Juwelen aus frostkalter Mitternacht 1 - Das Opfer an die Dunkelheit

GeschichteFantasy / P16
Jaenelle Angelline OC (Own Character)
26.08.2017
26.08.2017
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1.     Begegnungen
Disclaimer:
Diese Geschichte beginnt im zweiten Buch der „Die Schwarzen Juwelen“-Reihe von Anne Bishop, wobei sie die dortigen Erzählungen an den jeweils passenden Stellen aufgreift, an einigen Stellen verändert und ansonsten die zeitlichen Lücken auffüllt. Sämtliche Personen aus „Die Schwarzen Juwelen“ gehören Anne Bishop, ebenso wie die verwendeten, am Ende der Kapitel zitierten Stellen und die gesamte Idee der Welt der drei Reiche, sowie die darin enthaltene Magie.
Die Familien Graysten und Aireno, deren Geschichten und Besonderheiten, sowie die Abenteuer, die nicht von Anne Bishop verfasst wurden, gehören mir.
Diese Geschichte ist nicht dazu bestimmt, damit auf irgendeine Weise Geld zu verdienen.

Jaenelle Angelline schlug die Augen auf. Der Himmel vor ihrem Fenster war tiefschwarz, nur erhellt vom schwachen Licht der Sterne. Verschlafen strich sie sich die Haare aus dem Gesicht… es war ja noch weit vor Morgengrauen! Beim Feuer der Hölle, normalerweise schlief sie bis Mittag, wenn ein gewisser Jemand es nicht wagte, sie zu wecken….
Und irgendwie hatte sie das unbestimmte Gefühl, dass es Lucivar viel zu viel Spaß machte, sie aus den Federn zu hauen! Mistkerl!
Aber das war zum Glück ja (noch) nicht der Fall. Zufrieden seufzend warf sich die junge Hexe herum und kuschelte sich wieder in ihr Kissen. Zwei Stunden hatte sie garantiert noch! Doch der Schlaf wollte nicht mehr kommen. Nach zehn Minuten sinnlosen Umherwälzens gab sie es auf, sie setzte sich im Schneidersitz vor die Balkontür, von wo aus sie zu den funkelnden Sternen hinaufstarrte.
Was war nur los? Fiebernde Unruhe hatte sie ergriffen. Aber nicht im positiven Sinne.
Dann ging Jaenelle ein Licht auf. Ach ja…. Heute begann wieder eine der Wochen, in denen sie Urlaub machen musste. Nicht, dass sie das wollte! Sie tat das nur, damit der Dunkle Rat sie und vor allem ihren Vater in Ruhe ließ. Deshalb ließ sie zu, dass man in regelmäßigen Abständen eine adlige Familie aus Kleinterreille auswählte, zu der sie dann für eine Woche zu Besuch geschickt wurde.
Sie hasste es! Mit jeder dieser Wochen wuchs ihre Abscheu auf den Dunklen Rat.
Einst vor unzähligen Jahrhunderten von Saetan Daemon SaDiablo ins Leben gerufen, machte diese Institution nun ihrem Adoptivvater – und ganz besonders ihr selbst – das Leben schwer. Denn seitdem Saetan den Rat überredet hatte, Jaenelle offiziell als seine Tochter anzuerkennen, hatten die Mitglieder für Ärger gesorgt.
Warum? Natürlich, weil die dafür nötige Überzeugungsarbeit nicht gänzlich ohne Opfer vonstattengegangen war.
Deshalb mischten sich die Ratsmitglieder jetzt auch immer wieder in Angelegenheiten ein, die nicht die ihren waren. Sie hatten sogar versucht, einen anderen Vormund für Jaenelle zu bestimmen. Einen, den sie für geeigneter hielten!
Hexe hatte sie aufgehalten. Das Ende dieses Liedes waren nun die Urlaubsausflüge nach Kleinterreille. Eine Art Friedensangebot ihrerseits. Damit der verdammte Rat endlich Ruhe gab.
Also würde sie heute wieder einmal aufbrechen, um Gemüter zu besänftigen, die sie am liebsten im Abgrund zerreißen würde! Mal sehen, wohin es sie diesmal verschlug. Beim letzten Mal hatte sie Lucivars Rat befolgt, um den Aufdringlichsten dieser lächerlichen Aufschneider auf Abstand zu halten. Jeremy. Dieser kleine Widerling!
„Nun sei doch nicht immer gleich so abweisend!“ hatte er gesagt und dabei gegrinst, dass Jaenelle schlecht geworden war. „Du hast doch selbst gesagt, dass du noch niemals einen Kuss bekommen hast, Lady. Wie willst du da wissen, wie es ist?“
Dabei war er nähergekommen, immer näher.
Oh, sie konnte sich genau ausmalen, wie seine Küsse sein würden. Zähne, Zungen und Sabber! Die Worte waren urplötzlich in ihrem Gedächtnis aufgeflammt, ohne dass sie wusste, warum… und sie hatten so tiefe Abscheu in ihr hervorgerufen, dass ihr ein eisiger Schauer über die Wirbelsäule rieselte. Angst war in ihre Glieder geflutet. Der Geschmack bitterer Galle in ihren Mund.
Ehe Jaenelle einen weiteren Gedanken fassen konnte, hatte sie ihren „Verehrer“ auch schon gegen die nächste Wand gestoßen. Während dieser Idiot heulend zu Boden stürzte, war sie Hals über Kopf aus dem Zimmer geflohen. Das war am zweiten Tag gewesen. Die restlichen fünf dieser Woche waren eine Tortur, in denen sie kaum etwas gegessen und so gut wie nicht geschlafen hatte. Sie hatte versucht, sich in ihrem Zimmer zu verschanzen… aber da sie ja Gast war, ging das auf Dauer schlecht.
Jeremy hatte verlangt, dass sie ihm einen Kuss gab. Eine Entschädigung für die Beule am Kopf, die er ihr verdankte.
Er wurde sehr ungehalten, als er erneut abblitzte. Er nannte sie ein frigides Miststück, eine verrückte Schlampe, die doch gefälligst froh sein sollte, dass sich überhaupt ein Mann für sie interessierte. Schließlich sei ihr Geisteszustand alles andere als normal!
Böses Mädchen, krankes Mädchen!
In dieser Nacht hatte sie von ihrer Großmutter Alexandra geträumt, die ihr wie so häufig erklärte, dass ihre Geschichten Lügen seien. Nichts weiter als Hirngespinste. Dass ihre Halluzinationen wieder schlimmer geworden wären und man sie deshalb wieder zur Behandlung nach Briarwood schicken müsste. Dann würde es ihr bald wieder bessergehen.
Es war einer der wenigen Albträume, an die Jaenelle sich erinnern konnte.
Eine Ewigkeit verging in dieser Hölle aus traumatisierender Gegenwart und verschwommenen Erinnerungen, bis sie endlich nach Hause hatte zurückkehren dürfen. Dort tat sie ihr Bestes, um den besorgten Fragen auszuweichen und den Personen, die diese stellten. Doch Lucivar war eine Plage, die sich einfach nicht abschütteln ließ, sodass sie ihm zum wiederholten Male anlog und erklärte, dass sie ihr Problem auf seine Weise gelöst habe. Mehr bekam jedoch auch ihr hartnäckiger, lästiger großer Bruder nicht aus ihr heraus.

Es war nicht Jaenelle, die sich schließlich fauchend erhob und ins Badezimmer schlurfte. Hexe starrte mürrisch in ihr Spiegelbild – das exotische Gesicht, die saphirdunklen Augen und das goldblonde Haar. Sie war schön, sodass sie immer wieder gezwungen war, sich Idioten wie Jeremy vom Leib zu halten.
Das machte ihren Körper zu ihrem allergrößten Feind!
Das kalte Wasser, das sie sich ins Gesicht spritzte, vertrieb die letzte Müdigkeit. Nachdem sie sich angezogen hatte – formelle Alltagskleidung, eine dunkelgraue Hose mit geradem Schnitt und einen mit weinroten Blüten bestickten Pullover – packte Jaenelle resigniert Kleidung und Bücher für die nächste Woche ein.
Hoffentlich musste sie nicht wieder zu den Verwandten Jeremys. Möge die Dunkelheit Erbarmen haben.
Im Speisesaal bedachte sie Lucivar mit einem mürrischen Blick, woraufhin er grinsend einen großen Schluck seines dampfenden Kaffees nahm.
„Du teilst wie immer nicht?“, begann Jaenelle ihr allmorgendliches Ritual. Doch ihre etwas zu sanfte Stimme und der Hauch von kalter Wut in ihrer mentalen Signatur veranlassten den Kriegerprinzen dazu, ihr wortlos die Tasse hinzuhalten. Jaenelle nahm an dem großen Tisch in der Mitte des Raumes Platz. Mit leisem Seufzen trank sie den ersten Schluck Kaffee und ließ den Blick über die Anwesenden schweifen.
Prothvar unterhielt sich gedämpft mit Andulvar, während sie noch einen schnellen Happen zu sich nahmen, bevor sich die beiden Dämonentoten für den Tag zurückzogen. Sie nickten Jaenelle nur kurz zu. Auch die anderen, Karla, Morton, Chaosti und Morghann, begrüßten sie zwar, sprachen sie aber nicht an. Insgesamt war es im Speisesaal ungewöhnlich ruhig. Niemand wollte die Lady stören und damit ihren Zorn auf sich ziehen.
Niemand außer Lucivar. Klirrend stellte er einen reich beladenen Teller vor der jungen, blonden Hexe ab, die erschrocken zurückfuhr und ihn anfauchte.
„Hier, iss. Du brauchst heute Kraft!“, gab der Eyrier völlig unbeeindruckt zurück. Jaenelle fauchte noch mehr, was jedoch lediglich dazu führte, dass sich auf Lucivars Gesicht sein typisches arrogantes Grinsen ausbreitete. Da es keinen Sinn hatte, sich dagegen zu sträuben, begann sie also zu essen. Doch bereits nach einem Viertel schob sie den Teller von sich.
„Katze.“
Es war nur dieses eine Wort, ausgesprochen in Lucivars ganz besonderem Tonfall. Er wusste, dass diese Tonlage normalerweise immer funktionierte und er bekam, was er wollte. Doch heute blitzten die saphirblauen Augen seiner Lady – offenbarten für einen Augenblick den Schrecken und die unendliche Schönheit des Wesens, das sich hinter der menschlichen Maske Jaenelles verbarg.
Hexe. Fleischgewordene Träume.
Und es war seine Königin, die Lucivar nun eine Spur zu sanft erklärte, dass sie keinen Hunger mehr habe. Er sollte es besser wissen, dennoch setzte er sich mit seinem eigenen Frühstücksteller neben sie, schob ihr ihren wieder hin und begann selbst zu essen.
„Du hast die Wahl, Katze.“ meinte er, die zunehmende Kälte in ihrer Signatur und im Raum geflissentlich ignorierend, „Entweder du isst mindestens die Hälfte von deinem Teller.“
„Oder?“
Die Drohung in Hexes Stimme war unüberhörbar, sodass sämtliche Gespräche im Raum augenblicklich verstummten. Die Blicke richteten sich auf den Kriegerprinzen mit den Schwarzgrauen Juwelen und seine Lady. Karla und Morghann legten Morton und Chaosti die Hände auf die Schultern, da die beiden jungen Männer bereits dabei waren, aufzustehen.
„Entweder du isst die Hälfte von deinem Teller oder du bleibst so lange sitzen, bis du das getan hast.“ Wodurch sie zu spät aufbrechen würde, was den Dunklen Rat wieder einmal verärgern würde. Dieser Mistkerl von einem Eyrier wusste das haargenau! Völlig gelassen widmete sich Lucivar wieder seinem Frühstück. Er warf den restlichen Anwesenden einen kurzen, warnenden Blick zu. Karla verwickelte Morghann und die Jungs daraufhin in ein unverfängliches Gespräch über diverse Ausflugspläne für die kommenden paar Wochen. Als Jaenelle bemerkte, dass alle anderen ebenfalls in Ruhe frühstückten, nahm sie fauchend vor Wut das angebissene Stück Brot von vorhin und aß sogar alles auf, was ihr großer Bruder ihr gebracht hatte.
Nach dem Essen bat Beale sie in das Arbeitszimmer des Höllenfürsten.
„Guten Morgen, Papa.“
Saetan sah sie über den Rand seiner Brille hinweg an und hielt ihr einen versiegelten Brief hin.
„Guten Morgen, Hexenkind. Das hier kam heute Morgen für dich an.“ Er schmunzelte, als er Jaenelles missmutiges Gesicht sah. „Na, mach doch nicht so eine Miene. So schlimm wird es schon nicht werden.“
Jaenelle konnte gerade noch verhindern, dass ihr ihre Züge entglitten. Er hatte ja keine Ahnung! Aber sie wollte um nichts in der Welt, dass Papa von den Geschehnissen in Kleinterreille erfuhr. Er würde den Dunklen Rat von seinem Unmut wissen lassen! Und dann würde er noch mehr Ärger haben. Mit einem verdammt gut geschauspielerten Lächeln angelte sie den Brief aus der Hand des Höllenfürsten. Mit hochgezogenen Augenbrauen überflog sie das Schriftstück, bevor sie es an Saetan weiterreichte.
„Graysten.“, murmelte er, dann kramte er in seinem Bücherregal. „Die Graystens sind eine sehr alte Familie, die einst großen Einfluss in Terreille besessen hat. Vor langer Zeit gehörten sie zu den Hundert Familien Haylls.“
„Gehörten?“, Jaenelle legte den Kopf schräg, wie sie es immer tat, wenn sie etwas ihre Aufmerksamkeit erregte. Was Lucivar dazu veranlasst hatte, ihr den Spitznamen Katze zu geben.
„Sie sind bereits vor Jahrhunderten verarmt. Das damalige Familienoberhaupt, Lady Graysten, eine Königin mit Purpur-Juwelen, weigerte sich, einer Priesterin, wie Dorothea es ja zweifellos ist, die Treue zu schwören. Daraufhin wurden der Familie sämtliche Privilegien und alles Vermögen entzogen. Nach ihrer offiziellen Weigerung haben sie, ihr Mann und ihre Kinder sofort das Familienanwesen in Hayll verlassen. Sie sind untergetaucht. Dorothea ließ nach Lady Graysten suchen. Da diese aber unauffindbar war, wurden alle anderen Mitglieder der Familie hingerichtet, die Dorothea gefangen nehmen konnte. Damit war ihr Einfluss gebrochen, die Graystens konnten in Terreille nie wieder Fuß fassen.“
Jaenelle betrachtete neugierig die uralte Karte Terreilles. „Sie sind nach Kaeleer ausgewandert?“
„Nein.“, Saetan schüttelte den Kopf, er überflog einen weiteren Absatz in der Chronik. „Sie blieben in Terreille. Erst mit der Gründung Kleinterreilles verließen sie das Reich des Lichts. Die Graystens haben sich in Kleinterreille ein neues Leben aufgebaut, sie waren in der Lage, einen Teil ihres alten Reichtums zurückzuerlangen und gewannen auch wieder an Macht.“
Die junge, blonde Hexe nickte. „Und jetzt?“
„Tja.“, ihr Vater strich sich nachdenklich übers Kinn. „Es gab schon lange keine Königin mehr, die den Namen Graysten trug. Mittlerweile führen die Männer die Geschäfte. Das derzeitige Oberhaupt der Familie ist Howard Graysten, ein Krieger mit Aquamarin-Juwelen.“
„Moment mal!“, unterbrach ihn Jaenelle. „Der ist doch ein Mitglied des Dunklen Rates!“
„Wer ist ein Mitglied des Dunklen Rates?“ Lucivar war ungefragt und ohne anzuklopfen eingetreten, was ihm einen äußerst missbilligenden Blick seines Vaters einbrachte.
„Prinz Yaslana! Habt Ihr noch nie davon gehört, dass es als durchaus höflich gilt, sein Eintreten durch ein angemessen lautes Klopfgeräusch anzukündigen?“
Der Eyrier grinste träge. „Natürlich, Vater. Aber dann wüssten ja alle im Raum, dass ich reinkommen will. Also, wer ist ein Mitglied des Rates?“
Er ignorierte den Unmut des Höllenfürsten auch weiterhin mit arroganter Gelassenheit.
„Howard Graysten. Der Patriarch der Familie, die ich heute besuchen soll.“, antwortete Jaenelle an der Stelle ihres Vaters.
Lucivar hob die Schultern. „Sollte das ein Problem sein, bin ich gerne bereit, diesem Graysten und dem Dunklen Rat deine höfliche Absage zu überbringen.“
Ja. Wie das aussehen würde, konnten sich alle Anwesenden denken. Natürlich würde Lucivar die Absage überbringen. Und jedem, dem das nicht passte, seinen Missfallen kundtun. Gebrochene Knochen inklusive. Je nachdem, wie groß sein Missfallen ausfiel.
„Nein. Nein, das ist kein Problem!“, murmelte Jaenelle hastig und schenkte ihrem Bruder ein strahlendes Lächeln, dann wandte sie sich wieder an Saetan. „Also, er ist doch ein Mitglied des Rates, oder nicht?“
Der Höllenfürst ließ noch einmal kurz den Blick zwischen seinen beiden Kindern hin und her wandern, die Augenbrauen hochgezogen. „Ja, Graysten ist ein relativ unwichtiges Mitglied. Allerdings ist er ein enger Freund von Lord Jorval, dem Vorsitzenden. Es heißt, Lord Howard vertritt in allen Belangen die Ansichten des Rates und ganz besonders die Ansichten Jorvals. Er stimmt auch stets in dessen Sinne ab.“
„Also eine Marionette.“, spie Lucivar verächtlich das aus, was auch Jaenelle und Saetan dachten.
„Was gibt es sonst noch über ihn und seine Familie zu wissen?“, fragte die junge Hexe.
Der Höllenfürst blätterte noch etwas weiter, er schwieg eine Weile, in seine Lektüre vertieft. „Graysten ist bereits zum zweiten Mal verheiratet. Seine erste Frau Amalia starb vor etwa sieben Jahren an einer kurzen, aber schweren Krankheit. Aus dieser ersten Ehe ging ein Sohn hervor. Er ist siebzehn, also in deinem Alter.“, Saetan warf seiner Tochter einen kurzen Blick zu, „Er heißt Sirius und ist ein Kriegerprinz, der Weiße Juwelen trägt.“
Lucivar stieß ein amüsiertes Schnauben aus und auch Jaenelle grinste kurz. Ein Kriegerprinz mit Weißen Juwelen? Lächerlich!
Kriegerprinzen waren gefürchtet für ihr Temperament und ihre Gnadenlosigkeit im Blutrausch und auch außerhalb davon. Sie waren Raubtiere. Ihre Natur war der Grund für den Teil des Protokolls, der besagte, dass es kein Gesetz für Mord gab, sondern lediglich einen Preis, der entrichtet werden musste. Wer die Instinkte eines Kriegerprinzen herausforderte, sollte damit rechnen, den nächsten Tag nicht mehr zu erleben. Und je dunkler ihre Juwelen waren, desto größer die Gefahr, die von diesen Männern ausging.
Folglich sollte man sich hüten, jemanden wie Lucivar, der Schwarzgraue Juwelen trug, zu reizen. Aber ein Mann mit Weißen Juwelen? Wie gefährlich konnte dessen Zorn schon sein?
Saetan seufzte. Auch er hatte sich seinen Teil gedacht, als er die Zeilen gelesen hatte. „Wie auch immer. Aus seiner zweiten Ehe mit Shiori Amano, von der Gerüchte übrigens behaupten, dass er sich ihr bereits vor der Erkrankung seiner ersten Frau zuwandte, hat er eine Tochter namens Kikyo. Das Mädchen ist acht Jahre alt, sie trägt Grüne Juwelen und ist eine geborene Schwarze Witwe und eine Priesterin.“
Jetzt sahen sich Jaenelle und Lucivar an, sie lachten nicht mehr. Eine Schwarze Witwe mit Grünen Juwelen. Das war eine ganz andere Liga!
Ein Klopfen, gleich danach betrat Beale das Arbeitszimmer, um mitzuteilen, dass soeben eine Kutsche das Landenetz erreicht hatte. Der Fahrer habe den Auftrag, die Lady abzuholen und auf das Anwesen der Familie Graysten zu bringen. Jaenelles Augen nahmen für einen Augenblick einen gehetzten Ausdruck an, während es sie alle Kraft kostete, die Lufttemperatur um sich herum normal zu halten. Denn all die eisige Wut hatte ohnehin keinen Sinn. So schenkte die Lady Beale ein freundliches Lächeln, als sie sich bedankte und an ihm vorbei nach draußen in Richtung der Kutsche ging.
Als sie eingestiegen war, reichte Saetan ihr ein Lunchpaket von Mrs. Beale und den Brief des Dunklen Rates.
„Bis in einer Woche, Hexenkind.“
Dann setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Der Fahrer lenkte die Kutsche auf den purpurnen Wind, dem er in Richtung Norden nach Kleinterreille folgte. Die Fahrt dauerte lange, sodass Jaenelle genügend Zeit hatte, den Brief des Rates genauestens zu analysieren, sowie eines ihrer Bücher zur Hälfte durchzuschmökern.
Endlich erreichte das Gefährt das Landenetz des Dorfes Littlefield, zu dem auch das Graysten-Anwesen gehörte, etwa fünf Stunden nördlich von der Hauptstadt Goth.
Dieses Anwesen bestand aus einem großen Herrenhaus, zwei kleineren Nebengebäuden, vermutlich für die Dienerschaft, und weitläufigen Gartenanlagen, von denen auch ein Teil der Öffentlichkeit zugänglich war. Das Herrenhaus selbst war ein elegantes, helles Bauwerk mit drei Stockwerken, ganz anders als die große und dunkle SaDiablo-Residenz, die ein Symbol für Macht des Höllenfürsten war. Es wirkte leicht, geradezu verspielt mit seinen hohen, spitzen Fenstern, verzierten Balkonen und Erkern und einer großen Terrasse in Richtung der privaten Gärten. Letztere interessierten Jaenelle, die als geborene Königin immer eine Verbindung zum Land brauchte, ganz besonders. Was sie von der Kutsche aus sehen konnte, ließ ein verzücktes Lächeln auf ihrem Gesicht erscheinen.
Der öffentliche Park war weitläufig, Pfade aus weißem Kies grenzten bunte Blumenbeete voneinander ab, alte Bäume mit breiten Kronen spendeten Schatten über verzierten Holzbänken. Am Rande des Parks lag ein See, in den ein Bach mündete, nachdem er sich durch Beete und unter geschwungenen Brücken hindurch gewunden hatte.
Die Kutsche umrundete eine letzte Kurve, dann hielt sie vor den Treppen zum Haupteingang des Graysten-Anwesens. Als die junge, blonde Hexe ausstieg, wurde sie bereits von Howard Graysten, seiner Familie und dem Butler des Hauses erwartet.
Der große, stattliche Herr des Hauses mit hellblonden Haaren, einem ebenso blonden, kurzen Bart und graublauen Augen kam forschen Schrittes auf die Kutsche zu.
„Lady Angelline, es ist mir eine Ehre, Euch hier in Littlesea begrüßen zu dürfen.“ Mit einem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht ergriff Lord Howard ungefragt Jaenelles Hand, was diese mit hochgezogenen Augenbrauen quittierte. Das war nicht unbedingt der korrekte Umgang mit einer Königin, wie er im Protokoll festgehalten war.
„Littlesea?“, lenkte Jaenelle ab, während sie Howard schnell wieder ihre Hand entzog.
„Das ist der Name dieses Anwesens. Wegen des Sees.“, erklärte der Politiker leutselig, während er seinen Gast zu seiner wartenden Familie führte. „Darf ich Euch meine Ehefrau Shiori vorstellen?“
Die schwarzhaarige Hexe mit den tiefdunkelgrünen Augen und dem fein geschnittenen, edlen Gesicht hatte deutlich bessere Manieren als ihr Mann. Sie verbeugte sich mit einem Knicks, der von einer Frau ihrer Kaste und ihres Juwelenranges verlangt wurde. Dabei konnte Jaenelle einen Blick auf Shioris Kette werfen, an der neben einem Purpur-Juwel auch der Stundenglas-Anhänger einer voll ausgebildeten Schwarzen Witwe hing. Kein Wunder also, dass ihre Tochter dieses Talent geerbt hatte.
Genau diese Tochter stellte Howard ihr nun als nächstes vor. Die junge Königin warf ihrem Gastgeber einen irritierten Blick zu.
Das war ein erneuter Affront gegen das Protokoll und auch gegen seinen Sohn, der nicht nur elf Jahre älter war, sondern in der Kaste auch noch über seiner Schwester stand, weiße Juwelen hin oder her. Die Frage war, ob dem Krieger mit den Aquamarin-Juwelen einfach ein weiterer Fehler unterlaufen war oder ob er seinen Sohn absichtlich auf diese Weise demütigte.
Kikyo, das kleine Mädchen, das seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war, begrüßte Jaenelle mit einem fröhlichen Lachen und streckte ihr voller Begeisterung die Hand hin. Die junge blonde Hexe wollte die kleinen Finger gerade ergreifen, als sich Kikyos Bruder neben ihr hinkniete und ihr ganz leise etwas ins Ohr flüsterte.
„Oh!“, flüsterte das Kind überrascht, „Ja, du hast recht. Daran habe ich gar nicht gedacht!“
„Siehst du? Sie ist eine Königin, da darfst du das Protokoll niemals vergessen. Und jetzt zeig der Lady, wie gut du Bescheid weißt“
Der Junge erhob sich wieder, während seine kleine Schwester sich in vollendeter Form vor Jaenelle verbeugte.
„Es freut mich sehr, Euch kennenzulernen, Lady Angelline!“. Sie stolperte ein wenig über Jaenelles Nachnamen.
„Ich freue mich ebenfalls, kleine Schwester!“, erwiderte die blonde Hexe den förmlichen Gruß und biss sich sogleich in die Wange, um ein möglicherweise unpassendes Lächeln zu unterdrücken, als Kikyo sich mit stolzgeschwellter Brust zu ihrem älteren Bruder drehte. Der zwinkerte ihr kurz zu, bevor er sich zu seinem Vater umwandte, der ihn nun der Besucherin vorstellte.
Jaenelle musterte den Jungen von oben bis unten. Das also war der Kriegerprinz mit den weißen Juwelen, die an einer silbernen Kette um seinen Hals hingen. Sirius Graysten schien die Farbe seines Juwels geradezu zu verkörpern. Er hatte blasse Haut, schneeweiße, kurze Haare, die ungebändigt sein schmales Gesicht umrahmten, und Augen, in denen ein Gewittersturm zu tanzen schien, dessen sturmgraue Wolken zunehmend schwärzer wurden. Hexe war klar, dass der Junge wütend war. Ihm war das Protokoll natürlich bekannt und der kurze Blickwechsel zwischen ihm und seinem unverbindlich lächelnden Vater verdeutlichte Jaenelle, dass Lord Howard seinen Sohn mit voller Absicht als Letzten der Familie vorgestellt hatte.
Sirius verbeugte sich so, wie das Protokoll es verlangte, dann musterte er die Besucherin, wie er zuvor von ihr begutachtet worden war. Die beiden sahen sich einen Moment in die Augen.
Jaenelle konnte es nicht greifen, es war nur ein Hauch, die Ahnung eines Gefühls, aber irgendetwas störte sie an dem Kriegerprinzen. Etwas stimmte nicht mit ihm, als hätte er etwas an sich, das eigentlich nicht da sein sollte. Nicht da sein durfte. Es war unmöglich, dieses Es in Worte zu fassen, aber, Mutter der Nacht, allein deshalb konnte sie ihn nicht leiden!
Lord Graysten geleitete sie weiter zu dem Butler, einem älteren Herrn, der ihr mit freundlicher Höflichkeit erklärte, dass sie sich nur an ihn wenden sollte, wenn sie etwas bräuchte. Victor Adrien war sein Name. Jaenelle fasste sofort Vertrauen zu dem Mann, dessen mentale Signatur eine derart warme Großväterlichkeit ausstrahlte, dass man ihn einfach mögen musste.
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