Scarlett Standish - Ein Leben beim RFDS - Kapitel 1-17

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28.08.2017
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28.08.2017 4.044
 
„Hallo!” Fröhlich lachend kam eine junge Frau nachmittags in die Zentrale der fliegenden Ärzte in Charleville. Die blonden schulterlangen Haare hatte sich die 24-Jährige zu einem Pferdeschwanz gebunden. Kleine Grübchen an den Mundwinkeln unterstützten den offenen Blick ihrer blau-grünen Augen, die sich neugierig umsahen. Der in die Jahre gekommene Funker Rick kam aus dem Funkraum auf sie zu und begrüßte sie.

„Ah, so hübsch habe ich mir meine Ablösung nicht vorgestellt! Ich bin Rick Healy, herzlich Willkommen!“

„Freut mich sehr, Scarlett Standish.“

„Standish! Ein klangvoller Name im Outback.“

„Ja, der Ruf meiner Eltern eilt mir oft voraus.“ lachte Scarlett. Sie mochte Rick auf den ersten Blick und hatte schon viel über ihn gehört. Er war eine Legende unter den Funkern. Rick nahm Scarlett mit in den Funkraum. „So, dies ist dann also dein neuer Arbeitsplatz! In den nächsten zwei Tagen kann ich dich noch einweisen, dann überlasse ich es ganz dir.“

„Wunderbar, ich hatte gehofft, dass es kein fliegender Wechsel sein würde. So wird es für alle einfacher sein, denke ich.“ Sie setzten sich und Rick begann ohne viel Zeit zu verlieren, mit seiner anekdotenreichen Einweisung über das zu versorgende Gebiet, die Ärzte und einige Farmbesitzer. Scarlett saß neben ihm und lauschte seinen Erzählungen mit nur einem Ohr. Sie kannte solche Geschichten. Überall im Outback wurden sie ähnlich erzählt. In diesem Moment war sie einfach nur froh, sitzen zu können und nichts sagen zu müssen. Dies sollte also ihr zukünftiger Arbeitsplatz sein. Unauffällig sah sie sich um. Funkstationen waren alle irgendwie gleich eingerichtet, klein und praktisch. Rick hatte scheinbar nicht viel Wert auf eine persönliche Note gelegt. Nur ein paar Postkarten schmückten die Magnettafel rechts neben dem Funkgerät. Scarletts Gedanken schweiften mit ihrem Blick umher.

„Danach solltest du unbedingt mal deine Eltern fragen, bestimmt erinnern sie sich auch noch daran!“ meinte Rick und lachte dröhnend. Scarlett lächelte gedankenverloren und zwang sich zu einer raschen Antwort: „Ja, bestimmt!“ Sie verdrängte ihre abschweifenden Gedanken und stellte Rick nun aufmerksam ein paar Fragen.

Schließlich lernte Scarlett ihre weiteren Kollegen kennen, als diese von der Kliniktour zurückkamen. Zuerst betrat ein junger Mann in Pilotenuniform die Zentrale. Mit seinen dunklen Augen und dem zerzausten schwarzen Haaren erinnerte er Scarlett an einen Jugendfreund und darum gefiel er ihr sofort. „Die neuen Funkerin?“ fragte er und reichte ihr die Hand.

„Scarlett Standish.“

„Ich bin Patrick, der Pilot!“

Ihm folgte eine Schwester um die 40 Jahre, die er ihr als Sue vorstellte und schließlich Dr. Mark Livingstone, der Chefarzt von Charleville.

„Scarlett, hallo. Ich konnte es ja gar nicht glauben, als ich erfuhr, wen man uns als Ricks Nachfolgerin schicken würde. Wie geht es deinen Eltern?“

„Danke, sehr gut. Ich soll Grüße an alle ausrichten.“

Scarlett hatte Mark ein paar Mal vor ihrer Ausbildung mit ihren Eltern getroffen, als sie noch bei ihnen wohnte. Er war groß und schlank. Seine kurzen Haare waren an den Schläfen schon leicht angegraut und verliehen seinem kantigen Gesicht eine gewisse Strenge, die aber verschwand, sobald er lächelte. Geoff und Kate hatten ihr schon einiges über ihn erzählt. Demnach war er ein ausgezeichneter Arzt.

„Unseren Assistenzarzt Ben Collins wirst du heute Abend kennen lernen. Er hat noch Dienst im Krankenhaus.“ erklärte Mark.

„Hast du schon einen Platz zum Schlafen?“ fragte Patrick.

„Ja, ich habe für eine Woche ein Zimmer im Pub reserviert und hoffe, bis dahin etwas anderes gefunden zu haben.“

„Wenn du Hilfe brauchst, sag’ mir ruhig Bescheid.“

„Darauf kannst du dich verlassen. Danke.“ antwortete Scarlett augenzwinkernd. Sie fühlte sich sofort unter ihren neuen Kollegen wohl.



Am Abend trafen sich alle im Pub, genau so kannte Scarlett es aus Coopers Crossing. Dort lernte sie dann auch Ben kennen, der das Team komplett machte. Seine großen blauen Augen und die weichen Gesichtszüge ließen ihn fast jungendlich wirken. Durch den Strubbellook der Haare wurde das noch unterstützt und er erinnerte Scarlett an einen schelmischen Lausbub. Ben und Patrick waren die allerbesten Freunde und unterhielten mit ihrer lustigen Art den ganzen Pub. Rick wandte sich an Scarlett: „Warum bist du nicht wie deine Eltern in die Medizin gegangen?“

„Es ist nicht meine Welt, obwohl Dad es natürlich sehr gern gesehen hätte. Mich interessiert die Technik einfach mehr. Von Klein auf habe ich mit Clare am Funkgerät gesessen.“

„Ah, ja, Clare, ich erinnere mich noch sehr gut an sie.“ fiel Rick ihr ins Wort. „Ist sie nicht irgendwann in die Hauptzentrale nach Melbourne gegangen?“

Scarlett nickte. „Stimmt, vor 9 Jahren war das. Sie wurde leitende Funkkoordinatorin. Aber das Großstadtleben hat ihr ganz schön zu schaffen gemacht. Sie ist dann in einen Vorort gezogen und dort eine Beratungsstelle für alleinerziehende, junge Mütter gegründet. Vor ein paar Wochen war ich noch dort. Sie hat damit wirklich ihre Berufung gefunden.“

„Sie war schon immer ein guter Engel, ich habe mich damals gut mit ihr verstanden. Aber es hält eben nicht jeder an einem Ort so lange aus wie ich!“ lachte er.

„Meine Ma kann sich gar nicht an deinen Vorgänger erinnern.“ grinste Scarlett.

„Vor 32 Jahren habe ich hier angefangen. Kate hat ein paar Mal bei uns ausgeholfen.“

„Und was willst du jetzt tun?“

„Er zieht zu seinem Neffen, um Opale zu suchen.“ mischte sich Ben breit grinsend ein.

Scarlett dachte, er mache einen Scherz und lachte: „Was auch sonst!“

Aber Rick blinzelte Ben an: „Du bist noch viel zu jung, um das zu verstehen. Immerhin hat Scott schon ein paar kleine Opale gefunden und er ist sicher, dass dort eine Ader ist.“

Scarlett schluckte ihr Lachen schnell hinunter und sah, wie Ben ihr schelmisch zuzwinkerte.



Es war schon spät, als Scarlett einfiel, dass sie ja versprochen hatte, sich noch kurz bei ihren Eltern zu melden. Sie verabschiedete sich und ging auf ihr Zimmer. Dort zog sie sich schnell die Schuhe aus, warf sich auf das Bett und griff zu ihrem Handy. „Hi, Dad!“

„Ja, ja, sofort!“ hörte sie die Stimme ihres Vaters sagen. „Schön , dass du dich noch meldest.“

„Tut mir Leid, dass es so spät ist. Hört Ma mit?“

„Ja, wir sitzen auf dem Sofa und sind gespannt, wie es dir gefällt.“

Scarlett schmunzelte. Sie wusste genau, wie es abgelaufen war. Das Telefon hatte schon in Reichweite gelegen und als es klingelte, hatten sie sich gleichzeitig darauf gestürzt. Geoff hatte wohl gewonnen und Kate hatte sofort darauf gedrängt, dass er den Lautsprecher einschaltete.

„Hi, Ma! Ich soll euch von allen grüßen.“

„Wie findest du deine neuen Kollegen?“ fragte Kate sofort.

„Ben und Patrick sind eine Wucht und der berühmte Mark Livingstone ist auch sehr nett.“

„Wie meinst du das? Sie sind eine Wucht?“ fragte Geoff argwöhnisch und bekam sogleich einen warnenden Rippenstoß von Kate versetzt.

Scarlett lachte: „Dad, sie sind einfach alle sehr nett zu mir.“

„Sie sind noch nicht lange beim Service. Ich werde mich mal etwas umhören.“ antwortete Geoff sofort. „Das wirst du nicht!“ hörte Scarlett Kate zischen.

„Beruhigt euch, es gefällt mir hier und es geht mir gut!“

„Ich passe schon auf, dass dein Vater keine Dummheiten macht! Hast du auch schon mit Rick gesprochen?“

„Ja, da habt ihr nicht übertreiben, er ist ein echtes Original! Es wird schwer werden seine Stelle einzunehmen.“

„Mach’ dir keine Sorgen, lass es erst einmal auf dich zukommen.“

„Rick wird mich noch einweisen, bevor er Charleville verlässt.“

„Das ist gut!“ meinte Kate sofort.

„Du hast bei uns schon so oft ausgeholfen. Du bist ein Naturtalent im Umgang mit den Leuten!“ machte Geoff ihr sofort Mut.

„Danke. Ich lege mich jetzt hin, damit ich morgen fit bin. Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Scarlett!“

„Schlaf gut.“

„Ja, ihr auch. Bis bald.“

Geoff und Kate hörten das Klicken in der Leitung und Kate legte auch auf. Sie kuschelte sich an Geoff. „Ich wäre so gerne bei ihr.“

„Sie werden begeistert von ihr sein.“

„Natürlich werden sie das...irgendwann.“



*



Scarlett wachte schon früh auf. Sie hatte schlecht geschlafen, weil sie nervöser war, als sie sich eingestehen wollte. ‚Warum eigentlich? Ich bin gut, ich schaffe das!’ redete sie sich selbst vor dem Spiegel Mut zu. Dann ging sie entschlossen zum Duschen. Danach fühlte sie sich gleich besser. Sie frühstückte ausgiebig und schlenderte zur Zentrale, die gleich neben dem Krankenhaus am Stadtrand lag. Als sie gerade dort ankam, hupte hinter ihr ein Auto. Überrascht drehte sie sich um. Der Wagen hielt neben ihr in der Einfahrt und Patrick stieg aus. „So früh?“ begrüßte er sie.

„Du bist ja auch schon da.“

„Notgedrungen, wir haben heute eine lange Tour vor uns.“ Er hielt Scarlett galant die Tür auf.

„Danke.“

Rick saß schon am Funkgerät: „Ah, schön, dass du schon da bist!“

Scarlett war sofort bei der Sache. „Patrick hat gerade erwähnt, dass heute eine lange Tour ansteht. Was ist das Besondere daran, Rick?“

„Einmal im Monat fliegen wir nach Yuti-Station und bringen Medikamente dorthin. Manchmal nehmen wir auch einen Patienten von dort mit.“

„Yuti-Station, irgendwo habe ich das schon einmal gehört.“ überlegte Scarlett laut.

Rick lächelte wissend. „Gleich müssten sie sich eigentlich melden. Es gibt dort zwei Ärzte, eine Sozialarbeiterin und ein paar einheimische Helferinnen.“ erzählte er und wurde dann vom Funkgerät unterbrochen: „Bravo, Lima, Echo an Sierra, Tango, Omega. Rick bist du schon da?”

„Glaubst du, ich verschlafe an meinem letzten Tag, Tom?“ lachte Rick und warf einen amüsierten Blick zu Scarlett. „Das hatte ich ja ganz vergessen! Ich habe noch ein paar Ergänzungen, die ihr uns nach Möglichkeit mitbringen könntet.“

„Die gibst du am Besten gleich an meine Nachfolgerin durch.“ Rick sah Scarlett auffordernd an, die bisher ungläubig zugehört hatte. Jetzt schluckte sie schnell und übernahm strahlend das Funkgerät. „Hallo, Bravo, Lima, Omega. Einen schönen Gruß von Victor, Charlie, Charlie!“

Tom stutzte irritiert. „Danke, und wer sendet uns diesen Gruß?“

„Hier spricht die neue Funkerin von Charleville, Scarlett Standish.“

„Das gibt es doch nicht!“

„Ich dachte auch, ich höre nicht recht! Ich hatte keine Ahnung, dass ihr zu unserem Gebiet gehört.“

Tom lachte. „Das nenne ich eine gelungene Überraschung! Du warst noch ein Teenie, als ich dich zuletzt sah!“

„Das stimmt, aber ehe wir in Erinnerungen aufgehen, gib mir bitte die Dinge durch, die ihr noch braucht. Patrick wartet schon.“ Rick nickte anerkennend und Tom räusperte sich: „Also,...“

Nachdem Scarlett alles notiert hatte, gab sie die Liste an Patrick weiter und fragte dann: „Wie kommt es, dass ihr Charleville zugeteilt seid?“

„Oh, das ergab sich irgendwann. Wir hatten einen Notfall im Busch und Mark war in der Nähe. Danach haben wir einen Kooperationsvertrag ausgearbeitet. Aber wie geht es dir? Was machen Kate und Geoff? Gibt es Neuigkeiten aus Coopers Crossing?“

„Kommt halt mal wieder vorbei. Meine Eltern würden sich freuen!“

„Du hast ja recht, aber mit einer Vertretung hier draußen ist es nicht so einfach. Zum Glück sind die Nachbarn sehr hilfreich, notfalls stellen sie uns sogar einen Helikopter zur Verfügung.“

„Toll, davon musst du mir unbedingt mal mehr erzählen, Tom!“ antwortete sie mit einem Blick auf die Uhr. „Tut mir Leid, aber ich muss jetzt den Wetterbericht einholen und durchgeben.“

„Höre ich da den pflichtbewussten Ton von Clare heraus? Viel Erfolg beim Start! Bis bald, Scarlett.“

„Danke, und grüße Chris bitte auch! Over!“

„Sicher, werde ich sofort machen! Over and Out.“

Als sie dann den Wetterbericht einholte, lächelte sie vor sich hin. Anschließend gab sie ihn schon wie ganz selbstverständlich durch. Dabei hatte sie gar nicht gemerkt, wie Rick mit seinem Kaffee nach nebenan gegangen war. Er war sich schon jetzt sicher, dass sie eine gute Nachfolgerin sein würde. Als Mark hereinkam, sah er seinen Freund überrascht an. „Wenn sie ein Händchen für die Leute da draußen hat, habt ihr ein Glückslos bekommen.“

Nachdem Scarlett ihre Pflichten erledigt hatte, gesellte sie sich zu Rick. „Eigentlich ist das ja noch dein Tag heute.“

„Nein, nein, es ist gut, zu wissen, dass es ohne mich laufen wird.“

„Mit Tom und Chris habe ich wirklich nicht gerechnet. Wenn ich das meinen Eltern erzähle...“

„Der Kontakt ist wohl nicht mehr der Beste?“

„Hin und wieder sprechen sie schon miteinander, aber nicht regelmäßig. Tja, und Besuche sind schwer zu organisieren, irgendwas kommt immer dazwischen.“

„Ja, so ist es wohl meistens. Übrigens wechseln sich die Docs hier nach Möglichkeit gleichmäßig ab. Heute hält Mark die Funksprechstunde. Ich dachte, ich eröffne sie, stelle dich noch einmal vor und dann übernimmst du sofort. Für die Zeit danach war ich so frei, noch eine Interviewmöglichkeit mit meinem Nachfolger anzukündigen.“

„Nachdem der Wetterbericht also gerade von einer weiblichen Stimme durchgegeben wurde, herrscht im halben Outback große Aufregung.“

„Ich fand sie müssen ja nicht gleich alles erfahren.“

„Was denn noch?“

„Zum Beispiel wie jung und hübsch du bist!“ schmeichelte er ihr.

„Gut, dass es kein Bildfunk ist!“ lachte Scarlett.

„Sie wissen es schneller, als du denkst.“

„Ja, und? Sie müssen sich eben daran gewöhnen! So schnell gebe ich diese Chance nicht auf!“

Rick nickte: „So ist es recht.“



Die Zeit verflog geradezu. Die Sprechstunde war Routine und anschließend hörte das Outback zu, wie Scarlett Rede und Antwort stand.

„Sie klingen so jung!“

„Ich bin 24 Jahre alt.“

„Das ist aber ziemlich jung für so eine verantwortungsvolle Position.“

„Ich bin in Coopers Crossing aufgewachsen und habe dort in der Zentrale oft ausgeholfen. Meine Ausbildung habe ich in Melbourne abgeschlossen. Nachdem ich eine Weile als Springer gearbeitet hatte, habe mich dann schließlich auf diese Stelle beim RFDS beworben.“

„Ihre Eltern arbeiten auch beim RFDS?“

„Ja, mein Vater ist Chefarzt in Coopers Crossing und meine Mutter dort Teilzeit als Krankenschwester beschäftigt.“

„Ach, ja! Kate Standish, ich erinnere mich. Sie hat vor Jahren mal bei einem Unfall meiner Frau dabei.“

„Das kann sein. Früher hat sie auch mal in Charleville ausgeholfen.“

„Sind sie verheiratet?“

Scarlett grinste zu Rick hinüber. „Nein, bin ich nicht.“

„Warum sind sie Funkerin geworden?“

„Ich bin damit aufgewachsen und habe mich immer für Technik interessiert. Es war immer mein Wunsch, irgendwann für den RFDS zu arbeiten.“

So ging es eine ganze Stunde lang weiter. Durch Scarlett offene und ehrliche Art kam sie gut an, obwohl es viele gab, die wegen ihrem Alter skeptisch blieben.



Scarlett unterhielt sich zwischendurch viel mit Rick. Er gab ihr Tipps und Informationen zu einigen Farmen. Dann ging plötzlich ein Notruf ein. Sowohl Scarlett wie auch Rick eilten zum Funkgerät. Rick trat wieder ein Schritt zurück: „Gewohnheit, ich überlasse es dir.“ Scarlett war sofort konzentriert und nahm den Notruf entgegen. „Hier ist Sierra, Tango, Omega. Notrufsender bitte geben sie Name und Kennung durch.“

Es knackte. „Pete Hampton, Zulu Sierra, Alpha. Einer meiner Arbeiter ist von einem Bullen angegriffen worden. Er kann kaum atmen.“

„Dr. Livingstone ist schon verständigt. Er wird gleich hier sein, wo genau ist der Unfall passiert?“

„Draußen auf der Weide.“

„Geben Sie mir bitte die ungefähren Koordinaten durch.“ Während Scarlett die Koordinaten aufschrieb, kam Mark herein. „Ich übergebe jetzt an Dr. Livingstone.“ Scarlett stand auf und erkundigte sich bei Rick ohne Scheu über die Begleitumstände. „Du kennst dich besser aus, welche Landemöglichkeiten gibt es dort für Patrick?“ Er zeigte es ihr auf der Karte, die an der Wand hing und ihr Gebiet umfasste. „Pete pflegt seine Landepiste gut. Wenn Mark sein Okay gibt, sollte er dorthin gebracht werden.“

„Gibt es eine Alternative?“

„Hier im Norden gibt es noch eine Straße, aber wer weiß, in welchem Zustand die ist!“

Mit einem Ohr hatte Scarlett auf Marks Anweisungen gehört, die er Pete gab und setzte sich jetzt wieder zu ihm. Es zeichnete sich ab, dass es ernst um den Patienten stand. Schließlich gab Mark das Funkgerät an Scarlett zurück. „Sag’ Patrick Bescheid. Hoffentlich sind sie in Yuti-Station schon fertig.“

„Sierra, Tango, Omega, an Yankee, Alpha, Romeo. Patrick bitte kommen, wir haben einen Notfall!”

Kurz darauf meldete er sich: „Was gibt es, Scarlett?“

„Auf der Farm von Pete Hampton hat es einen Unfall gegeben. Ihr müsst sofort hinfliegen. Mark möchte Ben sprechen.“

Mark erklärte Ben die Situation. Scarlett gab Patrick anschließend die Landemöglichkeiten durch. „Ich verbinde dich mit Pete, dann kannst du dich über den Zustand der Landeflächen informieren.“

„Ja, bitte.“

Scarlett hörte dem Gespräch zu und mit einem Blick auf die Karte, die Rick ihr aus einer Schublade geholt hatte, versuchte sie nachzuvollziehen, was das Beste sein würde. Schließlich fiel die Entscheidung auf die Straße im Norden. Als alles geklärt war, sah Scarlett wieder auf. Rick und Mark lehnten im Türrahmen und beobachteten sie. Scarlett lächelte verlegen: „Und habe ich die Feuerprobe bestanden?“ Beide Männer sahen sich an, schienen abzuwägen und nickten schließlich lächelnd.

„Willkommen im Team.“ sagte Mark und verabschiedete sich dann, weil er zurück ins Krankenhaus musste. Rick grinste: „Die Skeptiker werden sich nicht lange halten.“

„Abwarten, aber ich bin froh, dass es so gut läuft. Letzte Nacht habe ich kaum ein Auge zu getan.“ gestand sie erleichtert. Dann setzte sie die anstehende Sprechstunde davon in Kenntnis, dass es einen Notfall gäbe und Ben und Patrick erst am Nachmittag eintreffen würden.



Gegen Abend kamen Patrick und Ben zurück in die Zentrale. „Was für ein Tag!“ seufzte Ben und stellte seine Tasche auf den Tisch. Interessiert kam er zu Scarlett in den Funkraum. „Und wie war es bei dir?“

„Es war okay, würde ich sagen.“

„Jetzt mal nicht so bescheiden. Wir haben viele positive Meinungen über dich gehört.“

Patrick nickte hinter ihm zustimmend. „Und von Tom und Chris sollen wir dich ganz besonders grüßen. Woher kennst du sie noch mal?“

„Sie haben mit meinen Eltern zusammen gearbeitet.“

„Ach, ja, hatten sie erzählt, stimmt! Kommst du mit zum Essen?“

„Ja, gleich, ich möchte nur noch schnell etwas aufräumen.“

„Das stört niemanden.“

„Doch mich, wenn ich morgen herkomme.“

„Okay, wir halten dir einen Platz frei! Rick feiert doch heute seinen Abschied!“

Scarlett räumte alles ordentlich weg und nach einem Blick auf die Uhr, rief sie noch schnell bei ihren Eltern an. Geoff würde noch in der Klinik sein, aber mit etwas Glück erreichte sie Kate. „Hi, Ma! Ich bin fertig für heute. Es lief ganz gut, würde ich sagen.“

„Das freut mich!“

„Es gibt noch etwas! Ich soll euch nämlich grüßen!“

„Oh, von wem?“

„Mein erster Funkpartner war Tom Callaghan!“

„Nein, das gibt es doch nicht!“

„Das dachte ich auch. Tom und Chris kooperieren mit Charleville.“

„Ich hatte keine Ahnung! Grüß sie bitte auch.“

„Mache ich. Ich bin noch verabredet, Rick feiert seinen Ausstand. Drück’ Dad von mir!“

„Mache ich bestimmt. Viel Spaß, bis bald.“

„Bye, Ma!“



Im Pub wurde sie schon erwatet. Ben und Patrick empfingen sie an der Tür und nahmen sie in ihre Mitte. Sie führten Scarlett zu Rick an den Tresen. Dieser bat dann um Ruhe. „Dies ist also mein letzter Abend hier. Ich habe heute gesehen, dass ihr einen guten Ersatz für mich gefunden habt.“ Er legte Scarlett einen Arm um die Schultern. „Morgen holt mich mein Neffe ab, aber über Funk werde ich genau verfolgen, wie Scarlett hier mal etwas Schwung in die Mühle bringt! Und wehe, ich höre Klagen.“ Dann zog er sein Schlüsselbund aus der Hosentasche, löste zwei einzelne Schlüssel und übergab den Rest an Scarlett. „Die gehören jetzt dir.“ Während alle Leute im Pub „For he’s a jolly good fellow...“ anstimmten, schlug Scarlett das Herz bis zum Hals. Ungläubig sah sie auf die Schlüssel in ihrer Hand. Endlich hatte sie ihre eigene Funkstation und noch dazu im Dienst der fliegenden Ärzte. Ein Traum ging in diesem Augenblick in Erfüllung. Als sie Marks Blick bemerkte, wurde sie rot. Aber er prostete ihr zu und sie stimmte schnell in das Lied mit ein.

Patrick drückte ihr ein Bier in die Hand und sie feierten bis tief in die Nacht. Scarlett wurde ununterbrochen zum Tanzen aufgefordert. Kaum wollte sie sich mal setzen, stand schon der nächste Mann vor ihr. Rick reichte ihr schnell ein Bier, als sie vorüberkam und meinte: „Das kannst du bestimmt gebrauchen.“ Dankbar nickte Scarlett und blieb an seiner Seite stehen.

„Sag’ mal, hast du vielleicht Lust in meinem Haus zu wohnen?“ fragte Rick ganz unvermittelt. Scarlett blickte ihn überrascht an. „Nun, eigentlich muss der Service dir ja sowieso eine Unterkunft zur Verfügung stellen. Weil ich nun schon so lange hier bin, ist das etwas in Vergessenheit geraten. Einzige Bedingung wäre, dass das Gästezimmer für mich reserviert ist, wenn mich mal das Heimweh packt.“

„Das kann ich doch nicht annehmen.“

„Die Sachen, die du nicht brauchst, stellst du einfach auf den Dachboden.“ meinte Rick noch, als sie schon von hinten auf die Tanzfläche gezogen wurde. Auch später ließ er sich von dieser Idee nicht abbringen. In der nächsten Verschnaufpause besiegelten sie es schließlich mit Handschlag, als Ben auf Scarlett zukam. „Dieser Tanz gehört aber jetzt mir! Darf ich bitten!“ Strahlend ließ Scarlett sich zurück auf die Tanzfläche ziehen: „Aber gern, Dr. Collins!“



*



Als Scarlett am nächsten Morgen die Zentrale aufschloss und sich an das Funkgerät setzte, war ihr richtig feierlich zumute. Schließlich holte sie lächelnd den Wetterbericht ein und dachte darüber nach, wie sie dem Raum eine persönliche Note geben könnte. Mark und Patrick kamen gemeinsam herein.

„Einen wunderschönen Morgen, wünsche ich!“ strahlte Scarlett sie an. „Auf dich wartet der allerschönste Sonnenschein!“ meinte sie dann noch zu Patrick, der sie müde anblinzelte.

„Wie kannst du nur nach so einer Nacht nur so munter sein?“

„Du solltest einfach mehr tanzen und weniger trinken!“ antwortete sich keck.

Mark lachte und gab Patrick einen kameradschaftlichen Stups. „Da könnte etwas dran sein.“

Sue betrat die Zentrale und warf einen überraschten Blick in die lachende Runde. „Ich hatte eigentlich Katerstimmung erwartet.“

„Da musst du dich an Patrick wenden!“

Dieser ließ sich auf einen Stuhl fallen und Sue sah ihn nur wenig mitleidig an. „Wer den Schaden hat...“ Dann bereiteten sie die Kliniktour vor, die zum Glück nicht so anstrengend werden sollte.



Scarlett fühlte sich schon fast heimisch, als sie in der Mittagszeit ihre Sandwichs auspackte. Rick kam herein. „Ich möchte mich nur schnell verabschieden.“

„Ich dachte, du fährst erst am Abend.“

„Nein, ich mag keine großen Abschiede. Gestern war es noch für alle lustig, heute wäre das vermutlich anders. Hier der Hausschlüssel.“ Er reichte ihr den Schlüssel und sah sich wehmütig um.

„Ist die Miene weit entfernt?“ erkundigte Scarlett sich.

Rick zeigte es ihr auf der Karte: „Fast fünf Stunden mit dem Auto.“

„Aber immer noch in unserem Bereich! Wenn du Heimweh bekommst, melde dich einfach, das Gästezimmer ist dir sicher. Außerdem brauche ich bestimmt auch mal eine Urlaubsvertretung.“

„Alles Gute, Scarlett.“ Wehmütig ließ er die rechte Hand über das Funkgerät fahren, bevor er ging. Scarlett sah ihm mitfühlend nach und ihr kam eine Idee!



Nachdem Ben die Funksprechstunde abgehalten hatte, setzte Scarlett zu einer besonderen Einladung an. „An alle, die uns zuhören! Irgendwo ca. zwei Autostunden von Charlesville entfernt, befindet sich jetzt Rick mit seinem Neffen. Sie sind mit einem alten, blauen UTE unterwegs, in dem es jetzt brütend heiß sein wird. Rick freut sich bestimmt über ein paar Grüße, während er in seinen neuen Lebensabschnitt reist!“ Kaum ausgesprochen, meldete sich schon jemand, um Rick alles Gute zu wünschen.

Ben war begeistert. „Das wird ihm gefallen!“

„Meinst du?“

„Ja, bestimmt.“

Zusammen hörten sie zu und schließlich meldeten sich sogar auch Mark, Sue und Patrick. „Wir haben gehört, hier kann man Grüße an Rick loswerden. Also, vergiss nicht, du bist bei uns immer willkommen.“

„Bei mir ist immer ein Platz für dich reserviert und eine Flasche von unserem Wein halte ich auch für einen Überraschungsbesuch zurück!“

„Ich hole dich auch gern mal ab, wenn du es ganz eilig hast zurückzukommen. He, Rick den ersten Opal feiern wir zusammen, klar?“

Als Scarlett kurz darauf die Aktion beenden wollte, meldete sich Rick noch. „Danke, liebe Freunde. Beim ersten großen Opal gibt’s eine Party, versprochen!“

Scarlett und Ben sahen sich lächelnd an.



Geoff rief nach Kate, als er heim kam. „Kate, Kate, wo bist du?“

„Ich bin im Büro.“ hörte er und ging zu ihr.

„Unsere Tochter hat sich heute einige Freunde gemacht.“ erzählte er stolz und zog Kate zu sich.

„Ach, wie denn?“ fragte sie überrascht.

„Sie hat Rick Healy einen ganz besonderen Abschied beschert, indem sie alle Zuhörer aufforderte, ihn zu grüßen, während er schon unterwegs war.“

Kate schmunzelte. „Das sieht ihr ähnlich, völlig selbstlos eine Legende ehren.“

„Mit einschlagendem Erfolg.“

„Woher weißt du das eigentlich schon?“

„Dick, der fliegende Postbote hat es mitgehört und anschließend kam er zufällig zur Sprechstunde.“ Geoff sah Kate liebevoll an. „Ich weiß noch, wie sie die ersten Schritte machte und jetzt ist sie schon auf gutem Weg, sich einen großen Namen im Outback zu machen.“

„Ganz wie der Vater!“ schmunzelte Kate und gab ihm einen Kuss!
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