schaltete die Tischlampe aus und schulterte die Umhängetasche, ehe er zur Garderobe trat und sich den Mantel über den Arm warf. Auffordernd hielt er Cole die Tür auf und nickte zum Flur.

In seinen Freund kam endlich Bewegung. Hölzern stand er auf und schlang sich den Schal um den Hals. Brandon wurde mit einem wütenden Schnauben bedacht, als Cole an ihm vorbei zum Aufzug ging und ihn anrempelte.

Brandon schaltete ruppig das Deckenlicht in seinem Büro aus und schloss die Glastür zu. Goddammit. Das hatte Cole mit Absicht getan. Wie sollte Brandon nur die Autofahrt überstehen? Er trat zu Cole, der sich gerade den Mantel überstreifte, und gab den Code für die Alarmanlage in das Touchpad ein, das sich neben dem Fahrstuhl befand. Die kleine LED-Lampe sprang von Grün auf Rot.

Brandon schaltete die Beleuchtung aus, als die Türen aufglitten und Cole als Erstes eintrat. Nur widerwillig folgte er seinem Freund, der stur gerade aus in die Dunkelheit des Empfangsbereiches von Parker Marketing & Consulting starrte.

»Was zum Teufel ist los?«, fragte Brandon nochmals, einen letzten Versuch startend, und drückte den Knopf für die Tiefgarage. Surrend fuhr die Kabine an. Seine Nackenhaare stellten sich auf, als er Coles Blick in den verspiegelten Türen fing. Der verschränkte die Arme vor der Brust und starrte unbeugsam zurück. Auf eine Antwort wartete Brandon allerdings vergebens.

»Was ist?«, schoss Cole nach einigen Sekunden zurück.

»Anscheinend ja nichts«, sagte Brandon, sich widerwillig zu einer Erwiderung herablassend. Er kannte Cole lange genug, um die kleinen Anzeichen in dessen Körperhaltung zu deuten. Die Wut, die in seinen grauen Augen flackerte. Brandon hätte etwas Beruhigendes sagen können, aber das hatte noch nie Wirkung bei Cole gezeigt.

»Fuck it!« Energisch schlug der auf den roten Notschalter und ein durchdringendes Klingeln kündigte den Stopp an. Er packte Brandon am Revers des schwarzen Jacketts und drückte ihn gegen die Metallverkleidung.

Es war vorauszusehen und dennoch traf es Brandon unvorbereitet. Er hätte es in dem Moment wissen müssen, als sich ihre Blicke begegnet waren, doch nun war es zu spät. Die Kälte der Wand in seinem Nacken schickte eine Gänsehaut über seinen Rücken. Coles fester Griff ließ die Stoffnähte seines Jacketts gefährlich ächzen.

»C’mon, lass gut sein«, sagte Brandon mäßig gelassen, als Cole sich vor ihm aufbaute und auf ihn herunter sah. Er spürte den stockenden Atem auf seinem Gesicht, so nah waren sie einander.

Coles Kiefermuskulatur arbeitete konstant. »Shut up!«

»Bist du fertig?« Brandon maß die ihm so bekannten Gesichtszüge, in denen ungezähmter Zorn stand. Vieles an dieser Situation erinnerte ihn an ihre Studienzeit und ihren perfekt einstudierten Tanz des gegenseitigen Kräftemessens; auch Prügeleien genannt. Coles unberechenbares Gemüt hatte ihn öfter, als er zählen konnte an den Rand der Selbstbeherrschung getrieben.

Manchmal verspürte Brandon selbst heute noch den Drang nach einer körperlichen Auseinandersetzung. Vor allem, wenn Cole sich wie ein Idiot aufführte, aber inzwischen befriedigte er dieses Verlangen auf sexuelle Art – zumindest war das die weniger aggressive Herangehensweise, um dem Bedürfnis Geltung zu verschaffen.

»Kannst du nicht einfach die Klappe halten?«

»Und dann?« Brandon nickte ihm zu und umfasste grob sein Handgelenk. »Lässt du mich los? Hat ja in der Vergangenheit auch immer gut geklappt.« Was zum Henker stimmte mit Cole nicht? Hatte es irgendwas mit dem Job zu tun? Mit der E-Mail? Danach zu fragen, war jedoch sinnlos. Eine vernünftige Antwort würde er nicht erhalten.

Stille herrschte nach seinen Worten. Cole war zu beherrscht, zu schweigsam, und das war noch nie ein gutes Zeichen gewesen. Brandon ahnte, dass er alles, was jetzt kam, morgen schmerzlich bereuen würde. Aber was machte das schon für einen Unterschied? Es war nicht das Erste und würde nicht das letzte Mal sein, dass er Cole zur Räson bringen musste.

Brandon ließ den Mantel und die Umhängetasche zu Boden gleiten und stemmte sich gegen seinen Freund, als der weiterhin keine Anstalten machte, ihn loszulassen. Er drängte ihn ein paar Fuß rückwärts an die Wand und drückte seinen Unterarm gegen Coles Brust. »Hör auf mit dem Scheiß. Du hast eh keine Chance.«

Brandons Appell verstrich ungehört, seine Provokation allerdings nicht, und die Schläge in seine Rippen erwischten ihn eiskalt. Ein Stechen raste durch seinen Körper. Energisch stieß er Cole zurück gegen die Kabinenverkleidung und ging auf Abstand. Er hatte mit vielem gerechnet: einer Rangelei wie in alten Tagen, ja, aber nicht mit Hieben aus voller Kraft.

»Lass den Mist!«, keuchte Brandon leise, als jeder Atemzug zur Qual wurde. Dabei juckte es ihn in den Fingern, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, doch diese Chance sollte er nicht erhalten. Cole setzte nach und holte erneut zum Schlag aus. Ausweichen war auf diesem beengten Raum unmöglich. Brandons Kinn durchzuckte ein scharfer Schmerz, der innerhalb von Sekunden zu einem höllischen Brennen wurde.

»Verdammt, Cole!« Brandon presste die Hand auf die Rippen und schob sich an seinem Freund vorbei, als der mitten in der Bewegung gefror, und drückte den Notschalter. Mit einem sanften Ruckeln fuhr der Aufzug an. Was zum Teufel war hier los? Er kannte Cole so nicht. Selbst damals hatte er nie diese blinde Wut, das komplette Ausblenden der Wirklichkeit, gesehen. Brandon sah über die Schulter zu Cole, der ihn mit einem undefinierbaren Ausdruck betrachtete.

»Ich … es …«, begann Cole und verstummte. Beinahe hilflos suchte er Blickkontakt. Er schüttelte den Kopf und starrte dann auf seine Hände.

Das leise Ping des Fahrstuhls kündigte ihr Ziel an. Die Türen gingen auf und Brandon verließ die Kabine. Gott sei Dank waren sie alleine in der Tiefgarage. Nur zwei verwaiste Autos standen neben seinem schwarzen Audi. Die kalte Nachtluft zog von draußen durch die Metallgitter und ließ Brandon frösteln.

Cole hob den Mantel und die Tasche auf und folgte ihm unsicher. Das harte, weiße Licht der Neonbeleuchtung warf kantige Schatten in sein Gesicht. Brandon musterte ihn durchdringend. Stilles Entsetzten stand in den markanten Zügen. »Verdammt, Cole! Was soll das?«

»Du …« Coles Augen huschten über sein Gesicht und blieben schließlich an seinem Hemd hängen. Er überbrückte den Abstand zwischen ihnen, bis Brandon nur noch eine Armlänge entfernt stand.

»Ich?« Brandon blickte ihn abwartend an und zwang sich dazu, Cole nicht zu zeigen, wie wütend er tatsächlich war. Er hatte jedes Recht dazu und war versucht, der Hand auszuweichen, die ihn gerade noch geschlagen hatte. Sanft strich sie über seine Wange und wischte anschließend über sein Kinn.

»Du blutest.«

Vorsichtig berührte Brandon seine Lippe und ein roter Film bedeckte seine Fingerspitzen. Plötzlich nahm er auch den metallischen Geschmack wahr. »Goddammit, Cole.«

»Hier.«

Brandon starrte zunächst das dargebotene Taschentuch an und danach Cole, der einen weiteren Schritt auf ihn zuging und ihn in die Arme ziehen wollte. Wütend holte er aus und schlug zu. Cole strauchelte zurück und hielt sich nun seinerseits das Kinn. Brandon lockerte die rechte Hand. Genugtuung war das Einzige, was er empfand. Cole hatte es verdient, und wenn er einen blauen Fleck zurückbehalten würde, umso besser. »Ich bin nicht deine kleine Scheißfreundin, die du trösten musst.«

»Ich nehm mir ein Taxi«, flüsterte Cole. »Du willst sicher nicht –«

»Mach dich nicht lächerlich«, sagte Brandon spöttisch und zeigte zu seinem Wagen, ehe er das Taschentuch von Cole entgegennahm und auf die Wunde presste. »Steig ein.« Mit dem typischen akustischen Doppelton öffnete die Zentralverriegelung, als er auf den Funkschlüssel drückte und ging auf das S5 Coupé zu. Die kleinste Bewegung verursachte ihm Übelkeit. Brandon schnaubte ungehalten. Wie sollte er damit arbeiten?
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