Kaputte Welt

von Reyfa
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P6
26.08.2017
26.08.2017
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Lina schlug die Kapuze ihrer Jacke hoch und lief schneller. Es war schon spät und sie wusste genau, dass die Dunkelheit das zutage brachte, was die Sonne verbarg. Vermehrt sah sie Obdachlose auf der Suche nach einem sicheren Schlafplatz. Lina blickte in erschöpfte und hoffnungslose Gesichter, die auf der Suche nach verwertbaren Abfällen auf den Boden gerichtet waren. Ein junger Obdachloser holte etwas aus seiner zerfetzten Tasche, das Lina nicht erkennen konnte. Als er ihr dann emotionslos in die Augen sah und sich gleichzeitig eine Spritze in den Arm rammte, wandte sie den Blick ab. Wie verzweifelt  musste man sein, dass man sich so etwas freiwillig antat?

Lina kam zuhause an. Die Lichter im Haus leuchteten noch hell und einladend. Kaum war sie eingetreten, stürmte ihre Mutter zu ihr. „Lina, wo warst du? Warum bist du nicht ans Handy gegangen?!“, zeterte sie. Lina blickte zu Boden. „Ich hatte es einfach aus. Wollte Akku sparen.“, murmelte sie. „Pffff, und warum hast du dann diese Stöpsel in den Ohren? Kannst du die denn nicht für mal EINE Stunde aus den Ohren nehmen? Wozu hast du überhaupt dein Handy, wenn du nicht erreichbar bist und trotzdem die ganze Zeit darauf herum klimperst?!“, rief ihre Mutter und hob die Hände dramatisch zum Himmel. „Was soll nur aus eurer Generation werden?“, rief nun auch Linas Vater aus dem Wohnzimmer. Wo er wie immer am Laptop saß. Natürlich weil er „wichtige“ Dinge daran machte. Nicht so eine „gequirlte Hühnerkacke“ die Lina sich immer ansah. Aber woher wollte er wissen, was für sie wichtig war und was nicht? Stumm drängte sich Lina an ihrer Mutter vorbei und verschwand in ihrem Zimmer. Sie schmiss sich auf ihr Bett, drehte „Dancing in the dark“ von Rihanna lauter, umklammerte ihr rosa Plüschschwein und flüchtete sich in eine Welt, die nur aus Beat und Gesang bestand.

Am nächsten Tag saß Lina in der Schule. Sie war bei den Lehrern beliebt, aber nur weil sie schön das nachplapperte, was die Lehrer vorsagten. Lina war sich dieser Tatsache mehr als bewusst, aber in einer Welt, in der eine Zahl auf dem Papier mehr zählte als der tatsächliche Charakter eines Menschen, musste man sich nun einmal anpassen. Sie passte im Unterricht auf, meldete sich bei allen Gelegenheiten, lachte bei den schlechten Witzen der Lehrer und fragte nicht laut, wozu man Politik und Wirtschaft später brauchen würde, wenn man sich sowieso nicht dafür interessierte. Ein Musterbeispiel der Anpassung. Sie rümpfte die Nase über den Gestank des Klassenopfers, machte sich über die nachgemalten Augenbrauen der Klassenbitch lustig und lachte sich über die Aktionen der Klassen-Spasten halb tot. Obwohl sie viel lieber Musik gehört hätte.

Auf dem Nachhauseweg lief sie durch die halb verfallenen Straßen des Ostviertels. Tatsächlich lebten hier noch Menschen in den ranzigen Häusern. So wie in manchen asiatischen Großstädten die Menschen in winzigen Kasten leben mussten, nur weil die Miete zu hoch war und dennoch waren nur 30 Prozent der Wohnungen bewohnt. In dem künstlich begradigten Fluss schwamm eine Ente auf der Suche nach einer winzigen Insel, wo sie ihre Kleinen gefahrlos großziehen konnte. Doch der Fluss wurde dafür ausgelegt, dass große Schiffe darin fahren konnten, weshalb natürlich nicht auf die Bedürfnisse einer kleinen Ente Rücksicht genommen werden konnte.

Lina lief am nahegelegenen Park vorbei. Früher wollte sie immer darin spielen, doch ihre Eltern hatten sie immer davon abgehalten. „Sieh mal, da liegen ganz viele Verpackungen und Müll. Und die Hunde haben da ihr Geschäft verrichtet. Außerdem ist da das ganze Assi-Pack. Dass diese Leute sich nicht endlich mal eine Arbeit suchen können. Immer schön auf unsere Kosten leben. Aber Hauptsache das neuste Handy-Modell in der Hand.“










Man drückt uns eine kaputte Welt in die Hand und verlangt, dass wir sie retten.
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