Scarlett Standish - Ein Leben beim RFDS - Kapitel 1-17

GeschichteAllgemein / P12
28.08.2017
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Sie gingen ein paar Meter und Scarlett fragte: „Gibt es ein Problem?“

Carol nickte und schwenkte das Satellitentelefon. „Eben hat Mark angerufen. Der Wind hat sich zu einem echten Sturm ausgeweitet. Wenn wir Glück haben, bekommen wir nur die Ausläufe mit, aber das wird in den Zelten schon schlimm genug sein.“

„Von einem Sturm war in den letzten Wetterberichten gar nichts zu ahnen. Haben wir denn keine Alternative? Vielleicht bei den Nachbarn?“

„Leider sind wir hier wirklich im buchstäblichen Nichts, denn ich lege immer Wert darauf, nicht gestört zu werden und auch niemanden zu stören.“

„Und nun?“

„Der Sturm ist in Charleville bereits sehr stark. Die Verbindung war schon so schach, dass ich Mark kaum verstehen konnte. Ich habe ihm gesagt, dass wir in eine nahe gelegene Höhle gehen werden.“

„Die Höhle, die unter keinen Umständen betreten werden darf, wie Du beim Rundgang so schön gesagt hast?“

„Ja, genau die!“

„Das wird ihnen gefallen.“

„Dann mal los!“

Carol rief alle zusammen. „Ihr habt schon gemerkt, dass der Wind immer stärker wird. Es wird wohl noch ein richtiger Sturm daraus. Ich weiß, ich habe euch bei unserem Rundgang gestern untersagt, in die Höhle zu gehen, aber dort haben wir den meisten Schutz. Also, packt jetzt bitte eure wichtigsten Sachen zusammen und nehmt bitte auch die Schlafsäcke mit, wir werden gemeinsam die Höhle beziehen.“ Mit aufgeregtem Gemurmel und ein paar ängstliche Blicken eilten sie zu den Zelten. „Das wird ein echtes Abenteuer“ murmelte Carol mit einem besorgten Blick zum Himmel. „Ich fahre mit dem Wagen schon mal vor und kontrolliere die schnell die Höhle. Ihr kommt dann nach. Alles, das zum Tragen zu schwer ist, hole ich wenn ihr in der Höhle seid.“

Eine halbe Stunde später setzte sich die Karawane mit Scarlett zügig in Bewegung. Die Kinder hielten es wirklich für ein Abenteuer, aber Scarlett und Carol wussten, es würde an Reiz verlieren, wenn sie nicht herumlaufen konnten und länger dort festsitzen würden.



Gute 20 Minuten später richteten sie sich so gut es ging in der Höhle ein. Taschenlampen kamen zum Einsatz und alle breiteten ihre Schlafsäcke aus, um sich darauf niederzulassen.

„Ich hole uns noch ein paar Sachen und Wasser mit dem Wagen!“ entschied Carol.

„Soll ich mitkommen? Zu zweit geht es schneller.“ fragte Scarlett.

„Nein, einer muss bei den Kindern bleiben!“

„Beeil dich bitte. Es sieht jetzt schon verdammt ungemütlich aus!“

Carol nickte: „Ich möchte nicht länger als nötig da draußen bleiben.“

Der Wind heulte immer lauter und wirbelte schon jetzt Sand auf.



Ungeduldig wartete Scarlett auf Carols Rückkehr und hielt am Höhleneingang nach ihr Ausschau.

„Da war eine Schalnge!“ hörte sie plötzlich

Einige Mädchen schrieen erschrocken auf und Scarlett fuhr herum. „Ganz ruhig. Kommt her, wer hat die Schlage gesehen?“

Die Kinder sahen sie ängstlich an: „Julian.“

„Wo?“ Sie sah ihn im Taschenlampenlicht grinsen.

„Da drüben.“ antwortete er seelenruhig.

Scarlett schnappte sich eine Taschenlampe und leuchtete den Bereich argwöhnisch ab. Peter kicherte.

„Verdammt noch mal, das ist nicht witzig!“ schrie Scarlett sie an. „War da nun eine Schlange oder nicht?“

„Ich kann mich auch geirrt haben“ gestand Julian mit überheblichem Schulterzucken.

Scarlett bat die Kinder, sich wieder zu setzen und nahm Peter, Julian und Dick zur Seite. „Vorhin habt ihr mir echt beeindruckt, mit dem, was ihr geschafft habt, aber das hier geht zu weit. Es ist schon schlimm genug, dass wir hier unterkriechen müssen. Also lasst gefälligst solche Streiche!“ forderte sie wütend.

Carol war schon über eine halbe Stunde unterwegs. Mit dem Auto hätte sie schon längst zurück sein müssen. Scarlett wurde ungeduldiger. Die erste Langeweile machte sich unter den Kindern breit. Scarlett schlug ein paar Spiele vor, die ihr einfielen, stieß aber nur auf ablehnendes Murren.

„Wann kommt Carol denn wieder her?“ wurde sie mal wieder gefragt.

„Ich weiß es nicht.“ antwortete sie seufzend und sah hinaus in den Sturm.



Nach einer Stunde machte Scarlett sich ernsthafte Sorgen. Sie musste etwas tun. Entschlossen fragte sie Sherly, wer der Älteste sei. „Peter.“ lautete die Antwort.

„Danke.“ Innerlich seufzend ging sie zu ihm. „Es fällt mir schwer, aber du bist der Älteste. Bitte übernimm hier das Kommando. Ich muss nach Carol sehen. Sie müsste schon längst zurück sein.“ Dann sah sie Julian und Dick an, die neben Peter standen. „Ich könnte eure Hilfe gebrauchen.“

„Warum wir?“ fragte Julian.

„Dass ihr zupacken könnt, habt ihr bewiesen und ihr seid nun einmal die Größten hier.“

„Du vertraust uns noch?“ fragt sie ehrlich erstaunt.

„Ja, das muss ich. Wenn ich alleine gehe und mir passiert auch noch was, ist niemandem geholfen.“

Sie merkten wie ernst es Scarlett war und nickten.

„Okay, alle mal herhören!“ rief Scarlett. „Peter wird jetzt das Kommando hier übernehmen und Dick, Julian und ich gehen und nachschauen, wo Carol bleibt. Ich bitte euch, unter allen Umständen hier zu warten und auch nicht tiefer in die Höhle hineinzugehen. Wenn wir dort auch noch jemanden suchen müssten, wäre das eine Katastrophe!“



Mark saß im Funkraum und versuchte immer wieder Kontakt zu Carol herzustellen. Weder über das Funkgerät in Carols Wagen noch über das Satellitentelefon konnte er eine Verbindung aufbauen. „Verdammt!“

„Noch immer nichts?“ fragte Patrick betreten, der am Türrahmen lehnte.

Mark schüttelte den Kopf. „Nachdem der Wind noch einmal gedreht hat, werden sie den Sturm voll mitbekommen und wir können sie noch nicht einmal warnen! Carol hat noch etwas geantwortet, aber nach ‚Wir werden…’ brach die Verbindung ab.“



Scarlett, Dick und Julian standen am Höhleneingang. Scarlett hatte darauf bestanden, dass sie alle gut sichtbare Shirts trugen. Sie hatte Dick sogar überredet, einen hellen lilafarbenen Pulli von ihr anzuziehen. Der Wind heulte und Sandverwehungen zogen vorbei.

„So wenig wie möglich sprechen, wir halten uns an den Händen und wenn jemand etwas Verdächtiges sieht, drückt er zweimal die Hand und bei Gefahr einmal ganz lange und fest!“

„Okay.“

Sie banden sich je ein Handtuch vor den Mund und Scarlett reichte ihnen die Hand. Als sie zögerten, sagte sie schlicht: „Jetzt stellt euch nicht so an!“

Dann kämpften sie sich vorwärts gegen den Wind und den Sand, der in jede Öffnung drang, bis zum Zeltplatz. Scarlett erschrak, ein entwurzelter Baum hatte Carols Wagen unter sich begraben. Sowohl Julians wie auch Dicks Griff wurden fester. Sie drückte einmal zurück zum Zeichen, dass sie verstanden hatte, aber der Griff der Jungen lockerte sich nicht. Sie stapften zum Wagen. Die Äste hatten sie Frontscheibe zerschlagen und das Dach eingedrückt. Carol lag mit dem Kopf auf dem Lenkrad im Wagen und rührte sich nicht. Scarlett kauerte sich hinter den schützenden Wagen und zog Dick und Julian zu sich.

„Im Kofferraum sind bestimmt Kanister mit Wasser und Konserven. Ihr müsst so viel wie möglich mitnehmen. Ich kümmere mich um Carol.“

Die Jungen nickten. Scarlett öffnete mit all ihrer Kraft den Kofferraum. Sie hatte recht gehabt, aber wie viel würden die Jungen tragen können? Egal, sie hatten nur diese eine Möglichkeit! Dann stolperte sie vorwärts zur Fahrerseite und versuchte die Tür zu öffnen, aber sie gab nicht nach. Scarlett versuchte es auf der Beifahrerseite und hatte dort mehr Glück. Carol hatte eine Platzwunde an der Stirn und war bewusstlos. Scarlett rüttelte an ihrem Arm „Carol, Carol!“ schrie sie gegen den Wind an, aber ihre Stimme wurde vom Wind fortgetragen. Carol rührte sich nicht. Scarlett lief wieder zum Kofferraum und sah, dass Julian und Dick einige Sachen auf je eine Decke gelegt hatten, die sie auch im Kofferraum gefunden hatten. Scarlett nickte anerkennend und kramte nach dem Verbandskasten, den sie Dick noch in die Hand drückte. Dann zog sie Carol vorsichtig auf dem Beifahrersitz und wollte sie aus dem Wagen heben. Sie nickte den Jungen zu. Dick und Cameron zogen ihre Last auf den Decken hinter sich her. Scarlett warf einen Blick auf Carol und versuchte sie hochzuheben. Als sie nach mehrmaligen Versuchen schließlich die Huckepackvariante ausprobierte, klappte es. Sie zog sich Carols Arme über die Schultern und hielt sie vor ihrer Brust mit verschränkten Armen fest, dann beugte Scarlett den Oberkörper nach vorn und zog Carol vom Sitz hoch. Sie konnte sie nicht hier lassen! An etwas anderes dachte Scarlett nicht mehr. Keuchend schleppte sie sich vorwärts, es wurde ihr zu einer fast unerträglichen Qual. Mehrmals hielt sie an, weil sie dachte, kein Schritt mehr gehen zu können und auch weil der unherwirbelnde Sand immer dichter wurde. Es war nicht mehr weit. ‚Durchhalten, nur durchhalten!’ dachte sie. Sie konnte die Umrisse des Höhleneingangs schon erkennen. Ihre Beine drohten unter der ungewohnten Last, ihren Dienst zu versagen. Der Sand wirbelte um sie herum und schließlich stolperte Scarlett über einen ausgerissenen Busch, der zwischen ihre Beine geweht worden war und sich verhakte. Scarlett stürzte mitsamt Carol auf die rechte Seite und ein unsagbarer Schmerz durchfuhr sie. Nach Luft ringend und nur Sand atmend blieb sie erschöpft liegen.



Julian und Dick waren in diesem Augenblick am Höhleneingang angekommen und die Kinder trugen die Sachen in die Höhle, als Sherly erschocken hinaus auf Scarlett zeigte, die mit Carol nicht weit entfernt zusammengebrochen war. Julian und Dick stürzten sofort wieder los, um ihr zu helfen. Einige Kinder folgten ihnen.



Vor Scarletts Gesicht tauchten plötzlich helfende Hände auf. „Nur noch ein kleines Stückchen!“ schrie Julian kaum verständlich gegen den Wind und Scarlett rappelte sich auf. Schmerzend hielt sie sich die rechte Seite, auf die sie gefallen war. ‚Wie sollte sie Carol jetzt tragen?’ Peter kam nun auch noch herbeigelaufen und brachte einen Schlafsack mit. Mit vereinten Kräften rollten sie Carol in den Schlafsack und packten dann das Kopfende, um sie zu ziehen. Scarlett verdrängte den Schmerz und half den Kindern so gut sie konnte. Mühsam erreichten sie schließlich die Höhle. Erleichtert klopften sie sich den Sand ab.

Erschöpft setzte sich Scarlett und lehnte sich kraftlos an die Höhlenwand.

„Das habt ihr gut gemacht, danke.“ krechzte sie und der Sand knirschte zwischen ihren Zähnen.

Mary brachte ihr etwas Wasser in einem Becher und sah zu Carol hinüber. „Was sollen wir machen?“

„Ich ruhe mich nur einen Moment aus. Macht es ihr so bequem wie möglich, der Schlafsack ist gut. Er wird sie warm halten. Dick hat einen Erste-Hilfe-Kasten mitgenommen. Ich komme gleich.“

Mary holte den Verbandkasten und Scarlett versuchte, ihre Augen vom Sand zu befreien und spülte den Mund aus. Bei jeder Bewegung durchzuckte sie ein stechender Schmerz. Sie riss sich zusammen, später würde sie Zeit haben. Jetzt brauchten Carol und die Kinder sie! Vorsichtig rutschte sie zu Carol hinüber, die noch immer bewusstlos im Schlafsack lag. Zusätzlich hatte ihr ein Kind eine der Decken übergelegt.

„Die Decken waren eine super Idee!“ lobte sie Julian und Dick. Dann wischte sie so gut es ging den Sand aus Carols Gesicht und spürte, dass sie gleichmäßig atmete. Sie tastete nach dem Puls am Hals, ebenfalls gleichmäßig. Die Kinder standen um sie herum, leuchteten mit ihren Taschenlampen und beobachteten sie.

„Wo ist der Verbandkasten?“

Mary gab ihn ihr und Scarlett verband mit zitternden Händen die Kopfwunde. Dann schaute sie auf. „Einer muss immer bei ihr sein. Wenn sie aufwacht, soll sie sich so wenig wie möglich bewegen. Ich bin total erledigt und werde mich auch etwas hinlegen. Holt mich sofort, wenn sie aufwacht. Wir bleiben jetzt so lange hier, bis der Sturm vorbei ist. Geht sparsam mit euren Batterien um und auch mit dem Wasser. Wir wissen nicht, wie lange wir hier bleiben müssen.“ Scarletts Stimme brach ab. Sie konzentrierte sich, um weiterzusprechen. „Keine Angst, hier sind wir in Sicherheit.“ Dann rutschte sie zum nächstgelegenen Schlafsack, legte sich vorsichtig auf den Rücken und schloss die Augen. Sie hörte nicht, dass Peter mit den anderen sprach. Als es neben ihr raschelte, blinzelte sie. Louise und ein anderes Mädchen hatten sich neben sie gesetzt. Sie hatten sich wohl vorgenommen, auch über sie zu wachen. Scarlett lächelte sie an und schloss die Augen wieder. Langsam entspannten sich die strapazierten Muskeln und Scarlett und fiel augenblicklich in einen tiefen Schlaf.



Als sie aufwachte, saßen Julian und Dick mit besorgten Gesichtern neben ihr. Scarlett wollte sich aufsetzen, aber sank bei der ersten Bewegung nur stöhnend zurück. Julian und Dick sahen sich an.

„Ist es sehr schlimm?“ fragte Julian.

Scarlett schluckte. „Ich habe mir wohl eine Rippe bei dem Sturz gebrochen.“ gestand sie. „Wie sieht es draußen aus?“

„Noch nicht viel besser.“

„Carol?“

„Sie ist wach.“

„Warum habt ihr mich nicht geweckt?“ fragte Scarlett aufgeregt, stützte sich hoch. Sofort durchzuckte sie wieder ein heftiger Schmerz.

„Wir haben es ja versucht, aber wir haben dich nicht wach bekommen!“

Einen Moment lang sah Scarlett sie erschrocken an, dann sammelte sie sich schnell.

„Okay, mit dem Wagen ist auch unser Funkgerät kaputt. Wenn der Sturm zurückgeht, wird man uns anfunken. Leider konnte ich das Satellitentelefon im Wagen nicht so schnell finden. Wir können also eine Hilfe holen. Wenn man uns nicht erreichen kann, wird man sobald es geht jemanden herschicken. Versprecht mir bitte, euch um die Jüngeren zu kümmern!“ Julian nickte und Dick auch. „Ihr müsst zum Zeltplatz zurückgehen, sobald es geht, sonst wird man uns hier vielleicht nicht finden.“



Mark sah auf die Uhr. Ben und Sue standen hinter ihm. In Charleville ließ der Sturm langsam nach. Sobald es die Wetterlage zulassen sollte, würden sie zu den jetzt schon zahlreich eingehenden Notrufen ausrücken. Patrick wartete bereits am Flugplatz auf das Okay des Flugsicherheitsdienst. Mark würde weiter die Versorgung über Funk übernehmen.

Wieder einmal versuchte Mark das Camp zu erreichen.

„Seit wann haben wir keinen Kontakt mehr?“ erkundigte Ben sich.

„Seit über drei Stunden.“

„Was ist mit den Sheldons?“

„Sie melden sich auch nicht.“

„Carol hat deine Wettermeldung gehört. Sie ist sehr umsichtig und Scarlett auch. Sie werden die Kinder in Sicherheit gebracht haben.“ meinte Sue optimistisch.

Mark blickte sich zu ihnen um: „Mir wäre wohler, wenn ich das von ihnen selbst höre.“

Ben senkte den Kopf: „Ja. Mir auch.“



Scarlett wurde von allen gut versorgt, ebenso Carol, die immer wieder in tiefen Schlaf versank.

„Der Wind wird schwächer, glaube ich.“ berichtete Peter schließlich.

„Gott sei dank.“ seufzte Scarlett erleichtert. Bei jeder Bewegung tat ihr jetzt irgendwas weh. Zu dem Stechen in der Seite kamen nun Muskelschmerzen vom Tragen hinzu. Sie hatte das Gefühl, langsam wahnsinnig zu werden



Neben den zu versorgenden Notrufen wegen Sturmunfällen, versuchte Mark weiterhin, das Camp zu erreichen. Mark versuchte es gerade mal wieder über Funk, als ein Funkspruch vom Tom hereinkam. „Mark, wir empfangen deine Aufforderungen nun schon seit fast 20 Minuten. Das Camp liegt doch nur knappe 30 Meilen südlich von hier, sie müssten euch jetzt auf jeden Fall empfangen. Bei uns ist alles recht glimpflich abgelaufen. Unser Bug-nja hatte eine warnende Eingebung und wir konnten uns gut vorbereiten. Der Wind lässt immer mehr nach. Chris und ich könnten möglicherweise schon innerhalb der nächsten Stunde zum Camp fliegen und nach dem Rechten sehen, wenn es euch hilft.“

„Tom, das wäre wunderbar. Bei uns ist die Hölle los, vielleicht ist ja auch gar nichts passiert.“

„Kein Problem, wir melden uns sofort, wenn wir etwas wissen.“



Scarlett hatte die Zähne zusammengebissen, sich aufgerappelt und zu Carol geschleppt.

„Hey, wie geht es dir?“

„Hoffentlich besser als dir. Du bist blass wie ein weißes Laken!“

„Ich habe mir wohl eine Rippe gebrochen.“

„Scarlett, ich weiß gar nicht genau, was passiert ist. Ich wollte gerade losfahren, da krachte es und alles wurde schwarz.“

„Ein ganzer Baum liegt auf deinem Wagen. Julian und Dick haben Wasser und Proviant geschleppt und ich habe dich huckepack genommen!“

„Die Kinder haben mir schon von deiner Heldentat berichtet. Danke, dass du mich da raus geholt hast.“

Scarlett sah sich schnell um, ob sie belauscht wurden. „Man, ich war ganz schön in Panik, als du nicht zurückkamst.“

„Wie ist das mit deiner Rippe passiert?“

„Ich habe das Gleichgewicht verloren und bin gestürzt. Aber was ist mit dir, hast du Kopfschmerzen?“

„Ja, das kann man wohl sagen.“

Scarlett seufzte. „Ich fürchte, wir müssen uns auf die Kinder verlassen. Der Sturm lässt nach. Jemand muss am Camp eine Nachricht hinterlassen, dass wir hier sind.“

„Wir dürfen sie nicht alleine gehen lassen!“ Carol schüttelte energisch den Kopf und schloss stöhnend die Augen.

„Vermutlich hast du eine ordentliche Gehirnerschütterung. Mach dir keine Gedanken darum. Mir wird schon was einfallen!“ Scarlett sah zu den Kindern hinüber. Die jüngeren saßen ängstlich zusammen, die anderen starrten nach draußen, und warteten, dass der Wind weiter nachließ. ‚Ich muss sie beschäftigen.’ ging es Scarlett durch den Kopf. Sie suchte sich einen neuen Platz recht nah am Höhleneingang, wo sie sich bequem sitzend an die Wand lehnen konnte, atmete einmal langsam und vorsichtig durch und winkte Peter zu sich.

„Peter, du hast deine Sache sehr gut gemacht, danke.“

„Geht es dir besser?“

„Ich komme zurecht, mach dir darum keine Sorgen. Wir sind jetzt schon fast vier Stunden hier. Während wir warten, können wir auch essen, sonst hätten wir es ganz umsonst hergeschleppt. Sorgst du bitte dafür, dass sich die Naturfarbengruppe ums Essen kümmert und die Telegraphengruppe zu mir kommt.“ Peter nickte und kurz darauf versammelte sich die eine Gruppe bei den Vorräten und die andere bei Scarlett.

„Hört zu, wir müssen irgendein Zeichen setzen, dass wir hier sind.“

„Ich dachte, wir gehen zurück!“ meinte ein kleiner Junge.

„Carol und ich sind beide verletzt und allein dürfen wir euch nicht losschicken.“

„Na, super!“ maulte Julian.

Scarlett sah ihn strafend an, sagte aber nichts weiter dazu, sondern fragte: „Hast du dein Handy dabei?“

„Sicher, aber hier ist kein Empfang!“

„Nein natürlich nicht, aber vielleicht kann ich etwas daraus basteln! Bestimmt habt ihr in euren Rucksäcken auch noch andere nützliche Sachen. Sammelt bitte alles, das elektronisch ist, auch jede Batterie und alle metallischen Gegenstände, die wir hier haben und entbehren können! Und dich Julian bitte ich, mir dein Handy zu überlassen!“

„Was hast du vor?“

„Vielleicht kann ich einen Sender bauen und eine Nachricht an die nächste Farm schicken.“

Er sah sie skeptisch an, gab ihr dann aber sein Handy. Ein kleines Mädchen kam mit einer Konservendose zu ihnen. „Scarlett, wir haben keinen Öffner!“

„Dann schaut euch um, ob ihr etwas findet, mit dem man die Dose sonst öffnen kann. Wir haben doch starke Jungs unter uns.“ antwortete Scarlett zuversichtlich und die Kleine schlurfte wenig begeistert zurück. Es wurde geschäftig in der Höhle und Scarlett war froh, nie ohne ihr kleines Schraubenzieherset und Taschenmesser loszugehen. Sie wollte schon die Verkleidung ablösen, stutzte aber dann.: „Julian, warum hast du nicht gesagt, dass du ein PTT unterstütztes Mobiltelefon hast?“ fragte sie ihn verwundert.

Julian schaute sie verwundert an. „Was ist PTT?“

„Push to Talk.“

„Ich wusste es nicht, mein Dad hat es mir erst kurz vor dem Camp gekauft. Es ist ein ganz neues Modell. Das hat sonst noch niemand. Die Games sind auch ganz neu.“ erklärte er stolz.

Scarlett seufzte ärgerlich. „Kennst du wirklich niemand, der ein ähnliches Modell hat?“

Julian schüttelte strahlend den Kopf.

„Wessen Rufnummern hast Du denn gespeichert?“ erkundigte sie sich dann.

Julian zuckte mit den Schultern. „Noch gar keine. Ab nächsten Monat gehe ich ins Internat, dafür habe es bekommen.“

Scarlett musste sich zusammenreißen, das Handy nicht verzweifelt gegen die Wand zu schmettern, so enttäuscht war sie. „Verdammt!“ entfuhr es ihr leise.

„Was ist denn dieses Push to Talk?“ erkundigte sich Mary, die neben ihr saß nun.

Scarlett schaute sie an. „Marie!“

Das Mädchen schüttelte den Kopf: „Ich heiße Mary.“

„Meine Freundin Marie hat auch so ein Handy!“ rief Scarlett aufgeregt aus. „Die Nummer… die Nummer ist…“ Scarlett klopfte sich nervös mit dem Knöchel des rechten Daumens gegen die Vorderzähne. Sie konnte sich nicht richtig an die Nummer erinnern. Die Kinder beobachteten sie stumm. Scarlett kramte einen Notizblock aus ihrem Rucksack und schrieb verschiedene Kombinationen der Zahlen auf, an die sie sich erinnerte. An zwei Stellen war sie sich nicht sicher, welche Ziffer zuerst kam und ob es nicht doch eine 1 anstatt der 2 am Ende war. Das waren 8 Kombinationsmöglichkeiten, aber welche davon war die Richtige?

„Ich lade alle ein!“ murmelte sie und legte ein Adressbuch an. Dann wählte sie alle eingegebenen Nummern aus, brach aber wieder ab. Sie blickte die Kinder an: „Wir brauchen eine Nachricht.“ Sie bezog die Vorschläge der Kinder mit ein und schrieb sich auf, was sie sagen wollte. „Drückt uns die Daumen!“ meinte sie noch und rutschte nah zum Höhleneingang. ‚Bitte Marie, hab dein Handy an.’ flehte sie stumm, atmete noch einmal durch. Abermals wählte sie alle zuvor eingegebenen Nummern aus, und lud sie zu einem Gespräch ein. Dann drückte Scarlett die Talk-Taste, hielt sich das Handy wie ein Walkie Talkie an den Mund und sagte: „Mein Name ist Scarlett Standish. Dies ist ein Notruf. Bitte verständigen Sie die RFDS-Base in Charleville. Schulcamp in Not, zwei Verletzte, wir brauchen ärztliche Hilfe. Wir sind in einer Höhle untergekommen. Wenden Sie sich bitte umgehend an die RFDS-Base in Charleville.“ Dann ließ sie die Taste los und wartete gespannt auf eine Antwort. Die Kinder waren mucksmäuschenstill und wagten nicht einmal, sich zu bewegen. Das Heulen des Windes und Rauschen der sich biegenden Gewächse erschien lauter als zuvor. Plötzlich vernahm Scarlett ein Knistern. Sie presste das Handy an ihr rechtes Ohr und hielt sich das linke zu. Nein, da war nichts, keine Stimme, nur ein kontinuierliches Knistern. Sie schaute sich zu den Kindern um und schüttelte niedergeschlagen den Kopf.

Sie wartete noch eine Weile, wiederholte die Prozedur und setzte sich schließlich wieder zu den Kindern. „Tut mir leid.“ sagte sie zerknirscht.

„Und jetzt?“ fragte Peter.

Scarlett warf einen Blick auf die eingesammelten Geräte: „Ich nehme es auseinander!“

„Dann können wir aber Deine Freundin nicht mehr erreichen, oder vielleicht meldet sich ja noch jemand.“ warf Mary ein.

„Aber das ist nicht sicher. Ich baue uns einen Sender. Ich krieg das hin, ehrlich!“ schwor sie.

Alle Kinderaugen schauten sie ängstlich an. Scarlett zwang sich zu einem Lächeln. „Los, jetzt, macht ihr uns etwas zu Essen und ich kümmere mich um den Sender. Vertraut mir.“

Während die Kinder langsam aufstanden, nahm sie konzentriert das gesamte Handy auseinander und legte die Einzelteile ordentlich zur Seite. Als ob die Kinder, die ihr zusahen, es nachvollziehen könnten, erläuterte Scarlett murmelnd, was sie tat: „Glücklicherweise hat das Handy eine Push-to-talk-Funktion, sonst wäre es um einiges komplizierter. Hier haben wir schon mal den Sender. Ihn später wieder mit der Antenne verbinden, ist kein Problem, aber wir können keine Frequenz einstellen. Irgendwie muss ich das Signal verstärken…“



Das Telefon klingelte und Mark ergriff den Hörer in Erwartung eines weiteren Notrufs. Ein junger männliche Stimme sagte: „Hallo, mein Name ist Danny Howard. Es hört sich vielleicht seltsam an, aber ich habe gerade einen Notruf über mein Mobiltelefon empfangen. Ein Schulcamp ist in Not…“

„Wo sind Sie?“ unterbrach Mark ihn.

„In Brisbane.“

„Wie bitte?“ fragte Mark ungläubig nach.

„Also, es war eine PTT Einladung. Angezeigt war der Namen Jason, aber eine Scarlett Soundso hat die Nachricht gesprochen.“ erklärte ihm der Mann.

Mark hatte keine Ahnung, wie das möglich war, hielt sich damit aber auch gar nicht auf und erkundigte sich nur, was Scarlett gesagt hatte. Er schrieb mit, was Danny Howard berichtete. „Können Sie etwas antworten?“ erkundigte Mark sich dann.

„Ich habe es mehrmals versucht, bevor ich die Auskunft angerufen habe, aber außer Rauschen kam keine Antwort.“

„Danke, wir werden alle Maßnahmen ergreifen. Bitte geben Sie mir noch Ihre Adresse und Rufnummer.“ bat Mark und notierte sie ebenfalls. Anschließend informierte er Tom und Chris, die kurz darauf starteten.



Mit diversen Kopfhörerkabeln von mp3-Playern koppelte Scarlett nach 30 Minuten Bastelei schließlich die Antenne mit dem Sender. So kam sie auf eine Kabellänge von fast sieben Metern. ‚Wenn man die Antenne nun hoch anbringt, müsste es klappen.’ dachte sie.

Die Tätigkeit lenkte sie und die Kinder ab, bis Mary schließlich rief: „Schaut nur, der Sturm ist fast vorbei!“

Die Kinder, die neben Scarlett saßen und ihr geholfen hatten, sahen sie hoffnungsvoll an. „Wird es funktionieren?“

„Ich weiß nicht, aber ein Versuch ist es wert. Ihr müsst es irgendwo hier in der Nähe hochziehen, wie eure Fahne. Zwei bleiben dann dort und senden den Notruf. Hat jemand einen Zettel, dann schreibe ich euch auf, was ihr sagen sollt.“

„Laura hat ihr Tagebuch mitgenommen, ich hole sie.“

Scarlett schrieb ihnen den Text auf. Er musste möglichst kurz und eindeutig sein. Die fünf größten Kinder wurden für die Mission ausgewählt. Ausgestattet mit einem leeren Kanister, de sie an einem Seil gebunden hatten und irgendwo hochwerfen konnten, um die Antenne hochzuziehen. Einen halbvoller Kanister Wasser sollten sie ebenfalls mitnehmen. Damit ausgestattet machten sie sich schließlich auf den Weg zu einem hochgewachsenen Baum in Sichtweite.



„In ein paar Minuten sind wir über dem Camp!“ meinte Chris und Tom nickte.

„Unglaublich, dass ein Notruf über Brisbane gehen kann. Komisch, dass sie sich über ein Handy melden.“

„Vielleicht sind Funkgerät und Satellitentelefon beschädigt worden.“

„Aber das würde Scarlett doch reparieren, sie hat bestimmt eine Ausrüstung dabei.“

Dann wurden sie wieder von Mark angefunkt: „Wir haben gerade eine Nachricht von den Sheldons bekommen. Sie waren während dem Sturm nicht im Haus gewesen, aber nun haben sie einen undeutlichen Funkspruch empfangen. Außer ‚Schulcamp’ konnten sie nicht viel verstehen. Die Frequenz ist 347,7. Vielleicht bekommt ihr es klarer rein.“ Tom wechselte sofort den Kanal.

Zunächst hörten sie nur ein undeutliches Rauschen. Aber Tom versuchte die Einstellung zu modifizieren, um das Signal deutlicher zu empfangen bis sie eine leise Mädchenstimme vernahmen: „… geben Sie die Nachricht weiter. Hier spricht Sierra Romeo, Zulu Mobile, Schulcamp in Not, Zuflucht in Höhle ca. 2,5 km nordwestlich gefunden, brauchen medizinische Hilfe für zwei Verletzte. Bitte geben Sie die Nachricht weiter. Hier spricht …“

Tom versuchte mehrmals sie zu erreichen und funkte schließlich Mark an. „Mark, wir sind gleich am Camp und haben den Notruf empfangen können.“

„Mit wem habt ihr gesprochen?“

„Ein Mädchen sendet den Notruf ununterbrochen. Sie scheinen nur senden zu können und wiederholen ununterbrochen den Text, das Signal ist sehr schwach. Sie sind in einer Höhle untergekommen.“

„Danke, meldet euch sobald ihr Näheres über die Verletzten wisst. Ich erkundige mich schon mal nach einer Maschine. Die Sheldons sind auch auf dem Weg.“

Kurz darauf überflogen sie mit dem Hubschrauber den verwüsteten Campingplatz, drehten eine Runde und dann deutete Chris nach links. In einem Baum flatterte ein knallrotes T-Shirt.



„Es hat geklappt, ein Hubschrauber, da ist ein Hubschrauber!“ schrieen die Kinder am Höhleneingang aufgeregt durcheinander. Scarlett wusste, dass es nach der kurzen Zeit unmöglich schon eine Reaktion auf den Notruf über den Sender sein konnte, aber das war egal, sie war nur erleichtert, dass nichts Weiteres passieren konnte.



Chris landete ganz in der Nähe und kaum hatte sie den Motor abgeschaltet und die Rotorblätter kamen zum Stillstand, da rannten ihnen die Kinder entgegen und redeten mit aufgeregten Stimmen wild auf sie ein: „Wir brauen einen Arzt, unsere Lehrerin war im Sturm - Scarlett hat sich `ne Rippe gebrochen - ich will nach Hause - das ist mein T-Shirt da oben,…“ prasselte auf sie ein.

„Moment, einzeln bitte! Ihr habt zwei Verletzte, wo sind die?“ hielt Tom sie zurück.

„In der Höhle!“

„Okay, ich bin Dr. Tom. Zeigt mir bitte den Weg.“ Tom schnappte sich seine Tasche und folgte einigen Kindern zum Höhleneingang. Chris sicherte den Hubschrauber und hörte dabei weiter den anderen aufgeregt plappernden Kindern zu.



Während ein paar Kinder mit Tom auf die Höhle zugingen, erkundigte er sich nach Carol und Scarlett.

„Scarlett hat Carol aus dem Sturm geholt. Sie sagt, Carol hat eine Gehirnerschütterung. Und dann ist sie ganz nah vor der Höhle mit ihr gefallen und hat sich dabei eine Rippe gebrochen, sagt sie. Aber sie den Sender hat Scarlett gebaut, cool, nicht?“ berichtete ein kleiner pummeliger Junge neben ihm.

Ein hochgewachsenes Mädchen meinte: „Carol und Scarlett geht es ziemlich schlecht. Sie können sich gar nicht bewegen!“

„Ach, jetzt geht es doch schon, zwischendurch haben wir sie gar nicht aufwecken können!“ winkte Julian ab.

Tom versuchte gedanklich mitzukommen und antwortete: „Nun sind wir ja hier und ihr seid in Sicherheit.“

Sie betraten die Höhle und Scarlett blinzelte zu ihm auf. Tom ging zu ihr und warf gleichzeitig auch einen Blick auf Carol, die noch immer in dem Schlafsack etwas weiter hinten in der Höhle lag. „Hallo, Scarlett!“ Umringt von den Kindern reichte er ihr die Hand und sein abschätzender Blick ruhte auf ihrem blassen Gesicht.

Sie lächelte. „Tom! Dich schickt der Himmel. Ich habe mir wohl eine Rippe gebrochen.“ begrüßte sie ihn, ohne seine Hand anzunehmen. Sie war blass und sah erschöpft aus. Den rechten Arm presste sie an die Rippen. Tom tastete ihre rechten Rippenbögen schnell ab und nickte: „Mindestens eine!“

„Schau erst nach Carol. Sie war eine ganze Zeit lang bewusstlos.“

„Okay, Chris kommt auch gleich.“

„Irgendwie hatte ich mir ein Treffen mit euch anders vorgestellt!“ schmunzelte Scarlett. Tom lächelte und ging zu Carol hinüber.

Kurz darauf kam Chris schon mit den anderen Kindern. Sie sprach kurz mit Tom und hockte sich zu Scarlett. „Hallo, Scarlett! Du hast dir ein paar Rippen gebrochen höre ich.“

„Hi, ich dachte, es wäre nur eine.“

„Dann lass es uns herausfinden. Entspann Dich.“

Mühsam legte sich Scarlett mit Chris Hilfe auf einen Schlafsack. Dann wandte sich Chris an die Kinder, die um sie herum standen: „Packt doch bitte schon einmal eure Sachen zusammen, ihr werdet dann auch bald abgeholt.“

Einige bewegten sich nicht, aber Julian schob sie an. „Los, sonst müssen wir wegen euch noch länger warten!“

Scarlett musste lachen und hielt sich die schmerzende Seite.

„Lass mal sehen.“ Chris untersuchte sie und fragte: „Hast du sonst noch irgendwo Schmerzen?“

„Wenn ich mich bewege, tut eigentlich jeder Muskel weh. Als wir in Sicherheit waren, habe ich mich hingelegt und bin eingeschlafen. Die Kinder sagen, sie hätten mich nicht aufwecken können.“

Chris untersuchte sie nun mit routinierten Handgriffen und fragte, ob sie allein in den Sturm hinausgegangen sei.

„Nein, ich hatte Julian und Dick dabei.“

„Okay, ich gebe dir jetzt etwas gegen die Schmerzen. Auf der rechten Seite sind zwei Rippen gebrochen, sonst scheint alles in Ordnung zu sein. Versuch dich zu entspannen, ich übernehme jetzt mal das Kommando.“

Scarlett lächelte erleichtert: „Das zu hören, habe ich mir die ganze Zeit gewünscht.“

Chris sammelte die Kinder. Sie sollten sich bereit machen, zum Campingplatz zurückzugehen. Sie sprach kurz mit Julian und Dick, dann informierte sie Tom und lief schnell zum Hubschrauber, um in Ruhe Meldung zu machen.

„Hier spricht Chris, bitte kommen!“

Mark meldete sich. „Chris, wie sieht es aus?“

„Carol und Scarlett sind verletzt. Carol hat eine schwere Gehirnerschütterung und Scarlett eine Reihenfraktur der Rippenbogen rechts. Beide sind sehr erschöpft. Sie müssen ausgeflogen werden. Die Kinder sind mit dem Schrecken davon gekommen.“

Mark rieb sich über dem rechten Auge die Stirn, wie immer, wenn er nervös war. „Patrick und Ben sind gerade auf einem Rückflug hier her. Ich schicke sie euch, so bald ich kann.“

„Mark, was ist mit den Kindern?“

„Barns ist mit zwei seiner Flugzeuge unterwegs und bringt sie heim. Sein Sohn Julian ist auch dort.“

„Ja, ich habe schon mit ihm gesprochen. Ich begleite die Kinder zum Campingplatz zurück, Tom bleibt hier und meldet sich dann bei dir.“

„Verstanden. Monica und Bob Sheldon sind mit ihren beiden Wagen auf dem Weg zum Camp. Sie bringen die Kinder dann zur Piste, over and out.“

Chris ging zurück zur Höhle, um die Kinder abzuholen. Diese verabschiedeten sich noch schnell von Scarlett und Carol, bevor sie gemeinsam mit Chris zum Campingplatz zurückgingen. Sie waren kaum angekommen, da tauchten auch schon die Sheldons auf



Mark saß weiterhin im Funkraum. Er gab die Informationen an Patrick und Ben weiter und musste nun natürlich auch Geoff und Kate informieren. Er hatte sich sowieso schon gewundert, dass sie sich noch nicht gemeldet hatten, aber vielleicht hatten sie gar nichts mitbekommen. Mark rief in der Zentrale von Coopers Crossing an und erfuhr, dass Geoff und Kate frei hatten und dass dort außer ein paar starken Windböen keine Probleme aufgetreten waren.



Geoff und Kate saßen in ihrem Garten am Pool, als das Telefon klingelte.

„Bitte, nicht! Geoff, es ist dein freier Tag!“

„Aber drangehen muss ich.“

„Ich weiß. Seit 26 Jahren das gleiche Spiel!“

Geoff hob nur entschuldigend die Schultern und nahm das Telefon auf. „Hallo?“ Eine Weile sagte Geoff nichts und Kate sah ihn verwundert an. Mit versteinertem Gesicht hörte er zu. “Ja, danke. Melde dich bitte, wenn es etwas Neues gibt.“ sagte er nur und legte auf.

„Was ist los?“ fragte Kate sofort.

Geoff nahm sie in den Arm und erklärte dann: „Es war Mark Livingstone. Ein plötzlicher Sturm hat das Schulcamp verwüstet. Sie haben zwar in einer nahegelegenen Höhle Schutz gefunden. Aber Carol, die Lehrerin, wurde verletzt und bei der Rettung ist Scarlett gestürzt und hat sich ebenfalls verletzt.“

„Mein Gott, ist es schlimm?“

„Tom und Chris sind vor Ort. Scarlett hat eine Rippenfraktur. So schnell wie möglich werden sie ausgeflogen. Es ist wohl nicht bedrohlich, aber …“ Er stockte und sah Kate besorgt an.

„Wenn wir uns beeilen schaffen wir die 18.00 Uhr Maschine noch.“ meinte sie nur.

„Ich habe gehofft, dass du das sagst!“ antwortete Geoff erleichtert und sie eilten ins Haus.



Tom kam zu Scarlett herüber.

„Wie geht es ihr?“ wollte Scarlett wissen.

„Es ist okay, eine schwere Gehirnerschütterung. Sie schläft. Fällt dir das Atmen schwer?“

„Es geht, mit den Medikamenten ist es nun auszuhalten.“

„Gut.“

„Ich hatte mir den Aufenthalt hier echt anders vorgestellt.“ stöhnte sie.

„Mach dir keine Gedanken mehr.“ antwortete er.

„Woher wusstet ihr, dass wir Hilfe brauchen?“

Tom Rieb sich über die Stirn: „Mark hat einen Anruf aus Brisbane bekommen. Ein Mann hat dort einen Notruf von Dir empfangen.“

„Echt? Ich konnte aber keine Antwort hören.“ staunte sie.

„Mir ist schon ein Rätsel, wie so etwas überhaupt zustande kommen kann.“ lachte Tom.

Scarlett schmunzelte: „Das Prinzip ist ähnlich wie beim Funk nur statt Frequenzen gibt man Nummern ein.“

Er musterte sie: „Scarlett, ich muss kurz raus, um Mark anzurufen, und hören, wann sie uns ein Flugzeug schicken. Ich beeile mich, okay?“

Scarlett nickte müde: „Richte Grüße von mir aus.“

Tom warf noch einmal einen Blick zu Carol hinüber und zwinkerte Scarlett zu. „Es dauert nicht lange, versprochen.“ Er zog sein Satellitentelefon aus der Tasche und ging vor die Höhle.



„Wie geht es Carol und Scarlett?“ war Marks erste Frage.

„Sie sind stabil, trotzdem wäre mir wohler, wenn sie so schnell wie möglich hier raus kommen. Scarlett hat hier einer extremen Belastung ausgestanden.“

„Patrick ist eben wieder gestartet.“

„Okay, ich muss zurück.“

„Ich sage Patrick, dass er sich beeilen soll, obwohl er es bestimmt auch so tun wird.“ Tom verabschiedete sich und ging zurück in die Höhle.



„Alles in Ordnung?“ fragte er sofort.

Scarlett nickte erleichtert. Sie war froh, nicht mehr allein zu sein.

Tom schaute nach Carol, die unverändert ruhig schlief und setzte sich dann zu Scarlett.

„Patrick und Ben sind schon unterwegs.“ erzählte er.

Scarlett grinste leicht. „Jetzt bin ich eine echte Patientin.“

„Was meinst du?“

„Ben hatte so eine blöde Idee, den Kindern eine Patientin vorführen zu wollen.“ Sie verzog das Gesicht.

Tom sah sie forschend an: „Schmerzen?“

„Hm, geht schon.“

„Scarlett, es ist jetzt kein Platz für Heldenmut. Wenn du Schmerzen hast, sag es bitte.“ forderte er sie auf und zückte schon sein Stethoskop, um sie abzuhören.

„Mir ist kalt.“ gestand sie.

„Es war wohl etwas viel auf einmal.“ meinte Tom und holte eine Decke, die er ihr überlegte. „Es wird noch eine Weile dauern. Mach ruhig die Augen zu und entspanne dich.“

„Ich kann nicht!“

„Doch, du kannst. Ich kümmere mich um Carol und Chris ist bei den Kindern.“ sprach er eindringlich auf sie ein „Wir warten jetzt auf Patrick und Ben. Es ist alles in Ordnung!“

Scarletts Gedanken wirbelten nur so in ihrem Kopf herum. „Die Kinder, wir müssen erst die Kinder ausfliegen.“

„Scarlett, beruhige dich. Die Kinder werden auch abgeholt.“

„In meinem Kopf geht alles durcheinander.“ gestand sie leise und eine Träne ran ihr über die Wange.

„Ich gebe dir ein Beruhigungsmittel.“ entschied Tom und zog eine Spritze auf. „Es ist alles okay, Scarlett.“ versicherte er ihr nochmals, als er ihr die Spritze gab.

„Kommt ihr mit nach Charleville?“ fragte sie

Tom schüttelte den Kopf: „Ich denke, ihr seid bei Ben in guten Händen.“

„Dann sage ich schon mal Danke!“

Er nickte zuversichtlich mit dem Kopf. „Kann ich dich einen Moment allein lassen? Ich glaube, Carol ist aufgewacht.“

„Sicher.“



Chris begleitete die Kinder, die angesichts ihres verwüsteten Zeltplatzes erst verstanden, wie stark der Sturm gewesen war, mit den Sheldons zur Landebahn. Während sie bei einer Gruppe mit auf der Ladefläche des Wagens saß, erzählten die Kinder immer wieder, was passiert war. Chris war froh, als sie die Flugzeuge schon im Landeanflug sah, als sie die Piste erreichten. Alles was die Kinder jetzt schnell brauchten, waren ihre Eltern.

Als sie abstiegen, stand Julian plötzlich neben ihr. „Ohne Scarlett hätten wir nicht gewusst, was wir machen sollen. Sie war echt super.“ sagte er ganz unvermittelt. „Sagen Sie ihr das bitte. Das ist wichtig.“

„Ja, das mache ich.“

Kurz darauf standen die beiden Flugzeuge still und Julian lief auf seinen Vater zu, der gerade ausstieg und flog ihm um den Hals. Barns klopfte ihm auf den Rücken und setzte ihn dann ab. Der große Mann, den sie sah, strahlte eine ungeheure Präsenz aus. Es war, als gehöre alles rund herum ihm. Er sah sich um und Chris ging auf ihn zu.

„Hallo, Sie müssen Harold Barns sein. Ich bin Dr. Chris Randall. Danke, dass Sie die Kinder abholen. Es geht allen gut.“ begrüßte sie ihn freundlich.

„Was ist mit der Lehrerin und dieser Funkerin? Ich habe gehört, sie sind beide verletzt.“

„Ja, sie sind noch in der Höhle, in sie Unterschlupf gefunden haben. Julian wird Ihnen bestimmt erzählen, was passiert ist.“ antwortete Chris. Sein Ton gefiel ihr nicht.

„Brauchen Sie noch Hilfe?“

„Nein, danke, wir warten nur auf das Flugzeug des RFDS und zusammen fahren wir zurück. Ich kenne die Strecke ja nun.“

„Gut, dann teilen wir die Kinder die Maschinen auf und starten sofort wieder.“

Julian stand an der Seite seines Vaters und sah Chris an.

„Danke für ihre Hilfe, Mr. Barns.“ sagte sie und er nickte nur.

„Schon gut. Komm, Julian!“ Damit drehte er sich um und ging.

Julian blieb aber noch einen Moment stehen. „Vergessen Sie nicht, was ich gesagt habe.“

Chris lächelte ihn an: „Bestimmt nicht. Du hast auch viel geleistet. Du kannst stolz darauf sein.“ Julian strahlte und lief hinter seinem Vater her.

Chris half noch beim aufgeregten Verstauen aller Kinder und rief zum Abschied: „Kommt gut nach Hause!“

„Grüßen Sie Carol und Scarlett!“ antworteten die meisten noch und dann schloss Chris die Tür. Winkend blieb sie zurück.



Als die Flugzeuge am Himmel kleiner wurden, setzte sie sich in den Wagen und rief Tom an.

Tom saß neben der schlafenden Scarlett und sprang auf, als sein Telefon klingelte, das am Höhleneingang lag, damit es Empfang hatte.

„Wir geht es den beiden?“ erkundigte sich Chris.

„Sie schlafen. Scarlett hat es ganz schön mitgenommen. Ich habe ihr ein Beruhigungsmittel gegeben. Wie war es bei dir?“

„Die Kinder waren so aufgedreht, schlimmer als ein Sack Flöhe!“

Tom lachte. „Patrick sollte auch nicht mehr lange brauchen.“ meinte er, als er auf die Uhr sah.

Chris schaute ebenfalls auf ihre Armbanduhr. „Die Kinder haben mir von Scarletts Sender erzählt. Er ist zusammen mit dem roten T-Shirt am Baum angebracht. Ziemlich genial zusammengebaut aus dem Handy und sämtlichen elektronischen Geräten, die die Kinder dabei hatten.“

„Ich erinnere mich noch, dass sie bei einem unserer Besuche gerade die Mikrowelle auseinandergebaut hatte und Geoff beim Kochen fast verzweifelt war. Scheinbar hat das Basteln ja doch einen Sinn gehabt.“ grinste er.

„Also, dann bis gleich.“ verabschiedete Chris sich.



Als Tom zurück in die Höhle kam, rührte sich Carol. „Wo sind die Kinder?“ fragte sie und sah ihn besorgt an.

„Mr. Barns hat sie abgeholt.“

„Wie geht es Scarlett?“

„Sie schläft.“ antwortete Tom.

„Sie hat echt einen Orden verdient.“

„Ich werde es weitergeben.“ versprach Tom.



Chris sah zum Himmel, als das rettende Flugzeug zu hören war und stieg aus. Sie schattete ihre Augen mit der rechten Hand ab und beobachtete die Landung. Sie hatte ein erleichtertes Gefühl bei dem Gedanken, dass Scarlett und Carol nun bald im Krankenhaus sein würden. „The mantle of safety.“ murmelte sie und dachte lächelnd an ihre eigene Zeit beim RFDS zurück. Ben sprang aus der Maschine und begrüßte Chris kurz ehe er sich nach Scarlett und Carol erkundigte.

„Wie geht es ihnen?“

„Sie sind stabil. Wir brauchen zwei Tragen. Die Höhle mit dem Wagen gut erreichbar. Alles Weitere erzähle ich unterwegs.“ antwortete Chris und packte mit an der Trage an, die Ben trug. Als Patrick die Maschine gesichert hatte, nahm er die zweite Trage, warf sie auf die Ladefläche und sie machten sich auf den Weg.

„Carol hat eine schwere Gehirnerschütterung. Einen Schädelbruch schließen wir aber weitgehend aus. Dazu kommt ein Schock.“ erklärte sie.



Als sie am Camp vorbeifuhren, deutete sie auf Carols Wagen unter dem umgestürzten Baum. „Carol saß im Wagen, als der Baum entwurzelt wurde.“

„Man, wie ist sie da raus gekommen?“ fragte Patrick betroffen.

„Scarlett hat sie rausgeholt und zur Höhle getragen.“

„Oh!“ Ben sah Chris an. „Und wie hat sie sich verletzt?“

„So wie wir es aus den Erzählungen der Kinder verstanden haben, ist sie kurz vor der Höhle mit Carol auf dem Rücken gestürzt. Sie hat sich dabei die 6. Rippe rechts gebrochen. Bei der 5. bin ich mir nicht sicher. Hinzu kommt, dass sie völlig entkräftet und nervlich angegriffen ist. Sie hat sich für die Kinder total aufgeopfert. Scarlett wird ein paar Tage Ruhe brauchen.“ erklärte Chris und Ben nickte.



Tom empfing sie am Höhleneingang. „Es ist alles in Ordnung, keine Veränderungen.“

„Hallo, Tom!“

Tom ging mit Ben zu Carol und er wies ihn ein, während Chris mit Patrick wartete. Patrick sah zu der schlafenden Scarlett hinüber.

„Tom hat ihr ein Beruhigungsmittel gegeben.“ erklärte Chris, als sie seinen besorgten Blick bemerkte.

„Ich habe irgendwie ein schlechtes Gewissen.“

„Die Kinder haben sehr beeindruckt von ihr gesprochen.“

„Auch Julian Barns?“

„Gerade er. Ohne Scarlett hätten sie nicht gewusst, was sie tun sollten, hat er mir erzählt. Außerdem soll ich ihr sagen, dass sie super sei.“

Patrick zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Ach?“

Tom und Ben gingen zu Scarlett.

„Komm, wir können Carol schon auf die Trage legen.“ sagte Chris und zog Patrick zu Carol.

Tom ging Ben Scarletts Zustand durch.

„Okay, gibt es sonst noch etwas, das wir wissen müssen?“ fragte Ben anschließend.

„Carol meinte, Scarlett hätte einen Orden verdient. Das mit dem Mobiltelefon habe ich nicht verstanden. Ach ja, und dort am T-Shirt hängt auch noch ein Sender, den Scarlett anschließend aus dem Handy und ein paar anderen Sachen gebastelt hat.“ fügte Tom hinzu und zeigte auf das hin- und herwehende Rot im Baum.

„Dass Scarlett sich bei all dem übernommen hat, ist nicht verwunderlich.“ kommentierte Ben erstaunt. „Sie hat sich in den letzten Tagen Gedanken darüber gemacht, dass man sie nicht voll anerkennt. Wenn sich das hier rumspricht, wird sie sich darum wohl keine Sorge mehr machen müssen.“

Scarlett blinzelte. „Hey, reden könnte ihr später. Bringt mich endlich hier raus.“

„Dein Wunsch ist mir Befehl.“ antwortete Ben locker und sah Tom an.

„Dann mal los.“ stimmte er zu. „Wir müssen dich erst einmal umbetten.“

Dann halfen sie Scarlett auf die Trage und trugen sie zum Auto. Carol und sie wurden auf der geräumigen Ladefläche platziert. Sie verabschiedeten sich von Chris und Tom, die mit dem Helikopter heim flogen. Während Ben zu ihnen stieg, setzte sich Patrick ans Lenkrad.

„Geoff und Kate kommen bestimmt nach Charleville, wir sollten versuchen, sie dort zu treffen.“ meinte Chris, als sie sich an Tom anlehnte.

„Gute Idee, wir haben sie wirklich schon viel zu lange nicht gesehen.“ stimmte er zu und winkte Ben noch einmal zu. Sie sahen dem Wagen noch eine Weile nach, der von Patrick vorsichtig zur Landebahn gelenkt wurde.



Als sie im Flugzeug waren, seufzte Scarlett kurz auf.

„Jetzt hast du es endgültig überstanden.“ meinte Ben einfühlsam und Scarlett schluckte.

„Ab nach Hause, bitte.“
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