Wo das Herz wohnt

von Tatjana
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 Slash
02.09.2017
20.09.2017
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Hallöchen!

Diese kleine Geschichte ist für minokami, die mich zu ihr inspiriert hat. Gleichzeitig ist es eine „5+1“-Geschichte, wird also aus insgesamt aus sechs kurzen Kapiteln bestehen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Liebe Grüße,
Tatjana

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Wo das Herz wohnt

1. „Du bist wirklich ganz genau wie dein Vater …“

„Was willst du mit deiner Stärke anfangen? Willst du nur stärker werden um der Stärke willen? Willst du diese Stärke nur für dich selbst?“

Kurogane schluckte, als er an die Worte seines Vaters dachte. Sein Herz schlug unruhig in seiner Brust, es ratterte und rumpelte, sprang und stolperte, tanzte und taumelte. Ihm wurde so schwindelig wie damals, als er aus Versehen den Sake seines Vaters getrunken hatte. In seinem Kopf drehte sich alles, seine Stirn brannte, sein Körper zitterte – die ersten Anzeichen einer Krankheit.

Ich darf nicht krank werden, dachte er verzweifelt und rief sich die Antwort ins Gedächtnis, die er damals seinem Vater gegeben hatte: „Nein. Ich will Sowa und alle hier beschützen. Ich will dich und Mutter beschützen, damit ihr alle anderen beschützen könnt.“

Ich muss Mutter und Vater beschützen, dachte Kurogane. Deshalb darf ich nicht krank werden. Auf keinen Fall.

Denn seiner Mutter ging es mit jedem Tag schlechter. Sie bemühte sich zwar, es sich nicht anmerken zu lassen, doch Kurogane hätte blind sein müssen, um den schlechter werdenden Zustand seiner Mutter zu übersehen. Ihre Aufgabe als Miko forderte ihren Tribut; es war harte Arbeit, den Bannkreis um Sowa aufrechtzuerhalten. Kurogane wusste, dass sein Vater sich alle Mühe gab, die Monster aus ihrem Lehen fernzuhalten, damit seine Mutter sich auch mal eine Ruhepause gönnen konnte, doch die Monster waren zahlreich und mächtig. Am liebsten hätte Kurogane seinem Vater geholfen, doch in seinem jetzigen Zustand konnte er das natürlich nicht tun.

Jetzt bereute er es, vor wenigen Tagen im Regen den Umgang mit seinem Schwert geübt zu haben. Er war so voller brennender Entschlossenheit gewesen, seine alten Techniken zu üben und neue zu erlernen, dass er die Bedürfnisse seines Körpers vollkommen vernachlässigt hatte. Und nun zahlte er den Preis dafür.

Er lag auf seinem Futon, starrte auf die Decke und betrachtete die hölzernen Linien, die ihn an seine eigene unsaubere Schrift erinnerten. Der Anblick hatte etwas Hypnotisches; noch nie waren ihm die Muster auf dem Holz aufgefallen, die sich in seinen Gedanken zu Monstern und Dämonen formten. Monster und Dämonen, die sein Vater gerade besiegte.

Kurogane seufzte, stand auf und griff nach seinem Schwert und einem Holzeimer. Er beschloss, trotz seiner beginnenden Krankheit für seine Mutter ein paar Fische zu fangen, damit die Diener ihnen Oshizushi machen konnten, Kuroganes Lieblingsspeise. Der Fluss mit den Fischen war nicht allzu weit von seinem Zuhause entfernt, weshalb er hoffte, ohne Probleme dort anzukommen. Kurz überlegte er, seiner Mutter Bescheid zu sagen, dass er für eine halbe Stunde nicht da sein würde, doch er wollte sie nicht in ihren Gebeten stören, weshalb er stattdessen die Dienerschaft darüber unterrichtete.

Sobald er das Anwesen verließ, stürzten sich Sonnenstrahlen auf seine Haut und wärmten ihn von innen. Mit einem Lächeln im Gesicht ging Kurogane zum Fluss, sein Schwert in der Scheide und den Holzeimer in der Hand. Das gute Wetter hob seine Laune; er sah es als göttliches Zeichen für eine gute Zukunft.

Mutter wird wieder gesund werden. Sie muss wieder gesund werden. Koste es, was es wolle.

Und er würde seinen Teil dazu beitragen.

Nach einigen Minuten kam er an dem kleinen Fluss an, der sich zwischen zwei grünen Hügeln hindurchschlängelte und verheißungsvoll plätscherte. Es dauerte nicht lange, bis Kurogane ein paar Fische gefangen hatte; er war sehr geübt darin, die Koi mit der bloßen Hand zu fangen, sodass es nicht lange dauerte, bis er genug Fische für das Oshizushi hatte.

Wieder zu Hause angekommen, begrüßte er die Diener mit einem „Da bin ich wieder“, woraufhin sie ihn höflich mit einem „Willkommen zurück, Waka-sama!“ begrüßten. Er trat zu ihnen und zeigte ihnen die Fische im Holzeimer, die er gefangen hatte. „Würdet ihr daraus etwas Nahrhaftes und Kräftigendes kochen? Für meine Mutter?“

„Aber natürlich!“, lautete die Antwort. Kurogane nickte und ging in Richtung des Gebetszimmers seiner Mutter, doch die besorgten Stimmen der Diener hörte er immer noch. Sie unterhielten sich über den schlechter werdenden Zustand seiner Mutter. Kurogane spornte seine Schritte an und schob die Schiebetür zum Gebetszimmer seiner Mutter beiseite.

„Mutter …?“

Sie saß vor dem Altar, doch plötzlich taumelte sie und stürzte zu Boden. Kuroganes Augen weiteten sich entsetzt, dann rannte er zu ihr hin und schüttelte sie. Das Blut auf dem Boden, das seine Mutter ausgespuckt hatte, erschreckte ihn besonders.

„Mutter! Mutter!“

Er hob ihren Körper hoch und trug sie in das Schlafzimmer seiner Eltern, wo er sie sanft zudeckte und geduldig darauf wartete, dass sie erwachte. Er zündete für sie eine Kerze an, deren Flamme sich nach oben hin ausstreckte, als wollte sie unbedingt aus ihrem gläsernen Gefängnis entkommen.

Das erste, das seine Mutter sagte, als sie erwachte, war: „Tut mir leid.“ Sie sah ihn an. „Du hast mir sogar einen leckeren Fisch mitgebracht … und dann so etwas, nicht wahr?“

Kurogane schluckte. „Das macht doch nichts“, sagte er. „Ich habe die Mädchen gebeten, Oshizushi daraus zu machen; dann können wir ihn später noch essen.“

„Oshizushi magst du doch besonders gern, nicht wahr?“, fragte seine Mutter leise und senkte traurig den Blick. „Schade nur, dass ich es nicht selbst machen kann …“

„Das macht doch nichts!“, wiederholte Kurogane laut. „Hauptsache, du wirst wieder kräftig und gesund, Mutter!“

Sie sah ihn an, hob ihre linke Hand und legte sie an seine Wange.

„Mein lieber Junge.“ Ihre Stimme war leise, aber kräftig. Dann schloss sie ihn in die Arme und hauchte: „Du bist wirklich ganz genau wie dein Vater …“

Die erste Träne rann Kurogane über die Wange. Es war der Moment, in dem er realisierte, wie viel seine Mutter ihm tatsächlich bedeutete.

Bei ihr fühlte er sich zu Hause.

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Vielen Dank fürs Lesen!

Es war für mich sehr ungewohnt, aus Kuroganes Sicht zu schreiben, weshalb ich hoffe, dass es mir gelungen ist ^^“ Auf jeden Fall hat es mir Spaß gemacht!

Liebe Grüße,
Tatjana
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