Prove Your Right Ⅰ

von Ginger
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
02.09.2017
12.11.2019
20
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21
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Willkommen zu meinem neuen Lebensinhalt, der mich nun über zweieinhalb Jahre vereinnahmt und weiterhin kein Ende findet. Es ist die längste Story, die ich je geschaffen habe und ich bin stolz darauf.

Der ein oder andere Leser wird Parallelen zu der One-Shot-Reihe (Wistful; I don't know why; Unspoken; The reason I hold on) erkennen.  Ich habe diverse Dinge übernommen oder weiter ausgearbeitet und auch teilweise geändert, wenn es mir nicht mehr passend vorkam. Auch heute feile ich nachträglich an Kleinigkeiten, sofern sie mir denn auffallen.

Über Anregungen/Kritik würde ich mich sehr freuen. Ich suche für die Story auch noch einen Beta/Korrektor.

Disclaimer: Cole Bennet ist die Figur von Grave, welche ich mir seit über 10 Jahren für meine geistigen Ergüsse ausleihe. Mr. Bennet ist jedoch mittlerweile gereift und man könnte ihn schon fast erwachsen nennen. Brandon Parker sowie alle weiteren Charaktere/Firmen gehören mir.  Es ist Dritten grundsätzlich untersagt mein geistiges Eigentum zu verbreiten, verkaufen oder anderweitig anzubieten.

In dem Sinne: ich wünsche euch viel Spaß <3

(Edit 08/2019: Ich bin gerade am Überarbeiten. Bitte also nicht Wundern, wenn sich Kapitel, Formatierungen etc. ändern.)



Prove Your Right


Band Ⅰ

Life has only a true beginning and an end.
Everything in between is our attempt to find happiness.



Kapitel 1


Die klein bedruckten Seiten nahmen kein Ende. Brandon lehnte sich erschöpft zurück und rieb über die Augen. Draußen war es schon lange dunkel und einzig das grelle, künstliche Licht der Tischlampe erhellte die nähere Umgebung des Schreibtisches. Seine Sekretärin Sharleen Walker hatte ihm vorhin einen dicken Umschlag überreicht. Dieser enthielt die offiziellen Dokumente von Scott & Scott für das Riverhead-Projekt.

Normalerweise sollte Brandon aufspringen und mit Sharleen darauf anstoßen. Sie sollten feiern, aber seine Freude über den Zuschlag wurde erheblich gedämpft, da bereits beim Überfliegen der diversen Pläne und Daten absehbar war, dass das Marketing dieses luxuriösen Apartmentkomplexes doch mehr Zeitaufwand erforderte, als gedacht.

Sein Terminkalender war ohnehin gut gefüllt und die bisherige Auftragslage erschwerte es ihm jetzt schon, private Termine einzuhalten. Seit Wochen lebte er für die Arbeit und Dinge wie Feierabend, Frei oder Ausschlafen existierten fast nicht mehr in seinem Wortschatz. Wie sollte er die Zeit hierfür finden?

Die Wohnungen sollten Endes des Jahres fertiggestellt gestellt werden und es gab noch keinen Käufer. Niemand stand auf der Interessentenliste. Kein einziger fucking Name. Brandon konnte auf einmal Mr. Scotts drängende, und sehr kurzfristige, telefonische Einladung vor zwei Wochen zur Neuausschreibung, nachvollziehen.

Zunächst hatte Brandon dessen Einladung ablehnen wollen, aber dann irgendwann nachgegeben, als Scott um seine Teilnahme gebeten hatte, anstatt darauf zu bestehen. Scott war jemand, der immer alles bekam, was er verlangte und ein „Bitte“ klang aus dessen Mund befremdlich.

Es kam ohnehin äußerst selten vor, und war an einer Hand abzählbar, dass dieser persönlich anrief. In der Vergangenheit waren es vielleicht ganze drei Mal gewesen. Nicht dass es ihn störte, gewiss nicht. Ein Anruf von Mr. Scott, einem der Mitinhaber und Geschäftsführer von Scott & Scott, stand wirklich nicht auf seinem Wunschzettel. Aus Erfahrung bedeutete es immer Schwierigkeiten oder Unzufriedenheit.

Seine bisherige Zusammenarbeit mit einem der größten Bauunternehmen der Staaten reichte weit zurück. Scott & Scott waren die ersten Kunden gewesen, nachdem er Parker Marketing & Consulting, im Abschlussjahr des Bachelorstudiums an der New York University, gegründet hatte. Es war wahrscheinlich seinem damaligen 23-jährigen Übermut geschuldet, dass er geglaubt hatte, dass die Unternehmenseröffnung während der Hochschulausbildung eine gute Idee war, und er nebenbei noch zusätzlich Zeit für Cole und das NYU Violets Basketballteam haben würde.

Die Erkenntnis, dass entweder das Privatleben, Studium oder Firma zurückstecken musste, je mehr er sich Einem davon widmete, war hart gewesen und hatte ihn schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Viele seiner Professoren und Kommilitonen hatten ihm fortlaufend ein Scheitern prophezeit und offen im Vorlesungssaal über alle möglichen Szenarien seines Misserfolgs diskutiert – wahrhaftig mit einer Ausdauer, die Brandon diesen Menschen niemals zugetraut hätte.

Irgendwann hatte Brandon einfach auf stur gestellt. Als Scott & Scott ihm aus heiterem Himmel eine kleine Anzeigenkampagne für Werbetafeln sowie diverse premium Immobilienmagazine anbot, bestärkte das nur seinen Entschluss. Es war letztendlich sein Traum und nach harten fünf Jahren wurde sein Unternehmen mittlerweile einher mit renommierten Firmen genannt. Das dafür seine Beziehung momentan schier auf Eis lag, musste er wohl oder übel hinnehmen. Brandon würde es nie laut zugeben, aber er vermisste Coles Nähe. Sie lebten seit Monaten eher aneinander vorbei, statt miteinander.

Müde blätterte er zur nächsten Seite des Papierstapels und unterdrückte ein Gähnen. Mit einem Blick auf die Uhr strich Brandon die Haare zurück. 20:06. Er war mit Cole in einer halben Stunde zum Essen verabredet, aber an Feierabend war nicht einmal zu denken, wenn er restlichen Dokumente betrachtete. Hierfür würde er noch ewig brauchen.

Wenn Brandon ehrlich war, hatte er niemals mit der Zusage gerechnet, als er auf der Ausschreibungsveranstaltung erfuhr, dass jede größere Firma ein Portfolio vorführte. Fast jede zumindest. Schmitt & Partner Architecture hatten mit Abwesenheit geglänzt. Dass dieses Unternehmen fernblieb, war wirklich ungewöhnlich. Sonst hatten sie überall die Finger drin und ließen sich keinen lukrativen Abschluss entgehen.

Schmitt & Partner waren bekannt dafür stets den kompletten Ablauf, sprich Konstruktion, Marketing, Vertrieb, Innenausstattung und sogar Abwicklung mit allen Subunternehmen, zu übernehmen. Offenbar bestand kein Interesse an einem reinen Marketing-Auftrag.

Die leichte Enttäuschung, welche er verspürt hatte, als er erkannt hatte, dass Cole somit nicht anwesend sein würde, war irrational und schwachsinnig gewesen. Dieser arbeitete zwar für Schmitt & Partner, würde aber sicher nicht als Architekt auf einer Marketingausschreibung auftauchen.

Nichtsdestotrotz hatte Brandon die Präsentation gemeistert. Er hatte viel Energie aufgewendet, dass vorläufige Konzept zu verdeutlichen, und diverse Maßnahmen vorgeschlagen, welche den maximalen Gewinn erzielen würden. Anschließend hatte er die Fragen des Ausschusses beantwortet.

Wie nicht anders zu erwarten, hatte Scott den Komiteevorsitz innegehalten und Brandon kannte diesen wahrlich lange genug, um sich von dessen harschen und schonungslosen Fragen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Bei seinen Ausführungen hatte er kein Blatt vor den Mund genommen und seine Meinung Antony ehrlich ins Gesicht gesagt, so wie er es von Beginn an in ihrer Geschäftsbeziehung tat. Vielleicht hatte Scott ihn gerade deswegen eingeladen.

Seufzend griff Brandon nach dem Telefon und wählte Coles Nummer aus dem Gedächtnis. Es hatte keinen Sinn es weiter hinauszuzögern. Sein Freund war bestimmt begeistert über seine Absage. Eigentlich müsste es ihm keine Sorgen bereiten, denn sie stimmten prinzipiell darüber ein, dass Arbeit immer vorging. Cole versetzte ihn auch in aller Regelmäßigkeit. Einer von ihnen sagte immer ab. Es dauerte lange, bis sein Anruf angenommen wurde.

„Hey“, begrüßte ihn Coles tiefe Stimme.

„Hi.“ Stille Sekunden verstrichen und Brandon lauschte dem Straßenlärm, den hupenden Autos im Hintergrund, während er die Nasenwurzel massierte. Warum schon groß darum herum reden? „Ich schaffe es nicht.“

„Yep.“ Der hörbar angepisste Tonfall fraß sich durch die Leitung, beinah so, als hätte Cole damit gerechnet.

„Wir holen das nach?“, fragte er, den Hörer zwischen Schulter und Ohr einklemmend und löste langsam die blaue Krawatte. Coles gemurmelten Fluch ignorierte er gekonnt.

„Sicher“, seufzte dieser leise. „Wann bist du zu Hause?“

„Keine Ahnung.“ Brandon schloss die Augen und sah dessen genervten Gesichtsausdruck schier vor sich. „Ich hab viel zu tun.“

„Mhm.“ Ihr Gespräch, falls man es so nennen mochte, kam ins Stocken und wieder verstrichen einige Sekunden des Schweigens. „Dann bis später?“

„Ja, bis dann.“ Mit einem Knacken wurde die Verbindung unterbrochen und Brandon bettete den Kopf an die Rückenlehne.

Er hatte sich nichts vorzuwerfen. Cole kannte genau die zu erbringende Arbeitsleistung und schaffte es trotzdem immer wieder, dass Brandon Vorbehalte gegenüber seiner Arbeitszeit entwickelte, obwohl ihm dieser in nichts nach stand. Zehn Stunden Tage oder mehr waren bei Schmitt & Partner nicht unüblich. Dennoch ärgerte es ihn jedes Mal ungemein, dass Cole keinerlei Skrupel kannte, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden.

Die Erinnerung, wie dieser ihm vor drei Jahren stolz erzählt hatte, dass Schmitt & Partner mit einem Juniorpartner-Angebot an ihn herangetreten waren, ließ ihn heute noch zwiegespalten lächeln. Es war gleichermaßen großartig, wie auch niederschmetternd gewesen.

Natürlich hatte es ihn gefreut, dass Cole endlich als Architekt arbeiten konnte und nicht mehr eine Nachtschicht nach der anderen in den Bars schieben musste, aber andererseits wurden sie damit zu Konkurrenten, da ihre Firmen teilweise den gleichen Branchenbereich bedienten.

Dass eine berufliche Auseinandersetzung irgendwann unausweichlich sein würde, war ihnen absolut bewusst gewesen und hatte das Zusammenleben ab dem Zeitpunkt äußerst kompliziert gestaltet. Alle Gespräche über den Arbeitstag wurden zu einem ausgedehnten Minenfeld und ein gemeinsamer Abend auf der Couch glich einem Spießrutenlauf.

Die notwendigste und gleichzeitig verhassteste Maßnahme zur Lösung ihres Datenschutzproblems, war die fünf Fuß breite Sperrzone um ihre Schreibtische. Cole war durch eine Klausel im Arbeitsvertrag an Verschwiegenheit gebunden und für Brandon stand der Ruf seiner Firma auf dem Spiel. Nicht auszudenken, was für Probleme sie bekämen, wenn ihnen irgendwann jemand dazu Vorhaltungen machte.

Ein Klopfen riss ihn aus den Gedanken und Brandon straffte die Schultern. Die milchige Glastür wurde nach einigen Sekunden geöffnet. Er trennte Privat- und Berufsleben strikt. Selbst wenn ihm seine Sekretärin sympathisch war, würde er keiner Ausnahmen für sie machen.

„Noch einen Kaffee, Brandon?“, fragte sie lächelnd und ihre blauen Augen funkelten ihn wissend an. Sie kannte seine Gewohnheiten zu genau, als dass er diese noch hätte verstecken können.

„Ja, gern“, nickte er und sah ihr hinterher, als sie in Richtung Aufenthaltsraum ging. Die engen Kostüme, welche sie immer trug, verbargen nichts und die angemessenen kurzen Röcke betonten ihre langen Beine. Ein Hingucker, wie man so schön sagte. Sharleen war 25 und hatte braune volle Haare, ein klassisches Gesicht und kleine Brüste, die hervorragend zu ihrer schmalen Statur passten. Ihr Anblick erleichterte ihm so manch stressigen Tag und wann immer sie alleine waren, nannte Sharleen ihn beim Vornamen.

Nie im Leben hatte er so viel Potenzial vermutet, wenn er an ihre erste Begegnung in einem Café in Manhattan zurückdachte. Ein Kommilitone aus seinem Abschlussjahrgang hatte ihm den Kontakt vermittelt und woher dieser sie kannte, wollte Brandon selbst heute nicht wissen.

Ihr Äußeres hatte nicht zu der wohlklingenden Stimme am Telefon gepasst. Kaugummi kauend und übertrieben geschminkt, hatte sie ihm gegenüber gesessen, während sie immer wieder die Umgebung, wahrscheinlich nach Cops, absuchte. Die abgewetzte Kleidung machte es nicht besser. Sie bediente damals wirklich jedes Klischee der Bronx.

Was war er nicht überrascht gewesen, als Sharleen ihm erzählte, dass sie ebenso an der NYU ihren kaufmännischen Associate Degree innerhalb eines Studienjahres, Regelzeit waren zwei oder mehr, abgeschlossen hatte und nun auf der Suche nach einem Job war, um erste Berufserfahrung zu sammeln.

Für die banalen Verwaltungstätigkeiten sowie die überhandnehmende Korrespondenz seiner Firma hatte Brandon, wegen der bevorstehenden Abschlussprüfungen, ohnehin die Konzentration gefehlt und so zögerte er nicht lange.

Sharleen übertraf von Anfang an seine Vorstellungen bei Weitem und war nicht mehr wegzudenken. Sie war tüchtig und organisiert, kam stets vor ihm und richtete alle benötigten Unterlagen her. Ohne sie wäre er heillos im Papierchaos verloren. Sie war eine toughe junge Frau, die sich vor keiner Herausforderung scheute.

Brandon öffnete gerade die Manschettenknöpfe und krempelte die Ärmel des weißen Hemdes hoch, als sein dampfendes Lebenselixier zur Tür hinein getragen wurde. „Danke.“

Sie wandte sich bereits wieder zum Gehen und hielt dann im Rahmen inne. „Wissen Sie schon etwas über die Ausschreibung? Das Ergebnis sollte bereits feststehen?“

„Enthielt die Zusage“, nickte Brandon und hielt den leeren braunen Umschlag hoch.

„Hab ich mir fast gedacht“, sagte sie triumphierend und ein breites Lächeln erschien auf ihren roten Lippen. „Sie geben mir Bescheid, wenn Sie noch etwas brauchen?“

Sharleen nahm den Assistenzposten sehr ernst und blieb immer, wenn er länger arbeitete. Sie hätte, wie alle anderen pünktlich um 17:00 Uhr gehen können und er rechnete es ihr hoch an, dass sie ihn so unterstützte und ihre Freizeit für ihn opferte. Selbstverständlich bezahlte er die Überstunden.

„Natürlich“, sprach er und nippte an dem heißen Kaffee. „Die Auflistung der benötigten Daten gebe ich Ihnen nachher.“

Bestätigend schloss sie die Tür hinter sich und Brandon verfolgte ihre verschwommene Gestalt, bis zu ihrem Schreibtisch. Cole hatte dieses günstige Büro ein halbes Jahr nach dem Eintritt bei Schmitt & Partner für ihn aufgetrieben. Für die damaligen bescheidenen Verhältnisse vollkommen ausreichend, aber mittlerweile war es doch recht beengt.

Sein Team war vor Kurzem auf Zehn angewachsen und in die zwei größeren Räume passten gerade so alle Utensilien – Menschen dabei nicht mit eingerechnet. Oft traten sie einander wortwörtlich auf die Füße und manchmal glich es einem Irrenhaus. Sein Abteilungsleiter Nathan Miller beschwerte sich mindestens zweimal am Tag darüber.

Er selbst hatte den kleinsten Raum: Schreibtisch, Sitzecke und vor allem seine Ruhe. Nichts missfiel ihm mehr, als ständig mit Belanglosigkeiten gestört zu werden. Was auch ein weiterer Grund war, warum er Sharleen schätzte: Sie wurde mit Jedem fertig und hielt ihm immer den Rücken frei.

Seufzend drehte er sich zur großen Fensterfront und starrte hinaus in die Dunkelheit. In weiter Entfernung konnte er das tiefschwarze Wasser der Little Neck Bay sehen und dahinter bereits die Lichter von Nassau County. Brandon trank einen Schluck vom Kaffee und wärmte die Hände an der Tasse.

Er dachte schon längere Zeit daran, neue Geschäftsräume zu suchen. Vielleicht fand er in naher Zukunft ein angemesseneres, bezahlbares Büro und wenn nicht, konnte er immer noch auf Cole – und den Immobilienpool von Schmitt & Partner – zurückgreifen.

Gähnend wandte er sich wieder den Details von Riverhead zu und versuchte, den verspannten Schultermuskel zu lockern, welcher ihm schon den ganzen Tag Probleme bereitete.



Straßenlaternen zogen an Cole vorbei und der fade Schein erhellte immer nur für einen kurzen Moment das Wageninnere. Die roten Ziffern des Taxameters leuchteten in der Dunkelheit. Neben ihm standen diverse weiße Plastiktüten von Brandons Lieblingsschnellrestaurant.

Warum er sich die Mühe machte, zunächst zu Wing Hing, quer durch Brooklyn, und dann in den nordöstlichen Stadtteil von Queens, Bay Terrace, zu fahren, war Cole schleierhaft. Jeder andere Chinese hätte es wohl auch getan und sicher wäre Brandon der Unterschied nicht aufgefallen. Oder vielleicht doch. Aber eigentlich spielte es keine Rolle. Cole wollte den Abend nicht allein verbringen.

Die Tüten raschelten, als das Taxi durch ein Schlagloch fuhr und dann am Bürgersteig der 26th Avenue, Hausnummer 209-33, mit einem Quietschen zum Stehen kam. Die Plexiglasscheibe, welche die Fahrerkabine und den Gastraum trennte, wurde in der Mitte aufgeschoben. „Das macht 33 $“, nuschelte der Taxifahrer freundlich durch den Spalt.

Das künstliche, chemische Aroma des am Rückspiegel baumelnden Duftbäumchens drang zu Cole und überlagerte den schwachen Geruch des Essens. Keine gute Mischung. Er rümpfte angewidert die Nase, griff nach seinem Portemonnaie und reichte den genannten Betrag, plus Trinkgeld, nach vorn.

„Stimmt so“, murmelte Cole und stieg mit den Tüten aus. „Bye.“

Die klare Abendluft war eine Wohltat, als er tief ein atmete und sich umschaute. Die Straßen waren ausgestorben, nachdem das Taxi abgefahren war. Wahrscheinlich lag es an der vorausgesagten Januarkälte. Normalerweise vertraute er Meteorologen nicht, aber es war wirklich arschkalt. Minustemperaturen und Schnee sollten diese Woche vorrangig herrschen.

Fröstelnd sah Cole die Fassade des Gebäudes hoch und sein Atem formte unregelmäßige Wolken. Licht brannte in der dritten Etage, was ihn nicht überraschte und ein Stück Vorfreude empfinden ließ. Er hatte geahnt, dass Brandon ihr Abendessen verschieben würde, als er dessen Anruf auf dem Smartphone sah und lange überlegt, ob er das Gespräch entgegennehmen sollte.

Der eisige Wind schnitt in seine Haut und Cole pustete in den rechten Handschuh, während er auf den Eingang zueilte und durch die Drehtür schritt. Dem Portier zunickend, unterschrieb er kurz in der Gästeliste. Dunkel wusste er noch, dass er damals auf eine offizielle Person der Gebäudeverwaltung wert gelegt hatte, als er diese Räumlichkeiten organisierte. Es machte auf potenzielle Kunden erfahrungsgemäß einen seriöseren Eindruck.

Angespannt gab er dem Portier den Stift zurück, wandte sich zu den Fahrstühlen und stupste den Rufknopf an, der sofort aufleuchtete. Die Türen glitten geräuschlos auf und ebenso lautlos hinter ihm zu. Cole drückte auf dem Bedienfeld den Button für die dritte Etage.

Verschiedene Firmennamen prangten auf dem dazugehörigen matten Metallschild. Das Lämpchen der runden Überwachungskamera blinkte unbemerkt in seinem Rücken und er warf kurz einen Blick in verspiegelten Innenseiten der Türen, um sein Aussehen zu prüfen. Leicht löste er den Schal und öffnete einige Knöpfe des grauen Mantels.

Mit einem Ping wurde seine Ankunft angekündigt. Vor ihm erstreckte sich der Vorraum von Parker Marketing & Consulting, wie ihm der übergroße und schlichte Schriftzug auf der hellen Wand mitteilte. Er war noch nie hier gewesen. Brandon hatte es so gewollt – warum auch immer und es war Cole ebenso egal. Er war hungrig, hatte schlechte Laune und würde nicht allein essen, nicht nach dem heutigen Tag.

Heute war darüber entschieden worden, ob Schmitt & Partner den Folgeauftrag für die Westhamptons Luxury Apartments erhielt und Antony Scott hatte der Drohung, das Marketing anderweitig zu vergeben, tatsächlich Taten folgen lassen. Jesus christ. Cole konnte es immer noch nicht so ganz glauben. Es war wie ein Albtraum.

Zusammen mit der kompletten Führungsebene hatte er im Konferenzraum vor dem Telefon gewartet und die Stimmung war schnell gekippt, als allen klar wurde, dass der erlösende Anruf ausbleiben würde. Wenn Cole gedacht hatte, dass der Small Talk seiner Chefs über die Yankees schon unerträglich gewesen war, dann hatte mit dem Folgenden wahrlich nicht gerechnet. Man hatte ihn in der Luft zerpflückt und mangelndes Eingehen auf den Kunden, beinah schon Inkompetenz, vorgehalten.

Cole hatte die Kritik still aufgenommen. Widerrede war seit jeher sinnlos bei den Partnern. Es kam einer Mauer gleich, auf welche man versuchte einzureden und die genauso viel Reaktion zeigte. Nämlich gar keine. Für die anwesenden Partner stand von vornherein fest, dass er für den Auftragsverlust verantwortlich war. Er hätte sich besser vorbereiten sollen. Klar, hätte auch absolut geholfen. Selbst der Mitarbeiter aus der Poststelle wäre geeigneter gewesen als er. Wie machte Brandon den Job nur?

Vielleicht wäre das Ganze anders gelaufen, wenn er die Wahrheit gesagt hätte, denn er war im Grunde nicht einmal alleinig Schuld an der Misere. Sein Kollege Daniel Hall, Juniorpartner der Marketingabteilung, welcher eigentlich die geplanten Werbemaßnahmen hatte vorstellen sollen, hatte sich kurz vor dem frühmorgendlichen Meeting mit Scott urplötzlich mit Grippe nach Hause verzogen, obwohl er kein bisschen krank ausgesehen hatte.

Angeblich hatte niemand anderes zur Verfügung gestanden und Cole sollte übernehmen. Er hätte etwas gut. Auch wenn Cole keine Ahnung vom Marketing hatte, war dies grundsätzlich nicht das Problem, schließlich konnte er lesen. Zudem wurde ohnehin von jedem Juniorpartner gleichermaßen verlangt, wenn nötig in allen Projektangelegenheiten firm zu sein. Jammern war also sinnlos gewesen.

Nur leider hatte Daniel ihm die richtige Mappe mit falschen Unterlagen in die Hand gedrückt.  Die Dokumente gehörten einem anderen Kunden und Mr. Scott verweigerte ihm jeglichen Aufschub. Jeder Rettungsversuch wurde somit zum Scheitern verurteilt. Marketing war nun mal nicht sein Ding. Punkt. Das Meeting war gelinde ein fucking Desaster gewesen.

Aber Cole war kein Verräter. Die Juniorpartner regelten Differenzen unter sich und er hatte Daniel bereits nach der Besprechung mit Scott telefonisch zur Rede gestellt. Mit einem beschissenen Ergebnis, dass Cole danach die Ohren klingelten. Daniel hatte jegliche Schuld von sich gewiesen. Vielleicht litt Hall an einem, durch die Grippe ausgelöstem, Gedächtnisverlust? Oder dieser hatte Cole absichtlich den Wölfen zum Fraß vorgeworfen? Letzteres war eher wahrscheinlich.

Der Ruf von Schmitt & Partner, effizient und gnadenlos zu sein, war absolut zutreffend und bezog sich nicht nur Konkurrenzfirmen. Die Teilhaber gaben dieses Credo bei jeder Gelegenheit gern an die Belegschaft weiter und normalerweise wurde mit ungeeignetem Personal kurzen Prozess gemacht. Weswegen es ihn umso mehr wunderte, dass er überhaupt noch einen Job hatte. Cole hatte es verbockt. Und zwar so richtig.

Er war wirklich bemüht gewesen, sich die eigene Enttäuschung am Nachmittag nicht anmerken zu lassen, da sein Boss und Freund Jeremiah Grand seine Reaktion im Konferenzraum mit Argusaugen beobachtete. Jedes Zeichen von Schwäche wurde in dieser Firma nicht geduldet, und dass, obwohl sie zwei befreundet waren. Eventuell hatte Grand ein gutes Wort für ihn eingelegt, welches seine Entlassung verhinderte.

Mit einer genauen Definition ihrer Kameradschaft tat sich Cole etwas schwer. Er wollte nicht soweit gehen, Jeremiah als besten Freund zu bezeichnen, aber guter Kumpel traf es wohl. Sie gingen nach der Arbeit ab und an etwas Trinken und redeten über unverfängliche und nicht allzu intime Themen. Profane Dinge, welche man nun einmal mit einem Freund besprechen konnte.

Grand war ein sympathischer Mann, der zu allen ein gutes Verhältnis pflegte und immer ein offenes Ohr hatte. Mit 33 war dieser nur sechs Jahre älter als Cole und bereits Seniorpartner des Departements Planung, in welchem er selbst tätig war. Kleine Lachfältchen bildeten sich bereits in dessen Augenwinkeln und das schneeweiße Lächeln war fast immer sichtbar.

Jeremiah stand Cole, seit seiner Einstellung mit erfahrenem Rat zur Seite. Nicht, dass nötig wäre, aber Cole war ihm dankbar dafür. Es war gut jemanden innerhalb des Unternehmens als Ansprechpartner und mittlerweile auch Kumpel zu haben.

Cole zog die Handschuhe aus und schaute sich im Vorraum um. Ein verglastes Konferenzzimmer zu seiner Linken, gefolgt von zwei verschlossenen Bürotüren. Alles dunkel. Am Ende des Ganges, zu seiner Rechten, saß eine junge Frau und tippte emsig Dinge in einen Laptop. In dem Raum hinter ihr brannte als einziges noch Licht und als er auf sie zuschritt, stand sie auf.

„Sie wünschen?“ Ihre hohe Stimme war ihm unangenehm.

Cole musterte sie von oben bis unten, was ihr wohl nicht verborgen blieb. Das rote Kleid hätte nicht enger und kürzer sein dürfen, sonst würde die Polizei sie auf der Straße für eine Nutte halten. Okay, vielleicht fehlte dazu das übertriebene Make-up. Wenn er besser gelaunt wäre, könnte er eventuell sogar ihre Attraktivität würdigen.

„Machen Sie sich keine Mühe“, wimmelte er sie bissig ab und wollte schon an ihr vorbeigehen, aber sie hielt ihn am Ärmel fest. Pikiert sah er auf ihre Hand. Er hasste es, von Fremden berührt zu werden.

„Hey“, funkelte ihn sie an, „wenn Sie keinen Termin haben, verschwinden Sie!“

Genervt rollte er mit den Augen und machte sich behände von ihr los. Sie war klein und schmächtig und stellte nicht wirklich ein Hindernis für ihn dar. Cole öffnete einfach die Glastür, an der Brandons Name stand.



Brandon war in die Prognose des Baufortschritts vertieft, sodass ihm die leise Unterhaltung erst nach Sekunden auffiel. Hatte er einen Termin vergessen? Es war halb Zehn und eigentlich erwartete er niemanden mehr. Verwirrt sah Brandon hoch und versuchte die Stimmen einzuordnen: Eine weibliche, mutmaßlich seine Sekretärin, und eine etwas leisere, männliche, die er nicht erkannte.

Eine große, dunkle Gestalt näherte sich der Tür, die im nächsten Moment aufgerissen wurde. Was zum Geier machte Cole hier? Dieser trat herein und nur Sekunden später seine Sekretärin.

„Was ist die denn für ein Biest?“, fragte Cole an ihn gerichtet und es war ihm sichtlich egal, ob Sharleen es hörte.

„Ich sagte: Sie sollen verschwinden“, fauchte diese und griff nach dessen Arm, um ihn hinaus zu zerren. „Ich rufe sonst die Security!“

Überrascht zog Brandon die Augenbrauen hoch und stand auf, der sichere Schreibtisch zwischen ihm und dieser Situation. Er brauchte einige Momente, um die Tüten in Coles Hand und die Absicht ihr Abendessen nachzuholen, zu deuten.

„Sag ihr, sie soll mich nicht anfassen“, schnaubte Cole ihn wütend an und riss sich sichtlich zusammen, Brandons Sekretärin keinen Schaden zuzufügen.

„Es ist in Ordnung“, versuchte er, beschwichtigend die Stimmung zu lockern, und trat um den Tisch herum. „Lassen Sie ihn los, Sharleen.“

Misstrauisch ließ diese von Cole ab und verschränkte störrisch die Arme, was ihren renitenten Bronx-Wurzeln geschuldet war. Falls jemand glaubte, Sharleen wäre wegen ihrer körperlichen Statur unfähig, einem den Arsch aufzureißen, lag man falsch. Sicherheitsabstand war auch für Brandon angeraten.

„Schon okay“, bestätigte er nochmals und lächelte entschuldigend, als er sie mit einer Handbewegung hinausschickte. Brandon schloss die Tür hinter ihr und lehnte sich leicht dagegen. Das aufgesetzte Lächeln verflog sofort. Sharleen lauschte bestimmt, zumindest konnte er ihre Umrisse in ein paar Fuß Entfernung undeutlich sehen. Morgen war das Ganze sicherlich Thema Nummer Eins.

„Ich war in der Gegend. Hoffentlich hast du Hunger.“ Die Tüten wurden bedeutend von Cole hochgehalten und heftiger als nötig auf den kleinen Tisch bei der Sitzecke abgestellt.

Brandon wandte die Aufmerksamkeit seinem Partner zu. Ein finsterer, unheilvoller Blick traf ihn und er blieb noch etwas auf Abstand. Wann dies angebracht war, hatte er irgendwann auf die harte Tour gelernt. Coles Kiefermuskulatur arbeitete konstant und die grauen Augen flogen unruhig über das Essen. Offensichtlich schien dieser wenig begeistert davon, dass Brandon ihr Treffen abgesagt hatte.

Er bemerkte auf den Tüten das Logo von Wing Hing und egal, was Cole sagte, Crown Hights lag nicht auf dessen Weg von irgendwoher, bis hin zu seinem Büro. Dafür lag der Imbiss zu abgelegen und in entgegengesetzter Richtung zu allem Wichtigen. Gott sei Dank lieferte Wing Hing. Dafür nahm Brandon auch gern die 10 $ extra Fahrtpauschale in Kauf, wenn sie bestellten, da ihr Loft im Stadtteil Greenpoint nicht gerade um die Ecke lag.

Sein Magen knurrte laut, als ihm die Note von chinesischem Essen in die Nase stieg. Verdammt roch das gut. Er hatte wirklich Hunger.

„Kannst du diese Frau nach Hause schicken?“ Cole warf den grauen Mantel über die Lehne des einen Sessels und deutete in Richtung Sharleen.

Brandon wandte sich nach ein paar stillen Sekunden erneut an seine Sekretärin, welche selbstredend vor seiner Tür wartete und ihn nun unschlüssig ansah, immer noch auf Abruf bereit die Security zu rufen.

„Sie können Feierabend machen, Sharleen. Alles Weitere besprechen wir morgen“, verabschiedete Brandon sich und verfolgte ihren Weg nach draußen, nachdem sie ihre Sachen wortlos zusammengepackt hatte. Er hörte das zweifache Ping des Fahrstuhls und die Anspannung der letzten Stunden fiel von ihm ab.

Brandon vergrub eine Hand in der Tasche der schwarzen Anzughose, während er mit der anderen völlig in Gedanken den Schultermuskel massierte. Etwas war seltsam. Es war nicht die Tatsache, dass Cole in seinem Büro stand, obwohl er es ihm untersagt hatte. Schließlich war er daran gewöhnt, dass dieser Regeln außer Acht ließ, und es war beachtlich, dass Cole überhaupt so lange durchgehalten hatte.

Vielleicht, weil er nicht wusste, wie er Cole begrüßen sollte? Resigniert ausatmend versuchte er, seinen Gedanken zu überspielen, und sah dabei zu, wie dieser die kleinen Pappkartons unwirsch auf den Tisch stellte. Ein Handschlag wäre zu distanziert, ein Kuss zu intim oder er machte gar nichts und überging das Ganze völlig.



Unsympathisches Biest. Cole schob die Tussi bereits in die Kategorie von Menschen, mit denen er nichts zu tun haben wollte und in Zukunft aus dem Weg gehen würde. Ihm lief eine Gänsehaut über den Rücken, als er an ihre Finger und die rot lackierten Nägel auf seinem Arm dachte.

Er griff nach einer weiteren Tüte und blickte über die Schulter zu Brandon. Die grünen Augen sahen Cole unverwandt an. Instinktiv hielt er inne und drehte sich um. Ein vertrautes Gefühl keimte in seinem Geist, während er beobachtete, wie Brandons distanzierte Haltung schwand und nur noch die ruhige, autoritäre Ausstrahlung zurückblieb, welche er so anziehend fand.

Der begrenzte Lichtkegel der Tischlampe tauchte das Büro in dämmrige Schatten und Cole liebte diese Momente, wo allein Brandons Anwesenheit die Welt etwas besser machte, egal, wie beschissen sein Tag gewesen war.

Dieser verließ auf einmal seine Position an der Tür, blieb vor ihm stehen und legte eine Hand in Coles Nacken. Ein rares Lächeln, welche er nur selten in letzter Zeit geschenkt bekam, tanzte auf Brandons Lippen. Das sanfte Streicheln an seinem Haaransatz ließ Cole entspannen. Er genoss die wortlosen Gesten zwischen ihnen.

Ein Hauch von Brandons Eau de Parfum erreichte ihn und Cole überbrückte die paar Inch, welche ihn von diesem perfekten Körper trennten. Der Geruch von Sandelholz verfolgte ihn oft bis auf die Arbeit und war fest mit Brandon verbunden. Er presste einen unnachgiebigen Kuss auf dessen Mund und drängte ihn vehement zurück gegen einen metallenen Aktenschrank.

Mit einem lauten Rumpeln stießen sie gegen die Ablage und ein Schauer rann über seinen Körper, während er Brandon mit seiner Zunge öffnete. Stöhnend nahm er dessen Geschmack wahr und spürte die suchenden Hände an seinen Flanken. Der letzte Kuss schien Jahrzehnte her und an den letzten Sex vor ein paar Tagen konnte er sich nicht mehr erinnern.

Er könnte Brandon hier auf dem Schreibtisch nehmen und keiner würde es mitbekommen. Allein der Gedanke, an einen kurzen Büro-Quickie, ließ ihn Ungeduld verspüren. Die Fantasie gebar alle möglichen Szenarien in seinem Kopf. Cole wollte ihn gegen die Wand pressen oder gegen das Fenster.

Frustriert schnaubend, vernahm er den piependen Ton einer eingehenden E-Mail auf seinem Smartphone, war aber nicht gewillt Brandon ziehen zu lassen. Zu wichtig erschien ihr Kuss, als dass er davon ablassen könnte. Das Gefühl von nackter Haut fehlte unter seinen Fingern. Flink öffnete er das weiße Hemd und zerrte es aus der Anzughose. Brandon keuchte in sein Ohr, als sich seine Hände auf die freie Partie legten. Fuck.

Das schrille Klingeln eines Telefons fuhr ihm durch Mark und Bein und versetzte ihn mit einem Schlag wieder in die Realität. Brandon war erregt, das fühlte er deutlich an seinem Becken. Genauso, wie er selbst. Atemlos unterbrach er ihre Verbindung und fuhr mit den Lippen über die Wange. Der leichte Bartschatten kratzte ihn.

„Geh nicht ran“, wisperte er und versuchte einen weiteren Kuss zu stehlen.

„Ich muss.“ Brandons Flüstern war rau und Cole hätte am liebsten den Stecker des Telefons aus der Wand gezogen.

Eigentlich war es zwecklos, aber dennoch versuchte er, ihn umzustimmen. Seine Hand fuhr leicht über dessen empfindlichen Hals und suchte wieder die verführerischen Lippen. Er kannte Brandon viel zu gut und nutzte dieses Wissen schamlos aus.

„Lass mich los.“ Unmut schwang in der sonoren Stimme mit. Brandon drehte den Kopf zur Seite und drückte ihn fort.

Cole zog die Augenbrauen zusammen, als ein ihn kühler Blick traf. Er sollte es nicht persönlich nehmen, aber das Brandon gerade jetzt die Arbeit wichtiger war, versetzte ihm einen Stich. Cole lehnte mit dem Rücken am Schrank und stierte ihn an. Zwar hob diese kleine Fummelei seine Stimmung etwas, dennoch konnte er sich damit nicht abfinden, einfach stehen gelassen zu werden.



Er machte sich von Cole los und ging zum Telefon. Seine Haut brannte an den Stellen, wo dieser ihn berührt hatte und er spürte dessen Blick im Rücken. Nur zu gern wäre Brandon auf das Angebot eingegangen, doch keiner seiner Kunden rief um diese Uhrzeit an, also musste es wichtig sein.

„Parker Marketing und Consulting?“, fragte er höflich in die Muschel und klemmte den Hörer zwischen Kopf und Schulter, während er seine Kleidung richtete. Verlangen pulsierte in seinen Lenden und machte es ihm schwer, einen professionellen Ton an den Tag zu legen. Feuer kroch schleichend über seine Haut.

„Antony Scott, von Scott & Scott. Ich wollte gern Mr. Parker sprechen.“

Der zweite Anruf innerhalb von zwei Wochen. Womit hatte er dieses Privileg nur verdient?

„Hallo Mr. Scott, ich bin selbst am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“ Brandon sah hinüber zu Cole, während er sprach. Ein Schatten huschte über dessen Gesicht.

„Haben Sie bereits die Unterlagen erhalten?“ , fragte Scott, ohne lange Small-Talk zu betreiben.

Diese Zielstrebigkeit hatte Brandon sofort erkannt, als er ihn vor einigen Jahren, auf einer Benefizveranstaltung für hilfsbedürftige Kinder, das erste Mal persönlich kennenlernte und mit ihm ins Gespräch kam.

„Ja, vor anderthalb Stunden“, nickte Brandon und strich die Haare aus den Augen.

„Konnten Sie sie bereits sichten?“

„Einen Teil, ja.“

„Schön. Ich wollte gern wissen, wann Sie das Objekt diese Woche besichtigen möchten? Dann würde ich ein Treffen arrangieren, damit ich Ihnen den Schwerpunkt näher erläutern kann.“

Brandon suchte unter einigen Statistiken nach dem Terminkalender und blätterte durch die Seiten. Das war verdammt kurzfristig. Scott wollte anscheinend die verlorene Zeit aufholen und er würde es irgendwie möglich machen. Nathan musste dann seine Termine der kommenden Tage übernehmen.

„Ich denke, am 21. sollte ich vormittags anreisen können und wir treffen uns, um zwölf Uhr, zum Lunch?“, schlug er vor und sah zu Cole, welcher nur zurück starrte und verkniffen die Lippen zusammenpresste.

In Gedanken ging Brandon die diversen Punkte durch, welche mit Mr. Scott am Wochenende zu besprechen waren und sammelte nebenbei einige Unterlagen zusammen, die er mit nach Hause nehmen musste.

„Sie sollten im Hyatt Hotel, direkt in Riverhead, absteigen. Das hauseigene Restaurant ist sehr gut und dann können wir uns dort treffen“, Scott schwieg für einige Sekunden in der Leitung, „Bitte planen Sie drei oder vier Tage Aufenthalt ein. Wie Sie wissen, ist das Projekt umfangreich.“

„Ja, natürlich“, bestätigte Brandon und markierte die vorgesehenen Tage auf den entsprechenden Seiten im Kalender. Er musste unbedingt nachher daran denken, Sharleen zu informieren, damit sie die Hotelbuchung regeln konnte.



In Coles Hirn ratterte es und er überlegte, ob es der Mr. Scott war, der ihm als Erstes in den Sinn kam. Das konnte nicht sein. In New York City gab es bestimmt Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Menschen, die so hießen. Die Chancen, dass es der Gleiche war, waren verschwindend gering.

Dieser Name glich einem roten Tuch und versetzte ihn innerhalb von Sekunden erneut in Aufruhr. Scott hatte Cole beim letzten Meeting einfach nur kaltschnäuzig und unhöflich abgespeist, nachdem er ihn zurechtgewiesen hatte, wie ein ungehorsames Kind und ihm anschließend fehlende Qualifikation vorgeworfen. Cole war sich bewusst, dass Letzteres durchaus der Wahrheit entsprach, aber der Ton machte die Musik.

Scotts Verhalten war generell unberechenbar und bei Besprechungen wechselte dieser blitzschnell von eloquent zu wütend. Zuerst wurde man nett angelächelt und im nächsten Moment hinterrücks mit einem Messer filetiert. Vor allen Dingen, wenn Scott dachte, man würde ihm eine Ausrede auftischen. Was konnte er dafür, dass sein Kollege Daniel die Unterlagen verlegt hatte? Hätte Cole diese gehabt, wäre es anders abgelaufen, aber leider ließ sich auch im Nachhinein nichts mehr ändern.

Seiner Meinung nach diente die Besprechung vom Nachmittag nur dazu, ihn an den Pranger zu stellen. Lieber hätte man ihn, und am Besten auch gleich Daniel, direkt entlassen sollen. Sein Ego war immer noch erheblich angekratzt und das Brandon ihn nun auch noch kaltstellte, ging gar nicht. Es war definitiv genug für heute.

Dieser sah ihn nur distanziert an, richtete die Krawatte und lenkte Coles Aufmerksamkeit kurzzeitig auf das Telefonat. Er hörte etwas von „am 21. anreisen“ und „zum Lunch treffen“. Das klang verdächtig nach einer Geschäftsreise, schließlich war der 21. übermorgen und ein Samstag.

Coles Kiefermuskulatur arbeitete und er ballte leicht die Fäuste. Jesus fucking christ. Brandon verplante wohl gerade das Wochenende, und wenn Cole ihn fragen würde, ob er das nicht auf die regulären Werktage legen könnte, wüsste er prompt die Antwort: Arbeit geht vor.

Ablehnend verschränkte Cole die Arme und überflog kurz das kleine Büro, um seine Wut vor Brandon zu verbergen. Ein übergroßer Monitor stand auf der rechten Schreibtischhälfte, Papiere stapelten sich auf der anderen Seite, mannigfaltige Stifte lagen herum und irgendwo unter dem Ganzen fand wohl auch eine Tastatur ihren Nutzen.

Cole spielte mit dem Gedanken, alles vom Tisch zu wischen und Brandon, mit dem Gesicht voran, auf die freie Arbeitsplatte zu pressen, die Hose hinunter zu zerren und dann ins Nirwana zu ficken.

„Was ist los?“ Brandon hatte das Telefonat unbemerkt beendet und riss ihn nun aus seinen Überlegungen.

Cole warf ihm nur einen kurzen Blick zu, bevor er sich auf einen der Sessel fallen ließ und mit der Hand über das Gesicht rieb. „Scheiß Tag“, wiegelte er ab und hatte nicht wirklich vor näher darauf einzugehen.

Frustriert und genervt überschlug Cole die Beine und massierte die linke Schläfe. Die vergangenen Monate gingen ihm gehörig gegen den Strich und er erinnerte sich nur noch vage an andere Zeiten, wo sie einander mehr als zehn Minuten am Tag sahen. Natürlich war das nicht nur Brandons schuld. Auch seine Arbeit band Cole enorm ein.

Sein Magen knurrte auffordernd. Cole nahm zögernd die scharfen Nudeln mit Hähnchenstreifen und eine Plastikgabel. Langsam öffnete er den Karton und begann zu essen. In dem anderen freien Sessel nahm Brandon platz und griff zielsicher nach einer Schachtel. Bei Wing Hing aß dieser ausschließlich die Nummer 65 – Ente süß & sauer.

Abwesend schaufelte Brandon das Essen in sich hinein und starrte auf die Aktenstapel der Ablage. Cole nutzte die Gelegenheit, dessen Profil zu betrachten. Leichte Augenringe hielten sich seit Tagen in dem attraktiven Gesicht.

„Hast du noch viel zu tun?“, fragte er nach einiger Zeit in die Stille hinein und deutete mit einem Kopfnicken andeutungsweise Richtung Schreibtisch. Es war ihm nicht entgangen, dass Brandon nicht der Sinn nach einer Unterhaltung stand und in Gedanken woanders war.

„Genügend“, antwortete dieser und zog die Augenbrauen hoch. „Aber das erledige ich später.“

Cole war bemüht keine Reaktion zu zeigen und fokussierte leicht zynisch die Nudeln. Später also? Er hatte gehofft, sie könnten die angefangene Fummelei vorsetzen. „Wie lange bist du unterwegs?“, hakte er leicht bissig nach und spielte auf das Telefonat an. Vielleicht hatte er sich verhört.

„Ein paar Tage voraussichtlich“, entgegnete Brandon lakonisch, aß ungerührt weiter.

Unbefriedigt erstach Cole ein Stück Hähnchenfleisch mit der Plastikgabel. Sein Plan, das Wochenende mit Brandon im Bett zu verbringen, ging gerade den Bach runter und die Tischreservierung im Club A Steakhouse für Samstagabend konnte er dann wohl absagen.

„Dein Wagen steht unten?“, wollte Brandon nun wissen.

„Taxi“, antwortete Cole kurz angebunden und stopfte einen Bissen in den Mund, um nicht eine weitere Frage beantworten zu müssen.

Sein Smartphone verkündete den erneuten Eingang einer E-Mail. Das Stück Technik aus dem Mantel fischend, stellte er kauend das Essen auf den Tisch. Was war denn nun schon wieder? So sehr er seine Arbeit sonst auch mochte, wollte er einfach nur noch seine Ruhe.

Behände rief er die App auf und überflog die Erste: nichts Wichtiges, nur eine Terminverschiebung. Als er den Betreff der soeben eingegangenen las, wurde ihm schlecht und das Fleisch blieb ihm fast im Halse stecken. Mr. Scott hatte eine Beschwerde gegen ihn eingereicht.



Schwerfällig fiel er in den Sessel. Cole konnte ihm wirklich den letzten Nerv rauben und Brandon betrachtete ihn eingehend. Dass dieser keinen guten Tag hatte, war mehr als eindeutig, aber er hatte pflichtschuldig gefragt und wenn Cole nicht reden wollte, so war das nicht sein Problem. Für diesen Kindergarten fehlte ihm momentan die Geduld.

Unter den verbleibenden Schachteln fand er schnell sein Leibgericht und brach die Essstäbchen auseinander. Seine letzte Mahlzeit war gegen Mittag gewesen und der bohrende Hunger rumorte in seinem Magen, als er das erste Stück Ente dem Ende zuführte. Wenn es nicht so auf die Figur schlüge, würde er am liebsten jeden Tag das Gleiche essen.

Ob es in Riverhead auch einen ähnlich guten Chinesen gab? Brandon hoffte es. Wenn er mit Scott die komplette Zeit zusammenarbeitete, hatte er nicht wirklich Lust, ständig in ein Restaurant zu gehen. Wobei es sehr unwahrscheinlich war, dass es dort überhaupt etwas gab, was dessen Ansprüchen genügte.

Jeder Auftraggeber, erst recht Scott, hatte seine eigenen Anforderungen und Pläne und auch wenn die Baufortschrittsprognose eine Fertigstellung Ende des Jahres avisierte, war für Brandon vorab kaum kalkulierbar inwieweit Scotts Vorstellungen den Verkauf beeinflussen würde.

Ungesehen rollte Brandon mit den Augen, als er Coles Frage nach seinem noch zu bewältigenden Arbeitspensum vernahm. Dessen mürrisches Verhalten zerrte mehr an seiner Geduld, als er zugeben wollte. Vielleicht sollte Cole einfach mit dem Taxi auch wieder zurückfahren, dann hätte er wenigstens auf der Rückfahrt seine Ruhe und müsste nicht diesen angefressenen Tonfall ertragen.

Ein scharfes Lufteinziehen ließ Brandon den Kopf heben und er musterte Cole aufmerksam. Irgendwas lief gerade gewaltig schief.

„Was ist passiert?“, fragte er und stellte die halb leere Verpackung auf den Tisch.

Die vergangenen Jahre boten ihm genug Erfahrung, um dessen Stimmung zu deuten, um zu wissen, dass etwas nicht stimmte und die minimale Veränderung zu sehen. Coles Gesicht wurde starr und dessen Körperspannung präsenter. Stoisch las dieser eine E-Mail, eine normale Instant-Message hörte sich anders an, und der Inhalt schien nicht gerade erfreulich.

Brandon wartete vergebens auf eine Antwort. Mit einer Servierte säuberte er kurz den Mund und warf sie dann zerknüllt in eine der vielen Tüten. Ihm verging gerade der Appetit. Entweder redete Cole mit ihm oder er ließ es, und das dann gleich für den restlichen Abend, schließlich hatte er weitaus Wichtigeres zu tun.

Ungläubig den Kopf über Coles Sturheit schüttelnd, stand er auf und fuhr den Computer herunter. Hier sitzen und diese einseitige Unterhaltung weiter hinnehmen, war ihm unmöglich. Brandon zog die Hemdärmel hinab und machte sich nicht die Mühe die Manschettenknöpfe zu schließen, während er zur Garderobe schritt und das Jackett überstreifte.

„Wir gehen. Lass alles so stehen“, forderte er Cole auf und wies auf die Verpackungsreste. Brandon schaltete die Tischlampe aus, nahm die Umhängetasche und hielt Cole die Tür auf. In diesen kam endlich Bewegung. Hölzern wurden Schal und Mantel angelegt. Brandon wurde mit einem wütenden Schnauben bedacht, als Cole an ihm vorbei ging.

Irritiert sah er hinterher und folgte zum Fahrstuhl. An der gegenüberliegenden Wand gab er den Code für die Alarmanlage ein und die kleine LED-Lampe sprang von Grün auf Rot. Brandon schaltete die indirekte Beleuchtung des Flures aus, als die Fahrstuhltüren aufgingen und sie eintraten.

„Warum bist du so stocksauer?“, fragte er nochmals, einen letzten Versuch startend, leise und drückte den Knopf für die Tiefgarage. Surrend fuhr die Kabine an. Brandons Nackenhaare stellten sich auf, als er Coles Blick in den Spiegeltüren fing.



Wie konnte Scott es wagen, sich über ihn zu beschweren? Hatte die Standpauke nicht gereicht? Es kam ihm so vor, als hätte sich heute die ganze Welt gegen ihn verschworen. Heiß brannte die Wut in seinem Inneren. Er wollte etwas zerstören, und wenn er ehrlich war, dann wäre ihm Mr. Scott sehr recht.

Innerlich aufstöhnend bemerkte er, dass ihn Brandons grüne Iriden betrachteten. Tief einatmend, verschränkte Cole die Arme und starrte unbeugsam zurück. Unruhe befiel ihn und ihm kam der Gedanke, seine Faust in Brandons Spiegelbild zu rammen. Einfach etwas Erleichterung verschaffen, Dampf ablassen.

„Was ist?“, platzte es aus ihm gereizt heraus.

„Anscheinend ja nichts.“

Cole zog die Brauen zusammen. Brandon hätte etwas Anderes sagen sollen, etwas, dass ihn beruhigte, aber wer war er schon, dass das jemals Wirkung gezeigt hatte?

Seine Kiefermuskulatur arbeitete konstant. Fuck it. Energisch schlug er mit der flachen Hand auf den roten Notschalter und ein durchdringendes Klingeln kündigte den Stopp an. Er packte Brandon am Revers des schwarzen Jacketts und drückte ihn gegen die Metallverkleidung.

Sie waren von gleicher Statur und Kraft. Nur eineinhalb Inch Größenunterschied, welchen er nun ausnutzte und sich vor Brandon aufbaute, um auf ihn hinunter zu schauen. Es war nie leicht gewesen gegen ihn anzukommen, aber jetzt fehlte der Widerstand.

„Bist du fertig?“, fragte dieser gelassen.

Cole sah den tiefen, kalten Ärger in Brandons Augen, als vollkommenen Gegensatz zu seiner Stimme. Vielleicht tat er ihm Unrecht, vielleicht auch nicht. Eigentlich wollte er nicht darüber nachdenken. Er brauchte ein Ventil für sein eigenes Chaos und Brandon war verfügbar.



Es war vorauszusehen und dennoch traf es Brandon unvorbereitet. Er hätte es in dem Moment wissen müssen, als sich ihre Blicke in den Spiegeltüren begegneten. Die fehlende Vorsicht brachte ihn in eine unterlegene Position und die Kälte der Wand in seinem Nacken schickte eine Gänsehaut über seinen Rücken. Coles fester Griff ließ die Stoffnähte des Jacketts gefährlich ächzen und Brandon spürte dessen stockenden Atem auf seiner Haut, so nah waren sie einander.

„C‘mon, lass gut sein“, forderte er gefasst und maß Coles Gesichtszüge, in welchen ungezähmter Zorn stand. Was hatte bitte in der verdammten E-Mail gestanden, das diesen dermaßen ausrasten ließ?

Seine Appell verstrich ungehört. Was war nur mit Cole los? Hatte es irgendwas mit dem Job zu tun? Es wollte Brandon nicht in den Kopf. Er konnte sich nichts vorstellen, was diese Reaktion hervorrufen würde und bei dessen Laune konnte er eine vernünftige Antwort vergessen.

Vieles an dieser Situation erinnerte ihn an Coles unberechenbares Gemüt im ersten Studienjahr der NYU, welches schon lange nicht mehr zu Tage getreten war, und an ihren perfekt einstudierten Tanz des gegenseitigen Kräftemessens, bevor sie etwas miteinander verband, für das er keine Worte fand.

Manchmal verspürte Brandon selbst heute noch den Drang, vor allen Dingen, wenn Cole sich wie ein Idiot aufführte, nach einer körperlichen Auseinandersetzung, aber inzwischen befriedigte er dieses Verlangen meist auf eine sexuelle Art. Zumindest war das die weniger aggressive Herangehensweise, um diesem Bedürfnis Geltung zu verschaffen.

„Hör auf mit dem Scheiß“, verlangte Brandon erneut und umfasste grob das fremde Handgelenk.

Unnatürliche Geräuschlosigkeit herrschte nach seinen Worten. Cole war äußerlich zu beherrscht, zu still, was nie ein gutes Zeichen war, und dass, was er in dessen Augen sah, ließ seine Alarmglocken schrillen. Alles was er jetzt tat, würde er morgen sicherlich schmerzhaft bereuen, aber was machte das schon für einen Unterschied? Brandon musste etwas tun, um seinen Partner auf den Boden zurückzuholen, obwohl das hier derart absurd war, dass es Cole selbst auffallen müsste.



Endlich setzte die fehlende Gegenwehr ein, auf die er gewartet hatte und automatisch verfestigte sich sein Griff. Er war nicht bereit einen weiteren Tiefschlag zu erdulden. Cole verlor nicht gern und würde es auch jetzt nicht. Die über den Tag angestaute Rage kroch hervor und pulsierte glühend unter seiner Haut und in seinen Adern.

Plötzlich stemmte Brandon sich gegen ihn und drängte ihn rückwärts an die Wand. Kraftvoll legte sich dessen Unterarm an seinen Hals und presste Cole mit einem deutlichen Ruck an die Verkleidung. Dunkles Grün von schwarzem Haar umfangen. Schwache Spuren von Sandelholz. Gott, er wollte … dieses Gefühl war unerträglich. Es engte ihn ein, schnürte ihm die Luft zum Atmen ab. Sein Herz raste.

„Lass es einfach“, scharfe, leise Worte von Brandon. „Du hast keine Chance.“

Ähnliches hatte auch Mr. Scott zu ihm gesagt und Cole hörte dessen Stimme in seinem Gedächtnis nachhallen. Es war zu viel. Zu viele Eindrücke, die ihm die Sinne vernebelten und ihn nicht mehr klar denken ließen. Die Sicht in die Realität versperrten.

Das Rauschen in seinen Ohren wurde immer lauter und wie in Trance schlug er mehrfach mit der Faust in die ungeschützten Rippen, in diese Schwachstelle, vor sich. Der Arm wich von Coles Hals und er setzte nach, musste einfach Scott dieses hämische Grinsen aus dem Gesicht wischen.



Damit hatte Brandon nicht gerechnet. Mit Vielem, aber nicht mit Schlägen aus voller Kraft, die ihm die Luft aus den Lungen trieben. Eine Rangelei, wie in alten Tagen, ja, aber nicht das hier. Stechender Schmerz raste durch seinen Körper und jeder Atemzug wurde zur Qual. Schwer keuchend lehnte er am Handlauf und hielt sich die Seite.

Es juckte ihn in den Fingern und Brandon hätte gern Gleiches mit Gleichem vergolten. Was zum Henker war hier los? Er kannte Cole so nicht. Selbst damals hatte er nie diese blinde Wut, das komplette Ausblenden der Wirklichkeit, gesehen.

„Fuck“, fluchte er, als Cole erneut auf ihn zukam und wieder zum Schlag ausholte. Ausweichen war auf diesem beengten Raum unmöglich. Seine Lippe durchzuckte ein scharfer Schmerz und brannte dann höllisch. Sternchen tanzten vor seinen Augen und das Adrenalin schoss durch seinen Körper.

„Cole!“, brüllte er ihn an.

Brandon schmeckte Blut und der rote Lebenssaft tropfte auf sein Hemd. Übelkeit stieg in ihm auf und sein Magen überschlug sich. Er presste die Hand an die Rippen, schob sich an Cole vorbei und drückte den Notschalter, als dieser einige Sekunden verharrte. Der Fahrstuhl fuhr wieder an. Alles war besser, als hier eingepfercht zu sein. Zumindest so lange, bis Cole wieder klar war.



Etwas in seinem Hirn rastete ein und er stoppte mitten in der Bewegung, als er seinen Namen hörte. Cole stand einfach nur da, eingefroren. Spürte übermächtig, dass er einen Fehler begangen hatte. Er ließ die Faust sinken und sah sie an. Sein Geist war auf erschreckende Weise leer gefegt. Er sollte, musste, etwas sagen, sich entschuldigen. Irgendetwas, aber er brachte nichts Zusammenhängendes hervor.

„Ich … es  …“, setzte er an und verstummte. Beinahe hilflos suchte er Blickkontakt. Cole schüttelte irritiert den Kopf. Brandon war nicht Mr. Scott, selbst dann nicht, wenn er vielleicht Gleichartiges sagte.

Das Ruckeln des Fahrstuhls kündigte ihr Ziel an. Die Türen gingen auf und er folgte Brandon hinaus. Nach ein paar Yards drehte sich dieser um, hielt sich die Rippen. Sah ihn mit diesem distanzierten Blick an, der eigentlich nur Geschäftskunden vorbehalten war.

„Verdammt, Cole“, fuhr Brandon ihn an. „Was soll das?“

„Ich … “, versuchte er es erneut. Ihm fehlten die Worte. Es war, als hätte jemand sein Vokabular gelöscht, selbst Denken erschien unmöglich.

Cole sah die roten Flecken auf dem weißen Hemd und brauchte lange, um zu erkennen, dass es Blut war und woher dieses kam. Er überbrückte den Abstand zwischen ihnen, bis Brandon nur noch eine Armlänge von ihm entfernt stand. Bedauern erfüllte ihn. Das war nicht seine Absicht gewesen. Er hatte ihn nicht verletzen wollen.

Brandon blickte ihn abwartend an, ganz klar auf der Suche nach Anzeichen für einen weiteren Ausbruch und es peinigte Cole auf unerklärliche Weise. Den Ausdruck von Reserviertheit konnte er nicht ertragen. Er wollt etwas Anderes in dessen Gesicht sehen.

„…“, wieder entkam ihm kein Laut und er strich leicht über Brandons kratzige Wange. Aus der Manteltasche zog Cole ein Taschentuch hervor und versuchte so die Blutung zu stillen.



Gott sei Dank, waren sie allein in der Tiefgarage und nur zwei verwaiste Autos standen neben seinem schwarzen Audi. Die kalte Nachtluft zog von draußen durch die Metallgitter und ließ ihn frösteln. Das harte, weiße Licht der Neonbeleuchtung warf kantige Schatten in Coles Gesicht. Brandon musterte ihn durchdringend. Stilles Entsetzten stand in den markanten Zügen.

Brandon zwang sich dazu, Cole nicht zu zeigen, wie wütend er in Wirklichkeit war. Er hatte jedes Recht dazu und war versucht, der Hand auszuweichen, die ihn gerade noch geschlagen hatte. Zunächst gewährte er Zugang zu seiner Wunde, ließ dann aber seiner Verärgerung freien Lauf, als Cole ihn in die Arme ziehen wollte. Er war kein Püppchen, welches getröstet werden musste.

Brandon holte aus und versetzte ihm einen Kinnhaken. Cole strauchelte zurück und hielt sich nun seinerseits die schmerzende Stelle. Er sah den überraschten Ausdruck auf dessen Gesicht und lockerte etwas die rechte Hand. Genugtuung war das Einzige, was Brandon empfand. Cole hatte es verdient und wenn er einen blauen Fleck zurückbehalten würde, umso besser.

„Ich nehm‘ mir ein Taxi“, flüsterte dieser, als er offenbar endlich seine Sprache wiedergefunden hatte und ihn mit großen Augen beobachtete.

Mit den Fingern berührte Brandon vorsichtig seine Lippe und ein roter Film bedeckte die Spitzen. Angewidert wischte er sie einfach an seinem bereits ruinierten Hemd ab und nahm Cole das Taschentuch aus der Hand, presste es an die offene Wunde.

„Mach dich nicht lächerlich und steig ein“, forderte er Cole spöttisch auf.

Mit dem typischen akustischen Doppelton öffnete die Zentralverriegelung, als er auf den Funkschlüssel drückte und ging auf das S5 Coupé zu. Die kleinste Bewegung stach in seiner Flanke und er schnaubte ungehalten. Wie sollte er damit arbeiten?



Cole sah ihm Sekunden verdutzt nach. Brandon hatte seit jeher eine harte Rechte, aber jede Faser seines Körpers wusste, dass dieser nicht mit voller Kraft zuschlagen hatte. Sonst würde er am Boden liegen. Vorsichtig bewegte er den schmerzenden Kiefer, fühlte nach etwaigen Verletzungen – nichts, außer Druckempfindlichkeit.

„Soll ich fahren?“, bot er leise an und deutete mit einem Nicken auf dessen Rippen. Das dieser Schmerzen hatte, war offensichtlich, aber Brandons Schweigen war Auskunft genug.

Dieser hielt sich weiter die Seite, während Cole im leichten Abstand folgte. Ihre Schritte hallten laut auf dem Beton und langsam öffnete Brandon die Fahrertür, glitt umständlich auf das Polster und legte die Umhängetasche auf die Rückbank.

Cole ging um den Wagen herum und setzte sich auf den Beifahrerplatz. Brandon erwartete eine Entschuldigung, das wusste er und je länger er damit wartete, desto unmöglicher wäre es ihm. Als die Türen schlossen, empfing ihn gedämpfte Lautlosigkeit und er schloss den Sicherheitsgurt.

„Brandon, hey“, begann er und zwei grüne Augen fingen seinen Blick. „Es tut …“

„Halt die Klappe“, unterbrach ihn dessen Stimme.



Brandon wollte das nicht hören. Cole hatte sich, seit er ihn kannte, noch nie für irgendetwas entschuldigt und würde jetzt auch nicht damit anfangen. Es fiel ihm schwer, dieses Gefühl zu beschreiben. Für ihn war eine Entschuldigung ein Zeichen von Charakterschwäche und nur stumpfe Worte, die einen gesellschaftlichen Zweck erfüllten. Eine Entschuldigung nahm Brandon nicht den Schmerz oder heilte seine Wunden. Lieber sollte Cole die Konsequenzen tragen.
Die Wut in seinem Inneren ebbte langsam ab, als er das – morgen hoffentlich blaue – Kinn betrachtete und dann in die grauen Iriden sah. Bedauern stand offen darin geschrieben.

Brandon startet den Motor und die Beleuchtung der Armaturen flackerte auf. Rote digitale Ziffern schimmerten in der Dunkelheit des Innenraums, 22:36. Es war später geworden, als gedacht und sie brauchten bestimmt eine gute halbe Stunde bis nach Hause, je nach Verkehrslage. Er legte den Rückwärtsgang ein und parkte aus. Das Abblendlicht ging automatisch an.

„Sag mir was los ist.“ Brandon lenkte den Wagen gen Ausfahrt. Er hielt vor dem Metallgitter, bis es vollkommen hochgefahren war und schloss nebenbei den Sicherheitsgurt, damit der intensive Warnton verstummte. Blinkend fuhr er nach rechts auf die 26th Avenue.

Brandon lehnte sich zurück in den Sportsitz und bog nach der Brücke auf die Zubringerstraße zur Interstate 295/Clearview Expressway. Der Motor röhrte auf, als er auf das Gaspedal trat und rasch die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 55 Meilen pro Stunde erreichte.

„Also?“, hakte er nochmals nach und dieses Mal beharrte er auf einer Antwort. Seufzend drückte er das Taschentuch wieder auf die Lippe, um die Blutung im Zaum zu halten, und versuchte, das Ziehen seiner Flanke so gut es ging zu ignorieren.

„Wir haben das Marketing eines unserer Projekte heute verloren“, murmelte Cole.

Er wusste, dass bei Schmitt & Partner Versagen keine Option war und kannte auch deren Ruf. Gnadenlos und effektiv. Misserfolg stand überhaupt nicht zur Debatte und Cole würde den Grund für den Mandatsentzug wahrscheinlich eher totschweigen, als ihm mitzuteilen.

Vielleicht hatte Cole genau diese Information vorhin per Mail erhalten? Die Arbeit war heilig und Kunden zu verlieren, war einfach ausgeschlossen. Selbst wenn es nicht direkt Coles Abteilung betraf, nahm er es wohl persönlich. Aber warum ließ er es an ihm aus?

„Kenne ich das Objekt?“, wollte Brandon wissen und überholte nach einem kurzen Blick in den Seitenspiegel ein anderes Fahrzeug. Um diese Uhrzeit war die Interstate fast leer. Nur vereinzelt sah er Rücklichter auf den drei Fahrstreifen.

„Glaube nicht. Liegt in den Hamptons.“

„Du meinst den Komplex in Riverhead?“, versicherte er sich und stöhnte innerlich auf. Passierte das gerade wirklich? Waren deswegen Schmitt & Partner also nicht auf der Portfoliovorführung gewesen?

„Ja“, entgegnete Cole kühl.

Diese reservierte Bestätigung ließ die Vermutung zur Gewissheit werden und die nachfolgende Stille zwischen ihnen war ohrenbetäubend. Lange Sekunden spürte er einfach nur Coles Augen auf seinem Körper ruhen. Verdammt.

Der Wagen rauschte über den Asphalt und die Lichtreflexe der Interstatebeleuchtung jagten rasant über die schwarze Motorhaube. Noch zwanzig Minuten bis nach Greenpoint, vielleicht etwas weniger, wenn er etwas schneller, als 55 Meilen, fuhr.

Angestrengt dachte er über dessen Gesagtes nach und Kopfschmerzen begannen hinter seinen Schläfen zu pochen. Wenn Schmitt & Partner nur das Marketing verloren hatten, bedeutete das zwangsläufig, dass diese den restlichen Auftrag weiterhin betreuten. Fuck.

Angespannt umfasste er das Lenkrad und zog auf die rechte Spur, nahm die Ausfahrt 4E-W Long Island Expressway in Richtung Manhattan/Eastern Long mit erhöhter Geschwindigkeit.

„Dann arbeiten wir wohl jetzt zusammen“, stellte Brandon leise fest und erneutes Schweigen folgte.

Hatte Cole etwa bereits durch die E-Mail erfahren, dass er die Neuausschreibung gewonnen hatte? War es dessen gekränkter Stolz, der ihn so ausrasten ließ? Brandon hoffte einfach, dass Cole irgendetwas entgegnete, dass seinen Verdacht entkräftete.



Erschöpft rieb Cole über die Nasenwurzel und sah durch das Beifahrerfenster hinaus. Der ganze Tag schien ihn zu verhöhnen. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Es hätte ihm bereits klar sein müssen, dass Brandon an der Neuausschreibung teilnehmen würde, als er vor zweieinhalb Wochen von Scotts Drohung erfahren hatte. Keiner, der bei Verstand war, würde eine derartige Auftragschance ziehen lassen und Cole gönnte ihm den Erfolg.

Dennoch erstickte der bittere Nachgeschmack jede Gratulation, und dass Brandon nun das Wochenende oder länger mit diesem Arsch zusammen verbrachte, wenn auch nur geschäftlich, stieß Cole sauer auf und hatte nichts Konkurrenzdenken zu tun, sondern eher mit Egoismus. Schließlich würde er Brandons schlechte Laune ertragen müssen, nachdem dieser wieder da war.

Cole wusste, wie Scott war, und dass er von allen Partnern eine Zurechtweisung bekommen hatte, reichte diesem wohl nicht aus. Er lächelte zynisch. Offensichtlich nicht. Eigentlich sollte es Cole nicht wundern. Scott konnte ihn nicht leiden und das beruhte inzwischen definitiv auf Gegenseitigkeit.

Vielleicht lief ihm dieser morgen im Büro über den Weg und er hatte Gelegenheit, der Beschwerde näher auf den Grund zugehen. Obwohl das wahrscheinlich nichts brachte. Scott konnte man ohnehin nichts recht machen und selbst der Versuch, war zum Scheitern verurteilt.

„Gibst du mir aus der Tasche zwei Aspirin?“, fragte Brandon plötzlich, überholte erneut einen anderen Wagen und deutete mit dem Daumen auf die Rückbank. „Vorderes Fach.“

Cole griff hinter den Sitz und zog die Tasche zu sich auf den Schoß, suchte in der Dunkelheit nach dem Gewünschten. Langsam brach er zwei Tabletten aus der Blister-Verpackung, legte sie in Brandons geöffnete Hand, welcher das Medikament trocken hinunter schluckte, und wurde mit einem „Danke“ höflich abgespeist.

Er betrachtete abermals Brandons Profil und suchte Anzeichen von Schmerzen, fand aber nichts in dem beherrschten Gesicht. Die schiefe Sitzhaltung, um die Rippen zu entlasten, sagte ihm jedoch alles. Cole schob die Blister-Verpackung wieder in die Schachtel, legte sie zurück und behielt die Tasche auf dem Schoß.

Es gab wenige Momente, in denen Brandon seine Gefühle offen zeigte, und Cole hatte gelernt auf Kleinigkeiten zu achten. Oft war es ihm gleich, heute nicht und den Fehler, Brandon von Scotts Beschwerde zu erzählen, würde er nicht begehen. Nicht das dieser noch auf die Idee kam, sich mit Scott aus Solidarität anzulegen und den neu gewonnen Auftrag gefährdete.

Blicklos starrte Cole in die Nacht und hing seinen Gedanken nach, als die Klimaanlage des Audi ansprang. Sein Ausraster setzte dem Tag die Krone auf. Fuck. Er war es nicht gewohnt, derart die Kontrolle zu verlieren. Wobei das momentan sein letztes Problem war. Wie sollte er das nur wieder gerade biegen? Alles was ihm dazu einfiel, war eine Entschuldigung, die Brandon scheinbar nicht hören wollte.

Die Straßenlaternen waren verschwunden und nur noch die weit entfernten Lichter des Stadtteils Maspeth huschten an ihnen vorbei. Die Dunkelheit wurde nur durch das Abblend- und Fernlicht durchbrochen, zwischen denen Brandon hin und her wechselte.

So hatte er sich den Abend nicht vorgestellt. War ein ruhiges, gemeinsames Abendessen zu viel verlangt? Stattdessen eine Prügelei. Lächerlich. Und das nur, weil er sich nicht beherrschen konnte.
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