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Alles muss klein beginnen...

von vestilia
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Het
Hermine Granger Severus Snape
30.08.2017
29.11.2021
74
172.380
104
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Dieses Kapitel
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25.11.2021 3.844
 
Ein erneutes Erwachen auf der Krankenstation, ziemlich genau ein Jahr nach dem ersten. Hermine spürte wie damals noch der Angst nach, die sie beim Eintritt ihrer Bewusstlosigkeit gefühlt hatte, während die viel größere Welle über sie hinwegrollte. Ganz offensichtlich war sie nicht tot, sie hatte auch keine Schmerzen, da war nur ein leichtes Summen hinter ihrer Stirn. Aber was war geschehen, während sie nichts von der Umwelt mitbekommen hatte?
Zumindest die Angst um das Schicksal einer Person wurde ihr unmittelbar genommen.
“Harry!“, stieß sie erleichtert aus, als sie den Freund an ihrem Bett sitzen sah. Sofort kämpfte sie sich in eine sitzende Position, was doch zu Schmerzen führte, zu ziemlich fiesen hinter der Stirn. Zudem wurde ihr entsetzlich schlecht. Sie ignorierte es und schlang die Arme um den Hals des Freundes, der ihr zum Glück ein ganzes Stück entgegenkam. Noch ein bisschen mehr Vornüberbeugen und sie würde sich übergeben, da war Hermine sich sicher.
“Wenn Poppy jetzt um die Ecke kommt, wirft sie mich raus. Leg dich wieder hin!“
Er sagte es überzeugend streng, strich ihr aber gleichzeitig über den Rücken. Sie nickte und nahm einen tiefen Atemzug um sich zu wappnen. Lieber hätte sie die Neuigkeiten gehört, ohne Harry ansehen zu müssen. Mit geschlossenen Augen, von ihm gehalten. Die Ungewissheit war grausam, selbst dieser kleine Moment. So viel Schmerzhaftes könnte nun zu hören sein.
Der Freund war aber eben ein ganz besonderer, wohl der beste, den man haben konnte, denn das Wichtigste sagte er, als Hermine noch versuchte, eine halbwegs bequeme Position in dem Bett zu finden.
“Severus und Ron geht es gut. Voldemort ist tot.“
Und dann erzählte er, was die Hexe verpasst hatte. Wie Ron mit sehr viel Einfallsreichtum wohl ihr Leben gerettet hatte, wie Voldemort geglaubt hatte zu gewinnen, nur um unmittelbar nachdem Harry scheinbar gestorben war, den letzten Horkrux zu verlieren und dann die Kontrolle über die ganze Situation.
Voldemort hatte versucht zu entkommen, aber die Zentauren und ein Teil der Ordensmitglieder hatten den Weg zum Verbotenen Wald abgeschnitten und aus Richtung des Portals waren unzählige Magier gekommen, Eltern der Schüler, Bewohner von Hogsmeade, die von einigen Elfen über den Angriff informiert worden waren und Ministeriumsmitarbeiter, die den Putsch als solchen erkannt und nicht hatten akzeptieren wollen. Die Nachricht vom Überfall auf die Schule musste sich definitiv wie ein Lauffeuer verbreitet haben.
Harry war mit Severus von Dobby nah an Voldemort heran gebracht worden. Die Angst, dass sie von den Todessern angegriffen werden würden, sobald sie den Umhang hatten fallen lassen, war unbegründet gewesen.
“Die ersten haben da schon versucht, abzuhauen. Vielleicht weil sie erkannt haben, dass weder Severus schmerzverzerrt in einer Ecke lag, so wie Voldemort es wohl immer behauptet hat, noch dass er mich hat töten können. Ein toller Verein sind die Todesser. Sie haben ganz schnell vergessen, dass sie doch eigentlich ein "höheres Ziel" verfolgen und wollten nur noch ihr Fell retten. Wir standen uns dann tatsächlich ein zweites mal gegenüber, Voldemort und ich, so wie Dumbledore es gesagt hatte. Alles war so, wie er es gesagt hat. Ich habe Voldemort noch gewarnt, dass der Elderstab ihm nicht gehorchen wird. Er hat trotzdem den Avada gewirkt. Das ist wortwörtlich nach hinten losgegangen. Es gibt eine Leiche, diesmal ist es wirklich zu Ende."
Hermine nickte. Das waren wirklich gute Nachrichten. Sie sah den Freund bewusst an, suchte einen Ausdruck von Traurigkeit in ihm. Es musste doch auch schlechte Nachrichten geben. Ein Todesserüberfall blieb doch nicht folgenlos. Aber da war nichts, außer Erleichterung. Und noch etwas, seine Narbe war fast nicht mehr zu erkennen. Er erzählte weiter.
"Draco hat die Seiten gewechselt, das hat wohl Professor McGonagall das Leben gerettet. Spannend war es, zu beobachten, wie Moody Todesser jagt. Er ist wirklich mächtig, aber anders als Severus, irgendwie eher wie eine Dampfwalze. Ein paar Leute leisten dir hier noch Gesellschaft. Professor McGonagall hat ganz schön was abgekriegt, irgendwer hat den Sectusempra an ihr versucht. Professor Flittwick liegt im Koma, Poppy weiß noch nicht genau, was ihn getroffen hat, er lag bewusstlos vor Dumbledores Büro. Richtig schlecht geht es Bill. Er liegt zwei Paravents weiter. Greyback war nur sehr kurz bewusstlos, nachdem ihr ihn geschockt hattet. Er ist abgehauen und hat Bill draußen auf dem Schlossgelände angefallen, als der ihn von der Flucht abhalten wollte. Er hat verdammt viel Blut verloren und ist noch nicht wieder aufgewacht. Es weiß noch niemand, ob ihn das jetzt zum Werwolf macht, aber die Wunde heilt sehr langsam, magisch heilen funktioniert nicht. Sein Gesicht und sein Hals sehen übel aus. Molly hat schon geglaubt, Fleur würde die Hochzeit absagen. Was sie dummerweise auch gesagt hat. Fleur kann sehr laut werden, das weiß jetzt wohl das ganze Schloss."
Ein ungläubiges Kopfschütteln war alles was sie zeigte, zu einer größeren Reaktion war Hermine nicht fähig. Das war doch unglaublich!
"Sirius hat verdammt viel Glück gehabt, zweimal! Remus hat sich kurzzeitig von Tonks getrennt, sie war unglaublich mutig. Er war der Meinung ausgesprochen leichtsinnig und kam eher als eigentlich abgesprochen aus seinem Versteck. Dank ihm wurde sie letztlich nicht von Rowle und Yaxley überwältigt. Es hat sich wieder eingerenkt zwischen den beiden."
Hermine schüttelte erneut den Kopf und flüsterte nun: "Wie ist das möglich? Das sind skrupellose Mörder..."
Harry zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß es nicht. Kingsley hält es für ein Wunder. Moody sagt, die Todesser waren durch die Haft noch geschwächt und wir eindeutig in der Überzahl. Das stimmt schon, hier war echt die Hölle los, aber zuerst ja nicht. Und es wurde ordentlich unverzeihlich geflucht, aber kein Avada hat gewirkt. Ich bin eher bei Kingsley… Es ist ein krasses Wunder!"
Einen Moment schwiegen sie beide. Es war eigentlich unfassbar. Seit Wochen schien das Glück auf ihrer Seite zu sein und das war nun wirklich der absolute Gipfel. Hatte ihnen jemand großzügig Felix Felicis in die Kelche gemischt und zeitgleich die Todesser verdammt? Der Ausgang dieser Geschichte war ein unfassbares Geschenk. Aber von wem?
"Ich bin so froh, dass Ginny nichts passiert ist. Und allen anderen Schülern. Du und Ron, ihr wart so mutig-“ Da fiel sie ihm ins Wort.
“Ron und ich waren wahnsinnig! Harry, nachdem was du mir erzählt hast… Kannst du dir vorstellen, was die Todesser mit mir gemacht hätten, wenn Ron nicht so clever gewesen wäre? Und ich war schlecht! Nichts mit außergewöhnliche Fähigkeiten, der erste Fluch, der mich getroffen hat, hat mich außer Gefecht gesetzt."
Der Freund nahm einen tiefen Atemzug.
"Severus hat es Ron gestern erklärt und aufgrund der Lautstärke - nennen wir es Schreien - war es nicht zu überhören. Aber genau das nennt man Mut! Und dich haben wohl drei Flüche getroffen, nahezu gleichzeitig. Dein Schildzauber war unglaublich gut!"
Mit einigem Stolz in der Stimme ergänzte er: "So viele waren auf die wahnsinnige Art mutig. Es sind nicht alle im Gemeinschaftsraum geblieben. Neville hat zum Beispiel Nott senior an der Flucht gehindert und ihn quasi festgenommen."
Hermines Augen begannen zu brennen, kurz musste sie sie geschlossen halten, so müde war sie mit einem Mal. Harry sah es ihr offensichtlich deutlich an.
"Du hast eine Gehirnerschütterung und dich hat der gleiche Fluch wie letztes Jahr in der Mysteriumsabteilung getroffen. Ruh dich noch etwas aus."
Sie schüttelte den Kopf.
"Ich will nicht schlafen. Wie lange liege ich schon hier? Und was ist mit den Todessern? Sind viele auf der Flucht?"
Ein Seufzen war zunächst die Antwort, dann: "Zwei Tage warst du bewusstlos. Das mit den Todessern ist eine Frage der Definition. Von denen, die mit Voldemort hier aufgetaucht sind, sind nur sehr wenige entkommen. Vier, um genau zu sein. Sie werden gesucht. Schwieriger wird es, die Verschwörer zu finden. Umbridge sitzt schon mal in Askaban, aber es wird viele wie sie geben. Severus ist ständig bei Kingsley und berät das weitere Vorgehen mit ihm. Der angebliche Mörder des vorherigen Zaubereiministers ist jetzt übrigens der neue, zumindest vorübergehend. Und um dich vollends auf den neuesten Stand zu bringen, der ein oder andere hat gesehen, wie verzweifelt Severus auf deinen scheinbaren Tod reagiert hat. Und wie erleichtert, als er gemerkt hat, dass du noch lebst. Ron war entsetzt, hat aber die Klappe gehalten. Tonks eher nicht so. Es könnte sein, dass im Orden ein Gerücht kursiert. Es könnte auch sein, dass du gefühlt auf einmal ziemlich viele große Brüder hast."
Es half nichts, sie wollte nicht schlafen, jetzt noch viel weniger. Aber es geschah trotzdem. Sie hörte Harry noch reden, verstand die Worte aber nicht mehr. Dann war sie weg.
Beim nächsten Erwachen und Augenöffnen saß Severus auf dem Stuhl neben ihrem Bett. Ihr Herz begann sofort schneller zu schlagen. Es war wohl das Rascheln des Tagespropheten, in dem er las, das sie geweckt hatte. Die Kerzen auf dem Nachtisch verdeutlichten ihr, dass erneut einige Stunden vergangen sein mussten. Der Rest der Krankenstation lag in Dunkelheit.
Die gute Nachricht war, dass das Summen aus ihrem Kopf verschwunden war. Auch als sie sich versuchsweise aufrappelte, setzte kein erneuter Schmerz ein.
“Ah, die unfähige Kämpferin ist wach."
Gerüchtswirksame Erleichterung um ihr Überleben hatte sie sich irgendwie anders vorgestellt. Der Mann, der nun die Zeitung zusammenfaltete, sah sie gerade eher so an, als würde er ihr beim Sprung über die Klinge helfen wollen.
"Und ich dachte, Weasley wäre in Sachen Kopflosigkeit das größte Risiko-"
Sie fiel ihm ins Wort.
"OK, ich habe komplett versagt, ob du es glaubst oder nicht, das habe ich auch schon verstanden!", fauchte sie, nur um gleich darauf festzustellen, dass das nicht stimmte. Sie hatte versagt, aus unüberlegtem Leichtsinn heraus. Ron hatte so getan als wäre sie tot, damit sie eben nicht Opfer von drei Todessern wurde, von Folter oder was auch immer sonst noch.
Und Severus hatte es gesehen. Er hatte geglaubt sie wäre gestorben. Schon die Vorstellung einer umgekehrten Situation schmerzte. Er war für andere sichtbar verzweifelt gewesen, aufgrund ihrer Dummheit. Und verflucht, es hätte doch genauso sein können. Sie könnte jetzt tatsächlich sehr tot sein. Jetzt begriff sie es. Da schossen ihr Tränen in die Augen und sie schluckte angestrengt gegen den Kloß an, der sich in ihrem Hals bildete.
Sie sah, dass Severus einen tiefen Atemzug tat und dann sagte er sehr viel leiser als zuvor: “Ich habe dich sterben sehen, Hermine."

Mit jedem mal, dass er die Szene vor sich gesehen hatte, war das Entsetzen darüber gewachsen. Severus hatte sie sterben sehen und es hatte unfassbar geschmerzt. Die Vorstellung, dass es genauso gut hätte Realität sein können, tat es noch immer.
Und wenn Weasley nun nicht in die Trickkiste gegriffen hätte? Der Gedanke hatte ihn beängstigt. Dumbledore hätte Recht behalten. Wäre Weasley nicht so kreativ gewesen, Severus hätte Nagini Horkrux sein lassen und hätte alles getan um Hermine zu schützen. Alles.
Was nützte es ihm nun, dass er es nicht für eine günstige Fügung hielt, dass er ihr so nah hatte kommen können? Was nützte das Bewusstsein, dass es nicht gut sein konnte, wenn die Erkenntnisse eine sehr deutliche Sprache sprachen?
Das war kein Nutzen einer sich bietenden Gelegenheit gewesen, nicht das Küssen des erstbesten weiblichen Wesens in seiner Nähe. Er empfand sehr viel für diese Hexe. Und es verängstigte ihn. Immer wieder ihr Alter ja, aber er hatte noch etwas erkannt, zwischen dem Todesser Nachjagen, das seiner Lethargie irgendwann gefolgt war, den ersten Zeugenaussagen und den Strategiegesprächen mit dem Interimsminister.
Severus hatte vor allem kein Leben. Die Tatsache, dass er nicht auf ein Danach hatte hoffen können, hatte offensichtlich nicht an bisher verborgenen, hellseherischen Fähigkeiten gelegen, sondern viel eher daran, dass er keine Ahnung hatte, wie er nun, da alles vorbei war, leben sollte. Er hatte keine Arbeit, kein wirkliches zu Hause und jenseits einer fragilen Bindung zu Remus Lupin nichts, was man annähernd als Freunde bezeichnen konnte. Vor allem hatte er aber keine Idee, was er zukünftig machen wollte.
Mit seiner neugewonnenen Erkenntnis um seine Gefühlslage ergab sich eine geradezu ungesunde Mischung. Hermine war das einzige, was er klar vor sich sah. Wie gut konnte es für eine 17jährige sein, zum Fixstern eines Mannes zu werden, der mehr als doppelt so alt war wie sie und trotzdem im Leben bis dato nicht allzuviel hinbekommen hatte? Und wie erfolgsversprechend wäre eine solche Verbindung? Was er bis vor drei Tagen noch boshaft spöttisch von sich gewiesen hätte, war nun nämlich ein sehr klarer Gedanke in ihm.
Severus wollte eine echte Chance auf mehr als die Mitnahme von allem, was sie ihm vielleicht bieten würde. 'Dafür musste sie nur scheinbar sterben, du Blitzmerker', dachte er boshaft.
Auf der anderen Seite wollte er alte Fehler unbedingt vermeiden. Es hatte schon einmal einen Menschen in seinem Leben gegeben, der ihm irgendwann alles bedeutet hatte. Eine sehr ungesunde Fixierung war das gewesen und, er machte sich nichts vor, es war auch so gekommen, weil sein Leben sonst eben nicht viel zu bieten gehabt hatte. Bücher ersetzten keine Menschen. Und schwurbelige Rachephantasien keine Vision der eigenen Zukunft. Er war ein Nichts gewesen, weil es in seinem Leben nichts gegeben hatte, nichts Gutes zumindest. Außer Lily Potter. Und dann eben die Hilfe für ihren Sohn.
Er sah Hermine weinen und es rührte ihn auf eine nie dagewesene Art. Verfluchter Dumbledore, mit allem hatte er Recht. Oder eben auch nicht. Severus würde sie nicht verderben, er würde ihr nicht die Verantwortung für seine verkrachte Existenz aufbürden.
"Halten wir also fest, beim nächsten Krieg um die magische Zukunft guckst du doch lieber vom Spielfeldrand zu."
Er lehnte sich auf seinem Stuhl weit zur Seite und schaute hinter sich, an dem Paravent, der ein lächerlich winziges Stück Privatsphäre schuf, vorbei in die Dunkelheit. Von Poppy war nichts zu sehen, mit Sicherheit schlief sie längst auf der kleinen Pritsche in ihrem Büro. Vermutlich schlief die ganze Krankenstation. Bevor er mit seinem Stuhl näher an das Bett heranrückte und Hermines Hand in seine nahm, wirkte er dennoch einen Muffliato.
Einhändig wischte sich die Hexe die Tränen aus dem Gesicht und flüsterte dann: “Es tut mir leid", was er nur abnickte.
Dann nahm er einen tiefen Atemzug und sprach die Worte, die er sich grob in den letzten zwei Tagen und sehr viel konkreter in der letzten halben Stunde zurechtgelegt hatte.
"Ich muss morgen früh gleich wieder nach London. Dort werden Erinnerungen, die ich in den letzten zwei Tagen in Denkarien gelegt habe, besprochen und als Beweis für die kommenden Prozesse von mir beeidet. Und dann werde ich erstmal verschwinden.“
Ihre Miene zeigte keine Reaktion. Er fuhr zögernd fort.
"Ich habe ein paar Dinge zu erledigen, die letzten 20 Jahre in Fremdbestimmung ist einiges liegen geblieben."
Zumindest mit einer Nachfrage von ihr hatte er gerechnet. Severus wollte ihr versprechen, dass er wiederkommen würde, aber nur auf ihre Frage hin. Andernfalls hätte er das Gefühl, etwas zu sagen, was sie nicht hören wollte, ein Versprechen zu geben, dass ihr nichts bedeutete. Es kam dummerweise nur kein Einwand.
"Und ich hatte schon befürchtet, meine Abreise würde dich beunruhigen oder verstimmen", sagte er mit sicher hörbarer Verärgerung in der Stimme. Sie war es gewesen, die in Blacks Haus davon gesprochen hatte, was sie sich wünschen würde. Sie war es, die zugegeben hatte, alles forciert zu haben. Dafür schien sie seinen Abschied sehr entspannt aufzunehmen.
Nun nahm Hermine einen tiefen Atemzug. Sie setzte sich gerade auf, befand sich damit auf Augenhöhe, als sie antwortete. Kaum weniger verärgert als er.
"Ich bin einfach nicht überrascht. Überlegen wir mal kurz, der Krieg ist zu Ende, die Fremdbestimmung auch und dir fällt ein, dass du am besten erstmal abhaust. Meine Idealvorstellung ist eine andere, ja. Ich habe tatsächlich gehofft, ich würde wenigstens ein paar Tage mit dir bekommen. Aber warum sollte mich überraschen, was auf der Hand liegt. Du findest falsch, was passiert ist, das war hin und wieder sehr deutlich zu erkennen. Dass andere auch noch sehen konnten, dass du ein Mensch bist, macht einen Rückzug sicher nochmal interessanter. Und jetzt kannst du eben ganz weg. Und ich kann dir nicht mal hinterher laufen."
Er machte sich die Mühe und hörte auf ihre hörbar enttäuschten Worte noch einmal in sich hinein.
Fand er es furchtbar, dass über ihn geredet wurde? Natürlich, das Tuscheln hinter seinem Rücken nervte ihn. Wäre es auch eine Flucht davor? Absolut! Er wollte sich nicht den Fragen und zweifelnden Blicken stellen. Zumal jede Kritik angebracht wäre. Aber das war nicht der Hauptgrund.
Viel wichtiger an Hermines Worten waren aber die geäußerten Zweifel. Die Hauptgründe lagen anders, das war kein Rückzug aus der Überforderung heraus, diesmal nicht. Oder zumindest anders als bisher. Er ging nicht, weil er glaubte, er könnte auch sehr gut ohne sie sein. Er ging nur vorerst und das mit besten Absichten.
Severus neigte sich ihr die letzten Zentimeter, die sie trennten entgegen und küsste sie. Alles was er empfand legte er in den Kuss, die Hände behielt er aber bei sich. Er hoffte, dass sie auch den letzten Aspekt verstand. Das Begehren in ihm war moralisch mindestens anrüchig. Sie war eben erst 17. Und wenn das auch nach magischem Gesetz Volljährigkeit bedeutete und wenn sie in weniger als einem halben Jahr auch für Muggle rechtlich erwachsen wäre, sie war es nicht. Zumindest nicht so sehr, dass er sich in den nächsten Wochen an sie Ketten sollte. Er war tatsächlich sehr verliebt in sie, noch einmal viel bewusster wurde es ihm. Vor allem weil sie so wunderbar auf seine Annäherung reagierte, so perfekt, so einvernehmlich. Ihrer Enttäuschung und seiner unmöglichen Art zum Trotz.
Erst nach einer kleinen Ewigkeit löste er sich von ihr und sagte gepresst: "Ich will einmal im Leben nicht im Nachhinein etwas korrigieren müssen. Ich will einmal alles richtig machen. Sieh es als Zeichen meiner absoluten Wertschätzung, dass ich mein Inneres für dich nach außen stülpe. Es wäre nicht richtig, wenn ich so tun würde, als wäre ich ein normal gesunder Mensch. Es wäre viel weniger richtig, wenn das spätestens im Sommer dazu führen würde, dass dein Bademantel eben nicht zu bleibt-“
Sie tat ihm den Gefallen und schnaubte annähernd amüsiert über die Andeutung. Tatsächlich hätte er sich aber sowohl mit den Worten entjungfern als auch Sex unwohl gefühlt. Er wäre auch gern sehr viel unverklemmter ihr gegenüber. Vor allem hätte er gern das Gefühl, wenn er schon so viel älter war als sie, dass er zumindest über etwas mehr Lebenserfahrung verfügte. Jenseits der magischen Schule, die er bis auf die drei Jahre Ausbildung zum Tränkemeister defacto nie verlassen hatte, gab es da bisher nicht viel. Und eine gesunde Selbstwahrnehmung zu haben, wäre sicher auch von Vorteil. Er wollte es richtig machen. Der Stimme in seinem Kopf, die giftig flüsterte, dass sich diese Wünsche kaum in drei oder vier Monaten erfüllen würden und es sehr vermessen war, anzunehmen, Hermine würde länger auf ihn warten, befahl er zu schweigen. In diesem Moment war er berauscht und gutmütig genug, um zu behaupten, dass es im Zweifel auch richtig wäre, wenn sie in der Zwischenzeit jemanden anders fand. Ein Gedanke den er sogleich aufgriff.
"Bisher habe ich in meinen Leben nicht allzu viel vorzuweisen, wenn du nicht gerade einen weiteren Vortrag über Trankzutaten hören willst oder ich einen Schlag aus meiner Jugend als überzeugter Todesser erzählen soll, bin ich ein wirklich schlechter Unterhalter. Ich will reisen, die Welt sehen, es gibt so viele Dinge, die ich früher einmal tun wollte und aus denen nie etwas geworden ist.“
Damit stieß er mit dem Seelenstriptease an seine Grenze. Sehr spät, er hatte weit mehr gesagt, als er vorher für möglich gehalten hätte. Abschließend nahm er einen tiefen Atemzug.
“Ich werde für Post nicht erreichbar sein und ich werde dir nicht schreiben. Vielleicht siehst du in ein paar Wochen schon alles ganz anders und bist mir dankbar, dass ich gegangen bin. Aber ich verspreche dir, das für mich alles anders ist als bisher, du musst mit nicht nachlaufen, ich komme wieder. Ich habe dich sterben sehen, Hermine!"
Sie schwieg einige Sekunden und musterte ihn. Dann sah sie auf seine Hand, die noch immer ihre hielt und nickte.
"Okay."
Mehr nicht. Und es wurde ihm bewusst, was es von Anfang an gewesen war, was sie zu etwas Besonderem für ihn machte. Irgendwie hatte sie immer das richtige gesagt, angepasst an die jeweilige Situation mal mit sehr vielen und mal mit wenigen Worten. Diesmal nur mit einem. Sie forderte keine weitere Beteuerung von ihm, sie versprach nichts. So konnte er tatsächlich hoffen, dass sie absolut verstanden hatte, was in ihm vorging. Sie gab sich sogar Mühe nicht zu weinen, oder besser, ihn das nicht sehen zu lassen. Er wollte es richtig machen, er wollte eine wirkliche Chance auf was auch immer.
Er küsste sie noch einmal, nur kurz. Er wollte es hinter sich bringen, gehen, denn das war richtig, doch sie drückte seine Hand etwas fester und fragte nach einem tiefen Atemzug leise: "Erzählst du mir noch was? Irgendwas?"
Wenn sie sich vorgenommen hatte, es ihm auf eine unauffällige, scheinbar rücksichtsvolle Art sehr schwer zu machen, dann konnte man ihr zum Erfolg nur gratulieren. Er schluckte, nickte, obwohl sie es nicht sah.
Als er sich wieder auf dem Stuhl zurücklehnte, legte Hermine sich wieder hin. Wieder wischte sie sich mit der linken Hand notdürftig das Gesicht trocken, die Augen hielt sie geschlossen. Dann zwang sie ihren Atem mit einigen sehr tiefen Atemzügen zur Ruhe. Er fing einfach an zu erzählen, von dem was nahe lag.
“In Griechenland gibt es eine Region, in der ungewöhnlich viele magische Zutaten wachsen, in einer Vielfalt, wie sie sonst wohl nirgendwo auf der Welt zu finden ist..."
Dort wollte er hin, zum Berg Athos. Vor einigen Jahren hatte er fachlich mit einem dort ansässigen Tränkemeister korrespondiert. Als Auftakt für eine Reise wo auch immer hin, taugte das sehr gut. Kingsley hatte ihm widerwillig einen Portschlüssel in Richtung Athen zugesagt, es gefiel ihm nicht, dass Severus nicht versichern wollte, pünktlich zum Beginn der Todesserprozesse zurück zu sein. Viel weniger gefiel ihm, dass er praktisch nicht erreichbar wäre. Severus selbst gefiel genau das. Bürokratie stand gerade nicht weit oben auf seiner Prioritätenliste und er würde nicht auf etwas warten, was womöglich noch Jahre in der Zukunft lag. Zudem war die Beweislage gegen sehr viele Magier eindeutig. Und es galt nun für diverse von denen, möglichst das eigene Fell zu retten. Mit Sicherheit waren die Krähen in diesem Fall schon sehr eifrig beim gegenseitigen Augenaushacken.
Und für Notfälle erreichbar wäre er erreichbar, dass würde er dem Minister nur nicht auf die Nase binden. Dobby würde er jeweils über seinen aktuellen Standort informieren. Bei aller Reiselust, Severus sah sich nicht als Mann, der mit einem Rucksack in den Urwald zog. Ein bisschen Zivilisation sollte es im Sinne der Bildung schon sein. Und ein Mindestmaß an Kontinuität auch.
Hermine schlief sehr schnell ein, was deutlich machte, wie geschwächt sie noch immer war. Oder aber wie dringend er sich tatsächlich um besser Themen zur Konversation bemühen sollte. Sobald ihr Atem tief und gleichmäßig war, schlich er sich davon.

Das ist noch nicht das Ende.
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