Nachbeben

OneshotDrama / P12
Falcon / Samuel "Sam" Wilson Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
29.08.2017
29.08.2017
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1894
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Nachbeben


„Wir sollten nicht versuchen, uns die Masken vom Gesicht zu reißen; manche Maske wird nur aus Rücksicht auf andere getragen.“
- Ernst R. Hauschka (1926 – 2012)

Er war es gewohnt, dass es in großen Städten etwas lauter werden konnte. Nichts Neues für ihn. Und dennoch war es beunruhigend. Irgendwie war es zu hektisch, zu laut, zu viele Menschen.
Er wäre lieber in einem Land, in dem kein Stein mehr auf dem anderen stand. So ungern er sich das selbst auch eingestand. Er war es gewohnt, dass Krieg um ihn herum tobte. Dass Menschen starben und dass geschossen wurde.
Es gab Regeln in dieser Stadt, aber die waren auch nur formuliert worden, damit niemand behaupten könnte, es gäbe keine.
Dieser Ort war fürchterlich.
Und doch war er hier. Im Grunde nur, weil er jemandem einen Gefallen tat. Er tat Steve einen Gefallen und wer konnte da schon nein sagen? Er jedenfalls nicht, nicht in diesem Falle.
Hier ging es darum einen Mann zu finden, dessen Fähigkeiten jegliches Maß überstiegen. Jedes Maß an Durchschnitt, jedes Maß an Rücksicht, jedes Maß an Überwindbarkeit. Er war nicht zu kriegen.
Egal wie sehr man sich bemühte und wie sehr man nach ihm suchte und sich anstrengte. Jedes Mal, wenn Sam eine Spur von ihm entdeckte, war sie schon kalt gewesen, bevor er sie überhaupt zu Gesicht bekommen hatte.
Sobald der Soldat im Schatten einen Schritt tat, war dieser schon nicht mehr aktuell. Es war zum Verzweifeln. Sam hasste diese Aufgabe allmählich immer mehr, denn er kam nie zu einem Ergebnis.
Er könnte ihm bis in die entlegensten Winkel der Antarktis folgen, selbst dort würde er ihn nicht sehen können.
Er verschmolz einfach mit seiner Umgebung, hatte Sam manchmal den Eindruck.
Selbst mit einer schwarzen Uniform auf weißem Untergrund war er nicht zu sehen und das raubte ihm den Verstand.
Wie konnte das überhaupt möglich sein?
Was trieb diesen Mann?
Konnte er sich überhaupt an etwas erinnern, oder lief er davon, gerade weil er sich erinnern konnte?
In beiden Fällen könnte Sam seine Entscheidung zu laufen nachvollziehen. Er wäre auch gelaufen. So schnell, wie es nur irgend ging. Das konnte er ihm nicht übel nehmen, egal wie oft er es drehte und wendete.
Dieser Mann musste zusehen, dass er von der Bildfläche verschwand, sonst hatte er einen medienpräsenten Prozess am Hals und den Hass der Welt auf sich gerichtet. Ungefiltert.
Was die Presse mit ihm machen würde, wollte sich Sam gar nicht ausmalen...
Wenn schon die Avengers nicht immer gut dastanden, dann würde ein Auftragskiller, der im Dienste Hydras gestanden hatte, in der Luft zerpflückt werden. Seine Reste würde Steve dann wieder zusammenzukehren versuchen und es wäre nur noch eine einzige Katastrophe.
Sams Gedanken rauschten im selben Tempo durch seinen Kopf, in dem auch die Autos an ihm vorbeirasten. Er musste vorsichtig sein, sonst käme er hier noch unter die Räder. Vermutlich würde er identifiziert werden und dann hieße es, dass die Avengers unerlaubte Spionage betrieben.
Er sah die Schlagzeilen beinahe bildlich vor sich und konnte doch nicht zur Gänze unterdrücken, dass ihm die Mundwinkel ein wenig in die Höhe zuckten. Die Vorstellung wäre glatt zum Lachen gewesen, wäre sie nicht so bitter realistisch.
Innerlich rief er sich zur Ordnung, denn er käme ja doch nicht weit, wenn er bloß seinen Gedanken nachhing und die Zeit in der überfüllten Innenstadt verplemperte. Wien war unruhiger als er gedacht hatte, aber das war normal in einer großen Stadt.
Vor allem einer so geschichtsträchtigen Stadt.
Sam fühlte beinahe die historischen Begebenheiten auf sich niederprasseln, aber er konzentrierte sich so gut er konnte, um nicht der Reizüberflutung zu erliegen. Europa war etwas völlig anderes als die Staaten.
Nicht ruhiger, auch nicht übersichtlicher, obwohl es so viel kleiner war. Alles fühlte sich klein an in dieser Stadt. Irgendwie niedlich, wie ein Puppenhaus.
Ein Puppenhaus voller lebendiger Menschen, mit denen er spielen könnte, wenn er nur wollte. Sie waren allesamt Spielzeug, er eingeschlossen. Puppen, die umhergeschoben wurden, um das Gefüge der Welt neu zu bestimmen.
Und der Soldat versuchte sich dieser schiebenden Hand zu entziehen. Er versuchte sich vor ihr zu verstecken und unentdeckt eigene Entscheidungen zu treffen. Schlechte Idee, wie Sam fand, denn niemand konnte unsichtbar bleiben.
Zumindest nicht für immer.
Für eine kurze Zeit, so wie jetzt? Vielleicht.
Aber pausenlos erfolgreich? Niemals.
Immerhin hinterließ er Spuren, denen Sam folgen konnte, sonst wäre er ja nicht hier. Sonst liefe er immer noch pausenlos durch die Staaten und sähe sich dort unter jedem verfluchten Kieselstein nach dem Winter Soldier um.
Sam überquerte die Straße und blickte sich in beide Richtungen um. Der Verkehr wurde immer dünner und die Menschen weniger. Er hatte das Stadtzentrum hinter sich gelassen und lief gerade über eine Straße, die etwas heruntergekommen aussah.
Graffiti an der Wand und versteckte Menschen in den Gassen. Außerdem schmutzige Fenster und Hausfassaden. Genau wie in New York oder Washington, gab es hier auch so etwas wie die schlechtere Gegend.
Die Gegend, in die er nie hatte gehen dürfen, selbst wenn die Durchquerung den Schulweg noch so maßgeblich verkürzt hätte.
Er fragte sich manchmal, ob es genau dieses Verbot war, das ihn dazu veranlasst hatte, sich beim Militär zu verpflichten und ins gefährliche Ausland zu gehen. Eine unbewusste Rückzahlung der Strapazen, die ihm seine Mutter 'aufgehalst' hatte.
Sam hielt sich mit einem Mal für einen Idioten. Es war dieser bloße Gedanke, der ihn den Kopf über sich selbst schütteln ließ.
Wieder hatte er das dringende Bedürfnis breit zu grinsen, aber er hielt sich wohlweislich zurück. Er musste in dieser fremden Stadt nicht auch noch auffallen, wo er doch sowieso schon angestarrt wurde.
Es lag mit Sicherheit an seiner Hautfarbe, auch wenn er den Menschen hier keine rassistischen Neigungen unterstellte. Es war ihm selbst auch schon aufgefallen, dass in diesem Land – so wie in den meisten europäischen Ländern – kaum Menschen zu sehen waren, die die Hautfarbe mit ihm teilten.
Irgendwie war er deshalb überrascht, aber andererseits konnte er sich darüber auch nicht wirklich wundern. Er hatte nämlich eigentlich keine Zeit dafür, weshalb ihn seine Schritte immer weiter durch das Viertel trugen, bis er schließlich an einer Baustelle vorbeikam.
Das Haus ragte schon mehrere Meter in die Höhe und es befand sich noch im Trockenbau. Löcher für Fenster waren schon zu erkennen und er glaubte, dass es schon knapp zwei Etagen sein mussten, die dort hochgezogen worden waren.
Kurz hielt er inne und sah sich das Gelände und die Bauarbeiter einen Moment länger an. Sie riefen sich Dinge zu, die er wegen der Sprache nicht verstand. Dann wiederum reichten sie sich Materialien, die er ebenfalls nur raten konnte.
Er hatte keine Ahnung, wie ein Haus gebaut wurde und hier befand er sich bei einem Skelett, das die innerste Struktur des Hauses verriet. Es war, als würde er sich ein Röntgenbild ansehen oder wenigstens etwas Vergleichbares.
Interessiert näherte er sich der Baustelle und bemerkte, dass noch weitere ältere Herrschaften an den Bauzaun herangetreten waren, um sich das Spektakel in aller Ruhe anzusehen. Sie wirkten lebhaft und ganz und gar nicht alt und gebrechlich.
Obwohl einer von ihnen sogar mit Gehstock da stand, diesen sogar ganz offensichtlich brauchte und nicht bloß als Accessoire herumschleppte.
Sam reihte sich zwischen sie ein und richtete seinen Blick stur auf die Baustelle, die geschäftig wie ein Bienenstock immer und immer wieder Geräusche ausstieß und sie etwas leiser zu den Zuschauern herantrug.
Nach mehreren Minuten löste Sam sich von dem Anblick und entsann sich seiner Aufgabe, wegen der er doch eigentlich hierher gekommen war.
Sein Tag wäre nicht vorbei, solange er nicht den Spuren nachgegangen war. Diese waren zwar in Anbetracht der schieren Größe der Stadt ziemlich dürftig, aber er würde nicht aufgeben oder sich ablenken lassen.
Zumindest nicht mehr als nötig.
Die Baustelle war ein netter Anblick gewesen und er hatte gerne dabei zugesehen, wie etwas Neues entstand. Wenngleich er nicht beteiligt war.
Er nickte den Alten zum Abschied zu, was sie schweigend erwiderten, und bewegte sich weiter durch Wiens vergessene Ecken und Gassen. Die Touristen hielten sich hier nicht auf und das war in Sams Augen einfach nur eine Wohltat.
Dennoch wurde er an diesem Tag nicht fündig.

Was Sam allerdings nicht bemerkt hatte, war der schweigsame Mann, der auf der Baustelle ein kleines Geld verdiente, indem er schwere Gegenstände und Betonsäcke durch die Gegend trug, wenn man es ihm sagte.
Dieser Mann hatte jedoch Sam bemerkt und sich an ihn erinnert, weshalb er sich hinter einer der hochgezogenen Häuserwände versteckt gehalten hatte, um ihn aus dem Hinterhalt zu beobachten. Es war keine Boshaftigkeit in seinem Blick und auch keine Abneigung.
Höchstens die unbändige Angst gefunden zu werden, denn diese Welt war nun gegen ihn. Sie war kein Platz mehr, in dem er sich unbemerkt bewegen konnte, deshalb hatte er die Flucht ergriffen und versucht keinerlei Spuren zu hinterlassen.
Dies schien ihm nicht gelungen zu sein, denn es war schon das zweite Mal, dass ihn Steves Verbündeter irgendwo aufspürte, doch ohne ihn zu bemerken.
Es war wohl wieder an der Zeit, eine neue Unterkunft zu suchen. Wien war nicht mehr sicher für ihn.

Anmerkung: Hier ein Text über eine Andeutung aus „Age of Ultron“, in der Sam mit Steve ganz kurz über die Ergebnisse/Fortschritte in der Suche nach ihrer unbekannten Person spricht. Natürlich sind schon alle Spuren kalt, bevor Sam überhaupt irgendwo ankommen kann, um zu ermitteln und zu suchen. Jedoch fand ich, dass es so eine zufällige Beinahe-Begegnung durchaus gegeben haben könnte. Was sagt ihr dazu?
LG, Erzaehlerstimme

P.S.: Diese ganze Sache hier lässt sich wunderbar in ein Kapitel meiner bereits fertiggestellten Trilogie um Bucky einfügen, bei der ihr gerne vorbeischauen könnt, wenn ihr mögt. :)
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