Der König von Albion

OneshotAngst, Schmerz/Trost / P12
Logan
31.08.2017
31.08.2017
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Ein kleiner Oneshot zu meiner liebsten Figur aus der Fable-Reihe.

Diese Geschichte war hier auf FF.de schon einmal online. Allerdings hatte ich sie ursprünglich auf einem Zweitaccount hochgeladen. Da ich nachträglich keinen Sinn darin sah, meine Stories auf mehrere Accounts zu verteilen, habe ich sie schon vor längerer Zeit gelöscht und lade sie nun unter "richtigem" Namen erneut hoch.

Viel Spaß!


Der König von Albion


Logan kauerte in der Dunkelheit, die Arme schützend über den Kopf gelegt und am ganzen Körper zitternd. Um sich her fühlte er die Dunkelheit wie einen lebendigen Körper und er hörte das Lachen, jenes grässliche Lachen und die Schreie...

Logan schreckte hoch, sah sich suchend um. Dann begriff er, dass er allein war und sank in den Sessel zurück, sich fahrig übers Gesicht streichend. Auf seinen Knien lag ein aufgeschlagenes Buch, die Kerzen waren fast herunter gebrannt.
Draußen war es noch dunkel – es war erst kurz nach Mitternacht.
Logan lehnte sich erschöpft zurück. Er war müde – er war beinah ununterbrochen müde, seit er nach Albion zurückgekehrt war, doch er weigerte sich dennoch, sich zur Ruhe zu begeben, obgleich sein Körper um Ruhe bettelte.
Doch er fürchtete viel zu sehr die Albträume, die ihn plagten, wann immer er doch einschlief.
Er erhob sich, die Hände schwer auf die Armlehnen gestützt. Das Buch legte er beiseite.
Er fühlte sich schwach und fiebrig, als wäre er krank. Doch er wusste, dass es keine Krankheit war, die ihn in ihren Klauen gepackt hielt.
Es war die Angst.

Er öffnete die Augen, als er eine sanfte Stimme hörte, die seinen Namen sagte. Zuerst glaubte er, der Kriecher wolle ihn täuschen, wolle ihn in Sicherheit wiegen, doch er erkannte die Person vor ihm, ohne nachzudenken.

Er schritt hinüber zu dem Waschtisch, auf welchem die Diener ihm eine Schüssel mit Wasser bereitgestellt hatten. Er testete die Temperatur mit den Fingern. Das Wasser war kühl, doch es war eine angenehme Kälte. Zuerst schöpfte Logan mit beiden Händen Wasser aus der Schüssel und spritzte sie sich ins Gesicht. Als die gewünschte Wirkung nicht eintrat, ergriff er die Schüsselränder und tauchte seinen Kopf hinein.
Mehrere Sekunden verharrte er so, genoss die feinen Nadelstiche, die die Kälte auf seiner Haut verursachte. Dann tauchte er wieder auf, prustend und holte tief Luft.
Das Wasser half ihm, wieder wach zu werden und löste seine Gedanken, die bis dahin zäh und langsam wie Honig gewesen waren.
Er hob den Kopf und betrachtete sein Spiegelbild. Er war blass, tiefe Schatten lagen unter seinen Augen. Doch am meisten irritierten ihn seine Augen.
Auf seine Augen war Logan immer stolz gewesen, denn sie waren das einzige, das er von seinem Vater geerbt hatte, während Kaiden ein exaktes Ebenbild des alten Heldenkönigs darstellte. Wie oft hatte Logan ihn im Stillen darum beneidet.
Doch heute sah er nicht mehr die Augen seines Vaters aus seinem Gesicht scheinen. Heute sah er stumpfe, leere Augen, erfüllt von Furcht und Verzweiflung.
Seine Hände waren noch immer um den Rand der Schüssel gekrallt. Sein Blick war starr auf sein Spiegelbild gerichtet.
Was sollte er nur tun? Er hatte die Dunkelheit gesehen, hatte ihre zerstörerische Kraft am eigenen Leib gespürt. Dass er überhaupt mit dem Leben davon gekommen war, war einzig der perversen Gnade des Kriechers zu verdanken, der sein persönliches Vergnügen aus Logans Angst zog.
Seine Gedanken rasten, als er daran dachte, dass der Kriecher ihm Krieg prophezeit hatte. Und beim Gedanken, dass jene Kreatur Albion heimsuchen würde, schien der Raum um Logan dunkler zu werden.
Wie bekämpfte man Dunkelheit? Was sollte man tun, wenn die Finsternis selbst das Land mit ihrem Schatten überzog?
Wie besiegte man den Tod?


Theresa hob den Kopf, sodass er unter ihre Kapuze sehen und ihr Gesicht erkennen konnte. Ihre Augen waren stumpf und blind, doch auf ihren Lippen lag ein wissendes Lächeln. Sie sah ihn an, mit diesen Augen, die ihn eigentlich gar nicht erkennen dürften. Dennoch war Logan, als könne sie bis in seine Seele blicken.

Logan konnte sich noch gut daran erinnern, als er zum König gekrönt worden war. Kurz nach dem Tod seines Vaters hatte man ihm Krone und Zepter und damit auch de Verantwortung über Albions Schicksal überlassen. Nicht einmal die Trauer hatte den Stolz schmälern können, den er an jenem Tag verspürt hatte. Als er den Eid geschworen hatte, Albion zu schützen und zu dienen, war seine Stimme laut und deutlich gewesen.
Damals war er erpicht darauf gewesen, der ganzen Welt zu beweisen, dass er der Sohn seines Vaters war, ein ebenso guter König, wie er es gewesen war. Damals hätte er alles dafür gegeben, Albion zu dienen.
Seine Begeisterung war freilich bald erloschen, sein Elan gebremst worden. Unter alltäglichen Problemen und Entscheidungen war er nur allzu schnell abgestumpft, hatte seine Ideale aus den Augen verloren und der bitteren Realität ins Auge sehen müssen, dass ein guter Wille allein nicht ausreichte, um ein König zu sein.
Dennoch... jener junge Mann, der er einst gewesen war, jener enthusiastische Herrscher, der in den Augen seines Volkes unverwundbar erschienen war... jener Mann hätte sich dieser Bedrohung mit geschwellter Brust und hoch erhobenen Hauptes gestellt, ohne eine Spur von Angst oder Zweifel.
Jener Mann wäre ein König gewesen.

„Die Finsternis wird sich ausbreiten, mein König“, sprach sie leise, „und sie wird bis nach Albion reichen. Soldaten werden nicht ausreichen, sie zu besiegen. Womöglich wird nicht einmal ein König ausreichen.“

Logan vergrub das Gesicht in den Händen, die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt. Er war nicht mehr jener Mann, das wusste er nur zu gut. Zu viel hatte er gesehen und gefühlt, zu viele Träume waren ihm zerbrochen und zu viel, das er geliebt hatte, war gestorben, hatte jenen Mann langsam, Stück für Stück erlöschen lassen.
Heute, das war ihm klar, was er ein anderer, klügerer Mann.
Doch bedeutete das, dass er ein schlechterer König war?
Er hob den Blick, sah wieder in den Spiegel, als könne er dort die Antwort sehen.
Sein Vater hatte ihm nie selbst erzählt, wie er Lord Lucien besiegt hatte, doch Logan kannte die Geschichte trotzdem in- und auswendig. Als Kind hatte er sie geliebt und jedes Wort der Erzählungen war ihm bis heute im Gedächtnis geblieben.
Sein Vater war nicht zum König geboren worden. Er hatte auf der Straße gelebt, hatte gehungert und gefroren und seine Schwester an Luciens Wahnsinn verloren, als er noch ein Kind gewesen war.
Er hatte Jahre seines Lebens damit zugebracht, stärker zu werden, hatte Heldentaten vollbracht und sich, Luciens Mordgedanken zum Trotz, ein Leben aufgebaut.
Auch später hatte der alte Held unter Lucien zu leiden gehabt, hatte seine Familie an ihn verloren.
Doch nie hatte sein Vater aufgegeben. Nicht ein einziges Mal in all den Jahren, die er gegen Lucien gekämpft hatte. Nicht in den Jahren, die Logan ihn gekannt hatte.
Nichts hatte ihn davon abhalten können, Lucien zu vernichten und Albion zu retten.
Nicht einmal der Tod selbst.
Sein Vater war nicht als König geboren worden.
Sehr wohl jedoch als Held.


„Es wird einen Helden brauchen, um die Finsternis zu besiegen. Bedenkt dies, Logan.“

War es nicht das, was sein Vater ihn immer gelehrt hatte? Dass ebenjene Attribute einen König von einem Tyrannen unterschieden? Beinah war Logan, als könne er die Stimme seines Vaters hören.
„Ein König“, wiederholte Logan jene Worte, die er so oft gehört hatte, die sein Vater ihm immer wieder wiederholt hatte, „geht weiter. Selbst, wenn sein Weg vor ihm zu enden scheint.“
Er richtete sich auf. Eine seltsame Kraft durchflutete seinen Körper und seine Augen gewannen jenen Glanz zurück, auf den Logan stets so stolz gewesen war. Jenen Kampfgeist, den er von seinem Vater geerbt hatte.
„Ein König besiegt seine Zweifel, denn sie hindern ihn am Handeln. Ein König denkt an jene, die er zu schützen geschworen hat. Und wenn sie bedroht sind, so stellt er sich der Bedrohung entgegen, wenn es sein muss auch allein. Er kämpft, wo andere verzagen und fliehen. Und wenn andere alle Hoffnung fahren lassen, so bleibt er dennoch standhaft.“
Es ballte die Hände zu Fäusten. Entschlossenheit hielt ihn gepackt und zum ersten Mal seit Wochen fühlte er, wie ein schweres Gewicht von seinen Schultern genommen wurde.
Zum ersten Mal fühlte er sich wieder lebendig.
„Er macht sich auf, der Gefahr entgegen. Und wenn er nicht mehr kann...“
Er drehte sich um, ging mit großen Schritten zur Balkontür und riss sie auf. Er trat hinaus, bis ans Geländer. Von seinem Balkon aus hatte er einen hervorragenden Blick auf ganz Bowerstone, bis hinaus zum Bowertümpel. Das Land, jenes wunderschöne Land, das er so liebte, lag zu seinen Füßen.
Und er würde es beschützen.
Ein König war seinem Volk, was immer es benötigte. Und wenn er ein Held sein musste, um es zu retten, so würde er einer werden... oder beim Versuch sterben.
„Und wenn ich nicht mehr kann“, zitierte er die Worte, die er seinem Vater einst geschworen hatte, „nehme ich mein Schicksal dennoch an.“
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