The scars within my heart are fading

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
Collins Mr. Dawson Peter Dawson
24.08.2017
01.11.2018
43
72.332
10
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60 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
25.08.2017 1.944
 
A/N: Danke an Moosmutzel10.

Dies Update tanzt ein bisschen aus der Reihe. Normalerweise warte ich ein paar Tage, bis ein neues Kapitel kommt, aber da der Prolog hier so kurz geraten ist, mache ich mal eine Ausnahme von der Regel.

Über Reviews und/oder Sternchen würde ich mich sehr freuen.







Kapitel 1


1. Operation Dynamo

Im Hafen hing der vertraute Geruch von Schiffsdiesel, schmutzigem Wasser, Salz und ganz verstohlen auch noch der letzte Hauch der Wärme des gestrigen Tages. Die Sonne hatte den ganzen Tag über an einem strahlend blauen Himmel gestanden und jeden Winkel erhitzt, den ihre Strahlen hatten erreichen können. Die Nacht hatte das nicht vollends tilgen können, stellte der Skipper der Serendipity mit leisem Seufzen fest, nachdem der Fischkutter aus der rauen See des Kanals in das ruhigere Wasser glitt und damit in den vertrauten Kokon aus Gerüchen und Geräuschen des Heimathafens.
Die Serendipity mit ihren rund fünfzig Fuß Länge und dem Gleniffer Dieselmotor war an diesem Morgen nicht das erste Schiff, das zurückgekehrt war, und der Hafen war ohnehin schon vor Stunden zum Leben erwacht, nein, eigentlich schlief er nie, konstatierte der Skipper stumm, schob die Mütze ein Stück aus der Stirn und anschließend die Ärmel des dunklen Wollpullovers nach oben. Und der Skipper seufzte erneut, als hektische Schritte auf dem Deck zu hören waren. Nur Sekunden später stürzte ein Junge ins Ruderhaus.

„Tottie?!“

„Mh?“

„Da sind Offiziere auf dem Steg!“

„Ja, ich sehe sie, und?“

„Du bist ein Mädchen!“, rief der Junge aus.

Sie ächzte: „Und ich bin berechtigt, Skipper zu sein, Arthur. Außerdem kommen Offiziere sicher nicht nach Weymouth, um die Skipper von Fischkuttern zu kontrollieren. Die haben wichtigeres zu tun.“

„Aber -“

„Kein Aber. Wir werden jetzt festmachen, so wie immer und du weißt, was du zu tun hast.“

„Tottie!“

„Ab dafür!“

Arthur schnaubte unwillig, ging jedoch zurück an Deck, als sie zu einem Wendemanöver ansetzte, um den Schwimmsteg an Backbord zu haben. Erfahrungsgemäß war es so einfacher, in der kommenden Nacht wieder auszulaufen, zumindest für ihren Geschmack. Aber sie war ja auch nicht der alte Mister White, der… Sie stellte den Motor ab und Arthur machte mit der Bugleine in der Hand einen Satz über die Reling und sicher auf den Steg. Die Fender knirschten zwischen Kutter und Steg, als sie ihrem Halbbruder an Deck folgte, um ihm die nächsten Leinen zuzuwerfen. Sie waren sicherlich kein perfektes Team, doch mittlerweile wenigstens ein eingespieltes. Eine große Wahl hatten sie mit dem Kriegsbeginn in dieser Hinsicht auch gar nicht mehr gehabt. Für John war die Kriegserklärung an das Deutsche Reich wie eine Initialzündung gewesen und mit ihm war der letzte ihrer Brüder weggegangen, mit dem sie blind hätte zusammenarbeiten können. Jetzt waren nur noch ihre Halbbrüder da, Arthur und Thomas. Letzterer war zu jung und Arthur, wenn er es darauf anlegte, ein bockiger Fünfzehnjähriger, der sie ohne ein Machtwort ihres Vaters nie als Skipper akzeptiert hätte. Es war frustrierend, aber es war Krieg und sie mussten alle Opfer bringen; und das Geschäft musste weiterlaufen. Nicht nur, damit sie als Familie über die Runden kamen, sondern auch, weil die Menschen essen mussten und sie waren Fischer seit zig Generationen. Es gab keine Wahl, nicht für sie. Sie konnte die Arbeitskraft ihrer älteren Brüder nicht vollständig ersetzen, aber sie musste tun, was sie konnte, um den Verlust abzumildern. Andere junge Frauen mochten dem Aufruf Join the Wrens* – and free a man for the fleet folgen, doch sie musste nicht erst zur Royal Navy gehen, um ihre Aufgabe in diesem Krieg zu finden.

Nachdem sie auf dem Kutter dicht geholt und die Leinen aufgeschossen hatte, stieg sie ebenfalls über die Reling auf den Steg, wo Arthur nun stand und die Offiziere beäugte, als hätte er noch nie welche gesehen. Hatte er aber, das hatten sie alle. Das ließ sich ja nicht vermeiden. Nichtsdestotrotz machte der Anblick sie stutzig. Es war nicht normal, dass ihr Vater, Mister Dawson und selbst Mister Stevens bei diesen Offizieren standen. Man musste nicht das Zweite Gesicht haben, um zu wissen, dass sich dort etwas anbahnte.

„Geh nach Hause, Arthur. Du musst dich noch umziehen und zur Schule“, murmelte sie. Was auch immer hier gerade passierte, es war sicher besser, wenn Arthur nicht mehr hier war, sobald es über sie hereinbrach. Die Erinnerung daran, wie es gewesen war, als man Mister Dawson und seiner Familie die Nachricht vom Tod des ältesten Sohnes überbracht hatte, war noch viel zu klar und präsent und das lag ganz bestimmt auch daran, dass… Sie biss sich auf die Lippe.
Arthur neben ihr rührte sich nicht von der Stelle, fast so, als hätte er ihre Worte nicht gehört – genau das traute sie ihm sogar zu. Nur für eine zweite Aufforderung fehlten ihr die Worte, solange die Erinnerung ihr die Luft abschnürte. Es wurde erst wieder besser, als die Offiziere den Steg verließen, ihr Vater blieb mit Mister Dawson und Mister Stevens noch für einen Moment stehen. Sie wechselten offensichtlich noch ein paar Worte miteinander, ehe sie auseinandergingen und zurück zu den Liegeplätzen ihrer Boote.

Sie sah noch, wie Mister Dawson auf die Moonstone und direkt unter Deck ging, dann das Gesicht ihres Vaters und seine bitterernste Miene und schlagartig war schien es ihr wieder die Luft abzuschnüren. Was auch immer gerade passiert war, es war offenbar schlimmer als alles, was er insgeheim erwartet hatte.

„Nach Hause mit dir, Arthur!“

Ihr Halbbruder zuckte ebenso erschrocken zusammen wie sie. Der Tonfall ihres Vaters lag irgendwo zwischen Wut und… und etwas, von dem sie so nicht erinnern konnte, es je gehört zu haben. Arthur schien es ähnlich zu gehen, denn er schoss ohne irgendeinen Widerspruch davon und auf die Treppe zu, nahm dort immer zwei Stufen auf einmal nach oben und verschwand aus ihrem Blickfeld.

„Fang löschen, Tottie. Adam kommt gleich rüber und packt mit an.“

Sie schnappte nun doch nach Luft, empört und irritiert gleichermaßen. Das war nicht der Vater, den sie kannte, nicht zur Gänze zumindest.

„Was wollten die denn?“, hakte sie nach. Widerspruch war in diesem Moment zwar vielleicht nicht die beste Idee, aber die Offiziere waren nie im Leben hergekommen, um bloß einen belanglosen Plausch mit ein paar Männern zu führen.

„Charlotte, los jetzt.“

Der neuerlichen Aufforderung fehlte jedweder Nachdruck, stellte sie fest. Auch das war nicht normal. Das Gegenteil hätte der Fall sein sollen!

„Was wollten sie, Dad?“

Der Mann ächzte kaum hörbar. „Tottie…“

„Was denn?“

„Sie wollen die Boote.“

„Aber wofür?“ Charlotte schnappte nach Luft. Das war… Wofür sollte denn ausgerechnet die Royal Navy Freizeityachten und Fischkutter brauchen?!

Der Mann senkte den Kopf, atmete sichtbar tief ein, wieder aus, ein, hob den Kopf und sah sie an. „Für Dunkirk, für den Krieg. Die Zerstörer und Minensucher kommen nur bis an die Mole und das reicht nicht aus, um unsere Truppen nach Hause überzusetzen. Deswegen hat die Navy alle geeigneten Boote hier beschlagnahmt.“

Sie schluckte schwer. „Dad, Paul ist da drüben.“

„Ja, ich weiß. Aber dein Bruder kommt schon zurecht, Kind. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“

Skeptisch zog sie die Stirn in Falten. Wie um alles in der Welt sollte das denn funktionieren?! Wie sollte sie nicht besorgt sein, wenn die Lage auf der anderen Seite des Kanals so ernst war, dass die Royal Navy sich gezwungen sah, zivile Boote für ihre Zwecke zu beschlagnahmen?!

„Und jetzt lösch den Fang. Bis heute Nachmittag müssen wir alle drei Kutter ausgeräumt, seetüchtig und Rettungswesten und Decken verladen haben. Es wird aller Raum gebraucht werden, den wir freimachen können.“

„Kann die Navy nicht Leute schicken, die anpacken?“, wollte sie wissen. Das war doch kaum zu schaffen! Drei Kutter in ein paar Stunden für so eine Rettungsmission fertig machen und das mit nur einem halben Dutzend von Leuten!

„Oh, die Navy schickt Leute, Tottie. Sie zwingen niemanden, an dieser Mission teilzunehmen – und ich habe auch niemanden, um die Stargazer zu besetzen.“

„Nein!“, protestierte sie, „Du hast Arthur und mich, lass uns die Serendipity nehmen und Robert, Edward und Billy bleiben auf der Stargazer, wie sonst auch. Das ist doch -“

„Das kommt nicht in Frage. Arthur ist zu jung für den Krieg und du… du kannst nicht…“

„Doch, ich kann, Dad. Ich könnte zu den Wrens gehen, und Paul ist da drüben! Du kannst mich doch nicht allen Ernstes zwingen wollen, hier zu bleiben und darauf zu warten, dass… dass… Dad, das kannst du nicht machen! Ich kenne die Serendipity, ich weiß, wie lebendig sie ist, ich bin ihr Skipper und das nicht erst seit dieser Krieg begonnen hat!“

„Der Krieg ist kein Spiel, Charlotte, und er ist auch keine Küstenfischerei. Da draußen sind U-Boote, Zerstörer und die Luftwaffe, da draußen ist der Krieg und je näher man der anderen Seite des Kanals kommt, desto schlimmer wird er. Du kannst dort sterben!“

„Ich weiß, das wissen wir alle, Dad, selbst Arthur und Thomas wissen das, seit… seit…“ Sie unterbrach sich kurz, schüttelte den Kopf. „Aber ich weiß genauso gut, dass ich auch bei der Küstenfischerei sterben kann, weil die See eben unberechenbar ist; und ich weiß auch, was du davon hältst, Leute von der Navy auf deine Kutter zu lassen.“

„Das spielt doch hier und jetzt keine Rolle, Tottie.“ Der alte Mann nahm seine Mütze ab und strich sich durchs schüttere graue Haar. „Dass du die Serendipity genauso sicher steuerst wie deine Brüder, weiß ich. Ich hätte jemanden als Skipper angestellt, wenn es anders wäre, aber so…“

„Dad, du hast uns beigebracht, dass die Familie zusammenhalten muss, ganz besonders dann, wenn die Zeiten hart sind. Du kannst nicht von mir verlangen, nicht zu meiner Familie zu halten und alles in meiner Macht stehende für sie zu tun, nicht, solange Paul dort drüben ist!“

„Ach Tottie… aber du kannst doch auch nicht im Rock über den Kanal und in den Krieg, das geht doch nicht.“

Sie nickte. „Gut, dann werde ich eben keinen Rock tragen und auch kein Kleid.“ Es war offensichtlich, dass sie auf dem besten Weg war, den Widerstand ihres Vaters in dieser Angelegenheit zu brechen, das spürte sie ganz genau. Es kam schließlich nicht zum ersten Mal vor. „Johns und Arthurs Hosen passen mir durchaus.“

„Mein Gott, Charlotte…“ Nun war er es, der den Kopf schüttelte. „Ich hätte wirklich viel eher wieder heiraten sollen…“

„Nein, Dad, hättest du nicht. Es gut so, wie es ist.“

Ja, es war besonders hart gewesen, nachdem ihre Mutter gestorben war. Sie konnte sich zwar nicht einmal an sie erinnern, doch es spielte keine Rolle. Die Großeltern hatten ja im selben Haus gelebt, sodass ihre Brüder und sie versorgt gewesen waren, und Ross, Paul und John hatten im Rahmen ihrer Möglichkeiten Verantwortung für sie übernommen, hatten sie, sobald sie laufen und halbwegs sprechen konnte, überallhin mitgenommen, in den Hafen, an den Strand, auf den Fischmarkt; und es hatte kein Ende gefunden, als ihr Vater erneut geheiratet hatte.

Ihr Vater setzte seine Mütze wieder auf, nickte bestätigend. „Gut, dann ist das so – aber Arthur bleibt hier. Adam kommt zu dir auf die Serendipity und Billy auf die Solace. Robert und Edward kommen auf der Stargazer auch ohne ihn zurecht.“

„In Ordnung.“

„Geh nach Hause, Charlotte, sag Gladys, wir brauchen Tee und Zwieback für alle drei Kutter und das so schnell wie möglich und sie soll Helen Bescheid sagen. Dann kommst du mit Arthur und Thomas zurück, hol sie notfalls aus der Schule. Wir brauchen hier jedes Paar Hände, das wir kriegen können und vielleicht brauchen andere auch noch eine Hand.“



***

* Women’s Royal Naval Service, kurz: WRNS, umgangssprachlich besser bekannt als Wrens
Der Aufruf im Kapitel stammt von einem Anwerbeplakat aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

An dieser Stelle, damit es übers Wochenende auch nicht zu langweilig wird, noch ein ganz dezenter Hinweis: Hurricane
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