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Die Geschichte von Roger & Rouge

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
der Rote Shanks Gol D. Roger Käpt'n Buggy Monkey D. Garp Puma D. Rouge Silvers Rayleigh
24.08.2017
18.04.2018
35
120.866
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Dieses Kapitel
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31.08.2017 2.993
 

2 – Das Ende einer glücklichen Familie


Logue Town, Oktober 1453, Roger ist fünf Jahre alt

„Warum muss ich mit dir einkaufen gehen und Regino nicht?“, quengelte der griesgrämige Roger, der an der Hand seiner Mutter durch Logue Town lief.

„Weil Regino in der Schule ist“, antwortete Rain liebevoll. Sie sah zu ihrem jüngeren Sohn hinunter und musste lächeln, als sie seine Miene absoluter Unlust sah. „Na komm, wir sind doch schnell wieder Zuhause. Dann koche ich dir den Kürbiseintopf, den du so gerne magst.“

Rogers Miene erhellte sich leicht und er schaute auf. „Wirklich?“

„Versprochen“, sagte Rain und drückte seine Hand. „Nur noch zwei Monate, dann kommst du auch in die Schule.“

„Ja, aber ich kann doch schon alles!“, erwiderte Roger gedehnt und kickte einen Stein voran, der einige Tauben am Brunnen aufscheuchte, was wiederum ein paar Menschen erschrocken zur Seite springen ließ. Einer davon landete im Brunnen und Roger kicherte.

„Also wirklich, Roger“, ermahnte Rain ihren Sohn, aber noch immer lächelte sie.

„Was?“, fragte Roger unschuldig. „Der Stein lag zuuuuufällig vor meinem Fuß.“

Rain schüttelte den Kopf und bog mit Roger in eine Nebenstraße ein. „Einen Stein zu kicken, ist kein Verbrechen. Deine Mutter zu belügen schon. Pass auf, sonst überlege ich mir das mit dem Kürbiseintopf noch mal.“

Roger grinste. „Entschuldige, Mama!“

„Du bist wirklich ein Rabauke“, sagte Rain und steuerte auf einen Stand mit Obst und Gemüse zu.

„Aber ich bin dein Lieblingsrabauke!“, sagte Roger und grinste sie noch breiter an.

Rain lachte und verwuschelte sein Haar, das so lang war, dass es ihm in die Stirn fiel. „Ja, das bist du.“ Sie wandte sich an die Händlerin. „Guten Tag, Ida.“

„Hallo Rain. Na, ist der kleine Roger mal wieder dabei? Hier, mein Mann hat gesagt, das soll ich dir schenken“, sagte Ida und gab dem Jungen eine kleine Schnitzerei.

„Ist das ein Drache?“, fragte Roger stirnrunzelnd und mit einem Schimmer von Hoffnung in der Stimme.

„Nein, das ist eine Ente“, entgegnete Ida freundlich und wandte sich an Rain. „Was darf es heute sein?“

Roger starrte auf die Ente in seiner Hand, während Rain Kürbisse, Kartoffeln und Pilze einkaufte.
Schließlich wandte sie sich an ihren Sohn. „Roger, hast du dich bereits bedankt?“

Roger schaute mit einem Blick zu Ida auf, den man nur als Killer-Blick bezeichnen konnte, und murmelte ein „Danke“. Dann nahm er die Hand seiner Mutter und ging mit ihr zurück zur Hauptstraße. Dort löste er sich von seiner Mutter, rannte zum Brunnen, versenkte darin die Ente, kehrte zu seiner verblüfften Mutter zurück und nahm wieder ihre Hand.

„Was genau war das denn?“, fragte Rain blinzelnd.

„Enten wollen doch schwimmen, oder nicht?“, meinte Roger mürrisch.

Amüsiert verzichtete Rain auf eine Antwort und ging mit Roger davon, um noch zu einem Laden in einer kleinen, aber ruhigen Straße nicht weit entfernt vom Zentrum zu gehen. Der Laden hatte das breiteste Sortiment an Gewürzen und erst gestern war eine neue Lieferung seltener Kräuter aus dem South Blue angekommen. Es dauerte nicht allzu lange, bis sie dort ankamen. Aber da der ungeduldige, lebenshungrige Roger sonst wieder anfing zu quengeln, ließ Rain ihren Sohn ein wenig Kopfrechnen üben. Zwar würde er erst in zwei Monaten in die Schule kommen, aber er konnte schon einige Buchstaben schreiben und lesen, und einfache Rechenaufgaben waren für ihn keine Herausforderung mehr.

„Na, Madame, so allein unterwegs?“, sagte da ein Mann in dunkler, schäbiger Kleidung, der ihnen voraus an einer Hauswand lehnte.

Rain wollte weitergehen, ohne dem Mann Beachtung zu schenken, doch sie hatte die Rechnung ohne das Temperament ihres Sohnes gemacht.

„Sie ist nicht allein, du Blödmann!“, sagte Roger angriffslustig.

Der Mann grinste und entblößte dabei einige Zahnlücken. „Hast du mich gerade Blödmann genannt?“

„Roger“, ermahnte Rain ihn warnend und wollte mit ihm weitergehen.

Doch Roger ließ ihre Hand los. „Da siehst du mal wie blöd du bist, du Blödmann! Du merkst nicht mal, wenn du beleidigt wirst!“

Nun stoppte der Mann das grinsen. „Kleine Mistkerle wie du gehören besser erzogen. Deine Mutter hat es anscheinend versäumt, dir ordentlich den Hintern zu versohlen. Das kann ich gerne nachholen!“ Er stieß sich von der Hauswand ab und kam auf die beiden zu.

Rain schnappte sich Rogers Handgelenk und drehte sich mit ihm um, um die Gasse schnell zu verlassen, doch sie fand sich drei weiteren Kerlen gegenüber. Sie waren nicht weit von der Hauptstraße entfernt – es musste doch möglich sein, ihnen zu entkommen. Oder zumindest sollte doch jeden Augenblick jemand vorbeikommen, der die bedrohliche Situation allein durch seine Anwesenheit auflösen würde.

„Na na, Madame. Ich werde Ihrem Sohn eine Lektion erteilen und in der Zwischenzeit können Sie meinen Männern Ihr Geld aushändigen. Klingt großartig, nicht?“ Der Anführer der kleinen Gruppe schnappte sich Rogers freie Hand.

„Finger weg von dem Kind, Bastard!“, fauchte Rain und schlug mit dem Einkaufskorb nach dem Anführer, so dass alle Kartoffeln, Kürbisse und Pilze aus dem Korb fielen und über den Boden kullerten. Fluchend hob der Mann seine Arme zur Abwehr, wobei er Roger los ließ.

„Du Schlampe, wie kannst du es wagen, unseren Boss zu schlagen?“, rief einer der Kerle und schnappte sich ihren Arm.

„Roger, lauf. Lauf zur Hauptstraße, verschwinde!“, sagte Rain ernst und sah zu ihrem Sohn.

Roger stand wie angewurzelt da und wusste nicht, wie ihm geschah. Er wusste nur, dass hier etwas entsetzlich falsch lief, und dass er zum ersten Mal Angst in der Stimme seiner sonst so mutigen, starken Mutter wahrnahm.

„Her mit dem Geld jetzt! So fein, wie du angezogen bist, hast du sicher einiges dabei!“, sagte der eine Kerl und begann in ihren Manteltaschen zu wühlen.

„Lasst sie los!“, fauchte Roger und wurde aufgrund seiner Größe leicht von den Männern abgedrängt. Einer der Kerle hielt Roger am Kragen zurück.

Rain wehrte sich mit Händen und Füßen, als die anderen drei Männer versuchten, ihr den Mantel abzunehmen und nach Geld zu durchsuchen, während sie versuchte, Roger im Blick zu behalten. „Lass meinen Sohn los!“

„Beeilt euch, irgendwo muss sie doch Geld haben!“

„Was hat der Mantel auch tausend Taschen!“, beschwerte sich ein Anderer.

„Verschwinde, Roger, lauf zur Straße!“, rief Rain ihrem Sohn wieder zu. Sie wollte ihn in Sicherheit wissen. Das war alles, woran sie in diesem Augenblick denken konnte. Die Männer durften ihrem Sohn nicht wehtun. Sie rammte dem Kerl vor sich ihr Knie in den Schritt.

„Auuuuuuuu“, jaulte der Mann auf und ließ von ihr ab.

„LAUF, Roger!“, rief Rain erneut, als sie sah, dass Roger nur dastand und alles beobachtete und sich nicht einmal gegen seinen „Bewacher“ wehrte, obwohl der nur lässig den Kragen festhielt. Normalerweise war Roger ein Ass darin, jemandem zu entwischen.

„Halt die Klappe!“, fauchte einer der Kerle und schlug ihr die Faust ins Gesicht.

In diesem Moment legte sich bei Roger ein Schalter um. Ohne darüber nachzudenken, lief er auf die Gruppe zu – das kam so abrupt, dass sein Bewacher gar nicht reagieren konnte – und boxte einem Kerl in die Seite und trat einem anderen gegen das Schienbein. Dass er dabei die ganze Zeit „Lass sie los!“ vor sich her rief, bemerkte er gar nicht.

Blut lief aus Rains Mundwinkel, die Kerle hielten mittlerweile beide Arme fest und sie hörte auf, zu treten, da sie Angst davor hatte, Roger zu treffen. „Roger, verschwinde“, bat sie ihn, immer noch mit Angst in der Stimme. Aber nicht mit Verzweiflung.

„Wir müssen verschwinden“, zischte einer der Kerle. „Wir brauchen schon viel zu lang!“

Der Anführer nickte. „Verdammte Schlampe.“ Er fasste Roger am Kopf, da dieser angefangen hatte, ihn in den Bauch zu boxen, und schleuderte ihn auf den Boden.

Roger fiel, überrascht von dem Angriff, und landete mit aufgeschürften Händen und Knien am Boden.

Einer der Männer holte nun mit dem Bein aus, um den am Boden liegenden Roger ein für alle Mal mit einem saftigen Tritt auszuschalten.

„Nicht mein Sohn, du Mistkerl!“, rief Rain wütend und holte aus. Doch bevor sie zuschlagen konnte, schlug einer der Männer zu – erneut mit der Faust in ihr Gesicht. Diesmal war der Schlag so heftig, dass auch sie zu Boden stürzte. Sie schlug mit dem Kopf auf und blieb benommen liegen, während Roger seinerseits den Tritt kassiert hatte und sich die Arme vor den schmerzenden Bauch presste.

„NEIN!“, rief Roger, als er sah, dass seine Mutter fiel. Er fühlte unbändige Wut, aber auch große Angst.

Zu ihrer aller Überraschung fielen die Männer alle zu Boden, einer von ihnen ohnmächtig. Benommen und erschrocken schauten die drei anderen auf Roger.

„Scheiße! Weg hier!“, rief einer der Kerle. Zwei von ihnen schnappten sich den ohnmächtigen Kumpel, dann machten sie sich auf und davon.

Roger sah ihnen nach und wäre ihnen am liebsten hinterhergerannt, aber er wollte seine Mutter nicht alleine lassen. Zutiefst geschockt von der ganzen Situation, krabbelte er schwer atmend zu ihr, wobei er einige Kartoffeln aus dem Weg rollte. „Mama?“, sagte er, als er bei ihr ankam.

Rain blinzelte ihn an, noch immer lief ihr Blut aus dem Mundwinkel und an ihrer Augenbraue war eine Platzwunde. Das Blut lief ihr ins Auge. „Roger… geht… geht es dir… gut?“, fragte sie leise und hob ihre Hand, die sie an seine Wange legte.

„Ja, Mama. Was soll ich tun?“, fragte er hilflos und spürte wie Tränen aufstiegen. „Warum stehst du nicht auf?“

Rain lächelte leicht und streichelte seine Wange. „Ich liebe dich, Roger… immer…“, flüsterte sie.

„Mama! Steh auf, bitte!“, bettelte Roger. Er betrachtete das zarte, schmale Gesicht seiner Mutter, das normalerweise schön und strahlend war. Aber jetzt, unter dem grauen Oktoberhimmel und mit dem vielen Blut, wirkte es nicht wie das Gesicht seiner Mutter. Sie sah aus wie eine andere Person. Das hellbraune Haar, normalerweise lockig und leicht, das immer nach Rosmarin roch, umrahmte ihr Gesicht, aber es wirkte schwer. Bleischwer, als würde es sie nach unten ziehen, sie am Boden halten. Die dunkelbraunen Augen waren auf ihn gerichtet und sie waren das einzige, das so aussah wie immer: Voller Liebe sahen sie ihn an, lebendig und strahlend.

„Mein Schatz…. mein… Kleiner…“, flüsterte sie, als die ersten Regentropfen fielen. Sie blinzelte und lächelte wieder. Schon immer hatte sie den Regen geliebt. Hatten ihre Eltern dies gewusst, dass sie ein Kind des Regens war, und hatten sie ihr deshalb den Namen gegeben? Oder liebte sie den Regen, weil ihr Name Rain war? Im Endeffekt war es egal. Es war nur tröstlich, dass es jetzt zu regnen begann.

„Denke… daran… ich bin der… Regen… auf…“ Sie keuchte vor Schmerz und sie ballte beide Hände zu Fäusten, die eine immer noch an seinem Gesicht.

„Auf meinem Gesicht, an meinem Fenster, auf meiner Haut. Ich weiß, Mama. Regen ist wunderschön, so wie du, und er kann mir nichts anhaben“, wiederholte Roger das, was seine Eltern und sein Bruder ihm beigebracht hatten. Vor einem Jahr hatte es Dauerregen gegeben und die Leute in der Stadt waren panisch gewesen wegen der Überschwemmungen. Um ihm die Angst zu nehmen, hatten sie Roger erklärt, dass Regen nicht böse war. Aber, dass man der Natur stets respektvoll gegenübertreten sollte, um sie zu verstehen und sie bezwingen zu können. Und sie hatten ihm gesagt, dass der Name seiner Mutter Regen bedeutete, und das hatte ihn am meisten getröstet.

Rain lächelte noch einmal, dann fiel ihre leblose Hand zu Boden und das Leben verschwand aus ihren Augen.

Roger schluckte und wusste, dass etwas ganz Schreckliches geschehen war. Doch der Regen, der auf ihn herunter prasselte, fühlte sich tröstlich an, wenn auch etwas kalt. Er betrachtete seine tote Mutter eine ganze Weile, bis er ihre Hand nahm und fühlte, dass sie nicht mehr am Leben war. Es erschreckte ihn, dass der Körper seiner Mutter wie eine Puppe wirkte, sich nicht mehr von selbst bewegte. Erst dann begriff er, dass sie nie wieder ein Wort sagen würde. Er stieß einen Schrei des Zorns aus, sprang auf und rannte davon, um die Männer zu finden, die seine Mutter getötet hatten.

Er fand sie nicht. Natürlich nicht.

Aber die Marine fand ihn, befragte ihn, brachte ihn zu seinem Vater und seinem Bruder, die ihn ebenfalls befragten. Aber er sagte nichts. Nicht ein einziges Wort. Bis zu dem Moment drei Tage später, als der Regen aufhörte, auf die Stadt zu prasseln.

Er berichtete Regino, seinem geliebten älteren Bruder, was geschehen war. Er beschrieb das Aussehen der Männer, aber die Marine fand die Männer nicht.

Obwohl Regino ihm gesagt hatte, er trüge keine Schuld an dem Vorfall, fühlte er, dass er für das Unglück verantwortlich war. Obwohl River, sein Vater, ihn tröstete und ihn an den Abenden stundenlang im Arm hielt, lösten die Umarmungen nicht mehr die gleichen Gefühle aus wie zuvor. Denn wie sollte sein Vater ihn trösten, wenn er selbst weinte?

Roger wollte seine Mutter zurück. Er wollte wieder Rosmarin riechen, wenn er sie umarmte. In ihrer weichen, warmen Umarmung geborgen sein. Er wollte, dass sie sein Haar verwuschelte und mit ihm sprach und ihm Rechenaufgaben stellte. Er wollte den Kürbiseintopf essen, den sie ihm versprochen hatte, und er wollte von ihr Geschichten erzählt bekommen. Er wollte ihr Lachen hören, ihr Lächeln sehen. Und er wusste, sein Bruder und sein Vater wollten das gleiche. Und er wusste auch, dass es egal war, was sie wollten. Seine Mutter war tot, hatte Regino gesagt. Das bedeutete, ihr Körper würde beerdigt werden, hatte er erklärt. Aber sie sei nun ein Engel, und obwohl unsichtbar, wäre sie immer bei ihnen.

„Immer wenn es regnet, werden wir an sie denken und jeder Regentropfen ist eine Berührung von ihr“, hatte River erklärt, bevor sie aus dem Haus zur Beerdigung gegangen waren. „Und wenn es nicht regnet, dann will sie uns damit sagen, dass wir die Sonne genießen sollen. Dass das Leben auch ohne sie weitergeht. Und eines Tages werden wir wieder alle zusammen sein. Denn wir alle müssen eines Tages sterben und wir brauchen jetzt keine Angst mehr davor zu haben. Denn wenn wir sterben, Roger, dann wird Mama dort sein und uns begrüßen.“

Roger hatte genickt und sich diese Worte eingeprägt. Weit mehr, als er sich irgendwelche anderen Worte eingeprägt hatte, und an diesem Tag waren viele Worte gesprochen worden.

Und als seine Mutter beerdigt wurde, stand Roger zwischen seinem Vater und seinem Bruder und weinte nicht.

Roger wusste, dass er nie den Anblick seiner Mutter vergessen würde, die dort auf der Straße gelegen hatte, mit Blut im Gesicht, das von Regentropfen verwischt wurde, und mit Augen, die so leblos waren, dass es jetzt noch in seinem Herzen wehtat. Nie jedoch hätte er geahnt, dass er mit seiner Mutter auch seinen Vater verlieren würde.

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Logue Town, 31. Dezember 1453, Rogers 6. Geburtstag

Als Roger erwachte und im Schlafanzug und sich die Augen reibend in die Küche hinunter tapste, konnte er seinen Vater und seinen Bruder bereits streiten hören. In den letzten Tagen hatten sie sich öfter gestritten.

„Heute nicht, Vater!“

„Wer glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du mir meine Flaschen wegnehmen kannst?!“

„Ich bin dein Sohn und du bist nicht ganz zurechnungsfähig!“

„Her mit dem Zeug, sonst… sonst hast du Hausarrest!“

„Tz, von dir lasse ich mir nichts sagen! Heute wirst du gefälligst nüchtern bleiben! Du kannst nicht jeden Morgen anfangen, Rum oder Sake zu saufen!“

„Ich trinke, was ich will, verdammt noch mal!“

Die letzten Worte wurden lauter gebrüllt und Roger hörte ein Klirren – vermutlich eine Flasche, die zu Bruch gegangen war. Er blieb in der Tür zur Küche stehen und sah, wie sein Vater ausholte, um dem wütenden Regino eine zu knallen, da er anscheinend die Flasche hatte fallen lassen.

„Bitte nicht, Vater!“, bat Roger und ging in den Raum – nur, um mit seinen Füßen, die in bunten Ringelsocken steckten, in eine der Scherben zu treten. „AU!“

Regino und River hatten sich beide dem Jungen zugewandt und bei beiden verrauchte der Ärger prompt.

„Was machst du denn, Roger? Hast du die Scherben nicht liegen sehen?“, fragte River und ging zu Roger, um ihn auf den Arm zu nehmen. Er setzte sich auf einen Stuhl, Roger auf den Schoß, und entfernte langsam die Socke, die sich mit Blut vollsog.

Regino hatte sich mit einer Pinzette, einer Schere, Desinfektionsmittel und einem Verband ausgestattet und kam zum Küchentisch.

Roger schniefte und vergrub sein Gesicht im Pullover seines Vaters. „Ihr habt mich erschreckt“, antwortete er vorwurfsvoll.

Während River den Fuß festhielt, kniete Regino vor dem Stuhl und achtete darauf, den Scherbensplitter möglichst sanft zu entfernen. Glücklicherweise war er nicht groß, die Wunde war nicht tief.

„Das tut uns leid, Roger“, erwiderte River und es klang wirklich, als hätte er ein schlechtes Gewissen. „Dabei ist heute dein Geburtstag.“

„Wolltest du wirklich schon zum Frühstück Rum trinken?“, fragte Roger. Selbst in seinem Alter wusste er, dass die Erwachsenen dieses Getränk eigentlich nur abends zu sich nahmen.

River spannte sich unwillkürlich an. „Ja. Es hilft mir.“

Regino warf seinem Vater einen warnenden Blick zu, während er ein Stück des Verbandes abschnitt und mit Desinfektionsmittel benetzte, um dann die Wunde zu reinigen.

„Helfen?“, fragte Roger nach.

„Ja, weil Mama mir fehlt. Der Rum hilft, dass es nicht so weh tut“, sagte River so ruhig wie möglich.

„Das ist aber keine gute Lösung, Vater. Und das weißt du“, sagte Regino. Diesmal war seine Stimme weit liebevoller als zuvor im Streit.

„Ich weiß, Regino. Aber gib mir noch ein wenig Zeit, ja? Nur ein wenig“, erwiderte River und es klang, als forderte er von Regino Vergebung für seine Schwäche.

„Wenn es dir hilft, darfst du ein wenig davon trinken, aber nicht zu viel. Und nicht gleich morgens“, antwortete der ältere der Brüder. Er verband Rogers Fuß und erhob sich, um den Feger zu holen und die Scherben zusammenzukehren. Dass der Rum noch eine Pfütze bildete, war ihm egal. Man konnte den Feger schließlich waschen.

River nickte und umarmte Roger fest. „Also, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Kleiner. Was wollen wir unternehmen?“

Rogers Augen begannen zu strahlen. „Lass uns zur Eisbahn auf dem Hauptplatz gehen!“ Dieses Jahr waren sie noch nicht dort gewesen, dabei liebte Roger die Eisbahn und die Stände mit kandierten Äpfeln.

Später würde sich Roger an diesen Geburtstag als den letzten erinnern, den er lachend verbracht hatte.

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