Scarlett Standish - Ein Leben beim RFDS - Kapitel 1-17

GeschichteAllgemein / P12
28.08.2017
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Überrascht hatte das Krankenhauspersonal in Ben plötzlich einen umgänglicheren Patienten gefunden. Er maulte zwar herum, blieb aber in seinem Zimmer und bekam die Ruhe, die ihm zu einer schnellen Genesung verhalf. Scarlett besuchte ihn regelmäßig in der Mittagspause oder am Abend.



„Morgen lässt Mark mich endlich hier raus.“ berichtete er, als Scarlett am Donnerstagabend zur Tür hereinkam.

„Das sind ja gute Nachrichten.“ freute sich Scarlett mit ihm.

Aber Ben moserte trotzdem: „Er besteht aber darauf, dass ich mich noch eine Woche schone.“

„Das hast du mir auch verordnet, als ich die Rippen gebrochen hatte.“

„Ich habe keine Rippenfraktur.“ entgegnete er mürrisch.

„Nein, du wärest nur beinahe im Rauch erstickt.“ schmunzelte Scarlett.

Ben lächelte zurück. „Ich habe mich noch gar nicht bei dir bedankt.“

„Wofür“ fragte sie überrascht.

„Dass du mir den Kopf zurecht gerückt hast.“ gab er kleinlaut zu.

Scarlett grinste breit: „Gern geschehen.“

Er reckte sich. „Ich denke, ich fahre zu Tom und Chris raus.“

Scarletts Grinsen erstarrte. „Wann?“

Ben zuckte mit den Schultern: „So schnell es geht.“

„Du sollst dich doch schonen.“ mahnte sie vorwurfsvoll.

„Eben. Ich verbringe meine freien Tage oft dort. Ich kann es nicht beschreiben, aber es ist dort wie in einer anderen Welt. Keine Hektik, kein Zeitdruck. Alle begegnen einander freundlich, ohne Hast. Und falls etwas ist, habe ich zwei gute Ärzte in der Nähe.“

„Aber die lange Fahrt…!“ gab Scarlett zu bedenken.

„Ich finde schon jemanden, der mich dort absetzen kann.“

Scarlett blickte ihn zweifelnd an. „Weiß Mark schon davon?“

„Ja, er fand die Idee sogar sehr gut.“

„Wirklich?“ Das kam überraschend für sie.

Scarlett war noch nicht überzeugt, aber ließ das Thema ruhen. Stattdessen setzte sie sich auf einen Stuhl direkt ans Bett und berichtete von den Geschehnissen des Tages. Ben hörte entspannt zu und kommentierte es hin und wieder. Er hatte auch seinen Humor zurück gewonnen und so brachte er Scarlett manches Mal zum Lachen.

Als sie fertig war und sich schon verabschiedet hatte, rief er sie plötzlich zurück. „Warte!“

Sie war schon fast durch die Tür gegangen und drehte sich noch einmal zu ihm um.

„Ja?“ Scarlett blickte Ben erwartungsvoll an.

Er räusperte sich. „Ich… also, ich hasse es krank zu sein und hier im Bett bleiben zu müssen noch viel mehr.“

Scarlett schmunzelte: „Das hat man gemerkt.“

„Ich bin ehrlich froh, dass du mir so oft Gesellschaft geleistet hast. Ich … werde es vermissen.“ Ben sah Scarlett direkt in die Augen. Sie spürte, Röte in ihr Gesicht aufsteigen, blickte schnell zur Seite und strich verlegen eine Haarsträhne zurück.

„Ich habe es gern gemacht.“ Sie nickte ihm lächelnd zu und verließ das Zimmer. Ben schaute ihr nach und blieb seufzend zurück.



  *



Zwei Tage später kam Ben in die Zentrale, um sich zu verabschieden.

„Heute geht’s nun los? Mit wem fliegst du?“ erkundigte sich Patrick.

„Ich habe Ed O’Neill gestern getroffen. Er fliegt heute zurück zur Bundy-Station und kann mich absetzen.“ berichtete Ben erfreut. „Aber der Rückflug ist noch ein Problem. Ich wollte fragen, ob ihr schon wisst, ob ihr am Donnerstag die Siedlung anfliegt.“

Patrick schlug seinem Freund auf die Schulter und zwinkerte mit dem rechten Auge. „Das lässt sich sicher einrichten.“

„Das habe ich gehofft.“ grinste Ben. Dann reckte er den Kopf und sah sich um. „Wo ist Scarlett?“

„Sie ist heute früh zur Carlson-Farm aufgebrochen. Sie hatten beim letzten Test Probleme mit dem Notrufsignal. Scarlett schaut es sich mal an. Hat sie es dir nicht erzählt?“

„Nein.“ Ben war enttäuscht.

„Es entschied sich gestern ganz spontan.“ meinte Patrick entschuldigend.

„Ach so, wir haben uns nur kurz gesehen, als ich einen Spaziergang machte. Schade, ich hätte mich gern verabschiedet.“

Patrick lachte. „Du kannst dich ja morgen bei Funkstunde melden.“

Ben tat, als denke er darüber nach, schüttelte schließlich den Kopf und meinte: „Nein, wenn Sally Grant in der Leitung ist, komme ich eh nicht durch.“ Sie lachten. „Grüß Scarlett einfach, ja? Ich gehe noch kurz ins Krankenhaus, um mich bei Mark abzumelden. Dann bis Donnerstag! Ich verlasse mich darauf, abgeholt zu werden!“

„Alles klar.“ grinste Patrick.



Scarlett kam am Abend erschöpft in den Pub. Sie wollte nur noch eine Kleinigkeit essen und dann nach Hause. Vermutlich würde sie sofort ins Bett fallen und auf der Stelle einschlafen. Ihre Freunde, allen voran Patrick, begrüßten sie mit großem „Hallo“. Scarlett ließ sich auf einen Stuhl neben Sue fallen.

„Es ist Samstag, junge Frau! Lass uns tanzen!“ forderte Patrick elanvoll.

„Ich bin total erledigt.“ kommentierte Scarlett die Aufforderung nur und stütze den Kopf in die Hände.

„Die lange Fahrt?“ fragte Sue, während Patrick sich nach einer neuen Tanzpartnerin umschaute.

„Nein, die Fahrt war geradezu erholsam. Die Carlson-Sprösslinge! Einer schlimmer als der andere. Die Älteren haben ständig versucht mich anzumachen und die Kleinen tobten mitten drin herum. In diesem Haus würde ich wahnsinnig werden.“

Sue musste sich das Lachen verkneifen. „Ja, Megan hat ganze Arbeit geleistet. Ihre 6 Jungs halten einen ganz schön auf Trab. Hast du den Notfallsender denn reparieren können?“

Scarlett stöhnte auf und raufte sich die ohnehin schon nicht sehr ordentlich aussehenden Haare. „Es war nur ein Kabel herausgerissen. Tim, der Zweitjüngste gestand, dass einer der Welpen - das sind übrigens gerade 5 - sich in den Kabeln verfangen hatte und er nur einmal feste gezogen hatte, um ihn herauszuholen. Es wäre für niemanden mit zwei Händen ein Problem gewesen, das Kabel wieder festzuschrauben und ich muss dafür hinausfahren.“

Mark brachte einen Pitcher mit Orangensaft mit. Kaum hatte er ihn abgestellt, zog Scarlett ihn schon zu sich heran. „Brauchst du noch ein Glas?“ fragte er amüsiert.

„Ihr habt es gewusst, oder? Ihr habt gewusst, dass es bei den Carlsons die Hölle auf Erden ist! Ihr habt es gewusst und mich nicht gewarnt.“ klagte sie ihre Freunde nun an.

Mark hob die Schultern: „Mit welchem Gefühl wärest du hingefahren, wenn wir dir vorher alle möglichen Horrorgeschichten erzählt hätten?“ Er stellte nun auch ein Glas ab, goss Orangensaft hinein und reichte es Scarlett dann.

„Hm, danke.“ brummte sie nur und trank das Glas mit einem Zug leer. „Das tut gut. Habt ihr schon gegessen?“ fragte sie und griff zum Pitcher um sich nachzuschenken.

„Nein, wir sind auch eben erst gekommen. Nur Patrick ist schon länger hier.“ antwortete Sue.

Scarlett blickte zur Tafel an der Wand, auf der die angebotenen Gerichte standen. „Ich nehme Curryhuhn.“

„Ich auch.“ entschied Sue sofort. Die beiden sahen Mark auffordernd an.

„Okay, ich gehe schon und sage Pat Bescheid.“

„Das ist auch das Mindeste, das ich als Wiedergutmachung erwarten kann!“ stellte Scarlett klar und schmunzelte. Mark nickte ergeben und stand wieder auf.

Scarlett wandte sich an Sue: „Ist Ben nicht hier? Ich habe ihn noch nicht gesehen. Ich dachte, er freut sich mal wieder unter Leuten sein zu können.“

„Er ist heute Morgen zu Tom und Chris geflogen. Ed O’Neill konnte ihn mitnehmen.“

„Oh.“ brachte Scarlett nur heraus. „Schade, jetzt haben wir uns gar nicht mehr gesehen.“

Sue schmunzelte. „Am Donnerstag wird Patrick ihn wieder abholen.“

Scarlett verschlang das Essen, erzählte noch einmal ausführlicher von ihren Erlebnissen bei den Carlsons und konnte nun auch schon mit den anderen darüber lachen. Der Abend wurde doch noch länger als zunächst gedacht.



                                    *



Die nächsten Tage waren ruhig, ungewöhnlich ruhig. Am Mittwoch stellte sich dann heraus, dass es die Ruhe vor dem Sturm gewesen war. Bereits in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ging ein Notruf ein. Ein voll besetzter Bus hatte ein Känguru angefahren und war daraufhin auf die Seite gekippt. Der nächtliche Einsatz forderte alle Kräfte. Doch kaum war gegen Mittag etwas Ruhe eingekehrt, kam der nächste Notruf herein. Ein Farmhelfer war auf einer entlegenen Farm mit seinem Motorrad verunglückt. Während diesem Einsatz wurde auch noch eine drohende Frühgeburt gemeldet. Scarlett hatte alle Hände voll zu tun, die Hilfe zu koordinieren.

Gerade hatte sie ein Flugzeug zu der Farm mit der Frühgeburt geschickt, eine Krankenschwester musste dies übernehmen, weil die Ärzte alle im Einsatz waren, da meldete Patrick eine weitere Hiobsbotschaft: „Scarlett, wir haben ein Problem. Irgendwas stimmt mit der Elektronik an unserer Maschine nicht. Ich versuche den Fehler zu finden, aber bin nicht sehr zuversichtlich. Es wäre besser, du organisierst ein Ersatzflugzeug.“

„Ja, ich versuche es, aber ich hatte schon riesige Probleme, eins für den Einsatz bei den Walshs zu finden. Es wird einige Zeit dauern. Wie geht es dem Patienten?“

„Soweit ganz gut, glaube ich.“ antwortete Patrick unsicher.

„Frag Mark bitte, ob die Ersatzmaschine eine besondere Ausstattung braucht. Ich fange schon einmal an, wieder herumzutelefonieren.“

Glücklicher Weise konnte Scarlett ihnen jede Maschine schicken, die sie nur auftreiben konnte. Notfalls sogar eine, in der der Patient hätte sitzend transportiert werden müssen. Es hatte sich herausgestellt, dass neben schmerzhaften Prellungen nur ein Beinbruch vorlag. Trotzdem dauerte es eine Weile, bis Scarlett ein Flugzeug organisiert hatte.



Kurz bevor Scarlett Feierabend machen wollte, kam Mark aus dem Krankenhaus noch einmal in die Zentrale. Scarlett war gerade dabei das Chaos, das bei den heutigen Einsätzen entstanden war, aufzuräumen. Sie sah ihn erstaunt an: „Mark! Ich hatte dich heute gar nicht mehr erwartet.“

Mark lächelte, Scarlett kannte ihn schon gut. Eigentlich wäre er bis zum Abend im Krankenhaus geblieben und dann direkt nach Hause gefahren. „Es gibt noch ein Problem, das ich mit dir besprechen muss.“

Scarlett hielt in ihrer Bewegung inne. „Was für ein Problem?“

Mark lehnte sich an den Türrahmen zum Funkraum. „Es wird drei Tage dauern, ehe unser Flugzeug wieder einsatzbereit ist.“

Scarlett zog die Stirn in Falten. „Ja, ich weiß. Ich habe für alle Sprechstunden neue Termine vereinbart und es ist ausgehandelt, dass die Eratzmaschine für die kommenden Tage hier bleibt und bei dringenden Notfällen genutzt werden kann.“

„Und da liegt das Problem.“ meinte Mark. Er konnte geradezu sehen, wie es in Scarletts Kopf arbeitete.

„Ben.“ sagte er schlicht. „Er denkt, wir holen ihn morgen auf der Tour ab.“

„Ach so! Kein Problem, ich rufe gleich noch durch. Deswegen hättest du doch nicht extra herkommen müssen.“ antwortete Scarlett erleichtert.

„Nun, wenn ich ehrlich bin, brauchen wir Ben am Wochenende. Ich bin doch zu der Tagung in Sydney eingeladen und würde ungern das ganze Wochenende weg sein, wenn er nicht hier ist. Bei einem Notfall wären wir nicht ausreichend besetzt und dann noch die Entscheidung, die Ersatzmaschine einzusetzen oder nicht…! Da möchte ich keine Aushilfe dran lassen.“

Scarlett dachte nach. „Vielleicht kann Chris ihn herbringen.“

Mark grinste: „Ich hatte eine andere Idee. Du könntest ihn abholen.“

Scarlett bekam große Augen, als Mark weiter sprach. „Es ist eine lange Fahrt mit dem Wagen. Wenn es dir nichts ausmacht, könntest du in den frühen Morgenstunden losfahren. Am Nachmittag wärest du dort und am nächsten Morgen kommt ihr zusammen zurück. Wir sind sowieso gezwungen den Hauptteil der Arbeit von der Zentrale aus zu verrichten. Für uns wäre es kein Problem und ich könnte am Wochenende beruhigt fahren. Was meinst du?“

„Ich…, ja! Ja, ich wollte doch schon immer mal dorthin!“ rief sie begeistert.

Mark nickte. „Ich weiß, deshalb bin ich ja auch darauf gekommen.“

„Ich werde sie überraschen!“ strahlte Scarlett und klatschte übermütig in die Hände.

Mark schaute auf die Uhr an der Wand. „Wenn du dich beeilst, schafft du es noch, ein paar Vorräte einzukaufen, ehe der Laden geschlossen wird. Ich erledige das hier schon noch und schließe dann ab. Denk an ausreichend Wasser, mit 6 Stunden Fahrt musst du mindestens rechnen.“

Sie nickte und wühlte hektisch in einer Schublade. „Ich brauche die Karte!“

Mark beugte sich über den Schreibtisch und zog eine Karte hervor, von der nur eine Spitze unter einem Zettelberg hervorgeschaut hatte. „Versuch es mit dieser.“

„Oh, super! Ich kann dich wirklich in diesem Chaos zurücklassen?“

„Natürlich, ich bin froh, dass du die Fahrt auf dich nimmst.“ lächelte er.

„Okay. Ich erledige schnell alles. Ich denke, ich fahre um 6 Uhr morgen los. Sehen wir uns noch?“ erkundigte sie sich hektisch.

„Nein, ich gehe gleich noch kurz ins Krankenhaus zurück und fahre dann heim.“ antwortete Mark.

„Na, dann noch einmal Danke. Ich melde mich zwischendurch.“ Damit hatte sie sich auch schon ihre Tasche geschnappt und war zur Tür hinaus. Mark sah ihr lächelnd nach.



                                    *



Scarlett hatte gerade die letzte Weggabelung genommen und erkannte in der Ferne die ersten Gebäude. Als sie sich den Häusern näherte, kamen ihr ein paar Kinder entgegengelaufen. In ihr breitete sich nun endgültig eine freudige Erwartung aus. Lächelnd steuerte sie das Auto vorsichtig an den neugierigen Kindern vorbei zu dem größten Gebäude. Das sollte wohl die Krankenstation sein. Kaum war der Motor aus, öffnete sich auch schon die Tür und Chris kam neugierig heraus. Scarlett sprang augenblicklich aus dem Auto, ließ die Tür offen stehen und strahlte über das ganze Gesicht.

Chris starrte die junge Frau kurz verwundert an, die dort aus dem Auto sprang, ehe sie das Gesicht unter der Hutkrempe erkante.

„Scarlett! Das ist eine Überraschung!“ rief Chris und lief auf sie zu.

Scarlett umarmte sie. „Hallo Chris! Schön, dich zu sehen.“ Sie schaute sich einmal flüchtig um. „Das ist es also! Ich habe kaum einen Tag, eure hoch gelobte Siedlung kennen zu lernen.“ meinte sie lachend.

„Oh, länger kannst Du nicht bleiben? Da hat sich die lange Fahrt ja kaum gelohnt.“ Chris sah sie enttäuscht an.

„Nein, leider. Aber als sich die Chance ergab herzufahren, habe ich sofort zugesagt.“

„Was meinst Du?“ Chris schaute sie irritiert an.

„Ach, entschuldige. Unser Flugzeug ist defekt und mit der Ersatzmaschine darf Patrick nur zu dringenden Notfällen raus. Es war aber abgemacht, dass er morgen nebenbei Ben abholt.“ sprudelte es aus Scarlett heraus.

„Jetzt macht es Klick. Da hast du dich sofort angeboten, mit dem Wagen zu fahren!“

„Nicht so ganz.“ schmunzelte Scarlett. „Mark wusste, wie gern ich mich hier mal umsehen würde und hat mich gefragt.“

„Wie auch immer. Die Überraschung ist dir gelungen.“ strahlte Chris. „Komm, bring erst einmal deine Sachen hinein. Du kannst bestimmt auch eine Erfrischung vertragen.“

Scarlett nickte, lüftete einmal kurz den Hut, um ihre Haare wieder komplett darunter festzuhalten, wischte sich schnell über den nun wieder freien Nacken und meinte: „Danke, aber danach würde gern sofort eine Rundführung bekommen. Und wo ist Ben? Wie geht es ihm?“

„Gut, er hat sich hier sehr gut erholt. Er ist mit Tom beim Angeln.“ antwortete Chris.

„Wirklich? Du glaubst ja gar nicht, wie er sich im Krankenhaus aufgeführt hat. Damit habe ich jetzt gar nicht gerechnet.“ meinte Scarlett erleichtert.

Sie gingen zusammen ins Haus. Auf der einen Seite hatten Tom und Chris ihren Wohnbereich und auf der anderen Seite schloss sich die Krankenstation in dem Gebäude an. Scarlett stellte ihre Tasche schnell ab und trank eilig im Stehen ein Glas Wasser.

Chris war sichtlich amüsiert: „Du willst wohl wirklich keine Zeit verschwenden!“

Scarlett verschluckte sich beinahe vor aufkommenden Lachen. „Tut mir leid, aber ich habe so lange gesessen und würde mich wirklich gern bewegen. Und ich bin so neugierig!“ gestand sie schmunzelnd.

Chris nahm sie am Arm. „Komm, ich zeige dir den Weg zum See, dann kannst du schon einen Eindruck bekommen und auch Tom und Ben überraschen.“

Scarlett war von dem Vorschlag sofort begeistert.



Sie gingen um das Haus herum und es öffnete sich der Blick auf die kleine Siedlung. Sie waren um einen großen Platz gruppiert, der sich hinter der Krankenstation anschloss. Die Häuser waren einfach, sahen aber solide aus. Die Kinder, die Scarlett schon gesehen hatte, rannten über den Platz und verschwanden hinter den Häusern zu ihrer linken Seite.

„Ich kann es noch gar nicht glauben, dass ich wirklich hier bin.“ lachte Scarlett.

Sie schlenderten über den Platz. Chris erkundigte sich nach der Fahrt.

„Es war schon lang, aber ich habe auch einige Pausen eingelegt. Lange Autofahren machen mir zum Glück nichts aus.“ berichtete Scarlett und gähnte prompt. Lachend zuckte sie mit den Schultern. „Ich gebe es zu. Ich bin froh, dass ich angekommen bin.“

Eine Aborigine saß mit ihrem Baby vor einem der Häuser auf einer Stufe. Der dunkle zufriedene Blick ruhte auf dem Baby, das vor ihr auf dem Rücken lag. Aufgeweckt bewegte es Arme und Beine. Chris ging auf sie zu, um sie zu begrüßen. Scarlett blieb stehen und beobachtete die Szene still. Das Baby reckte neugierig den Kopf in die Richtung aus der die unbekannte Stimme kam. Es verzog den Mund zu einem glucksenden Lächeln, als Chris sich dem Kleinen zuwandte. Schon in diesen wenigen Minuten, die sie nun hier war, erfasste Scarlett die unglaubliche Friedlichkeit, die hier zu herrschen schien. Sie reckte sich und sog mit geschlossenen Augen ganz tief die Luft ein.

Chris kam zu ihr zurück. „Ich habe gerade erfahren, dass es Streit unter einigen Leuten gibt. Ich würde gern mit ihnen reden. Kann ich dich allein gehen lassen? Der Weg geht immer geradeaus.“

„Wenn es nur geradeaus geht, sicher. Aber wo ist der Weg?“ lachte Scarlett. Sie standen noch immer zwischen den Häusern und von einem Weg war nichts zu sehen. Chris begleitete sie also noch zum Rand der Siedlung, an den sich eine bewachsene Hügelformation anschloss, die bereits erahnen ließ, dass in der Nähe Wasser zu finden sein musste. Der Trampelpfad war klar zu erkennen.

„Du folgst dem Weg dort einfach. Er führt direkt zum See und einmal um ihn herum. Halt nur die Augen auf. Du kannst Tom und Ben eigentlich nicht verfehlen.“ erklärte Chris.

Scarlett nickte und machte sich auf den Weg.



Zunächst waren die Sträucher nur Hüfthoch, aber schon bald wuchsen auch höhere Bäume zwischen ihnen auf. Das Gelände war gar nicht so frei, wie sie vermutet hatte. Scarlett war froh, dem Trampelpfad leicht folgen zu können. Querfeldein wäre eine richtige Herausforderung gewesen. Die Luft hatte sich auch verändert, sie war nicht mehr staubig und heiß, sondern überraschend erfrischend. Wie viel Wasser doch ausmachte, war unglaublich. Plötzlich kam sie an eine Weggabelung. Irritiert blieb Scarlett stehen. Geradeaus ging es nicht weiter. Beim genaueren Hinsehen nahm sie den See aber nun hinter den Ästen vor ihr wahr. Scarlett stand nun auf der Weggabelung, bog ein paar Äste zur Seite und lugte hindurch. Auf der rechten Seite, gar nicht weit entfernt, entdeckte sie Ben und Tom. Sie konnte nicht umhin, sie zu beobachten.

Während Tom am Ufer stand und seine Angel hielt, saß Ben auf einem umgestürzten alten Baumstamm. Er hatte seine Angel scheinbar zur Seite gelegt, jedenfalls konnte sie diese nirgends erkennen. Ben sprach mit Tom und beschrieb mit den Händen etwas. Seine Bewegungen waren nicht ausgreifend, aber klar und bestimmt. Scarlett lächelte in sich hinein. Bens Gestik ließ sie deutlich erkennen, dass die beiden miteinander diskutierten. Tom blieb aber ganz ruhig stehen, antwortete lediglich mit einem Blick in Bens Richtung und einem Kopfschütteln. Er holte gerade seine Angel ein.

Scarlett wandte sich um. Sie hatte das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Sie hatte nichts gehört, konnte auch nichts sehen, aber doch hatte sie das Gefühl, dort sei noch jemand.

Sie bog die Zweige wieder auseinander. Tom hatte nun auch seine Angel beiseite gelegt und stand zu Ben hin gewandt. Dieser sah ihn auffordernd an.



„Warum versteckst du dich?“ fragte plötzlich eine leise, raue Stimme neben ihr.

Scarlett war kaum überrumpelt, hatte sie doch schon gespürt, dass jemand in ihrer Nähe war. Neben ihr stand eine alte, kleine Aborigine und sah mit ihren fast schwarzen Augen fragend zu ihr auf. Sie hatte weiß-graues langes Haar, ein sehr faltiges Gesicht und trug ein schwarzes, knielanges Kleid, das etwas zu groß erschien.

„Es ist ein Überraschung.“ antwortete Scarlett ohne Scheu.

Die dunklen Augen musterten sie, hefteten sich an ihre Augen. Scarlett hielt dem Blick stand.

Die alte Frau legte den Kopf schief: „Überraschungen muss man sehen, damit sie überraschen.“

Scarlett nickte lächelnd. „Das stimmt.“

„Du wirst Ben mitnehmen.“ war die nächste Feststellung.

Scarlett nickte wieder.

„Das ist gut.“ war die Antwort. Jetzt sah Scarlett sie aber doch etwas irritiert an. Sie blickte kurz zu Ben und Tom hinüber und wollte gerade fragen, warum es gut sei. Aber sie schon war wieder allein auf der Weggabelung. So lautlos und geisterhaft die Aborigine aufgetaucht war, war sie auch wieder verschwunden.

Scarlett fasste sich und stapfte nun den Weg nach rechts weiter. Wenige Augenblicke später konnte sie die Stimmen der beiden schon hören.

„Hi!“ rief sie laut.

Tom und Ben hielten inne und sahen auf. Kurz darauf bahnte sich Scarlett einen Weg zu ihnen durch das Gestrüpp.

„Scarlett!“ rief Ben überrascht, kam auf sie zu und umarmte sie. „Was machst du denn hier?“

Mit so einer stürmischen Begrüßung hatte sie nicht gerechnet. Es schien, als wollte er sie gar nicht mehr loslassen. „Ich hole dich ab.“ antwortete sie lachend.

Tom kam nun auch und begrüßte sie. „Das ist wirklich eine Überraschung. Herzlich Willkommen.“ Auch er drückte Scarlett einmal, nachdem Ben sie freigegeben hatte.

Ben suchte sofort seine Sachen zusammen. „Okay, lassen wir Patrick nicht so lange warten!“

Scarlett schüttelte lachend den Kopf. „Patrick ist nicht hier. Ich bin mit dem Auto gekommen.“

Nun schaute Ben sie etwas entgeistert an.

„Aber dann fahrt ihr heute auf gar keinen Fall mehr zurück!“ entschied Tom sofort.

„Nein, das hatte ich auch nicht vor.“ antwortete Scarlett breit grinsend. „Wenn ich schon hier bin, möchte ich mich doch auch etwas umschauen und wenn es nur ein paar Stunden sind.“

Während sie nun zusammenpackten, berichtete Scarlett vom defekten Flugzeug und Marks Idee sie herzuschicken. Bepackt traten sie dann den Rückweg an.



Als sie die kleine Siedlung wieder erreichten, kamen sie auch wieder an der Frau mit dem Baby vorbei. Kaum waren sie vorüber, schnalzte sie plötzlich aufgeregt mit der Zunge und sprach einen melodischen Vers:

           Unagnai Birralie,
           Unagnu Birralie,
           Unagnu Birralie,
           Gunnugnu Birralie,
           Gunnugnu una Birralie. *

     

   * aus „Weise Frauen aus der Traumzeit“



Scarlett blieb stehen und drehte sich interessiert zu ihr um. „Verstehst du, was sie sagt, Tom?“

Tom nickte. „Ihr Kind hat gerade zum ersten Mal etwas gezielt gegriffen. Du weißt bestimmt, dass Besitz hier keine so große Rolle spielt. Der Spruch soll das Kind unterschwellig beeinflussen, Großzügigkeit fördern.“

Sie schaute zu der Mutter, die glücklich und voller Stolz nun ihr Kind in den Armen wiegte: „Kannst du es übersetzen?“

Tom erklärte: „Es bedeutet so viel wie:

           Gib es mir, Kleiner,
           Gib es ihr, Kleiner,
           Gib es ihm, Kleiner,
           Gib es einem, Kleiner,
           Gib es allen, Kleiner.“

„Wie schön!“ meinte Scarlett fasziniert. „Das sollten alle Mütter ihren Kindern beibringen.“

„In der modernen Gesellschaft ist tätige Nächstenliebe aber eher ein ungewöhnliches Verhalten. Der Eigennutz steht klar im Vordergrund.“ kommentierte Ben bedauernd.

„Damit hast du wohl Recht.“ stimmte Tom zu. Er nickte der Frau noch einmal anerkennend zu und dann gingen die drei weiter.

Scarlett seufzte: „Ich würde mir liebend gern sofort alles anschauen, aber wenn ich ehrlich bin, brauche ich doch erst eine Pause. Jetzt merke ich die Fahrt doch langsam in den Knochen. Ich habe mich auch noch gar nicht in der Zentrale gemeldet, dass ich angekommen bin.“

„Gut, wir müssen die Angelsachen ja sowieso zurückbringen.“ entschied Tom.



Kaum hatten die einen Fuß auf die Veranda gesetzt, die das ganze Haus umgab, kam Chris über den Platz gelaufen: „Tom, ich brauche deine Hilfe, kommst du bitte!“

Er sah ihr entgegen und beschattete die Augen mit der Hand, um von der Sonne nicht geblendet zu werden. „Was gibt es denn?“

Chris berichtete von dem Streit, der zwischen sechs Männern zu einer Schlägerei geführt hatte. „Purlimil hat es schlimm erwischt. Nimm bitte deine Tasche mit.“ endete sie.

Tom sah Ben und Scarlett bedauernd an. „Tut mir leid. Du kennst dich ja aus, Ben.“



Während Tom schnell seine Tasche aus dem haus holte, führte Ben Scarlett zum Funkgerät. Ein Satellitentelefon stand direkt daneben.

„So viel Fortschritt ist hier fast unheimlich.“ schmunzelte Scarlett und griff zum Telefon. Sie meldete kurz ihre Ankunft, während Ben gekühlte Limonade und Gläser auf die Veranda brachte. Als Scarlett wieder hinaus kam, saß Ben bereits locker in einem Korbsessel und erwartete sie.

Scarlett ließ sich in den Sessel links neben ihm fallen. Ben schüttete ihr von der Limonade ein und Scarlett nahm ihren Hut ab. Die Haare band sie schnell zu einem neuen Pferdeschwanz.

„So viel habe ich zwar noch nicht gesehen, aber hier ist es wirklich anders.“ stellte sie mit Blick über den Platz fest.

Ben lachte auf: „Das kann man so sagen!“

Scarlett musterte ihn. „Dir hat die Zeit hier wohl richtig gut getan. Du siehst gar nicht mehr mürrisch aus.“

„Nein, dazu habe ich auch keinen Grund! Und jetzt erst recht nicht mehr.“ zwinkerte ihr zu.

Scarlett fielen wieder die Kinder auf, die nun in der Nähe eines Hauses standen und herüberschauten. Sie winkte ihnen zu.

„Schade, dass Tom und Chris nun nicht hier sind. Ich würde gern so viel über ihr Leben hier erfahren.“ meinte sie bedauernd.

„Wir haben noch einen halben Tag Zeit. Wenn du dich etwas erholt hast, kann ich dich auch herumführen, wenn du magst.“ bot er an.

„Wie oft warst du schon hier?“ wollte Scarlett wissen, als sie aus den Augenwinkeln sah, dass die Kinder nun recht nah an der Veranda standen, auf sie deuteten und kicherten. Scarlett blickte von ihnen zu Ben und wieder zu den Kindern. „Habe ich einen Fleck im Gesicht oder so?“

Ben schüttelte den Kopf. „Nein, ich denke, es sind deine blonden Haare.“

Scarlett war überrascht.

„Es kommen nicht viele Besucher her. Lange, blonde Haare sind eine Attraktion. Selbst meine kurzen haben zu Beginn immer für Aufsehen gesorgt.“ erklärte er.

Scarlett stand schmunzelnd auf. „Na, dann will ich mich mal präsentieren!“

Ben beobachtete nun, wie Scarlett sich lächelnd auf die Verandastufen setzte und die Kinder herbeiwinkte. Neugierig kamen sie näher. Ein Mädchen traute sich schließlich vor und strich bewundernd über Scarletts Pferdeschwanz.

„Warte.“ sagte sie, löste den Zopf und wuschelte einmal durch ihre Haare. Kurz darauf saßen und standen alle Kinder um sie herum. Einige schauten sie schüchtern mit ihren dunklen Augen an. Die mutigeren fanden Gefallen daran Scarletts blonde Strähnen zu berühren. Aber kein Kind sagte ein Wort.

Lachend wandte sie sich zu Ben um. „Du hattest wohl Recht.“

„Wenn Du ihnen nun noch eine Geschichte erzählen kannst, bist du auf gutem Weg in die Kindergeschichten des Stammes einzugehen.“ lächelte er und kam herbei, um sich zu ihnen auf die Stufen zu setzen. Sofort krabbelte ein kleines Mädchen auf seine Knie.

„Ben, Tschichte.“ forderte die Kleine.

Aber Ben schüttelte den Kopf und wies zu Scarlett. „Meine Freundin heißt Scarlett. Sie wird euch heute eine Geschichte erzählen. Sie kann das sehr gut.“

Dann schaute er Scarlett auffordernd an. Auch die Kinder blickten sie erwartungsvoll an. Etwas überrumpelt überlegte sie kurz. Dann fiel ihr eine Geschichte ein, die sie früher sehr gern gehört hatte.

„Also gut. In einer kleinen Höhle lebte einst ein kleiner Wombat. Er war unglücklich, denn er war ganz allein.“ begann sie. Während sie weiter erzählte, lauschten die Kinder aufmerksam und Ben ebenfalls. Wie die Kinder musste auch er hin und wieder schmunzeln.

Als Scarlett geendet hatte, lachten die Kinder, sprangen auf und liefen davon.

„War die Geschichte so schlecht?“ fragte Scarlett verwundert.

Ben lächelte: „Nein, sie war fast wie eine Traumzeitgeschichte.“ Er stand auf und hielt Scarlett die Hand hin, um sie hochzuziehen. Scarlett griff zu.

„Es ist eine Traumzeitgeschichte.“ erklärte sie, als sie sich wieder in die Korbsessen setzten. „Mein Dad hat sie mir früher oft erzählt. Er ist vor meiner Geburt schon in einen Stamm aufgenommen worden. Es gibt sogar eine Geschichte darüber, weil er genau an dem Tag der Zeremonie eine Binddarmentzündung bekam und meine Ma ihn in einer heiligen Höhle operierte. Tom hatte ihr Anweisungen über Funk gegeben. Zu meiner Geburt lehrte der Stamm meinem Dad diese Geschichte.“

„Bewundernswert. Ich bezweifle, ob ich das je schaffe.“ merkte Ben beeindruckt an.

„Also, mich interessiert noch immer, wie oft du schon hier warst.“ wiederholte sie.

„Genau kann ich es gar nicht sagen. Fast jede zweite Urlaubsphase, außerdem natürlich regelmäßig auf den Kliniktouren.“ antwortete er.

„Und dann bist du der Geschichteerzähler, oder wie sollte ich das eben deuten?“ grinste sie.

Ben zuckte nur mit den Schultern und lächelte: „Hin und wieder.“

Scarlett schaute Ben, der aber gedankenverloren über den Platz schaute. Eine Weile sagte keiner ein Wort.

„Ich…“

„Hast du…“ begannen sie fast gleichzeitig und lachten.

Ben ließ Scarlett den Vortritt. „Du zuerst.“

„Ich finde, es ist seltsam. Ich bin erst so kurz hier und fühle mich schon völlig entspannt und fast wie zu Hause. es ist so … so …. anders hier. Das merke ich schon jetzt. Kommst du deshalb öfter her?“

Ben nickte bedächtig: „Ich weiß, was du meinst. Mir ging es bei meinem ersten Besuch außerhalb der Kliniktour ähnlich. Was noch seltsamer ist, weil ich ja ein halbes Jahr zuvor noch in Sydney gelebt hatte. Von diesem Ort geht eine magische Ruhe aus. Zeitdruck, Hektik, Sorgen und Nöte verlieren an Gewicht, man besinnt sich irgendwie auf sich. Hört auf solche Empfindungen, wie du sie beschreibst. Hier ist man Willkommen, so wie man ist, in welcher Lebensphase man auch immer sein mag, welche Probleme man auch immer haben mag. Man ist einfach als Mensch angenommen.“ Sein Blick richtete sich nachdenklich auf den Horizont.

So hatte ihn Scarlett noch nie erlebt. Sie wagte nicht, etwas zusagen. Sie folgte seinem Blick über die Dächer der Häuser zu einem nicht erkennbaren Punkt irgendwo in der Ferne. Anderswo hätte sie vielleicht über diesen philosophischen Ben gescherzt, aber in diesem Augenblick war sie davon gefangen. Innerlich spürte sie eine Ruhe und sie lauschte entspannt auf die natürlichen Geräusche um sie herum. Irgendwo bellte ein Hund. Leichter Wind kam auf und streifte kühlend über das Gesicht. Sie schloss die Augen und sog die Luft tief ein. Sie nahm das regelmäßige Pochen ihres Herzens wahr. Die Geräusche wurden immer deutlicher. Ein Rascheln und Knacken in der Nähe, Vögel kreischten und Scarlett nahm das Schlagen ihrer Flügel wahr. Im nächsten Augenblick hörte sie Schritte und schlug die Augen wieder auf.

Chris kam zurück und war nur noch wenige Meter von der Veranda entfernt: „So, da bin ich wieder. Tom kommt auch gleich zurück.“

Scarlett sah zu Ben. Er hatte sie wohl schon länger angesehen, lächelte nun und deutete ein bedauerndes Schulterzucken an.

Chris setzte sich zu ihnen und berichtete über den Zwischenfall. Kurz darauf kam auch Tom zurück und gesellte dazu.



„Scarlett, bist bereit für die große Führung?“ fragte Tom schließlich unternehmungslustig.

Den Vorschlag nahm sie natürlich gern an, stand augenblicklich auf und nahm ihren Hut. „Natürlich! Worauf warten wir noch?“

Die anderen folgten ihrem Beispiel und standen auf. „Fangen wir erst einmal mit dem Haus und der Krankenstation an.“ schlug Tom vor und hielt die Tür einladend lächelnd auf.

Scarlett trat ein und wartete dann auf die Hausherren. Tom und Chris gingen voran und dann folgten Scarlett und Ben. Der Wohnbereich war großzügig eingerichtet. Neben Wohnküche, Bad und Wohnzimmer gab es noch vier weitere Zimmer.

„So viele Gästezimmer?“ fragte Scarlett überrascht.

Chris erklärte ihr, dass jeder von ihnen ein Zimmer für sich selbst nach seinem Geschmack und Verwendung eingerichtet hatte. Eigentlich gäbe nur ein wirkliches Gästezimmer, aber in allen Räumen war noch Schlafgelegenheit für Notfälle. Ein Zimmer war seltsam karg. Eine kleine Kommode mit feinen Schnitzarbeiten, zwei einfache Holzstühle, ein Holztische und ein grober Teppich. Ansonsten gab es hier nichts, keine Dekoration und keine Bilder an den Wänden.

„Und was macht ihr hier?“ erkundigte sich Scarlett.

„Hier empfangen wir Stammesangehörige.“ antwortete Tom und Scarlett zog die Augenbrauen fragend hoch. „Nun die Kulturen sind ja sehr unterschiedlich. Wir möchten uns natürlich nicht aufgeben, aber eine gewisse Bereitschaft zur Anpassung ist natürlich auch erforderlich. Es ist wichtig Platz für Gäste zu haben, einen trockenen Platz. Viele Gegenstände nehmen den Platz. Erinnerungsstücke haben auch keinen so großen Stellenwert. Viele Stammesangehörige sind sehr darauf bedacht so nah wie möglich an ihrer noch verbliebenen Tradition festzuhalten. Sie würden nur ungern in unserem Wohnzimmer auf einer weichen Couch zwischen all den überflüssigen und die Geister störenden Dingen sitzen. Dieser Raum ermöglicht uns einen ganz anderen Kontakt zu wahren.“

Scarlett war beeindruckt, daran hatte sie noch nie gedacht.

Die Krankenstation war für sie eher weniger interessant. Auch hier merkte man zwar, dass Rücksicht darauf genommen wurde, ein Wohlbefinden schaffen zu können, aber auf medizinische Geräte und auch einen kleinen OP wurde nicht verzichtet. Es blieb der Eindruck eines Krankenhauses. Einen Unterschied gab es aber doch noch. Es gab keinen Patienten.

„Warum ist euer Patient von heute Nachmittag denn nicht hier?“ wollte Scarlett nun wissen.

„Er hat sich zwar von Tom versorgen lassen, aber wenn es nicht unbedingt nötig ist, ziehen wir es vor, sie selbst entscheiden zu lassen, wo sie sich auskurieren wollen. Sie wissen, dass sie sich auf uns verlassen können, wenn es Probleme gibt, werden sie nach Tom schicken.“ meinte Chris.

„Von dir lassen sie sich nicht behandeln?“

Chris lächelte: „Es gibt Aufgaben für den Mann und Aufgaben für die Frau. Aufgabenteilung ist wichtig. Teilweise ist nur einer von uns erwünscht. Purlimil war ein Fall für Tom.“

„Außerdem darfst du nicht vergessen, dass sie ja auch ihre weisen Männer und Frauen haben, die sich um die Kranken kümmern. Die Akzeptanz zwischen uns ist inzwischen so groß, dass wir gut zusammen arbeiten können. Es gibt Fälle, da können Chris und ich nicht helfen und umgekehrt.“ fügte Tom noch hinzu.

Ben registrierte Scarletts zögernde Haltung: „Man muss sich erst hineindenken, stimmt’s?“

Sie nickte.

„Wir kooperieren miteinander, akzeptieren einander und lernen von einander.“ erklärte Tom.

Ben schmunzelte: „Scarlett, hatte schon Gelegenheit, von dieser Kooperation zu profitieren. Ich habe ihr vor einer Weile eure Kräutermischung gegen Grippe verordnet.“

Allein bei dem Gedanken verzog Scarlett angewidert das Gesicht und die anderen lachten.

„Es hat wirklich wie von Ben angekündigt ein kleines Wunder vollbracht, aber es schmeckt widerlich. Nicht einmal Zucker durfte ich in den Tee tun.“ beschwerte sie sich noch.

„Das würde das zusammenwirken der Substanzen verändern. Man muss sich wirklich daran halten. Es ist uraltes Wissen, das angewandt wird.“ grinste Tom. „Es muss nicht gleich die chemische Keule sein.“

Nun begaben sie sich in die Siedlung. Es gab verschiedene Werkstätten in einem lang gezogenen Gebäude etwas abseits, in dem Kunst und Handwerk betrieben wurde.

„Ziel ist die Selbstversorgung.“ erklärte Chris. „Eine komplette Loslösung von der materialistischen Welt ist nicht möglich. Dafür brauchen wir auch hier Geld. Tom und ich vermitteln die Künstler an Galerien oder auch Aufträge. Wir unterstützen sie auch beim Aushandeln von Verträgen. Ein Teil des Verkaufs geht in eine gemeinsame Kasse und der andere Teil an die Künstler und Handwerker. Im Notfall ist also auch Geld für jemanden da, der es dringend braucht und nicht genug Eigenkapital hat. Eine Notfallversicherung sozusagen.“

„Ich hatte ja keine Ahnung, was ihr hier alles so macht. Ich dachte, ihr betreibt nur die Krankenstation.“ Scarlett war wirklich fasziniert.

„Wir sehen es als Hilfe zur Selbsthilfe an.“ kommentierte Tom es.

Scarlett blieb stehen und schaute zu, wie eine Künstlerin ein Naturfarbengemälde erstellte. Chris sprach kurz mit der Künstlerin und daraufhin erklärte sie in gutem Englisch mit einem seltsamen Dialekt, was sie tat. Schließlich lächelte sie Scarlett dann an, die fasziniert versucht hatte, sich alles zu merken. „Vielen Dank. Das Bild wird wunderschön, das sieht man schon jetzt.“ verabschiedete sich Scarlett anerkennend. Und blickte einer anderen Künstlerin über die Schulter.

„Wir gehen schon einmal vor.“ meinte Ben schmunzelnd zu Scarlett.

Scarlett nickte und ließ sich nicht weiter stören. Chris blieb bei ihr, während Tom und Ben wieder hinausschlenderten.

„Oh, Chris, das sind alles wunderschöne Dinge hier!“ schwärmte Scarlett.

„Ja, ich bin auch immer wieder beeindruckt.“ stimmte Chris ihr zu. Die zwei hielten sich noch eine ganze Weile in der Werkstatt auf.



Ben und Tom hingegen saßen draußen auf den Stufen.

„Scarlett scheint die lange Fahrt gar nicht zugesetzt zu haben.“ meinte Tom.

Ben lachte: „Wenn du sie täglich erleben würdest, würde dich das nicht verwundern. Selbst im Dauerstress ist sie voll da. Sie hat beinahe unheimliche Reserven. Ich gehe jede Wette ein, dass sie morgen die Fahrt komplett verschläft, sobald ich am Lenkrad sitze.“

„Ihr versteht euch also gut?“ erkundigte sich Tom neugierig.

„Wunderbar, von Anfang an. Wir ergänzen uns perfekt. Wenn einer Gefahr läuft das Wesentliche aus den Augen zu verlieren, sorgt der andere wieder für die Tatsachenfeststellung.“ Ben lächelte in sich hinein. „Ich weiß gar nicht, was ich ohne sie im Krankenhaus gemacht hätte.“

Tom beobachtete ihn mit einem leichten Schmunzeln. „Ein gutes Team also.“

„Ein nahezu perfektes Team.“ korrigierte Ben sofort.



Scarlett und Chris unterhielten sich ebenfalls, während sie von einem Objekt zum anderen gingen. „Es ist so fantastisch. Ich bin so froh, dass ich hergekommen bin.“ beteuerte Scarlett und hielt plötzlich inne. „Ich habe euch ja noch gar nicht von meinen Eltern gegrüßt. Ma möchte euch so gern mal einladen.“

„Ja, das wäre schön, mal die alte Heimat wieder zu sehen.“ antwortete Chris.

„Über die Tage als der Brand war, bei dem Ben verletzt wurde, war ich dort. Es war richtig toll, aber wenn ich gewusst hätte, was in Charleville los war, hätte ich wohl keine ruhige Minute gehabt.“ Scarlett schüttelte bei dem Gedanken den Kopf.

„Ben und du, ihr steht euch wohl sehr nah.“ stellte Chris fest.

„Ich habe so viel Glück in Charleville gehabt. Das Team ist wunderbar. Patrick und Ben sind mir schon richtig gute Freunde geworden.“

„Mehr nicht?“ hakte Chris nach.

Scarlett blickte sie verwundert an. „Wir arbeiten, verbringen viel Zeit zusammen, schließlich sind wir teilweise ganze Tage zusammen in der Zentrale.“

Chris verkniff sich amüsiert ein Lachen. „Beruflich, sicher. Das kenne ich schließlich auch.“ Dann zog sie Scarlett am Arm. „Komm, lassen wir die Berufskollegen nicht länger warten.“



Als sie herauskamen, standen Tom und Ben sofort auf.

„Hast du dich doch noch losreißen können?“ grinste Ben Scarlett an.

„Schwer. Was gibt es denn noch zu entdecken. Wie ist es zum Beispiel mit einer Schule?“

„Oh, das ist eine Kombination zwischen traditionellen Lehren, School of Air und Gesundheitserziehung, die wir übernehmen.“ erklärte Tom.

„Ihr macht aber auch wirklich alles, oder?“ grinste Scarlett.

„Eigentlich nicht, wir leiten ein paar Personen an, die dann die Aufgaben übernehmen, aber hin und wieder dürfen wir dann auch mal dabei sein. Wie gesagt, gegenseitige Akzeptanz und Hilfe zur Selbsthilfe.“ lautete Toms Antwort.

„Und wir haben auch schon sehr viel hier gelernt.“ fügte Chris hinzu.

Sie spazierten noch eine Weile durch die Siedlung, die größer war, als sie auf den ersten Blick erschien und Scarlett lernte auch noch ein paar der ansässigen Aborigines kennen.



Als sie abschließend an der Einbiegung des Weges zum See vorbei kamen, hielt Ben an. „Wenn du magst, zeige ich dir meinen Lieblingsplatz. Er liegt eine kleine Strecke hinter dem See.“

„Sicher, gern!“ stimmte Scarlett sofort zu.

Chris sah Tom an: „Ich habe noch im Haus zu tun und vielleicht solltest du noch die Liste zusammenstellen, welche Medikamente wir noch brauchen, dann kann Ben sie morgen mitnehmen.“

Tom verstand ihren Fingerzeig sofort, die beiden allein zu lassen. Mit einem leichten Lächeln zu ihr nickt er zustimmend. „Und dann kümmere ich mich noch um die gefangenen Fische zum Abendessen. Wenn ihr zurück seid, erwartet euch ein Festessen!“ stellte er Ben und Scarlett in Aussicht.

„Hört sich toll an!“ lachte Scarlett.



Also trennten sie sich. Scarlett ging hinter Ben den schmalen Pfad zum See entlang.

„Es ist faszinierend, wie anders die Luft hier ist.“ merkte Scarlett an.

„Ja, die Luftfeuchtigkeit macht unglaublich viel aus. Der See wird von einer unterirdischen Quelle gespeist. Der Wasserstand ist mal höher, mal niedriger, aber ich habe noch nie erlebt, dass er trocken lag. Der See hier liegt auf einem Traumpfad.“

„Gibt es eine Geschichte dazu?“ fragte Scarlett interessiert.

„Ja, es geht um ein Wasserungeheuer und ein Liebespaar.“

„Kannst du die Geschichte erzählen?“ erkundigte sie sich hoffnungsvoll.

„Ich weiß nicht, ich könnte sie nur zusammenfassen. Wir sollten Gunur fragen. Sie ist die Geschichtenerzählerin.“ lehnte Ben zögernd ab.

„Ich hätte sie gern hier gehört.“ bedauerte sie und blickte auf den See.

„Gunur hält sich oft in der Nähe des Sees auf. Mit etwas Glück steht sie gleich vor uns. Sie versteht es ausgezeichnet sich lautlos zu bewegen.“ lächelte Ben.

„Ich glaube, dann bin ich ihr schon begegnet. Bevor ich zu euch an den See kam, stand plötzlich eine kleine Frau neben mir. Sie fragte mich, was ich hier mache und war genauso plötzlich kurz darauf auch wieder verschwunden.“ erzählte sie.

„Ja, das wird sie gewesen sein.“ grinste Ben. „Gunur ist die weise Frau. Manchmal ist es ganz schön unheimlich, was sie alles weiß.“

„Ich kann mir vorstellen, was du meinst. Sie sah mir ganz tief in die Augen. Ich Dachte, sie weiß jetzt alles über mich! Bei den Aborigines heißt es doch, ein tiefer Blick in die Augen berührt die Seele, oder?“ meinte Scarlett.

„Ja, sie glauben daran. Wenn ich an Patienten denke, verrät mir ihr Blick ja auch eine ganze Menge. Ob man aber wirklich bis zur Seele vordringen kann? Auf der einen Seite ein schöner Gedanke, aber auch etwas unheimlich.“



Sie spazierten weiter und die Büsche wurden dichter. Der Weg war für Scarlett kaum noch zu erkennen und sie folgte Ben auf jeden Schritt. Der Pfad stieg an und es war mühsam voran zu kommen. „Ich habe nicht mit einer Bergtour gerechnet.“ stöhnte Scarlett.

„Wir sind gleich da.“ motivierte Ben sie und reichte ihr die Hand, um sie über eine Felskante heraufzuziehen.

Kurze Zeit darauf kletterten sie um einen Felsen herum auf ein kleines, freies Plateau. Ganz plötzlich hatten sie einen weiten Blick über die kleine Oase des Sees, die Siedlung auf ihrer rechten Seite und auch die unendlich scheinende Weite zum Horizont zur linken Seite. Scarlett hielt unwillkürlich den Atem an und ließ ihren Blick über den Horizont gleiten. Auch Ben schaute in die Ferne. Um sie herum war es still.

Irgendwo lachten Kookaburras.

„Ben…!“ flüsterte Scarlett.

„Ja?“

„Wahnsinn.“ hauchte sie und konnte den Blick nicht losreißen.

Ben blickte die ergriffene Scarlett an.

„Du müsstest mal den Sonnenuntergang hier erleben.“ meinte er leise.

Sie schwiegen wieder.

Schließlich hockten sie sich auf den Boden und ließen die Aussicht weiter auf sich wirken. Scarlett spürte, wie sich Gedanken entwickelten. Einerseits war sie ein Teil dieser Szene, andererseits fühlte sie sich plötzlich als außen stehende Betrachterin. Sie fühlte sich winzig im Vergleich zur unendlichen Weite. Die Sorgen der letzten Zeit verblassten und verloren an Bedeutung. Aber sie war nicht allein hier. Sie spürte Bens Gegenwart. Ohne ihn anzusehen, wusste sie, dass auch er in Gedanken versunken war. Warum waren sie beide jetzt hier? War es Zufall? Schicksal? Vorsehung? Ihre Gedanken fingen an, sich zu drehen. Die Umgebung verschwamm und sie sah nur noch Ben in den Gedanken klar vor sich.

„Scarlett, wir sollten zurückgehen.“

Sie zuckte bei den Worten zusammen. Er sah sie fragend an. „Alles in Ordnung?“

Scarlett schluckte. „Ich … war ganz in Gedanken.“

Er stand auf und hielt ihr die Hand hin, um sie hochzuziehen. Lächelnd ergriff sie die Hand. Bens Griff war fest und der Schwung ließ Scarlett kurz darauf dicht vor ihm stehen. Sie blickte in seine spitzbübischen, blauen Augen und versank darin. ‚Die Seele berühren.’ fuhr es ihr durch den Kopf. Einen Augenblick hielten sie beide inne. Die Welt schien still zu stehen. Scarlett spürte ihren Herzschlag.

Plötzlich blinzelte Ben und drehte den Kopf zur Seite. Der Bann war gebrochen.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, stieg er den Pfad wieder hinab und Scarlett blieb verwirrt zurück. Was war gerade geschehen?

„Warte, Ben! Ohne dich finde ich niemals zurück.“ rief sie und eilte hinter ihm her.



Irgendetwas hatte sich dort oben verändert. Ben war auf dem Rückweg sehr wortkarg gewesen und als sie jetzt bei gedünstetem Fisch auf der Veranda mit Tom und Chris zusammen saßen, schien er sich auch in sich gekehrt zu sein. Das Licht mehrer Kerzen trug zu einer gemütlichen Atmosphäre bei.

„Wann wollt ihr morgen losfahren?“ fragte Tom.

„Ich weiß nicht. Ben, was denkst du? So gegen 6 Uhr?“ fragte Scarlett.

Ben nickte: „Hm, ist gut.“

Scarlett schaute ihn fragend an, aber er wandte sich an Tom: „Die Liste der fehlenden Medikamente habe ich schon eingesteckt. Kann ich sonst noch etwas beim nächsten Stopp mitbringen?“

„Nein, sonst fehlt nichts. Fällt dir noch etwas ein, Chris?“ fragte Tom.

Chris schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht.“

Tom öffnete noch eine Flasche Wein. „Man gönnt sich ja sonst nichts.“ kommentierte er es mit einem Augenzwinkern. Er rückte mit seinem Stuhl näher an Chris heran und legte seine Hand auf ihre. „Solche Abende machen wir uns viel zu selten.“

Scarlett grinste. „Mir kommt es vor, als hättet ihr hier Tag ein Tag aus Urlaubsatmosphäre.“

„Es ist nicht immer so beschaulich wie heute.“ lachte Chris. „Aber wir können uns nicht beschweren.“

„Nein, können wir nicht.“ stimmte Tom zu und streichelte ihre Hand.

Scarlett reckte sich. „So langsam werde ich müde.“

„Ja, ich werde mich auch gleich zurückziehen. Zum Fahren müssen wir fit sein. Ich übernehme die erste Strecke.“ sagte Ben und stand augenblicklich auf.

„Geh ruhig, ich lasse dir den Vortritt beim Bad.“ bot Scarlett an.

Als Ben fort war, beugte sie sich zu Tom und Chris vor: „Er benimmt sich auf einmal irgendwie seltsam.“

Tom und Chris sahen sie fragend an.

„Ist euch das denn nicht aufgefallen? Ben hat kaum noch ein Wort gesagt.“

Tom zuckte mit den Schultern. „Wir sitzen öfter schweigend hier zusammen.“

„Ich kenne das gar nicht von ihm.“ antwortete Scarlett überrascht.

„Die Gegend hier kann einen großen Einfluss ausüben.“ entgegnete Tom.

„Vielleicht ist es die Tatsache, dass Ben nun wieder zurück in den Alltag muss.“ gab Chris zu bedenken. „Er genießt die Zeit hier immer sehr.“

Scarlett seufzte. Sie hatte einfach das Gefühl, dass es da noch einen anderen Grund gab.



*

Am nächsten Morgen frühstückten sie noch gemeinsam um dann pünktlich um 6.00 Uhr aufzubrechen. Sie standen gerade am Wagen und wollten sich verabschieden, als einige Leute aus der Siedlung herüberkamen. Scarlett erkannte ein paar Kinder vom Vortag und auch ein paar andere Gesichter. Eine Frau trat auf sie zu und überreichte ihr das fertige Bild, bei dessen Herstellung sie zuvor so begeistert gewesen war.

„Das kann ich nicht annehmen.“ wehrte Scarlett ab.

„Du bist willkommen.“ sagte die Künstlerin.

Scarlett verstand nicht, was sie meinte. Da tauchte plötzlich die alte Frau auf, die sie am See getroffen hatte: „Du wirst wiederkommen.“

Ihr Blick ruhte erst auf Scarlett, dann auf Ben. Schließlich nickte sie und kehrte zur Gruppe zurück.

Ben und Scarlett umarmten Tom und Chris zum Abschied, stiegen ins Auto und hupten noch einmal laut, als sie davonfuhren.

„Ein schönes Paar!“ meinte Tom, während er noch einmal die hand zum letzten Gruß hob.

„Sie müssen es nur beide noch einsehen.“ seufzte Chris.

„Erst müssen die Schatten der Vergangenheit sich lösen.“ hörte sie plötzlich hinter sich. Gunur stand dort und blickte ebenfalls der Staubwolke hinter dem Wagen hinterher. „Das Bild wird ihnen den Weg weisen.“

Tom und Chris schauten sich an. Sie hatten Gunurs Scharfsinn schätzen gelernt. Sie richteten den Blick noch einmal auf die sich entfernende Staubwolke und wünschten Ben und Scarlett in Gedanken alles Gute.
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