Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Flash Maniac

von Asia Rose
KurzgeschichteAllgemein / P12 / MaleSlash
Mercutio Tybalt
28.08.2017
28.08.2017
2
6.542
1
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
28.08.2017 3.279
 
...ich krieche zu Kreuze. Man, ist mir DAS peinlich. Ich hab fast neun Monate gebraucht, bis ich mal wieder was fabriziert kriege? Hilfe.
Okay, ich könnte mich jetzt eine Weile rausreden - aber ich tu's nicht, ich werfe euch jetzt einfach diesen Zweiteiler zum Fraß vor und haue dann in den Urlaub ab. Was im Umkehrschluss heißt - ihr habt noch eine Woche länger Zeit, Reviews zu schreiben, denn die Technik bleibt zu Hause und ich kann eh erst in einer Woche wieder beantworten.
Und ehrlich gesagt - ich wäre euch wirklich sehr, sehr dankbar über Rückmeldung. Ich weiß, das verhallt hier oft ungehört, aber ich habe das üble Gefühl, total aus der Übung zu sein, deswegen wäre ich wirklich glücklich über Kritik.

Und ich hoffe sehr, dass mein Tybalt Anklang findet. Die Story ist sehr tybaltlastig, was daran liegt, dass ich Mercutios Gedankengänge einfach nicht richtig fassen kann. Nach drei Versuchen (einmal Diva, einmal Tunte und einmal einfach nur Hete) habe ich es aufgegeben, ihn richtig schreiben zu wollen und seinen Teil wieder gelöscht.
Sorry....

Dieser Twoshot ist gestern und heute in...na, insgesamt vielleicht vier Stunden entstanden, und außer Word und mir hat ihn keiner Korrektur gelesen (weil meine Beta sich einfach ohne mich in den Urlaub verzischt hat - es sei ihr gegönnt!). Eigentlich bin ich ja Grammar-Nazi genug, dass keine Fehler drin sein dürften - aber wir kennen ja das Wörtchen 'eigentlich' und seine Bedeutung.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen viel Lesevergnügen!

Liebste Grüße,
eure Asia


Klick. Klick. Klick.
Tybalt war versucht, sich die Ohren zuzuhalten. Dieses Geräusch war mehr als nur zermürbend, es machte ihn wahnsinnig. Es hatte gedauert, bis er die Quelle hatte lokalisieren können, und jetzt, wo er sie kannte, wünschte er sich, er hätte es nicht herausgefunden.
Er war es gewöhnt, ein paar Verehrerinnen zu haben, und dass er die Mädchen wechselte, wenn auch nicht ganz so häufig wie ein gewisser Montague, war auch ein offenes Geheimnis. Aber dass eine von ihnen so hartnäckig war, das war ein Novum.
Zumal er es hasste, fotografiert zu werden. Schon auf allen Familienfotos, zu denen er gezwungen worden war, lächelte er gequält und nur seiner Tante zuliebe, die jedes dieser Fotos wie ein Heiligtum in ein Album klebte und sorgfältig beschriftete. Sowohl Julia als auch er hatten ein eigenes Album, und beide füllten sich von Jahr zu Jahr mehr, auch wenn Tybalt sich wünschte, seine Tante würde das Knipsen lassen. Klassenfotos waren ihm ein Gräuel und wenn er zum Fotografen musste, um ein Passfoto zu bekommen, schob er das so lange wie möglich vor sich her. Aber wenigstens musste er auf diesen gestellten Bildern nicht lächeln.
Und jetzt fotografierte ihn irgendjemand. Wenn wenigstens die Kamera nicht dieses klickende Geräusch von sich geben würde! Das machte ihn wuschig und er konnte sich kaum konzentrieren. Jetzt in der Pause war das nicht weiter dramatisch, aber er hatte es auch schon im Unterricht gehört. Irgendwer war dreist genug, ihn unter der Nase der Lehrer zu fotografieren. Gut, einige von denen waren uralte Fossilien, so taub wie die sprichwörtliche taube Nuss. Aber gerade bei Berni im Sportunterricht? Gut, möglicherweise ging das Geräusch da im Quietschen der Gummisohlen auf Linoleum und der laut gerufenen Anweisungen unter. Aber es müsste doch auffallen, wenn da jemand mit einer Kamera herumlief! Das klang nicht nach einem Smartphone, auch wenn einige von den Dingern die Möglichkeit hatten, die Kamera mit Sound zu bedienen, sodass es nach alter Kamera klang. Das war tatsächlich eine Kamera. Aber wer könnte es schaffen? Eigentlich konnte es nur ein Mädchen aus einer anderen Klasse sein, das frei hatte oder sich immer wieder aus dem Unterricht schlich.
Das hätte Tybalt vielleicht sogar imponiert, wenn er nicht der Betroffene wäre. Und so langsam wurde es auch unheimlich. Er ließ die Angst gar nicht erst aufkommen. Wer sollte ihn schon stalken wollen? Er war bekannt in Verona wie ein bunter Hund und machte aus seinem Leben nicht gerade ein Staatsgeheimnis. Wenn sie ein Date mit ihm wollte, musste sie ihn nur auf sich aufmerksam machen. Zumal er gerade solo war. Kopfschüttelnd verjagte er alles, was er vor ein paar Tagen zusammen mit seiner Cousine über sich hatte ergehen lassen müssen (eine „Dokumentation“ über das Leben einer Frau, die das Opfer eines Stalkers geworden war) und wandte sich Canio zu, der irgendeinen unanständigen Witz riss. Tybalt lachte lauter als gewollt mit, aber es fiel niemandem auf. Und als er unter dem Klingeln der Schulglocke noch einmal den Auslöser hörte, formte er einen nicht sehr subtilen Mittelfinger in Richtung der Unbekannten. Keiner beschwerte sich, also hatte es wohl niemanden getroffen, der es nicht auch verdient hätte. Er straffte die Schultern ein wenig mehr und bahnte sich mit Canio, Nella, Mari und Vanni im Kielwasser seinen Weg durch die Schülerströme und erreichte als Erster den Klassenraum. Knapp nach ihnen trafen Benvolio und Romeo ein, die beide ziemlich angepisst aussahen, und Tybalt grinste breit. Egal weshalb sie angefressen waren – für Tybalt war das eine gute Nachricht. Kindisch vielleicht, aber er freute sich darüber. Schadenfreude war eben doch immer noch die beste Freude.
Fast als Letzter betrat, ziemlich abgehetzt und hinkend, Mercutio den Klassenraum. Für einen Abschlussschüler sah er ziemlich jung aus, aber vielleicht lag das auch daran, dass er aussah wie ein Mädchen, das nach dem Knutschen in den Gängen schnell zum Unterricht hatte rennen müssen. Möglicherweise lag es aber auch an der Schiene, die gut sichtbar um seinen Fußknöchel lag und Tybalt an einen Vorfall von vor Jahren erinnerte.
Tybalt lag ein Spruch auf den Lippen – doch seit einiger Zeit hatte Mercutio die unangenehme Angewohnheit, ihm jedes Wort im Mund herumzudrehen. Frecher als gut für ihn war. Es hatte mal eine Zeit gegeben, fast zehn Jahre war das her, da hatte er sich immer heulend hinter Benvolio versteckt, aber diese glorreiche Zeit war vorbei. Manchmal machten die Wortgefechte Spaß – aber meistens ärgerte Tybalt sich unbeschreiblich darüber, denn die perfekten, schlagfertigen Antworten kamen ihm erst später, zuhause, in den Sinn, wenn es schon zu spät war.
Also sagte er lieber nichts und ließ seinen Blick nur abschätzig über den schmalen, feminin wirkenden Körper gleiten. Nur die Ankunft des Lehrers bewahrte ihn vor einem dummen Kommentar, soviel war sicher, aber das war ihm auch recht.

Der säuberlich zusammengefaltete Zettel, der mitten in der Stunde auf seinem Platz landete, trug seinen Namen in ordentlicher Schrift, beinahe wie die eines Mädchens.
Gefällt dir, was du siehst?
Mehr nicht. Verwirrt schaute er sich um, doch keine seiner Klassenkameraden zeigte eine Reaktion. Nur Nella sah ihn mit gehobener Augenbraue an, aber erstens kannte er ihre Schrift – eine ziemliche Sauklaue für ein Mädchen – und zweitens, hätte sie mit ihm flirten wollen, hätte sie keinen Zettel dafür gebraucht. Und drittens, sehr zu seinem Missfallen, schien sie es eher auf Ben Montague abgesehen zu haben. Von ihr war der Zettel also nicht, aber sie hatte ihn an ihn weitergereicht. Kurzentschlossen reichte Tybalt ihr den Zettel aufgefaltet zurück, sodass sie lesen konnte, was darauf stand.
Sie runzelte die Stirn, schrieb etwas unter die Mitteilung und gab sie ihm zurück. Eine kleine Reihe von Fragezeichen in roter Tinte war unter der Frage erschienen, und Tybalt grinste.

Klick.

Stumm fluchend schaute er auf, doch die Fotografin hielt sich bedeckt. Dafür war aber auch der Lehrer auf das Geräusch aufmerksam geworden und er verwarnte die Klasse. Schweigen und Nicken waren die Antwort – aber er war neu hier und musste sich seine Sporen erst verdienen, noch nahm ihn keiner wirklich ernst. Nachsitzen riskieren wollte allerdings auch keiner, doch für den Rest der Stunde schwieg die Kamera.
Nach dem Unterricht bummelte Tybalt. Er wollte sehen, ob noch jemand außer ihm so lange brauchte, doch nur Mercutio ließ sich ebenfalls Zeit. Dass der Irre auf ihn stand, war inzwischen selbst Tybalt klar, aber er hatte es abgehakt. Er selbst war nun mal nicht an Kerlen interessiert und würde es wohl auch nie sein.
Außer dem Verrückten ließ sich nur Nella noch zurückfallen, doch Tybalt wusste, dass sie neugierig war. Nach der Mahnung des Lehrers hatte er sich nicht getraut, den Zettel zurückzuschicken, denn er war wirklich nicht scharf auf eine Strafe, so kurz vor Ende des Schuljahres.
Gemeinsam mit der Rothaarigen schlenderte er dem Wochenende entgegen, kaufte ihr eine Kugel Eis, als sie ihn bittend ansah und lachte mit ihr – sie hatte ein erstaunlich dreckiges Mundwerk für ein Mädchen, aber das konnte auch an seinem und Canios schlechtem Einfluss liegen.
„Okay, Rotkohl. Frag.“
„Nochmal, und dieses Mal richtig, Capulet“, gab sie zurück und schaute ihn streng an. Tybalt lachte, weil er wusste, wie es gemeint war, und deutete dennoch eine Verbeugung an. Dieses Mädchen brauchte die Anerkennung, die Aufmerksamkeit, auch wenn sie es verneinte.
„Wie Ihr wünscht, meine Königin. Also – was liegt Euch auf der Zunge? Außer Eiscreme?“
„Sehr komisch! Also…was meinst du, von wem kam der Zettel?“
„Keine Ahnung. Er ging über dich, also vermutlich irgendwo von deiner Seite des Klassenraums. Schrift sah aus wie von einem Mädchen, aber mir fallen spontan drei Kerle ein, die auch so schreiben können“, zählte er seine Verdachtsmomente auf.
„Gleich drei? Ich weiß, dass Vanni wie ein Mädchen schreibt…aber der hechelt dem neuen Sportlehrer nach, und außerdem sitzt er schräg hinter dir“, erwiderte Nella skeptisch.
„Ich weiß, also kann man ihn ausschließen. Außerdem weiß er, dass er nicht mein Typ ist, Schwanz hin oder her. Er ist mir zu affektiert für eine Beziehung“, grummelte Tybalt. „Die anderen beiden sind Montagues. Romeo – hast du mal diese Gedichte gelesen, die er Julia immer schickt? Gruselig, das Zeug. Aber da pinselt er auch wie ein Mädchen, ordentlich und nur ja keine Kleckse hinterlassen. Und Mercutio…“
„Jaja, kein Kommentar. Wir wissen beide, dass du ihn beobachtest!“, kicherte Nella.
„Ja, der ist ‘ne tickende Zeitbombe. Irgendwann explodiert dieser Bekloppte noch mal, und ich will dann nicht in seiner Nähe sein. Du vielleicht?“
„Nein. Lila Schleim und Glitzer überall“, kicherte Nella und verfehlte mit dem Eis den Mund, sodass sich ein Klecks Zitrone auf ihrer Wange ausbreitete. Kommentarlos und mit versteinerter Miene reichte Tybalt ihr ein Papiertaschentuch, brachte sich außer Reichweite der Eiswaffel und lachte los. Sie sah aus wie eine zornige Fünfjährige, irgendwie süß.
„Du bist ein albernes, kindisches Arschloch, Tybalt Ares Capulet!“, knurrte Nella, „und ich schmiere dir dieses Eis nur deswegen nicht in die Haare, weil es dafür zu lecker ist. Sei froh, dass ich jetzt hier lang muss und vor allem, dass ich am Wochenende andere Pläne habe!“
Ohne weiteren Gruß drehte sie sich um und verschwand in einer Nebenstraße, hüftenschwingend und kerzengerade aufgerichtet. Und ein paar Meter weiter löste sich eine große Gestalt mit blonden Haaren und blauen Klamotten aus dem Schatten einer Hauswand. Tybalt ballte die Fäuste, als er Benvolio erkannte, doch dieses eine Mal schien Nella genau zu wissen, was sie tat. Und sie war alt genug, sie wusste, auf wen sie sich einließ.
Schüttelnd wandte er sich ab, ehe die beiden sich zu nahe kommen konnten, und setzte seinen Weg nach Hause fort. Allerdings lief er ein paar Umwege, neugierig, ob seine mysteriöse Fotografin ihm auch hierhin folgen würde.

Klick.

Ja, sie tat es wirklich. Triumphierend grinste Tybalt und hob dann das Gesicht in die Sonne, als würde er die Wärme genießen – die Kamera klickte erneut. Schien, als wäre da jemand auf der Suche nach guten Motiven. Er lehnte sich gegen eine Wand, kramte nach seinem Handy und tat, als würde er eine Nachricht verschicken, doch seine Ohren waren gespitzt.

Klick.

Er war wirklich versucht, ein wenig zu posen, ließ es dann aber sein. Er wollte dem Mädchen nicht auch noch Anreize geben. Und vor allem sollte sie nicht merken, dass er sie bemerkt hatte. In einer abgelegenen Seitenstraße, eigentlich mehr eine Gasse als eine Straße, beschleunigte er seine Schritte ein wenig, hörte bald darauf das Hallen eines weiteren Paars Füße. In einer Sekunde trat er schnell in einen Hauseingang, der in einen Hinterhof führte, und wartete ab. Der Schatten hier war dicht und dunkel, nach der Helligkeit draußen sah er nicht mehr viel. Und trotzdem hörte er die Schritte, die sich näherten, stehenblieben, vorsichtig weitergingen. Sie waren ein wenig unregelmäßig, als wäre die Person verletzt.
Ein Verdacht setzte sich in Tybalt fest und er schlich sich aus dem Eingang, blieb direkt hinter der schmalen Gestalt stehen, die mit dem Rücken zu ihm stand, sich suchend umschaute und dabei ein Bein leicht angewinkelt hielt. Er grinste.
„Suchst du mich?“, flüsterte er in die dichten Locken und mit einem hohen Geräusch, fast ein Quietschen, drehte Mercutio sich um und verlor das Gleichgewicht. Tybalt ließ ihn stürzen, er war nicht spitz darauf, von ihm auch noch zu Boden gerissen zu werden. Die Kamera baumelte um seinen Hals, sodass Mercutio beide Hände frei hatte, um sich abzufangen, und trotzdem landete er auf dem Boden, schwer atmend und sprachlos.
Tybalt stand über ihm und schaute überlegen grinsend auf ihn herunter. Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass es ihm gefiel – diese eindeutige Rollenverteilung. Mercutio, das verschreckte Reh, und er selbst, der in dieser Situation die Kontrolle hatte.
Wie ein Rohrspatz schimpfend kämpfte Mercutio sich zurück auf die Füße und lehnte sich an die nächste Häuserwand.
„Noch mal, Viscera. Suchst du mich?“
„Ja“, erwiderte Mercutio, rau und einsilbig. Anders als er es sonst von dem so vorlauten jungen Mann kannte. Sonst war er nie auf den Mund gefallen, doch jetzt schienen ihm die Worte zu fehlen. Auch eine nette Abwechslung, wie Tybalt fand.
„Und mehr kriege ich nicht?“
„Das war die Antwort auf deine Frage, oder nicht? Seh ich aus, als könnte ich Gedankenlesen?“
„Bei dir würde mich gar nichts mehr wundern. Also…verrätst du mir jetzt auch, warum du mich seit Wochen fotografierst? Oder muss ich das wirklich aus dir heraus prügeln?“, fragte Tybalt und ballte seine Faust, entspannte sie wieder, als würde er sie durchbluten wollen. Eigentlich hatte er keine Lust, sich hier und jetzt zu schlagen, und erstaunlicherweise war er nicht mal wirklich wütend darüber, dass Mercutio sein ‚Stalker‘ zu sein schien. Er kämpfte sogar gegen das Gefühl an, geschmeichelt zu sein. Er wollte diesem Irren keine Hoffnungen machen, denn er hätte nun mal keine Chance bei ihm, ganz einfache Rechnung.
„Für ein Kunstprojekt, okay? Darf ich dann gehen? Danke!“, knurrte Mercutio, erstaunlich defensiv, und riss sich los – Tybalt hatte gar nicht bemerkt, dass seine andere Hand den Saum von Mercutios Jacke festgehalten hatte, die viel zu warm war für dieses Wetter. Aber das erklärte auch, wie er es geschafft hatte, die Kamera zu verstecken. Es war eine einfache, flache Digitalkamera, keine Spiegelreflex, also auch ohne Objektive und sonstiges störendes Zubehör. Er hatte sie einfach unter der Jacke gehalten.

„Nicht so schnell!“
Tybalt hatte sich von seiner Überraschung erholt und schloss mit drei großen Schritten zu Mercutio auf, der noch immer hinkte. Und jetzt ein wenig schlimmer als vorher, oder war das nur Einbildung?
„Was ist das für ein Projekt – und warum fragst du nicht um Erlaubnis? So ganz davon abgesehen, dass du einfach irgendwen anderes hättest ablichten können. Und brauchst du dafür wirklich Tausende Fotos?“
„Ich muss dir gar nichts erklären!“, versuchte Mercutio, sich ihm zu entwinden, doch jetzt packte Tybalt absichtlich zu und hielt den Schmächtigeren am Oberarm fest.
„Doch, musst du. Ich bin keine Person des öffentlichen Lebens, also kannst du nicht einfach wie ein Paparazzo Fotos von mir machen, ohne mich um Erlaubnis zu fragen!“, trumpfte Tybalt auf. Dieses eine Mal war er froh, dass er in Ethik aufgepasst hatte, als es um die Frage Urheberrecht ging. Immerhin ein interessantes Thema in einem sonst zum Einschlafen langweiligen Fach.
„Wenn alles glatt gegangen wäre, dann hättest du davon gar nichts mitbekommen, und alle wären zufrieden gewesen!“, jammerte Mercutio und versuchte, der Umklammerung zu entgehen, doch Tybalt packte drohend fester zu und Mercutio jaulte leise auf.
„Früher oder später hätte ich es gemerkt – spätestens wenn ihr in Kunst hättet präsentieren müssen, denn wie du vielleicht weißt, ist die Schule nicht allein dein Privatvergnügen. Auch ich kenne Leute, die den Zusatzkurs Kunst belegt haben, und irgendwer hätte gefragt. Also…her mit den Bildern!“, forderte Tybalt. Ungefragt abgelichtet zu werden war noch schlimmer als gefragt.
Mercutio schaute ihn mit riesigen, fast tränenfeuchten Augen an.
„Keine Chance – gegen Hundeblicke bin ich immun“, raunte Tybalt ihm ins Ohr. Wer sich jahrelang gegen Julia, Vanni, Mari und ihre vereinte Niedlichkeit zur Wehr hatte setzen müssen, der entwickelte langsam eine Immunität dagegen.
„Aber…Mann, das ist meine verdammte Abschlussnote! Du versaust mir mein Abitur!“, flüsterte Mercutio mit gebrochener Stimme.
„Kannst du dir nicht ein anderes Motiv suchen?“, fragte Tybalt. Er mochte es, über die Montagues zu triumphieren, besser zu sein als sie, das ja. Aber er würde nicht auf die Idee kommen, ihnen vorsätzlich etwas so Wichtiges zu versauen. Eine Note ein bisschen runterziehen, okay, shit happens. Aber das Abitur? Seine Tante würde ihm die Ohren langziehen, wenn sie Wind davon bekommen würde.
„Nein, kann ich nicht. Der Abgabetermin ist Montagmittag!“, jammerte Mercutio, das Gesicht schmerzerfüllt, und Tybalt ließ seinen Arm los.
„Ernsthaft? Hast du nicht langsam mal genug Bilder von mir?“
„Nein! Mir fehlen noch einige…vor allem Nahaufnahmen und so was“, gestand Mercutio dem Kopfsteinpflaster.
Tybalt seufzte schwer. Ihm kam eine verrückte Idee, aber er verdrängte sie. Bloß nicht, das wurde nichts. Doch Mercutio wäre nicht Mercutio, wenn er nicht selbst vor wahnsinnigen Ideen sprühen würde.
„Wie wäre es mit einem Fotoshooting? Würdest du mein Modell sein?“
„Aber sonst geht’s dir gut? Du spinnst, Mercutio!“, fauchte Tybalt und rang mit dem Gefühl der Neugier und vor allem diesem guten Gefühl der Anerkennung. Er hasste es, fotografiert zu werden, und Punkt. Das sagte er sich selbst immer wieder vor.
„Ich höre kein Nein“, schnurrte Mercutio selbstzufrieden, „bedeutete das also ja?“
„Du kannst mich mal, Viscera. Aber du gibst ja sonst nie Ruhe. Wann und wo?“, erwiderte Tybalt genervt und wollte sich auf die Zunge beißen – aber es war zu spät, die Worte gesagt, und er war kein Feigling, der einen Rückzieher machte.
„Morgen? Irgendwann nachmittags…bei mir?“, schlug Mercutio vor, seine Augen strahlten jetzt fröhlich. Und Tybalt knurrte genervt.
„Na schön. Ich werde da sein!“
„Bist du ein Sherriff im Western?“, fragte Mercutio, und Tybalt gab vor sich selbst zu, dass das irgendwie wirklich wie in einem schlechten Film geklungen hatte. Aber er verbiss sich eine Antwort, sondern stapfte nur an Mercutio vorbei, der ihm irgendetwas hinterher rief. Auf dem schnellsten Wege marschierte Tybalt nach Hause und unter die Dusche, hoffte, sich diese Schnapsidee irgendwie aus dem Kopf waschen zu können. Aber es blieb dabei, dass er sich irgendwie von der Aufmerksamkeit geschmeichelt fühlte, völlig gegensätzlich zu seiner sonstigen fast phobischen Abscheu vor Kameras.

Auch nach dem Abendessen bekam er dieses seltsame Gefühl, das er inzwischen als Vorfreude identifiziert hatte, nicht aus dem Kopf. Absichtlich legte er einen seiner Lieblingsfilme in den Laptop, bei dem er jeden Dialog mitsprechen konnte, doch statt in eine Galaxie voller Outlaws und seltsamer Aliens abzutauchen, driftete er weg. Er schreckte erst hoch, als die ersten Takte von ‚Hooked on a Feeling‘ den Menübildschirm ankündigten. Froh darüber, dass er sich an seinen Traum – Tagtraum? – nicht erinnern konnte, fuhr er den Laptop herunter und zog sich um, warf sich auf sein Bett und versuchte, dieses Mal richtig zu schlafen.
Noch Stunden später wollte es ihm nicht richtig gelingen. Irgendwann gesellte sich zu der Vorfreude auch eine ordentliche Portion Lampenfieber und unwillkürlich begann er, sich auszumalen, wie der morgige Tag ablaufen würde. Er legte sich sogar Worte zurecht, überlegte, wie er sich doch zurückziehen könnte…und scheiterte allein in seiner Vorstellung daran, dass Mercutio sicherlich am Boden zerstört sein würde. Tybalt könnte es ihm nicht mal verdenken, wenn davon die Abschlussnote abhing. Und Schadenfreude hin oder her, er wollte wirklich nicht vorsätzlich dafür verantwortlich sein.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast